Aus dem Bastelstübchen

Mann beißt Hund – Collage: JvdL

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Buchstabenfraß (2) Übermut tut selten gut

Fast noch Nacht, gerade dämmerte ein prächtiger Maientag herauf, fügten sich Bilder zu Ideen, wurden Wörter, eine ganze Geschichte sogar, von einem Hotel Astor, das in zwei Zeitzonen sich befand, und einem unfassbar lahmen Hoteliersehepaar, von gstohlenen Bildern aus einer Akte, von im Mund zerfallendem Kaugummi, aber bevor ich aufstehen konnte, erneut Buchstabenkannibalism

Grafik und Animation: JvdL

Die volle Wahrheit über Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim

Dienstagmorgen kurz vor der Teestübchen-Redaktionskonfernenz. „Wo hat der Chef seinen ersten Text veröffentlicht?“, fragt Redaktionsasisstentin Marion Erlenberg ungläubig und vergisst glatt, den Mund zu schließen. „Im Stadtmagazin von Würselen!“, grinst Volontär Schmock. „Von wegen Titanic oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Kartoffeldruck! Hier, ich habe es schwarz auf weiß!“ Er knallt ihr ein aufgeschlagenes, schon etwas zerfleddertes Heft auf den Tisch und wispert: „Eine Reportage über die Realschule Würselen, Sie wissen schon, Frau Erlenberg, wo die berühmte Krankenschwester und der legendäre Feuerwehrmann von Martin Schulz zur Schule gegangen sind, genauer über deren Fahrradkeller; hihi! Tippen Sie den mal ab, dann mogele ich ihn ins Teestübchen, wenn der Chef zum Mittagstisch ist!“
Gesagt, getan:

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Ein verpasster Vortrag und einiges über Metaphysik

Shame! Montagabend standen Herr Putzig, Leisetöne, eine mir unbekannte rothaarige Frau und ich mit anderen vor dem Unigebäude am Königsworther Platz und bekamen keinen Zutritt zum Vortrag von Aleida Assmann über das Vergessen. Man hatte die Veranstaltung wegen des zu erwartenden Zuspruchs in die Empfangshalle des ehemaligen Continental-Direktionsgebäudes verlegt. Aber nun waren auch hier alle Plätze vergeben. Wie ärgerlich! Wir hätten an den Vorverkauf denken müssen, waren auch ganz blauäugig erst für fünf vor acht verabredet gewesen.

Dabei hatte ich mich sogar vorbereitet, das Suhrkamp-Taschenbuch „Entstehung und Folgen der Schriftkultur“ von Jack Goody, Kathleen Gough und Ian Watt hervorgekramt, was thematisch verwandt ist mit Aleida und Jan Assmann; „Schrift und Gedächtnis“, ihrem zentralen Thema. Nun haben wir also nicht hören können, was Aleida Assmann zum Thema Vergessen zu sagen hatte, aber ein Gewinn war es für mich trotzdem, und den hoffe ich weitergeben zu können, auch wenns komplizierter wird als üblicherweise im Teestübchen.

Im Aufsatz von Jack Goody und Ian Watt; „Konsequenzen der Literalität“ stieß ich auf den Begriff der „semantischen Ratifizierung“, der mir beim ersten Lesen nicht sonderlich aufgefallen war.
Semantische Ratifizierung, meint also die Einweisung in Bedeutungen von Sprache. Ratifizierung bedeutet nicht einfach Vereinbarung, sondern Verbindlichkeit der Vereinbarung. Ein Hund heißt nicht heute Hund und morgen Kamel. Es wird nicht immer wieder erneut verhandelt, wie die Erscheinungen heißen, sondern das wird ein für allemal festgelegt mit bleibender Gültigkeit – bis zum Erlernen einer Fremdsprache. Goody/Watts versuchen darzulegen, wo der Unterschied besteht zwischen oralen, also mündlichen, und literalen, den schriftlichen Kulturen. Während die Wortbedeutungen in schriftlichen Kulturen mit Hinweis auf Wörterbuchdefinitionen geklärt werden können, sind sie in mündlichen Kulturen an die Situation und sprachbegleitende Elemente, also Gestik und Mimik des Vermittlers der Bedeutungsgehalte gebunden.

Wir alle haben den Prozess der semantischen Ratifizierung durchlaufen, haben als Kinder und Heranwachsende die Bedeutungen von Wörtern gelernt, die konkret Fasslichen im direkten Kontakt mit Bezugspersonen oral, die abstrakten Begriffe primär literal. Mein Gedanke hierzu: Die konkrete Benennung einer Erscheinung lernt ein Kind nicht als Wort, sondern als Laut. Sieht es zum ersten Mal Schnee, und die Bezugsperson legt die Wortbedeutung fest: „Das ist Schnee“, dann sind der Sprachlaut Schnee sowie Mimik und Gestik des Erklärenden gemeinsame Erscheinungen der Wirklichkeit. Hier liegt das Fassbare kalte weiße Zeug, dort ertönt der Laut „Schnee“ aus dem Mund einer Bezugsperson. Beides ist in gleicher Weise real, gehört zwar zusammen, aber eine Vorstellung von der Hierarchie hier Bezeichnetes (Schnee) und dort Bezeichnendes (Sprachlaut Schnee) vermittelt sich auf diese Weise nicht. Anders gesagt: Das Kind lernt keine Wörter, sondern etwas den Dingen Gleichwertiges. Schnee fällt vom Himmel und „Schnee“ kommt als Laut aus dem Mund von Mama oder Papa. Das Kind erlebt Laut, Mimik und Gestik als reale Erscheinung, die überdies an eine Situation gebunden ist, was die Qualität einer kleinen Theaterszene hat. Sehr viel später, nämlich erst mit dem Erlernen des Alphabets, reduziert sich diese Inszenierung auf ein Wort. Entsprechend weiß man von rein mündlichen Kulturen, dass sie keine Vorstellung von einer Sache wie Wort haben. Sprache bleibt für sie immer eine Inszenierung der Wirklichkeit.

Mir fiel eine Entsprechung auf, an die ich vorher nicht gedacht hatte:
Dass neben der physikalischen Erscheinung auch ihr Begriff existiert, beispielsweise das Hundhafte, das allen Hunden zueigen ist, entspricht Platons philosophischer Idee der Universalien. Weil Universalien nicht physikalisch sind, siedelt Platon sie in einem Bereich außerhalb der Physik an, in der von ihm so genannten Metaphysik.

Der antiken Idee der sprachlichen Universalie steht die im Mittelalter entstandene Auffassung entgegen, dass Wörter die Dinge nur bezeichnen, also nichts als theoretisch austauschbare Namen der Dinge sind. Das ist die Auffassung der Nominalisten. Zwischen beiden Auffassungen besteht seit Jahrhunderten ein philosophischer Streit, der sogenannte Universalienstreit.

Mitglieder einer Schriftkultur müssten die Idee der Universalien eigentlich ablehnen und Nominalisten sein. Aber da ein jeder die Sprache zuerst rein mündlich lernt, besteht die metaphysische Idee der Universalien weiter. Auch die Sprachmagie liebäugelt damit. Das magische Verhältnis zur Sprache spiegelt sich beispielsweise im Gedicht des Romantikers Joseph von Eichendorff von 1835:

Foyer im Continental-Direktionsgebäude, am Abend wegen Überfüllung geschlossen – Foto: JvdL

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Es lohnt, darüber nachzudenken, auch wenn wir nicht erfahren haben, was Aleida Assmann über das Vergessen erzählt hat.

Sende mir einen Brief! – Gestaltungshilfen (update)

Im Jahr 1982 fand ich in der damals noch nicht in Verruf gekommenen Illustrierten „Stern“ einen Bericht über den Briefwechsel zwischen dem belgischen Künstler Jean Michel Folon und dem italienischen Schriftsteller Giorgio Soavi. Ich habe hier einige typische Beispiele gescannt.


Die Idee einer Briefkunst auf dem Briefumschlag versetzte mich in helle Begeisterung, denn mit dieser Anregung konnte ich eine schöne Unterrichtsreihe zur „Visuellen Kommunikation“ im Kunstunterricht einer 10. Klasse entwickeln, mit dem Ziel, in die Gestaltung postalische Elemente einzubeziehen, etwa wie in Brief 1, wo die Umrandung eines Luftpostbriefes zur französischen Nationalflagge wird. Brief 2 ist eine Collage. Die Scheinwerfer des eingeklebten Autos strahlen die Adresse an, bei Brief 3 ist die Darstellung auf der Briefmarke zeichnerisch/malerisch erweitert, auf Brief 4 hängt die Briefmarke an der Wand eines gezeichneten Museums, und die Adresse ist eine Skulptur, auf Brief 5 werden die Briefmarken zu Elementen eines Gesichts und die einzeilige Adresse bildet den Mund.

Hier nun einige Schülerarbeiten, die mir mit der Post zugesandt worden sind, was eine Bedingung war (Ich habe meinen Klarnamen aus den Briefen getilgt, denn Jules van der Ley ist natürlich mein Autoren-Pseudonym, das freilich auch in meinem Personalausweis und auf meinem Briefkasten steht). Brief 1 zeigt eine Spielerei mit der Adresse auf einem fiktiven Schwarzen Brett, Brief 2 greift das Motiv der Briefmarke auf und ist eine Collage aus Entwürfen der Euroscheine, Brief 3 ist eine zeichnerische Erweiterung des Briefmarkenmotivs, die Briefe 4 und 5 sind eine Gemeinschaftsarbeit zweier Schülerinnen, die zusammengelegt das Motiv ergeben, vorne eine beklebte und beschriebene Mauer (deren Steine mit einem Kartoffelstempel gestempelt sind), hinten eine verkehrte Welt:

Briefgestaltung unter Einbeziehung postalischer Elemente
Als die US-Post im Jahre 1992 den Sänger Elvis Presley mit einer Sonderbriefmarke ehrte, gerieten laut dpa „Heerscharen von Fans in Begeisterungstaumel.“ Die erste Auflage von 300 Millionen war in kurzer Zeit ausverkauft. Ein Jahr später war die Elvis-Marke schon 500 Millionen Mal verkauft worden. Angeblich hatten Elvis-Fans eine besondere Methode erdacht, an ein Elvis-Souvenir zu kommen. Sie klebten die Marke auf einen Umschlag und versahen ihn mit einem deutlich lesbaren Absender, aber mit einer Phantasieadresse. Wenn sie den Brief abschickten, erhielten sie ihn nach einigen Tagen zurück mit dem bei der US-Post für unzustellbare Briefe üblichen Stempel „Return to Sender“, was bekanntlich ein berühmter Elvis-Titel ist. (Quelle: Roger Hand, WDR-Radio, 14.2.1993) Das links zu sehende Beispiel habe ich selbst gestaltet, weil ich im Internet nichts dazu gefunden hatte.

Die vorstehenden Beispiele sind Anregungen. Da unser Briefprojekt der krönende Abschluss des Seminars über Handschrift ist, wäre es passend, wenn Handschrift auch ein Element der Briefgestaltung ist. Zu bedenken ist auch, dass unsere heutige Post an schwer zu erkennenden Anschriften scheitern wird, wenn ein Brief sich nicht automatisiert verarbeiten lässt. Hier einige Anregungen für Collagen mit meiner Anschrift, die natürlich frei verwendet werden dürfen, also ausgedruckt und auf den Umschlag geklebt schon ein Anfang sind.

Denkbar ist natürlich eine Gestaltung komplett aus Schrift, Variationen von Schrifttypen etwa, wie hier im Beispiel zu sehen, wo TÜT TÜT ersetzt werden muss durch die Anschrift und etwa den Absender. Man kann einen Brief an mich auch auf dem Umschlag beginnen lassen und ihn innen fortführen. Thema etwa: Die Bedeutung der Handschrift in der heutigen Zeit und für mich persönlich. Auch Handschrift ist dekorativ. Ich will da nicht zuviel vorgeben, ein freies Thema und jede Gestaltungsidee sind möglich. Wichtig ist freilich, die postalisch nötigen Angaben deutlich zu markieren, etwa durch eine andere Farbe. Weitere Anregungen unter der Suchphrase Mail-Art.

Wenn ein Absender verzeichnet ist, werde ich mich für jeden im Rahmen des Projekts eingesandten Brief mit einer von mir eigens gestalteten Ansichtskarte revanchieren, zwar fototechnisch reproduziert, um den Aufwand für mich überschaubar zu halten, aber handsigniert, nummeriert und handschriftlich adressiert. Ich bitte vorsorglich um dem Brief beigelegtes Rückporto (Postkartentarif).

Und jetzt frisch ans Werk! Beleben wir die Briefkultur. Einsenden bitte bis zum 15. März.
In arte voluptas

UPDATE
Für alle, die sich an eine eigene Gestaltung nicht rantrauen, hier ein vorgedruckter Briefumschlag zum Ausdrucken, Ausschneiden und selbst zusammenkleben. (Originalgröße beim Anklicken) Rechts fehlt noch die Briefmarke und ist Platz für eine handschriftliche Nachricht in beliebiger Form. Natürlich lässt sich in die Datei ein eigener Entwurf oder ein Foto einfügen.