Die Neue in der Teestübchenredaktion

Chefredakteur Julius Trittenheim steht verzückt lauschend in der Teestübchenredaktion und sagt: „Horchen Sie mal, Herr Schmock! Sie auch, Frau Kirchheim-Unterstadt! Horchen Sie nur! Hören Sie die wundersame Musik der Tastatur aus meinem Büro? Das nenne ich
Die Kunst des Tippens – kurz gleich einem Regenschauer aus Buchstaben.

„Wer tippt denn da“, fragt Frau Kirchheim-Unterstadt erstaunt, „ich dachte, Frau Erlenberg hat sich krank gemeldet.“

„Sie hören unsere neue Aushilfe, Frau Dr. Cornelia Wittlich geborene Klüsserath. Sie wird für mich die Schreibarbeiten erledigen, solange Frau Erlenberg ihre Sehnenscheidentzündung auskuriert. Frau Dr. Wittlich ist Ethnologin und hat promoviert zum Thema ‚Das Verzehrverbot von tätowierten Schafsohren im Hunsrück des 18. Jahrhunderts.’ Überdies kann sie perfekt Maschinenschreiben, tippt 450 Anschläge pro Minute. Ein Glücksgriff für mich, Frau Kirchheim-Unterstadt! Leider spricht Frau Dr. Wittlich nur Moselfränkisch, und davon einen ganz seltenes, schier unverständliches Platt. Ihre Hochsprache ist Luxemburgisch, also Letzeburgisch, und weil ich das leider auch nicht kann, gibt es da eine kleine Sprachbarriere zwischen mir und Frau Dr. Wittlich. Trotzdem hoffe ich, mit ihrer Hilfe heute noch eine Fortsetzung von Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache zu schreiben.“

„Wie soll das gehen, wenn Sie ihr diktieren und Sie nichts versteht, Herr Trittenheim?“

„Nun seien Sie doch nicht gleich so skeptisch. Frau Kirchheim-Unterstadt. Frau Dr. Wittlich und ich werden uns schon irgendwie verständigen.“

„Das wird was werden.“

„Sie als Fitnessbeauftragte der Teestübchenredaktion werfen sich bald mit Frau Dr. Wittlich anfreunden, Frau Kirchheim-Unterstadt. Ihretwegen hat Frau Dr. Wittlich gleich ihren Sitz- und Gymnastikball mitgebracht.

Werbeanzeigen

Übung gegen den Handkrampf

Kürzlich schickte mir ein Freund aus Aachen diesen Zeitungsausschnitt über eine Ausstellung, die meine Tochter und mein Schwiegersohn gemeinsam beschickt haben, unter anderem mit der abgebildeten preisgekrönten Collage [in besserer Qualität hier]. Zum Zeitungsausschnitt gehörte ein handgeschriebener Brief. Also schrieb ich zurück, um mich zu bedanken. Schon nach einer Dreiviertelseite bekam ich einen Handkrampf. Chirospasmus oder Mogigraphie lauten die Fachausdrücke. Sie waren mir bis vor Jahren nur theoretisch bekannt. Noch in den 1990-er Jahren hätte ich weit von mir gewiesen, dass ich je einen Brief wegen Mogigraphie würde verkürzen wollen. “Radfahren verlernt man nicht“, behauptet der Volksmund. Verallgemeinern kann mans nicht. Was der Mensch nicht übt, verlernt er, so auch das Schreiben und Gestalten mit der Hand. Ich gelobe, dass ich mich trotzdem am Gestaltungsprojekt „Hannover“ beteiligen werde, wenn sich noch Mitstreiter finden. Bislang droht das Mitmachprojekt mangels Beteiligung zu scheitern. Also auf! Gib dir einen Ruck hierzu! So jung kommen wir nicht mehr zusammen.

Einladung zum Gestaltungsprojekt „Hannover“

Vor Jahren habe ich einmal die Groteske „Es ist ein Unglück geschehen“ von Kurt Schwitters in Abschnitte aufgeteilt und von Schülerinnen und Schülern einer 10. Klasse gestalten lassen. Aufgabe war, den Text zu lettern und in Teilen als Rebus zu zeichnen oder illustrativ zu visualisieren. Hierzu die beiden Beispiele. Das erste Blatt (DIN A2 im Original) habe ich gestaltet (natürlich noch alles mit der Hand gelettert), das zweite die heutige Künstlerin Monika Thorwart:

(Zum Vergrößern bitte klicken)

Ein ähnliches Projekt würde ich gern im Teestübchen machen. Dazu habe ich ebenfalls einen Text von Kurt Schwitters ausgesucht, denn seine Texte sind seit Januar 2019 gemeinfrei. Der Text ist wesentlich kürzer als „Es ist ein Unglück geschehen“, denn anders als im Unterricht, bin ich im Blog auf freiwillige Mitarbeit angewiesen. Es ist der in Hannover bekannteste Text von Kurt Schwitters: „Hannover.“ Kinder lernen ihn in der Grundschule, und in der Altstadt sind die wenigen Zeilen als begehbare Kupferplatte in die Fußgängerzone eingelassen. Getreu Schwitters Wahlspruch: „Tretet Dada ein!“, kann man hier seinen Text mit Füßen treten.

Fotos und Gifanimation: JvdL

„Hannover“ hat 12 Sätze. Wer gerne kalligrafiert, lettert oder zeichnet und sich beteiligen möchte, möge einen Satz aussuchen und mir die Nummer mitteilen. Das Blatt sollte etwa DIN-A-Format hoch haben, um eine einheitliche Bildergalerie zu gewährleisten, digital etwa 620 x 920 bei 72 dpi, wobei die Höhe das wichtigste Maß ist.

Mach gerne mit oder werbe geeignete Blogfreundinnen und Blogfreunde aus deinem Kreis.

    1) Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt.
    [vergeben an Jules van der Ley]

    2) Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie.
    [vergeben an Feldlilie]

    3) Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung.
    4) Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne.
    [vergeben an Anna Socopuk]

    5) Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. [vergeben an Christian Dümmler, CD]
    6) Das Wort „re“ kann man verschieden übersetzen: „rückwärts“ oder „zurück“.
    7) Ich schlage die Übersetzung „rückwärts“ vor.
    8) Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: „Rückwärts von nah“.
    9) Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: „Vorwärts nach weit“.
    10) Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.
    11) Anna Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A.
    12) (Hunde bitte an die Leine zu führen.) [vergeben an Andrea Heming]

„Behauptungen, wie die, daß ich nur mit einem Hemde bekleidet in den Baum gestiegen sei und dort den Taifun gelesen habe, habe, sind unwahr.“ (Kurt Schwitters, Eimer)

Restalkoholische Erkenntnis dank diverser Kommentare

Herzlichen Dank für Denkanstöße: Mein Wiener Kollege Noemix brachte mich mit seinem Kommentar dazu, das Wort Majordomus nachzuschlagen. Das lateinische Wort bedeutet: Vorsteher des Hauses. Um den Zusammenhang mit Hausmeister zu prüfen, tippte ich fälschlich „Hausmeier“ ein und wurde trotzdem fündig, was mich erst auf den zweiten Blick wunderte, denn ich bin nicht nur ein Vertippdepp, sondern lebe gut damit. Bei Wikipedia gibt es also tatsächlich einen Eintrag „Hausmeier.“ Demnach ist Hausmeier ein Begriff des Frühmittelalters. Auch das Deutsche Wörterbuch weiß:

    „meier, m; (…) altes lehnwort aus dem lat. major, welches die mittellateinische urkundensprache des fränkischen und später des karolingischen reiches auf den vorsteher oder obersten beamten eines landwirtschaftlichen hofhalts bezieht.“

Offenbar hatte der Hausmeier an fränkischen Fürstenhöfen immense Macht. Zwar findet sich kein direkter Beleg dafür, dass „Meier“ zu „Meister“ geworden ist. Aber es könnte eine volksetymologische Anpassung vorliegen. Falls nicht, nehme ich sie jetzt vor. Dann ließe sich vermuten, dass die allgemein zu verzeichnende Macht heutiger Hausmeister, auf die Blogfreund Lo in seinem Kommentar verweist, zurückgeht auf den Rang des fränkischen Hausmeiers. Der Hausmeister wäre demnach der heruntergekommene Nachfahre adeliger Hausmeiers. Seine heutige Macht wurzelt in tiefer Vergangenheit. Sie pflanzt sich fort über eine lange imaginäre Ahnenreihe. Jeder heutige Hausmeister spürt, dass er auf den Schultern machtvoller Ahnen steht, auf einem Menschenturm, der zwar in seinen oberen Bereichen schwankt und wankelt, aber um so fester steht, je tiefer er in die Vergangenheit zurückgeht.

Auf die Idee eines Inneren Hausmeisters brachte mich Blogfreundin socopuk mit ihrem Kommentar. Es begab sich nämlich gestern folgendes: Im wiedereröffneten Leinau3 trafen sich wir Leute von HaCK. Nachdem wir wochenlang quasi heimatlos herumgeirrt waren, in hippen Lokalen überteuertes Bier tranken, in verräucherten Kaschemmen vulgo Eckkneipen abhängen mussten, so dass ich Nichtraucher tags drauf immer einen Rauchkater hatte, konnten wir gestern wieder an unseren vertrauten Plätzen sitzen. Die Wirtin neigte sich mir zu und bot mir die Wange zum Begrüßungskuss, Kellnerin Julia und Kolleginnen brachte uns den ein- oder anderen Elferkranz Kölsch, alles war bestens, und ich hätte spät zufrieden nach Hause gehen können, hatte schon den Fuß auf dem rechten Weg, als die anderen noch zu Herrn Putzig zogen.

Man hat mich überredet, auf einen Absacker mitzukommen. Ich ging mit und sagte später: „Der ich morgen sein werde, hadert schon mit meinem heutigen Ich.“ Diese Idee habe ich schon mal verfolgt, in Mein Heute-Ich und das Morgen-Ich sind sich nicht grün. Was das Heute-Ich anrichtet, muss das Morgen-Ich ausbaden. Wie viel klarer wird das Bild, durch die Metapher des Inneren Hausmei[st]ers. Der eigene Körper und Geist als fürstlicher Hof, worin der Hausmeier seine Macht ausübt, quasi in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Herrlich!

Mein Innerer Hausmeister dankt für seine treffende Benamung und ruft mich zum Frühstück.

Vergessene Arbeit

Immer öfter passiert es, dass ich an einem Text arbeite, ihn nicht fertigstelle, abspeichere – und vergesse. Wenn ich nicht zufällig darüber stolpere, schlummert der Text auf immer in den Tiefen meiner Datenbank. Als ich am Manuskript von „Buchkultur im Abendrot“ arbeitete, habe ich abschließend das Literaturverzeichnis von Karteikarten abgetippt, ohne zu merken, dass ich das schon einmal getan habe. Kürzlich fand ich bei meinen Dateien einen Ordner „Diskette“ und darin eben dieses Literaturverzeichnis geschrieben im Jahr 1999 mit der Schreibsoftware „Letter Perfect“, Suffix lpf.

Das Besondere dieser Fassung: Sie ist kommentiert. Denn auf den Karteikarten befinden sich nicht nur die bibliographischen Angaben zu verwendeten Büchern, sondern auch Bemerkungen zu den Autoren und eine Beschreibung der Inhalte. Etwa zwei Tage verbrachte ich damit, die Letter-Perfect-Steuerzeichen aus der Datei zu entfernen. Vielleicht kann Word von Microsoft noch LPF-Dateien lesen. Mein Open Office Writer stellt die Datei dar, wie der Screen Shot zeigt, hatte ursprünglich über 400 Seiten, wobei die Steuerzeichen, die als Leerseiten interpretiert wurden, je Leerseite anders lauteten, so dass hier die Suchen-Ersetzen-Funktion nicht half, sondern alle manuell getilgt werden mussten. Die fehlende Abwärtskompatibilität neuer Software ist auch ein Problem unserer Tage. Das gereinigte Ergebnis hat 31 Seiten und sieht beispielweise so aus:

    Agrippa von Nettesheim 1531/1533: Die Eitelkeit und Unsicherheit
    der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift; Hg. von Fritz Mauthner, München 1913

    Agrippas skeptisches Hauptwerk, in dem er sich gegen die Wissenschaft, den Aberglauben, die Magie, den Adel und die Kirche wendet und gleichsam alles widerruft, was er in seinen vorherigen Schriften verbreitet hat, die er seltsamerweise etwa zeitgleich wiederauflegen ließ. Das Buch ist fein gestaltet von Paul Renner und von Fritz Mauthner erhellend eingeleitet und kommentiert. Dem Text liegt eine anonyme deutsche Übersetzung aus dem Lateinischen von 1713 zu Grunde. Mauthner hat die hier fehlenden Passagen nachgetragen und, wie er sagt, die gröbsten Sinnentstellungen und Fehler der alten Übersetzung getilgt.

    Aicher, Otl / Krampen, Martin 1977: Zeichensysteme der visuellen Kommunikation, Stuttgart
    Otl Aicher erfand die heute weltweit verbreiteten Sportpiktogramme (erstmals für die Olympischen Spiele 1972 in München) und prägte später das Erscheinungsbild des ZDF entscheidend. Von ihm stammt auch die ZDF-Hausschrift. Zusammen mit dem Kommunikationswissenschaftler Krampen hat er hier eine Dokumentation und Bestandsaufnahme heutiger nonverbaler Zeichensysteme vorgelegt.

    Andersch, Alfred 1977: Der Buddha mit der Schmetterlingskrawatte, in: Öffentlicher Brief an einen sowjetischen Schriftsteller…, Reportagen und Aufsätze, S. 163-165, Zürich
    Gemeint ist der Buchkünstler und Typograph Jan Tschichold, der lange Zeit Andersch‘ Nachbar war.

    Arntz, Helmut 1944: Handbuch der Runenkunde, 2. Auflage, Halle/Saale
    Trotz der Entstehungszeit keine nationalsozialistisch gefärbte Behandlung des Themas. Wie rührt mich das Vorwort, in dem der staunende Leser erfährt, dass diese 2. Auflage „im Felde“ in „Einsatzpausen“ und im Heimatlazarett“ geschrieben wurde. Seit der 1. Auflage habe er „fünf Jahre über diese Fragen arbeiten können und, was vielleicht entscheidender ist, vier Jahre im Felde über sie nachgedacht. Früh beginnen die Winternächte im Osten, in der Kalmückensteppe versank bald nach Mittag die Sonne und mit ihr der Tag, und in dem langen Sinnen ward vieles unsicher, was einst sicher schien. Alte, immer wieder nachgesprochene Ansichten sind nun aufgegeben. was aber aus der neuen Durchdringung des Stoffes entstanden ist, ergibt ein geschlossenes und darum einfaches Bild – möge die Wahrheit auch hier das Einfache sein.“

    Arntz, Helmut 1935: Das Ogom, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache u. Literatur, Bd. 59, Halle, Reprint New York London 1971, S. 321-413
    Einzigartige umfassende Arbeit über das geheimnisvolle keltische Runensystem, in gemäßigter Kleinschreibung gedruckt.

    Assmann, A. u. J./ Hardmeier, Chr. (Hg.) 1983: Schrift und Gedächtnis. Archäologie der literarischen Kommunikation, München

    Arbeiten zur kulturellen Bedeutung von Oralität und Literalität.

In einer bald erstellten Neuauflage von „Buchkultur im Abendrot“ wird die komplette Kommentierung der Bibliographie zu finden sein. Ich muss die Datei aber noch einpflegen.

Freundschaftsdienst

Als Schriftsetzerlehrling war ich begeistert, auf die technische Schrift zugreifen zu können, was schließlich außerhalb von Druckereien keinem möglich war. Ich liebte es, aus einer hingeschmierten Bleistiftnotiz auf einem Fetzen Papier einen Drucksatz zu gestalten und das Ergebnis nach dem ersten Korrekturabzug Schwarz auf Weiß zu sehen. Einen ähnlichen Effekt habe ich erlebt, als ein Freund mich bat, ihm Icons für sein Blog zu gestalten. Er kritzelte seine Wünsche auf einen Notizblock, und ich dachte, ob der eine Vorstellung hat, wieviel Arbeit das ist? Ich habe schon tagelang an den Icons für mein Blog gesessen, habe die vier für ihn aber in wenigen Stunden gestaltet. Vermutlich war ich lockerer. Oben das Manuskript, unten die Icons.

Die Prophezeiungen des Mühlhiasl (2) – Faktencheck in der Teestübchenredaktion

„Dem Fleischhauer würde ich nicht trauen, selbst wenn er mir vorrechnet, dass zwei mal zwei vier ist“, sagte Frau Kirchheim Unterstadt. „Und Sie, Herr Schmock, sollten skeptischer sein, auch wenn eine Sache auf den ersten Blick überzeugend erscheint.“

„Was genau meinen Sie?“

„Sehen Sie sich einmal an, was Jules Silver von den Prophezeiungen des Mülhiasl mitteilt:
Gerad vor Klautzenbach vorbei wird der eiserne Hund bellen. Silver interpretiert: ‚Die Straßen und Hunde aus Eisen sind die Schienen und Züge der Eisenbahn. Der Eisenhund ist die Lokomotive‘ und zitiert weiter: Der fahrende Rauch wird durch den Wald bellen. Haben Sie überprüft, Herr Schmock, ob überhaupt ein Zug fährt nach Klautzenbach?“

„Äh, nein.“

„Aber ich. Der Zug fährt, von Regen kommend, nur bis Ziesel.“

„Der Mühlhiasl bezieht sich auf die Zeit der Dampfloks. Damals war die Strecke nach Klautzenbach wohl noch nicht stillgelegt“, wandte Schmock triumphierend ein.

„Was zu überprüfen wäre. Es ist nicht sicher, ob da überhaupt je ein Zug gefahren ist. Aber das nur zum Thema Faktencheck. Vergleichen sie mal Mühlhiasls Vision von der Dampflok mit Fleischhauers Vision vom Internet. Stellen Sie sich einen Mann vor, der Anfang des 19. Jahrhunderts von Mühle zu Mühle zieht. Er steht auf einer Lichtung und hat eine Vision, sieht also ein Bild, meinetwegen in den Wolken.“

„Vergessen Sie nicht, dass der Eisenhund durch den Wald bellt. Das ist doch gewiss das Fauchen und Puffpuff der Dampflok.“

„Er sieht Bild und hört Ton – und kleidet das in eigene Vorstellungen vom bellenden Hund.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Sehen Sie nicht den Unterschied zur Internetvision? Mühlhiasl hat keine Idee von den Dingen, weiß nichts von der Struktur oder dem Zweck der Bahn. Sieht nicht, dass die Bahn ein Kommunikationsnetz ist, das Menschen und Güter über ein Netzwerk von Schienen transportiert.“

„Konnte er wohl kaum, da im bayrischen Hinterwald.“

„Woher soll er also wissen, dass eine Gestalt am Fenster mit einem Windows-Computer das Internet nutzt, etwa bloggt und kommentiert? Fleischhauers Vision setzt heutiges Wissen voraus. Nur mit heutigem Wissen kann man die Vision überhaupt niederschreiben, die Ihnen Fleischhauer dargelegt hat. Ein paar alte Wörter wie ‚Mannsbilder und Weiberleut‘ und die im bairischen übliche doppelte Verneinung „kann niemand nicht sagen“ machen die Sache glaubwürdig. Er hat Sie gefoppt! Ist alles erfundener Quatsch, Herr Schmock!“

Chefredakteur Trittenheim hatte die Redaktion betreten und das letzte mitgehört. Er sagte: „Gute Arbeit, Frau Kirchheim-Unterstadt! Den anderen Fleischhauer, diesen Kerl vom Spiegel, habe ich vorgestern zufällig bei Plasberg gesehen. Da gab er ein Beispiel, dass er kein Deut besser ist, als Ihr Fuzzie, Herr Schmock.“

„Wie das?“

„Später, ich brauche erst einmal einen Kaffee. Und außerdem muss ich erst eine Menge Verwaltungskram erledigen. Immer Anfang des Jahres drohen mir die unerledigten Sachen über den Kopf zu wachsen.“