Entlegen

Der gestrige Text im Teestübchen brachte mir die Idee für eine neue Rubrik, „Archiv des Entlegenen.“ Das Foto der Vignette zeigt ein Gebäude aus Aachens Altstadt, in dem einst das Stadtarchiv untergebracht war. Der Schriftzug „Archiv des Entlegenen“ ist gesetzt in der Schrifttype Birch, einer Gemeinschaftsarbeit der Designerin Kim Buker Chansler mit Barbara Lind und Joy Redick aus dem Jahr 1990. Birch basiert auf einer schmalen Buchdruck-Holzschrift, die in einem Musterbuch des Malers William Page 1879 gefunden wurde. Die Schrift wurde für die Displaydarstellung überarbeitet. Die Kontur habe ich hinzugefügt. Welche Beiträge werden in dieser Rubrik erscheinen?

Als Beispiel mag dieser Text dienen, der bislang unter „Kurzgeschichten“ abgelegt war:

Hier hängen nur Zettel, wenn du befugt bist zu lesen

Die Trilogie des Schrägen

Zu meinem neuen Buch: „Das Ächzen der Dinge“ erreichte mich eine erste Rezension:

Ein bunter Strauß von Kurzen Geschichten, die mehr als einmal das Fantastische und Magische aus dem Alltäglichen wuchern lassen, versehen mit absurden Details. Geschichten wie (Alp-)träume, die inspiriert scheinen von E. T. A. Hoffmann oder Edgar Allan Poe, die bisweilen aber einfach nur witzig sind wie „Wir trinken sowieso lieber Bier“ oder „Page Theo erzählt.“ Köstlich amüsiert habe ich mich bei „Die Wahrheit über Familie Oberbeck.“ Es gibt Texte, die historisch korrekte Informationen enthalten, beispielsweise über Signaltürme, über die Nachrichten des Königspalastes weitergegeben werden, bei denen sich der Leser jedoch zunächst einmal fragt, ob er elegant an der Nase herumgeführt wird, bis eine Wikipedia-Recherche ergibt, dass hier das Schwindler-Gen von Trithemius nicht am Werke war. Manches ist schlicht amüsanter Nonsens, wie „Silberfisch und Silberfischchen, bisweilen Pataphysik, bisweilen von einem Schwindler-Gen gesteuert.
(Klaus-Peter Denhardt)

Jules van der Ley; Das Ächzen der Dinge, 227 Seiten, Hannover 2022 – gibt es hier hier, am schnellsten hier – für Geduldige im Buchhandel unter der ISBN 9783754958735

Das ideale Geschenk: Die Trilogie der schrägen Geschichten. Sie wird vervollständigt durch:
Goethes bunter Elefant erhältlich hier und hier und für Geduldige im Buchhandel unter der ISBN 9783750250451

Die schönsten Augen nördlich der Alpen gibt es hier, am schnellen hier und für Geduldige im Buchhandel unter der ISBN 9783745071344

Mensch im Mantel – Etwas über drinnen und draußen

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Cartoon: JvdL, abgedruckt in Aachener Prisma 1978

Fast war noch Nacht. Der Sturm heulte im Schornstein, tobte und pfiff, bog die schlanken Masten der Laternen, trieb den glitzernden Schnee durch ihre Lichtkegel, ließ die kahlen Äste der Straßenbäume erzittern und fegte die Vögel von den Dächern. Im Fallen sind sie schon steif gefroren, polterten wie steinerne Kugeln über die Dachziegel, gewannen Tempo im freien Fall und zerbarsten auf dem Bürgersteig. Einige Leute hasteten geduckt vorbei, schwangen eilends die Hufe, soweit es die Glätte zuließ. Wo alles Leben erstarrt, durften sie nicht lange sein. Und in dem Sausen und Brausen ist ganz stoisch die erste Straßenbahn vorüber gezogen und hat ein paar Leute zum Erfrieren stadtauswärts gebracht. Draußen vor der Stadt war nichts, was dem Schneesturm Einhalt bieten konnte. Da geriet er in Raserei, peitschte die nackten Rücken der Felder und drosch die Hasen aus ihren Mulden. Und als wäre er wundgeprügelt, zeigte sich am Horizont ein blutroter Streif. Wohl dem, der irgendwo hin gehört, ein Dach überm Kopf hat und ein Feuer im Kamin, wo man ihn erwartet und sitzen lässt.

Am Mount Everest, K2 und an anderen hohen Gipfeln nimmt der Bergtourismus zu. Banker, Finanzjongleure, Investoren, solche, die neuerdings zu Geld gekommen sind, suchen dort oben sich selbst, wollen ihre Grenzbereiche erkunden, außerhalb der alltäglichen Erfahrung. Sie mieten Ausrüstung, Sherpas, Bergführer und steigen in Seilschaften hinauf ins ewige Eis, ohne es je geübt zu haben, außer an Klimmwänden in Fitnesscentern. Im Berg sind die Grenzbereiche rasch durchdrungen, und sie erfahren, dass ihre Allmacht nur unter schwachen Menschen besteht, nicht aber in der eisigen Natur, stürzen in Felsspalten, erstarren in ihren Schlafsäcken, sinken stumm in den Schnee und vereisen. Gehts noch kälter?

mensch-im-mantel2Es gibt im Himalaja einen tibetanischen Mönchsorden, der sich auf eine wundersame Übung versteht in eiskalter Nacht. Sie führen einen der ihren nackt hinaus, er hockt sich in den Schnee, und sie behängen ihn mit Decken. Andere eilen mit Wassereimern herbei und leeren sie über seinem Kopf. Augenblicklich frieren die Decken ein und erstarren zum Eispanzer. Dann lassen sie ihn allein, und der im Eis wird die Nacht über versuchen, die Decken an seinem Körper aufzutauen und zu trocknen.

An einem frostigen Sonntag traf ich im Weiler Mamelis ein. Die letzten zwei Kilometer hatte ich rollend bewältigt, ohne selbst treten zu müssen, denn ich kam vom niederländischen Grenzort Vaals herunter und fuhr in die Niederlande Richtung Maastricht. Dabei war mir im Fahrtwind schon lausig kalt geworden. Auf der Höhe von Mamelis bog ich von der Maastrichter Laan ab und rollte hinunter zum Gehöft van Mamelis. Bei seiner Hauswiese am Selzerbeek schloss ich mein Rad an ein Eisengitter, was ich später bereuen sollte.

mensch-im-mantel3Von Orsbach kam Freund Erlenberger herunter und überquerte den zugefrorenen Selzerbeek, der hier Grenzbach ist. Wir waren für eine Winterwanderung durchs schöne Mergelland verabredet. Es schien eine prächtige Sonne, doch wo unser Weg durch sanfte Täler, über Hügel und Höhenrücken der weithin mit Reif bedeckten Landschaft führte, zehrte ein eisiger Ostwind an unseren Kräften. Ich war erschöpft und müde, als wir das Dorf Mechelen am Kehrpunkt unserer Wanderung erreichten.

Die niederländischen Dörfer im Mergelland mit ihren restaurierten Fachwerkhäusern sind allesamt touristisch herausgeputzt. Ich sagte: „Wenn der liebe Gott völlig verkitscht ist, dann ist hier sein Vorgärtlein.“ Erlenberger nickte, denn anders als ich war er noch nicht vom Glauben abgefallen. Wir beschlossen, uns in einem Café aufzuwärmen. Als wir eintraten, fanden wir das halbe Dorf, Oma, Opa, Mama, Papa und Kinder allen Alters in drangvoller Enge versammelt. Das Stimmengewirr wurde übertönt von Schnulzen aus den 60er Jahren. Gerade lief Little Green Bag von der George Baker Selection. Es war wirklich hyggelig, obwohl das dänische Wort nicht ganz die spezielle Form der holländischen Gemütlichkeit trifft. Auch der Fremde ist rasch vereinnahmt. Wir tranken heißen Kaffee, aßen appeltaart met slagroom und genossen, dass wir nicht fragen mussten, ob man deutsches Geld nehmen würde, sondern zahlten erstmals mit Euro-Münzen. Es wird also im Winter 2002 gewesen sein. Auf unserem Rückweg mussten wir gegen den Wind an. Die Dämmerung fiel herab, und als wir wieder in Mamelis eintrafen, war es bereits stockfinster.

mensch-im-mantel4Mein Fahrradschloss war eingefroren. Als ich den Schlüssel zu heftig drehte, brach er im Schloss ab. Wir gingen durchs Tor ins Gehöft und fanden nur Licht im Kuhstall, wo die Bäuerin bei der Arbeit war. Sie fühlte sich gestört und war mürrisch, finster wie das ganze Gehöft. Widerwillig holte sie einen Werkzeugkasten und gab mir eine Eisensäge. Als Fahrtraddieb bin ich eine Niete, desgleichen Erlenberger. Wir haben sicher eine halbe Stunde am Schlosskabel gesägt.

Nachdem wir mein Fahrrad befreit hatten, begleitete ich Erlenberger nach Hause. Schon vom Schieben bergauf war mir wieder warm geworden. Doch so richtig hyggelig war es an Erlenbergers Kaminofen, in dem die Holzscheite knackten und loderten und auf dessen Herdplatte zwischen dicken Kieselsteinen der Wasserkessel zischte. Für kurze Zeit war die unwirtliche Natur ausgesperrt.

[Überarbeitete und gekürzte Fassung der Erstveröffentlichung vom 20. Dezember 2016]

Bein in Gefahr – Jüngling der Schwarzen Kunst

„Pass bloß auf, Juppi, dass du nicht ins Glasdach einbrichst!“, sagt die Chefin und schaut besorgt zu, wie er sich unbeholfen durch das kleine Fenster nach draußen windet. „Keine Sorge, Katrinchen, das geht schon gut!“, sagt der alte Dachdecker. Er und Frau Katharina sind zusammen zur Schule gegangen, und Josef möchte ihr wenigstens jetzt imponieren, nachdem sie ihn schon nicht geheiratet hat, sondern einem Druckereibesitzer den Vorzug gab. Sein Fuß tastet nach der Strebe im Glasdach, wo er hofft, sicher zu stehen, um auf das undichte Glasdach der Setzerei klettern zu können. Unter ihm ist die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Bald schon steht er wackelig auf deren Dach, balanciert vielmehr mit beiden Füßen auf der Strebe. Er hat sich umgedreht zum Fensterchen, aus dem ihm Katrinchen zuschaut. Josef beugt sich vor zu ihr, stützt sich mit beiden Händen am Fensterrahmen ab und tastet blind mit dem rechten Fuß nach der parallelen Strebe. Frau Katharina ruft bang: „Vorsicht! Du bist noch überm Glas!“
Josef ist froh über die Hilfe. Bei den Worten: „Ich kann nämlich nicht gut sehen!“, verfehlt sein schwebender Fuß die zweite Strebe. Er strauchelt und bricht krachend durch, rutscht mit einem Aufschrei bis übers Knie hinein in die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter.
„Gut hören kann er auch nicht!“, sagt der Junior trocken. Aber das Entsetzen ist groß. Nettesheim stellt sich vor, dass die Metzgergesellen in der Wurstküche zuerst erschrecken, wie es über ihnen kracht und splittert, dann aus Wut über den ungehörigen Eindringling nach den großen Schlachtermessern greifen und hochspringen, um das fuchtelnde Dachdeckerbein abzuhacken. Zum Glück springen sie nicht hoch genug, und es bleibt bei heftigen Luftstreichen, bis der Meister in die Wurstküche kommt und dem Treiben seiner Gesellen mit wüsten Worten und Arschtritten ein Ende bereitet.

[aus Jüngling der Schwarzen Kunst]

Vorwärts, linksrum! Mach ma Kaffee! – Buchkünstler Christian Dümmler und die Fraktur

Ein buchtechnisches Kleinod sandte mir Christian Dümmler, der „overlord of bookdesign“ (Jason Koxvold), ein neues Produkt aus seinem Indie-Verlagsprojekt „Edition Blumen“, ein Heft von 32 Seiten mit einer Auswahl von zehn Texten aus meinem neuesten Buch „Goethes bunter Elefant.“ Der Anthologie gab er den Titel eines der ausgewählten Texte: „Neueste Nachrichten vom Nichtstun.“ Im Heft fand ich eine typografische Besonderheit, nämlich die Auszeichnung bestimmter Textstellen in Frakturschrift. Von dieser Idee war ich sogleich angetan.

Bis zum Verbot der Frakturschriften im Jahr 1941 durch die Nationalsozialisten war es üblich, in Frakturtexten alle Fremdwörter in Antiqua zu setzen.
Was spricht heute dagegen, umgekehrt die Fraktur zu neuen Auszeichnungszwecken zu verwenden? Eigentlich ist es ein Wunder, dass Typografen und Buchdesigner die Fraktur haben links liegen lassen, seitdem sie im Jahr 1941 von den Nationalsozialisten überraschend verboten worden war. Bis zu diesem Datum hatte man die Fraktur als typische deutsche Schrift gefeiert. Das plötzliche Verbot der Fraktur kam mit einem Rundschreiben Martin Bormanns vom 3.1.1941. Darin werden Gründe genannt, die von der gesamten Fachwelt bezweifelt wurden. Historiker haben nach anderen, rationalen Gründe gesucht, doch der Auslöser ist vermutlich völlig irrational.
Einen Hinweis liefert das Original-Rundschreiben. Die Rede ist von einer Besprechung. Anwesend waren Adolf Hitler, Martin Bormann, Stabsleiter beim „Stellvertreter des Führers“, Rudolf Hess und Max Amann, „Reichsleiter“ für die Presse der NSDAP und Direktor des Zentralverlages der NSDAP, sowie der Verleger und Buchdrucker Adolf Müller. Er druckte den Völkischen Beobachter, das Zentralorgan und „Kampfblatt“ der Nationalsozialistischen Partei. Eventuell war Müller dort, um einen Neudruck des Briefbogens der NSDAP zu durchsprechen. Bei dieser Gelegenheit hat er darauf hingewiesen, dass die im Briefbogen und in Schlagzeilen des Völkischen Beobachters verwendete fette Fraktur vom Juden Lucian Bernhard entworfen worden war.
Man kann sich Hitlers Entsetzen und folgenden Wutausbruch vorstellen. Jahrelang hatte er den Beteuerungen geglaubt, die Fraktur drücke deutsche Wesensart aus, entspreche dem deutschen Nationalcharakter. Am 30. Juli 1937 hatte das Propagandaministerium jüdischen Verlagen sogar verboten, die Fraktur zum Druck zu verwenden. Dass auf dem Briefbogen der NSDAP eine Judenschrift prangte, war überaus peinlich. Als wäre Hitler zur Freude der Juden jahrelang mit einem Zettel „Depp“ auf dem Rücken herumgelaufen. Und wenn deutsche Eigenart und ihr geistiges Eigentum von jüdischer Hand gestaltet war, dann könnten alle Frakturschriften diesen Makel in sich tragen. So wurde zur Sicherheit die Fraktur gänzlich verboten. In aller Eile schusterte man eine Begründung zusammen. Was zuvor als „Verrat am Volkstum“ gegolten hatte, wurde plötzlich legitim,
Antiqua ersetzte die Fraktur und wurde „Normalschrift.

Als im Jahr 2017 bekannt wurde, dass die sächsische Polizei auf den Kopfstützen ihres neuen Panzerfahrzeugs Frakturschrift hatte aufbringen lassen, sah man darin Ähnlichkeit zur Symbolik des Nationalsozialismus. Es ist wohl tatsächlich so, dass unbedarfte Neonazis und ein Gutteil der Aufgeregten die Fraktur fälschlich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, ungeachtet der historischen Tatsache, dass just diese Nationalsozialisten die Fraktur 1941 per Erlass als „Schwabacher Judenletter“ verunglimpft und verboten haben.

Vielleicht liegt am Ruch des Nationalsozialismus der Grund für die spätere Ablehnung der Fraktur. Im Jahr 1949 veröffentlichte der Typograf Karl Klingspor von der berühmten Schriftgießerei Gebr. Klingspor mit „Über Schönheit von Schrift und Druck“ einen Schwanengesang auf die Fraktur. Es ist ein wunderschönes, bibliophiles Buch, auf Büttenpapier gedruckt, mit vielen eingeklebten Druckbeispielen, das die Vorzüge der Fraktur zur Geltung bringt, ohne die Antiqua zu verteufeln. Klingspor ist der völkische Zungenschlag fremd, jene Befürworter der Fraktur waren ja von den Nationalsozialisten 1941 selbst zum Schweigen gebracht worden. Klingspors Argumentation ist rein schriftästhetisch. So mag man dem Autor gerne darin folgen, dass es für die Deutschen gute Gründe gibt, bei der Fraktur zu bleiben, besonders der vielen Großbuchstaben wegen, die sich in der Fraktur organischer mit den Kleinbuchstaben verbinden sowie wegen der vielen langen Wörter im Deutschen, die in der Fraktur schlanker wirken, aber der Zug für die Fraktur war 1949 endgültig abgefahren. Das Verdammungsurteil der Nationalsozialisten wirkt bis heute nach.

Es ist das Verdienst von Christian Dümmler, die Fraktur zumindest als Auszeichnungsschrift wiederentdeckt zu haben. Ich freue mich, dass er das an meinen Texten ausprobiert.

Weblink: http://www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de/2012/05/28/die-jahrelang-im-ns-reich-verwendete-gotische-fraktur-schrift-war-plotzlich-judisch-sie-wurde-1941-durch-die-lateinisierte-antiqua-ersetzt/

Literatur: Buchkultur im Abendrot