Ich folgte einer Einladung (2) – Robert Gernhardt findet es ulkig (Aus einem alten Tagebuch)

Teil 1

Keiner nimmt Notiz von mir. Ein Raum gegenüber ist hell. Dort ist ein Büfett aufgebaut. Ich habe großen Hunger, also reihe ich mich ein, doch dann denke ich, zuerst mal den Chef und Gastgeber suchen. Wie sieht das denn aus, wenn du ihm gegenüber trittst mit einem Teller in der Hand. Also wieder vor die Tür, den Rausschmeißer gefragt: „Wo finde ich Oliver Schmitt?“
„Da kommt er!“
Tatsächlich steht er auf dem Gang, als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht, trägt eine großgemusterte Hose und sieht etwas unglücklich drein. Ich hin und sage, indem ich seine Hand ergreife: „Hallo, ich bin Jules van der Ley!“
„Aha, Herr van der Ley“, sagte er etwas befangen, „Haben Sie den weiten Weg hierher gemacht.“
Zum Glück trat jetzt Ex-ChefredakteurHans Zippert hinzu, der zwar mit belegter Zunge sprach, aber souverän wirkte. Während Oliver Schmitt sich bald anderen Gästen widmete, nahm sich Hans Zippert ein wenig meiner an.

Zippert ist verantwortlich für mein Debüt als Titanicmitarbeiter. Er hob von mir „Was macht eigentlich …“ ins Heft, unter dem Pseudonym „Glimmerschiefer“ (Schiefer = Ley) in Titanic, April 1993. Das Heft wurde auf Betreiben von Björn Engholm (SPD) indiziert, weil er auf dem Titel in der Badewanne abgebildet war, in Anspielung auf „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“- Uwe Barschel (CDU). (Zum Lesen bitte klicken)

Zunächst aß ich was vom Büfett, das ein dicker Mann angerichtet hatte, der dafür gelobt wurde. Er hatte über manche Gerichte etwas Witziges auf Schildchen geschrieben, aber über der Käseecke stand „Käseecke“; das war noch witziger. Dieser Mann hatte irgendwas mit der Sprachschule zu tun und war gleichzeitig der Produzent einer CD von Zippert und Schmidt.

Hans Zippert erzählte mir Diverses, dass sein Sohn auf der Waldorfschule sei, dass Christian Schmidt ein Buch habe, in dem stehe, Rudolf Steiner sei zeitweise Satanist gewesen, und als sie mit anderen Eltern die Waldorfgrundschule aufgemacht hätten, wäre in der Gegend die Angst aufgekommen, es würde sich eine Sekte einnisten. Auch erzählte er, wie er zur Titanic gekommen wäre. Sie hätten in Bielefeld das Drecksmagazin herausgegeben und seien dann immer mit geliehenen Autos zur Buchmesse gefahren, um das dort zu verticken. Einmal hätten sie das Drecksmagazin auch den Leuten von der Titanic gezeigt, und die hätten gefragt, warum sie damit nicht schon früher gekommen wären. Darauf sei ein Anruf gekommen, sie sollten eine Ziwi-Beilage gestalten. So habe alles angefangen. Zwischendurch begrüßte er ein paar Leute, stellte mich auch den ankommenden Christian Schmidt und Thomas Gsella vor.

„Du hast eine gute Methode, alles vom Bild her zu sehen“, sagte Oliver Schmitt.
„Ja, aber ich würde gerne auch mehr für Titanic zeichnen!“
„Dann musst du zuerst Heribert Lenz und Achim Greser beseitigen“, sagte Zippert.
„Ich weiß ja nicht mal, wie die aussehen.“
„Die zeige ich dir. Ich male ihnen ein Kreuz auf den Rücken.“

Irgendwann drängte ich mich zur Theke durch. Das war da wie in einer Kneipe. Komische Sprachschule. Wird wohl das saubere Trunkenheitslallen lehren?

Nach längerem Anstehen bekam ich von dem Mädchen hinter der Theke eine Flasche Becks. Nach einer weiteren Flasche tauchte Hans Zippert wieder auf und fragte: „Kann ich dir in Personalangelegenheiten noch helfen?“
„Ich würde gerne Thomas Hintner kennenlernen.“
„Ah, das geht ganz leicht, der sitzt nämlich just hier am Tisch!“
„Das hier ist Jules van der Ley“, sagte Zippert, und ein sympathischer Junge schaute von seinem Wurstteller hoch und sagte lächelnd: „Das sagt mir nichts.“
„Glimmerschiefer!“
„Ach so, Glimmerschiefer!“
Ich hatte mir den Titanic-Bildchef ganz anders vorgestellt. Er bat mich an den Tisch. Ein Stuhl wurde herübergehoben. Wir sprachen dies und das, aber saßen genau unter den Musikboxen, und er schlug vor, einen anderen Platz zu suchen. Ich ging zuerst zur Theke und holte mir noch ein Bier. Da blinzelte mir von rechts Peter Knorr zu, eine der Titanic-Ikonen und Teil des Autorengespanns Eilert-Gernhardt-Knorr, das die meisten Witze von Otto Waalkes geschrieben hat. Er wartete auch auf eine Gelegenheit zu bestellen, derweil ich mich vorgedrängt hatte.
„Sie sind Peter Knorr“, sagte ich und schüttelte ihm die Hand, indem ich mich vorstellte. Er fand’s gut, erkannt zu werden.
„Schreiben Sie nichts mehr für die Titanic?“
„Ab und zu einen der „Briefe an die Leser.“

Plötzlich stand bei Thomas Hintner und mir Robert Gernhardt mit einer jungen Begleiterin („Buhlin“, sagte irgendwer), die, als sie hörte, dass es auch ein Büfett gab, gleich hin wollte, Gernhardt aber sagte: „Wir haben doch gerade erst …“ Thomas Hintner stellte mich vor als den Autor der Handyseite, und Gernhardt sagte: „Ich habe sehr gelacht!“ Über F.K.Waechter sagte Gernhardt: „Er zeichnet nicht mehr, hat irgendwie die Idee, ein Mensch habe maximal 2000 Witze.“ Dann erzählte er eine Waechter-Anekdote:
Einmal seien sie zusammen wandern gewesen. Waechter habe die Devise ausgegeben, dass Schokolade den Durst stille. „Und das ist gar nicht wahr!!!“
Gernhardt kicherte. Er fand’s ulkig.

Wir sprachen über den Rezitator Lutz Görner, der bei seinen Auftritten auch Gernhardt-Texte vorträgt. Das sagte Gernhardts Buhlin: „Görner ist bösartig“, und Gernhardt bestätigte: „Ja, bösartig. Der erzählt überall, seitdem er Gernhardt rezitiere kämen die Leute nicht mehr in Gernhardts eigene Lesungen, weil er, Gernhardt, seine eigenen Pointen verknicke. Zur Strafe werden wir ihn totschweigen. Der wird noch fragen, ‚Warum steht nichts über mich in Titanic?‘ Und da steht auch nichts über ihn.“ Leider zog ich mir Gernhardts Unwillen zu, als ich an alte Pardon-Zeiten erinnerte, als er unter dem Pseudonym Lützel Jeman den Cartoon „Schnuffi“ zeichnete. Da sagte Gernhardt: „Der Mann hat ein eisernes Gedächtnis!“, was klang wie ein Gedächtnis, das nicht vergessen will, was er selbst gern vergessen wollte. Da zog es ihn doch zum Büfett. Thomas Hintner fragte sich, wer seine Begleiterin wohl sei und meinte, Gernhardt hätte sie vorstellen müssen. Ich schaute plötzlich auf die Uhr und bemerkte völlig überrascht, dass da 00:15 Uhr zu lesen war. Die Stunden auf dem Titanic-Buchmessenfest 1995 waren so vorbeigeflogen.

Wird fortgesetzt

(An Robert Gernhardts Geburtstag erinnert gestern Kollege Noemix)

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Bummel über den Teestübchen-Weihnachtsmarkt

Meine Lieben Damen und Herren,
über Nacht hat es auch im Norden geschneit, und beinah ebenso über Nacht ist der Teestübchen-Weihnachtsmarkt eröffnet worden. Es findet sich dort ein prächtiges Buchangebot von einer Autorin und zwei Autoren. Ich lade Sie und euch herzlich zum literarischen Bummel ein, ganz bequem vom heimischen Rechner aus, vielleicht bei einem Tee oder einem Glas Wein, ganz nach Belieben. Klicken Sie einfach hier, aufs Startbild oder auf die Registerkarte „Weihnachtsmarkt“
Beste Grüße

Puzzlen im Teestübchen Trithemius (2)

Hier nun die nächsten 12 Zeichnungen der Bildfolge zum Puzzlen. Es gilt das gleiche Verfahren wie in Teil 1. Der Klick auf das gewünschte Bild öffnet die Seite mit dem Puzzle. Die saubere Aufreihung der Bilder verdanke ich übrigens dem geschätzten Kollegen noemix, der mir mit seinen html-Kenntnissen half.
Viel Vergnügen, wünscht
Teestübchen Trithemius.

Trend Infografik – Das Teestübchen-Tortendiagramm

Informationsgrafiken sind der ganz heiße Scheiß, war letztens in einem Beitrag auf arte zu sehen und zu hören. Mit der journalistischen Darstellungsform Infografik lassen sich komplexe Informationen anschaulich machen. Auf Infografik setzt die Teestübchenredaktion seit den Anfängen im August 2015, hier zu sehen in einer Jahresübersicht des ablaufenden Kalenderjahres. Mit der Teestübchen-Kuchenfee durchs Jahr – das monatliche wachsende Tortendiagramm, je Monat eine Kuchenschicht und im Dezember die maßlose Völlerei:

Fotomontage: JvdL – Größer: Bitte klicken

Welche Probleme die monatlich wechselnde Header-Grafik anfangs machte, war im Oktober 2015 nachzulesen. Aus aktuellem Anlass und für alle neue hinzu gekommenden Leserinnen und Leser hier in Wiederholung:

Herr Trittenheim beschimpft die Teestübchen-Redaktion

Du liebe Zeit, welch ein Theater wieder in der Teestübchen-Redaktion. Es kam sogar zu Szenen. Chefredakteur Trittenheim stand wutschnaubend in der Tür, brüllte: „Schlamperei!“ und fragte gleich hinterher: „Was ist das hier für ein Saftladen?!“
Redaktionschefsekretärin Andrea Kirchheim-Unterstadt ließ bedröppelt den Kopf hängen, nagte schuldbewusst an ihrer Unterlippe und gab keine Antwort. Was hätte sie auch sagen sollen? Etwa: „Das ist Ihr Saftladen, Herr Trittenheim“?
„Wozu habe ich der Redaktion den Kalender gestiftet, wenn keiner draufschaut?“, fuhr Trittenheim fort. „Von Ihnen, Frau Kirchheim-Unterstadt hätte ich eine derartige Säumigkeit am allerwenigsten erwartet. Wieso steht auf unserem Header noch die Ausgabe Oktober? “
„Wir sind halt von der Entwicklung überrascht worden“, wagte sie zu erklären.
„Überrascht?! ÜBERRASCHT?!“ Wie kann man denn von einem Datum überrascht werden, das in jedem Kalender steht und das jedem hergelaufenen Ladenschwengel geläufig ist?“ Und wurde gleich wieder charmant. „Ich sehe ja ein, Frau Kirchheim-Unterstadt, sie sind noch piepjung, quasi nicht lang ist’s her, dass …“
„Sie geboren wurden?“, mischte Frau Erlenberg sich ein, die an Echolalie litt, oder wie heißt die Sucht, immer anderer Leute Sätze zu beenden und grundsätzlich falsch?“
„nicht lang ist’s her, dass Sie von hinterm Mond eingewandert sind“, haute Trittenheim wieder einen seiner hundsgemeinen Sätze raus. „Aber dass nach dem 31. Oktober zwingend der 1. November folgt, dürften Sie auch in der Zwergschule gelernt haben, die Sie besucht haben, Frau Kirchheim-Unterstadt.“ Boah, was kann der Mann gemein sein. Da fasste sich Andrea Kirchheim- Unterstadt und gab eine Erklärung ab. Also das war so:

Gif-Animation und Text: JvdL

Puzzlen im Teestübchen Trithemius

Nachdem es in zuletzt recht theoretisch zuging im Teestübchen, hier etwas zum Spielen/Puzzlen. Die gezeigt Bildfolge habe ich einmal vor langer Zeit mit farbigen Tuschen gezeichnet. Es gibt insgesamt 29 Seiten. Größer lassen sie sich betrachten durch erfolgreiches Puzzlen. Der Klick auf das gewünschte Bild öffnet die Seite mit dem Puzzle. Viel Vergnügen, wünscht Teestübchen Trithemius.

Sternschnuppen im Herbst, freie Wünsche und Wurst

Meine lieben Damen und Herren! Bitte geben Sie mir einen Schubs, damit ich Ihnen ein launiges Produkt aus dem Teestübchen liefern kann. Danke. Ich hörte einen Mann sagen: „Man muss akzeptieren, dass Herbst ist“ und dachte: Früher wurden die Überbringer schlechter Nachrichten geschlagen oder sogar erschlagen, ein leider in Vergessenheit geratener Brauch. Allerdings war dieser Mann nicht der Überbringer, sondern hat nur ausgesprochen, was jeder sehen kann, wenn die Dämmerung so früh herabsinkt und die Blätter von den Bäumen tropfen.

Einmal im Herbst, zu lang ist’s her, sah ich in zauberhafter Begleitung fünf Sternschnuppen am klaren Nachthimmel. Wir waren extra zur Dornröschenbrücke gegangen, um über dem weiten Tal der Leine die angekündigten Sternschnuppen zu sehen. Eine Sternschnuppe ging so flach nieder und verlosch so spät, dass man meinen konnte, die Reste dieses streunenden Himmelskörpers wären einem auf den Kopf gefallen. Ich glaube, der Pechvogel war ich. Und es ging so schnell, dass ich vergaß, mir etwas zu wünschen, vielmehr ich wünschte mir nur noch, den Dachschaden zu begrenzen. Das zum Thema, du hast einen Wunsch frei.

Ich las mal eine Geschichte von einer Frau, die drei Wünsche frei hatte. Falls jetzt jemand die Geschichte erwartet, ich kriege sie nicht mehr zusammen. Jedenfalls hatte die Frau nach dem zweiten törichten Wunsch als Nase eine Wurst. Stellen wir uns eine dicke fette Weißwurst vor, eine aus echtem Schweinsdarm prallvoll gefüllt mit Gekröse, so eine Nase hatte die Frau. Da brauchte sie natürlich den dritten Wunsch, um ihre alte Nase zurück zu bekommen.

Man muss halt vorsichtig sein mit Wünschen. Als ich auf dem Sprung war, von Aachen nach Hannover zu ziehen, vor jetzt fast neun Jahren, dachte ich morgens beim Aufwachen, gäbe es doch einen Knall, und der Umzug wäre getan. Genauso ist es gekommen. Als der Umzug am Abend getan war und ich das Leihauto in Hannover abgeben wollte, fuhr ich mit einem Knall einem unglücklich geparkten VW-Transporter den Außenspiegel ab. Immerhin habe ich wirklich nicht lange gebraucht, in Hannover polizeilich bekannt zu werden und ein von der Polizei dokumentierter Knall war doch ein guter Auftakt.

Gestern habe ich eine durchgeknallte Frau mit Motorsäge fotografiert, vielmehr ihr Bild auf einem Umzugswagen. Mir ging es aber um den Slogan: „Wir sägen die Preise ab.“ Mir fiel nämlich ein, dass ich mal im ostbelgischen Eupen einen ähnlichen gelesen habe, der zwar grammatisch ein bisschen verhunzt, aber fast so brutal war: „Wir hauen den Preisen auf dem Kopf.“ Wer möchte da noch Preis Preuße sein.

Absägen, ja, wovon denn? Foto: JvdL

Über militärischen Drill, Kinder und Krieg


Angeregt durch einen lesenswerten autobiographischen Bericht der jungen Kollegin „auchwasmitmedien“ über ihre Kindheit im kommunistischen Rumänien, in dem Sie unter anderem schreibt, dass sie als Kind salutiert und mitgesungen hat, wenn im Fernsehen die rumänische Nationalhymne lief, habe ich mich an „militärische Früherziehung“ an einem Aachener Gymnasium und das Salutieren von Kindern erinnert. Zumindest am Salutieren zweier Schüler der 5. Klasse war ich nicht unschuldig, wenn es auch eher dadaistische Qualität hatte.

Nachdem ich im Jahr 1980 meine erste Stelle als junger Lehrer für Deutsch und Kunst angetreten hatte, bekam ich für den Kunstunterricht auch die 6. Klasse von Herrn Schikowski zugeteilt. Kollege Schikowski unterrichtete Englisch und Französisch, eine Fächerkombination, von der ich dachte, das ist wie beide Beine in einem Hosenbein zu haben. Aber im Gegenteil, statt über Sprachverwirrung zu stolpern, eröffneten ihm seine Sprachkenntnisse neue Welten. Er war Major bei der Bundeswehr, nahm als Reservist jährlich an einer mehrwöchigen Natoübung teil und war dann beim Stab der verantwortliche Kommunikationsoffizier.
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