So’n Mist! Tiefdruck schlägt Hochdruck

Der Mensch kann nicht immer alles gleich gut. Du wirst morgens wach und merkst, hui, heute bin ich irgendwie … was weiß ich was. Es gibt Tage, da fallen mir die passenden Wörter nicht ein, was eigentlich nur problematisch ist, wenn ich mit einem reden muss. Anderntags geht mir das Maul über, und die Sätze fließen ohne eigenes Zutun heraus, so dass ich nebenher Zeit habe zu denken, was ist denn das? Hat man mir letzte Nacht das Sprachzentrum tiefer gelegt und Heckspoiler montiert? Ähnlich ist’s mit dem Schreiben. Tastentippen geht immer, allein die richtige Reihenfolge will mir manchmal nicht einfallen. Dann bin ich froh, dass ich einen ganzen deutschen Satz hinbekomme, doch habe ich den Punkt gemacht, tut sich gar nichts mehr. Überbelastung des Systems, der Textgenerator wurde vorsichtshalber runtergefahren. Leichte Schläge auf den Hinterkopf helfen übrigens nicht, Kopfstand schon eher.

aktuelle Tiefdruckgebiete (Quelle: TU Berlin)

Heute morgen habe ich trotzdem Kommentare beantwortet. Es war mühsam, als hätte ich sie aus Käse geschnitzt. Hatte ich ein Wort hingeschrieben, tat es wer weiß wie groß von wegen „Mit mir ist das Wesentliche schon gesagt“ und wollte keine weiteren Wörter neben sich dulden. Setzte ich doch eines daneben, begannen sogleich die Hahnenkämpfe, wobei jedes das andere zu überflügeln drohte. Am Ende waren beide derart gerupft, dass ich sie ganz aus dem Ring nehmen und ersetzen musste. Natürlich. Das Wetter hat sich über Nacht gedreht. Tief Christoph zieht übers Land, von oben dräut Tief Bernd und von hinten schleicht sich Tief Dieter an. Das ist die Großwetterlage, meine Herren. Die Kerle haben die Wetterpatenschaft bei der TU Berlin ersteigert. Ja, muss das denn sein. So ein Quatsch! Hoffentlich werden sie von sich selbst ordentlich nass gemacht.

Seit acht Uhr heute Morgen klopfen des Hausbesitzers Lieblingshandwerker in der leerstehenden Wohnung schräg über mir im Bad die Fliesen ab. tock, tock, tock, tock tock. Auf der Straße unten rasselt ein Presslufthammer. Mir ist kalt. Danke Christoph Schröder! Unter den Bedingungen werde ich mich hüten, an der Kulturgeschichte der Typografie weiter zu schreiben. Im Kopf ist alles soweit durchdacht, doch ans Aufschreiben traue ich mich nicht. Es ist einfach zu anstrengend. Buchdruck ist ja ein Hochdruckverfahren.

Miniatur über magisches Denken

„Sie essen ja, Herr van der Ley!“, rief ein Fünftklässler aus, als er mich mit einem Pausenbrot auf der Treppe sah. „Ja, ich esse. Dachtest du, ich würde im Lehrerzimmer an der Steckdose hängen?“ Genau wie der Schüler staunte ich letztens, als mein Behandlungstermin abgesagt wurde, weil der Physiotherapeut krank war. Gestern sagte ich ihm, dass ich verwundert gewesen war, weil ich gedacht hatte, Therapeuten würden nicht krank. Aber diese Sorte magischen Denkens war ihm nicht fremd. Als ich ihm erzählte, ein Mann habe beim Mittagstisch gesagt: „Mein Arzt ist gestorben“, mussten wir beide lachen.

Mein Rücken schmerzt – Bringt die Clowns herbei!

kategorie surrealer-AlltagIch habe von Timo Wopp geträumt. Es gab zwei Formen, angemessen zu liegen, und für eine war er verantwortlich. Es hatte mit den Rückenschmerzen zu tun, die mich seit gut zwei Wochen quälen. Tagsüber spüre ich nur, dass da irgendwo Schmerzen lauern, aber sie sind quasi nachtaktive Raubtiere. Am heftigsten beißen sie mich, wenn ich aufstehen will. Kurz vorher beginnen sie bereits zu wüten, und in dieser Phase habe ich von Timo Wopp geträumt. Nachdem ich mich aus dem Bett gequält hatte, war ich einigermaßen erstaunt über seine Rolle in meinem Traum.

Gestern Abend hatte ich auf dem NDR zufällig die Sendung [Moment, ich muss in der Mediathek nachschlagen]: „Selten so gelacht“ – Ein „Best of“ der NDR Talkshows gesehen. Man hatte Szenen mit Komikern und Kabarettisten zusammengestellt, wie sie die launige Talkrunde gerade zum Wiehern brachten. Das war teilweise wirklich lustig, weshalb ich entgegen meiner Absichten eine Weile zuschaute. Und plötzlich saß da der Komiker Timo Wopp, und ich dachte: „Ach, den gibt es auch noch!“, weil ich immer wieder erstaunlich finde, wer alles auf den diversen TV-Kanälen seine Witze reißt und damit eine Familie ernähren kann. Wopp ist auch so ein Familienerzeuger und -ernährer, gehört zur Horde der jüngst gewordenen Vätern, die das Elternsein thematisieren, manchmal woppmäßig banal, dass man es sofort wieder vergisst, manchmal überdreht wie Florian Schröder, manchmal sprachlich geschraubt und höchst dramatisch wie Jochen Malmsheimer, aber immer so, dass du denkst, „Zounds, hat man das Kinderkriegen grad erst erfunden?“

Warum ich gerade Timo Wopp in meinen Schmerztraum eingebaut habe, weiß ich nicht. Ich habe nicht mal behalten, was er zur allgemeinen Erheiterung beigetragen hat. Für alle, die ihn nicht kennen, hier Wissenswertes über Timo Wopp: Der lustige Comedian und Vortragsredner sieht aus wie er heißt. Von Haus aus ist er Diplomkaufmann, 40 Jahre alt, war gestern im NDR-Fernsehen und kann auch jonglieren. Alles in allem kein Grund, ihn in einen Schmerztraum einzubauen.

Foto: Frank Schwichtenberg, CreativeCommons (CC) lizensiertvia Wikipedia

Barbara Schöneberger – Foto: Frank Schwichtenberg, Creative Commons (CC) lizensiert via Wikipedia

Weh getan hat während der Sendung eigentlich nur, dass die moderierende Barbara Schöneberger überall dazwischen gequatscht hat. Kennst du doch: Barbara Schöneberger, die blond gewordene Durchschnittlichkeit, der man auf keinem Kanal entkommen kann. Es gibt sogar eine beim Verlagshaus Gruner + Jahr erscheinende Zeitschrift nach ihr „Barbara“ benannt und mit ihr in der Redaktion. Warum eigentlich? Wie schafft diese Frau das? Ich fürchte, wenn dieser Planet mal an seiner eigenen Blödheit zugrunde gehen sollte, wird Barbara Schöneberger den Weltuntergang moderieren und die apokalyptischen Reiter zu Tode quatschen, jedenfalls wenn der NDR Regie führt. Immerhin, in meinen Alpträumen tauchte die omnipräsente Ulknudel noch nicht auf, – dank Timo Wopp.

Postbeförderung im Schneegriesel

kategorie Mensch & NaturIn der Nacht hat sich Schneegriesel auf alles gelegt. Ich lese nach, dass Schneegriesel die nur Millimeter große Form der Graupel ist. Schon vorher ist mir klar, dass Griesel verwandt sein muss mit unserem Farbadjektiv „grau“. Dessen alte Form ist „greis“, was wiederum mit dem rheinischen „gries“ korrespondiert. Ich schaue aus dem Fenster auf die Straße. Die dünne Schicht Schneegriesel auf dem Asphalt sieht schäbig aus, obwohl sie kaum Reifenspuren hat.

Plötzlich kommt von Rechts ein Radfahrer ins Bild. Er rollt rasch auf die Kurve zu, muss also ein geübter Radfahrer sein oder er ist leichtsinnig. Im Kindersitz hinter sich befördert er ein Kind. Nachdem er sicher die Kurve genommen hat, schaue ich auf seinen Rücken und sehe, dass er eine Dienstjacke der deutschen Post trägt. Die ziert ein großes Posthorn. Das Kind hat das Logo genau vor Augen. Weiterlesen

Kafka, die Schlamperei und Straße der Kindheit (9)

Franz Kafkas Brief - zum Betrachten bitte anklicken

Franz Kafkas Brief – zum Betrachten bitte anklicken – (Quelle: Tagebuch JvdL)

„Darauf dass die Schlamperei Ihnen langweilig werden sollte, darauf vertraue ich nicht; wer die Schlamperei einmal hat, dem wird sie nicht langweilig, das weiss ich aus eigener Erfahrung“,

schrieb Franz Kafka im November 1912 an seinen Literatur-Agenten Willy Haas“, und unterstellte dabei, dass mit „Schlamperei“ einiges an Kurzweil zu erleben wäre, eine Idee, auf die man erst mal kommen muss. Die von Kafka gemeinte „Schlamperei“ heißt neudeutsch Prokrastination oder ungeschickt eingedeutscht „Aufschieberitis.“ Langweilig wird sie nie, denn Aufgeschobenes pflegt sich ja nicht zu verflüchtigen, sondern weckt einen kleinen Kobold, der als ungebetener Gast in den Hinterkopf einzieht und einen Tag für Tag lauter piesackt, man müsse jetzt aber endlich zur Tat schreiten. Der die „Schlamperei hat“ wird jetzt bockig, denn je länger er aufschiebt, je lauter der Kobold randaliert, desto schwerer fällt der Angang.

An solchen Tagen spazieren tausend Gedanken an unerledigte Dinge über die innere Bühne, aber ein richtiges Stück wird nicht aufgeführt. Es bleibt nichts als den Gedanken zuzusehen, wie sie auf der einen Seite aus der Dekoration kommen, um auf der anderen hinter dem Vorhang zu verschwinden. Ja, und die nervigste Figur, die immer wieder auf der Bühne tritt und alle vor sich hertreibt, ist der Kobold. Man kann ihn kaum noch ansehen, denn er wird mit jedem Durchlauf lästiger.

Ab mit dem Pack! Wir rufen Szenen aus alten Slapstick-Filmen auf. Konflikte werden da mit einem kräftigen Arschtritt gelöst. Was ist?  Ich hätte „Arsch“ geschrieben? Auf der inneren Bühne gibt es keine Sprachpolizei. „Herr Inspizient, Sie dürfen den Kobold jetzt wieder auf die Bühne lassen.“ Mentale Arschtritte können auch befreien.

Den eigenen Kardinalfehler solle man kennen, rät Balthasar Gracian in „Die Kunst der Weltklugheit“. Sei der Kardinalfehler erkannt und erfolgreich bekämpft, würden die anderen Fehler wie Dominosteine fallen. Dann ist man endlich der Mensch, der man schon immer mal sein wollte. Der hat gut reden, wenn sich doch soviel aufgestaut hat, was zu erledigen wäre. Also eins nach dem anderen abarbeiten. Nebenan im Teppichhaus ist endlich die 9. Folge von „Straße meiner Kindheit“ erschienen. Ich glaube, es regnet da.