Zum neuen Jahr 2020

Kraftvoll voraus. Zeichnung und Gif-Animation: JvdL

Oder wie ich es von meiner Mutter hörte:

    Prosit Neujohr,
    De Kopp voll Hoor,
    De Muul voll Zäng,
    Ne Schlössel in de Häng!

[Das ist: Zum Wohl Neujahr, den Kopf voller Haare, den Mund voller Zähne, einen Schlüssel in den Händen, – wobei der Schlüssel vermutlich die Schlüsselgewalt symbolisiert.]

Teestübchen Hausmitteilung

Liebe Teestübchenbesucherinnen und -besucher, anders als gestern angekündigt, kann die Fortsetzung der Gruselgeschichte „Drei Tage kommt es“ heute nicht erscheinen. Ich bin leider zu krank und anders als mein Protagonist Ich-Erzähler noch nicht wiedererstarkt. Wie das zuging, siehe meinen Strip „Saturday Night Fever“, nur dass ich mir die Erkältung morgens zuzog.

Reklame für „Goethes bunter Elefant“

In der Buchkultur steht die Schrift an festen Orten, auf Papierbögen oder Buchseiten. In der digitalen Welt ist die Schrift ortlos. Den Begriff „Ortlosigkeit der Schrift“ hat der Literaturwissenschaftler Roland Reuss in einem Aufsatz in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) geprägt. Er schreibt vom „Gespenstischen digitaler Schrift, beim Scrollen gut zu beobachten (…)“ Das Scrollen zeigt nämlich, dass die digitale Schrift eine Täuschung ist. Sie ist beliebig wegzuscrollen, ständig in Gefahr, verändert zu werden oder ganz zu verschwinden von einem Ort, an dem sie niemals war, aber doch gesehen wurde.

Digitale Texte geistern nicht nur wie Gespenster herum, sie geraten auch rasch in Vergessenheit. Das weckt den Wunsch, wenigstens einige an einem Ort zu versammeln, wo sie abseits von Bildschirmen gut und gern gelesen werden können.

Meine lieben Damen und Herren, ich habe eine neue Anthologie meiner Texte zusammengestellt und möchte Sie davon in Kenntnis setzen. Das Buch heißt „Goethes bunter Elefant“, enthält 81 unterhaltsame Geschichten und hat auf Vor- wie Rückseite je eine Zeichnung meiner beiden Aachener Enkelkinder. Erhältlich hier oder bei anderen Onlinehändlern und über den Buchhandel.

Neuerscheinung
TB 252 Seiten
9,99 Euro
ISBN: 9783750250451

Tausend und eine Schreibarbeit – Der Jubiläumstext

„Wenn ich meine besten Leute versammele, damit sie mir einen würdigen Jubiläumstext verfassen, dann wünsche ich, nicht enttäuscht zu werden“, sagte Chefredakteur Trittenheim und nahm neben mir Platz. Ui, das sollte brenzlig werden. Mir wurde siedend heiß bewusst, dass er auf der Stelle Leistung erwartete. Ich fragte nach: „Sollen wir etwa jetzt schreiben, während wir uns gerade nach Hause begeben wollten zu Frau und Kind?“
„Ja“, sagte er unerbittlich.
„Soll der Text humorig sein oder ein ernstes Thema behandeln?“

„Das weiß ich doch jetzt noch nicht“, sagte der Chef ungehalten.
Das würde mehr als schwierig werden. Ich wusste nicht, ob es mir möglich wäre, unter seinen gestrengen Augen etwas zu schreiben. Immerhin könnte ich erst mal meinen Bleistift spitzen und abwarten, was die anderen … Schon wieder war ich vorlaut und sagte: „Aber wir dürfen die Leser nicht verarschen. Nicht, dass sie am Schluss des Textes denken, wir hätten ihnen die Zeit gestohlen. Die Zielrichtung unseres Textes muss klar sein, vor allem uns hier am Tisch. Sonst schreiben wir kopflos drauflos und merken nach einer Weile, falsche Richtung. Sie, Chef, verlangen: „Nach links, nächste links und nochmal links!“ und ich muss Ihnen sagen: „Geht nicht, das ist nur eine Hofeinfahrt, denn unten im Tal ist ein Kanal entlang einer Bahnlinie, beides erst in tausend Sätzen zu überbrücken. Also wenden und die ganzen mühsam abgefahrenen Buchstaben, Wörter und Sätze zurück.“
Schon hatte ich mich reingeritten. Triumphiere vor den anderen niemals über deinen Chef. Im alten Rom war das dein Tod.
„Ich finde den Gedanken hübsch, alle Blätter der Bäume wären mit fast unsichtbaren Marienfäden festgezurrt, so dass sie sich im Wind kein bisschen bewegen können. Höchstens der ganze Baum könnte leicht schwanken, wenn sich die gebändigte Bewegungsenergie aufgestaut hätte und auf den Stamm übergehen würde“, sagte Frau Dr. Cornelia Wittlich, geborene Klüsserath verträumt. Aber niemand reagierte. Man warf beiläufig einen Blick nach draußen, und fand das gewohnte Flirren der Blätter im Abendwind.
„Eine Frage beschäftigt mich: Wenn zwei Zahnspangenteenager sich innig küssen, können sich deren Zahnspangen verhaken, dass sie nie mehr auseinander kommen und heiraten müssen?“
Kollege Jürgen Rennpferd hatte diesen seinen Haufen unterschiedlich langer Wörter gebündelt, legte eine Schraubzwinge darum und stieß die Wörter auf dem Tisch auf, so dass sie unten bündig waren, aber oben unterschiedlich hoch emporragten; besonders „Zahnspangenteenager“ überragte alle anderen. Rennpferd zurrte die Schraubzwinge fest. „Kann mal jemand die Wörter egalisieren, also oben gleichlang abknabbern? Das machen am besten Sie mit Ihren Mausezähnchen, Fräulein Erlenberg.“
„Mausezähnchen?! Das ist sexistisch!“, schnaubte Fräulein Erlenberg.

Die Neue in der Teestübchenredaktion

Chefredakteur Julius Trittenheim steht verzückt lauschend in der Teestübchenredaktion und sagt: „Horchen Sie mal, Herr Schmock! Sie auch, Frau Kirchheim-Unterstadt! Horchen Sie nur! Hören Sie die wundersame Musik der Tastatur aus meinem Büro? Das nenne ich
Die Kunst des Tippens – kurz gleich einem Regenschauer aus Buchstaben.

„Wer tippt denn da“, fragt Frau Kirchheim-Unterstadt erstaunt, „ich dachte, Frau Erlenberg hat sich krank gemeldet.“

„Sie hören unsere neue Aushilfe, Frau Dr. Cornelia Wittlich geborene Klüsserath. Sie wird für mich die Schreibarbeiten erledigen, solange Frau Erlenberg ihre Sehnenscheidentzündung auskuriert. Frau Dr. Wittlich ist Ethnologin und hat promoviert zum Thema ‚Das Verzehrverbot von tätowierten Schafsohren im Hunsrück des 18. Jahrhunderts.’ Überdies kann sie perfekt Maschinenschreiben, tippt 450 Anschläge pro Minute. Ein Glücksgriff für mich, Frau Kirchheim-Unterstadt! Leider spricht Frau Dr. Wittlich nur Moselfränkisch, und davon einen ganz seltenes, schier unverständliches Platt. Ihre Hochsprache ist Luxemburgisch, also Letzeburgisch, und weil ich das leider auch nicht kann, gibt es da eine kleine Sprachbarriere zwischen mir und Frau Dr. Wittlich. Trotzdem hoffe ich, mit ihrer Hilfe heute noch eine Fortsetzung von Einiges über die Magie der gesprochenen Sprache zu schreiben.“

„Wie soll das gehen, wenn Sie ihr diktieren und Sie nichts versteht, Herr Trittenheim?“

„Nun seien Sie doch nicht gleich so skeptisch. Frau Kirchheim-Unterstadt. Frau Dr. Wittlich und ich werden uns schon irgendwie verständigen.“

„Das wird was werden.“

„Sie als Fitnessbeauftragte der Teestübchenredaktion werfen sich bald mit Frau Dr. Wittlich anfreunden, Frau Kirchheim-Unterstadt. Ihretwegen hat Frau Dr. Wittlich gleich ihren Sitz- und Gymnastikball mitgebracht.

Übung gegen den Handkrampf

Kürzlich schickte mir ein Freund aus Aachen diesen Zeitungsausschnitt über eine Ausstellung, die meine Tochter und mein Schwiegersohn gemeinsam beschickt haben, unter anderem mit der abgebildeten preisgekrönten Collage [in besserer Qualität hier]. Zum Zeitungsausschnitt gehörte ein handgeschriebener Brief. Also schrieb ich zurück, um mich zu bedanken. Schon nach einer Dreiviertelseite bekam ich einen Handkrampf. Chirospasmus oder Mogigraphie lauten die Fachausdrücke. Sie waren mir bis vor Jahren nur theoretisch bekannt. Noch in den 1990-er Jahren hätte ich weit von mir gewiesen, dass ich je einen Brief wegen Mogigraphie würde verkürzen wollen. “Radfahren verlernt man nicht“, behauptet der Volksmund. Verallgemeinern kann mans nicht. Was der Mensch nicht übt, verlernt er, so auch das Schreiben und Gestalten mit der Hand. Ich gelobe, dass ich mich trotzdem am Gestaltungsprojekt „Hannover“ beteiligen werde, wenn sich noch Mitstreiter finden. Bislang droht das Mitmachprojekt mangels Beteiligung zu scheitern. Also auf! Gib dir einen Ruck hierzu! So jung kommen wir nicht mehr zusammen.