Feuilletonistisches oder: Blättchengedöns

Meine lieben Damen und Herren,

Sie als treue Leserinnen und Leser wissen, dass am Anfang der Texte im Teestübchen meistens eine Vignette in den Text eingerückt ist. Dieses typografische Signal kennzeichnet den Inhalt und gibt eine grobe Orientierung, was im Folgenden zu erwarten ist. In letzter Zeit habe ich mehrere Texte verfasst, für die es im Teestübchen keine Kategorie gab, vielmehr hatte ich keine passende Vignette. Das hat mich heute fast den ganze Tag beschäftigt.

Das französische Wort Feuilleton bedeutet Blättchen. In der Zeitungswissenschaft ist damit sowohl das Kulturressort einer Zeitschrift/Zeitung als auch eine journalistische Darstellungsform gemeint. Diese Form zeichnet sich durch einen literarischen Stil und oft humorvollen Plauderton aus. Der gelingt mir selten genug, meistens wenn ich nichts Besonderes schaffen will. Die Themen des Feuilletons sind nicht weltbewegend, sondern im Alltäglichen angesiedelt. Es geht oft um kleine Dinge. Ich habe schon immer gerne über kleine Dinge geschrieben. Georg Christoph Lichtenberg schreibt: „Die Neigung der Menschen, kleine Dinge für wichtig zu halten, hat sehr viel Großes hervorgebracht.“ Dieser Mensch war er zweifellos selbst. Lichtenbergs Geistesblitze entzündeten sich oft an der Betrachtung vermeintlich kleiner Dinge, wie in seinen berühmten Sudelbüchern zu lesen ist. Ich will mich keineswegs mit ihm vergleichen, wollte ihn nur als Gewährsmann aufrufen und gleichsam legitimieren, dass ich mich gerne den banalen Alltagsdingen widme. Denn ich glaube, dass sich im Kleinen das Große finden lässt, wie im Großen das Kleine.

Hier also die Vignette „Feuilleton“. Ich werde morgen rückwirkend einige Texte in die Kategorie einordnen, und schwupp wird sich zeigen, dass wir im Blog sogar die Vergangenheit beeinflussen können. Wenn Sie dann auf die Vignette klicken, flitzt der Teestübchen-Bibliothekar ins Archiv und holt alle Texte hervor, die sich grob unter „Feuilleton“ subsummieren lassen. Ganze acht Stunden Arbeit mit einem Hin und Her von Entwürfen stecken in der neuen Vignette „Feuilleton.“ Aber, wird mancher denken, das sieht man nicht. Warum hat’s denn so lange gedauert? Zur Erläuterung diese kleine Geschichte von Leo Tolstoi:

Drei Kranzkuchen und ein Kringel

Ein russischer Bauer hatte einen Wolfshunger. Er kaufte einen großen Kranzkuchen und aß ihn auf. Er hatte immer noch Hunger. Er kaufte noch einen Kranzkuchen und aß auch den. Und immer noch hatte er Hunger. Er kaufte einen dritten und aß ihn ebenfalls. Und auch jetzt war sein Hunger nicht gestillt. Da kaufte er sich Kringel. Und kaum hatte er den ersten gegessen, war er satt.
Der russische Bauer schlug sich an den Kopf und sagte:
„Was bin ich doch für ein Narr!
Nun habe ich ganz umsonst das Geld für die Kranzkuchen hinausgeworfen.
Mit dem einen Kringel hätte ich anfangen sollen!“

Die fertige Vignette ist der Kringel. Update 07.03.2017, 7:20 Uhr: Feuilletontexte sind jetzt zugeordnet und können über die Seitenleiste aufgerufen werden.

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30 Kommentare zu “Feuilletonistisches oder: Blättchengedöns

  1. Lieber Jules,

    Feine Idee!

    Das Feuilleton lese ich besonders gern. Vor allem mit Humor und Finesse gewürzt. In der Aussicht kranzkuchiger Lesewonnen, kringeln sich meinem Wolfshunger glatt die Leseaugen in Spiralsichtgläser…

    Liebe Grüße,
    Stefanie

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  2. Feuilleton-Zeitalter. Hesse …
    Die Kringelgeschichte kenn ich. Funktioierte analog mit russischem Vodka, schwarzgebrannt. Nein, nicht „Der letzte war schlecht“ als Ausrede für gefütterte Fische. Sondern im Sinne von erst zehn, dann neun, dann acht, dann sieben Vodka, alle geext und immer so weiter runter bis beim letzten geexten Vodka vom Kneipenhocker endlich ins Koma gekippt: „Scheiße. Rausgeschmissenes Geld. Der letzte hatte den besten Effekt. Ab jetzt immer nur einen.“ …

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    • Hesses Kritik am Feuilleton-Zeitalter bezieht sich ja auf diie Presse seiner Zeit. Für unser Medium Blog mag ich sie nicht gelten lassen. In diesem jungen Medium bilden sich ja gerade erst Darstellungsformen heraus. Die meisten Blogger stellen sich beim Schreiben noch keine formalen Fragen, aber indem sich das Blogschreiben weiterentwickelt, wächst sicher auch das Bewusstsein um die angemessene Form. Da ist es hilfreich, sich an journalistischen Darstellungsformen zu orientieren.
      Danke für die Vodka-Variante des Schwanks von Tolstoi. Ich versichere, dass bei der Gestaltung der Vignette kein Alkohol im Spiel war 😉

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  3. Manche Arbeiten sieht man leider nicht gleich. Das sind die vermeintlich undankbaren Arbeiten. Struktur ist oft ein Gewinn und ich mag es gerne, wenn ich mich zurechtfinde und gelotst werde. Die Vignette Feuilleton werd ich sicher öfter mal anklicken.

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    • Das ist besonders der Fall, wo man die Vorarbeit nicht sieht, sondern nur den Abschluss einer Entwicklung. Bei den vielfältigen Themengebiete, die ich bearbeite, ist eine klare Struktur nötig. Seit einigen Jahre versuche ich, mein Schreiben inhaltlich und formal daran auszurichten. Freut mich, wenn du es zu schätzen weißt.

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  4. Sehr schön, die Kringel-Geschichte. Sie erinnert mich sehr an die Kurzgeschichten von Daniil Charms. Wie diese:

    Ein Franzose bekam ein Sofa, vier Stühle und einen Sessel geschenkt.
    Der Franzose setzte sich auf den Stuhl am Fenster, dabei wollte er lieber im Sessel sitzen. Nun legte der Franzose sich aufs Sofa, wollte aber eigentlich lieber im Sessel sitzen. Nun stand der Franzose vom Sofa auf und setzte sich wie ein König in den Sessel, aber schon arbeitete in ihm der Gedanke, dass es im Sessel ganz schön pompös sei.
    Lieber schlichter, auf einem Stuhl. Nun setzte sich der Franzose auf den Stuhl am Fenster, aber es missfiel dem Franzosen auf diesem Stuhl, weil es am Fenster irgendwie zog. Der Franzose setzte sich auf den Stuhl am Ofen und fühlte, dass er erschöpft war. Da beschloss der Franzose, sich aufs Sofa zu legen, um sich auszuruhen, aber kurz vor dem Sofa bog er ab und setzte sich in den Sessel.

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    • Dankeschön für diese Kurzgeschichte. Eventuell hat Tolstois Schwank sie bei Daniil Charms angeregt. „Drei Kranzkuchen und ein Kringel“ findet sich in vielen Grundschul-Lesebüchern. Sie besticht durch ihre Schlichtheit, was ja bei Charms Geschichte ähnlich ist. Weißt du, ob sie für Kinder gedacht war?

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          • Charms schrieb eigentlich für keine Zielgruppe in dem Sinne. Für Kinder schrieb er, um zu überleben, denn die Veröffentlichung seiner anderen Werke zu den Zeiten (1930-er) nicht denkbar war. Doch durch die avantgardistische Verfremdung und eine bereits in Richtung des Absurden tendierte Stilistik wirkten seine „nicht-für-Kinder“-Werke wie für Kinderbücher geschaffen. Die Kinder liebten übrigens seine Texte ausgerechnet, weil er sich in diesen nicht an die Kinderleserschaft anbiederte, sondern zielgruppenlos losschrieb 🙂

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            • Stimmt, ich las es grad bei Tante Wiki nach, es war Samuil Marshak, der Charms auch für die Kinder entdeckte. Sie lieben ihn, das habe ich selbst erlebt. Wo Erwachsene verzweifeln, verstehen sie und lachen oder lassen sich von ihm entführen…danke für Deine Ergänzung. Ich freu mich über alles, was ich über Daniil Charms erfahren kann und habe noch Nachlesebedarf bei ihm. Kam als erstes mit den ‚Seltsamen Seiten‘ in Berührung (versteckte sich zerfleddert zwischen anderen Bibliobüchern). Nach dem Umzug fand unsere Bücherei es nicht wieder. So schade…ich spare grad auf eine gebrauchte Ausgabe. Das Buch ist eine Perle…

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  5. Diese strukturierte Darstellung Deiner Blog- Kategorien mit den Vignetten zeigt Deine professionielle Vorgehensweise, das gefällt mir gut, schön übersichtlich 🙂 Und wieder so ein „großer“ Satz, Zitat: „Denn ich glaube, dass sich im Kleinen das Große finden lässt, wie im Großen das Kleine.“ Wie wahr. VG Willi

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    • Nicht jeder kann soviel Zeit darauf verwenden, sein Bloggen zu professionalisieren. Doch ich meine, wenn die Gesellschaft mich schon alimentiert, kann ich was zurückgeben. Dankeschön für das erneute Lob meiner Sätze, lieber Willi.
      Beste Grüße

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      • Gerne, das freut mich. Und ich finde Deinen Hinweis gut, denn ich glaube, den wenigsten, meist von Politik und Unternehmen unterstützten oder geduldeten Personalabbaugründen frühpensionierten (was ich Dir nicht untestellen oder vorwerfen will!), Beamten geben zu, dass die Gesellschaft, bzw. der arbeitende Steuerzahler, sie alimentiert.

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  6. Diese Form zeichnet sich durch einen literarischen Stil und oft humorvollen Plauderton aus. Der gelingt mir selten genug

    Das fällt schon unter fishing for compliments…;-)…

    Aber, wird mancher denken, das sieht man nicht. Warum hat’s denn so lange gedauert?

    Weil fast alles, was gut ist und einfach wirkt, lange dauert. Wenn man das dann sieht, hat sich einer Mühe gegeben und das ist dann noch nicht einfach und gut genug.

    Albert Einstein:
    °Mache die Dinge so einfach wie möglich – aber nicht einfacher°

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    • So wars nicht gemeint. Wenn ich den desolaten Zustand unserer Welt vor Augen habe, dann kommt mir manchmal die Lockerheit abhanden und ich habe ein schlechtes Gewissen ob kleiner Themen. Das Einstein-Zitat gefällt mir sehr. Vielen Dank. Entspricht dem Satz, von dem ich mich leiten lasse, der fürs Schreiben wie für alle Künste gilt: „Was sich zuletzt erst erlernen lässt, ist Einfachheit.“

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    • Früher habe ich das Feuilleton der SZ geliebt wie auch das oftmals genial geschriebene „Streiflicht.“ Hab sehr davon gelernt und manches ausgeschnitten. Wenn ich solche Texte wiederlese, werde ich ganz demütig. Aber herzlichen Dank für dein positives Urteil!

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