Einmal ein anderer sein

Jeden Morgen beim Aufwachen staune ich, dass ich noch da bin. Und ich staune auch, dass ich mich exakt in dem Leben wiederfinde, aus dem ich mich am Abend verabschiedet habe, als ich in den Schlaf sank. Nie wird man morgens wach und ist mal ein anderer. Für einen Tag wenigstens könnte man doch aufwachen und zum Beispiel ein Seehund sein, der einen bunten Ball auf der Nase balanciert. Und hätte ich meine Sache gut gemacht, würfe man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu. Freilich wüsste man nicht, was das Seehund-Ich inzwischen mit dem menschlichen Körper anstellen würde.

Man wird wieder wach im eigenen Körper und hat den Wanst voll Fisch, dass man sich kaum noch bewegen kann. Das wäre übel, denn ich bin Vegetarier. Dann müsste ich einen ganzen Schwall Fisch in die Biotonne würgen. Was sollen die Nachbarn denken? Woher die Schlammkruste an meiner Hose käme, wüsste ich auch nicht. Am Ende würde ich noch ins Polizeipräsidium geladen, weil man mich beschuldigt, im Fluss geangelt zu haben. Ohne Angelschein! Vorsorglich stelle ich mich dumm: „Wer sagt das?“
„Angler haben Sie gesehen, wie Sie am Flussufer gekniet und mit bloßen Händen Fische gefangen haben.“ „Moment! Das ist kein Angeln. Zum Angeln braucht man eine Angelrute.“
„Ach. Wie nennen Sie denn Ihre Methode?“

Gif-Animation: JvdL

„Äh, Fischen?“
„Dann haben Sie eben gegen das Fischereirecht verstoßen. Zu ihrem Glück ist das nur eine Ordnungswidrigkeit. Mit 80 Euro sind Sie dabei.“
„80 Euro?! Dieser verfluchte Seehund!“
„Welcher Seehund?“
„Ach, nichts.“
Und ich habe mich so angestrengt mit dem Ball.

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18 Kommentare zu “Einmal ein anderer sein

    • Liebe Fee,
      ja, bei diesem Sommer sind die mit Flossen im Vorteil. Danke für den hübschen Beifall.
      Im flämische Öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt nach Autowerbung mit Kreditangebot immer diese Warnung: „Let op, geld lenen kost ook geld“ (Pass auf, Geld zu leihen kostet auch Geld)
      Schöne Grüße!

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      • Mit der technischen Umsetzung kenne ich mich nicht aus, aber die Erfahrung lehrt, dass die Dinge, die am einfachsten aussehen, oft die schwierigsten sind. Soviel auch zum Thema „Warum soll es nicht gehen, als ein anderer aufzuwachen?“. Wobei die künstlichen Intelligenzen bereits sehr viel ermöglichen. Einigen Betrachtungen zufolge sind wir jetzt schon zu Cyborgs geworden, da das Smartphone mit Internetanschluss mittlerweile fester Bestandteil von uns – ein verlängertes Arm oder so – ist. Habe ich neulich irgendwo gelesen.

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  1. Interessant, dass du mit dem Seehund das Jonglieren von Bällen assoziierst – und nicht die wunderbaren, pfeilschnellen Schwimmkünste, die unbegrenzte Freiheit in der See und die Vielfalt an Fischen, die der Seehund selbst fängt.
    Möchtest du tatsächlich eines Morgens als gefangener Seehund aufwachen? In einem kleinen Wasserbassin, den Ball auf der Nase, zugeworfene Fischstückchen fressend?

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  2. Manchmal erwischt einen ja so einen Ahnung von einem anderen Leben, von einer ganz anderen Existenz. Wobei ich da noch nicht an den Seehund geraten bin, aber wenn ich mit dem Bus durch die Stadt fuhr, dann sah ich ein Zimmer und darin einen Mann oder eine Frau und für einen Moment war ich da, tauschte den Platz im Bus mit dem in der fremden Wohnung und roch, was dieser Mensch roch und sah, was er sah. Vermutlich ist das behandlungsbedürftig.

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    • Interessanter Kurzbericht, ließe sich gut zu einem Roman ausbauen. Jedesmal, wenn du vorbeifährst, schlüpfst du in die Wohnung, wirst auf unerklärliche Weise mal in den Mann, mal in die Frau versetzt. Dann könntest du zwei Handlungsstränge aus drei Perspektiven erzählen.

      Ich glaube, die Vorstellung ein anderer zu sein, hat jeder mal. Im Roman „Wenn ich du wäre“ von Julien Green kann der Protagonist mit Hilfe eines Zauberspruchs in die Rolle eines andern schlüpfen. Den Roman habe ich mit 18 gelesen und zumindest Titel und Autor nie vergessen, weil mich das Thema schon als Kind beschäftigt hat. Meine Mutter brachte ein neues Micky-Maus-Heft mit, und meine Schwester gewann den Streit, wer es zuerst lesen dürfte. Da starrte ich auf ihren Hinterkopf, wollte hineinschlüpfen, um sehen zu können, was sie sah.

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