Gekritzelt – Bekannt aus Funk und Fernsehen

networking
Als ich noch in Aachen lebte, hat einmal ein Handwerker das Klingelbrett repariert. Da musste er zum Test gelegentlich bei mir klingeln. Jedesmal, wenn ich “Ja?“ in den Hörer der Haussprechanlage gesagt habe, hat er seinen Namen genannt und erklärt, dass der Hausbesitzer ihn beauftragt habe, das Klingelbrett zu erneuern. Und dann hat er gefragt: “Sind Sie Herr Dingens?“ Und ich habe „Nein.“ gesagt, als er meine Stimme schon hätte wiedererkennen müssen, habe ich: „Noch immer nicht“ gesagt.

Später war ich einkaufen, und als ich zurückkam, fummelte er weiter an den Kabeln. Da wurde mir erst richtig klar, wie kompliziert das Netzwerk eines Klingelbretts ist. Man nimmt alles so selbstverständlich hin, obwohl nichts selbstverständlich ist. Das ganze gesellschaftliche Leben ist in komplizierten Netzwerken organisiert. Die meisten nimmt man nur wahr, wenn sie nicht mehr funktionieren. Von anderen weiß man gar nichts oder wenig, weil man dem Netzwerk nicht angeschlossen ist.

LukeGiovanni, Ich bin dein VaterOnkel!
In Hannover-Linden sehe ich gelegentlich einen Stadtstreicher. Er trägt seine Habe in einer abgerockten Plastik-Einkaufstüte der Ladenkette NP. Manchmal kommt er mittags mit kleinen Trippelschritten ins Marktcafé, um ein Glas Rotwein zu trinken. Letztens saßen eine Freundin ich im rückwärtigen Raum des Marktcafés. Da kam der Stadtstreicher hinzu und setzte sich mit seinem Rotwein an einen Tisch auf der anderen Seite des Raums.

Vote2 – Montage: JvdL

Wir besprachen, dass Chefredakteure von Printmedien häufig arrogante Pinsel sind und lachten darüber, dass Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bei der Europawahl aus lauter Selbstgefälligkeit zweimal gewählt hatte, weshalb eine Weile gegen ihn wegen Wahlbetrugs ermittelte wurde. Die Freundin wusste zu erzählen, wie Di Lorenzo sich in einer Bäckerei über eine Verkäuferin geärgert hatte und entrüstet gefragt habe: „Ja, wissen Sie denn gar nicht, wer ich bin?“ Da fragte der Stadtstreicher quer durch den Raum: „Der Giovanni? Der ist ganz berühmt, kommt sogar im Fernsehen. Ich bin sein Onkel.“

Das Kleinknechtsyndrom
Ein Kollege erzählte aus seiner ostpreußischen Heimat, auf dem Gut habe ein geistig behinderter Mann als Kleinknecht gearbeitet. Der hatte Anspruch auf mittags eine Mahlzeit, eine „Schettel“ (Schüssel) voll. Einmal sei man bei der Feldarbeit gewesen und hatte für den Knecht die Schüssel vergessen. Stattdessen gab man ihm reichlich in einen Eimer. Da murrte der Kleinknecht, weil er nicht voll war, denn er hatte Anspruch auf eine Schettel voll. Ich habe den Verdacht, dass wir in vielerlei Hinsicht nicht anders sind als der Kleinknecht, dass wir nämlich die Dinge oft mit dem falschen Maß bewerten. Nur ist es selten so offensichtlich wie im Beispiel des Kleinknechts.

Abteilung: Blöde T-Shirt-Aufdrucke
„Kaltes Bier und heiße Weiber
sind die schönsten Zeitvertreiber“ –
und das über einem Schmerbauch. Da waren wohl viele Biere gewesen und heiße Weiber nur vom Hörensagen.

Advertisements

Gekritzelt – Einmal Ablaichen, bitte

Auf Befehl höherer Wesen
Zu den Mysterien meiner Straße gehört ein langer Mann mit steifem Bein. Er hebt herumliegenden Müll auf und bringt ihn zum Abfallkorb des Spielplatzes. Er kann sich nicht gut bücken, wie überhaupt das steife Bein ihn behindert. Wenn er die Treppen des Fußwegs steigt, dann tritt er so unsicher und wankt dermaßen, dass ich oft fürchtete, er werde hintenüber kippen. Er liest alles mit bloßen Händen auf und ist stets gut gekleidet, als hätte man ihn unvorbereitet zum Müllsammeln bestellt.

Ahornhonig wird knapp

Ich lebe ja quasi in einer Baumkrone, das heißt wenn ich aus dem östlichen Fenster schaue, habe ich die stattliche Krone eines Spitzahorns vor Augen. Während der Sommer zuvor glänzten seine Blätter klebrig von den Ausscheidungen der Blattläuse. Die Bienen machen Honig daraus. Heuer sind die Blätter so oft im Regen gewaschen worden, dass ihre Oberfläche ganz matt und stumpf geworden ist. Bald hat sie der Laubbläser.

Menschliche Sprache
Barbar, Berber, Bonbon, bye bye, Coco, Dada, Didi, haha, hehe, hihi, hoho, Husch husch, Hutu, Jojo, Killekille, Kuckuck, Mama, Meme, Mimi, Papa, Popo, Pipi, Pinkepinke, Tamtam, Tata, Tsetse, Tutu, Toto, Wauwau – diese Wörter oder Wortpaare haben gemeinsam, dass sie aus Silben-Zwillingen bestehen. (Weitere Beispiele: Hulahula, Maumau, Singsing, Chowchow, Dumdum, Purpur – Nachweis Dieter Kayser; Lulu und Kaka – Nachweis Herr Ösi)
Die eindeutigen Fremdwörter unter den Silbenzwillingen lassen ahnen, dass es die silbische Verdoppelung in allen Sprachen gibt. Auffällig ist die Nähe zu kindlichen Lautäußerungen, manchmal, so scheints wird durch die Verdopplung etwas bekräftigt. Vielleicht sind derlei Wörter die Urbausteine menschlicher Sprache.

Dialogisches

Ich treffe Harald und frage: „Warst du das eben hinter mir im roten Fiat?“
„Ja.“
„Ach so.“
„Wieso ach so?“
„Wenn man etwas erfährt, was man vorher noch nicht wusste, dann ist das eben ‚Ach so.’“
„Ach so.“

Abteilung: Komische Berufe
Bei Meedia erschien im Juli ein Interview mit dem Digitalberater Thomas Knüwer. Was ein Digitalberater macht? Er sagt beispielsweise solche Sätze: „Wer glaubt, nur Werbung als Native Ad ablaichen zu können, wird scheitern.“ Was ist mit diesem „Schwurbelschwatz“ (noemix) gemeint? Native Advertising ist eine Form der Werbung im Internet oder in den Medien, die wie ein redaktioneller Beitrag daherkommt. In klassischen Medien ist es verboten, Native Advertising formal dem redaktionellen Teil anzupassen. So darf Rundfunkwerbung nicht mit der Stimme des Moderators in Sendungen eingebaut werden. Im Print darf die Werbung nicht typografisch identisch sein mit dem redaktionellen Teil. Nicht immer ist die saubere Trennung einfach, beispielsweise, wenn es um Werbung in eigener Sache geht wie hier:

Amüsantes
In den Graphologie News, einer Online-Zeitschrift der Europäische Gesellschaft für Schriftpsychologie und Schriftexpertise, Zürich, Schweiz ist in der aktuellen Ausgabe 05/2017 eine Rezension der Teestübchen-Publikation „Buchkultur im Abendrot“ erschienen. Die ungenannte Autorin des links zu sehenden Teasers (in der Redaktion arbeiten ausschließlich Frauen) findet den Titel des Buches „amüsant“, und ich fragte mich spontan warum. Nach einer Weile sah ich den Grund. Sie hatte den Titel verlesen und zitiert „Buchkultur im Abendbrot.“ Es lag vermutlich am Hunger. (Zur Rezension: Screenshot klicken.)

Gekritzelt – Immerzu Gerappel und Geklingel

Tata-Taataataaaaa
Eine Unterkategorie der Science Fiction ist die Dystopie. Dystopien zeigen pessimistische Gegenbilder der Utopie, totalitäre Gesellschaften wie etwa in Georges Orwells Roman „1984“, Ray Bradburys „Fahrenheit 451“, in Terry Gilliams bedrückendem Film „Brazil“ oder in der verfilmten Romantrilogie „Hunger Games“ von Suzanne Collins. Was hat es zu bedeuten, dass die Tagesschau-Titelmelodie neuerdings exakt klingt wie aus einer der filmischen Dystopien? Ist das Versehen oder schreckliche Drohung?

Tee von gestern
Ich achte handwerkliche Leistung bis zur Selbstaufgabe. Wenn beispielsweise mein Friseur mir mehr von den Haupthaaren abschneidet als vereinbart, verkneife ich mir Protest. Daher ging ich letztens mit einer Halbseitenglatze nach Hause – und gab sogar Trinkgeld. Darum würde ich nie machen, was einer bei Fräulein Schlicht tat. Er trat an die Theke und sagte schwäbelnd ungefähr das: „Erkläre bitte deiner Mitarbeiterin von gestern, wie Früchtetee gemacht wird. Sie schaufelte Löffel um Löffel hinein, und mir war klar: „Das wird Schwarztee, aber kein Früchtetee.“ ZOUNDS! Das ist ja noch schlimmer als eine Halbseitenglatze. Aber warum beschwert er sich erst tagsdrauf? Hat er heute Morgen Korinthen kacken mussen?

Die Wahrheit über Dada
In seinem wunderbaren Buch „Agar agar zaurzurim – Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“ verrät Peter Rühmkorf, dass Dada im Malaysischen die weibliche Brust meint.

Die Glasknochen der Erinnerung
Manche Erinnerungen sind so fragil, wenn man nach ihnen greift, um sie aufzuschreiben, zerbröseln sie.

Wütend vor Angst
Im Haushalt meiner Patentante Liesl lebte ihr alter Vater, der Opa Happ. Als ich mal bei ihr in Ferien war, hatte er herausgefunden, dass er mich abends ärgern konnte, wenn er befahl: „Husch husch ins Körbchen!“ Das machte mich wütend, und darüber freute sich Opa Happ, aber es lag gar nicht an den Worten. Ich mochte nie gern zu Bett gehen, weil im Schlafzimmer oben auf dem Kleiderschrank meiner Tante alte Puppe Gundula saß. Vor Gundula hatte ich im Dunkeln eine Scheißangst. Opa Happ und Gundula, das Alptraumpaar.

Homunculi
Als ich Sonntag aus dem Fenster schaute, habe ich erblickt, wie zwei Männer im Pitbullsmoking von Addidas auf dem Spielplatz unten einen Grill aufgebaut und mächtigen Qualm produziert haben. Schaue ich zum zweiten Mal hinaus, sitzt hinter der Qualmwolke ganz schemenhaft ein weiterer Mann im Pitbullsmoking. Und klar, 15 Minuten später lungert ein Vierter um die Feuerstelle herum. Die Alchemisten haben geglaubt, wenn sie eine Phiole mit Sperma für eine Weile im dampfenden Kuhmist vergraben, dass in der Phiole ein Homunculus, also ein Menschlein heranwachsen würde. So glaube ich, dass im Qualmen und Rauchen eines Tankstellengrills Männer mit Pitbullsmoking erzeugt werden.

Immerzu Gerappel und Geklingel …
… ist die Überschrift und hier die Unterschrift:

Gekritzelt – Guten Tag, Frau Habermehl!

Namen behalten
Immer bin ich versucht zu einer Frau Haberkorn, fälschlich Frau Habermehl zu sagen. Es könnte aber auch umgekehrt sein. Ich kanns mir einfach nicht merken, vermutlich weil ich mal darüber nachgedacht habe, dass Haber die oberdeutsche Form von niederdeutsch Hafer und Mehl das feine Korn ist. Schon früher konnte ich mir bestimmte Namen nicht merken. Eine blonde Schülerin hieß Nadine, aber mein Gehirn war der Meinung, sie müsse Sandra heißen und ließ mich die Namen immer verwechseln.

Reifes Urteil
„Einen Menschen kannst du nicht ändern“, sagt die junge Frau am Nebentisch, „ ein Mensch ist so wie er ist.“

Zwei Welten
Eine Szene zufällig im TV gesehen: Am Boden sitzt eine Obdachlose, hat neben sich einen schwarzen Hund. Eine Passantin mit Hund ruft schon von weitem: „Ach, ist der süß!“, tritt heran, beugt sich zum Hund hinab und fragt, ihn tätschelnd: „Wie heißt er denn?“
„Stinker“, sagt die Obdachlose, „und deiner?“
„Philipp!“

Ataraxie

In letzter Zeit kommt es immer öfter vor, dass ich einfach nur da sitze.

Lust am Drama
Obwohl ich mich kaum für Fußball interessiere, schaue ich manchmal die Sportschau. Mir gefällt die Begeisterung in den Stimmen der Sportreporter. Noch besser war das einst im Rundfunk, als man ständig zwischen den Spielen hin- und herschaltete, und zwar, wann immer das Geschehen in einem Stadion dramatisch war. Im Off die Schlachtrufe der Fußballfans, das kollektive Aufstöhnen, wenn ein Schuss daneben gegangen war. Da beneide ich die Fußballfans um das Kollektiverlebnis. Es muss eine Lust sein, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, und links und rechts, oben und unten, zehntausendfach, die geballte Energie von Gleichgesinnten, die ins Stadion donnert und von dort in alle Wohnstuben.

FC Knobi

Arne [mein damals siebenjähriger Sohn] kommt zu mir und fragt: „Wer wurde 1989 deutscher Fußballmeister?“
„Weiß nicht, vielleicht Bayern München?“
„Nein, der Knoblauch oder so.“
„Wieso Knoblauch?“, frage ich und muss lachen, denn mir fällt ein, wo das herstammt. Auf den Reinigungstabletten für die Zahnspange meiner Tochter sind Fragen und Antworten abgedruckt. Der Druck hatte sich bei der Produktion verschoben, so dass die Perforation die falschen Fragen und Antworten auf einer Tablette vereint.

Ich erkläre das meinem Jüngsten. „Das mit dem Knoblauch hat Malte [sein drei Jahre älterer Bruder] mir gesagt, und ich fand es gleich komisch“, sagt Arne und muss auch lachen. (Auf den Tag genau 27 Jahre alte Tagebuchnotiz vom 25. September 1990 )

Gekritzelt – Zweiter Atem und Das Nichts der Grünen

Diebskniffe
Mein Bruder erzählte, er habe als neuernannter Geschäftsführer einer Druckerei von seiner Vorgängerin gelernt, wie er sich im Kontakt mit Lieferanten zu verhalten habe. Wenn der Lieferant am Telefon einen Preis nenne, dann sage man zuerst gar nichts. In die peinliche Stille hinein werde der sein Angebot zu rechtfertigen versuchen und damit signalisieren, dass der Preis verhandelbar sei. „Rhetorik“, sagt schon der Sprachphilosoph Fritz Mauthner, ist „eine Sammlung von Diebskniffen.“

25 Jahre Herbstluft
Wie ein zäher Brei aus unerschöpflicher Quelle zieht der Autolärm der Straße dahin, völlig gleichmäßig und eintönig, ohne je abzuebben oder anzuschwellen. Man möchte nicht glauben, dass der Klangbrei von verschiedenen Automobilen erzeugt wird, die von einander völlig fremden Fahrern gesteuert werden. Wie viele müssen dicht auf dicht folgen, um gerade den Lärmbrei mit just dieser Konsistenz zu formen, wie er von der abendlichen Herbstluft durch mein offenes Fenster zieht? Wer rührt den Brei an? Wer überwacht seine Klangfarbe? Wer ruft den sorgenden Familienvater weg vom Abendtisch und befiehlt ihm, seinen Platz in der Schlange einzunehmen? Jede Sekunde muss doch einer „Du bist gleich dran!“ hören, den Löffel auf den Esstisch fallen lassen und in sein Auto springen, wo er den Zündschlüssel dreht, um seine Pflicht als Autofahrer zu erfüllen und Teil des Breis zu werden. (Auf den Tag genau 25 Jahre alte Tagebuchnotiz vom 18. September 1992 )

Zweiter Atem

Als ich noch Radsportler war, fuhren wir oft 150 Kilometer oder mehr durch Eifel und Ardennen. Obwohl ich damals gut trainiert war, hatte ich immer um die 75 Kilometer herum einen Leistungseinbruch, der beim Fahren wieder verging. Heute geschieht mir Ähnliches, wenn ich mittags die Suppe löffele. Nach etwa 15 Löffeln werde ich müde und beginne zu überlegen, ob das Löffeln mich mehr Energie kosten wird, als ich mit der Suppe mir zuführen kann. Also entsprechen heute 15 mal Suppe Löffeln ungefähr 75 Kilometern Radfahren vor 20 Jahren. Zum Heulen, wenns nicht so ulkig wäre.

Nichts mit ohne Laterne
„Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts“, ließen die Grünen auf ein Wahlplakat drucken, das an der Laterne vor meinem Küchenfenster hängt. Was will mir das alberne Wortspiel sagen? Ich gucke am Tag nach der Bundestagswahl aus dem Küchenfenster, und die Umwelt mitsamt Laterne ist futsch? Das hätte ein Gutes: Am Nichts können selbst Deppen kein Plakat aufhängen.

Nochmals aus der Abteilung
„Texten ohne Denken:“

„Mit dem Plus bei Halsbeschwerden?“
Lieber nicht.

Foto: JvdL
(zum Vergrößern – des Fotos,
nicht der Halsbeschwerden –
[Strg +] oder Foto anklicken!)

Gekritzelt – Monika Ferres im Hinterhof

21. 08. Zirkusreif
Mir passieren Dinge, für die man als Zirkusnummer lange üben müsste. Nur wollte keiner sehen, wie ich mein Fahrradschloss aufschließe und sich der Briefkastenschlüssel zwischen Rahmen und Bowdenkabel der Hinterradbremse einklemmt. Oder: „Wertes Publikum! Sehen Sie den atemberaubenden Hergang, wie ein Mann sein Fahrrad aus der Haustür schiebt und mit einer Gürtelschlaufe im Türknauf hängenbleibt. Hinweis für Kinder: Gefährlicher Stunt! Nicht nachmachen!“

22.08. Ein Toter macht mich wahnsinnig

Otto Götz ist gestorben, im Alter von 103 Jahren und stockblind. Das war er schon, als ich ihn im Aachener Ludwig-Museum erlebt habe, zusammen mit Rudolf. Eine Dame vom Stamm der Kulturschranzen stellte Götz eine geklügelte Frage. Und er ganz brutal: „Das weiß ich nicht mehr. Außerdem muss ich aufs Klo.“ Mehr weiß ich nicht mehr. Heute suchte ich den ganzen Morgen über nach Aufzeichnungen davon, fand aber nichts, weil ich mich partout nicht erinnern kann, wann das gewesen ist. Wollte Rudolf fragen, kann ihn aber nicht erreichen.

23.08. Post vom Kellerkind

Witzige Headline gelesen: „Viele Grüße, deine Handschrift“

25.08. Hörbilder
Bei Fräulein Schlicht, die Brille vergessen, drum fast blindschreiben. Nebenan erzählt ein junger Mann von einer Frau, die Deutsch studiert habe, aber kein Wort Deutsch spreche. Ein Pärchen hinter mir würfelt. Es prasselt schön, aber auf Dauer nervig, wenn die offenbar kleinen Würfel auf die polierte Eichentischplatte fallen. Als ich noch in Aachen in meinem Haus lebte, hat ein Paar in der Nachbarschaft den ganzen Sommer durch auf der Terrasse gewürfelt. Immerzu der Klang von geschüttelten Würfeln in einem Lederbecher und, Plopp, das Stürzen des Bechers auf den Tisch.

30.08. Veronica Ferres im Hinterhof

Ab und zu liegt im Marktcafè die Süddeutsche aus. Ich suche nur das Streiflicht, die Glosse auf Seite eins. Zur Not lese ich noch die Panoramaseite mit den müßigen Meldungen über Prominente. Heute stand dort, Veronica Ferres, 50, habe mitgeteilt, sie hocke für Castings in Hollywoods Hinterhöfen herum, auf Klappstühlen oder Kisten und warte, vorsprechen zu dürfen. Wie traurig. Schuld ist die deutsche Presse. Weil immer an ihren Schauspielkünsten gezweifelt wird, hockt sie jetzt in Hollywood auf Kisten und will es allen zeigen. Wenn selbst splittrige Kisten sie nicht abschrecken, muss der Stachel tief sitzen.

31.08. Von der Lampe gefallen
An Lindens Laternenmasten hängt das Porträt von Yasmin Fahimi, Ex-Generalsekretärin der SPD. In einem Sträßchen beim Lindener Markt hielt sie letztens einen Vortrag, gefilmt von zwei jungen Männern mit dem Smartphone. Das war wie Kinderspiel. Man sollte erwarten, dass eine bekannte Politikerin mit einer Videokamera gefilmt wird und ein Tonmann mit einem Mikrophon dabeisteht. Ich fuhr mit dem Fahrrad vorbei und hörte, wie Sie etwas versprach. Mehr weiß ich nicht über ihre Vorhaben. Ich kann nur schreiben, was mir immer einfällt, wenn sie von einem Wahlplakat herunterlächelt: „Ich war mal deutsche Meisterin in der SPD-Disziplin „Links blinken, rechts abbiegen.“

Notizen einer Woche

14.08.2017 – Sage mir deinen Namen und ich sage dir, wie du heißt
Im Wartezimmer sitzt mir einer gegenüber mit einem Firefox-Logo auf dem T-Shirt. Wie ich noch über den Grund nachdenke, kommt die Sprechstundenhilfe, ruft: „Herr Kölner!“ und er springt auf. Ist immer erhellend, wenn ein anonymes Gegenüber plötzlich einen Namen bekommt. Da erweitert sich das Bild der Person, obwohl der Name ja grundsätzlich nichtssagend ist, weil die Namen von den Vorfahren stammen. Seine Vorfahren kamen vielleicht aus Köln, und jetzt heißt ein Hannoveraner auf immer „Kölner.“

15.08 – Reiseproviant

Immer wenn ich mit der Bahn verreise, hole ich mir im Bahnhof ein belegtes Brötchen. Die jene Brötchen schmieren, jeden Tag auf Neue, tun eine Arbeit, die niemals enden will. Sie schmieren die Brötchen und Leute wie ich kommen und fressen sie weg. Wann endet die Arbeit wohl? In 100 Jahren? In 37.000 belegten Brötchen? Wann endet diese Zivilisation, in der es üblich ist, mit der Bahn zu reisen? Und wer wird das allerletzte Brötchen essen?

17.08 – Zeit

Mein mittlerer Sohn wird heute 38 Jahre, was für ein schönes Lebensalter!

18.08.2017 – Im falschen Film

Ich schaute im TV einen Spielfilm über den Radsportler Lance Armstrong. Sein Leben, seine Krebserkrankung, sein systematisches Doping, seine Siege bei der Tour de France waren nachvollziehbar dramatisiert. Plötzlich verschob sich die Perspektive. Ins Zentrum der Handlung geriet eine schöne Antiquitätenhändlerin. Sie lernte einen Mann kennen, streifte mit ihm durch die Nacht und verabredete ein Wiedersehen in Paris. Ich dachte die ganze Zeit: „Wo ist denn jetzt Lance Armstrong?“, bis ich begriff, dass ich  über den Film eingeschlafen sein musste und im nachfolgenden Film wieder aufgewacht bin. Es war irritierend, weil sich Bildsprache und Handlungsort glichen.

19.08.2017 – Bewusstsein

Ein Radfahrer rollt dahin und plötzlich eine Panne. Der Reifen ist geplatzt und lässt sich kaum noch drehen. Er muss absteigen und schieben, ja, er muss das Rad sogar hinten anheben und tragen. Sofort ist er völlig anders in der Welt. Was zuvor sein Vehikel, sein Medium des Fortkommens war, ist jetzt ein Hindernis. Funktioniert so ähnlich das Bewusstsein? Entsteht das Bewusstsein aus Hemmungen im geistigen Fluss?

Hässliches Kompositum:

Ochsenmaulsalat

20.08.2017 – Therapeutisches Schreiben

Mit der Hand schreibe ich oft nur, um zu schreiben und hoffe, dass das Ausrichten der Wörter zu Sätzen und Zeilen das lahme Denken in Gang bringt. Mein Denken lahmt, wenn ich zu sehr im Hier und Jetzt bin. Dann fehlt die Distanz zur Welt. Ich bin mehr ein Tier als ein denkend Wesen. Käme jetzt einer daher und würde ein Stöckchen in die Botanik werfen, dann würde ich vielleicht hurtig aufspringen und durch Gras und Brennnesseln jagen, ohne zu wissen warum. Genauso weiß ich nicht, warum ich auf der Bank sitze, dem Rauschen der Bäume lausche und dem träg dahinziehenden Fluss. Mein Mitteilungsbedürfnis schlummert. Mein Denken lahmt. Was zwingt mich, das nicht hinzunehmen? Schreibe ich also aus Pflichtgefühl? Könnte es sein, dass der schöpferische Impuls nicht mehr ist als der Impuls des Hundes, den Stock zu apportieren?