Gekritzelt – Die Hüterin der Rindfleischsuppe

Scheuerdeppen
Aus meinem Viertel sind die Mo-Bikes verschwunden. Stattdessen stehen Leihfahrräder herum, die Werbung für Durstexpress.de machen. Zuerst dachte ich, der Anbieter hieße so und habe mich gefragt, ob man mit dem Leihfahrrad Getränke ausliefern müsste. Ich leihe mir so ein Fahrrad, weil ich von A nach B fahren will, kommt einer von Durstexpress und lädt mir einen Kasten Bier auf den Gepäckständer, den ich zuerst in einen fernen Stadtteil fahren und auf der 5. Etage abliefern muss.

Oder reicht es, wenn ich auf einem Durstexpress-Fahrrad besoffen fahre, so richtig mit Schmackes, als rasender Depp einer bescheuerten Verkehrswende. Auch nicht? Die Scheuerdeppen sind die auf den E-Rollern? Wie ich las, ist der Anbieter Lime der Sache bereits müde, weil man noch immer rote Zahlen schreibt. Ich sah so einen Lime-E-Roller, an dem ein handgeschriebenes Schild „Zu verschenken“ hing. Darüberhinaus sind alle E-Roller weg.

Aus dem Netz gefischt
Bei Heise-online hat ein Clemens Gleich eine hübsche Abrechnung mit den E-Rollern veröffentlicht und vermutet, dass die E-Roller-Mode bald vergessen sein wird. Dass der Schrott im Orkus des Vergessens verschwindet, ist ein frommer Wunsch. Irgendwo muss er ja hin. Bevor wir ihn auf einer Müllhalde in der 3. Welt verklappen, plädiere ich dafür, ihn im privaten Vorgarten des Herrn Scheuer zu vergraben.

Mysteriöses
In meiner Straße lehnt in einer leeren Wohnung ein stattlicher ungeschmückter Weihnachtsbaum. Er lehnte dort bereits vor Weihnachten und seither ist nichts mit ihm geschehen. Ich frage mich nach der Geschichte dahinter.

Verzällsche in zwei Sprachen
Im Heft des Heimatvereins meines Geburtsortes las ich eine hübsche Geschichte. Bevor ich die übersetze, teile ich zum Verständnis mit, dass auf dem Dorf zum Sonntagsmenü eine kräftige Rindfleischsuppe mit Fleischeinlage gehörte. Nun die Geschichte:

Marie un Dela jíngen immer zesamme en de Kirch. Die saßen en de Kirch nevenen.
Sonndachs en de Huhmess määde Marie de Täsch op un nohm dat Allheilmittel 4711 eraus.
Dela neujierisch wie se wor, reskeede ne Bleck en die Täsch un soch e Jebess.
Et flüsterte Marie en et Uhr:„Wat häs Du dann do vür e Jebess en de Täsch?”
Et Dela flüsterte zoröck:„Dat es von mengem Mann“.
Marie flüsternd: „Wiesu dat dann?
Dela janz hösch: „Dat es von mengem Mann! Während ich he für ihn bedde, brenk der et
ferdísch und dät dat Renkfleesch us der Zupp verdröcke.“

Marie und Adele gingen immer zusammen in die Kirche. Sie saßen während der Messe nebeneinander. Sonntags im Hochamt öffnete Marie ihre Tasche und nahm das Allheilmittel 4711 heraus. Adele, neugierig wie sie war, warf einen Blick in die offene Tasche und sah ein Gebiss. Sie flüsterte Marie ins Ohr: „Was hast du denn da für ein Gebiss in der Tasche?“
Adele flüsterte zurück: „Das gehört meinem Mann.“
Marie flüsternd: „Wieso denn das?“
Adele ganz leise: „Das gehört meinem Mann! Während ich hier für ihn bete, bringt der es fertig und verdrückt das Rindfleisch aus der Suppe.“

Gekritzelt – Meisterhaft tot sein

Geladen
Allmorgendlich, wenn ich Google.News aufrufe, um zu sehen, ob die Welt noch steht oder ob nicht ein durchgeknallter Egomane den Planeten gesprengt hat, erschrecke ich vor der rechts oben aufblitzenden Nachricht: „Dein Wetter wird geladen.“ Wie geladen? Ich bin Kriegsdienstverweigerer. Oder ist etwa meine Laune gemeint und Google befindet „Geladen.“ Da erwarte ich über mir eine finstere Wolke, aus der Blitze herabzucken, und bodenlosen Grimm. Muss aber nicht jeden Morgen sein, hehe.

Sitt sein

Zehnmal, verteilt über zweieinhalb Monate, bin ich nach Badenstedt zu meiner famosen Logopädin geradelt. Jedesmal bei meiner Rückfahrt kam ich am Getränkemarkt Sitt vorbei und nahm mir vor, das Fimenschild zu fotografieren. Da ich fast nie das Smartphone bei mir habe und die Kamera auch vergaß einzustecken, kann ich leider kein Foto bieten. Worum geht’s ?

Im Sommer 1999 wandte sich die Dudenredaktion zusammen mit Lipton Ice Tea mit einer Marketing-Aktion an die Schulen: „Uns allen fehlt ein Wort“, nämlich eines für den Zustand, wenn man genug getrunken hat. Die vermeintliche Lemmalücke sollte mit Lehrerschweiß, Schülergehirnschmalz und Ice-Tea geschlossen werden. Meine Schulleiterin kam damit zu mir und fragte: „Möchtest du dich mit deinen Schülern am Wettbewerb beteiligen?“ Ich sagte: „Um Himmels Willen, nein!“
Aber es müssen sich genug Deppen gefunden haben. Am Ende fand die Jury das Wort sitt preiswürdig. „Möchtest du noch einen Ice Tea?“ „Nein, danke, ich bin sitt.“ So muss man sich den Gebrauch des fehlenden Wortes vorstellen. Was in Wahrheit fehlte, war Verstand, denn Wortbildung per Preisausschreiben funktioniert einfach nicht, was zumindest die Dudenredaktion hätte wissen müssen. Aber es ging wohl gar nicht darum, den deutschen Wortschatz zu bereichern, sondern der Wettbewerb war der armselige Versuch, das Werbeverbot an Schulen zu unterlaufen. Die Frage nach einem Gegenwort zu durstig ist nichts als ein Marketingjux. Wir vermissen kein Antonym zu durstig, weil das Trinken kein echtes Sättigungsgefühl vermittelt. Anderenfalls käme man mit flüssiger Nahrung aus, nach dem Motto: Das bisschen, was ich esse, kann ich auch trinken. Der weltkluge Egon Erwin Kisch hatte es lange zuvor schon auf den Punkt gebracht:

    Die Liebe gleicht dem Trinken
    Man wird davon nicht satt,
    Wenn man auch viel geliebet
    Und viel getrunken hat.

Nie kriegt man vom Trinken richtig satt, drum ist es möglich, einen Getränkemarkt „Sitt“ zu nennen, ohne sich das Geschäft zu verderben.

Sarglegung zur Probe
In einer Talkshow waren einmal zu Gast der Berliner Schauspieler Curt Bois und der kongeniale Zeichner Tomi Ungerer. Curt Bois erzählte, er habe schon seinen Sarg und sich mehrfach zur Probe hineingelegt. Darauf sagte Tomi Ungerer: „Übung macht den Meister.“
[übermittelt durch Uwe Saenger]

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Gekritzelt – Gras und 1a Studentenfutter

Freundschaftsdienst
Gestern besuchte mich Freund Ludger aus Aachen, den ich über den inzwischen verblichenen Freund kenne, der bei mir Jeremias Coster heißt. Ich hatte ja Costers unzählige Notizbüchlein geerbt. Seine Töchter hatten aber entschieden, sie zu schreddern. Ludger brachte mir Costers Tagebuch mit. Jetzt lese ich im Tagebuch, was höchst befremdlich ist. Die Handschrift erkenne ich aus der Briefpost, die ich von ihm erhalten habe. Das Tagebuch zu lesen ist wie seine Stimme aus der Vergangenheit zu hören.

Die Kaffeekanne erinnerte mich
In meinem Viertel ist es üblich, Gegenstände, Kleidung oder Bücher zum Verschenken vors Haus zu stellen. So fand ich die Kaffeekanne, die mir am Montag eine komplizierte Woche vorausgesagt hat. Die Geschichte, wie ich die Kanne gefunden habe, erinnerte mich an einen kuriosen Vorfall im Frühsommer dieses Jahres. Ich hatte gerade mit Hausnachbarn die Rekultivierung der Baumscheibe vorm Haus begonnen. Wir hatten schon einige Blumen gepflanzt, da war eines Morgens ein Zettel an den Baumstamm des Ahorns geheftet mit dem Foto eines Kindersitzes. Dabei stand in etwa folgendes: Man war von auswärts nach Linden gekommen, um Freunde zu besuchen. Da war einiges in deren Wohnung zu transportieren. Den Kindersitz habe man auf dem Bürgersteig abgestellt, um etwas aus dem Auto ausladen zu können. Als man zurückkam, war der Sitz weg. Man habe nichts von der in Linden üblichen Sitte gewusst, dass vorm Haus abgestellte Gegenstände zum Verschenken gedacht seien und erbitte sich den teuren Sitz zurück. Ich habe den Aushang nach einigen Tagen abgenommen, weil ich nicht wollte, dass Leute durchs frisch angelegte Beet steigen, um ihn zu lesen. Leider habe ich ihn nicht aufbewahrt.

Studentenfutter
Im Juli 2018 habe ich über eine kommentierte Bibliographie geschrieben, die ich wieder gefunden hatte. Bei der Neubearbeitung der „Buchkultur im Abendrot“ habe ich das einfache Literaturverzeichnis durch die Bibliographie ersetzt. Käufern meines Buches hatte ich angeboten, sich die Bibliographie hier als PDF runterzuladen. Inzwischen, Stand 06. November 2019, ist das 326 mal geschehen. Das wundert mich, denn so viele Bücher habe ich gar nicht verkauft. Wer lädt also die Bibliographie herunter und wozu? Mein Sohn, dem ich das erzählte, meinte, „das sind Studis.“ Das erklärt mir nichts. Was machen die damit? Fraglich ist auch, wie diese Leute die Bibliographie finden. Ich habe erfolglos diverse Suchphrasen ausprobiert.

Drogen vom Briefträger
Als ich noch gekifft habe, erbot sich Coster, mir in Holland Gras zu besorgen. Dann schickte er das Gras mit der Post. Ich trat eines Morgens vor meine Wohnung in der ersten Etage, da schlug mir der intensive Grasgeruch entgegen. Das ganze Treppenhaus roch danach. In meinem Briefkasten dann ein einfacher Briefumschlag mit dem dubiosen Inhalt. Coster hatte ganz arglos den hübsch gestalteten Aufkleber mit seiner Absenderadresse auf die illegale Postsendung gepappt.

Manekineko
Eine Geschichte zu schreiben: „Mein Leben als japanische Winkekatze“, sollte Glück bringen.
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Gekritzelt – Transit in Nichts??

Knatschjeck
Junge Menschen umstehen ihre junge Lehrerin. Während ich nebenan auf einer Bank sitze und ein Eis lecke, höre ich ungewollt, worüber sie sprechen, nämlich über „Baywatch.“ Baywatch? Augenblicklich fühle ich mich unwohl und danke Gott, obwohl ich keinen habe, dass ich nicht in der Gruppe stehen muss. An derlei Gesprächen habe ich mich noch nie beteiligen können, fühlte mich sofort wie ein Außerirdischer, den ein böses Schicksal in eine Welt von Deppen verschlagen hat. Und es ist ja kein Entkommen. Doch selbst, wenn man mir für jede läppische Bemerkung zum Thema Fünf Millionen intergalaktische Credits geben würde, auf dass ich den Transit in intelligente Sektoren des Universums bald bezahlen könnte, selbst dann könnte ich nichts zur Unterhaltung über Baywatch, überhaupt zu Serien beitragen, nicht mal, um der hübschen Lehrerin zu gefallen.

Binge Watching
Sich durch Serien glotzen am Stück den Verstand zu veröden, heißt Neudeutsch „Binge Watching.“ Wenn das Fernsehen schon eine gigantische Verblödungsmaschine ist, wird es noch durch Video-on-Demand-Anbieter wie Netflix oder Prime Video getoppt. Sag bitte nicht: „Binge Watching ist toll! “ Manche bohren sich auch ein Loch ins Knie und säen Salat rein.

Reicht für die intergalaktische Tarifzone
Eben fiel mir ein, wie ich mich doch gewinnbringend am Gespräch über Baywatch hätte beteiligen können. Ich hätte sagen können: „Schade, dass es bei Baywatch so wenig Enthauptungen gibt.“ Das wäre schon die halbe Fahrkarte. Den Rest schaffe ich locker per Beförderungserschleichung.

Wir zwei Herren
„Frohen Herrentag!“, wünschte mir heute Morgen die Bäckereifachverkäuferin. Und ich sagte mechanisch: „Danke, gleichfalls.“ „Herrentag“ ist ja ganz was Neues. Alleweil ändert sich was. Heißt denn der Muttertag demnächst „Damentag?“ Und Christi Himmelfahrt wird Peterchens Mondfahrt? (Im Bild: Damen-, Herren- und Kindertag aus: SZ, 06/1994, Klicken)

Transit ins Leere?
Eine erschütternde wahre Geschichte las ich unterwegs. Am hübsch geschwungenen schmiedeeisernen Gitter eines Jugendstilhauses an der Davenstedter Straße hing ein eingeschweißtes Blatt, worauf zu lesen, dass im Haus zwischen 1975 und 1977 drei befreundete Physiker gelebt hatten, ein Ehepaar und ein weiterer Mann. Das Ehepaar habe seinerzeit gegolten als John Lennon und Yoko Ono der Physik. Man forschte gemeinsam an der Leibniz-Universität zur Relativitätstheorie. Der Ehemann ist dann verschwunden, seine Frau zog sich krank in ein Stift zurück.

Bei Spiegel online las ich, ein hochgeachteter Physiker der Harvard-Universität habe die Existenz unseres Universums angezweifelt. Vermutlich habens die Lindener Physiker schon 1977 herausgefunden.

Schon wieder Davenstedter Straße
Letzte Nacht, ich hatte mich gerade zur Ruhe gebettet, sah ich mich die Davenstedter Straße überqueren, und zwar, wo ein Heer von Arbeitern kürzlich Teilstücke der Gleise ausgetauscht hat. Ich sah meinen Fuß auf eine Schiene treten und spürte, wie er am frischen Teer ringsum festklebte. Da erschrak ich fürchterlich, und mein Fuß im Bett schnellte hoch und riss sich los. Zum Glück. Wer will schon einschlafen, derweil der Fuß an einer Straßenbahnschiene klebt?

Annegrets Himmelfahrt

Gestern dachte ich, mich gegenüber Kramp-Karrenbauer vielleicht zu harsch geäußert zu haben. Heute lese ich, dass sie demnächst an der dubiosen Bilderberg-Konferenz teilnehmen wird. Den weiten Weg von der Ortsvorsteherin des Saarlands hinauf zum geheim tagenden Zirkel der Mächtigen schafft nur eine mit dem unbändigen Willen zur Macht. Drum mit Recht zur Vorsicht gemahnt.

Gekritzelt – Dieter Nuhr, „der Scheinkabarettist“

Kulturbeutel
Wenn man nicht alles gleich notiert. Gut 15 mal habe ich soeben die Schwelle zu meinem Wohnzimmer übertreten, um das Wort noch einmal zu hören, das heute morgen eine quietsche Diele sprach. Es war so ein absurdes Kompositum gewesen, das ich zu gern übermittelt hätte. Leider habe ich es vergessen und die Diele schweigt jetzt beharrlich still. Weil ich Begehrlichkeiten geweckt habe, die ich leider nicht erfüllen kann, erinnere ich ersatzweise an meinen Ikea-Wäschesack, der ebenfalls einmal gesprochen hat. Im Winter 2009 lag ich fiebrig im Bett und hörte mich gelegentlich seufzen. Mit einem Mal seufzte es ganz anders, und zwar aus der Ecke, in der mein Wäschesack stand. „Tschirch“ seufzte er laut und deutlich. „Tschirch“ ist meines Wissens kein deutsches Wort. Es gibt freilich einen bekannten deutschen Germanisten, der heißt Fritz Tschirch. Aber woher sollte mein Wäschesack deutsche Germanisten kennen? Also wertete ich die Bemerkung als kulturellen Bluff. Bisher hat nämlich noch kein Ikea-Wäsche-Aufbewahrungssack etwas Wesentliches zur Germanistik beigetragen.

Berti, der Klauer
Ich hatte schon verschiedentlich gelesen, dass Bertolt Brecht ein dreister literarischer Klauer gewesen sei, kannte aber kein Beispiel. Zufällig fand ich einen Beleg von Karl Corino, in Der Rabe – Magazin für jede Art von Literatur – Nummer 48. Es klagt an der österreichische Schriftsteller und Publizist Alexander Roda Roda (Text vergrößern durch Anklicken):

„Die Partei“-Chef Martin Sonneborn schießt hart gegen Dieter Nuhr“
Eine Überschrift aus „Der Westen.“ Clickbaiting (Clickköder) heißt diese Form der Überschrift, die mehr verheißt als der Text einlöst. Was hat Sonneborn gesagt? Konfrontiert mit Nuhrs Spruch über Kevin Kühnert: „pausbackiger Studienabbrecher“, fragt Sonneborn:

    „Der Scheinkabarettist Dieter Nuhr hat das gesagt? Na, das ist ja interessant.“

Was ist ein Scheinkabarettist? Erinnert an den Scheinriesen bei Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Je näher der Scheinriese kommt, desto kleiner wird er. Aus der Nähe hat er nichts mehr von einem Riesen. Dass Nuhr kein Kabarettist ist, sehe ich aber schon von weitem. Nein, er ist ein rechter Comedian, der sich an das Stammtischdenken ranwanzt, das Hohlkopfminister Andreas Scheuer unter „Menschenverstand“ versteht. Da wird auch schon mal gegen die Schwachen ausgeteilt. Oder kürzer: Scheinkabarettist = einer, der die Leute für Geld am Föttchen kitzelt.

„Jubelperser“
Sehr treffend fand ich diese Überschrift bei Telepolis, hätte nur das Fragezeichen weggelassen. (Klick auf die Grafik öffnet den Artikel). Ich habe mich aber gefragt, ob jüngere Generationen mit dem Begriff „Jubelperser“ etwas anfangen können. Er geht auf den Staatsbesuch des Schahs von Persien im Jahr 1967 zurück. 150 mitgereiste Geheimdienstmitarbeiter sollten, als jubelnde Demonstranten getarnt, den Schah vor Gegendemonstranten schützen und schlugen mit Dachlatten auf sie ein. Mehr dazu bei Wikipedia.

Gekritzelt – Freudiges Ereignis

Stockängste
Ein alter Mann und eine alte Frau beide am Stock sperren den Bürgersteig. Ich traue mich nicht vorbei und bin froh, dass die Frau sich einem Hauseingang zuwendet und geht. Da kann ich den Alten am Stock überholen. Männer am Stock sind gefährlich. Einmal fuhr ich mit dem Rennrad die Monschauer Straße entlang und musste ein älteres Paar Fußgänger überholen. Just, als ich auf deren Höhe war, meinte der Mann, etwas im Gras stochern zu müssen, und es fehlte nicht viel, da hätte er mir den Stock in die Speichen gesteckt.

Freudiges Ereignis
Was hat die Redaktion der Tagesthemen geritten? Im Bericht über den Brand von Notre- Dame zeigte man eine gut gelaunte deutsche Touristin, die folgendes absondert: „Wir haben das gestern im Flugzeug, gerade als wir gelandet sind, erst erfahren, haben das aus dem Flugzeug auch schon gesehen, dass das gebrannt hat, tatsächlich, und eh, ja, natürlich schade. Eine Sehenswürdigkeit, die natürlich sehr wichtig ist als – Kulturerbe.“ [Klick aufs Bild führt zur ARD-Mediathek, zu sehen ab 3:10]

Derweil ich das sah, dachte ich: „Vielleicht hörst du mal auf zu grinsen!“ Dazu kam es nicht. Es muss aber auch zu schön sein, aus dem Flugzeug bereits Notre-Dame brennen zu sehen und auch noch im Fernsehen davon erzählen zu dürfen.

Von den Dächern gepfiffen
„Sie sehen ja gut aus!“, sagt der Hausverwalter, der mich am Morgen herausgeklingelt hat. Und es klang so erstaunt, als hätten böse Zungen hinter meinem Rücken rumerzählt: „Der van der Ley sieht ja gar nicht gut aus.“ Falsch! Ich sehe ja gut aus.

Vorgeschichtliches im Tagebuch
Mein erster Tagebucheintrag datiert vom 2. September 1989. Auf der linken Innenseite jedoch klebt ein Notizzettel, den ich im Jahr 1982 beschrieben habe. Die Notiz ist noch in meiner verkommenen Handschrift verfasst, deretwegen ich mir wenig später Hefte für Erstklässler gekauft habe, um verschiedene Schulausgangsschriften neu zu lernen.

Da steht: „Idee f. Kinderbuch

Eines Tages mussten wir das Mittagessen mit dem Spaten aus dem Sprudelkasten essen, und das kam so …

Entwickelt wird nun eine Geschichte, in der jemand der Familie damit anfängt, ein falsches Gerät zu benutzen, weil gerade nichts anderes da ist/ keine saubere Gabel! Daraus folgt eine Kettenreaktion“

Gekritzelt – Blind im Kopf

Widerspruch
Es ist nicht meine Art, in Büchern herumzuschmieren, weder in meinen eigenen noch in Leihbüchern, was manche Menschen offenbar bedenkenlos tun. Solchen würde ich jede Schandtat zutrauen und erführe ich von ihrem dunklen Geheimnis, würde ich sie hinfort meiden. In meinem Bücherregal wird man kaum ein Buch mit Unterstreichungen oder Randbemerkungen finden, und doch habe ich kürzlich derlei entdeckt, eine nachlässige Unterstreichung mit Bleistift in einem fast 50 Jahre alten Buch: „ … Verblendung wächst durch Widerspruch.“ Ich muss schon in jungen Jahren die tiefe Einsicht erkannt haben, die in dieser Wendung steckt, und ich merke, dass ich wohl zeitlebens bestrebt war, sie zu beachten. Und habe ich das nicht getan, ist mir die Weisheit schmerzlich um die Ohren geflogen. Demgemäß rät Gracián: „Dem Widersprecher nicht widersprechen.“

Verlockend
Ganz ohne Slogan kommt die Zigarettenwerbung aus, die ich heute auf der Fössestraße fotografiert habe. Sie verspricht keinen Genuss mehr, sondern wirbt sogleich mit dem Schaden. Das erinnert mich daran, was ich über das Berlin der 1920-er Jahre gelesen habe. Da gab es ein Etablissement, in dem man sich gegen Bezahlung schädlicher Strahlung aussetzen konnte. Beides ist ein Appell an das Dumme im Menschen, an Dummheit und latente Todessehnsucht.

Lateinische Ausgangsschrift

Obwohl ich mich lange Zeit mit dem Erlernen verschiedener Handschriften beschäftigt habe und manche Schrift einst geläufig geschrieben habe, verfüge ich noch über meine Kinderschrift. Wie ich heute feststellte, kann ich die Lateinische Ausgangsschrift noch schreiben, wie ich sie als Erstklässler von der Tafel abgeschrieben habe. Das ist um so erstaunlicher, da mir feinmotorische Fähigkeiten mit einem Schlaganfall verloren gegangen sind und ich sie neu trainiert habe. Die Lateinische Ausgangsschrift habe ich derart verinnerlicht, dass sie nicht verloren gegangen ist. Meine Lehrerin, die mich schreiben lehrte, hieß Fräulein Lamboy. Ich wollte es können wie sie und war immerzu unzufrieden, weil mir die Buchstaben nicht gelingen wollten wie ihre Vorlage. Denn ich war verliebt in Fräulein Lamboy. Fräulein Lamboy hatte schöne weiße Hände, anders als die groben Hände der Landfrauen, die niemals richtig sauber wurden. Einmal nahm ich mir die Bürste und scheuerte meine Hände über dem Waschbecken, bis meine Mutter mich fragte, was in mich gefahren sei. Da sagte ich ihr, dass ich so schöne weiße Hände wie Fräulein Lamboy haben wollte. Doch Fräulein Lamboy hatte eine seltsame Krankheit, die sich just an ihren Händen zeigte. Im Laufe des Vormittags verkrampften sich ihre Finger und krümmten sich nach innen. Sie hielt dann die Kreide zwischen den verkrampften Fingern beider Hände. Wenn sie derart mit Kreide und Tafel zu kämpfen hatte, litt ich mit Fräulein Lamboy und hoffte für sie, dass der Unterricht bald endete, damit sie endlich mit dem Fahrrad zum Arzt des Nachbardorfes fahren konnte, der ihr täglich ein entkrampfendes Mittel spritzte. Eventuell haben mir diese starken Gefühlseindrücke die Kinderschrift eingebrannt.