Frau Wülles, Jakob und die Buben

Kürzlich bin ich zur kulturellen Landpartie im Wendland gewesen und habe gestaunt über die Fülle skurriler Ortsnamen wie Dickfeitzen, Salderatzen, Tolstefanz Thunpadel, Waddeweit. Sie gehen wohl auf die Sprache der Wenden zurück. Das ist ein slawischer Volksstamm, der sich einst unweit der Elbe niedergelassen hat und inzwischen assimiliert ist. Skurrile Ortsnamen gibt es auch in meiner ripuarischen Heimat, in der Gegend zwischen Köln und Aachen. Während die wendischen Ortsnamen allenfalls Poesie für mich sind, verbinde ich mit den ripuarischen eine Vorstellung, Diese Vorstellung existiert unabhängig von Tatsachen. Sie bringt etwas zum Klingen und beflügelt die Fantasie.

Einst sind wir, mein Freund Wolf und ich, mit den Rennfietsen von Aachen aus ins Eifelvorland nahe Düren gefahren. Wir starteten morgens bei niedrigen Temperaturen. Der Wind blies kräftig aus Süd-West. Ich hatte die Karte Naturpark Nordeifel eingesteckt und auch einige Ortsnamen auf ein Zettelchen gekritzelt, die bei der letzten RTF zur 115-Kilometer-Tour gehört hatten. Dort wollten wir hin. Wir wurden förmlich ostwärts geblasen, konnten uns aber nicht richtig freuen, denn diesen Wind würden wir bei der Rückfahrt gegen uns haben. Hinter Kreuzau holten wir einen Radsportler ein. Er schloss sich uns kurzzeitig an und wollte uns einen schönen Weg nach Thum zeigen. „Thum, Thuir, Tokio!“, rief er vergnügt; das schien ein geflügeltes Wort zu sein. Mich faszinierte die Vorstellung, gleich hinter Thum und Thuir würde sich aus den Rübenfeldern Tokio erheben. Da lag aber nur Froitzheim. Die Vokale werden nicht wie in Tokio getrennt gesprochen. Bei der Folge „oi“ wie in auch in Grevenbroich oder Broichweiden ist i ein Dehnungszeichen. Im ausgedehnten Froitzheimer Wald regnete es gelegentlich, aber der Wind verblies die Tropfen, so dass wir niemals nass wurden.

Dorfnamen wie ein Gedicht. Wie mager dagegen Girbelsrath, Echtz, Eich, Geich und so weiter, wo wir später herumfuhren. Darüber hatte ich zu Hause schon nachgedacht: Dass ja auch in Frauwüllesheim sich Dinge abspielen derart, dass ein junger Mann in sehnsüchtigem Verlangen zur Nachbarstochter entbrennt, das Haus umschleicht, Blicke wirft, Gelegenheiten sucht … und das geht vielleicht schon 1000 Jahre so, ohne dass man in der Weltgeschichte davon Kenntnis genommen hätte. Oder doch? Hat vielleicht ein Frauwüllesheimer die Fliegenklatsche erfunden, den beleuchteten Nachttopf, das Zerschneiden?
Jakobwüllesheim durchfuhren wir zügig, wurden durch eine Baustelle fehlgeleitet und kamen versehentlich nach Stockheim. Ein Junge auf einem Fahrrad erwies sich auf Befragen als „ortsfremd.“ „Ja bist du denn etwa aus Frauwüllesheim?“, fragte ich streng. „Nein, aus Aachen.“ Das waren wir selbst. Deshalb sahen wir auf der Karte nach. Wenn wir nicht zurückfahren wollten, müssten wir über Bubenheim fahren, einem Ort mit nur wenigen Häusern und einer Burg. Dorthin führte ein Wirtschaftsweg. Da er auf der Karte weiter hinten einseitig gestrichelt war, argwöhnten wir, der Weg sei nicht überall asphaltiert und ungeeignet für unsere Reifen.

Da kam ein faltiges Frauchen daher. Die fragte ich, indem ich ihr den Plan zeigte, ob der Weg befahrbar sei. Sie aber fand sich nicht zurecht. Offenbar hatte sie Stockheim noch nie von oben gesehen. Vermutlich war ihr der Gedanke gänzlich fremd, man könnte sich mit ihrer Welt kartografisch, also quasi theoretisch vertraut machen. Trotzdem erhob sie mutig ihre Stimme:

    „Hören Sie mal! Der Weg war früher asphaltiert, aber ob der dat immer noch is, dat weiß ich nicht. Fahren Sie besser über Jakobwüllesheim!“

Demnach war früher mal alles asphaltiert, Mac Adam oder Makadam, du verstehst – die ganze Gegend war voll davon, aber heute, na ja, da hat man vielleicht manche Stellen freigekratzt. „Unterm Pflaster ist der Strand“, haben sich die ausgeschlafenen Stockheimer gesagt. Nachdem die Frau so gesprochen hatte, begab sie sich auf den nahen Friedhof. Wir aber klickten in die Pedale ein und fuhren gegen ihren Rat los. Kaum auf dem Weg erkannten wir fern die Karrenspur, wo der Asphalt aufhörte.

In Bubenheim rollten wir auf die Burganlage zu. Der Torbogen der Meierei gähnte verlockend, und so lenkte ich hinein, ganz langsam, mehr tastend. Denn ich argwöhnte, hinter der Ecke lauere ein Hofhund. Da rief auch Wolf etwas von einem Hofhund hinter mir her, und ich sagte im hallenden Torbau: „Du kannst Gedanken lesen, aber hoffentlich nicht in die Zukunft schauen!“ Der Hund hielt wohl ein Mittagsschlöfli. Die aus Feldbrandsteinen erbaute Burg ist Ruine. Aus seltsamen Assoziationsketten wand sich Wolf etwas von „Weihnachten“ heraus, und wieder auf der Landstraße nach Frauwüllesheim sprach er vom Bedauern, wegen der Klimaerwärmung niemals mehr weiße Weihnachten zu erleben, allenfalls „in Form eines Blizzards.“ Das konnte ich mir nun gar nicht vorstellen. Ein Blizzard in Bubenheim? Das wäre doch sehr gewagt.

Wie ist es wohl zum Namen Frauwüllesheim gekommen? Vielleicht war da eine verwitwete Frau Wülles, und ihr Sohn Jakob siedelte später etwas abseits. Und waren es seine Buben, die eine Burg errichtet haben? Natürlich ist in Wahrheit alles ganz anders, aber nicht so hübsch. In Frauwüllesheim sah ich an der Bushaltestelle einen Aushang, der, DIN-A4 groß, eine ambulante Disco für die Jugend ankündigte. Ich war kurz versucht, ihn zu stehlen, ihn als volkskundliches Beutestück mitzunehmen, aber tat es nicht. So konnte sich in der Dorfjugend das Liebesgeplänkel ungehindert entfalten. Man wird noch von ihren Blagen hören! Oder eben vom Blizzard in Bubenheim.
[Bildmaterial aus einem Tagebucheintrag Juni 1993]

Simonskall – ein Fahrtbericht

Simonskall lag wie im Mittagsschlaf. Wir hielten und setzten uns vor ein Café auf die Sonnenterrasse unter einen der Sonnenschirme. Ein einsamer Kellner, Inder oder Pakistani, knibbelte versonnen an seiner Nase, dann nahm er unsere Bestellung entgegen. Simonskall hat Liebreiz. Ich hätte dort, den steil aufragenden Südhang des Kalltals vor Augen, noch lange sitzen mögen. Einige Meter seitwärts war ein Springbrunnen. Große Brocken Naturstein, wie absichtslos aufgetürmt, lagen inmitten eines Beckens und wurden von oben begossen, so dass das Wasser an allen Seiten herablief. Es kam aus dem Maul einer stilisierten Schlange, die sich über die Steinbrocken hinaus erhob.

Während wir still dort saßen und unsere Cola süffelten, wurde es plötzlich laut am Becken. Ein junges Paar kühlte sich darin ab. Sie waren mit Mountain-Bikes gekommen und trugen beide nur Badesachen, sie eine dralle rothaarige Belgierin, er ein Draht. Sie lärmten ziemlich, und er spritzte sie reichlich nass. Da wurde der Kellner unruhig und bewegte sich auf den Springbrunnen zu. Jetzt hatten die zwei genug, sprangen auf ihre Räder und fuhren weg. Ich sah noch die Spannung in ihrem schönen kräftigen Rücken, wie sie sich in die Pedale stemmte. Warum der Kellner nervös geworden war, verstand ich, als ich meine Arme ins Becken tauchte, bevor wir weiterfuhren. Es waren Fische im Becken, Goldfische und Forellen, große schwarze Viecher und wenige Schritte weiter war noch ein langes, rechteckiges Bassin, darin ein großer Forellenschwarm, offenbar für eine Spezialität des Restaurants.

Der Weg aus dem tief eingeschnittenen Kalltal wurde bald schlechter. Hinter der Mestrenger Mühle bogen wir falsch ab und gerieten in ein südöstlich verlaufendes Seitental, worin der Weg so steil bergan führte, dass wir vom Rad absteigen und schieben mussten. So steil war der Anstieg, dass wir mit unseren glatten Radsportschuhen kaum Halt fanden. Wolf, mein Begleiter flippte bald aus, vielleicht auch wegen der Hitze, denn es gab keinen Schatten, und die Sonne knallte ungehemmt ins Tal. Er war etwas zurückgeblieben und rief mir von unterhalb zu: „Ich kann hier nicht gehen!“
„Wieso denn nicht?“
„Meine Sohlen rutschen!“
Das rief er in diesem ungnädigen, vorwurfsvollen Ton, als hätte ich persönlich seine Sohlen mit rutschenden Sohlen beschlagen oder das Tal aus purer Gemeinheit gewählt.
„Meine Sohlen rutschen auch!“, rief ich zurück und stapfte weiter.
„Nein, du hast Gummisohlen“, quengelte er.
„Ich habe Plastiksohlen wie du“, sagte ich und hob einen Fuß, damit er drunter sehen konnte. Mir ist peinlich, wenn sich mein Freund und Trainingspartner so mimosenhaft anstellt und tut, als hätte er allein unerträgliche Bedingungen und Schwierigkeiten zu bewältigen, die andere durch die Gnade der Geburt nie ankommen. Dann rutschte ich aus, kam fast zu Fall, und er rief: „Also gut, ich glaube, dass deine Sohlen auch rutschen!“, als hätte ich mich absichtlich beinah hingelegt, nur um ihm die Glätte meiner Sohlen zu demonstrieren. Zweimal versuchte ich aufs Rad zu kommen, fuhr ein Stück bergab, um auf den 21-er zu schalten, aber sobald ich bergan lenkte, krachte die Kette, dass ich Angst hatte, sie könnte reißen.

Oben sah ich Wolf noch gar nicht kommen. Der Weg kam zwischen Getreidefeldern aus, und etwa 100 Meter weiter begann ein Dorf. Ich rollte hin und las das Ortsschild „Bergstein.“ Als Wolf kam, fuhren wir in den Ort, der zunächst menschenleer schien. Dann aber trat eine Frau aus einem Haus an den haltenden Lieferwagen eines Bäckers. Ich fragte: „Wo geht’s nach Hürtgenwald?“, und sie sagte: „Die Hauptstraße lang, dann rechts. Aber hier ist auch Hürtgenwald!“ Dann fanden wir uns in welligem Gelände, die Nideggener Straße entlang. Sie führte uns endlich nach Kleinhau/Großhau. Ab Birger mussten wir gegen den Wind fahren, und das zehrte ziemlich an meinen Kräften. Zwar kaufte ich in Langerwehe an einer schmuddeligen Imbissbude noch eine Cola, aber die hielt nicht lange vor. Hunger und Durst, Durst, Durst. Zu Hause hatte ich auf den 114 Kilometern unserer Ausfahrt dreieinhalb Kilo Gewicht verloren.

Pützfeld

Auf dem Radweg zwischen dem Aachener Wald und dem Grenzort Lichtenbusch fuhr ich zu einem vor mir fahrenden Radsportler auf und grüßte freundlich. Der blickte hoch und erhöhte sein Tempo, um neben mir zu bleiben. Dabei musterte er ausgiebig meine Rennmaschine und äußerte sich fachmännisch zur Übersetzung, die ich fuhr. Plötzlich sagte er: „Ja, kennst du mich denn nicht?“ „Leider nein.“
„Ich bin doch der älteste Radsportler der Welt.“ Tatsächlich hatte ich mich gewundert, als ich sein wettergegerbtes Gesicht gesehen hatte. Das passte nicht zu seinen wohlgeformten Beinen, die einem jungen Mann zu gehören schienen.

Später erzählte ich einer befreundeten Kollegin von der Begegnung. Sie war Mitglied [wie gendert man das?] in einem Aachener Radsportverein und kannte den Mann. „Das war Christian Pützfeld. Der ist 86 und fährt noch Seniorenrennen.“ Es gibt einen Grimmepreis gekrönten Dokumentarfilm über ihn und das ungebrochene Konkurrenzdenken unter steinalten Radsportlern: „Alte Kameraden“ von Bernd Mosblech.

Über Pützfeld erzählte man folgende Geschichte: Nach einem Unfall hatte er mit Beinbrüchen im Krankenhaus gelegen. Raue Radsportler, Konkurrenten wohl, hatten ihn besucht und grob getönt: „Pützfeld, jetzt ist es aus. Jetzt kommst du nicht mehr auf die Beine.“ Doch Christian Pützfeld hatte noch im Krankenbett angefangen, mit Hanteln zu trainieren, war sehr wohl wieder auf die Beine gekommen und sogar erneut Radrennen gefahren. Wenn ich im äußeren Trakt unseres Gymnasiums unterrichtete, sah ich ihn manchmal auf der kurzen Flachstrecke oberhalb des Gebäudes beim Intervalltraining.

An Christian Pützfeld musste ich in letzter Zeit oft denken. In den ersten Wochen nach meinem Unfall, als die Zeit der Hilfsbedürftigkeit nicht vergehen wollte und ich in einsamen Abendstunden nah daran war, den Putz von den Wänden zu kratzen, habe ich mir an ihm ein Beispiel genommen und mit vollen Wasserflaschen als Hantelersatz trainiert.

Heute sind sechs Wochen seit dem Unfall vergangen. Ich bin aus der ersten Pflegeeinrichtung in eine andere umgezogen, wo ich mich wohler fühle und auch nicht mehr fürchten muss, dass gewissenlose Ärzte aus mir einen echten Pflegefall machen. Die Zeit, die zu stehen schien in den schlimmen ersten vier Wochen in der „Kurzzeit“pflege, ist also doch vergangen. Ob Christian Pützfeld noch lebt, konnte ich nicht herausfinden. Er müsste jetzt weit über 100 sein. Unsere gemeinsame Heimat ist gerade im Dauerregen versunken. Furchtbare Bilder erreichten mich, und ich sah Straßen und Ortschaften, auf denen ich trainiert habe, die derzeit unpassierbar sind. Das Wasser hat in der Nordeifel, im grenznahen Ostbelgien und Aachens Umland nicht ganz so verheerend gewütet wie in den Dörfern an der Ahr, aber aufgerissene Straßen, Hausfronten, unterspülte Häuser und Bewohner, die sich um ihre Existenzgrundlage gebracht sehen, gibt es auch dort. Mir ist zum Heulen.

Vor allem stört mich erneut die Sprachmode von Medienleuten und Politikern, die jetzt wieder von den „Menschen“ reden, denen geholfen werden muss, weil die jetzt schlimme Verluste erleiden, sogar zu Tode gekommen sind. Das distanzierende Die-Menschen-Gerede klingt, als würden sie selbst einer anderen Gattung angehören, die von oben herabschaut auf die ach so verletzlichen „Menschen“, wie sie jetzt zittern und beben müssen vor den Naturgewalten und in ihren Kellern ersaufen gleich den Würmern in ihren Gängen. In dieser Sprachmode der geheuchelten Anteilnahme zeigt sich ungeschminkt, dass sich Medien und Politik längst aus der Mitmenschlichkeit entfernt haben.

Kurze Geschichte einer langen Regenfahrt

Heute vor genau 26 Jahren, es war ein Sonntag, startete ich bei einer sogenannten Radtourenfahrt (RTF). Radtouristikfahrten sind durch Richtungspfeile ausgewiesene Strecken über 45, 75, 115 Kilometer und mehr mit Kontrollposten unterwegs, wo man Verpflegung bekommt und sich eine Streckenkarte abstempeln lassen kann. RTF werden von lokalen Radsportvereinen ausgerichtet. Man zahlt eine Startgebühr, bekommt eine Startnummer angeheftet und fährt los. Viele Radsportler sind in Vereinsgruppen am Start, manche treffen sich zufällig und fahren zusammen, wenn sie etwa gleich gut trainiert sind, manche fahren alleine, denn es gibt unter Radsportlern ungesellige Typen. Am Ende der Radsportsaison wird eine Bezirksabschlussfahrt ausgerichtet. Von der am 3. Oktober 1993 handelt folgender Bericht, den ich am nächsten Tag für mein Tagebuch verfasst habe.
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Kurzer Hosenbericht

Meine Aachener Radsport-Trainingsstrecke führte durch das belgische Grenzdorf Raeren. Nach einer Abfahrt an einem Bächlein entlang ging es scharf nach rechts und unvermittelt einen kurzen steilen Anstieg hoch, in dessen Kurve eine Bruchsteinmauer aufragte, in Radsportkreisen „Klagemauer“ genannt. Einmal fuhr ich an der Klagemauer hoch und zwei Jungen oberhalb der Mauer riefen mir zu: Schneller, schneller!“ und der eine ergänzte: „Du schaffst es, Junge!“ Ich schrieb in mein Tagebuch, „Junge!“ genannt zu werden, sei die Konsequenz, wenn ein Mann mit 44 in kurzen Hosen herumfährt.

Inzwischen habe ich den Radsport längst aufgegeben und lange Zeit nicht mal kurze Hosen besessen, musste mich aber zu Beginn der Hitzewelle 2018 ergeben und mir zwei kurze Hosen zulegen, die ich dann auch getragen habe, weil ich keinem Hitzschlag erliegen wollte. Bei solch extremen Wetterlagen müssen die Gesetze der Ästhetik und die Konventionen hinter der Daseinsvorsorge zurückstehen. Inzwischen bedauere ich fast, dass die Entschuldigung Hitzewelle nicht mehr gegeben ist. Ich hatte mich an die kurze Hose gewöhnt, aber die deutliche Abkühlung ist auch schön. Überdies schützen lange Hosen vor einem Malheur, von dem Samuel Pepys am 6. April 1661 berichtet:

„Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Botschaft aus dem Reich der Föhren

Zu den Köpfen der Einwohner der Eupener Unterstadt stauen sich 25 Millionen Kubikmeter Wasser. Zwei Bäche speisen die Wesertalsperre, die Weser und der Getzbach. Beide entspringen im Hohen Venn, einem Hochmoor in den belgischen Ardennen. Der Getzbach fließt von Süden herein. Er hat an seinem Unterlauf ein tiefes Tal gegraben, aus dem mächtige Föhren heraufragen. Vor Jahren bin ich oft mit dem Rad zur Wesertalsperre gefahren, habe ihre Staumauer überquert, fuhr dann weiter um den See oder steil hinab nach Eupens Unterstadt.

Manchmal aber folgte ich dem einsamen Getzbachtal bis hinauf ins hohe Venn. Hier bist du allein mit dir und der Natur, hörst nur das Surren der Gangschaltung, das Knirschen kleiner Steinchen unter den Reifen, deinen Atem, denn es geht steil bergan, und das immerwährende Rauschen der Föhren. Sie nötigen dir Achtung ab, wenn du ihr Reich durchquerst, denn sie waren schon hoch und mächtig, bevor deine Großeltern geboren wurden. Und kommen nicht Männer mit Motorsägen, rast keine Feuersbrunst über sie hinweg, dann werden sie noch dastehen, lange nachdem du vergangen bist. Die Föhren haben ihre eigene Zeit. Sie wiegen sich knarrend, wenn der Sturm ihre Wipfel zaust, sie trotzen dem heftigen Gewitterregen, sie tragen gewaltige Schneelasten, sie ragen geheimnisvoll in dichten Nebel. Und wenn die Sommersonne das Land grell bescheint und kleine Blasen aus dem Asphalt des Weges treibt, die leise klickend unter deinen Reifen zerplatzen, wenn der Schweiß dir unentwegt von der Stirn zu Boden tropft, bei solcher Sommerhitze verströmen die Föhren einen würzigen Duft, der dich benebelt.

Der Anstieg zwingt zur Langsamkeit, denn er ist lang und kann nur bewältigt werden, wenn man seine Kräfte einzuteilen versteht. Und immer dann auf den vielen Windungen dieses Weges durch das Getzbachtal fühlte ich mich gar nicht eins mit der Natur, sondern kam mir vor wie ein Eindringling, der die rauschende, duftende Sprache des Landes nicht versteht und auch niemals lernen wird. Unter diesen Föhren hast du nur ein kleines Leben, und was du auch machst und tust, was du auch denkst und sorgst, es ist unter ihnen ohne Belang. Sie brauchen dich nicht.

Ich weiß nicht, was man aus ihren Stämmen macht, wenn die Föhren gefällt, zerhackt und zersägt sind. Ob Brennholz daraus wird oder Zeitung mit eitlen Botschaften, die am nächsten Tag schon vergessen sind, vielleicht auch Tisch oder Stuhl. Ich weiß auch nicht, was der Hannoveraner Künstler Tom Otto sich dachte, als er einen lebendigen Baum mit totem, verbrauchtem Holz behängte, das rein zufällig zum überflüssigen Stuhl geworden ist. Stühle im Baum, das ist beinah, als würde man Gehacktes auf einer lebendigen Sau drapieren. Aber natürlich ist das ein müßiger Vergleich. Bei der Installation im Hannoverschen Georgengarten hingen 350 Stühle an und in einem Baum. „Es geht uns gut“ nannte Otto sein Werk. Vielleicht zu gut? Offenbar ist von allen Lebewesen nur der Mensch dem Wahn verfallen, sich Herr der Welt zu nennen, der sich die Erde untertan machen darf. Er hat sich selbst dazu legitimiert, indem er seine Vermessenheit dem Wort eines erfundenen Gottes zugeschrieben hat. Denn nicht ein Gott hat den Menschen nach seinem Vorbild gemacht. Es war umgekehrt. Der Mensch hat sich den Götzen nach seinem Maß gezimmert, um die eigenen Untaten zu rechtfertigen, seine Ängste zu bändigen und seine Unwissenheit zu kaschieren. Das ist Glauben, und im Glauben steckt Vermessenheit und manchmal sogar verheerender, blutiger Irrsinn.

Baum, Föhre. Das sind Wörter für eine Sache, die der Mensch nicht versteht. Alle Wörter sind nur Etiketten, die der Mensch an die Erscheinungen klebt. Wenn wir über die Welt palavern, dann tauschen wir unsere Etiketten aus wie Kinder ihre Glanzbildchen. Die Wörter erlauben uns zu begreifen, doch das hat nichts mit Verstehen zu tun. Das anzunehmen, ist purer Wortaberglaube. Unsere Wörter sind wie tote Stühle am lebendigen Baum. Der Stuhl ist ein Sitzgestell. Und Sitzen ist Besitzen. Das macht der Mensch mit dem Hintern. Anders gesagt: Ärsche machen sich die Welt untertan. Und so sieht sie auch aus.

Geradeaus fahren und niemals mit schwarzen Socken

Springer war kein schöner Mann, und dass er nur ein Unterhemd trug, als er an diesem Sonntagmorgen oben aus dem Fenster schaute, machte ihn nicht schöner.
„Was wollen Sie?!“, rief er.
„Na, was wohl? Radfahren!“
„Die Straße ist noch nass.“
„Das trocknet. Eben kam sogar die Sonne durch.“
„Das hätten Sie fotografieren sollen. Sonst glaubt das keiner.“
Ich lachte.
„Also gut“, entschied er sich, „wenn Sie eine Viertelstunde warten, fahre ich mit.“
Angetan mit einem unförmigen braunen Frotteebademantel öffnete er mir. Wir redeten gedämpft, weil seine Frau noch schlief. Ich setzte mich still in einen Sessel, während er sich leise hantierend fertig machte. Weiterlesen