Pareidolie – Köpfe im Blattwerk

Derweil ich früh am Morgen an meinem Arbeitsplatz saß, hörte ich das vertraute leise Raunen der Heizung, was mir zu denken erlaubte, das ferne Dröhnen des Galaktischen Betriebssystems zu vernehmen, wobei diese Weltmaschine nur nebenher damit beschäftigt wäre, meine Räume angenehm zu temperieren. Gerade würde sie nämlich das Himmelsblau erschaffen, die ersten Sonnenstrahlen bündeln und in die Baumkronen senden, so dass Blatt für Blatt in Form und Farbe unterscheidbar gemalt wäre. Selbst die roten Beeren der Vogelkirsche scheinen auf. In der Nacht ist nämlich alles anders gewesen. Als ich im Bett lag und in die Baumkronen schaute, das zeichnete sich das Blattwerk schwarz vor dem dunkelgrauen Himmel ab, und ich brauchte nicht viel Phantasie mir vorzustellen, dass einzelne Bereiche des Blattwerks große Köpfe formten. Dicht beieinander neigten sie sich meinem Fenster zu und schauten auf mich herab. Ich dreht den Riesen den Rücken zu, denn ich dachte, falls sie zu mir sprechen würden, sollten sie mir lieber in den Nacken reden. Wenn Riesen auf dich herabschauen, hat man das Recht, ihnen mit Ignoranz zu begegnen. Das gilt für alle Götter und sonstigen Bewohner des Olymp. Es ist ratsam, sich zu behaupten. Genau genommen sind sie doch nichts anderes als Menschenwerk. Existieren nur, wenn der Mensch ihnen erlaubt, sich in seinem Kopf zu manifestieren. Köpfe aus Blattwerk, Ausgeburten der Dunkelheit, hineingesehen, nichts weiter.

Derweil ich den obigen ersten Satz schrieb, anfing wie hier mit dem Wort „derweil“, wusste ich nicht, wohin er führen würde. Der Satz war wie ein unbekannter Weg, auf den man seinen Fuß setzt, bereit seinen Windungen zu folgen. Der Weg verliert sich just hier im hohen Gras. Dazwischen Dornenranken. Wir straucheln. In der Ferne ein Haus. Du näherst dich mühsam. Schaust durchs Fenster ins Zimmer, beschattest das Glas mit beiden Händen. Da sitzt an seinem Arbeitsplatz ein Mann. Du drückst die offenen Fensterflügel auf und grüßt ins Zimmer hinein, doch er wendet sich ab, lässt sich in den Nacken reden. Wir hören die Weltmaschine dröhnen. So wird das nichts. Wir sind im Kreis gegangen.

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Die beste Weise, sich zu erden

Nebenan schlief Franzi. Er war aufgestanden, damit sie noch einmal in den Schlaf finden konnte, nachdem sie sich gut zwei Stunden unterhalten hatten. Er hätte ewig so weiterliegen mögen, wie ihre kleine Hand ganz leicht auf seiner Brust ruhte, wobei ihr Mund leise runde Wörter formte, die wie Perlen im nächtlichen Zimmer aufstiegen und sich in der Dunkelheit verloren.
„Das Leben ist kein Schneckenschubsen“, hatte sie gesagt, bevor sie wieder einschlief. In ihrem Wortschatz fanden sich viele Wörter mit Alliterationen oder besser Stabreimen.

Er hatte begonnen, eine Liste aufzustellen, aber auf dem Zettel waren noch mehr Aufzählungspunkte als Beispiele. Auch von Lisettes Idiolekt hatte er damals eine Wortliste angelegt. Kürzlich hatte er sie wiedergefunden.
„Lexikon der idiomatischen Wörter und Wendungen einer ungewöhnlichen Frau“
Doch der Zauber ihres Idiolekts war verschwunden gewesen. „Flottikarotti“, „Schwing die Hufe!“, „Tanke“, „tapern“, „Putz von den Wänden kratzen“, „volle Lotte“ … Aus ihrem Mund hatte das toll geklungen. So losgelöst von ihr, aus der Distanz vieler Jahre, wirkte das nur noch derb auf ihn. Da half auch nicht, dass er die Wörter syntaktisch und semantisch zugeordnet hatte: „töm tö töm tö töm; Interjektionskette, Trochäus; Weiterführung des Unsagbaren, vielsagend.“ Das alles waren nur noch Buchstaben auf Papier und sagte ihm nichts mehr. So wird es auch Franzis Wörtern ergehen, dachte er traurig.

In der Küche kocht er sich einen Kaffee. Wie er die Hände an der heißen Tasse wärmt, sieht er durchs Fenster hinab auf den Gehweg unten. Da liegt eine weiße Plastiktüte, bauscht sich plötzlich auf und wälzt sich um und um, irgendwie träge – wie ein Mensch, der nicht in den Schlaf finden kann. Dann liegt sie still, dann schiebt sie sich an den Zaun, schmiegt sich in die Ecke, als wollte sie Schutz suchen vor dem heftigen Wind, der den Weg entlang pfeift. Der ist durch die Isolierverglasung des Küchenfensters kaum zu hören, und denkt er ihn weg, dann hat die blanke, weiße Plastiktüte tatsächlich ein nächtliches Eigenleben.

Was wissen wir schon von der Welt, denkt er. Überall können wir Eigenleben vermuten, wo uns die Beweggründe verborgen bleiben. Wo wir Aktion vermuten, ist in Wahrheit Reaktion, nicht so einfach zu durchschauen wie bei der Tüte unten. Selbst menschliche Handlungen sind Reaktionen auf neuronale Prozesse im Gehirn. Auch bei diesen unbewussten Prozessen ist der Anlass nicht fassbar. Wie ein nächtlicher Wanderer im Gebirg, der unbedacht einen Stein lostritt. Der trudelt durchs Denken, reißt hie und da etwas mit und bewirkt Ideen, Gefühle und Handlungen, aber bewirkt auch diese rätselhaften Taten ohne erkennbaren Zweck, die an unsere tierische Vergangenheit erinnern, ein plötzliches Fassen an die Nase, das grundlose Schürzen der Lippen, ein unnützer Gang zum Fenster. Das alles sind Reaktionen. So ist also das ganze Weltgeschehen nur Reaktion, und da wundert nicht, dass der Mensch sich einen Erstbeweger ausdenkt, damit er einen Sinn im Chaos der Reaktionsketten findet. Doch wie der Weg das Ziel ist, sind die Reaktionsketten Ursache und Zweck zugleich. Das zu verstehen, brauchen wir keinen kosmischen Anschubser. Die Idee eines verursachenden Gottes ist letztlich nur horror vacui, die Angst der Natur vor dem leeren Raum.

Ich muss mich erden, sonst rutsche ich wieder aus der Welt, dachte er und legte sich zurück ins Bett neben die schlafwarme Frau.

Botschaft aus dem Reich der Föhren

Zu den Köpfen der Einwohner der Eupener Unterstadt stauen sich 25 Millionen Kubikmeter Wasser. Zwei Bäche speisen die Wesertalsperre, die Weser und der Getzbach. Beide entspringen im Hohen Venn, einem Hochmoor in den belgischen Ardennen. Der Getzbach fließt von Süden herein. Er hat an seinem Unterlauf ein tiefes Tal gegraben, aus dem mächtige Föhren heraufragen. Vor Jahren bin ich oft mit dem Rad zur Wesertalsperre gefahren, habe ihre Staumauer überquert, fuhr dann weiter um den See oder steil hinab nach Eupens Unterstadt.

Manchmal aber folgte ich dem einsamen Getzbachtal bis hinauf ins hohe Venn. Hier bist du allein mit dir und der Natur, hörst nur das Surren der Gangschaltung, das Knirschen kleiner Steinchen unter den Reifen, deinen Atem, denn es geht steil bergan, und das immerwährende Rauschen der Föhren. Sie nötigen dir Achtung ab, wenn du ihr Reich durchquerst, denn sie waren schon hoch und mächtig, bevor deine Großeltern geboren wurden. Und kommen nicht Männer mit Motorsägen, rast keine Feuersbrunst über sie hinweg, dann werden sie noch dastehen, lange nachdem du vergangen bist. Die Föhren haben ihre eigene Zeit. Sie wiegen sich knarrend, wenn der Sturm ihre Wipfel zaust, sie trotzen dem heftigen Gewitterregen, sie tragen gewaltige Schneelasten, sie ragen geheimnisvoll in dichten Nebel. Und wenn die Sommersonne das Land grell bescheint und kleine Blasen aus dem Asphalt des Weges treibt, die leise klickend unter deinen Reifen zerplatzen, wenn der Schweiß dir unentwegt von der Stirn zu Boden tropft, bei solcher Sommerhitze verströmen die Föhren einen würzigen Duft, der dich benebelt.

Der Anstieg zwingt zur Langsamkeit, denn er ist lang und kann nur bewältigt werden, wenn man seine Kräfte einzuteilen versteht. Und immer dann auf den vielen Windungen dieses Weges durch das Getzbachtal fühlte ich mich gar nicht eins mit der Natur, sondern kam mir vor wie ein Eindringling, der die rauschende, duftende Sprache des Landes nicht versteht und auch niemals lernen wird. Unter diesen Föhren hast du nur ein kleines Leben, und was du auch machst und tust, was du auch denkst und sorgst, es ist unter ihnen ohne Belang. Sie brauchen dich nicht.

Ich weiß nicht, was man aus ihren Stämmen macht, wenn die Föhren gefällt, zerhackt und zersägt sind. Ob Brennholz daraus wird oder Zeitung mit eitlen Botschaften, die am nächsten Tag schon vergessen sind, vielleicht auch Tisch oder Stuhl. Ich weiß auch nicht, was der Hannoveraner Künstler Tom Otto sich dachte, als er einen lebendigen Baum mit totem, verbrauchtem Holz behängte, das rein zufällig zum überflüssigen Stuhl geworden ist. Stühle im Baum, das ist beinah, als würde man Gehacktes auf einer lebendigen Sau drapieren. Aber natürlich ist das ein müßiger Vergleich. Bei der Installation im Hannoverschen Georgengarten hingen 350 Stühle an und in einem Baum. „Es geht uns gut“ nannte Otto sein Werk. Vielleicht zu gut? Offenbar ist von allen Lebewesen nur der Mensch dem Wahn verfallen, sich Herr der Welt zu nennen, der sich die Erde untertan machen darf. Er hat sich selbst dazu legitimiert, indem er seine Vermessenheit dem Wort eines erfundenen Gottes zugeschrieben hat. Denn nicht ein Gott hat den Menschen nach seinem Vorbild gemacht. Es war umgekehrt. Der Mensch hat sich den Götzen nach seinem Maß gezimmert, um die eigenen Untaten zu rechtfertigen, seine Ängste zu bändigen und seine Unwissenheit zu kaschieren. Das ist Glauben, und im Glauben steckt Vermessenheit und manchmal sogar verheerender, blutiger Irrsinn.

Baum, Föhre. Das sind Wörter für eine Sache, die der Mensch nicht versteht. Alle Wörter sind nur Etiketten, die der Mensch an die Erscheinungen klebt. Wenn wir über die Welt palavern, dann tauschen wir unsere Etiketten aus wie Kinder ihre Glanzbildchen. Die Wörter erlauben uns zu begreifen, doch das hat nichts mit Verstehen zu tun. Das anzunehmen, ist purer Wortaberglaube. Unsere Wörter sind wie tote Stühle am lebendigen Baum. Der Stuhl ist ein Sitzgestell. Und Sitzen ist Besitzen. Das macht der Mensch mit dem Hintern. Anders gesagt: Ärsche machen sich die Welt untertan. Und so sieht sie auch aus.

Keine Hose – kein Gott

Er habe sich leider keine Hose kaufen können, obwohl sie stapelweise dort gelegen hätten, sagte Coster, der dubiose Professor der Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen. „Warum nicht?“ Im Kaufhaus bei den Regalen hätten zwei Verkäufer gestanden, ein junger und ein älterer. Und just als er, Coster, begonnen habe, sich für eine Hosensorte näher zu interessieren, da habe der junge den älteren gefragt: „Ihr habt euch also ein paar Mal gesehen, seid aber noch nicht zusammen.“
Da habe der andere losgelegt:
„Ich sage dir mal, was sie mir per SMS geschrieben hat:
Sie findet schön, dass ich träume, sie mag wie ich sie ansehe, …“

Das habe er aber nicht wissen wollen, sagte Coster, vor allem, nachdem er unvorsichtiger Weise aufgeblickt und dem Kerl ins Gesicht gesehen habe , der gerade leer lief wie ein angestochenes Fass, wobei er all die Intimitäten preisgab, die, wenn man sie rumerzählt, den Charakter von intimen Geständnissen verlieren und zu Banalitäten werden, die einen am Verstand des Menschen zweifeln lasse. Natürlich kenne er den Spruch: Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über. Und es sei auch nicht ungewöhnlich, wenn man Herzensdinge einem Freund oder einer Freundin anvertraue, um sich in einem Konflikt rückzuversichern. Doch er sei ein Außenstehender gewesen, ein potentieller Kunde, der sich mit Hosenfragen beschäftigen wollte. Und außerdem habe ihm die Frau Leid getan, deren Gefühle und Bekenntnisse im offenen Hosenladen ausgestellt wurden.

Nun müsse er die Energie erneut aufbringen, die Schwelle eines Bekleidungsgeschäftes zu übertreten. Indem der Hosenverkäufer sprachlich inkontinent war, habe er in Costers Leben eingegriffen. Irgendwann werde er sich eine andere Hose kaufen, und da eine Hose die Erscheinung eines Menschen präge, werde sein zukünftiges Leben anders verlaufen. Denn es könnte sein, dass die Hose der zweiten Wahl ihm nicht ganz so gut passe oder nicht gut an ihm aussehe, mit all den Folgen, die unpassende Kleidung von innen und von außen betrachtet habe.

Diese Änderung seines Lebens habe jedoch eine vergessliche Bäckereifachverkäuferin verschuldet. Er habe einen Kaffee trinken und dazu etwas essen wollen. Die Verkäuferin im Bäckereicafé habe gesagt, sie müsse sein vegetarisches Wrap in der Küche bestellen. Es werde jedoch nur drei Minuten dauern. Darum habe er einen großen Kaffee bestellt und sich schon einmal an einen Tisch gesetzt, von dem man so hübsch auf den Münsterplatz schauen könne. Allerdings habe er den großen Kaffee nach und nach austrinken müssen, denn sein Wrap kam und kam nicht. Irgendwann habe er nachgefragt, und siehe da, die Bäckereifachverkäuferin sah ihn mit großen Augen an und entschuldigte sich für ihre Vergesslichkeit. Zur Entschädigung habe sie ihm eine kleine Tasse Kaffee spendiert. Als er aus dem Café trat, dämmerte es bereits, er sei also viel länger als üblich im Café gewesen. Deshalb sei er auch viel später als geplant im Kaufhaus angelangt, mit all den geschilderten Folgen. Nun habe er keine neue Hose und zuviel Kaffee getrunken, die kleine Tasse gar zu spät. Folglich werde er am Abend nicht einschlafen können, dadurch später als gewohnt aufwachen, und das würde alles Weitere seines Lebens determinieren.

Hier schloss Coster eine philosophische Überlegung an. Allein die geschilderte Verkettung der Ereignisse zeige plausibel auf, wie die Kleinigkeiten des Lebens den weiteren Verlauf des Weltenlaufs bestimmen. In diesem Sinne sei ein jeder Lebensweg unwägbar und nicht vorauszusehen, denn er werde unablässig von Ereignissen in der inneren und äußeren Welt des Menschen ausformuliert. Das eigene Ich sei ebenfalls Ergebnis solcher Prozesse. Eine Winzigkeit beim Zeugungsakt, ein mühsam erkämpftes Obsiegen eines bestimmten Spermiums lege fest, welcher Mensch, welches Ich auf die Welt käme. Einstein, Leonardo, Karl der Große, die Religionsstifter der großen Religionen, – es sei der pure Zufall, dass just sie geboren sind und nicht ihre potentiellen Brüder und Schwestern.

Ob ich aus seiner Darlegung irgendetwas gewinnen könne, müsse ich selbst wissen, schloss Coster. Er jedenfalls schließe daraus, dass es nicht Festes gebe in der Welt, nur ein unablässiges Wimmeln. Und gäbe es einen Gott, der Teil des Ganzen wäre, dann wimmele er auch. Sei er aber nicht Teil des Ganzen, könne er nicht in die Geschicke der Welt eingreifen, wäre mithin kein Gott.

„Holla! Dieser Coster ist gefährlich“, sagte ich, „weil er keine neue Hose bekommen hat, dekonstruiert er mal eben den Schöpfergott.“

Dies ist ein Beitrag zum Schreib-mit-Projekt des Kollegen Wortmischer
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