Busfahrten – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (2)

äglich nimmt Hanno den ersten Bus nach Neuß um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich wöchentlich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht beginnt, kommt Hubert fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst. Im Winter, wenn es noch stockfinster ist um diese Zeit, hat man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hat es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.
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Ungeschicktes Fleisch

In meiner Küche ist es neuerdings gefährlich. Ich habe mir ein scharfes Küchenmesser angeschafft. So scharf es ist, habe ich mir schon heftig damit in den Daumen geschnitten. Genau an diesem Daumen habe ich seitlich des Nagels eine tiefe Narbe, weil ich als Kind mit einem Schnitzmesser hineinratschte. In meiner rheinischen Heimat, wo man kindliches Leid nicht ganz ernst nahm, hieß es: „Das ist ungeschicktes Fleisch. Das muss weg!“ Glücklicher Weise ist das „ungeschickte Fleisch“ wieder angewachsen. Mir lag einfach an der Vollständigkeit meines Daumens.

Jetzt also musste mein linker Daumen erneut dran glauben, und geblutet habe ich wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Es hat gut vier Wochen gedauert, bis die tiefe Wunde völlig verheilt war. Demgemäß keimt in meiner Küche die Angst auf, wenn ich das Messer aus der mitgelieferten Schutzscheide gezogen habe. Als wäre es ein Samureischwert, das einmal aus der Scheide gezogen, in Blut getaucht werden muss, fühle ich mich und meine Finger bedroht. Dabei will ich nur Gemüse schneiden.

Wo ich Schriftsetzer lernte, war im Hof unten die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Allmorgendlich kreischte dort die Knochensäge, als hätte sie das Leid von Millionen Schlachttieren in ihrem Sägeblatt gespeichert. Der infernalische Lärm einer Kreissäge hatte mir schon in Kindertagen Gänsehaut eingejagt, und da hatte der Bauer in der Nachbarschaft nichts als Holz gesägt. Das hier aber war eindeutig schlimmer, denn es ging ja in zweifacher Hinsicht durch Mark und Bein. Zudem war der Metzgermeister ein Sangesbruder, der sich vom Hall seiner gekachelten Wurstküche immer wieder herausfordern ließ. Was aber kann schlimmer sein als die Vorstellung von einem, der, mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Blut, gemütlich Arien trällert? Oft lief auch böse brummend ein Separator, und während mit diesem Gerät die unsäglichsten Kadaverteile für die Wurstpaste zermahlen wurden, erschallten wie diabolische Kommentare die selbstzufriedenen Gesänge des Metzgermeisters. Manchmal ließen sich auch die Gesellen verleiten und stimmten mit ein, bis der Meister sie wütend anschrie, mal solle ihm gefälligst nicht sein Liedchen klauen, also „Aufhören!“ und „Schnauze halten!“ Sogleich war es aus mit dem Singen, wüste Worte flogen hin und her, aus den vormaligen Sängerkehlen rauh hervorgestoßen, und man bewarf sich mit diversen Gerätschaften und Knochen. Das waren die Ausrufezeichen. Was nicht traf, landete krachend in den Ecken, ging es ins Ziel, lamentierte der Getroffene, und der Werfer frohlockte.

Der Schriftsetzergeselle Michael Dykers erzählte mir folgendes: „Einmal stand der Geselle an der Knochensäge, da hat der Dreckkötter ihm voll in den Arsch getreten, dass der Geselle nach vorne gefallen ist und sich zwei Finger abgesägt hat. Zack, zack! Und dann konnten sie in der Knochenkiste zwischen all den Knochen die abgetrennten Finger nicht finden. Als der Geselle schon mit dem Krankenwagen abtransportiert war, hat Dreckkötter sie endlich aus der Knochenkiste aussortiert und ist hinterhergefahren, damit sie ihm die Griffel wieder annähen konnten.“ Ob das stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht sind die Metzgerfinger auch zermahlen worden und in die fette Knoblauchwurst geraten.

Ich bin ja Vegetarier.

Körperzeichen erzählen Geschichten

Das niederländische Wort „litteken“ gefällt mir besser als die deutsche Entsprechung „Narbe.“ Während Narbe sich von Meerenge ableitet und fürs Verständnis wenig bietet, steckt in litteken erkennbar das Wort „teken“ = „Zeichen.“ Darüber dachte ich nach, als ich heute Morgen meinen linken Daumen betrachtete. Der trägt auf dem unteren Glied zur Außenseite hin ein feines helles litteken, eine waagerechte Linie von etwa einem Zentimeter und fünf senkrechte Striche der Nähte mit Einstichpunkten der Nadel. Dieses Körperzeichen ist fast 50 Jahre alt und noch immer zu sehen. Es erinnert an einen Unfall, bei dem ich mir mit einem Beitel in den Daumen gestochen habe, und zwar tief, dass ich den Knochen sehen konnte. Der Daumen musste genäht werden und kam für Wochen in Gips, denn ich hatte mir die Strecksehne durchtrennt.

Während meiner Schriftsetzerlehre hatte ich nachmittags Unterricht im Linol- und Holzschnitt. Ein Schriftsetzer sollte Plakatschrift selber schneiden können, falls mal ein Buchstabe fehlte. Es unterrichtete ein Werklehrer, den wir Holzwurm nannten. Einmal kam der Holzwurm zu spät zum Unterricht, so dass wir Lehrlinge allein im Werkraum waren. Aus Langeweile begann ich, mir Schlagzeugstöcke zu schnitzen, rutschte ab und schon wars passiert.

Holzwurm gab eine merkwürdige Begründung ab, warum er zu spät gekommen war. Er fuhr ein Kabrio, ein kleines, hässliches Auto ohne Klasse, ein richtiges Holzwurmauto. Man sah diesem Auto an, dass der Berufsschullehrer gern etwas Besseres gewesen wäre, aber leider im Holzwurmdasein gefangen saß. In der Mittagspause hatte er tanken wollen und an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpresse herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und hatte etwas Alltägliches getan. Er betankte seinen Porsche, worin eine blonde Schönheit wartete. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur die blonde Schönheit fehlte. Aber das Beste sei gewesen, dass Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen hatte. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und Gunter Sachs gefragt: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Gunter Sachs? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte ihn gönnerhaft einer Antwort gewürdigt und bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

Vermutlich wollte Lehrer Holzwurm erst mal nicht mehr zurück ins profane Leben. Er mag gedacht haben, dass die Begegnung nicht nur der vorläufige Höhepunkt seines Lebens war, sondern der Auftakt zu einem ganz neuen. Da hatte er natürlich Zeit nötig, sich wieder auf dem Boden der Tatsachen zurechtzufinden. Weil also mein Lehrer seine Zeit damit vertändelt hat, Gunter Sachs anzuhimmeln, kann ich das obere Glied des linken Daumens rechtwinklig nach hinten biegen. Das alles erzählt mein litteken.