Jüngling der Schwarzen Kunst – Die 13. Gasse

    Nach acht Jahren Volksschule, im Alter von 13 Jahren wurde Hannes Overlack aus Nettesheim ein Jünger der Schwarzen Kunst, indem er in die Schriftsetzerlehre eintrat. „Aventur und Kunst“ hatte schon Johannes Gutenberg seine Erfindung genannt, Aventur bedeutete Wagnis und Abenteuer, denn die Erfindung dieser neuen Technologie war für den gelernten Goldschmied Gutenberg ein wirtschaftliches Wagnis gewesen, an dem er letztlich scheiterte. [Mehr dazu], Kunst bedeutete handwerkliches Können. Als Druckfarbe ist ursprünglich nur Schwarz, ein Gemisch aus Leinöl und Ruß, zum Einsatz gekommen. Das Synonym Schwarze Kunst liegt nah, zumal bis ins 19. Jahrhundert nicht Johannes Gutenberg, sondern Johannes F(a)ust als Erfinder galt, weshalb der Buchdruck lange Zeit als Technik geschimpft wurde, die sich unerlaubter, teuflischer Mittel bediente. Die Gesellen in Overlacks Lehrbetrieb riefen ihn „Jüngling.“ Das ist die Bedeutung von „Jüngling der Schwarzen Kunst“.

Des Jünglings Kindheit endete so abrupt wie eine Kindheit beginnt. Nach seinem ersten Arbeitstag und nach 12 Stunden endlich wieder zu Hause stand er in der Dachstube auf dem Stuhl und schaute aus dem Fenster der Dachgaube. Hinter ihm bereitete seine Mutter das Abendbrot. Es roch nach Bratkartoffeln. Ohne sich umzusehen fragte Hannes: „Muss ich das jetzt mein ganzes Leben machen?“ Sie antwortete nicht, wusste genau, dass er nicht zum Fenster hinauszuschauen meinte. Vielleicht wollte sie das Schreckliche der Aussicht auf sein Leben nicht sehen, vielleicht dachte sie, dass er eines Tages groß genug sein würde, um nicht mehr auf dem Stuhl stehen zu müssen, wenn er aus dem Fenster schauen wollte. Vielleicht hatte sie einen Funken Hoffnung, dass er nicht sein Leben lang am Setzkasten stehen würde, dass er einen Weg finden würde, darüber hinauszuwachsen. Das aber wagte sie nicht zu sagen, er war noch zu klein für diese Idee.

Der Junior teilte Hannes der 13. und letzten Regalgasse zu. Hier empfing ihn ungnädig Michael Dyckers, ein junger dicklicher Geselle, der gerade die Prüfung bestanden hatte, also quasi der Vorgänger von Hannes war. Hannes fand, dass Dyckers dem Schauspieler Oliver Hardy ähnelte, dem Dick aus Dick und Doof. Die beiden würden mit dem Rücken zueinander stehen. So ein Paar heißt „Arschgespann“. Doch eigentlich mochte Dyckers mit einem Lehrling kein Gespann bilden. Er selbst war gerade erst diesem Status entwachsen, da tut Abgrenzung Not. Außerdem war die Gasse vorher sein alleiniges Reich gewesen; hier hatte er ab seinem 3.Lehrjahr frei schalten und walten können. Deshalb betrachtete er den Jüngling als Eindringling, über den ihm zur Entschädigung die Verfügungsgewalt gegeben war. Es war Dyckers Idee, Hannes nach seinem Geburtsort „Nettesheim“ zu rufen.
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Jüngling der Schwarzen Kunst – Fräulein Lamboy und der Laut des Besens

Historisch betrachtet sind Groß- und Kleinbuchstaben Urgroßeltern und Urenkel. Unsere Großbuchstaben stammen von der Römischen Capitalis ab. Nach dem Zusammenbruch der römischen Kultur wandelte sich die Capitalis unter dem Einfluss neuer Schreibmaterialien, Schreibtechniken und Schreibziele zur Kleinbuchstabenschrift. Etwa um 800 war dieser Prozess mit der Karolingischen Minuskel abgeschlossen. In den folgenden Jahrhunderten verfällt die Schrift. Erst die Humanisten der Renaissance besinnen sich wieder auf die klar lesbare Karolingische Minuskel. Sie halten sie fälschlich für eine Schrift der Römer und verbinden sie mit der Römischen Capitalis, die ihnen von den antiken Denkmälern, Säulen und Portalen noch klar entgegentritt. Diese Kombination aus römischen Majuskeln und karolingischen Minuskeln nennen sie Antiqua. Nachträglich kam nur der i-Punkt hinzu und das kleine t hat sich vorwitzig die Andeutung einer Oberlänge angeeignet. Es ist die Form unserer Schrift bis heute.

Der deutsche Setzkasten hat beide Generationen in einem Haus, oben die Alten, gravitätisch in Reih und Glied, unten das junge Volk, das seinen Platz nicht kennt. Natürlich liegen die Kleinbuchstaben je nach Sprache anderes. Die Anordnung spiegelt das gewachsene handwerkliche Sprachwissen. Die häufigst gebrauchten Buchstaben liegen dem Schriftsetzer am nächsten, wenn er mittig vor dem Kasten steht.

Links und rechts der engen Krämergasse standen hohe Patrizierhäuser. Von den Bomben des Krieges war die Krämergasse wegen ihrer Nachbarschaft zum Münster weitgehend verschont geblieben. Nur das Eckhaus am Münsterplatz war von einem Blindgänger niedergelegt worden. Neben dem schmucklosen Neubau, in dem sich ein Antiquariat befand, erhob sich das stattliche Verlagshaus der Eupens, einer alteingesessenen Familie, die seit Generationen den Zeitungsverlag mit der angeschlossenen Druckerei betrieb.

Die Gasse herauf kamen eine Frau in Schwarz und ein Junge. Sie sah abgearbeitet aus, doch sie hatte sich fein gemacht. Der Junge an ihrer Seite war klein und schmächtig, gerade einmal 13 Jahre alt. Er trug eine braune Ledertasche unterm Arm. Vor dem Verlagshaus blieben sie stehen. Die Frau drückte einen Flügel der Pforte auf und stieg mit ihrem Sohn die knarrende Treppe hinauf zum Büro.

Hinter einem Schreibtisch saß eine junge Sekretärin, hübsch anzuschauen, wenn nicht ihr linker Arm ein wenig zu kurz geraten wäre. Die Uhr an der Wand zeigte zwanzig vor acht Uhr.
„Guten Morgen, ich bin Frau Overlack. Wir sind angemeldet“, sagte die Frau. „Mein Sohn soll heute seine Lehrstelle antreten.“
„Ach ja“, sagte die Sekretärin, „dann musst du Hannes sein. Herzlich willkommen!“
Der Junge wurde rot und murmelte einen leisen Gruß.
Sie griff nach dem Hörer der Haussprechanlage und sprach hinein.

Ein Mann um die 40 mit Bürstenhaarschnitt und angetan mit einem grauen Kittel kam durch die rückwärtige Tür herein und begrüßte wortkarg Mutter und Sohn. Er war der Juniorchef und Leiter der Setzerei. Die Mutter wurde rasch verabschiedet. Sie legte ihrem Sohn noch kurz die Hand auf den Kopf, dann ging sie.
„Gut“, sagte der Junior, „dann komm mal mit!“
Sie gingen einen Gang entlang, der in die Tiefe des Hauses führte, dann eine Treppe hinauf.
„Hier ist unsere Setzerei“, sagte der Junior. „Du bist zu früh, noch ist niemand da. Wir fangen um acht Uhr an.“ Er öffnete eine doppelflügelige Schwingtür. Dahinter tat sich ein heller Saal auf mit hoher Decke und ebenso hohen Fenstern an einer Seite. Für den Jungen öffnete sich ein phantastisches Reich. Er stand ehrfürchtig und entzückt vor den Regalgassen mit ihren unzähligen Schriftkästen, gefüllt mit Bleilettern, allesamt sauber in die Schubfächer sortiert. Gewiss war jede der 12 Regalgassen tonnenschwer, und ihm war als ragten die Regale tief in die Erde hinein wie dieser Beruf. Jeder Kasten hatte an seiner Stirnseite ein kleines Messingrähmchen. Darin steckten angeschmutzte Kartonschildchen mit dem Namen der Schrift und der Schriftgröße. Hannes ging in die Knie und las ein Schildchen. „10 pt Garamond“ stand da. Was kümmerts, dass die Schrift gut 300 Jahre alt ist, was er sowieso nicht wusste. Denn auf dem Tisch standen Pakete mit neuen Lettern, frisch aus der Gießerei. Der Junior wickelte ein Paket aus. Wie er das Packpapier zur Seite geschlagen hatte, sahen sie die neuen Lettern vor sich, eng in Reihen geordnet, aber ohne rechten Halt, wie jederzeit bereit auseinanderzufallen.

Der Jüngling war begeistert von der technischen Schrift, begeistert von der Möglichkeit, aus einer hingeschmierten Bleistiftnotiz auf einem Fetzen Manuskript ein sauberes Druckwerk zu machen. Für seine eigene Handschrift hatte er sich immer geschämt. Es war ihm nie gelungen, die Schleifen und Girlanden der Lateinischen Ausgangsschrift exakt nachzuahmen, wie seine verehrte Lehrerin Fräulein Lamboy sie auf der Wandtafel vorgezirkelt hatte. Weil er darin glaubte zu versagen, hatte er schon früh seine Handschrift zur Druckschrift umgeformt, was aber seinem Wunsch nach Perfektion auch nicht entsprach. Vielleicht hatte alles an Fräulein Lamboy gelegen. Sie hatte in ihm die Verehrung der Schrift und der Bücher geweckt. Oder anders: Die Verehrung, die eigentlich Fräulein Lamboy galt, war auf die Schrift und die Bücher übergegangen.

Sein erstes Buch war ein Bilderbuch, das ihm sein älterer Bruder aus der Bücherei ausgeliehen hatte. Es handelte von einer Osterhasenfamilie, die in Ostereierhäusern wohnte. Da gab es viel zu gucken, zu deuten und zu vermuten, doch wie die Dinge in der Osterhasenwelt nun wirklich zusammenhingen, konnte er den Bildern nicht entnehmen. Da beneidete er seinen Bruder, denn er verfügte über das Geheimwissen, das aus den Buchstaben kam.

Dieses Geheimwissen hatte ihn Fräulein Lamboy gelehrt. Sie machte ihn Erstklässler mit den Buchstaben bekannt, indem sie Geschichten aus ihrem Alltag erzählte. Sie war mit dem Zug im Kölner Hauptbahnhof gewesen. Da war ein Mann mit einem Besen und kehrte den Bahnsteig. Sein Besen machte: „ffff – fffff – fffffff.“ Und wie er sich noch den Bahnsteigkehrer vorstellte, zeigte Fräulein Lamboy etwas Zauberhaftes. Den Ton des Besenstriches aus ihrem Mund konnte sie mit Hilfe eines Zeichens an die Tafel bannen und jederzeit in die Welt der gesprochenen Sprache zurückholen.

So lernte er das „f“ und alle anderen Buchstaben des Alphabets über anschaulich vermittelte Laute. Mit jedem gelernten Buchstaben drang Schrift in seine Welt. Bücher begannen zu sprechen, und zum freiwilligen Lesen gesellte sich das unwillkürliche Lesen; Verpackungen offenbarten ungefragt ihre Versprechungen und Plakate riefen ihm ihre eigennützigen Botschaften zu.

Fräulein Lamboy hatte schöne weiße Hände, anders als die groben Hände der Landfrauen. Einmal nahm er sich die Bürste und scheuerte seine Hände über dem Waschbecken, bis seine Mutter fragte, was in ihn gefahren wäre. Da sagte er: „Ich will so schöne weiße Hände wie Fräulein Lamboy haben.“

Doch Fräulein Lamboy hatte eine seltsame Krankheit, die sich just an ihren Händen zeigte. Im Laufe des Vormittags verkrampften sich ihre Finger und krümmten sich nach innen. Sie hielt dann die Kreide zwischen den verkrampften Fingern beider Hände. Wenn sie derart mit Kreide und Tafel zu kämpfen hatte, litt er mit Fräulein Lamboy und hoffte für sie, dass der Unterricht bald endete, damit sie endlich mit dem Fahrrad zum Arzt des Nachbardorfes fahren konnte, der ihr täglich ein entkrampfendes Mittel spritzte.

Fräulein Lamboy betreute die Leihbücherei des Dorfes. Als er in der vierten Klasse war, bestellte sie ihn zu sich nach Hause, weil er ihr helfen sollte. Auf ihrem Wohnzimmertisch stapelten sich neue Bücher, die sie mit Rückenschildchen versehen und in Klarsichtfolie eingebunden hatte. Sie legten sie in einen Wäschekorb und trugen sie in die Bücherei. Dort räumte er die neuen Bücher in die Regale, während Fräulein Lamboy die Karteikarten schrieb. Er war glücklich gewesen, in dieser Wunderwelt der Bücherei sein zu dürfen. Und das Zeichen für den Laut des Besens war einer von 26 Schlüsseln, die er Fräulein Lamboy verdankte.

Genauso glücklich war der Jüngling, als er vom Junior in das Reich der Bleilettern eingeführt wurde. Da dachte er nicht an harte Arbeit, obwohl er noch keinen der Setzkästen heben, ja nicht einmal an die Reihe der Großbuchstaben langen konnte, wenn ein Setzkasten schräg aufgestellt war.

Jüngling der Schwarzen Kunst [01] – Prolog

Anna Cramer schaute aus dem Fenster zum Hof. Es hatte zu regnen begonnen. Schwere Tropfen pladderten auf die gestampfte Hoferde und warfen dicke Blasen. Sie freute sich für ihre jungen Kartoffelpflanzen im Garten ihrer Eltern, die den Regen dringend benötigten.

Früher hatte der Bauer das Regenwasser von der Regenrinne der Stallungen in eine gemauerte Zisterne geleitet, um die Kühe daraus zu tränken. Doch schon lange stand kein Vieh mehr in den Boxen. Der Hof gehörte jetzt einer alten Jungfrau, bei der Anna Cramer mit ihren drei Kindern zur Miete wohnte. Die Zisterne lag trocken. Unter dem Vordach der Stallungen stand ihr zweiter Junge vor der Zisterne und hantierte mit Hammer und Meißel. Das Brett aus dicken Bohlen, mit dem die Zisterne abgedeckt war, diente ihm als Arbeitsplatte. Er hatte einen alten roten Ziegelstein gefunden und meißelte offenbar einen Indianerkopf daraus.

„Ach, mein Hannes hat Ideen wie ein Windvogel“, seufzte Anna. In knapp einem Jahr würde er die Volksschule verlassen. Der Gedanke krampfte ihr das Herz zusammen. Er war doch noch so klein und schmächtig, ein verspieltes und verträumtes Kind von 12 Jahren.

Inzwischen hatte Hannes von seinem Ziegelindianer abgelassen und schnitzte aus einer kurzen Holzleiste ein Boot. Denn bald würde das Wasser von den Feldern herunterkommen und den Rinnstein vor dem Haus in einen Bach verwandeln. Hannes hatte seine Freude daran, das Boot vor der Haustür in die heftige Strömung zu setzen und dann bis zur Straßenmündung neben ihm herzulaufen, wo der Bach gurgelnd im einzigen Gully der Straße verschwand.

„Nein“, sagte Anna, „mein Hannes ist nichts für’s Büro!“

Das sagte sie am nächsten Tag auch ihrer Mutter, bei der sie täglich putzte und kochte, irgendwann mittags zwischen der Arbeit auf den Feldern des Bauern von gegenüber. Hannes war bei ihnen und schaute erstaunt auf. Wieso denn eigentlich?, dachte er. Wäre doch prima, wie Fritz an einem Schreibtisch zu sitzen und sich die Hände nicht schmutzig zu machen, anders als die Automechaniker oder Landmaschinenschlosser. Solche Berufe strebten seine Klassenkameraden an, soweit sie nicht Bauern wurden wie ihre Väter. Aber er wollte das nicht machen. Doch er sagte nichts. Wenn seine Mutter so für ihn entschieden hatte, würde sie wohl ihre Gründe haben. Anna Cramer hatte abends im Bett einen Entschluss gefasst. Ihr Bruder Josef betrieb im Nachbarort eine Druckerei. Sie würde ihn fragen, ob er ihrem Hannes eine Lehrstelle als Buchdrucker oder Schriftsetzer besorgen könne. Das war doch ein gutes Handwerk.

Ungeschicktes Fleisch

In meiner Küche ist es neuerdings gefährlich. Ich habe mir ein scharfes Küchenmesser angeschafft. So scharf es ist, habe ich mir schon heftig damit in den Daumen geschnitten. Genau an diesem Daumen habe ich seitlich des Nagels eine tiefe Narbe, weil ich als Kind mit einem Schnitzmesser hineinratschte. In meiner rheinischen Heimat, wo man kindliches Leid nicht ganz ernst nahm, hieß es: „Das ist ungeschicktes Fleisch. Das muss weg!“ Glücklicher Weise ist das „ungeschickte Fleisch“ wieder angewachsen. Mir lag einfach an der Vollständigkeit meines Daumens.

Jetzt also musste mein linker Daumen erneut dran glauben, und geblutet habe ich wie ein Schwein auf der Schlachtbank. Es hat gut vier Wochen gedauert, bis die tiefe Wunde völlig verheilt war. Demgemäß keimt in meiner Küche die Angst auf, wenn ich das Messer aus der mitgelieferten Schutzscheide gezogen habe. Als wäre es ein Samureischwert, das einmal aus der Scheide gezogen, in Blut getaucht werden muss, fühle ich mich und meine Finger bedroht. Dabei will ich nur Gemüse schneiden.

Wo ich Schriftsetzer lernte, war im Hof unten die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Allmorgendlich kreischte dort die Knochensäge, als hätte sie das Leid von Millionen Schlachttieren in ihrem Sägeblatt gespeichert. Der infernalische Lärm einer Kreissäge hatte mir schon in Kindertagen Gänsehaut eingejagt, und da hatte der Bauer in der Nachbarschaft nichts als Holz gesägt. Das hier aber war eindeutig schlimmer, denn es ging ja in zweifacher Hinsicht durch Mark und Bein. Zudem war der Metzgermeister ein Sangesbruder, der sich vom Hall seiner gekachelten Wurstküche immer wieder herausfordern ließ. Was aber kann schlimmer sein als die Vorstellung von einem, der, mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Blut, gemütlich Arien trällert? Oft lief auch böse brummend ein Separator, und während mit diesem Gerät die unsäglichsten Kadaverteile für die Wurstpaste zermahlen wurden, erschallten wie diabolische Kommentare die selbstzufriedenen Gesänge des Metzgermeisters. Manchmal ließen sich auch die Gesellen verleiten und stimmten mit ein, bis der Meister sie wütend anschrie, mal solle ihm gefälligst nicht sein Liedchen klauen, also „Aufhören!“ und „Schnauze halten!“ Sogleich war es aus mit dem Singen, wüste Worte flogen hin und her, aus den vormaligen Sängerkehlen rauh hervorgestoßen, und man bewarf sich mit diversen Gerätschaften und Knochen. Das waren die Ausrufezeichen. Was nicht traf, landete krachend in den Ecken, ging es ins Ziel, lamentierte der Getroffene, und der Werfer frohlockte.

Der Schriftsetzergeselle Michael Dykers erzählte mir folgendes: „Einmal stand der Geselle an der Knochensäge, da hat der Dreckkötter ihm voll in den Arsch getreten, dass der Geselle nach vorne gefallen ist und sich zwei Finger abgesägt hat. Zack, zack! Und dann konnten sie in der Knochenkiste zwischen all den Knochen die abgetrennten Finger nicht finden. Als der Geselle schon mit dem Krankenwagen abtransportiert war, hat Dreckkötter sie endlich aus der Knochenkiste aussortiert und ist hinterhergefahren, damit sie ihm die Griffel wieder annähen konnten.“ Ob das stimmt, weiß ich nicht. Vielleicht sind die Metzgerfinger auch zermahlen worden und in die fette Knoblauchwurst geraten.

Ich bin ja Vegetarier.

Körperzeichen erzählen Geschichten

Das niederländische Wort „litteken“ gefällt mir besser als die deutsche Entsprechung „Narbe.“ Während Narbe sich von Meerenge ableitet und fürs Verständnis wenig bietet, steckt in litteken erkennbar das Wort „teken“ = „Zeichen.“ Darüber dachte ich nach, als ich heute Morgen meinen linken Daumen betrachtete. Der trägt auf dem unteren Glied zur Außenseite hin ein feines helles litteken, eine waagerechte Linie von etwa einem Zentimeter und fünf senkrechte Striche der Nähte mit Einstichpunkten der Nadel. Dieses Körperzeichen ist fast 50 Jahre alt und noch immer zu sehen. Es erinnert an einen Unfall, bei dem ich mir mit einem Beitel in den Daumen gestochen habe, und zwar tief, dass ich den Knochen sehen konnte. Der Daumen musste genäht werden und kam für Wochen in Gips, denn ich hatte mir die Strecksehne durchtrennt.

Während meiner Schriftsetzerlehre hatte ich nachmittags Unterricht im Linol- und Holzschnitt. Ein Schriftsetzer sollte Plakatschrift selber schneiden können, falls mal ein Buchstabe fehlte. Es unterrichtete ein Werklehrer, den wir Holzwurm nannten. Einmal kam der Holzwurm zu spät zum Unterricht, so dass wir Lehrlinge allein im Werkraum waren. Aus Langeweile begann ich, mir Schlagzeugstöcke zu schnitzen, rutschte ab und schon wars passiert.

Holzwurm gab eine merkwürdige Begründung ab, warum er zu spät gekommen war. Er fuhr ein Kabrio, ein kleines, hässliches Auto ohne Klasse, ein richtiges Holzwurmauto. Man sah diesem Auto an, dass der Berufsschullehrer gern etwas Besseres gewesen wäre, aber leider im Holzwurmdasein gefangen saß. In der Mittagspause hatte er tanken wollen und an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpresse herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und hatte etwas Alltägliches getan. Er betankte seinen Porsche, worin eine blonde Schönheit wartete. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur die blonde Schönheit fehlte. Aber das Beste sei gewesen, dass Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen hatte. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und Gunter Sachs gefragt: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Gunter Sachs? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte ihn gönnerhaft einer Antwort gewürdigt und bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

Vermutlich wollte Lehrer Holzwurm erst mal nicht mehr zurück ins profane Leben. Er mag gedacht haben, dass die Begegnung nicht nur der vorläufige Höhepunkt seines Lebens war, sondern der Auftakt zu einem ganz neuen. Da hatte er natürlich Zeit nötig, sich wieder auf dem Boden der Tatsachen zurechtzufinden. Weil also mein Lehrer seine Zeit damit vertändelt hat, Gunter Sachs anzuhimmeln, kann ich das obere Glied des linken Daumens rechtwinklig nach hinten biegen. Das alles erzählt mein litteken.