Vom Wirken der Zeit

»in Hinterpommern liegt der Demantberg, der hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahr ein Vöglein und wetzt sein Schnäbelein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei.« (Jacob und Wilhelm Grimm; Das Hirtenbüblein)

Drei Jahre war Hauptlehrer Schmidt mein Lehrer in der Oberklasse gewesen, in der drei Schuljahre gleichzeitig saßen, doch schon in den unteren Klassen hatte ich diesen Mann mehr gefürchtet als geachtet. Während jeder Pause stand er seitlich auf der Eingangstreppe auf einem flachen Sockel aus Ziegelsteinen, in den das Geländer eingelassen war. Gegen das Geländer gelehnt, überwachte er das Treiben auf dem Schulhof. Im Lauf der Jahrzehnte hatte er in den Sockel eine Mulde getreten.

Der Maurer, der den Sockel einst aus Ziegeln hochgezogen hatte, konnte am Abend seine Arbeitsleistung sehen, ein Lehrer kann das nicht. Er sieht seine Schüler mit den Jahren heranwachsen, kennt ihren Lernstand, soweit er sich messen lässt, und trotzdem ist es für ihn unwägbar, wie sich sein Unterricht auf den einzelnen Schüler auswirkt oder was sich gar in dessen Erinnerung eingräbt. Ich jedenfalls vergesse von Hauptlehrer Schmidt niemals die eindrucksvolle Mulde, die er während der Pausen unmerklich getreten hatte. Sie ist seine weitaus beste Leistung, denn die Mulde gab mir eine Idee vom Wirken der Zeit, dem auch fest gefügte Backsteine nicht zu trotzen vermögen, wenn nur ein paar Ledersohlen beständig auf ihnen scharren.

Foto, Montage u. Gif-Animation: JvdL

Der Blaustein der Eifel ist etwa 400 Millionen Jahre alt. Wenn er verwittert, wird er hellgrau. Dem Eingang im Bild dient er einige hundert Jahre als Türschwelle und glänzt in seiner Mitte in mattem Blau. Viele Füße haben die Schwelle ausgetreten, haben sie wundersam verformt. Wem gehörten die Füße? Wer waren diese Menschen, und welche Schicksale führten sie hinein und hinaus? Die Geschichte jedes einzelnen ist verweht wie der winzige Abrieb, den sein Fuß von der Stufe nahm.

Der Pförtner des Hauses könnte vielleicht Auskunft geben. Doch man müsste ihn finden. Er zeigt sich nicht nur einmal in 100 Jahren wie das Vöglein, sondern alle drei Minuten.

Unter uns Ornithologen

Kürzlich, ich wollte mich nicht beim Schreiben stören lassen, als aber zum dritten Mal etwas gegen mein Fenster knallte, stand ich auf und guckte nach. Die Straße war leer, und gerade wollte ich mich wieder hinsetzen, da hüpfte aus dem Geäst vor dem Fenster eine Meise, flog stracks auf das Fenster zu, knallte gegen die Scheibe und drehte wieder ab. Nanu? Sind die Meisen etwa an der Welt irregeworden? Ausgerechnet vor meinem Fenster? Da erinnerte ich mich an Berichte über Tapetenfressende Vögel, die der Göttinger Sagenforscher Rolf Wilhelm Brednich in seine Sammlung moderner Sagen aufgenommen hatte (Die Maus im Jumbo-Jet; München 1991).

Als Quelle gab er zwei Zeitungsberichte an, aus dem Erlanger Tageblatt vom 24./26.12.1979 und den Erlanger Nachrichten vom 9.1.1981. Variante a: In einer Siedlung in Marktheidenfeld im Landkreis Main-Spessart hätten sich Kohlmeisen und Spatzen auf Tapeten spezialisiert und würden bei geöffneten Fenstern jede Gelegenheit nutzen, die Wandverkleidung abzureißen. Variante b: Wer hungrige Vögel im Winter nicht füttere, könne eine böse Überraschung erleben, wie Wohnungsinhaber in Coburg berichtet hätten. Auf der Suche nach dem für sie lebensnotwendigen Kalk seien die Tiere durch offene Fenster in die Wohnung geflogen und hätten erhebliche Schäden an den Tapeten angerichtet. Brednich bezweifelte die Wahrheit der Berichte mit dem Argument, dass sie ausgerechnet im Winter erschienen waren, wenn die Fenster meistens geschlossen sind.

Im Folgeband (Das Huhn mit dem Gipsbein; München 1993) musste Brednich sich korrigieren. Inzwischen hätten ihm Leser an Eides Statt versichert, sie hätten Meisen beobachtet, die Tapeten und Kalk von den Wänden picken. Eine ähnliche Beobachtung habe ich in den 1990-er Jahren auf dem Parkplatz eines Supermarktes gemacht, während ich im Auto saß. Eine ganze Schar von Meisen hatte es auf eine Wand abgesehen, flogen sie beständig an und pickten mit großem Geschick den Kalk auf.

Lassen Sie mich an Ihre Tapete – Foto/Gif-Animation: JvdL

Es ist Frühling. Die Vögel sind liebestoll. Bald beginnt die Eiablage, und das Brüten geht los. Ich hoffe sehr, die Meise wollte an meine Tapete und hat den Kalk nicht woanders bei mir vermutet.

Apokalyptisches zum Geburtstag von Galileo Galilei

„Und sie bewegt sich doch!“

schmocks-rundumblickNicht schlecht staunte man vor einigen Jahren bei der belgischen astronomischen Gesellschaft über das Ergebnis einer Umfrage unter Besuchern ihrer Sternwarte: Jeder 10. Flame glaubt, die Sonne drehe sich um die Erde, hegt also ein präfaktisches geozentrisches Weltbild. So gesehen war es ganz schön schlau von Galileo Galilei, vor der Inquisition nicht auf dem Faktum bestanden zu haben, die Erde drehe sich um die Sonne. Warum sollte er sich auch auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen, wenn den Leuten noch 400 Jahre später egal ist, wer sich jetzt um wen dreht und warum.

Galileo (* 15. Februar 1564 – † 29. Dezember 1641) darf übrigens nach lebenslanger Haft seit November 1992 wieder in die Kirche, wie der damalige Papst Johannes Paul II. als Ergebnis der 13-jährigen Beratung einer eigens eingesetzten Kommission verkündigte. Dagegen hat die südkoreanische Kirche „Mission für das jüngste Gericht“, sich unmittelbar aufgelöst, nachdem der für den 28. OKtober 1992 angekündete Weltuntergang nicht eingetroffen war. Vielleicht hätte man auch erst 360 Jahre warten oder wenigstens 13 Jahre beraten sollen, bevor man zugab: „Hallo Leute, wir haben uns leider vertan.“

Am häufigsten geht die Welt übrigens in Österreich unter, wie eine Blütenlese beim Kollegen Noemix zeigt. Der nächste Weltuntergang ist am 15. 10. 2017. In Deutschland besang das Golgowski-Quartett/Die Lustigen Jungs zu Karneval 1954 den Weltuntergang und landeten mit „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“ einen Nummer-1-Hit. Der letzte Weltuntergangshype wurde im Jahr 2008 durch die Nachricht ausgelöst, dass am Kernforschungscentrum CERN mit dem Large Hadron Collider (LHC) der größte Teilchenbeschleuniger der Welt in Betrieb gehen sollte. Die Sorge, beim Zusammenprall von Elementarteilchen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit könnten Schwarze Löcher entstehen, führte sogar zu einer Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Im damaligen Teppichhaus Trithemius war das folgende Gif zu sehen, das mit der Plattform Blog.de tatsächlich in einem Schwarzen Loch versunken ist. Fürs Teestübchen gehoben:

Gif: Jvdl - Erstveröffentlichung 02.09.2008

Fotos, Text und Gif: Jvdl – Erstveröffentlichung 02.09.2008

Der Weltuntergang habe längst stattgefunden, mutmaßt Teestübchenherausgeber JvdL. „Die Welt ist in den Abtritt gefallen“, stellte er fest, nachdem er sich durch die Angebote des Privatfernsehens gezappt hatte.

Minister Christian Schmidt (CSU) rettet die Wurst!

Kategorie Humor neuEndlich! Bundesagrarminister Christian Schmidt will Erdöl in vegetarischen Würsten Fleischbezeichnungen für vegetarische und vegane Lebensmittel verbieten. Begriffe wie „vegetarisches Schnitzel“ oder „vegane Currywurst“ seien „komplett irreführend und verunsichern die Verbraucher“, sagte der CSU-Politiker einem Organ, das hier aus Hygienegründen nicht genannt werden darf. Wenn das Verbot in Kraft ist, darf natürlich auch keiner mehr sagen, Bundesminister Christian Schmidt mache sich mit seiner Idee zum Hans Wurst der Fleischindustrie. Denn ist ja keine Wurst drin in Christian Schmidt oder doch? Egal. Ein Hoch auf den fürsorglichen Minister! Der tut noch was für den Verbraucherschutz. Mir geht schon lange auf den Geist, dass sich vor der Kühlvitrine mit den Fleischersatzprodukten die verunsicherten Verbraucher ballen, ja, geradezu zusammenrotten, diese Irren. Ich will mich auch nicht mehr fragen lassen: „Sagen Sie, ist denn überhaupt Wurst in vegetarischer Wurst?“ Ja, bin ich vielleicht ein verfluchter Metzger? Ich bin Germanist, ihr Deppen! Drum zum letzten Mal: Ein Blick in die Etymologie zeigt, dass Wurst eigentlich das unordentlich Gedrehte ist. Wir erkennen, welches Bild da Pate gestanden hat, weshalb die Wurstmasse aus Fleisch zurück in den Darm gestopft wird. Es geht natürlich nicht an, eine Masse aus Gemüse, Tofu oder sonstigen Ersatzstoffen, die allesamt noch nicht durch einen tierischen Magen gegangen sind, in einen Kunstdarm zu pressen. Es wird jeder einsehen, dass damit der natürliche Gang der Dinge pervertiert ist.

Hier noch eine nützliche Verbraucherinformation – ein kostenloser Aufklärungsservice von Ihrem Teestübchen Trithemius:

Montagen und Gif-Animation: JvdL

Montagen und Gif-Animation: JvdL