Globuli, Gras und hart am Wahnsinn schrammen

Anfangs wollte ich die Tastatur zurückgeben, denn sie war mir nicht neutral genug. Man sollte doch von einer Tastatur erwarten können, dass alle Tasten gleich klingen und der Schriftsprache keine Melodie anhängen. Aber genau das tat meine Tastatur. Beim Schreiben hörte ich in der Tastatur eine Melodie, genauer meine Sprachmelodie. Schrieb ich eine Frage, konnte ich der Tastatur anhören, wie sich die Stimme gegen Schluss des Satzes hob, gab ich eine Erklärung ab, dann kam nachdrückliche Betonung in meine Tastatur. Genauer kann ich es nicht beschreiben. Jedenfalls schien mir, dass die Melodie sich in meinen Blogtexten vermittelte, auf geheimnisvolle Weise auch zu lesen war und meinen Aussagen eine Überzeugungskraft gaben, die mir unheimlich wurde. Ich ging zu Frau Dr. Horn und sagte: „Sie müssen mich dämpfen. Ich mache alle Leute verrückt.“ Sie gab mir wieder fünf Globuli. Dann wurde es besser. Allmählich verklangen die Melodien meiner Tastatur.

Mit Frau Dr. Horns Globuli hatte alles begonnen. Ich war nach der Trennung von Lisette mit höllischem Liebeskummer zu ihr gegangen und hatte gesagt: „Ich bin an einer Frau erkrankt. Ich selbst glaube nicht an Homöopathie, aber sie, und weil in der Homöopathie Gleiches mit Ähnlichem bekämpft wird, komme ich zu Ihnen.“ Frau Dr. Horn sah mich zweifelnd an. Dann erzählte ich ihr noch den Witz, wie die Homöopathen eine Hühnersuppe machen.

„Sie stellen einen Topf Wasser in die Sonne und scheuchen ein Huhn vorbei, und zwar so, dass der Schatten des Huhns auf das Wasser fällt. Aber sie müssen das Huhn schnell vorbeitreiben, damit die Suppe nicht zu kräftig wird.“

Dr. Horn schmunzelte und fragte: „Warum haben Sie sich nicht rasiert?“ „Äh?“ während ich nach einer plausiblen Antwort suchte, wurde mir klar, dass sie mit dieser Frage die Hierarchie wieder hergestellt hatte. Nachdem sie mich etwa eine Stunde befragt hatte, wusste sie genug, las in aller Ruhe in zwei dicken Büchern, klappte sie zu, ging zum Schrank, suchte ein Gläschen Globuli heraus und gab mir fünf Kügelchen. Ich fragte: „Und jetzt? Muss ich nochmal wiederkommen?“ „Nein, das reicht“, sagte Dr. Horn. An den folgenden Tagen litt ich wie ein Hund an der Erstverschlimmerung. Dann ging ich durch die Decke, und in meine Tastatur kamen die Melodien.

Im Sommer darauf sagte ich zu ihr: „Damals schrammte ich hart am Wahnsinn vorbei.“
„Ja,  ich hatte ein bisschen Schiss“, sagte Frau Dr. Horn.
Ich bin mir nicht sicher, aber es lag wohl an der Wechselwirkung zwischen den Globuli, Gras und Bloggen.

Geradeaus fahren und niemals mit schwarzen Socken

Springer war kein schöner Mann, und dass er nur ein Unterhemd trug, als er an diesem Sonntagmorgen oben aus dem Fenster schaute, machte ihn nicht schöner.
„Was wollen Sie?!“, rief er.
„Na, was wohl? Radfahren!“
„Die Straße ist noch nass.“
„Das trocknet. Eben kam sogar die Sonne durch.“
„Das hätten Sie fotografieren sollen. Sonst glaubt das keiner.“
Ich lachte.
„Also gut“, entschied er sich, „wenn Sie eine Viertelstunde warten, fahre ich mit.“
Angetan mit einem unförmigen braunen Frotteebademantel öffnete er mir. Wir redeten gedämpft, weil seine Frau noch schlief. Ich setzte mich still in einen Sessel, während er sich leise hantierend fertig machte. Weiterlesen

Hinter Westen liegt Osten (4) – 80000 Franken

Zwei wiederkehrende Alpträume plagen mich. Der jüngere Alptraum lässt mich als Deutschlehrer in einer Zeugniskonferenz der 10. Klasse sitzen. Gleich werde ich gefragt werden, wo die Deutschnoten sind. Ich weiß, dass ich im letzten Halbjahr keine einzige Klassenarbeit habe schreiben lassen und habe folglich keine Noten. Ängste und Schuldgefühle, Fassungslosigkeit ob meiner Versäumnisse, sinnlose Hoffnungen, das ganze werde sich noch richten lassen plagen mich auch im zweiten Alptraum. Bei mir zu Hause liegen die Manuskripte für die Disc-Jockey-Zeitschriften. Aber ich hatte keine Zeit gefunden, die Hefte zu layouten. Sie sollten längst gedruckt sein. Der neue Monat ist schon angebrochen. Die Anzeigenkunden werden nicht bezahlen, weil die Hefte nicht erscheinen. Alles wird zusammenbrechen, und es ist meine Schuld.

Obwohl der letztgenannte Alptraum in einer Zeit angesiedelt ist, die viel weiter in meiner Biographie zurückliegt als mein Lehrerdasein, ist er fast schlimmer. Es zeigt sich, unter welchem Druck ich damals gestanden habe, denn ganz nebenher studierte ich noch. Der Zusammenbruch kam tatsächlich, und zwar kurz nach einem bombastischen  Presseempfang wegen der neuen vierfarbigen Hefte in Brüssel. Ich war dazu nach Brüssel gefahren und erinnere mich noch gut, im Aachener Bahnhofkiosk als Reiselektüre die erste Ausgabe der Titanic gekauft zu haben. Meine Titelzeichnungen von drei Jahren Jahren hatte ich zuvor gerahmt und nach Brüssel verschickt, wo sie den Empfangsraum schmücken sollten.

Die erste Titanic war eine humoristische Offenbarung. Ich saß im Zug und bekam beim Lesen einen Lachanfall nach dem anderen. Es war mir peinlich, dass ich nicht wie die anderen Passagiere manierlich Zeitschrift lesen konnte. Immerhin hatte ich mich in Schale geschmissen, trug einen dunklen Anzug, hatte eine Krawatte umgebunden und vermittelte äußerlich die größtmögliche Seriosität. Aber je mehr ich mich maßregelte, um so häufiger musste ich losprusten. So fuhr ich prustlachend von Aachen nach Brüssel. Das Lachen sollte mir bald vergehen.

Indem die Hefte immer aufwändiger und umfangreicher wurden, stiegen natürlich auch die Kosten. Die UPDJ geriet mit den Honorarzahlungen an mich in Rückstand, zuletzt zwei Monate, also für vier Ausgaben. Das war eine finanzielle Katastrophe für mich und meine Familie. Denn ich hatte zuletzt aus Zeitmangel kaum noch andere Aufträge annehmen können. Le président schlug vor, mir das Honorar für die vergangenen zwei Monate in Raten zu bezahlen.

Inzwischen wurden die Zeitschriften in einer Eupener Druckerei gedruckt. Doch zwei damit befasste Mitarbeiter kündigten, machten sich selbstständig und nahmen den Auftrag mit, was gewiss ungesetzlich war. In diese Wirren fiel es, dass mir ein Monatshonorar versprochen war, das mir in der Druckerei ausgehändigt werden sollte, wenn ich die Papiermontagen des Layouts vorbeibringen würde. Ich fuhr in banger Hoffnung mit dem Bus nach Eupen, doch mein Honorar war nicht da. Also nahm ich die fertigen Seiten wieder mit nach Hause und rückte sie erst heraus, als ich mein Geld bekam. Damit endete meine Arbeit für die belgische Discjockey-Organisation. Man blieb mir das Honorar für zwei Monate schuldig. Auch meine gerahmten Zeichnungen der Titelseiten bekam ich nicht zurück.

Wochen später traf ich in Aachen den Eupener Druckereibesitzer Schwarz, dessen Mitarbeiter sich selbstständig gemacht und den Auftrag quasi gestohlen hatten. Schwarz kam gerade aus der Kreissparkasse, ich wollte hineingehen, erkannte ihn im letzten Moment am jägergrünen Janker und ebensolchem Hut. Wir blieben auf der Außentreppe der Kreissparkasse stehen und redeten über den geschilderten Fall. Er schimpfte auf die beiden Exmitarbeiter und sagte, dass er sie verklagt hätte. Dabei regte er sich immer mehr auf, geriet sogar in einen cholerischen Anfall und begann zu schreien, dass die Passanten stehen blieben und uns angstvoll musterten. Seine Stimme überschlug sich und zuletzt heulte er in seinem ulkigen Eupener Deutsch: „Ich hab der Richter in Brüssel 80.000 Franken gegeben, dass der die Halunken fertig macht!“ [80.000 Belgische Franc (BEF) etwa 2000 Euro]

Das war meine letzte Begegnung mit den Eupener Druckern und meine erste Erfahrung mit der Korruption im belgischen Rechtssystem. Ich wunderte mich vor allem, wie billig ein Brüsseler Richter zu haben war, und dass einer, der offensichtlich im Recht war, wie selbstverständlich für die Durchsetzung seines Rechtes zu zahlen bereit war. War es am Ende allgemeine Übereinkunft bei den Belgen, dass Richter immer geschmiert werden müssen?

Wie ich erfuhr, erschienen die Zeitschriften noch zwei Monate in DIN-A4, dann wieder in A5, was im Editorial gepriesen wurde als das „noveau pocket magazine.“ Es wurde kurz darauf ganz eingestellt. Ich verlor den Kontakt zu allen Beteiligten, kam einige Jahre später dann von ganz anderer Seite wieder nach Eupen und Dolhain und zwar mit dem Fünf-Uhr-Zug der Aachener Zugvögel.

Hinter Westen liegt Osten (3) – ambulantes Tanzen

Was waren das für Leute in der UPDJ? Kathys Freund Michel, dem ich den Job verdankte, war Toningenieur beim Radio et Télévision Belge Francophone (RTBF) in Brüssel, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Wallonen. Guy Grosch, der Chefredakteur der Vereinszeitschrift (Directeur de Rédaction et Rédacteur en Chef), kam frisch von der Journalistenschule und arbeitete als Redaktionsvolontär beim RTBF. Le président de UPDJ, Jean-Marie Becker, war im Hauptberuf Verwaltungschef eines Altenheimes. Er sah nicht aus wie ein Disk-Jockey-Präsident, sondern hatte sich einen seriösen Habitus zugelegt, der ihn alt aussehen ließ. Er wirkte, als wäre er niemals jung genug gewesen, um eine öffentliche Tanzveranstaltung zu besuchen. In einem der wenigen Hefte, die ich noch habe, vom März 1980, ist er auf einem Foto zu sehen. Er ist ein bisschen dicklich, trägt einen Dreiteiler, Krawatte, eine riesige Brille mit Gläsern wie Glasbausteine und wirkt wie höchstens 28. Damals kam er mir viel, viel älter vor.

Als ich erstmals mit Nebenmann nach Dolhain fuhr, sah ich zwischen Deutschland und Ostbelgien ein deutliches Wohlstandsgefälle. Hinter der Ortsgrenze von Eupen in die angrenzende Wallonie ging es noch weiter hinab, auch topographisch ins Tal der Vesdre (Weser). Auch in Eupen gibt es eine bessere Oberstadt und die im Wesertal gelegene Unterstadt. In den Ortschaften entlang der Vesdre schaute die Armut aus den Fensterhöhlen. Einst war das Wesertal bis zur Mündung in die Maas von Textilindustrie gesäumt gewesen. Doch mit dem Niedergang des Textilgewerbes sowie der Stahlindustrie in der Lütticher Region lag auch an der Weser alles darnieder. Die ganze Gegend schien in Agonie verfallen zu sein, und ich hielt es für einen typisch wallonischen Phlegmatismus, dass man überall Ruinen stehen- und verfallen ließ. Heute weiß ich, dass dieses Verhalten eine typisch menschliche Reaktion auf langwährende Hoffnungslosigkeit ist.

Es war ein düsterer Tag in einem deprimierenden Ort in einem Altbau aus dunklen Ziegeln. Der Büroraum, in den uns le president bat, war eingerichtet im flämischen Neobarock, wie viele Belgier es gerne haben, dunkle überladene Eichenmöbel, dem Aussehen nach für ein ganzes Leben gedacht, doch in der Verarbeitung zu billig, um wirklich lange zu halten. Meistens gaben die Beschläge der Schranktüren nach ein paar Jahren den Geist auf und ließen die Türen schief hängen, so auch hier. An der Längswand hing ein großes Vitrinen-Regal. Darin standen auf schmalen horizontalen Leisten an die hundert kleine LKW-Modelle. Becker sammelte Modellautos. Über uns kreiste keine Discokugel, sondern brummte und knarrte eine Neonröhre, die Becker eingeschaltet hatte, um das Tageslicht zu verstärken. Außer einer großen Karte von Belgien, die mit farbigen Stecknadeln gespickt war, wies nichts darauf hin, dass wir in der Zentrale einer Discjockey-Organisation saßen. Es war eine überaus befremdliche Szenerie. Le président war um Distanz bemüht. Dass Nebenmann alles übersetzen musste, kam ihm gelegen. Obwohl ich Nebenmanns Französischkenntnisse voll vertraute, schien mir, jede Äußerung, ob von Becker oder mir, musste beim Grenzübertritt in die jeweils andere Sprache ein bisschen Zoll bezahlen, wodurch die Nuancen verlorengingen, aus denen vertrauensvolle Übereinstimmung gemacht ist.

Die Zentrale der UPDJ machte nichts her, aber im Verein waren fast alle wallonischen Discjockeys organisiert. Es gab eine Vielzahl. Man fuhr mit seinem Equipment über Land und veranstaltete quasi ambulante Diskotheken in Kneipensälen. Manche brachten auch ein paar Hüpfdohlen mit, semiprofessionelle Tänzer und Tänzerinnen in schrillen Outfits, bei denen sich die Landbevölkerung die neuesten Tanzschritte abgucken konnten. Die UPDJ veranstaltete einen Wettbewerb, das Championat de Belgique des Disc-Jockeys, bei dem monatlich eine Rangfolge der besten Disc-Jockeys Belgiens ermittelt wurde.

Trotz diverser Kommunikationsprobleme war meine Zusammenarbeit mit der UPDJ zunächst erfolgreich. Innerhalb von zwei Jahren bekam das Heft eine parallel erscheinende niederländische Ausgabe der flämischen Schwesterorganisation Belgische Disc-Jockey’s Organisatie (BDO), wurde bei vierfarbigem Titel von DIN-A5 auf DIN-A4 umgestellt, und man plante eine Kooperation mit der flämischen Jugendzeitschrift joepie, um an den Kiosk zu gehen.

Von mir gezeichnete Titelblätter, größer: Bitte klicken!

Fortsetzung 80000 Franken

Hinter Westen liegt Osten (2) – Er kann nicht sprechen

Kathy hatte mich vorgewarnt, le président der UPDJ, Jean-Marie Becker, spreche kein Deutsch. Darum war ich recht froh, dass Nebenmann mich hinfuhr und bereit war zu dolmetschen. Später wurde mir klar, dass Jean-Marie durchaus Deutsch verstand und sprechen konnte, schließlich grenzte sein Heimatort Dolhain an Eupen, die größte Stadt im deutschsprachigen Belgien. Le président sprach aus Prinzip kein Deutsch. Selbst in Eupen galt Deutsch nur als Mundart. Alle Amtsgeschäfte wurden auf Französisch abgewickelt. Folglich sagten die Eupener Mütter ihren Kindern: „Die Sprache musst du lernen, Deutsch lernst du sowieso!“ „Die Sprache“ war Französisch. Von jemandem, der kein Französisch sprach, hieß es ganz arglos: „„Il est incapable de parler.“* (Er kann nicht sprechen.) Erst im Jahr 1981 schuf das Europäische Parlament ein Europäisches Büro für Sprachen mit kleinem Verbreitungsgebiet. In Ostbelgien, damals „Die deutschsprachige Gemeinschaft“, galt Deutsch ab dann als eine solche Sprache mit kleinem Verbreitungsgebiet, was in den folgenden Jahrzehnten einiges an Fördergeldern nach Ostbelgien fließen ließ, wodurch die Region auflebte. Das wiederum sollte die deutsche Sprache aufwerten. Doch daran war 1979 noch kein Denken.

Der Präsident der UPDJ residierte zwar in Dolhain, stammte aber aus Welkenrath, einer Gemeinde im sogenannten Altbelgien, wo mindestens die alten Leute noch eine ripuarische, also plattdeutsche, Mundart sprachen. Nach Welkenrath hatte ich einmal versehentlich meine Schwiegermutter verschickt. Sie war eine hoffärtige Frau mit Grundbesitz, in deren Augen ich nicht standesgemäß war, nicht mal, als ich zu studieren begann. Einmal holten wir gemeinsam meine Tochter vom Kindergarten ab, als da mein Germanistikprofessor auftauchte und ein Kind abholte, das er mit einer Studentin hatte. Leider lief der Mann herum wie ein Stadtstreicher, und ich machte den Fehler, meiner Schwiegermutter zu sagen: „Das ist mein Professor.“ Sie war konsterniert und glaubte ab da, dass ich etwas studierte, worüber anständige Leute nur die Nase rümpfen. Ebenso glaubte sie fest, dass die Menschen im Ausland im Elend lebten, was etymologisch sogar stimmt, denn Elend meint Ausland. Unsere Vorfahren dachten nämlich, die Leute im Ausland hätten nichts zu essen.

Meine Schwiegermutter hatte diese uralte Vorstellung treulich bewahrt. Sie war nicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, bis ich sie einmal in Aachen in den Zug geschubst und ins Ausland verschickt habe. Der Zug fuhr statt nach Köln nach Brüssel. Es war keine böse Absicht gewesen. Wir waren zu spät am Bahnhof angekommen, und ich war froh gewesen, dass der Zug noch da stand. Freilich entpuppte der sich nach dem Anrollen als der Zug in Gegenrichtung und riss zu meinem Entsetzen die gute Schwiegermutter nach Belgien davon.

Um sie vor einer langen, schrecklichen Fahrt ins tiefe Elend zu bewahren, rief ich im wallonischen Bahnhof Welkenrath an und konnte mich auf Deutsch verständlich machen. Welkenrather Bahnbeamte holten meine Schwiegermutter aus dem Zug. Sie sollte sich noch Jahre tief beeindruckt zeigen, erstens von den prächtigen Uniformen belgischer Bahnbeamter, dann von der sprachlichen Eleganz und ausgesuchten Höflichkeit. Sie redeten meine Schwiegermutter nämlich an mit: „Madame in Schwarz.“

Madame in Schwarz wollte natürlich ein Andenken an ihre Irrfahrt. In der Bahnhofshalle von Welkenraedt hing ein verstaubter Schaukasten mit belgischen Biergläsern. „Madame“ gab nicht eher Ruhe, bis einer der Bahnbeamten den Schlüssel für den Schaukasten besorgte und ihr ein Bierglas übergab, wofür er sich selbstverständlich weigerte, Geld anzunehmen. Diese generöse Tat war allerdings mit langer Wartezeit auf den Vitrinenschlüssel verbunden gewesen. Es handelte sich schließlich um einen Verwaltungsakt der Staatlich Belgischen Eisenbahngesellschaft. Da müssen Formulare in allen belgischen Amtsprachen ausgefüllt werden, und es ist die Genehmigung von höheren Stellen erforderlich, damit nicht der belgische König die Dokumente zur Übergabe eines verstaubten Bierglases aus dem Bahnhof Welkenrath an eine deutsche Madame in Schwarz zuerst noch siegeln muss. Dank der beherzten Entscheidung des Bahnvorstands, den belgischen König außen vor zu lassen, konnten die Welkenrather Bahnbeamten meine Schwiegermutter und ihr Bierglas rechtzeitig und würdevoll zum Gegenzug nach Köln geleiten. Das alles war für meine Schwiegermutter der Beweis, dass Ausland nicht gleich Elend sein muss. Es geht doch nichts über eigene Anschauung. Sie erst erweitert den Horizont.

Ähem, ein bisschen vom Thema abgekommen. In der nächsten Folge wird erzählt werden, wie mein Treffen mit le président ablief.

* (ins Französische übertragen von Herr Ösi)

Fortsetzung Teil 3 – ambulantes Tanzen

Hinter Westen liegt Osten (1) – Kathy aus Kelmis

flashbackGut 25 Jahre habe ich in Aachen, der westlichsten Großstadt Deutschlands, gelebt und gearbeitet. Wenn man von Aachen aus noch weiter nach Westen fuhr, landete man im Osten, und zwar im deutschsprachigen Teil Belgiens, der sich seit kurzem Ostbelgien nennt. Als ich anfangs in Aachen war, erschien mir die deutschsprachige Provinz abgehängt. Da war eine baufällige Brücke über der Autobahn Aachen – Brüssel, die über die gesamte Zeit meines Studiums nur einseitig befahren werden durfte. Der Gegenverkehr wurde über eine von Bauholz gestützte Behelfsbrücke geführt. Diese marode Brücke mit ihrem schier ewigen Provisorium nebenan war exemplarisch für den Stillstand der Region in den 1970-er Jahren. Ich war nicht gerne in der Region. Mich dauerte und deprimierte die sichtbare Armut Ostbelgiens. Denn arm war ich selbst, als ich mit dem Studium begann.

Da ich zuletzt als Schriftsetzer in der Druckerei gearbeitet hatte, in der die AStA-Zeitung gedruckt wurde, ich hatte sie mit Zustimmung meines Chefs auf eigene Rechnung layoutet, ergatterte ich zum Beginn meines Studiums einen Job als Projektleiter im AStA-Pressereferat. Dort entwarf und layoutete ich alle AStA-Publikationen und druckte nebenher in der AStA-Druckerei. Der damals reiche AStA der RWTH Aachen beschäftigte zwei Sekretärinnen. Eine der beiden, Kathy, war eine deutschsprachige Ostbelgierin. Ihre Eltern und ihr Bruder betrieben im Grenzort Kelmis eine Tankstelle mit Autowerkstatt, in Ostbelgien „Garage“ genannt. Mit Kathy verstand ich mich gut. Frau Dressel, die grauhaarige Putzfrau im AStA, verriet sie einmal, Kathy würde sich immer vor dem Spiegel die Haare richten, wenn sie vorhatte, mich aufzusuchen. Einmal kam Kathy mit schön gerichteten Haaren zu mir und sagte: „Mein Freund Michel ist Mitglied in einem Discjockey-Verband. Die geben monatlich diese Vereinszeitschrift hier heraus.“ Sie zeigte mir ein zusammengehunztes Heftchen im Format DIN-A5 mit wenigen Seiten, darauf ein wenig Werbung und Texte auf Französisch. „Die macht ja nichts her“, fuhr Kathy fort, „drum hab ich mich gefragt, ob du vielleicht Zeit und Lust hättest, das Heft zu layouten und in der AStA-Druckerei zu drucken.“
Ich hätte Kathy küssen können, denn da ich schon eine Familie zu ernähren hatte, war ich froh um jeden Auftrag. Vor allem war ich froh über jeden Auftrag unabhängig vom AStA, denn der AStA wurde vom RCDS und einem liberalen Hochschulverband gestellt, und AStA-Vorsitzender und die Referenten waren durchweg konservative Bürschlein aus gutem Hause, die ihre AStA-Tätigkeit als Sprungbrett für eine politische Karriere oder in leitende Positionen in der Wirtschaft ansahen. Mein Chef, der Pressereferent, ein Arztsohn, wurde später Landtagsabgeordneter und sitzt heute für die CDU als Ärztelobbyist im Bundestag. Der damalige AStA-Vorsitzende wurde bald Pressesprecher der Hochschule. Ich gehörte mit meiner proletarischen Herkunft und als politisch Linker nicht wirklich dazu, wenn man auch meine Arbeit schätzte.

Anfangs liefen alle Kontakte zu den Disc-Jockeys über Kathy. Ich kann aber sagen, dass das Heftchen unter meinen Händen von Monat zu Monat wuchs, nicht größer, aber umfangreicher wurde, so dass es bald nötig wurde, mit dem herausgebenden Discjockey-Verband Kontakt aufzunehmen. Die Zentrale der Union Professionelle des Disc-Jockeys de Belgique (UPDJ) saß in Dolhain, einem Ort direkt hinter Ostbelgien in der wallonischen Provinz Liegé (Lüttich). Ich bat meinen Studienfreund Nebenmann, der einen R4 besaß und fließend Französisch sprach, mit mir dorthin zu fahren. Es war eine Reise ins finsterste Ausland,wo die Welt noch Schwarzweiß war, in der Hauptsache aber Grau.

Teil 2 – Er kann nicht sprechen

Straße meiner Kindheit (7) – Tauwetter – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

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Was geschah, als du aus dem Schwarzwald zurück warst?

Ich glaube, in diesem Jahr hatte es in ganz Deutschland sieben Wochen Dauerfrost gegeben. Und genau in dieser Zeit bin ich im Schwarzwald gewesen. Ich war noch nicht ganz wieder zu Hause, setzte plötzlich Tauwetter ein. Es war wunderbar. Das Schmelzwasser von Unmengen Schnee konnte nicht im noch gefrorenen Boden versickern, sondern sammelte sich überall auf den Feldern zu großen Wasserflächen. Gräben, in denen ich noch nie Wasser gesehen hatte, verwandelten sich über Nacht zu reißenden Bächen. Die Landschaft ist ja gegen Osten nicht völlig flach, sondern hat ziemliche Wellen. Als Kind habe ich mir nie Gedanken gemacht, warum. Aber alles hat der Rhein geformt.

Ja, das feste Bett, das wir heute kennen, ist die Folge von Eindeichungen und Flussbegradigungen. Einst hat sich der Rhein in der Kölner Bucht breit gemacht und zu verschiedenen Armen verzweigt, die je nach Wasserstand überflutet waren und wieder trocken fielen.

Ich weiß! Es wurde erzählt, zwischen der ersten und zweiten Bruchstraße habe mal ein Dorf gelegen, das aber versunken ist. Genaues wusste niemand. Aber es gab Spuren. Die Bauern pflügten manchmal Keramikscherben nach oben.

Vielleicht aus vorgeschichtlicher Zeit.

Und hinter der zweiten Bruchstraße gibt es Kiesgruben. Den Kies hat doch auch der Rhein abgelagert?

Ja, und wenn du bedenkst, dass alle Steine aus den Alpen stammen. Der Rhein hat sie immer weiter befördert, dabei zerkleinert und die Kanten abgeschliffen, bis das entstanden ist, was wir heute Kies nennen. An der Flussmündung ist nur noch feiner Sand übrig.

Was ergibt sieben mal sieben, Herr Trittenheim?

Äh, etwa 49?

Nein, sieben mal sieben gibt feinen Sand!

Hihi, reingefallen. Willst du weiter vom Schmelzwasser erzählen?

Ich glaube, ich war mit Georg, Rosies kleinem Bruder, unterwegs. Er war eineinhalb Jahre jünger als ich, und wir hatten uns angefreundet. Wir liefen über die Felder, um alles anzusehen. An den Hängen hinter der ersten Bruchstraße strömte das Wasser in breiter Front herab, unentwegt. Es war nicht auszumachen, wo so viel Wasser herkam. Jedenfalls sammelte sich alles in alten Entwässerungsgräben. Die verbreiterten sich an manchen Stellen zu kleinen Flüssen. Wir mussten lange nach flachen Stellen suchen, um sie überqueren zu können. Selbst die flacheren Stellen waren so tief, dass mir das Wasser in die Gummistiefeln schwappte. Der linke hatte zum Glück vorne ein kleines Loch, das ich spreizen konnte, wenn ich die Zehen bewegte. Damit konnte ich das Wasser aus meinem Stiefel abpumpen. Sah lustig aus, wenn da immer kleine Fontänen rausgespritzt sind. Mitten in einem Strom stand ein Schifferkarren. Wissen Sie, was das ist, Herr Trittenheim?

Ja, die Wanderschäfer hatten Schifferkarren. Schäfer heißt im Landkölschen „Schiffer“, manchmal auch „Schiefer „oder „Schieffer“ geschrieben.“

Ach so. Wir sind zum Schifferkarren hingewatet und haben uns hineingesetzt. Es war einer auf zwei Rädern. Der stand nach vorne gekippt auf die Deichsel gestützt. Ringsum strömte Schmelzwasser vorbei. Wir kamen uns vor wie auf einem Schiff mitten im Rhein. Wir wussten ja damals nicht, was das Wort eigentlich bedeutet. Als ich aus dem Schwarzwald nach Hause gefahren bin, habe ich gedacht, dass es in meiner Heimat langweilig wäre, aber das Gegenteil war der Fall.

Da hattest du Glück, das sich deine Heimat mit dir verändert hatte und sich von einer neuen Seite zeigte.

Eigentlich war es sowieso ungerecht. Ich bin meistens glücklich gewesen als Kind in der Bruchstraße. Aber das große Tauwasser hat mir geholfen, mich wieder einzugewöhnen.

Was ist eigentlich aus Klaus Remy geworden?

Editorische Notiz: Hier eine vorläufige Zäsur. Damit ich wieder die gewohnte Teestübchen-Vielfalt bieten kann, werden Fortsetzungen dieses größer angelegten Erzählprojektes demnächst in loser Folgen im „Teppichhaus Trithemius“ erscheinen, hier aber angekündigt und verlinkt werden. Später, falls ich nicht die Lust verliere, wird vielleicht alles zu einem E-Book zusammengefasst. Da wäre Gelegenheit, vieles zu entfalten, was im Teestübchen nur angerissen ist, weil der Blograhmen sonst gesprengt würde. Vorerst lieben Dank für dein/euer anhaltendes Interesse!
Jules