Ich folgte einer Einladung – Aus einem alten Tagebuch

Die Zugfahrt Aachen – Frankfurt/Main ist mit 154 DM arg teuer. Ein Problem wird die Rückfahrt sein. Ich müsste schon am späten Abend in Frankfurt losfahren und säße in der Nacht zwei Stunden auf dem Mainzer Bahnhof rum. Darum fragte ich das Mädel am Schalter nach einer Alternative. Sie befragte vergeblich ihren Computer. Darauf plauderten wir etwas über die Vorzüge des Systems gegenüber dem für Laien unlesbaren Kursbuch (vergl. Zeitungsbericht).

Im Zug nach Köln saß bei mir einer, der unentwegt in seine DIN-A5-Kladde schrieb, weiträumig,mit Fußnoten. Den sah ich wieder, nachdem ich in Köln in den IC 527 Gorch Fock Kiel – Köln – Nürnberg umgestiegen war. Es sollte meine erste Fahrt überhaupt mit einem Intercity sein. Freilich merkte man in meinem Abteil nichts, was den Zuschlag von 6 DM rechtfertigt.

Mir gegenüber saß eine etwa 50-jährige Frau mit kräftigen Gesichtszügen. Sie trug eine weiten rostfarbenen Rock. Die Dame war in Opladen gewesen, wo sie ihre Schwester besucht hatte, und würde mitfahren bis Koblenz, wo sie umsteigen würde, um die Mosel hoch zu fahren nach Konz bei Trier. Sie hatte ein düsteres Weltbild, sagte, dass es ja heute kaum noch gerechtfertigt sei, Kinder in die Welt zu setzen bei all der Gewalt, Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung. Wann immer ich etwas einwandte, stieß sie mit einfältigem Gesichtsausdruck vor und rief: „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Hätte sie dabei nicht dieses eselsmäßige Staunen im Gesicht gehabt, hätte ich gedacht, die will mich verarschen. So dachte ich, das eselsmäßige Staunen gilt in Konz vielleicht als Bestandteil höflicher Konversation. Im Himmel über Konz hängt tagein, tagaus ein vielstimmiger Chor von „Sagen se nur! Is dat wahr? Sagen se nur?“ Begleitet vom eselsmäßige Staunen wird es traditionell zwischen den Konzern hin- und hergegeben wie andernorts die Geldmünzen. „Sagen se nur! Is dat wahr?“ ist die eigentliche Konzer Währung. Man weiß es ja nicht als Außenstehender. In Koblenz verließ sie mich mit guten Wünschen für meine Gewalttour Aachen-Frankfurt-Aachen. „Dankesehr! Und Ihnen wünsche ich glückliche Heimkehr nach Konz!“

„Sagen Se nur! Is dat wahr?“

Wie vermisste ich diese prächtige Konzerin schon, als sie gerade erst ausgestiegen war. Als ich ihr geschildert hatte, dass ich in der Nacht noch würde zurückfahren müssen, weil ich am nächsten Tag arbeiten musste, war mir selbst etwas mulmig gewesen.

Bei Mainz rollte der Zug über den Rhein. Mein Mut sank, denn auf der rechten Rheinseite beginnt für mich Rheinländer das finstere Ausland und dehnt sich aus bis in die Innere Mongolei. Immerhin wurde meine Deutschlandkarte für diese Gegend konkretisiert. Wir kamen nämlich auch durch die Opelstadt Rüsselsheim, wo müde Männer auf den Bahnsteigen auf ihre Züge warteten, nicht auf meinen. Der IC ist nichts für sie. Sie passen besser in schmutzige und überfüllte Nahschnellverkehrszüge, befand der Bahnexperte in mir, ein hübscher Experte, hatte gerade erst den IC kennengelernt und trug schon die Nase hoch.

Der Frankfurter Hbf ist ein Kopfbahnhof, und auf Verdacht verließ ich den Kopf auf der linken Seite, wo ich erfreulicher Weise direkt auf die Kaiserstraße zulief. Ich fragte jemanden an der Fußgängerampel, und der hatte den einfachen Job: „Genau geradeaus!“ zu sagen, und da war auch schon die gesuchte Haus-Nummer 74, ein altes, hohes Stadthaus, und „Lissania“ entpuppte sich als Sprachschule. Was man da wohl für eine Sprache lernen kann?

Der Flur wirkte ärmlich, und auf der 2. Etage sah ich einen Mann im Schlafanzug und mit Pantoffeln in einer vernachlässigten Wohnung verschwinden. Ja, dachte ich, was soll ein Armer, der nirgendwo zum Feiern eingeladen ist, wenn um ihn herum die Vergnügungssüchtigen aussschwärmen, was soll der anders tun als ins Bett gehen und die Decke übern Kopf zu ziehen.

Eins höher, an der offenen Tür der Lissania, wollte ein kurzgeschorener Türsteher meine Einladung sehen. Innen großes Herumgerenne bei gedämpftem Licht. Ich rein.
(Wird fortgesetzt)

Advertisements

Tante Cillas Gesänge

Cäcilia Kuttelwäsch, genannt Cilla, stammte aus einer Zeit, als sich die unverheiratete Frau noch stolz „Jungfrau“ nannte. Diese stämmige ältliche Jungfrau trug die schwarzen Haare streng nach hinten gezurrt und zu einem dicken Dutt geknotet. Sie saß ohne familiären Anhang auf einem ererbten Bauernhof, dessen Stallungen verwaist waren, denn als alleinstehende Frau war es ihr nicht gegeben, den Hof zu bewirtschaften. Cilla bewohnte im Haus die beiden Zimmer links und rechts der stets verschlossenen Haustür. Alle anderen Räume hatte sie vermietet, einen Raum an ein kinderloses Ehepaar im Obergeschoss, inklusive Nutzung der Küche, und ein großes Zimmer im Erdgeschoss und zwei Schlafzimmer im Obergeschoss an meine Eltern. Die geringen Mieteinnahmen waren vermutlich ihre einzigen Einkünfte. Zum Haus gehörte ein großer Gemüsegarten mit einigen Obstbäumen, der ihren Unterhalt sicherte, weshalb er nur von ihr betreten werden durfte. Aus Sparsamkeit heizte sie ihre Räume nicht und saß fast immer im Dunkeln. So ohne Verpflichtung hatte sie mit ihrer Kraft haushalten können, so dass sie noch im Alter über ein großes Maß an Energie verfügte und kein einziges graues Haar zu haben schien. Sie war boshaft und zänkisch, und ihr durchweg finsterer Charakter wurde durch keine Religion gebändigt. Hätte im nahen Kloster der Inquisitor von ihr gewusst, hätte er befunden: „Zur Sicherheit verbrennen wir die Hexe.“

Uns Kinder hasste sie, obwohl wir gehalten waren “Gute Nacht, Tante Cilla!“ zu rufen, wenn meine Mutter uns über die Stiege hinauf zu Bett brachte. Nur einmal im Jahr kümmerte sich Tante Cilla um uns. Am Heiligabend saßen wir bei ihr im dunklen Wohnzimmer und warteten auf das Christkind. Um die Zeit zu verkürzen, sang Tante Cilla uns vor, mit einem gefährlichen Tremolo in ihrer Altstimme, und es schien, als würde sie Gesänge aus tiefster Vergangenheit heraufbeschwören. Es waren unheimliche Lieder, die mit eisernen Klauen nach unseren Herzen griffen.

Bei ihrem heidnischen Gesang war Cilla ganz entrückt und nahm kaum noch wahr, wie wir verängstigt auf dem unnachgiebigen Sitzgeflecht ihrer Eichenstühle herumrutschten und das Klingglöckchen herbeisehnten, das uns aus der kalten Finsternis in unsere geheizte Wohnküche rief, wo der Weihnachtsbaum in festlichem Glanz erstrahlte. Dieser Kontrast zwischen Tante Cillas düsterer Welt und dem hellerleuchteten Weihnachtszimmer bereitet mir noch heute einen wohligen Schauer.

Über Cillas Heidenlieder hat sich gütiges Vergessen gelegt. Ich habe nur ein einziges behalten, ein Spottlied, vermutlich wegen seiner heiteren Bosheit, weil im Lied die Wünsche eines Knaben von seiner findigen Mutter auf höchst unbefriedigende Weise erfüllt werden, „Unser Nohber Pitter.“ Nachbars Peter will so gerne Ritter werden, und weil er kein Pferd hat, setzt die Mutter ihn auf den Ziegenbock. Zum Helm wird der Nachttopf, zum Schwert das Ofenrohr usw. Hier im kölschen Dialekt mit hochdeutscher Übersetzung:

Pater Arnolds Zugunfälle und ich

In dem Jahr, in dem mein Vater starb, hatte er für meinen älteren Bruder und mich eine Modelleisenbahn gebaut. Es war eine Anlage so groß wie unser Esstisch mit einem Anbau halb so breit. Dieser Anbau konnte mit Hilfe stabilisierender Leisten seitlich angefügt werden, so dass die komplette Anlage links und rechts über die Querseite des großen Küchentischs ragte. Da wir nur das eine Zimmer hatten, Wohnzimmer und Küche in einem, wurde die Anlage nach dem Spielen demontiert und mit dem Gesicht zur Wand gelehnt. Dann zeigte sich, dass die Platte, auf der Häuser, Berge, Brücken und Schienen aufgebaut waren, ein Sperrholzbrett auf einem Rahmen von stabilen Vierkantleisten war. Dieser Rahmen hatte an der einen Längsseite Aussparungen, in die die beiden Leisten der anzubauenden Platte geschoben werden konnte. Auch sah man ein Gewirr von Kabeln, die durch kleine Bohrlöcher von den Weichen und Signalen in Richtung der Schaltpulte geführt waren und dort wieder durch Bohrlöcher zur Oberseite hin verschwanden.

Wann mein Vater diese aufwändige Konstruktion gebaut hatte, weiß ich nicht. Er kam werktags immer spät von der Arbeit. Meine kleinere Schwester und ich waren dann schon im Bett, so dass wir ihn fast nur am Wochenende sahen. Ganz selten durften wir mal aufbleiben, bis er nach Hause kam. Dann holte er aus seiner ledernen Aktentasche die „Hasenbrote“, die er unterwegs einem Hasen abgenommen hatte, der sie hatte hergeben müssen, weil mein Vater ihm Salz auf den Schwanz gestreut hatte. Diese leckeren Hasenbrote durften wir dann essen. Sie schmeckten herrlich.

„Lederne Aktentasche“ bedeutet nicht, dass mein Vater darin etwa Akten transportiert hätte. Seine Aktentasche hat immer nur eine verschraubbare Thermoskanne, einen Henkelmann und eben Hasenbutterbrote enthalten, denn mein Vater war Arbeiter, genauer Kunstschlosser und arbeitete in Düsseldorf in der Schlosserei seines Bruders. In seinem Beruf soll er ein Genie gewesen sein, erzählte jedenfalls immer mein Cousin Johannes, der bei meinem Vater in die Lehre gegangen war.

Die Adventszeit kam, mein Vater erlitt einen Herzinfarkt, derweil er Material aus einem Güterwaggon lud, meine Mutter wurde nach Düsseldorf gerufen, und als sie im Krankenhaus ankam, hatte er so lange nicht warten können und war gestorben.

Zu Weihnachten bekamen mein älterer Bruder und ich die Modelleisenbahn. Allerdings hatte mein Bruder die Oberaufsicht. In seiner Abwesenheit durfte ich nur Waggons aufs Gleis setzen und mit dem Finger hin- und herschieben. Diese Vorsicht in der Behandlung der Anlage wurde aber gänzlich außer Kraft gesetzt, wenn Pater Arnold aus dem nahen Kloster zu Besuch kam, eigentlich um meiner Mutter in ihrer Trauer geistlichen Beistand zu leisten.

Pater Arnold war beliebt in unserem Dorf, denn wenn er den alten Pastor Houben vertrat, las er die Messen überraschend schnell. Man war eigentlich daran gewöhnt, dass die Messen schier endlos dauerten. Der Pastor war nämlich schon „ein bisschen draus“, wie es hieß. Heute würde man sagen, „Pastor Houben war dement.“ Oft war er unsicher, was aus der Messliturgie er schon gelesen hatte und las manche Passagen zur Sicherheit zweimal. Daher dauerte ein gewöhnliches Hochamt am Sonntagmorgen eineinhalb Stunden. Wenn Pater Arnold schon nach 45 Minuten fertig war, vermutete man, er habe der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen einiges von dem weggelassen, was Pastor Houben versehentlich zweimal gelesen hatte. Genaues wusste keiner, denn in meiner Kindheit wurde noch die Liturgie auf Latein gelesen, und das war uns auf dem Dorf ein einziges Rhabarberrhabarber.

Pater Arnolds Markenzeichen war ein meterlanger roter Schal, den er so oft um den Hals gewickelt hatte, dass schon das Abwickeln eine größere Vorführung war, zu der man Eintritt hätte nehmen können. Mich befiel ein leises Grauen, wenn Pater Arnold seinen Schal abgewickelt hatte, um mit uns an der Modelleisenbahn zu spielen. Sein liebstes Spiel waren Zusammenstöße. Gerade war ich glücklich, wenn unsere beiden Züge über die Gleisanlage rollten, wenn sie brav ihre diversen Anhänger über Brücken und durch Tunnel zogen, wenn sie zuverlässig an Signalen hielten, kam Pater Arnold, wickelte seinen Schal ab und sagte zu meinem Bruder: „Komm, Friedrich, lass uns Zusammenstoß spielen!“ Dann nahm er brutal eine Lok auf, setze sie gegen die andere aufs Gleis und ließ die beiden gegeneinander brausen, dass sie mitsamt  Anhängern aus dem Gleis kippten.

Seit dieser Zeit mag ich gar nicht, wenn etwas sorgsam Geplantes zerstört wird. Hollywoods Katastrophenfilme mit ihren gigantischen Zerstörungen, überhaupt alles Destruktive ist mir ein Graus, und Schuld ist Pater Arnold.

Seit 25 Jahren darf Galileo Galilei wieder in die Kirche

Meine Mutter hatte die katholische Wochenzeitung Liboriusblatt abonniert. Als ich etwa 12 Jahre alt war, hat mich das Liboriusblatt schier in den Wahnsinn getrieben. Auf einer Kinderseite im Blatt war die Bastelanleitung für eine Sternenhimmel-Beobachtungsstation. Ich baute sie eifrig nach, aber ein wesentlicher Schritt in der Anleitung fehlte. Wie kriege ich den Sternenhimmel in meine Beobachtungsstation gespiegelt? Ich habe das ganze Liboriusblatt abgesucht, ob sie vielleicht die Seiten vertauscht hätten und die Anleitung noch irgendwo weiter ging. Je deutlicher wurde, dass meine Suche erfolglos war, desto ungeduldiger wurde ich, fand, dass diese Bastelanleitung geeignet war, Kinder zu ärgern, ja, regelrecht zu martern, ein Geschäft, worauf sich die katholische Kirche bestens versteht. Sollte es tatsächlich so gedacht sein, dass man in der Station den Sternenhimmel mit schwarzen Tonpapier simulierte? Und wollte man Sterne sehen, piekste man Löcher hinein und stellte dahinter eine Kerze als Lichtquelle auf? Das ist doch keine Sternenhimmel-Beobachtungsstation, fand ich. Vermutlich bin ich vom Glauben abgefallen, weil ich mich vom katholischen Liboriusblatt getäuscht fühlte.

Inzwischen verstehe ich, dass diese Anleitung der Versuch war, in meine kindliche Vorstellung das geozentrische Weltbild einzuflüstern. Die Erde steht unbeweglich in der Mitte, und der prächtige Sternenhimmel ist nichts als eine Theaterkulisse. Immerhin wurde Galileo Galilei, der das geozentrische Weltbild angezweifelt hatte und deshalb von der Inquisition beinahe als Ketzer verbrannt worden war, erst heute vor 25 Jahren, am 31. Oktober 1992, vom Papst rehabilitiert. Eine Kommission hatte 13 Jahre darüber beraten. (Teestübchen berichtete) Was es da noch zu beraten gab? Vermutlich hatten die eine Sternenhimmel-Beobachtungsstation aus dem Liboriusblatt.

Zur Erinnerung an Eugene Faust

Manchmal versendet mein Smartphone von mir unbeabsichtigt eine leere Mail. Es ist nicht weiter tragisch. Tragisch war, dass mein Smartphone im September 2013 meine todkranke Blogfreundin Eugene Faust angerufen hat, obwohl ich jemand anderes sprechen wollte. Ich war so überrascht, als sie abnahm, dass ich nichts weiter tat als mich für die Störung zu entschuldigen. Kurze Zeit später war sie tot. Dass unser letztes Gespräch so verunglückt ist, lastet mir noch immer auf der Seele.

Heute vor vier Jahren starb diese wunderbare Frau, und wäre nicht meine Fehlleistung vor ihrem Tod, wäre ich glücklich, dass ich mich ihr Freund habe nennen können. Bald nachdem ich mit dem Teppichhaus Trithemius von der Plattform Blog.de zu twoday.net umgezogen war, im Juni 2010, lernte ich Eugene Faust kennen. Sie kommentierte freundlich und zurückhaltend, und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich auch auf ihrem Blog umgesehen habe und mehr über sie erfuhr.

Eugene Faust war als junge Frau an Multiple Sklerose erkrankt, hatte spät ein Studium der Psychologie aufgenommen und mit Diplom abgeschlossen. Ihre Diplomarbeit ist eine Fallstudie von Frauen, die in Swingerclubs verkehren, nachzulesen hier. Sie muss auf dem Campus eine auffällige Erscheinung gewesen sein, weil sie sich damals bereits mit Rollator fortbewegte. Als sie 2006 zu bloggen begann, saß sie schon im Rollstuhl. Es ist ein besonderer Effekt des Internets, dass in ihm derlei Beeinträchtigungen keine Bedeutung haben. In der Twoday.net-Blog-Communtity bezauberte sie durch ihre kluge, liebenswürdige Art und ihren Witz. Legendär ihre Gif-Animation vom Skifahrer im Treppenhaus. Als eine Mittlerin, ein Medium im Wortsinne, verstand sie es, den Kontakt zu vielen Menschen zu knüpfen und im großen kalten Internet mit ihrem Blog ein belebendes, wärmendes Herdfeuer zu bieten, an dem man sich gern zu gemeinsamen Aktionen versammelte. Eugenie Faust konnte zwischen den Zeilen lesen, hinter den Äußerungen in unpersönlicher technischer Schrift den Menschen sehen. Sie sah das Gute in ihrem digitalen Gegenüber und spiegelte es. Milde betrachtete sie die Schwächen, wusste aber auch zu tadeln ohne zu verletzen, wenn jemand sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze des pfleglichen Umgangs hielt.

Mir war sie, wenn wir telefonierten, über Jahre eine aufmerksame Zuhörerin und kluge Ratgeberin, immer einfühlsam und voller Verständnis für die Wirrnisse in meinem Liebes- und Seelenleben. Einmal habe ich diese zauberische Frau in ihrer Wohnung im Hamburger Schanzenviertel für kurze Zeit besucht. Ich trank einen Kaffee mit ihr am Küchentisch und während dieser ersten Viertelstunde hat sie mich mit ihren schönen Augen betrachtet, und mir war, als würde sie meinen Seelengrund auslesen. Ich erinnere mich noch, wie sie sich aus ihrem Rollstuhl in den Schreibtischsessel schob und mir zeigte, dass sie ihre Bildcollagen und Gif-Animationen wie die witzige Telefonsex-Sequenz in ihrem Beitrag weiter unten – erstaunlicher Weise mit Windows Power Point erstellte, was ich als Photoshop-Adept nie für möglich gehalten hatte.

Als mich mal eine kreative Blockade plagte, heilte sie mich davon mit einer ganzen Reihe von Gif-Animationen, Therapiesitzungen wie der links, worauf ich dann das folgende psychedelische Video „Anklopfen bei Merkel“ machen konnte.

Danke, liebe Beate, du fehlst und bist auch nach vier Jahren unvergessen.

(Das Video stammt von 2010, weshalb aktuelle Bezüge nicht passen und unbeabsichtigt sind. Anzuklopfen bei Frau Merkel wäre aktuell beispielsweise wegen massenhafter Stromabschaltungen in Privathaushalten, über die kürzlich von der durchaus regierungstreuen Tagesschau berichtet wurde,  desgleichen wegen Pflegenotstand und Kinderarmut in Deutschland; die Liste der von ihr verantworteten Fehlentwicklungen ist lang.)

Flashback 1992 – Heimgekehrt nach 20 Jahren

Da ist ein Bach, von seiner Quelle bis zur Mündung gut 40 Kilometer lang, zu schmal, ein Fluss zu sein, aber in seinem tiefen alten Bett übervoll mit Wasser und kraftvoll strömend. An seinen fruchtbaren Ufern hatten schon die römischen Besatzer ihre Landhäuser errichtet, und wo man sie ließ, siedelten schon früh ripuarische Franken. Dem Bach ist nichts Plötzliches anzusehen. Seine Ufer scheinen fest gefügt und er zieht in weiten Schleifen durchs Land. Und doch steigt er manchmal wie wütend auf und überschwemmt Felder und Gärten. Sein Weg ist an vielen Stellen überraschend, denn nichts in der Landschaft deutet darauf hin, warum er just diese oder jene Schleife macht und gerade hier zur einen oder anderen Seite ausschwingt. Wie er glucksend das Land durcheilt, hat er links und rechts die Dörfer bei sich, fast zwanzig an der Zahl, in regelmäßigen Abständen. In den Orten lebt ein kräftiger, freundlicher Menschenschlag, der gut ohne den Rest der Welt auskommen mag, denn ob man woanders so recht zu leben, zu lieben, zu feiern oder gar zu denken versteht, galt lange Zeit als nicht ausgemacht. Da draußen ist nämlich noch immer das Ausland, das Utgard der Vorväter.

So blieb man gerne unter sich, wodurch sich das Leben in der Gegend über Jahrhunderte stabilisierte. Es gibt aber in diesen Menschen auch ein Element der Unruhe. Die das zu stark spüren, können nicht bleiben. Ihr Dorf spuckt sie aus. Die anderen verdaut es, bis auf die Ballaststoffe, die auf dem Kirchhof verbuddelt werden.

Ich bin so ein ausgespuckter Mensch. Das hat mir anfangs weh getan. Viele Jahre hatte ich das Gefühl nirgendwo hin zu gehören. 20 Jahre später ist es anders. Du gehst durch die Straßen, suchst Wege und Plätze auf, betrittst Häuser und Kirche, und alles wirkt wie verkleinert. Dann merkst du, dass du außerhalb des Dorfes hast weiter wachsen können. Du kannst nicht zurück, denn jetzt ist dir alles zu eng. Wo du aber zu Fuß gehst, fährt der Dörfler mit dem Auto, wo du den Kopf einziehst, geht der Dörfler kerzengerade durch.

Heimgekehrt, Filzstiftzeichnung: JvdL

Man nimmt dich freundlich auf. Du bist der heimgekehrte Sohn. Aus deinem Gesicht liest man die vertrauten Züge aus. In ihren Augen bist du natürlich nur ein halber Mensch, bestehst für sie nur aus dem Quäntchen, das sie als vertraut erkennen. Dieses Quäntchen aber hätschelt und pflegt man, damit es wächst. Sie fragen: „Was machst du da in Utgard?“ Du fängst an zu erzählen, dies und das, allerhand interessante Sachen, denkst du. Da aber sagt der andere: „So? Ach so. Hast du schon gesehen? Wir haben das Klosett tapeziert.

(Tagebuchaufzeichnung Herbst 1992, Heimkehr wegen der Beerdigung meiner Mutter, links: Selbstbildnis von 1991 auf dem geliehenen Fahrrad eines Bauern aus der Nachbarschaft)

Bequemes Radfahren: Erinnerungstour durch die niederländischen Alpen

„Vielleicht führt der Weg auch nach Mechelen“, hätte mein Freund Rudolf sagen sollen, als er mir vorschlug, am Ortseingang von Vijlen, nahe beim Hotel „Alpenzicht“ von der Hauptstraße abzubiegen. Stattdessen sagte er: „Der Weg führt auch nach Mechelen!“ und ich glaubte ihm, weil ich es glauben wollte. So drehten wir und bogen in den steilen Hohlweg ein, der irgendwo unten hinter einer Biegung verschwand. Kurz rollten wir, dann sausten wir und zuletzt schossen wir die Windungen des Weges hinab.

Man findet im Mergelland viele versteckte Täler. Auf dem Talgrund und ein wenig die Hänge hinauf stehen schön hergerichtete Bruchstein- oder Fachwerkhäuser, inmitten fruchtbarer Felder, satter Wiesen, Hecken, Buschwerk und Obstgehölz. Viele bieten Ferienwohnungen an, denn das Mergelland, das sind die niederländischen Alpen. Ich dachte schon oft: Wenn der liebe Gott völlig verkitscht wäre, dann wäre hier sein Vorgärtlein. Ein ausgedehnter Höhenrücken an der Grenze zu Belgien hat 12 – 15-prozentige Anstiege. Wir waren 15 Prozent hinuntergesaust, und nun ging es weniger steil, doch anhaltend bergauf. Da war keine Möglichkeit, Richtung Westen abzubiegen. Ob wir wollten oder nicht, wir mussten zum Kamm hinauf. Man bleibt noch unterhalb der Baumgrenze, versteht sich. So hoch sind die niederländischen Alpen auch wieder nicht. Deshalb schafften wir den Anstieg in einem Stück, und als wir so weit oben waren, dass wir endlich hätten abbiegen können, da waren wir eigensinnig, schalteten einen Gang höher und fietsten weiter hinauf in den lichten Herbstwald.

Hinab geht es in steilen Serpentinen, und auf halber Höhe naht der Waldrand. Man kann in ein weites Tal sehen, auf dessen Grund die Geule mäandert. Der kleine Fluss bildet die Grenze zu Belgien, bevor er sich artig in die Niederlande wagt und dann Göhl heißt. Auf seinem Weg zur Maas reihen sich an seinen Ufern prächtige Wasserschlösser. Auf der belgischen Seite sind sie aus Bruchstein erbaut, in den Niederlanden aus dem gelben Mergelstein. Bald hielten wir uns nur noch an versteckte Wege und sahen uns die Augen aus dem Kopf. Mal kannten wir uns aus, mal waren wir wieder wie neu in der Welt. Rudolf ist ein guter Begleiter, voller Gucklust und Begeisterung. Es ging uns manchmal alles viel zu schnell, denn wir sahen unter der milden Herbstsonne so viele Weiler, hübsche Häuser, versteckte Bauten und Mühlen, dass es für Tage gereicht hätte.

Irgendwann kamen wir in Mechelen an. Rudolf schlug vor, einen Kaffee zu trinken. Die Saison ist vorbei, das Herbstlaub fliegt durch die Straßen, und so fanden wir nur eine offene Kneipe. Da verabschiedeten sich gerade die einzigen Gäste. Die Decke der Kneipe hing voller Maßkrüge, an den Wänden die wunderlichsten Dinge, und es schauderte mich ein bisschen, auf einem der geschnitzten Eichenstühle zu sitzen.Wir saßen gut am Fenster und der junge rundgesichtige Wirt brachte uns den Kaffee. Danach stand er hinter der Eichentheke, stützte sich mit gerecktem Arm oben an der Thekenverblendung ab und lauschte ganz einfach unserem Gespräch. Rudolf erzählte, er habe von einem Freund ein Gedicht bekommen, und zwar über das Wort „vielleicht.“ Das sei ein eigenartiges Wort, er müsse seither ständig darüber nachdenken. Wir erwogen mögliche Etymologien, doch ich war nicht sicher, ob wir mit unseren Vermutungen richtig lagen. Der Wirt jedoch verfolgte das Hin und Her mit zunehmendem Interesse. Bald waren wir bei versunkenen Bedeutungen und Wörtern, die mit der Sache verschwinden. „Groschen“, sagte ich, das Wort kennen die jungen Leute bald nur noch, wenn ihnen mal „der Groschen fällt.“

Da der Wirt sich immer weiter über seinen Tresen gebeugt hatte, sagte ich zu ihm: „Dubbeltje, Quartje“, diese Wörter verschwinden bei euch. Ach, das war schönes Geld!“ Eine Weile redeten wir über holländische Gulden und die Nachteile der Euro-Münzen. Dann fragte ich ihn: „Mir geht manchmal ein niederländisches Sauflied durch den Kopf. Doch ich kriege den Text nicht zusammen.“ Und dann sang ich ihm die erste Strophe vor:

Ik heb vannacht van jou gedroomd
jenevertje, jenevertje
Oh heerlijke dromen
Er wou geen eind aan komen
Oh heerlijke dromen
Van bier en witte wijn

und fragte ihn nach einem bestimmten Wort der zweiten Strophe, da ich nicht sicher war, es richtig zu erinnern. Er kannte den Wortlaut auch nicht, doch über seinen Schnapsregalen hing ein kleiner Monitor. Dort hatte er ein Menu wie eine Musikbox, das er mit dem Finger bedienen konnte. Für den Rest unseres Aufenthalts hat der Wirt nach dem Lied gesucht. Leider wurde er nicht fündig.

Zu Hause sang ich eine Tonaufnahme ein, doch ich kann sie im Teestübchen nicht hochladen, wodurch Frauen und Kinder schon mal geschützt sind, obwohl ich damals extra meine Stimmbänder durch den Honigtopf gezogen hatte.

Unsere Tour geriet anstrengend, denn bei Valkenburg erklommen wir die andere Höhe des Tals und fuhren auf diesem Höhenrücken zurück. Und ich nervte Rudolf ein bisschen, weil ich immer wieder rief: „Hier möchte ich wohnen!“ Schon lange waren wir nicht so eine anstrengende Tour gefahren. Und trotzdem war der Umstand, dass Rudolf in Vijlen vergessen hatte „vielleicht“ zu sagen, der Auftakt gewesen für eine unserer schönsten Fahrten durchs hübsche Mergelland.