Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

Unter meinen Handtüchern befindet sich eines mit dem Aufdruck eines Fitnessstudios, der in der Wäsche verblasst ist. Ich habe es legal erworben, weil ich bei einem Fitnesstermin mein eigenes Handtuch vergessen hatte. Das Studio gehörte einem meiner Exschüler, einem wie man sagt baumlangen jungen Mann. Ich kenne ihn schon aus einer Zeit, als er noch klein war und an der Hand seiner Mutter trippelte. Das muss um das Jahr 1975 gewesen sein. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht mehr in meinem erlernten Schriftsetzerberuf, sondern hatte ein Studium begonnen. Da ich schon Familie hatte, musste ich nebenher arbeiten. Unter anderem layoutete ich die monatlich erscheinende AStA-Zeitung.

Bis 1974 hatte ich in einer Druckerei im Aachener Universitätsviertel gearbeitet und verstand mich gut mit deren Besitzer, so dass er mich außerhalb der Arbeitszeiten mit seinen Gerätschaften auf eigene Rechnung arbeiten ließ. Ich montierte also die Seiten der AStA-Zeitung am Leuchttisch, der im vorderen Büroraum der Druckerei stand. Von dort konnte ich durch ein großes Fenster das Geschehen auf der belebten Straße beobachten. Normaler Weise ließ ich mich nicht davon ablenken, ignorierte das vergnügungssüchtige studentische Treiben. Doch manchmal trat aus dem Hauseingang gegenüber eine schöne, großgewachsene junge Frau mit einem Kind an der Hand. Ihr ebenmäßiges Gesicht hatte etwas Puppenhaftes, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie bewegte sich langsam, und es hätte mir nicht langsam genug sein können, bis sie meinem Blickfeld entschwand. Bald hatte ich mich aus der Ferne in sie verliebt. Es war eine harmlose Schwärmerei, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Immerzu schwärmte ich für eine mir unerreichbare Frau und gab mich unrealistischen Träumen hin.

Die Buchenallee, die sich an der nordöstlichen Flanke des Aachener Lousbergs entlangzieht, war mein bevorzugter Studienort. Dort saß ich am jungen Morgen auf einer Bank mit Blick auf das Tal der Soers und quälte mich mit Helmut Sembdners Werk über die Besonderheiten der Zeichensetzung bei Heinrich von Kleist. Wenn es mir gar zu dröge wurde, ließ ich das Buch sinken und erträumte mir, die schöne Mutter werde mit ihrem Kindlein die Buchenallee entlang spazieren, und es ergäbe sich ein Grund, mit ihr zu sprechen. Das geschah zum Glück nie.

Etwa 12 Jahre später, ich war bereits Lehrer an einem Aachener Gymnasium, da hatte sich für den Elternsprechtag eine mir unbekannte Frau Welker in die Terminliste eingetragen. Ich unterrichtete ihren Sohn in Kunst. Die Tür öffnete sich und herein trat die Frau mit dem Puppengesicht. Sie hatte sich kaum verändert seit jenen Tagen. Natürlich erkannte sie mich nicht, denn ich hatte sie ja immer aus dem Büro der Druckerei beobachtet. Nun hatte ich einen Grund, mit ihr zu sprechen. Ihr Sohn war erst seit kurzem mein Schüler und bislang nur positiv aufgefallen. So konnte ich das Gespräch zwar freundlich, doch mit der nötigen Professionalität führen. Zwischendurch horchte ich in mich hinein und stellte fest: Meine Schwärmerei für sie war über die Jahre von mir abgefallen. Nach dem Abitur muss ihr Sohn das Fitnessstudio gegründet haben, woraus mein Handtuch stammt.

Großväterliches

Einmal sah ich auf dem Aachener Münsterplatz einen Mann, der trug unter der Nase einen mordsmäßigen Schnurrbart, dessen Enden zum Kreis gezwirbelt waren. Der Schnurrbartbesitzer ging seltsam nach vorn gebeugt. Sein Schnurrbart hatte ihm bestimmt gesagt:
„Trag mich mal ein bisschen spazieren, aber da, wo viele Leute mich sehen können!“ Da ist der Mann folgsam losgelaufen, aber wie zum Hohn hat sich der undankbare Schnäuzer extra schwer gemacht. Diese Schnäuzermode ist ja sowieso aus der Zeit gefallen. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie populär. Sie hieß „Es ist erreicht“ und war Kaiser Wilhelm II gewidmet, vielmehr seinem gezwirbelten Schnurrbart.

Mein Großvater hat zusammen mit seinem Zwillingsbruder in Berlin in der kaiserlichen Garde gedient. In der Waschküche, in der auch gekocht wurde, hing ein Foto, das die beiden in Uniform und mit Kaiser-Wilhelm-Schnurrbärten zeigte. Das Foto hatte Jahrzehnte im Essensdunst gehangen und war von Stockflecken angefressen. Schon als Kind war ich froh, dass mein Großvater mit seinem furchteinflößenden Schnäuzer kaum noch zu erkennen war. Ich kannte ihn nur ohne Schnurrbart wie er entweder in seinem Sessel saß und auf die Lehne trommelte oder auf dem Hof in der Sonne, um Kartoffeln zu schälen.

Mit mir gesprochen hat er kaum. Ich erinnere mich überhaupt nur an ein Wort, das er je an mich richtete. Da war ich bereits 17 Jahre alt, hatte die Gesellenprüfung als Schriftsetzer bestanden und arbeitete nicht mehr im Lehrbetrieb, der Druckerei Eupen in Neuss. Ich betrete die Wohnküche, mein Großvater sitzt im Lehnstuhl neben dem Ofen, trommelt mit den Fingern auf der Lehne und fragt unvermittelt: „Böste noch bej Oepen?“ [Bist du (arbeitest du) noch bei der Druckerei Eupen?] Der Wortlaut hat sich mir eingeprägt, weil mein Großvater das in zeitlichem Abstand mehrmals gefragt hat und ich jedes mal geantwortet habe: „Nein, Opa, ich arbeite doch jetzt in Köln.“ Man wird denken, seine wiederkehrende Frage wäre ein Anzeichen von Demenz, aber derlei kam nie zur Sprache, zumal meine Großmutter ihm gewohnheitsmäßig übers Maul fuhr, weshalb er kaum etwas sagte.

Sie hatte ohnehin das Sagen, denn diese weltgewandte Frau kam aus Köln, während mein Großvater vom Dorfe stammte. Er war Bahnbeamter gewesen, irgendwann in für mich grauer Vorzeit. Aus einem mir unerfindlichen Grund ist er mein Taufpate geworden. Meine Mutter wollte mich Johannes nennen, doch ich bekam den Großvatersnamen obendrauf. Als wäre das nicht genug für einen Säugling, verlangte der Pastor, dass ich zusätzlich den Namen des Heiligen bekam, an dessen Tag ich geboren war. Nie ist mein Großvater als Pate in Aktion getreten, nur einmal, als er in Kur ging, lieh er sich meine Uhr, die ich zur Kommunion bekommen hatte. Ich bekam sie irgendwann defekt zurück.

In der Familie wurde eine Episode erzählt von ihm und seinem ältesten Sohn, meinem Onkel Joachim. Der hatte Metzger gelernt und sich mit 18 Jahren in eine zehn Jahre ältere Frau verliebt. Die beiden lebten in wilder Ehe in einem Nachbardorf. Mein Großvater radelte hin, um den skandalösen Zustand zu beenden. Sein Sohn hatte gerade ein Schwein geschlachtet und verjagte seinen Vater, meinen Großvater, mit einem blutigen Schlachtermesser. Ihr Verhältnis muss schon immer angespannt gewesen sein. Onkel Joachim sah als Kind bei Straßenarbeiten vor dem elterlichen Haus zu und begeisterte sich für die Arbeit mit Schaufel und Spitzhacke. Es hieß, die Bundesstraße werde von Arbeitslosen gebaut. Als der kleine Joachim gefragt wurde, was er wohl mal werden wolle, sagte er treuherzig: „Arbeitslos!“, worauf mein Großvater ihm eine gewaltige Maulschelle verpasste.

Zu Familienfesten saß mein Großvater völlig unbeteiligt in seinem Lehnstuhl in der Ecke und trug zur fröhlichen Stimmung den Zigarrenrauch bei. Ich meine, mich zu erinnern, dass er zu Weihnachten immer Krawatten bekam. Zu diesem Festakt hatte er die blaue Arbeitsjoppe mit der „guten“ Strickjacke vertauscht. Man saß ja auch im „guten Zimmer.“ Das wurde nur zu besonderen Anläsen betreten und nicht mit den Holzschuhen, die er sonst zu tragen pflegte. Das wars.

[Mit Dank an Susanne Braun für die Anregung]

Last Exit – Erst der Spaß, dann das Vergüngen

    Andrea Heming hat hier das Fotografieren zur Dokumentation des eigenen Lebens thematisiert. Mir fiel ein, dass ich im August 2006 im alten Teppichhaus Trithemius bereits über das Phänomen der ständigen Knipserei geschrieben hatte. Vor gut 14 Jahren war mir das neu. Inzwischen habe ich auch ein Smartphone und knipse. Der Text vom Aachener Bahnhofsvorplatz zeigt also meinen noch unverfälschten Blick. Drum habe ich ihn unverändert ins Teestübchen gehoben:

Beton ist ja ein schöner Baustoff. Wenn man mich fragen würde, wie ein Bahnhofsvorplatz gestaltet werden sollte, und ich wäre gerade sturzbesoffen oder völlig bekifft, würde ich sagen: Gießt doch einfach eine große Betonplatte!

„Das Gebäude des Aachener Hauptbahnhofes aus dem Jahr 1905 ist für über 20 Millionen Euro modernisiert worden, zudem wurde auch der Vorplatz neu gestaltet“, meldet die Aachener Zeitung. Gestern habe ich mich dort eine Weile aufgehalten, und tatsächlich haben sie vor dem Bahnhof eine große Betonplatte gegossen, ganz ohne mich zu fragen.

Bereits den dritten Tag feierte man die Eröffnung des Hauptbahnhofes, und auf einer Bühne mühte sich eine Robbie-Williams-Coverband. Ein dickliches hässliches Männchen mit schwarzem ärmellosem Hemd und weißer Krawatte hat schön gesungen. Leider mochten die steifen Aachener nicht so recht Feuer fangen. „Kann ich euch da hinten mal haben!“, rief er nach dem ersten Lied und zeigte auch, wie man mit den Händen hoch über dem Kopf klatschen sollte, wenn er sang. Später rief er: „Aachen, wo seid ihr?!“ Da klang er schon ziemlich verzweifelt und hat überlegt, wann er denn endlich in Rente gehen kann.

Nun hat ja Alemannia Aachen gestern gegen Schalke 04 gespielt, und mit einem Mal strömten Fans aus den Bussen. Die in Schwarzgelb ließen die Nasen hängen und trollten sich zum Bahnhof. Die Blauweißen aber blieben und betanzten die Betonplatte. Ich glaube, wenn man auf relativ dünnen Beinen einen Schmerbauch mit sich trägt, kann man auf einer Betonplatte zur Musik einer Robbie-Williams-Coverband am besten tanzen, indem man tief in die Knie geht und so tut, als wollte man Kappes treten.

Da waren auch zwei Sängerinnen auf der Bühne. Vermutlich hatten sie sich zum Einstudieren ihrer Tanzbewegungen viele steinalte Videos der holländischen Frauenformation „Pussycat“ angeguckt. Jedenfalls habe ich so ein hölzernes Arm- und Hüftschwingen seit den 70ern nicht mehr gesehen. Dem mit der weißen Krawatte war es egal, und die Schalker Fans feierten sowieso sich selbst.

Ich saß ermattet auf der langen zweiseitigen Holzbank die die Betonplatte teilt. Bald hatte ich eine Gruppe Schalker Fans im Nacken. Sie standen über mir auf der anderen Bankseite und schwangen zur Musik ihre Schals und Flaschen. Manchmal strichen mir liebevoll die Fransen eines Fan-Schals über den Kopf. Doch ich rechne den Fans hoch an, dass sie mir weder Bier noch Alkopops in die Ohren gegossen haben. Ein Fan Ende zwanzig baute sich vor mir auf, um die Kumpels mit seinem Handy zu fotografieren. Das dauerte eine Weile, weil er zwischendurch angerufen wurde. Inzwischen versperrte er mir den Blick auf die Robbie-Williams-Coverband, und um mich für den entgangenen Genuss zu entschädigen, kam er anschließend zu mir und reichte mir die Hand. Er war ein stattlicher junger Mann, und deshalb habe ich erstaunt nachgeguckt, ob ich vielleicht einen toten Fisch angefasst hatte.

Mit dem Musikgenuss war es aus, denn er stellte sich seitlich von mir auf die Bank, beugte sich zu mir herunter und rief mir Sachen ins Ohr. Wie toll die Deutschen sind, so ein tolerantes und überhaupt das liebenswerteste Volk auf dem Erdball. Er musste es wissen, denn er kam aus Marl und studierte in Bielefeld. Grundschullehrer wolle er werden, denn es sei wichtig, schon den Lütten, den Stöpkes die richtige Weltsicht beizubringen. Bei denen geht die Botschaft noch voll rein in die Ganglien. Das Wort Ganglien hat er natürlich nicht benutzt. Sein Handy hat er mir auch in die Hand gedrückt und sich zu den anderen in Positur gestellt. Leider konnte ich auf dem kleinen Bildschirm nicht sehen, ob ich das Flaschen- und Schalschwingen gut festgehalten habe.

Schon vorher hatte ich darüber nachgedacht, was es mit dem ständigen Fotografieren auf sich hat. Es reicht offenbar nicht, Spaß zu haben, es muss auch ein Bildbeweis her, dass man wirklich Spaß hatte. Natürlich legt der Spaß vor der Kamera noch einen Zahn zu. Die eigene Wirklichkeit zu inszenieren, ist der eigentliche Sport der Massen.

Inzwischen hatte sich die Robbie-Williams-Coverband schon von der Bühne gemacht. Ein Spaßvogel rief „Zugabe!“, und prompt kamen sie noch mal zurück. Weiße Krawatte rief all die verstreuten Grüppchen zu sich nach vorn an die Bühne, denn er wollte mindestens einmal die pralle Action von Händeschwingen, Mitsingen und über dem Kopf Klatschen.

Ich bin auch nach vorn und weiter Richtung Last Exit gegangen. Hab ja kein Fotohandy.

Niederländisch für alle

Flashback Mai 1989, Bernd K., mein Freund und Kollege für Niederländisch am Gymnasium hatte sich einen Stempel anfertigen lassen, um ihn statt Unterschrift auf die Klausuren seiner Schülerinnen/Schüler zu drücken. Darauf zeichnete ich folgendes Cartoon (zum Lesen klicken) Der Freund ist auch hier am Schluss des Textes in einer Zeichnung von mir zu sehen, wo er mit Saxophon den Tod seiner Katze betrauert.

Flackernde Lichter

Derweil das Gezweig der Bäume noch kahl ist, sehe ich bei Dunkelheit durch eines der nördlichen Fenster die Lichter des Schnellwegs. Sie scheinen zu flackern, aber das liegt wohl an der mächtigen Fichte weiter hinten, wenn sich deren Wedel im Wind bewegen und die Lichter ab und zu verdecken. Jedenfalls sitze ich vor dem Schlafengehen lange da und schaue hinüber, wo die Lichter des Schnellwegs blinken. Da werden Erinnerungen losgetreten, denen ich mich bei Nacht gerne hingebe, indem ich mich in Hannover fast zu Hause fühle.

St. Marienthal – Foto: JvdL


St. Marienthal, ein Kloster im äußersten Osten der Republik an der Grenze zu Polen und unweit von Tschechien. Oft bin ich da gewesen, aber immer im Winter. Hier im östlichsten Zipfel Deutschlands sinkt die Dunkelheit früh herab, so dass ich im Finstern eintraf nach einer Anreise aus dem 762 Kilometer entfernten Aachen, Deutschland querdurch. Während in Aachen bedingt durch ständige Westwinde ein gemäßigtes Klima herrscht, war es in Marienthal immer bitterkalt. Nirgendwo habe ich mich je so verloren gefühlt wie an diesem einsamen Ort.

Man könnte mir nachsagen, ich sei zu empfindsam, die lange Fahrt habe meine Sinne überreizt. Ich wende ein und gebe zu bedenken, dass für einen Rheinländer direkt hinter dem Rhein die eurasische Steppe beginnt.

Das Kloster Marienthal ist mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt zur Begegnungsstätte mit Seminarräumen und Gästezimmern ausgebaut worden. Die befinden sich in verstreuten Bauten rund um den inneren Bereich des Klosters. Der ist gewöhnlichen Menschen verschlossen. Nur manchmal tritt eine geisterhaft wirkende Nonne aus der Mauerpforte. Man kann sie auch im Klosterladen treffen, wenn einem daran gelegen ist. Das Gebäudeensemble liegt im Tal der Neiße. Man kommt über den Höhenrücken heran und sieht es unten liegen. Ich lasse den schweren Firmenwagen hinab rollen, vorbei an der dunklen Klosterschenke, durch das Tor auf den Hof. Ich bin spät, denn über die Höhenrücken der Lausitz pfiff ein Schneesturm. Die Straßen sind verweht gewesen.

Das Abendessen habe ich verpasst, der Speiseraum liegt dunkel. Die Schulklassen sind schon in den verschiedenen Gebäuden auf den Zimmern. Das nimmt mir die Gelegenheit, mich mit den Lehrerinnen und Lehrern bekannt zu machen, deren Schülerinnen/Schüler ich am nächsten Tag in Medienkunde unterweisen soll. Sie haben heute ihren Recherchetag gehabt, irgendeine Einrichtung besucht, und beim Frühstück morgen wird mir das Lehrpersonal erklären, nicht gewusst zu haben, dass ihre Klassen beim Recherchetermin Notizen machen sollten, was mir die ganze Planung ruinieren wird. In dieser Hinsicht sind Lehrerinnen/Lehrer keinen Deut besser als gewöhnliche Deppen. Vom Institut waren sie vorab mit reichlich Material und Instruktionen versorgt worden. Man hätte nur lesen müssen.

Ich parke vor dem geschlossenen Gästeempfang. Telefonisch hat man mir mitgeteilt, in welchem Gebäude mein Zimmer reserviert ist und wo ich den Schlüssel finde. Es liegt auf der zweiten Etage, erreichbar über eine knarrende Holztreppe. Sie soll mich in den Tagen meines Aufenthalts noch öfter narren, denn es hört sich an, als folge mir jemand, so dass ich mich mehr als einmal umdrehe. Man hat mir mein Essen auf die Klosterstube gebracht. Da stehen Teller mit Brot, Wurst und Käse und eine Kanne Tee. Der Raum unterm Dach ist weiß getüncht und hat schwarzes Gebälk. Kleine Fenster nur, doch das ist gut. Denn stoße ich die Flügel auf und spähe hinaus in die Nacht, braust unter mir in der Schwärze ein eisiges Wehr der wilden Neiße.

Es ist ein guter Raum trotz des Rauschens, das durch die Fenster dringt. Man darf in einem katholischen Kloster keine französischen Doppelbetten erwarten. Die schmalen Betten sind übereck angeordnet, getrennt durch einen hellgrauen Kleiderschrank. Zwei der Dachgaubenfenster zeigen nach Osten. Eines ist genau über dem ebenfalls grauen Schreibtisch. Ich verstaue meine Sachen und erkunde mein Reich. An den Raum muss ich mich noch gewöhnen, das zeigt er mir, nachdem ich vom Schreibtisch aufstehe und mir an der Gaubenwand den Kopf anstoße.

Zum Schlafen ist es zu früh. Ich hülle mich in den Mantel und gehe wieder hinunter, um zu telefonieren und zu rauchen. Mein Mobiltelefon empfängt nur ein schwaches Signal eines polnischen Anbieters. Das wird oben an der Straße nach Ostritz hoffentlich anders sein. Du lieber Himmel, ist es hier kalt. Wann immer man aus dem Windschatten eines Gebäudes tritt, packt einen der eisige Sturmwind, der mutwillig durch die weiträumige Klosteranlage pfeift. Oben durch die kahlen Baumwipfel des finsteren Kalvarienbergs scheint ein Güterzug zu brausen. Da wird der Herrgott erbärmlich frieren an seinem Steinkreuz. In das Tosen des Windes mischt sich das Rauschen des Neißewehrs. Wie ich oberhalb des Klosters stehe, sehe ich weit im Osten auf polnischer Seite die Lichter einer Autobahn blinken. Womit wir wieder beim Anfang wären. Fünfzehn Jahre sind seither vergangen. Ich gehe nun zu Bett.

Kurze Geschichte einer langen Regenfahrt

Heute vor genau 26 Jahren, es war ein Sonntag, startete ich bei einer sogenannten Radtourenfahrt (RTF). Radtouristikfahrten sind durch Richtungspfeile ausgewiesene Strecken über 45, 75, 115 Kilometer und mehr mit Kontrollposten unterwegs, wo man Verpflegung bekommt und sich eine Streckenkarte abstempeln lassen kann. RTF werden von lokalen Radsportvereinen ausgerichtet. Man zahlt eine Startgebühr, bekommt eine Startnummer angeheftet und fährt los. Viele Radsportler sind in Vereinsgruppen am Start, manche treffen sich zufällig und fahren zusammen, wenn sie etwa gleich gut trainiert sind, manche fahren alleine, denn es gibt unter Radsportlern ungesellige Typen. Am Ende der Radsportsaison wird eine Bezirksabschlussfahrt ausgerichtet. Von der am 3. Oktober 1993 handelt folgender Bericht, den ich am nächsten Tag für mein Tagebuch verfasst habe.
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Episode aus dem Lehrerdasein (4) – Notenverhandlung

Ein Freund schrieb mir von seiner Ärztin. Ihr in unseren Breiten ungewöhnlicher Name erinnerte mich daran, dass ich als Lehrer zwar nicht sie, aber vermutlich ihren Ehemann und den Sohn gekannt habe. Ich unterrichtete ihn in Deutsch. Leider war der recht begriffsstutzig und auch nicht besonders lernfreudig, eher unwillig, so dass ich nicht umhin konnte, seine Leistung mit Mangelhaft zu bewerten. Darauf sagte sich der Vater zu meiner Sprechstunde an. Ohne sich für meine Einlassungen zu interessieren, wie etwa der Sohn seine Leistungen verbessern könnte, sagte er: „Für mich als Professor der Augenheilkunde ist es undenkbar, dass mein Sohn in Deutsch eine Fünf bekommt.“ Ich sagte: „Ich benote ja nicht Sie Professor der Augenheilkunde, sondern die Leistung Ihres Sohnes, und die ist leider mangelhaft.“

Wir schieden nicht einvernehmlich. Er kündigte an, sich diesbezüglich an den Direktor zu wenden, was ihm aber nicht half. In der Notengebung ist der Direktor einer Schule nicht weisungsbefugt. Ich hatte ja schon erlebt, dass Eltern die Noten ihrer Kinder gesundbeten wollten, aber dass Eltern aus ihrer gesellschaftlichen Stellung den Anspruch auf gute Noten für ihre Kinder herleiten, war mir zuvor nicht untergekommen. Derlei Vorstellungen existieren vermutlich in den Köpfen bestimmter Eltern, aber es ist nicht üblich, sie so dreist zu äußern.

Für Lehrpersonen ist es überdies gefährlich, sich auf derlei Ansinnen einzulassen, denn es spricht sich herum. Man gerät in den Ruch, leicht einzuknicken, und ruft Nachahmer hervor. Ich habe erlebt, dass ein Kollege in der Zeugniskonferenz ein Ausreichend in seinem mündlichen Fach in ein Befriedigend geändert hat, weil ein juristischer Widerspruch der Eltern gegen die Vier vorlag. Ihr Kind benötigte einen Ausgleich in einem wissenschaftlichen Fach, um versetzt zu werden. Den Grund für sein Einknicken nannte der Kollege offen. Er hatte das aufreibende Widerspruchsverfahren gegen eine Note schon einmal durchgemacht und scheute den emotionalen Stress und den Arbeitsaufwand. „Ich verderbe mir sonst die ganzen Ferien.“ Sprachs mit zitternden Fingern und setzte die Note herauf.

Erinnerung an Geilenkirchen

Hillie hieß das erste Mädchen, in das ich verliebt war. Da war ich etwa zwölf. Hillie war bei Nachbarn in Ferien und radelte mit uns über die Felder nach Grevenbroich zum Freibad. Hillie sitzt im Badeanzug auf der Decke und will nicht in Wasser. Warum? „Muschi hat Nasenbluten?“, sagt der Neuhaus wissend und bleckt grinsend seine großen Zähne. Neuhaus wusste immer Bescheid. Er hatte zwei ältere Schwestern und hatte uns alle aufgeklärt. Ich war sehr verliebt in Hillie aus Gelenkirchen, traute mich aber nicht, es ihr zu zeigen. Als ich ein Jahr später in Neuß die Schriftsetzerlehre begann, gehörte zu meinen Tagträumen, sie werde eines Tages ebenfalls in Neuß auftauchen. Dieser Tagtraum bewahrheitete sich. Als hätte ich sie herbeigewünscht, traf ich Hillie auf der Oberstraße, wo sie die Handelsschule besuchte. Natürlich war ich immer noch viel zu schüchtern, ihr näher zu kommen.

Daran musste ich denken, als Geilenkirchen und sein Hitzerekord für kurze Zeit in den Medien auftauchte. Gut 15 Jahre nach Hillie musste ich als Lehramtsanwärter alle 14 Tage nach Geilenkirchen fahren. In einem hübschen freistehenden Haus an der Landstraße wurde das Fachseminar Kunst abgehalten. Unser Seminarleiter hieß Bertrams, ein schon betagter Lehrer aus Schleiden in der Eifel. Bertrams war stolz, zusammen mit Joseph Beuys studiert zu haben. „Sie müssen antizipieren!“, mahnte er uns immer wieder. Guter Unterricht müsse vorausschauend geplant sein, und Imponderabilien sollten weitgehend ausgeschaltet werden. Das letztere habe ich schon damals nicht geglaubt und gedacht, das ist vermutlich der Grund, warum der eine Student später Kunstlehrer geworden ist und der andere Künstler mit Weltruf. Planen muss man, aber da müssen auch Leerstellen sein, damit sich das Leben entfalten kann. In meinem Leben hat es immer Imponderabilien gegeben, denn ich war und bin blauäugig von Beruf.

Erkundung der Vergangenheit (1) – Das Jahr im Keller

Einen absolut seltsamen Tag habe ich mir heute bereitet. Es begann schon gestern Abend, als ich am Retro-Projekt arbeitete und dabei von der Wucht der Zeitempfindung fast atemlos wurde. Ja, da gibt es Wellen von Einsicht in die Gewalt der Zeit, die können dich erschlagen. Plötzlich nämlich tauchen ziemlich deutliche Erinnerungen auf, du willst dich erheben und vollends hineingehen, da aber siehst du mit Beklemmung, dass du etwas Unmögliches und daher Schädliches tun willst. Anders als die Gegenwart ist die Vergangenheit ja völlig determiniert. Wenn du also Zweifel an der Existenz des freien Willens zerstreuen willst, dann so, indem du dir die Vergangenheit vergegenwärtigst. Das Unerbittliche, Unverrückbare der Vergangenheit lehrt dich, die Freiheit gegenwärtiger Entscheidungen zu schätzen.

[Tagebuchnotiz, geschrieben 1997.] Das oben genannte „Retro-Projekt“ war der Versuch, mein Tagebuch in frühere Jahre auszuweiten, 30 Jahre zurück in eine Zeit, aus der es nur wenige Dokumente gibt. Ich hatte eine DIN-A4-Chinakladde für das Jahr 1967 angelegt, das spärlich vorhandene Fotomaterial und Dokumente – wie meinen Gesellenbrief, den Jugendherbergsausweis usw. fotokopiert und hatte in der Stadtbibliothek im Bildband der Harenberg-Chronik 1967 nach Bildern und Ereignissen gesucht, zu denen ich einen Bezug hatte. Dieses Material klebte ich in die Kladde 1967, ergänzt durch handschriftliche Erinnerungen. Die Kladde lagert noch in meinem Keller in unausgepackten Umzugskartons. Und es scheut mich seit Jahren, danach zu suchen. Aus dem gleichen Jahr stammt das Foto hier. Im Bild mein Freund Fritz [Name geändert], ein mir unbekanntes Mädchen und ich [von rechts], sitzend vor der JH Brüggen, auf der Rückfahrt unserer Radtour zur Insel Texel.
[Das hier ist Beitrag Nummer 1000 im Teestübchen Trithemius, wie WordPress mir mitteilt]

Episoden aus meinem Lehrerdasein (3) – Die Liebe der Frauen (Tagebuchfunde)

Bei der Lehrer- und Lehrerinnenkonferenz kam ein Wort kam aufs Tapet, das meinem Empfinden nach einen unschlagbar oberen Platz auf der Hässlichkeitsskala besetzt: „Ranzenwache.“ Eine „Ranzenwache“ einzurichten empfahl eine neue Kollegin, weil angeblich etwas aus vor Klassenräumen abgelegten Ranzen gestohlen worden sei. Diese Frau ist genau der Typ, der solche Wortbildungen transportiert, mir in allem unangenehm, ich glaube, gänzlich durch und durch stockkonservativ und selbstgerecht. Eine Frau, hätte sie die Macht, das ganze Land mit Ranzenwachen überziehen würde.

    Ranzenwache die; -, -n;
    – halten, stehen;
    Landesweite Ranzenwachen;
    Ranzenwachablöung;
    Ranzenwachappell;
    Ranzenwachbataillonskommandeurin;
    Ranzenwachvergehen („Was? Die Kerls haben auf Ranzenwache gepennt!!?“);
    Ranzenwacherschießungskommando

*
Als ich an einem Freitag zu spät zu meiner 5e kam, erwartete mich Johannes B. im Treppenhaus und sagte, heute sei ich nur ein wenig zu spät. Darauf sagte ich: „Du kannst ja mal eine Zu-spät-komm-Statistik der Lehrer machen.“ Da sagt er: „Nee, das mache ich nicht. Da schneiden Sie zu schlecht ab.“

*
Der gleiche Junge lief in der großen Pause neben mir her durchs PZ und sagte mehrmals „cool-cool!“, wobei er mich anstrahlte. Ich frage: „Was meinst du?“
Er: „Ich spiele ja in einer Bigband, und bisher war mein Trompetenlehrer für mich der coolste. Aber jetzt muss ich ihm leider sagen, dass er Konkurrenz bekommen hat.“
„Wer ist es?“
„Ja, Sie!“

*
Die 13-jährige Schülerin Isabel belehrte mich, alle gutaussehenden Jungs seien auf der Hauptschule – denn wenn einer gut aussehe, sei er so von Mädchen umschwärmt, dass er überhaupt keine Motivation habe, sich in der Schule anzustrengen. Deshalb sei er auf der Hauptschule. Wenn er wolle, könne er natürlich auf dem Gymnasium sein, das wolle er aber eben nicht, da er alles Wichtige auch so bekäme: Die Liebe der Frauen.