Schuld war nur der Plastikeimer – Wie es mich von Aachen nach Hannover verschlug

Ich habe noch nie von einem Wasserfall geträumt. No, Sir. Doch eines Nachts so gegen Morgen, da plätscherte es in meine süßesten Träume, dass ich schon dachte: Endlich ist es soweit, mein erster geträumter Wasserfall! Da lief ich hin, denn ich wollte sehen, wie hoch der Sturzbach war. Er kam aus gut vier Metern Höhe herab, – und zwar hauptsächlich von der Zimmerdecke im Nebenraum. Und ich schlief auch nicht, sondern torkelte umher, als wäre ich just aus dem Tiefschlaf gerissen worden, in dem man bekanntlich gar nicht träumt.

Da traf es sich gut, dass ich im Nu durchnässt war, denn nichts weckt die Lebensgeister besser als eine kalte Dusche. Weil das Wasser leicht getrübt war, blieb ich nicht darunter stehen, sondern holte einen Eimer, um das kostbare Nass aufzufangen. Dann eilte ich die Treppe hinauf zu meinem Obernachbarn, klopfte und klingelte, hörte ein Grunzen und dann nichts mehr, klopfte und klingelte, rief durch die Tür. Auf ein neuerliches Grunzen konnte ich nicht mehr warten. Unten lief gerade der Eimer über. Ach, und wo war die Telefonnummer der Hausbesitzer? Der nässende Obernachbar war nämlich ihr Sohn, und sie würden eventuell wissen, was man tun muss, um ihn wach zu kriegen. Ich konnte die rettende Telefonnummer nicht finden, zumal ich dauernd Eimer ausgießen musste. Derweil der Sturzbach in einen zweiten Eimer pladderte, lief ich wieder hoch, und auf mein Klopfen öffnete nicht der grunzende Sohn, sondern sein Freund und Türnachbar nebenan. Er reichte mir sein Telefon mit der gewählten Nummer und holte eine Wanne, derweil ich Frau Hausbesitzerin alarmierte. Sie war nicht wirklich erfreut, versprach bald zu kommen und sagte, ich solle den Haupthahn schließen.
„Ja, wo ist denn der?“
„Sie haben einen in der Wohnung!“
„Ach, ich kann mit meinem Haupthahn das Wasser von oben stoppen?“
Das ist ja nicht völlig absurd, denn mit dem Haupthahn im Keller kann man sogar das Wasser der Dachetage abdrehen. Sie beschrieb mir, wo ich diesen Oberhaupthahn finden könnte, und er ließ sich auch tatsächlich schließen, was meinen Sturzbach allerdings nicht kümmerte. Es triefte und pladderte noch eine halbe Stunde weiter.

Von der 1. Etage dieses Hauses wurde ich durch einen versoffenen Studenten und seinen Eimer vertrieben – Foto: JvdL

Die Hausbesitzerin trat ein und beguckte sich die nasse Zimmerdecke. Sie holte eine Trittleiter und riss die nassen Rauhfaserbahnen herunter, was mir das Zimmer schön dekorierte, denn die Placken abgeplatzter Farbe schwammen hübsch über die Dielen. Draußen stand der verkaterte Sohn und guckte zu. Er bewegte sich erst, als ich provozierend sagte: „Und Mama macht den Dreck weg.“ Da zischte sie ihm etwas zu, worauf er sich bequemte und zu wischen begann. Später fragte ich ihn, was passiert sei, und er sagte, dass er im Rausch einen Eimer in die laufende Dusche gestellt habe. Am Nachmittag rollten Hausbesitzers zwei Raumentfeuchter in Kühlschrankgröße in meine Wohnung, deren Lärm mir in erster Linie die Energie absaugte. Mir war klar, dass ich die nächsten Wochen nicht in der Wohnung würde leben können.

Zu jener Zeit pendelte ich schon ein halbes Jahr zu einer Liebschaft in Hannover. Also fuhr ich jetzt für zwei Wochen hin, derweil Hausbesitzers meine Wohnung renovieren wollten. Die Frau organisierte für das nächste Wochenende acht Besichtigungstermine. Und bald darauf war mein Umzug nach Hannover perfekt. Rückblickend ist der Eimer, der mich aus Aachen vertrieb, übrigens klein und blassrosa.

Man könnte sagen, dass ich vor nun zehn Jahren meine Heimat leichtfertig verlassen habe – von den freundlichen Rheinländern zu den stieseligen Niedersachsen. Das ist wahr, allerdings reizte mich das Abenteuer, eine neue Stadt kennen zu lernen, die Stadt, in der Kurt Schwitters gelebt hatte. Außerdem war ich die Pendelei leid und konnte, wenn ich zu Gast in Hannover war, nicht schreiben. Selbst nach meiner Heimkehr dauerte es gut drei Tage, bis es wieder ging. Zudem war die Aachener Innenstadt voller schmerzlicher Erinnerungen für mich, und die hoffte ich, hinter mir zu lassen.

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Vom Jungsein zum Altsein ist’s nur ein Katzensprung

Franz, Karl-Heinz, Theo und ich saßen bei Franz zu Hause im Wohnzimmer über dem Jugendherbergsverzeichnis, einer Deutschlandkarte und einem Notizblock und planten unsere Radtour aus dem Rheinland bei Köln zum Bodensee. Wir waren 16 Jahre alt. Aus dem Plattenspieler sang Nancy Sinatra „These Boots Are Made for Walkin'“ Leider konnte Franzens Vater uns nicht in Ruhe lassen und berichtete zum xten Mal von der Radtour, die er mit einem gewissen Jupp unternommen hatte. Jupp wurde vom Heimweh überwältigt und fing bereits an der nahen Bahnschranke zu heulen an, war nicht mehr zu trösten gewesen, so dass die großartigste Radtour des Jahrzehnts schon nach zwei Kilometern enden musste. „Ach, lass uns doch in Ruhe mit Berichten aus deiner Jugend“, dachte ich, „jetzt sind wir jung und planen unseren Aufbruch in die Welt.“ Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, aber dieses Gestern umfasst doch ein halbes Jahrhundert und ist nur geschrumpft, damits noch in meinen Kopf passt.

Heute würde ich gerne Abbitte leisten, aber Franzens Vater ist vermutlich nicht mehr. Heute weiß ich wie lustvoll es ist, eigene Jugenderinnerungen abzurollen, wenn man alt ist. Und selbst wenn man spürt, dass junge Menschen derlei Erzählungen nicht hören wollen, man will sie dem unwilligen Auditorium zum Trotz doch noch loswerden. Erzählen ist nicht nur das Entfalten einer geschrumpften und eingetrockneten Erinnerung, sondern ein wenig ist es auch Wiedererleben, als würde die geschrumpelte Erinnerung, von neuem Lebenssaft getränkt, wieder geschmeidig und ließe sich abrollen zum Lebensstrang. Gleichsam rieseln Glückshormone durch die Adern, und man möchte glauben, die Zeit wäre zurückzudrehen.

Noch mal zum Anfang: Vom Jungsein zum Altsein ist’s nur ein Katzensprung, was aber nur erkennt, wer den Hupfer schon gemacht hat. Dass die Erfahrungen der Alten in unserer Welt nichts gelten, ist ein Effekt der Schrift. In schriftlosen Kulturen sind die Alten die Bibliothek, was deutlich wird im oft zitierten Bonmot des malischen Autors Amadou Hampaté Bâ: „Mit jedem Greis, der in Afrika stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek.“

Schriftgebrauch geht einher mit der Abwertung der Alten. Sie werden jetzt nicht mehr als kollektives Gedächtnis gebraucht. Schriftliche Aufzeichnungen bieten ein vergleichendes System, das den Schwächen der menschlichen Erinnerung nicht zu unterliegen scheint. Zwar warnt schon Platon, dass die Schrift nur „Scheinweise“ hervorbringe, aber das ist egal in einer Zeit, die Scheinweisheit nicht hinterfragt.

Als der isländische Skalde Egil im hohen Alter mit einem Freund über den Markt ging und stolperte, lachten ihn einige junge Frauen aus. Egil sagte: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“

Ich finde tröstlich, dass die jungen Weiber, die damals über Egils Ungeschicklichkeit lachten, ebenfalls längst verröchelt sind. Vor der Zeit sind alle gleich. Wenn es mich überkommt, mit meinem Lebensalter zu hadern, sage ich mir, dass ich in keinem Augenblick so jung bin wie in diesem. Um ihn mies zu machen, ist der Augenblick zu kostbar.

Mein kaputtes Bullerbü

An meine Kindheit und Jugend auf dem Dorf denke ich gern zurück, obwohl mein Vater früh gestorben ist und wir in der Folge arme Leute waren. Das Dorf zeigte sich in der Beschaulichkeit des schwedischen Bullerbü, wie man es aus den Spielfilmen nach Astrid Lindgren kennt. Über das Schreckliche der Nazizeit wurde nicht oder nur ungern gesprochen. Heute denke ich, dass es um Verdrängung eigener Schuld ging, aber dass man uns Nachgeborenen auch davor bewahren wollte zu erfahren, was da Grauenvolles passiert war.

Zu allen Zeiten versuchen Eltern zu kontrollieren und zu filtern, welche Informationen zu den eigenen Kindern durchdringen. Ich wusste, dass ein Onkel mütterlicherseits bei der Waffen-SS gewesen war. Als die US-Armee anrückte, soll er Uniform, Orden und dergleichen im Garten vergraben haben, offenbar tief genug, dass hinfort Kartoffeln und Möhren darüber wachsen konnten. Wie dieser vergrabene Plunder waren auch die Erinnerungen vergraben. Der Onkel war der Lustigste von allen, nach dem Tod meines Vaters immer hilfsbereit und wie fast alle im Dorf glühender CDU-Wähler, wie es vor den Wahlen sogar von der Kanzel empfohlen wurde.

Am Samstagabend vor dem Schützenfest hielt der Bürgermeister jährlich eine Rede am Denkmal. Da wurde der Gefallenen zweier Weltkriege gedacht, doch nie erinnerte er daran, dass im Dorf jüdische Mitbürger gelebt hatten, die man in Konzentrations- und Vernichtungslager abtransportiert hatte. Meine Mutter hörte ich einmal sagen, dass es nicht richtig gewesen wäre, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. In meiner Kindheit stand noch die ausgebrannte Ruine der Synagoge mit ihren gruselig finsteren Fensterhöhlen wie ein Mahnmal, aber die Erwachsenen gaben keine Auskunft darüber. Dass es einen Judenfriedhof an der Dorfgrenze gab, erfuhr ich erst in den 1990-er Jahren:

Mein fünf Jahre älterer Bruder erzählte mir von einem Acker, den unser Großvater da beim Judenfriedhof besessen habe. Als Kind habe er den Opa oft dahin begleitet. Ich fragte entgeistert: „Wo ist denn der Judenfriedhof?“ Wir waren mit dem Auto unterwegs, und mein Bruder lenkte es dorthin. Den kleinen Friedhof umschloss eine Mauer. Das schmiedeeiserne Tor war zugeschweißt. Zwischen hohem Gras und Gestrüpp sah ich einige umgestürzte Grabsteine. Ich konnte gar nicht fassen, dass ich nie zuvor etwas von diesem Judenfriedhof gehört hatte. Offenbar hatte über allem einvernehmliches Schweigen gelegen. Ein Eingeständnis der Mitschuld.

Von dieser Mitschuld sollte ich erst kürzlich lesen. Als hätte eine höhere Macht befunden, ich wäre jetzt alt genug, die schreckliche Wahrheit über mein kindliches Bullerbü zu erfahren: Letztens googelte ich nach der Ziegelei im Nachbardorf Anstel und stieß auf einen Zeitungsartikel der Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 28. August 2007. Es geht um die Ermordung eines polnischen Zwangsarbeiters durch die Staatspolizei. Weil er eine Liebesbeziehung zu einem 18-jährigen deutschen Mädchen hatte, wurde er öffentlich erhängt:

(aus Neuß-Grevenbroicher Zeitung – größer bitte klicken)

Ich meinte mich sogar zu erinnern, dass der am Verbrechen beteiligte dicke Dorfpolizist noch Jahre stolz zu Ross beim Schützenzug mitritt. Wenn er es war, kannte er keine Reue. Aber die anderen waren zumindest beschämt. Mein Waffen-SS-Onkel war kein schlechter Mensch, jedenfalls nicht zu der Zeit, als ich ihn kannte. Ich verdanke ihm einiges, meine Schriftsetzerlehre und die Halda-Schreibmaschine. Auch dem Bürgermeister, der kein Wort für die deportierten und ermordeten Mitbürger fand, verdankte ich was. Wenn er erfuhr, dass mein Schwager meine Mutter zu mir nach Aachen fahren werde, lud er ihm einen Sack Kartoffeln in den Kofferraum, damit ich armer Student etwas zu essen hatte. Man befolgte moralische Grundsätze im Dorf, und doch hatte man im 3. Reich himmelschreiende Barbarei zugelassen. Wer sich alles schuldig gemacht hat, weiß ich nicht. Nur von einem Gärtner wurde erzählt, er habe seine polnischen Zwangsarbeiter so brutal geschunden, dass die US-Soldaten ihn mit einer Scheinhinrichtung bestraft hätten. Sie zwangen ihn im Feld, sein eigenes Grab auszuheben. Das wurde in meiner Familie nicht ohne Genugtuung berichtet.

Als Reporterin des Eichmannprozesses hat die Soziologin Hannah Arendt von der „Banalität des Bösen“ geschrieben. Arendt charakterisierte den millionenfachen Mörder Eichmann als normalen Menschen. Es ist das Erschreckende, dass „normale Menschen“ bei einer Pegida-Demonstration „Absaufen! Absaufen!“ rufen, wenn der Redner von Bootflüchtlingen auf dem Mittelmeer spricht. Normale Menschen wählen sich „christlich“ nennende Politiker, die mit einem gnadenlose Zynismus von Schutzsuchenden sprechen, weil sie ihre Macht erhalten wollen. Das Inhumane, das abgrundtief Böse kann so harmlos daherkommen. Normale Menschen können Schreckliches tun. Um mit Matthias Egersdörfer zu sprechen: „Überlegen Sie sich das einmal!“

Als mein Gewissen nichts wert war (6)

Ich kannte den Gefreiten Krabetz, einen gebürtigen Kölner. Er saß beim Delmenhorster Bataillon in der Schreibstube des Oberleutnants, der die Versetzungsanträge bearbeitete. Krabetz berichtete, der meinetwegen gescholtene Oberleutnant habe sich sehr wohl um meine Versetzung nach Köln bemüht. In dessen Auftrag habe er, Krabetz, eine Reihe von Kasernen im Großraum Köln angeschrieben, aber keiner habe Platz für mich. Vermutlich wollte sich keine Kompanie mit einem nicht anerkannten Kriegsdienstverweigerer belasten.

Inzwischen fiel es mir immer schwerer, die schwangere Marie allein zu lassen. Ich fand eine Methode, das zu unterlaufen, meldete mich sonntags von zu Hause aus telefonisch in der Bremer Kaserne krank und ging montags in Köln zum Arzt. Dort gab es eine medizinische Einrichtung der Bundeswehr, in der überwiegend W-18-er Ärzte arbeiteten, also junge Ärzte, die ihren Wehrdienst ableisteten. Unter denen fand ich immer eine mitleidige Seele, die mich für eine Woche „heimkrank“ schrieb, auch wenn ich keine echte Erkrankung vorweisen konnte. Die Angelegenheit war jedoch unglaublich stressig für mich, denn in der Kompanie glaubte man, mein Spiel durchschaut zu haben und strafte mich mit allerlei Repressalien ab. Zusätzlich belastete mich der Umstand, lügen zu müssen, wenn ich in der Nähe meiner schwangeren Frau sein wollte, was ich für meine vorrangige Pflicht hielt, statt mich bei der Bundeswehr mit sinnlosen Tätigkeiten festhalten zu lassen.

Von meiner Not schrieb ich an den Wehrbeauftragten des Bundestages, eine weisungsbefugte Behörde, an die sich Soldaten mit ihren Problemen wenden können, ohne den Dienstweg einhalten zu müssen. Es dauerte noch drei Monate, dann verfügte der Wehrbeauftragte meine wundersame Versetzung ins Kölner Heeresamt. In der Führung der Bremer Kompanie versuchte man auch das zu behindern, indem man meinen Versetzungstermin durch einen Wochenend-Wachdienst verzögerte und mich erst drei Tage verspätet wegließ, als ich den Dienst in Köln längst angetreten haben sollte. Schon wieder suchten mich die Feldjäger, aber klingelten diesmal bei meiner schwangeren Frau.

Die letzten drei Monate meines Wehrdienstes verbrachte ich mit Büroarbeit in der Stammdienststelle des Heeres unter relativ zivilen Bedingungen und als sogenannter Heimschläfer. Ich hatte bei der Stabskompanie im Heeresamt nicht mal ein Bett. Als Schrank diente mir eine Besenkammer, in die ich nach meiner Ankunft einfach den Seesack auskippte, ein herrliches Privileg gegenüber den anderen, die ihre Hemden sauber auf DIN-A4-Größe falten mussten, was freitags vor dem Wochenendurlaub per „Stubendurchgang“ durch Unteroffiziere überprüft wurde.

Bei meinem Dienstantritt in der Stammdienststelle wurde ich vom Leiter, einem väterlichen Oberst, vorgestellt mit den Worten: „Der Gefreite van der Ley wurde zu uns versetzt, weil seine Ehefrau unter schwierigen Bedingungen schwanger ist.“ Da war mein Sohn längst geboren, einen Monat zu früh, ein Winzling, der mich heute um einen ganzen Kopf überragt. Seine Geburt hatte ich sogar miterleben können, weil ich glücklicherweise gerade „heimkrank“ war, als bei Marie die Wehen einsetzten.

In der Stammdienststelle des Heeres traf ich auch den Gefreiten Krabetz wieder. Weil er nichts von meiner Eingabe an den Wehrbeauftragten wusste, glaubte er, meine Versetzung nach Köln wäre sein Werk, und dachte, ich müsste ihm ewig dankbar sein. Da ich seine Erwartungen ungewollt enttäuschte, rannte er ständig hinter mir her und rief: „Ne, ne, wat hann isch alles vür dich gedonn!“ Überhaupt wurde mein Soldatsein hier von Absurditäten und ungewollter Komik gekrönt, wovon bei Gelegenheit noch erzählt werden könnte.

Nachtrag
Im Jahr 1977 wurde mit der sogenannten Postkarten-Novelle die mündliche Gewissensprüfung abgeschafft. In Erwartung dieser Gesetzesänderung ruhten alle ausstehenden Verfahren. Ein Jahr darauf, ich war längst Student und stand kurz vor dem 1. Staatsexamen, wurde ich brieflich gefragt, ob ich meinen Antrag auf Anerkennung weiter verfolgen wollte. Ich bejahte und wurde vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht endlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.

Als mein Gewissen nichts wert war (5)

Man empfing mich in der Delmenhorster Ausbildungskompanie ziemlich unfreundlich. Kompaniechef und Leutnant setzten mir zu. Ich dürfte keinesfalls nochmals den Kriegsdienst verweigern, “die Kameraden nicht aufwiegeln“, überhaupt, müsste ich mich strengstens an alle Regeln des Soldatenseins halten und mich einfügen. Beim kleinsten Vergehen gegen die Vorschriften wollten sie “meine Sache der Staatsanwaltschaft übergeben.” Dann wäre ich vorbestraft. Also fügte ich mich notgedrungen und absolvierte meine dreimonatige Grundausbildung. Danach wurde ich einem Instandsetzungsbataillon zugeteilt und machte den LKW-Führerschein. Im August heiratete ich, um wieder eine gemeinsame Wohnung mit Marie finanzieren zu können. Bald wurde Marie schwanger, und man hatte ein probates Druckmittel gegen mich in der Hand, denn kleinste Vergehen wurden mit dem Entzug des Wochenendurlaubs bestraft.

Bei einer Militärübung im Gelände hatte meine erzwungene Anpassung ein Ende. Wir lagerten in einem Waldstück eines Truppenübungsplatzes. Meine Gruppe wurde zum Waldrand abkommandiert, sollte dort Schützenlöcher graben und anschließend darin in Stellung gehen. Vor uns war offenes Gelände, ein Hang, der etwa 100 Meter weit abfiel. Wir saßen in unseren Schützenlöchern, das Gewehr im Anschlag und wussten nicht warum. Ab und zu wurden flüsternd Botschaften von Schützenloch zu Schützenloch weitergegeben. Wir erheiterten uns noch über das unweigerlich auftretende „Stillepostsyndrom“, da ertönte unten am Hang Geschrei und etwa 25 Soldaten stürmten den Hang hinauf. Der Schießbefehl kam. Ich dachte: „Wieso Schießbefehl?“ Ich wusste doch gar nicht, was los war und wer die Männer da waren, auf die ich ballern sollte, zwar nur mit Übungsmunition, aber selbst das wollte ich nicht. Mir wurde klar, dass ich als Soldat jederzeit in solche Situationen geraten konnte. Man würde mir nicht vorher die militärische Lage erörtern und mich vorbereiten, wo und wann eventuell mit Kampfhandlungen zu rechnen wäre und wer als Gegner mir gegenüberstehen würde.

Nein, ganz unvermittelt konnte von mir verlangt werden, andere Menschen zu töten, junge Männer, die genauso wie ich nicht gewusst hatten, was auf sie zukommen würde. Ganz kopflos würden wir aufeinander gehetzt werden und uns gegenseitig an die Gurgel gehen, weil jeder überleben wollten. Auch der andere hätte eine Marie zu Hause, die ein Kind von ihm erwartet und seine Marie hätte den berechtigten Wunsch, dass ihr Mann mich würde töten statt umgekehrt ich ihn. Und hätte ich diese junge Frau zur Witwe gemacht, würde ich bald wieder und wieder töten müssen, und darunter würde ich innerlich erstarren und verrohen, dass es mir nichts mehr ausmachen würde, das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen. Und käme ich dann glücklich zurück von der Front, würde Marie nächtens stumm neben mir liegen und sich fürchten vor dem seelischen Krüppel, der ich geworden war. Und warum? Weil irgendwelche fernen Herren menschlich und politisch versagt hatten und Krieg spielen wollten. Wenige Tage nach der Wehrübung erneuerte ich meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung.

Kurz darauf musste ich an einer Schießübung auf einem Schießstand teilnehmen. Da sagte ein mir bis dahin unbekannter Oberleutnant zum Patronenausgeber, mein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung sei eine „undurchsichtige Sache“, weil ich trotzdem mitschießen würde. Nachdem mir der Rekrut das gesteckt hatte, schrieb ich eine Beschwerde, denn ich wollte mich nicht mehr unterbuttern lassen.
Sie wurde zwar abgelehnt, doch mein Kompaniechef teilte mir mit, der Oberleutnant sei intern gerügt worden. Dummerweise war just dieser Oberleutnant beim Bataillon zuständig für Versetzungsanträge. Und ich wollte so gern nach Köln versetzt werden, um Marie in ihrer Schwangerschaft beistehen zu können. Stattdessen wurde ich nach Bremen versetzt in eine ausgelagerte Kompanie des Bataillons, die als „Fickerkompanie“ verschrien war, weil den Rekruten dort das Leben schwer gemacht wurde.

Dort wusste man, meine Verhandlung vor der Prüfungskammer zu torpedieren, indem man mich zu spät losschickte. Als ich in Düsseldorf bei der Kammer eintraf, verließen Kammervorsitzender und Beisitzer gerade den Raum. Einer teilte mir grinsend mit, man habe meinen Antrag in meiner Abwesenheit verhandelt und ihn nach Aktenlage abgelehnt.

Fortsetzung

Als mein Gewissen nichts wert war (4)

So abrupt, wie meine Kindheit endete, als ich mit 13 eine Lehre begonnen hatte, so abrupt endete auch meine Jugend. Plötzlich hatte ich den Staat gegen mich aufgebracht und musste mich seinen Forderungen unterwerfen. Marie, meine Lebensgefährtin, hatte ein wenig Geld aufgetrieben. Unser gemeinsames Glück hatte nur wenige Monate gewährt. Jetzt wurde es immer schwieriger für uns. Ich konnte erstmals ahnen, wie sich meine Patentante Liesl und ihr Mann gefühlt haben mochten. Sie wollten mitten im Krieg heiraten. Er hatte dafür Heimaturlaub von der Front bekommen. Am Abend der Hochzeit, noch vor der Hochzeitsnacht wurde er zurück an die Front abberufen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte nie mehr zurück. Als kleines Kind hatte ich mitbekommen, wie meine Mutter und Tante Liesl stundenlang am Radio saßen und horchten, als die Namen von „Spätheimkehrern“ aus der russischen Kriegsgefangenschaft verlesen wurden. Endlose Namenslisten leierten aus dem Radiolautsprecher, und nie wurde ihr Hoffen und Bangen belohnt. An die Front sollte ich nicht, aber mich in eine Maschinerie einfügen, deren Handwerk Krieg und Töten ist. Und ich musste Marie in ungeklärten Verhältnissen zurücklassen, war in Sorge um sie und konnte nichts für sie tun.

Mit den letzten fünf DM kaufte ich eine Zugfahrkarte nach Mönchengladbach. Ich dachte, dass man mich vom Kreiswehrersatzamt gleich in die Kaserne verschicken würde. Zu meiner Überraschung empfingen mich die zivilen Beamten überaus freundlich. An der Wand des Büros hing eine Karte der Umgebung, für die man zuständig war, gespickt mit vielen Fähnchen, die jeweils einen Wehrpflichtigen markierten, der seiner Einberufung nicht gefolgt war. Man war froh, dass ich freiwillig gekommen war, denn die Feldjäger hatten mehrmals vergeblich bei meiner Mutter geklingelt, im Dorf, wo ich noch immer polizeilich gemeldet war. Ein Fähnchen weniger auf der Karte. Für mich war beruhigend zu sehen, dass ich kein Einzelfall war. Folglich gab es auch Routinen, wie jetzt weiter zu verfahren war. Ich sollte nach Adelheide bei Delmenhorst. „Aber“, sagte der eine, „die haben jetzt sowieso Osterdienstbefreiung. Ich frage mal nach, ob Sie die auch bekommen.“ Ein kurzes Telefonat mit der Ausbildungskompanie, und ich durfte meinen Wehrdienst mit Osterurlaub beginnen. Man händigte mir neue Papiere aus, eine Zugfahrkarte nach Delmenhorst und verabschiedete mich mit den besten Wünschen.

Plötzlich stand ich als freier Mann wieder auf der Straße, aber ohne Geld für die Rückfahrt. Ich hatte wohl noch ein paar Groschen und rief aus der Telefonzelle bei meinem CDU-Onkel an, um mir Geld für die Fahrkarte zu leihen. Nur die angeheiratete Tante ging ran und war überaus ungehalten mit mir. Sie müsse jetzt weg und könne nicht auf mich warten. Allein Thomas, ihr ältester Sohn, mein Cousin, sei dann zu Hause. Als er klein war, hatte ich oft auf diesen Thomas aufgepasst, wenn er bei meiner Oma zu Besuch war. Jetzt öffnete er die Tür der elterlichen Villa nur einen spaltbreit, sagte altklug: „Du machst ja Sachen“ und schob mir ein 5-Mark-Stück durch den Spalt. In der eigenen Familie verpönt zu sein, zeigte mir, dass ich mich zu weit außerhalb der anerkannten Rechtsordnung bewegt hatte. Ab jetzt sollte es demütigend werden.

Im Text „Geben Sie dem Mann ein Haarnetz“ habe ich Kuriosa vom Beginn meines Daseins als Bundeswehrsoldat geschildert. Aber so heiter, wie es dort anklingt, war es nicht. Ich galt als unbotmäßig, und man tat in den folgenden 18 Monaten einiges, meinen Widerwillen zu brechen. Das gelang nicht, sondern ich lernte das Soldatendasein zu hassen, die engstirnigen Vorgesetzten, das dumme Prinzip „Befehl und Gehorsam“, den militärischen Drill, die sinnlosen Tätigkeiten und ewige Langweile im Dienst. Ich habe mich nach Kräften gewehrt, aber muss zugeben, dass man mir einiges an Schneid abgekauft hat, bevor ich nach Ablauf des Wehrdienstes vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht in Sachen Van der Ley gegen Bundesrepublik Deutschland als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde.

Folge 5

Als mein Gewissen nichts wert war (3)

Nachdem nun Einberufung und Wehrpass verbrannt waren, konnte ich meinen Wehrdienst nicht antreten, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich wusste ja nicht, wo ich mich wann hätte einfinden sollen. Diese Informationen waren verbrannt. Den etwaigen Termin meiner Einberufung ließ ich verstreichen. Es war ein beklemmendes Gefühl. Nach wenigen Tagen hatten wir kein Geld mehr, da ich nicht mehr arbeiten ging. Offiziell war ich ja „beim Bund“, wie es damals hieß. Meine Freundin Marie war Kunststudentin an der Kölner Werkkunstschule, hatte sich aber im letzten Semester nicht zurückgemeldet, bekam folglich auch kein Geld mehr nach dem Honnefer Modell, dem Vorläufer des BAFöGs. Da ich quasi untergetaucht war, konnten wir uns an niemanden um Hilfe wenden. Wir hatten kein Geld mehr und lernten, was es heißt, von Luft und Liebe zu leben. Es geht nur für kurze Zeit. Wir hungerten. Ich weiß noch, dass wir versuchten, aus einem Rest Mehl, irgend etwas Essbares zu backen. Wer untertauchen will, braucht ein ihn unterstützendes Netzwerk.

Rückblick vom Rückblick
Einmal war ich bei einer Versammlung Kölner Anarchisten gewesen. Auf der Kölner Schildergasse hatten mir junge Leute eine anarchistische Zeitung in die Hand gedrückt. Sie hieß, wenn ich mich recht erinnere „Die Wahrheit“ und war ganz schlecht gemacht. Einerseits war ich sehr interessiert gewesen, die Wahrheit endlich mal zu erfahren, andererseits suchte ich nach einer sinnvollen Erweiterung meiner Existenz als Arbeiter. Der Exfreund meiner Freundin, auch ein Kunststudent, hatte mir einmal Schriften von Michail Alexandrowitsch Bakunin gegeben, schmale Heftchen, zweifarbig Rot und Schwarz gedruckt, wobei die Schriftfarbe fließend von Schwarz in Rot überlief, und zwar schräg durch die Textseiten. Was der Anarchist Bakunin schrieb, war mir folgerichtig erschienen, obwohl ich mich zuvor mehr als Kommunist gesehen hatte. Es waren revolutionäre Zeiten damals.

Ich erinnere mich, dass der Verlag Bärmeier-Nikel, in dem auch die satirische Zeitschrift „Pardon“ erschien, für kurze Zeit eine Schülerzeitschrift namens „Underground“ herausgab, quasi ein linker Gegenentwurf zur „Bravo“, die ich übrigens nie gelesen habe. Die erste Underground-Ausgabe, die ich sah, hatte auf dem Titel einen geöffneten Kanaldeckel. Eine Hand ragte heraus und stellte eine Bombe mit brennender Zündschnur aufs Pflaster. Derlei wäre heute wohl undenkbar. Die Zeitschrift erschien allerdings nur zwei Jahre und wurde schon 1970 wieder eingestellt, denn mit dem Aufkommen der Baader-Meinhoff-Gruppe, später Rote-Armee-Fraktion (RAF), änderte sich rasch das gesellschaftliche Klima.

Zurück in die Kölner Schildergasse. Als linker Jugendlicher auf der Suche nach Orientierung war ich neugierig auf Anarchismus und fragte die Zeitungsverteiler, ob man wohl Interesse an meiner Mitarbeit hätte. Sie luden mich zur nächsten Versammlung ein, gaben mir eine Adresse und nannten die Uhrzeit. Ich fuhr mit der Straßenbahn in einen Randbezirk der Stadt. Die Adresse lag in einem Schrebergartengelände. Im Finstern suchte ich mir den Weg durch die Parzellen zum Versammlungsort, ein fester Bau, der irgendwie der evangelischen Kirche gehörte. Das Gebäude lag dunkel. Die Tür fand ich offen. Ich trat ein. Der gesamte Raum war mit Schränken zugestellt. Ich tappte dazwischen herum und gewahrte an der Rückseite des Raums eine Tür, unter der ein Lichtschein war. Das war der Versammlungsraum. Etwa 25 junge Leute, wenige Frauen, die Männer langhaarig wie ich, saßen da herum und diskutierten. In der Ecke bullerte ein gusseiserner Ofen. Da lagen einige Bücher von Wilhelm Reich auf dem Tisch, die mir vertraut waren, „Funktion des Orgasmus“, „Charakteranalyse.“ Reich war von der Studentenbewegung wiederentdeckt worden. Er hatte die Freudsche Libido-Theorie zu einer Gesellschaftstheorie entwickelt, vertrat die These, dass Sexualunterdrückung den autoritären Charakter, den autoritären Staat, mithin den Faschismus hervorbringen.

Ringsum sprach man ehrfurchtsvoll von einem „Willi“, dessen Ankunft man erwarte. Endlich kam Willi, ein schon betagter, aber energischer Mann, und hielt eine flammende Rede gegen die kommunistischen Verräter. Anschließend wurde zu meinem Entsetzen ganz leichthin gefragt, wer jemanden aus der untergetauchten Baader-Meinhoff-Gruppe unterbringen könnte. Da wusste ich, dass ich im falschen Verein gelandet war, denn deren gewalttätige Aktionen, und da wusste ich nur vom Kaufhausbrand in Berlin, konnte ich nicht gutheißen. Zwischen Terrorismus und Anarchismus bestand doch ein Unterschied, den ich nicht verwischt sehen wollte. Daher blieb das mein einziger Kontakt zu den Anarchisten. Aber es gab wohl in der ganzen Bundesrepublik diese Unterstützer, auch in bürgerlichen Kreisen wie der evangelischen Kirche. Nur deshalb konnten sich Baader-Meinhoff und später die RAF so lange im Untergrund halten.

Mir fehlten diese Unterstützer. Mein Onkel war gelernter Jurist, CDU-Mann und hoher Verwaltungsbeamter bei der Stadt Mönchengladbach. Als wir nicht mehr weiterwussten, rief ich ihn aus der Telefonzelle an und fragte um Rat. Er schrie mich sogleich an: „Du musst dich SOFORT stellen, sonst gehst du ins Gefängnis!“ Ich war zwar nicht fahnenflüchtig; das kann ein Soldat erst nach der Vereidigung auf die Fahne sein, aber auch die „unerlaubte Entfernung von der Truppe“ konnte mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe belegt werden. So schnell konnte man damals kriminalisiert werden, auch wenn man sonst nicht mal einen Lutscher geklaut hatte.

Folge 4