Erkundung der Vergangenheit (1) – Das Jahr im Keller

Einen absolut seltsamen Tag habe ich mir heute bereitet. Es begann schon gestern Abend, als ich am Retro-Projekt arbeitete und dabei von der Wucht der Zeitempfindung fast atemlos wurde. Ja, da gibt es Wellen von Einsicht in die Gewalt der Zeit, die können dich erschlagen. Plötzlich nämlich tauchen ziemlich deutliche Erinnerungen auf, du willst dich erheben und vollends hineingehen, da aber siehst du mit Beklemmung, dass du etwas Unmögliches und daher Schädliches tun willst. Anders als die Genwart ist die Vergangenheit ja völlig determiniert. Wenn du also Zweifel an der Existenz des freien Willens zerstreuen willst, dann so, indem du dir die Vergangenheit vergegenwärtigst. Das Unerbittliche, Unverrückbare der Vergangenheit lehrt dich, die Freiheit gegenwärtiger Entscheidungen zu schätzen.

[Tagebuchnotiz, geschrieben 1997.] Das oben genannte „Retro-Projekt“ war der Versuch, mein Tagebuch in frühere Jahre auszuweiten, 30 Jahre zurück in eine Zeit, aus der es nur wenige Dokumente gibt. Ich hatte eine DIN-A4-Chinakladde für das Jahr 1967 angelegt, das spärlich vorhandene Fotomaterial und Dokumente – wie meinen Gesellenbrief, den Jugendherbergsausweis usw. fotokopiert und hatte in der Stadtbibliothek im Bildband der Harenberg-Chronik 1967 nach Bildern und Ereignissen gesucht, zu denen ich einen Bezug hatte. Dieses Material klebte ich in die Kladde 1967, ergänzt durch handschriftliche Erinnerungen. Die Kladde lagert noch in meinem Keller in unausgepackten Umzugskartons. Und es scheut mich seit Jahren, danach zu suchen. Aus dem gleichen Jahr stammt das Foto hier. Im Bild mein Freund Fritz [Name geändert], ein mir unbekanntes Mädchen und ich [von rechts], sitzend vor der JH Brüggen, auf der Rückfahrt unserer Radtour zur Insel Texel.
[Das hier ist Beitrag Nummer 1000 im Teestübchen Trithemius, wie WordPress mir mitteilt]

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Episoden aus meinem Lehrerdasein (3) – Die Liebe der Frauen (Tagebuchfunde)

Bei der Lehrer- und Lehrerinnenkonferenz kam ein Wort kam aufs Tapet, das meinem Empfinden nach einen unschlagbar oberen Platz auf der Hässlichkeitsskala besetzt: „Ranzenwache.“ Eine „Ranzenwache“ einzurichten empfahl eine neue Kollegin, weil angeblich etwas aus vor Klassenräumen abgelegten Ranzen gestohlen worden sei. Diese Frau ist genau der Typ, der solche Wortbildungen transportiert, mir in allem unangenehm, ich glaube, gänzlich durch und durch stockkonservativ und selbstgerecht. Eine Frau, hätte sie die Macht, das ganze Land mit Ranzenwachen überziehen würde.

    Ranzenwache die; -, -n;
    – halten, stehen;
    Landesweite Ranzenwachen;
    Ranzenwachablöung;
    Ranzenwachappell;
    Ranzenwachbataillonskommandeurin;
    Ranzenwachvergehen („Was? Die Kerls haben auf Ranzenwache gepennt!!?“);
    Ranzenwacherschießungskommando

*
Als ich an einem Freitag zu spät zu meiner 5e kam, erwartete mich Johannes B. im Treppenhaus und sagte, heute sei ich nur ein wenig zu spät. Darauf sagte ich: „Du kannst ja mal eine Zu-spät-komm-Statistik der Lehrer machen.“ Da sagt er: „Nee, das mache ich nicht. Da schneiden Sie zu schlecht ab.“

*
Der gleiche Junge lief in der großen Pause neben mir her durchs PZ und sagte mehrmals „cool-cool!“, wobei er mich anstrahlte. Ich frage: „Was meinst du?“
Er: „Ich spiele ja in einer Bigband, und bisher war mein Trompetenlehrer für mich der coolste. Aber jetzt muss ich ihm leider sagen, dass er Konkurrenz bekommen hat.“
„Wer ist es?“
„Ja, Sie!“

*
Die 13-jährige Schülerin Isabel belehrte mich, alle gutaussehenden Jungs seien auf der Hauptschule – denn wenn einer gut aussehe, sei er so von Mädchen umschwärmt, dass er überhaupt keine Motivation habe, sich in der Schule anzustrengen. Deshalb sei er auf der Hauptschule. Wenn er wolle, könne er natürlich auf dem Gymnasium sein, das wolle er aber eben nicht, da er alles Wichtige auch so bekäme: Die Liebe der Frauen.

Episode aus meinem Lehrerdasein (2) – Übelschreibung

In der 8. Klasse, wo ich auf Wunsch der Schülerinnen/Schüler Kalligraphie unterrichte, frage ich gegen Ende der Stunde: „Wer glaubt von sich, eine schlechte Handschrift zu haben?“ Einge melden sich zaghaft, Ich sage: „Dann kommt mal bitte und schreibt mir „Kakographie“ [Übelschreibung] auf’s Blatt, so hässlich ihr könnt!“
Innerhalb kürzester Zeit umringt die halbe Klasse mein Pult und drängelt sich, Kakographie zu schreiben.
„Darf ich mal?“
„Jetzt bin ich dran!“

Ein zweites Blatt wird von einem Schüler begonnen, der vorne beim Pult sitzt, und im Nu ist auch das voll, und noch immer drängeln welche, „Kakographie“ zu schreiben, manche zum 3. und 4. Mal. Sogar das Pausenklingeln wird ignoriert. Ich hätte glatt eine Gebühr erheben können.
„Viel zu schön!“, kritisiere ich, „da sieht man zu viele Elemente der Geläufigkeit. Versucht es mal mit Links!“ Hannah, die Linkshänderin, schreibt dann Kakographie ungelenk mit Rechts. Das ist für mich Rechtshänder seltsam anzusehen.

Erkenntnis: Absichtlich hässlich zu schreiben, ist gar nicht so einfach.

Episode aus meinem Lehrerdasein (1) – Flashback 1993

Während der Kunstdoppelstunde in einer 6. Klasse betrat plötzlich eine Frau Mitte 40 den Klassenraum, nein, sie flatterte herein, eine DIN-A3-Schachtel unterm Arm. Zunächst dachte ich, sie wollte etwas bringen, wie Eltern das schon mal tun, wenn ihre säumigen Kinder die Kunstsachen zu Hause liegen gelassen haben. Sie aber kam zum Pult und sagte: „Guten Tag, Herr van der Ley, ich bin die Mutter von Katharina, ach nein, von Constanze, und ich habe schon mit Ihrem Kollegen, Herrn D., geredet, ob ich …“ Da folgte noch ein Wortschwall, der sich irgendwie um das Wort „Tageslichtprojektor“ gruppierte, aber so recht schlau wurde ich zunächst noch nicht und verstand nicht, was sie eigentlich wollte. Als sie nach drei Minuten ununterbrochenen Redens zum ersten Mal atmete, begann ich mit vorsichtigen Fragen zu erkunden, was ihr auf dem Herzen lag. Denn vorsichtig muss man sein. – Sie war von der Sorte hauchfeine Künstlerin, wie man sie in Japan aus Seidenpapier in Origamitechnik faltet.

Inzwischen hatte sie nicht entsagen können, die Schachtel zu öffnen, worin einigen Folien mit Reproduktionen von Plastiken lagen, und ich verstand, dass sie diese Folien projizieren wollte zu einem Vortrag, den sie „in Siegburg“ halten wollte. Sie wäre einst Kunstlehrerin gewesen, hatte der Kinder wegen (Katharina, Constanze und es gab noch einen jüngeren Sohn) zwölf Jahre pausiert und wollte nun gerne wieder in den Beruf einsteigen. Eine Chance sollte sich mit diesem Vortrag auftun, und sie hatte keine Idee, wie eigentlich ein Tageslichtprojektor funktioniert. Also bot ich ihr an, mit ihr auszuprobieren, ob sich ihre Folien projizieren ließen. Inzwischen hatte ich auch verstanden, dass es ihre eigenen Arbeiten waren, die man auf den Folien sah. Ich bat sie, einige Minuten zu warten, denn die Fünf-Minuten-Pause stand an.

Als es gongte, vergatterte ich die Kinder, nicht mit ihren Cuttern zu spielen, während ich weg wäre. Sie arbeiteten nämlich an Guckkästen. Dann ging ich mit dieser Frau, die sich so rührend hilflos zu geben verstand, dass man ihr nichts abschlagen mochte, mit ihr ging ich hinüber zum Zeichensaal. Vielmehr flatterte sie mir voraus, und wenn ich sie einzuholen versuchte, wurde sie noch schneller. Da sie aber den Weg nicht kannte, musste sie doch gelegentlich auf mich warten. Ich bemühte mich, etwas von meiner Ruhe an sie abzugeben, damit wir einen Zeitrahmen hätten, worin wir synchron wären. Im Zeichensaal warfen wir alle Folien probeweise an die Leinwand, und sie war erfreut, wie einfach das ging. Ich hätte ihr damit mindestens eine schlaflose Nacht erspart, sagte sie. [Fast wörtlich aus meinem Tagebuch vom 19. Januar 1993]

Epilog
Jahre später erfuhr ich, dass sie ehedem Meisterschülerin bei Josef Beuys gewesen war. Sie stieg bald in Aachen zu einer lokalen Größe in der Kunstszene auf.

An der Y-Gabel (2) – Achterbahnfahrt mit Lisette

Meine Exschülerin Christine, mit der ich 25 Jahre nach ihrem Abitur 1995 noch brieflichen Kontakt halte, schrieb mir eine Ansichtskarte aus Aachen. Sie sei nach zehn Jahren mal wieder dort gewesen, habe an mich denken müssen und die Ansichtskarte im Buchladen neben dem Café Kittel auf der Pontstraße gekauft. Wie schön, dachte ich, und dass es beides noch gibt, weil das Café Kittel entscheidende Bedeutung für meinen Lebensweg hatte. Ich säße nicht hier, wäre ein anderer und würde vermutlich nicht einmal bloggen, wüsste auch gar nicht, dass sich im Jahr 1998 mein Leben verzweigt hat wie an einer Ypsilongabel, dass mein altes beschauliches Dasein als Familienvater und Lehrer auseinanderflog und mein Leben den Weg nahm, in dessen Folge ich in Hannover landete und diese Zeilen schreibe. [Kartentext Aachener (Öcher) Platt: „Was du erzählst, das muss nicht stimmen. Es muss nur schön sein.“]

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Erkensruhr

Vorgeschichte bedeutet „Vor der Geschichtsschreibung.“ Die Geschichtsschreibung der Menschheit beginnt etwa 2400 v. Chr. mit dem in babylonischer Keilschrift in Tontafeln überlieferten Gilgameschepos. Der Text hebt an mit der Klage, dass nun schon alles einmal erzählt worden ist, was darauf verweist, dass es vorher schon Literatur gegeben hat, die nicht überliefert ist. Wir leben im Jahr 2019 nach Christus. Demnach liegt der Beginn der Geschichtsschreibung etwa 5000 Jahre zurück. Noch anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Alter der Welt auf etwa 6000 Jahre geschätzt, errechnet anhand des Alten Testaments. Jacob Grimm hat noch daran geglaubt. Eine kulturelles Menschheitszeugnis findet sich jedoch schon in den Höhlengemälden von Lascaux. Sie sind etwa 15.000 Jahre alt. Wir überschauen also nur einen winzigen Bereich der Menschheitsgeschichte.
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Von der Gegenwart des Vergangenen

Der Mann wollte nur etwas nachlesen in einem alten Tagebuch, da wurde er in die Vergangenheit gesogen. Sein altes Leben stieg vor ihm auf, und auch wenn manches erstaunlich klang wie nie zuvor gehört, war es doch sein Leben, in dem er mal zu Hause gewesen war. Er las, wie er sich darin eingerichtet und arrangiert hatte, wie die Welt um ihn beschaffen gewesen war, wie Menschen um ihn herum lebten, die heute 21 Jahre älter wären so wie er auch. Aber der Mann, der er einmal gewesen war, steckte noch in ihm. Er konnte ihn aufrufen, indem er las, was er damals geschrieben hatte. Vieles hatte er beim Aufschreiben als belanglos empfunden, und jetzt waren es genau die vermeintlich belanglosen Einzelheiten, aus denen alles wieder auferstehen konnte. Ein Kuriosum entdeckte er auch. Wie in den letzten Wochen quälte er sich zum Ende des Jahres 1997 und hinein in das Jahr 1998 mit den Folgen eines Rippenbruchs herum. Eine Hustenfraktur war es gewesen, ein Wort, das er damals erstmals hörte, und auch der Orthopäde sagte, er nehme es höchst selten in den Mund.
Als er nach Stunden vom Tagebuch aufblickte, brauchte er eine ganze Weile, sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Er musste sich aus der Vergangenheit befreien wie einst aus dem engen Korsett aus Pflichten und Verbindlichkeiten. Es gelang nur unzureichend, so dass er den ganzen Tag zwischen den Existenzen in einer Art Zwischenwelt lebte, ganz aus dem Hier und Jetzt gerutscht. Es war einsam dort.