Als mein Gewissen nichts wert war (6)

Ich kannte den Gefreiten Krabetz, einen gebürtigen Kölner. Er saß beim Delmenhorster Bataillon in der Schreibstube des Oberleutnants, der die Versetzungsanträge bearbeitete. Krabetz berichtete, der meinetwegen gescholtene Oberleutnant habe sich sehr wohl um meine Versetzung nach Köln bemüht. In dessen Auftrag habe er, Krabetz, eine Reihe von Kasernen im Großraum Köln angeschrieben, aber keiner habe Platz für mich. Vermutlich wollte sich keine Kompanie mit einem nicht anerkannten Kriegsdienstverweigerer belasten.

Inzwischen fiel es mir immer schwerer, die schwangere Marie allein zu lassen. Ich fand eine Methode, das zu unterlaufen, meldete mich sonntags von zu Hause aus telefonisch in der Bremer Kaserne krank und ging montags in Köln zum Arzt. Dort gab es eine medizinische Einrichtung der Bundeswehr, in der überwiegend W-18-er Ärzte arbeiteten, also junge Ärzte, die ihren Wehrdienst ableisteten. Unter denen fand ich immer eine mitleidige Seele, die mich für eine Woche „heimkrank“ schrieb, auch wenn ich keine echte Erkrankung vorweisen konnte. Die Angelegenheit war jedoch unglaublich stressig für mich, denn in der Kompanie glaubte man, mein Spiel durchschaut zu haben und strafte mich mit allerlei Repressalien ab. Zusätzlich belastete mich der Umstand, lügen zu müssen, wenn ich in der Nähe meiner schwangeren Frau sein wollte, was ich für meine vorrangige Pflicht hielt, statt mich bei der Bundeswehr mit sinnlosen Tätigkeiten festhalten zu lassen.

Von meiner Not schrieb ich an den Wehrbeauftragten des Bundestages, eine weisungsbefugte Behörde, an die sich Soldaten mit ihren Problemen wenden können, ohne den Dienstweg einhalten zu müssen. Es dauerte noch drei Monate, dann verfügte der Wehrbeauftragte meine wundersame Versetzung ins Kölner Heeresamt. In der Führung der Bremer Kompanie versuchte man auch das zu behindern, indem man meinen Versetzungstermin durch einen Wochenend-Wachdienst verzögerte und mich erst drei Tage verspätet wegließ, als ich den Dienst in Köln längst angetreten haben sollte. Schon wieder suchten mich die Feldjäger, aber klingelten diesmal bei meiner schwangeren Frau.

Die letzten drei Monate meines Wehrdienstes verbrachte ich mit Büroarbeit in der Stammdienststelle des Heeres unter relativ zivilen Bedingungen und als sogenannter Heimschläfer. Ich hatte bei der Stabskompanie im Heeresamt nicht mal ein Bett. Als Schrank diente mir eine Besenkammer, in die ich nach meiner Ankunft einfach den Seesack auskippte, ein herrliches Privileg gegenüber den anderen, die ihre Hemden sauber auf DIN-A4-Größe falten mussten, was freitags vor dem Wochenendurlaub per „Stubendurchgang“ durch Unteroffiziere überprüft wurde.

Bei meinem Dienstantritt in der Stammdienststelle wurde ich vom Leiter, einem väterlichen Oberst, vorgestellt mit den Worten: „Der Gefreite van der Ley wurde zu uns versetzt, weil seine Ehefrau unter schwierigen Bedingungen schwanger ist.“ Da war mein Sohn längst geboren, einen Monat zu früh, ein Winzling, der mich heute um einen ganzen Kopf überragt. Seine Geburt hatte ich sogar miterleben können, weil ich glücklicherweise gerade „heimkrank“ war, als bei Marie die Wehen einsetzten.

In der Stammdienststelle des Heeres traf ich auch den Gefreiten Krabetz wieder. Weil er nichts von meiner Eingabe an den Wehrbeauftragten wusste, glaubte er, meine Versetzung nach Köln wäre sein Werk, und dachte, ich müsste ihm ewig dankbar sein. Da ich seine Erwartungen ungewollt enttäuschte, rannte er ständig hinter mir her und rief: „Ne, ne, wat hann isch alles vür dich gedonn!“ Überhaupt wurde mein Soldatsein hier von Absurditäten und ungewollter Komik gekrönt, wovon bei Gelegenheit noch erzählt werden könnte.

Nachtrag
Im Jahr 1977 wurde mit der sogenannten Postkarten-Novelle die mündliche Gewissensprüfung abgeschafft. In Erwartung dieser Gesetzesänderung ruhten alle ausstehenden Verfahren. Ein Jahr darauf, ich war längst Student und stand kurz vor dem 1. Staatsexamen, wurde ich brieflich gefragt, ob ich meinen Antrag auf Anerkennung weiter verfolgen wollte. Ich bejahte und wurde vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht endlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.

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Als mein Gewissen nichts wert war (5)

Man empfing mich in der Delmenhorster Ausbildungskompanie ziemlich unfreundlich. Kompaniechef und Leutnant setzten mir zu. Ich dürfte keinesfalls nochmals den Kriegsdienst verweigern, “die Kameraden nicht aufwiegeln“, überhaupt, müsste ich mich strengstens an alle Regeln des Soldatenseins halten und mich einfügen. Beim kleinsten Vergehen gegen die Vorschriften wollten sie “meine Sache der Staatsanwaltschaft übergeben.” Dann wäre ich vorbestraft. Also fügte ich mich notgedrungen und absolvierte meine dreimonatige Grundausbildung. Danach wurde ich einem Instandsetzungsbataillon zugeteilt und machte den LKW-Führerschein. Im August heiratete ich, um wieder eine gemeinsame Wohnung mit Marie finanzieren zu können. Bald wurde Marie schwanger, und man hatte ein probates Druckmittel gegen mich in der Hand, denn kleinste Vergehen wurden mit dem Entzug des Wochenendurlaubs bestraft.

Bei einer Militärübung im Gelände hatte meine erzwungene Anpassung ein Ende. Wir lagerten in einem Waldstück eines Truppenübungsplatzes. Meine Gruppe wurde zum Waldrand abkommandiert, sollte dort Schützenlöcher graben und anschließend darin in Stellung gehen. Vor uns war offenes Gelände, ein Hang, der etwa 100 Meter weit abfiel. Wir saßen in unseren Schützenlöchern, das Gewehr im Anschlag und wussten nicht warum. Ab und zu wurden flüsternd Botschaften von Schützenloch zu Schützenloch weitergegeben. Wir erheiterten uns noch über das unweigerlich auftretende „Stillepostsyndrom“, da ertönte unten am Hang Geschrei und etwa 25 Soldaten stürmten den Hang hinauf. Der Schießbefehl kam. Ich dachte: „Wieso Schießbefehl?“ Ich wusste doch gar nicht, was los war und wer die Männer da waren, auf die ich ballern sollte, zwar nur mit Übungsmunition, aber selbst das wollte ich nicht. Mir wurde klar, dass ich als Soldat jederzeit in solche Situationen geraten konnte. Man würde mir nicht vorher die militärische Lage erörtern und mich vorbereiten, wo und wann eventuell mit Kampfhandlungen zu rechnen wäre und wer als Gegner mir gegenüberstehen würde.

Nein, ganz unvermittelt konnte von mir verlangt werden, andere Menschen zu töten, junge Männer, die genauso wie ich nicht gewusst hatten, was auf sie zukommen würde. Ganz kopflos würden wir aufeinander gehetzt werden und uns gegenseitig an die Gurgel gehen, weil jeder überleben wollten. Auch der andere hätte eine Marie zu Hause, die ein Kind von ihm erwartet und seine Marie hätte den berechtigten Wunsch, dass ihr Mann mich würde töten statt umgekehrt ich ihn. Und hätte ich diese junge Frau zur Witwe gemacht, würde ich bald wieder und wieder töten müssen, und darunter würde ich innerlich erstarren und verrohen, dass es mir nichts mehr ausmachen würde, das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen. Und käme ich dann glücklich zurück von der Front, würde Marie nächtens stumm neben mir liegen und sich fürchten vor dem seelischen Krüppel, der ich geworden war. Und warum? Weil irgendwelche fernen Herren menschlich und politisch versagt hatten und Krieg spielen wollten. Wenige Tage nach der Wehrübung erneuerte ich meinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung.

Kurz darauf musste ich an einer Schießübung auf einem Schießstand teilnehmen. Da sagte ein mir bis dahin unbekannter Oberleutnant zum Patronenausgeber, mein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung sei eine „undurchsichtige Sache“, weil ich trotzdem mitschießen würde. Nachdem mir der Rekrut das gesteckt hatte, schrieb ich eine Beschwerde, denn ich wollte mich nicht mehr unterbuttern lassen.
Sie wurde zwar abgelehnt, doch mein Kompaniechef teilte mir mit, der Oberleutnant sei intern gerügt worden. Dummerweise war just dieser Oberleutnant beim Bataillon zuständig für Versetzungsanträge. Und ich wollte so gern nach Köln versetzt werden, um Marie in ihrer Schwangerschaft beistehen zu können. Stattdessen wurde ich nach Bremen versetzt in eine ausgelagerte Kompanie des Bataillons, die als „Fickerkompanie“ verschrien war, weil den Rekruten dort das Leben schwer gemacht wurde.

Dort wusste man, meine Verhandlung vor der Prüfungskammer zu torpedieren, indem man mich zu spät losschickte. Als ich in Düsseldorf bei der Kammer eintraf, verließen Kammervorsitzender und Beisitzer gerade den Raum. Einer teilte mir grinsend mit, man habe meinen Antrag in meiner Abwesenheit verhandelt und ihn nach Aktenlage abgelehnt.

Fortsetzung

Als mein Gewissen nichts wert war (4)

So abrupt, wie meine Kindheit endete, als ich mit 13 eine Lehre begonnen hatte, so abrupt endete auch meine Jugend. Plötzlich hatte ich den Staat gegen mich aufgebracht und musste mich seinen Forderungen unterwerfen. Marie, meine Lebensgefährtin, hatte ein wenig Geld aufgetrieben. Unser gemeinsames Glück hatte nur wenige Monate gewährt. Jetzt wurde es immer schwieriger für uns. Ich konnte erstmals ahnen, wie sich meine Patentante Liesl und ihr Mann gefühlt haben mochten. Sie wollten mitten im Krieg heiraten. Er hatte dafür Heimaturlaub von der Front bekommen. Am Abend der Hochzeit, noch vor der Hochzeitsnacht wurde er zurück an die Front abberufen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte nie mehr zurück. Als kleines Kind hatte ich mitbekommen, wie meine Mutter und Tante Liesl stundenlang am Radio saßen und horchten, als die Namen von „Spätheimkehrern“ aus der russischen Kriegsgefangenschaft verlesen wurden. Endlose Namenslisten leierten aus dem Radiolautsprecher, und nie wurde ihr Hoffen und Bangen belohnt. An die Front sollte ich nicht, aber mich in eine Maschinerie einfügen, deren Handwerk Krieg und Töten ist. Und ich musste Marie in ungeklärten Verhältnissen zurücklassen, war in Sorge um sie und konnte nichts für sie tun.

Mit den letzten fünf DM kaufte ich eine Zugfahrkarte nach Mönchengladbach. Ich dachte, dass man mich vom Kreiswehrersatzamt gleich in die Kaserne verschicken würde. Zu meiner Überraschung empfingen mich die zivilen Beamten überaus freundlich. An der Wand des Büros hing eine Karte der Umgebung, für die man zuständig war, gespickt mit vielen Fähnchen, die jeweils einen Wehrpflichtigen markierten, der seiner Einberufung nicht gefolgt war. Man war froh, dass ich freiwillig gekommen war, denn die Feldjäger hatten mehrmals vergeblich bei meiner Mutter geklingelt, im Dorf, wo ich noch immer polizeilich gemeldet war. Ein Fähnchen weniger auf der Karte. Für mich war beruhigend zu sehen, dass ich kein Einzelfall war. Folglich gab es auch Routinen, wie jetzt weiter zu verfahren war. Ich sollte nach Adelheide bei Delmenhorst. „Aber“, sagte der eine, „die haben jetzt sowieso Osterdienstbefreiung. Ich frage mal nach, ob Sie die auch bekommen.“ Ein kurzes Telefonat mit der Ausbildungskompanie, und ich durfte meinen Wehrdienst mit Osterurlaub beginnen. Man händigte mir neue Papiere aus, eine Zugfahrkarte nach Delmenhorst und verabschiedete mich mit den besten Wünschen.

Plötzlich stand ich als freier Mann wieder auf der Straße, aber ohne Geld für die Rückfahrt. Ich hatte wohl noch ein paar Groschen und rief aus der Telefonzelle bei meinem CDU-Onkel an, um mir Geld für die Fahrkarte zu leihen. Nur die angeheiratete Tante ging ran und war überaus ungehalten mit mir. Sie müsse jetzt weg und könne nicht auf mich warten. Allein Thomas, ihr ältester Sohn, mein Cousin, sei dann zu Hause. Als er klein war, hatte ich oft auf diesen Thomas aufgepasst, wenn er bei meiner Oma zu Besuch war. Jetzt öffnete er die Tür der elterlichen Villa nur einen spaltbreit, sagte altklug: „Du machst ja Sachen“ und schob mir ein 5-Mark-Stück durch den Spalt. In der eigenen Familie verpönt zu sein, zeigte mir, dass ich mich zu weit außerhalb der anerkannten Rechtsordnung bewegt hatte. Ab jetzt sollte es demütigend werden.

Im Text „Geben Sie dem Mann ein Haarnetz“ habe ich Kuriosa vom Beginn meines Daseins als Bundeswehrsoldat geschildert. Aber so heiter, wie es dort anklingt, war es nicht. Ich galt als unbotmäßig, und man tat in den folgenden 18 Monaten einiges, meinen Widerwillen zu brechen. Das gelang nicht, sondern ich lernte das Soldatendasein zu hassen, die engstirnigen Vorgesetzten, das dumme Prinzip „Befehl und Gehorsam“, den militärischen Drill, die sinnlosen Tätigkeiten und ewige Langweile im Dienst. Ich habe mich nach Kräften gewehrt, aber muss zugeben, dass man mir einiges an Schneid abgekauft hat, bevor ich nach Ablauf des Wehrdienstes vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht in Sachen Van der Ley gegen Bundesrepublik Deutschland als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde.

Folge 5

Als mein Gewissen nichts wert war (3)

Nachdem nun Einberufung und Wehrpass verbrannt waren, konnte ich meinen Wehrdienst nicht antreten, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich wusste ja nicht, wo ich mich wann hätte einfinden sollen. Diese Informationen waren verbrannt. Den etwaigen Termin meiner Einberufung ließ ich verstreichen. Es war ein beklemmendes Gefühl. Nach wenigen Tagen hatten wir kein Geld mehr, da ich nicht mehr arbeiten ging. Offiziell war ich ja „beim Bund“, wie es damals hieß. Meine Freundin Marie war Kunststudentin an der Kölner Werkkunstschule, hatte sich aber im letzten Semester nicht zurückgemeldet, bekam folglich auch kein Geld mehr nach dem Honnefer Modell, dem Vorläufer des BAFöGs. Da ich quasi untergetaucht war, konnten wir uns an niemanden um Hilfe wenden. Wir hatten kein Geld mehr und lernten, was es heißt, von Luft und Liebe zu leben. Es geht nur für kurze Zeit. Wir hungerten. Ich weiß noch, dass wir versuchten, aus einem Rest Mehl, irgend etwas Essbares zu backen. Wer untertauchen will, braucht ein ihn unterstützendes Netzwerk.

Rückblick vom Rückblick
Einmal war ich bei einer Versammlung Kölner Anarchisten gewesen. Auf der Kölner Schildergasse hatten mir junge Leute eine anarchistische Zeitung in die Hand gedrückt. Sie hieß, wenn ich mich recht erinnere „Die Wahrheit“ und war ganz schlecht gemacht. Einerseits war ich sehr interessiert gewesen, die Wahrheit endlich mal zu erfahren, andererseits suchte ich nach einer sinnvollen Erweiterung meiner Existenz als Arbeiter. Der Exfreund meiner Freundin, auch ein Kunststudent, hatte mir einmal Schriften von Michail Alexandrowitsch Bakunin gegeben, schmale Heftchen, zweifarbig Rot und Schwarz gedruckt, wobei die Schriftfarbe fließend von Schwarz in Rot überlief, und zwar schräg durch die Textseiten. Was der Anarchist Bakunin schrieb, war mir folgerichtig erschienen, obwohl ich mich zuvor mehr als Kommunist gesehen hatte. Es waren revolutionäre Zeiten damals.

Ich erinnere mich, dass der Verlag Bärmeier-Nikel, in dem auch die satirische Zeitschrift „Pardon“ erschien, für kurze Zeit eine Schülerzeitschrift namens „Underground“ herausgab, quasi ein linker Gegenentwurf zur „Bravo“, die ich übrigens nie gelesen habe. Die erste Underground-Ausgabe, die ich sah, hatte auf dem Titel einen geöffneten Kanaldeckel. Eine Hand ragte heraus und stellte eine Bombe mit brennender Zündschnur aufs Pflaster. Derlei wäre heute wohl undenkbar. Die Zeitschrift erschien allerdings nur zwei Jahre und wurde schon 1970 wieder eingestellt, denn mit dem Aufkommen der Baader-Meinhoff-Gruppe, später Rote-Armee-Fraktion (RAF), änderte sich rasch das gesellschaftliche Klima.

Zurück in die Kölner Schildergasse. Als linker Jugendlicher auf der Suche nach Orientierung war ich neugierig auf Anarchismus und fragte die Zeitungsverteiler, ob man wohl Interesse an meiner Mitarbeit hätte. Sie luden mich zur nächsten Versammlung ein, gaben mir eine Adresse und nannten die Uhrzeit. Ich fuhr mit der Straßenbahn in einen Randbezirk der Stadt. Die Adresse lag in einem Schrebergartengelände. Im Finstern suchte ich mir den Weg durch die Parzellen zum Versammlungsort, ein fester Bau, der irgendwie der evangelischen Kirche gehörte. Das Gebäude lag dunkel. Die Tür fand ich offen. Ich trat ein. Der gesamte Raum war mit Schränken zugestellt. Ich tappte dazwischen herum und gewahrte an der Rückseite des Raums eine Tür, unter der ein Lichtschein war. Das war der Versammlungsraum. Etwa 25 junge Leute, wenige Frauen, die Männer langhaarig wie ich, saßen da herum und diskutierten. In der Ecke bullerte ein gusseiserner Ofen. Da lagen einige Bücher von Wilhelm Reich auf dem Tisch, die mir vertraut waren, „Funktion des Orgasmus“, „Charakteranalyse.“ Reich war von der Studentenbewegung wiederentdeckt worden. Er hatte die Freudsche Libido-Theorie zu einer Gesellschaftstheorie entwickelt, vertrat die These, dass Sexualunterdrückung den autoritären Charakter, den autoritären Staat, mithin den Faschismus hervorbringen.

Ringsum sprach man ehrfurchtsvoll von einem „Willi“, dessen Ankunft man erwarte. Endlich kam Willi, ein schon betagter, aber energischer Mann, und hielt eine flammende Rede gegen die kommunistischen Verräter. Anschließend wurde zu meinem Entsetzen ganz leichthin gefragt, wer jemanden aus der untergetauchten Baader-Meinhoff-Gruppe unterbringen könnte. Da wusste ich, dass ich im falschen Verein gelandet war, denn deren gewalttätige Aktionen, und da wusste ich nur vom Kaufhausbrand in Berlin, konnte ich nicht gutheißen. Zwischen Terrorismus und Anarchismus bestand doch ein Unterschied, den ich nicht verwischt sehen wollte. Daher blieb das mein einziger Kontakt zu den Anarchisten. Aber es gab wohl in der ganzen Bundesrepublik diese Unterstützer, auch in bürgerlichen Kreisen wie der evangelischen Kirche. Nur deshalb konnten sich Baader-Meinhoff und später die RAF so lange im Untergrund halten.

Mir fehlten diese Unterstützer. Mein Onkel war gelernter Jurist, CDU-Mann und hoher Verwaltungsbeamter bei der Stadt Mönchengladbach. Als wir nicht mehr weiterwussten, rief ich ihn aus der Telefonzelle an und fragte um Rat. Er schrie mich sogleich an: „Du musst dich SOFORT stellen, sonst gehst du ins Gefängnis!“ Ich war zwar nicht fahnenflüchtig; das kann ein Soldat erst nach der Vereidigung auf die Fahne sein, aber auch die „unerlaubte Entfernung von der Truppe“ konnte mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe belegt werden. So schnell konnte man damals kriminalisiert werden, auch wenn man sonst nicht mal einen Lutscher geklaut hatte.

Folge 4

Als mein Gewissen nichts wert war (2)

Ich bin mit der Zeitfolge ein bisschen durcheinander gekommen. Das gestern genannte Datum meiner politischen Erweckung im Schwarzwald musste ich nach unten korrigieren, weil ich sonst die Ereignisse nicht unterbringen kann. Es ist soviel passiert in dieser Zeit und in meinem Leben, Ich war also 16, als meine dörfliche Filterblase zerstört wurde. Plötzlich konnte ich überall das Verlogene, das Falsche und Fadenscheinige im konservativen Weltbild ringsum sehen. Mit 18 wurde ich gemustert und für wehrtauglich befunden.

Hallo wach!

Mit 19 brach ich mir bei der Arbeit in einer Kölner Druckerei den Fuß. Eine hüfthohe, schmale Rolle Rotationspapier wurde auf mich zugerollt; ich sollte sie in Richtung Rotationsmaschine umlenken, gab ihr zuviel Schwung, so dass sie kippte, ich sprang zurück, aber nicht weit genug, die Rolle klatschte zu Boden, erwischte mit ihrer Kante meinen linken Mittelfuß und brach ihn glatt durch. Obwohl ich nur sechs Wochen mit Gipsbein lahmgelegt war, wurde meine Einberufung für zwei Jahre zurückgestellt. Irgendwie hoffte ich, man würde mich vergessen, aber als nach zwei Jahren die Einberufung drohte, reichte ich den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung ein und wurde zur mündlichen Prüfung meines Gewissens zum Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach vorgeladen.

Inzwischen hatte ich mich aus der dörflichen Enge befreit, las Pardon, Konkret und die Frankfurter Rundschau, manchmal auch die deutschsprachige Ausgabe der Peking-Rundschau. Mit 20 war ich mit meiner Freundin, der späteren Mutter meiner Kinder, nach Köln in eine Wohnung gezogen. Obwohl sie nur ein Zimmer hatte und möbliert war, wähnte ich mich im Paradies und wollte das keinesfalls aufgeben und zur Bundeswehr.

Der Prüfungsausschuss bestand aus drei Personen. Die beiden Beisitzer waren interessierte Laien und hatten nichts zu sagen, der Ausschussvorsitzende wurde von der Bundeswehr gestellt. Aufgeführt wurde absurdes Theater, denn wie lässt sich das Gewissen junger Menschen erforschen? Ich hatte mich aus der Literatur vorbereitet, wusste, was ablaufen würde und rechnete mir nur geringe Chancen aus. Auf Rat meiner Freundin hatte ich mir in der Apotheke Captagon besorgt, ein Weckamin, das in studentischen Kreisen als „Hallo wach!“ bekannt war und in Prüfungssituationen bei der Konzentration helfen sollte.

Vor mir betrat einer von den Zeugen Jehovas den Prüfungsraum. Der brauchte natürlich kein „Hallo wach“; es hätte seinem Glauben nur geschadet. Jedenfalls war er nach fünf Minuten wieder draußen und anerkannt. Religiöse Gründe wurden einfach akzeptiert. Aber ich hatte nach Auffassung der Kommission einen politischen Grund angegeben, was ziemlich ungeschickt war. Ich weiß nicht, ob es am Captagon lag, jedenfalls sagte ich, es wäre nicht auszuschließen, dass die Bundeswehr einmal in einen Angriffskrieg verwickelt werden würde. Das wies der Ausschussvorsitzende entrüstet von sich und stellte mich als Spinner dar. In Anspielung auf das gewaltsame Ende des Prager Frühlings fragte er listig: „Was würden Sie denn machen, wenn Sie Tscheche wären, russische Panzer würden ihre Freundin bedrohen, und Sie hätten ein Gewehr? Würden Sie Ihre Freundin im Stich lassen?“
„Das weiß ich nicht. Ich bin ja kein Tscheche.“
Da diktierte er ins Protokoll: „Der Antragsteller wüsste nicht, was er machen würde, wenn er Tscheche wäre.“ Insgesamt war das Protokoll ein Dokument des Irrsinns. Ich junger Mensch wollte niemanden totschießen müssen, der mir nichts getan hat, und man konfrontierte mich mit Fangfragen und einer hypothetischen Situation bar jeder Realität, denn was hätte ich denn ausrichten können mit einem Gewehr gegen einen Panzer? Die Absurdität solcher Prüfungsfragen hat die Kölschrockgruppe BAP in ihrem Lied „Stell dir vüür“ verpackt;

Hier der Originaltext mit verfügbarer Übersetzung.

Leider habe ich das Protokoll nicht mehr, sonst könnte ich die Bundesrepublik verklagen, dass man mir 18 Monate kostbarer Lebenszeit gestohlen hat. Denn inzwischen ist die Bundeswehr in unzählige Angriffskriege verwickelt gewesen oder noch verwickelt.

Natürlich wurde ich vorerst nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und bekam wenige Monate später meine Einberufung nach Delmenhorst. Mein Versuch, mir zwischen zwei schweren Setzkästen den Finger zu brechen, misslang. Eines Abends, als Freunde zu Besuch waren und wir einiges getrunken hatten, habe ich Einberufung und Wehrpass im Waschbecken verbrannt. Besonders der Wehrpass brannte nicht gut, und seine Reste haben das Waschbecken tagelang verstopft. Ich erinnere mich noch an den Besuch des Hausbesitzers, einem großspurigen Bauern aus der Voreifel und seinem Hausmeister, der das verstopfte Waschbecken richten sollte. Da sagte der Hausbesitzer noch gönnerhaft: „Die sollen sich ja waschen, die sollen ja sauber sein!“, aber kriegte fast einen Anfall, als die Reste des Wehrpasses zu Tage kamen.

Folge 3

Als mein Gewissen nichts wert war (1)

„Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“ (Art. 4 Abs. 3 des Grundgesetzes)

Gestern Nacht um 00:05 Uhr versteckt zeigte die ARD in ihrer Reihe Geschichte im Ersten die Dokumentation: „Als das Gewissen geprüft wurde“, einen sehenswerten Beitrag über Kriegsdienstverweigerung in Deutschland. Diese Gewissensprüfung hatte ich auch durchmachen müssen. Hatte zuvor einen Antrag eingereicht, mir Bücher gekauft, um mich vorzubereiten, hatte gelesen, dass die Chancen auf Anerkennung für Nichtabiturienten gering waren, und war erwartungsgemäß vor der Prüfungskommission beim Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach in erster Instanz nicht erkannt worden.

Bislang hatte ich nicht wirklich darüber nachgedacht, warum ich bei dieser „Gewissensprüfung“ durchgefallen war und später als nicht anerkannter Kriegsdienstverweigerer zur Bundeswehr gemusst hatte. Doch im Beitrag wurde deutlich, dass und warum diese Prüfungen reine Willkür waren. Da diese Willkür und die Entscheidungen zu meinen Ungunsten meinen Lebensweg geprägt haben, beschloss ich, diesen Teil meiner Biographie aufzuschreiben, quasi als Geschichtsschreibung von unten. Die erste Folge habe ich eben geschrieben und veröffentliche sie jetzt:

Ho, Ho, Ho Chi Minh

Als ich 16 Jahre alt war, erwachte mein politisches Bewusstsein, und zwar in einer Jugendherberge im Schwarzwald, wo ich mit Freunden während einer Radtour übernachtete. Wir waren gemeinsam mit zwei niederländischen Studenten in einer Dachstube untergebracht. Ich erinnere mich gut, dass ich von den beiden erstmals etwas Kritisches über den Vietnamkrieg hörte. Die Jugendherberge war sehr spartanisch, und wir lagen auf Pritschen unterm Gebälk. Derweil ein ergiebiger Landregen aufs Dach prasselte, der uns den ganzen Tag auf dem Fahrrad schon durchnässt hatte, und wir fröstelnd in unsere Nesselschlafsäcke gekrochen waren, redeten die beiden Holländer auf uns ein, öffneten uns quasi die Augen.

Bis dahin hatte ich nicht über den Vietnamkrieg nachgedacht und war nie auf die Idee gekommen, dass er etwa Unrecht sein könnte. Im Dorf meiner Kindheit und Jugend war man nicht nur streng katholisch, sondern unterstützte durchweg die CDU. Kritik an den USA kam nicht vor. Bei uns zu Hause wurde wie in fast allen Haushalten die CDU-nahe Neuß-Grevenbroicher-Zeitung gelesen, ein Ableger der rechtskonservativen Rheinischen Post. In der Nazizeit war man im Dorf hitlertreu gewesen, und diese besinnungslose Gefolgschaft war ungebrochen auf die CDU übergegangen. Vor Wahlen warb der Pastor von der Kanzel unverhohlen für die CDU, so dass ich als Kind gedacht hatte, wer SPD wählt, kommt nicht in den Himmel. Es war mir aber als gerechte Strafe erschienen, denn die beiden erklärten SPD-Anhänger im Dorf waren gemessen an den rotwangigen, wohlgenährten Bauern in unserer Nachbarschaft freudlose Gestalten, die in der nahen Kleinstadt in der Fabrik arbeiteten.

Dass man gegen den Vietnamkrieg sein konnte, und dass es falsch war, mit einem Schulterzucken über Berichte aus diesem Krieg hinwegzugehen, hörte ich also aus dem Mund zweier Studenten aus Den Haag: Sie sagten, dass die Amerikaner in Vietnam nichts zu suchen hätten, dass deren Krieg himmelschreiendes Unrecht sei. Diese fremdartigen Gedanken gingen mir leicht ein, weil ich fasziniert war vom Akzent der beiden und weil sie so selbstverständlich von Dingen sprachen, über die ich noch nie nachgedacht hatte.

Es war tatsächlich nicht meine erste Konfrontation mit dem Vietnamkrieg gewesen. Zu Rosenmontag war ich das erste Mal im Kölner Karneval gewesen. Nach dem Rosenmontagszug streiften unzählige Jugendliche durch die Stadt, bildeten solche Ketten, von denen man eingefangen und mitgerissen wurde. Von mancher dieser Ketten wurde „Ho, Ho, Ho Chi Minh“ skandiert, was ein Jahr später der Schlachtruf der Studentenbewegung werden sollte.

Ich ließ mich gerne einfangen von einer Kette, in der „Jo,Jo, Johnson!“ gerufen wurde. Das klang nicht so gut, aber ich geriet zwischen zwei hübsche Mädchen, die ich im Verlauf abwechselnd küsste. Für derlei Luxus, zwei hübsche Mädchen im Arm zu haben und nach links und rechts beliebig heiße Küsse auszutauschen, hätte ich sowieso jede politische Überzeugung verraten. Vor den Holländern schämte ich mich aber plötzlich, „Jo, Jo, Johnson!“ gerufen zu haben. Eigentlich schäme ich mich heute noch.

Folge 2

Schnief – Wie ich meine Comics bekam und verlor

Als Kind war ich viel krank. Das brachte mit sich, dass meine Mutter mit dem Fahrrad in den Nachbarort Eckum zur Apotheke fahren musste. In Eckum gab es auch ein Schreibwarengeschäft. Von dort brachte mir meine Mutter jedes Mal ein Micky-Maus-Heft mit. Micky Maus fand ich allerdings blöd, vor allem wegen seiner Klugscheißerei, mit der er auch noch immer recht behielt. Ich war das, was neudeutsch Donaldist heißt. Ich liebte den Pechvogel Donald Duck, seine unverdrossenen Versuche, die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern, und das Fähnlein Fieselschweif seiner Neffen.

Manchmal war das Micky-Maus-Heft ausverkauft. Dann brachte meine Mutter Fix und Foxi mit, gezeichnet von Rolf Kauka. Mit den Charakteren in Fix und Foxi habe ich mich nie anfreunden können. Fix und Foxi las ich mit Widerwillen und leiser Verachtung. Erst als Erwachsener wurde mir klar, dass viele liebgewonnene Wörter aus Mickymaus eigentlich von der Übersetzerin Dr. Erika Fuchs stammten, onomatopoetische wie hüpf, hechelhechel, schluck, würg, kotz, stöhn, knarr, klimper und stille wie grübel, zitter, denk, strahl, freu, grins, lächel, schweig. Derlei um ihre Flexionsendungen verkürzten Wörter, genannt Erikative, haben sich längst als Empfindungswörter (Interjektionen) in der Umgangssprache etabliert. Auch eine gewisse literarische Bildung hatte ich mir dank Erika Fuchs angelesen.


Als ich älter wurde, las ich gern die sogenannten Piccolo-Comics, im billigen Rotationsverfahren gedruckte Fortsetzungsgeschichten in Streifenform wie „Nick der Weltraumfahrer“ und „Sigurd“, beide gezeichnet von Hansrudi Wäscher. Ich besaß auch Tarzan-Hefte und solche von Prinz-Eisenherz, beide gezeichnet von Hal Foster. Alle meine Comics stapelte ich einer ehemaligen Munitionskiste, die mein Vater einst für mich weiß lackiert hatte, damit ich meine Spielsachen darin aufbewahren konnte.

Eines Tages war ein gewisser Klaus Rohwedder aus Frixheim bei uns, ein windiger Vogel und Freund meines fünf Jahre älteren Bruders. Dieser Klaus lieh sich einfach die Munitionskiste mit meiner Comicsammlung aus. Als ich ihn Wochen später fragte, wann er mir meine Comics denn zurückbringen wolle, sagte er leichthin: „Och, die hat mein Vater alle im Garten verbrannt.“ Das war nicht unplausibel, denn Comics galten als Schundliteratur, aber heute wundere ich mich darüber, dass ich das klaglos hingenommen habe. Inzwischen haben ja diese Comics aus der Nachkriegszeit eine enorme Wertsteigerung erfahren, wie hier bei Christa Hartwig nachzulesen, was sicher auch mit der Geringschätzung zu tun hat, die eine sorgfältige Archivierung verhindert hat. Originale aus der Frühzeit der Comics in Westdeutschland sind rar, weil der Vater von Rohwedders Klaus die meisten im Garten verbrannt hat, tröste ich mich.