Eine Furcht, stärker als der Mutter Hand

Ohne Erlaubnis ist ein Wanderer im unwegsamen Gebirge meiner Erinnerung unterwegs. Manchmal löst sich ein Brocken unter seinem Fuß, poltert herab und trudelt durch mein Bewusstsein. Da erinnere ich mich plötzlich an ein Erlebnis, bei dem ich etwa fünf Jahre alt war. Meine Mutter fuhr mit mir und meiner Sandkastenfreundin Josie mit dem Zug zu einem Verwandtenbesuch an die Mosel. Es waren Josies Verwandte. Josies Mutter stammte aus dem kleinen Moseldorf Ernst. Es gibt ein verschollenes Schwarz-weiß-Foto, so eines mit dem geriffelten weißen Rand. Meine Mutter in der Mitte trägt einen weiten Rock, eine Jacke und einen kecken Hut. Sie hat links und rechts Josie und mich an der Hand.

Gerade frage ich mich, wer das fotografiert hat. Vielleicht ist das Foto eines jener falschen Erinnerungen, die sich gerne mit richtigen verbacken, so dass ein nicht aufzulösendes Konglomerat entsteht.

Es war für mich die erste Fahrt mit der Eisenbahn. In Koblenz mussten wir umsteigen. Wir gingen durch eine belebte Unterführung, als uns ein Soldat oder Polizist in Uniform entgegenkam. Plötzlich bekam ich große Angst. Ich riss mich von der Hand meiner Mutter los und rannte weg. Warum der Uniformierte mich so ängstigte, weiß ich nicht. Böse Zungen könnten vermuten, dass ich wohl bereits im Kindergarten ein kleiner verstockter Verbrecher war, der die Polizei fürchten musste. In Wahrheit habe ich im Leben nur wenig mit der Polizei zu tun gehabt. Einmal, mit 19 Jahren wurde ich vorgeladen, weil ich in der Druckerei Fehldrucke von Fahrscheinen der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) an mich genommen hatte. Ich gab an, ich hätte ein einziges Blöckchen genommen, um daraus eine Collage zu gestalten, denn Leute vom grafische Gewerbe sähen in den Drucksachen einen anderen Wert als deren Auftraggeber. Die Sache wurde fallengelassen. Meine Furcht vor Soldaten war begründeter. Niemand versieht das Kriegshandwerk, niemand tötet seine Mitmenschen, ohne innerlich abzusterben. Folglich bin ich Kriegsdienstverweigerer.

An die Mosel gelangten wir damals doch, trafen wohl erst im Dunkeln ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und sah vor dem Fenster eine Nebelwand. Als es heller wurde, verwandelte sich die Nebelwand in einen direkt hinterm Haus aufragenden Weinberg. Nie zuvor hatte ich einen derartig steilen Berg gesehen. Und dass ihm erlaubt war, so dreist gegen das Haus vorzurücken, war mir unbegreiflich.

Als Jugendlicher nächtigte ich mit Freunden in der Jugendherberge des Moselstädtchens Cochem. Josies Bruder Werner war auch dabei. Wir beschlossen, nach Ernst zu seinen Verwandten zu trampen. Eine Gruppe um Werner fand zuerst eine Mitfahrgelegenheit. Wir folgten wenig später nach. Ich erinnerte mich, dass die Verwandten Göbel hießen. Wir fanden im Ort eine Bäckerei, eine Metzgerei, einen Gasthof, ein Weingut Göbel, aber unsere Freunde waren verschwunden.

Die Poesie der Liste (2)

Die Poesie der Liste

Im hintersten Winkel meiner Festplatte fand ich heute eine Liste, die ich im Jahr 2003 erstellt habe. Dort sind SF-Romane aufgelistet, die im Zeitraum 1968 bis 1982 Jahre im Heyne Verlag erschienen sind und sich in meinem Besitz befanden. Im Jahr 2003 hauste ich nach einer Trennung in einem dunklen Eineinhalb-Zimmer-Apartment eines großen Neubaus in Aachen-Burtscheid. Ich hatte mir die Wohnung angesehen, als die Morgensonne hineinlugte. Zu anderen Tageszeiten lag sie im Schatten des darüberliegenden Balkons. Mein Leben verlief damals wie eine Achterbahnfahrt. Es gab nur jauchzende Höhen und niederdrückende Tiefen, selten Mittellagen, die mich zur Ruhe kommen ließen.

Damals entdeckte ich für mich den Internetmarktplatz Ebay und wusste endlich, was ich mit gut 400 SF-Taschenbüchern tun sollte, die ich aus Platzmangel lieblos im Keller aufbewahrte. Ein Schritt zurück:

Ende 1968 arbeitete ich zusammen mit meinem älteren Bruder in einer Kölner Druckerei. Zu unserem Feierabendritual am Freitagnachmittag gehörte, ins Zentrum zu fahren und in der Buchabteilung von Karstadt nach neuen SF-Büchern auszuschauen, die in einer Reihe aus dem Heyne Verlag erschienen. Mein Interesse an SF-Literatur hat mich auch während des Studiums in den 1970-er Jahren nicht verlassen. Einige Jahre zeichnete und gestaltete ich monatlich eine Seite für die Studenten-Zeitschrift „Aachener Prisma.“ Honorar gab es keines, aber man konnte bei einer Mitarbeiterin Rezensionsexemplare von Neuerscheinungen ordern. Das war besonders bei teuren Fachbüchern nützlich.

Irgendwann bat ich, bei SF-Verlagen Rezensionsexemplare zu bestellen. Ich wolle einen Aufsatz über Science Fiction verfassen. Ab dann sandte der Heyne Verlag regelmäßig seine gesamte Monatsproduktion, ohne ja eine Gegenleistung zu bekommen oder zu verlangen. Schenke einem Sammler die komplette Sammlung, und er wird das Interesse verlieren. So ging es auch mir. Die Bücher wurden mir lästig. Die meisten stellte ich ungelesen ins Regal, wo sie in zwei Reihen hintereinander verstaubten. Bei meinem Umzug nahm ich sie mit und deponierte sie im Keller. Für den Verkauf bei Ebay erstellte ich die Fleißarbeit der Liste. Ich glaube, ein Mann aus Freiburg hat die Sammlung für 440 DM gekauft. Die TB wären heute viel mehr wert, weil einige Titel lange vergriffen sind. Aber ich war jung brauchte das Geld.

Eine von 12 Seiten der Liste:

Episode aus dem Lehrerdasein (5) – Kollegentratsch

Zeugniszeit. Frau Ziegmann, eine neue Kollegin, die gerne ein bisschen hilflos tut, muss ein Zeugnis neu schreiben, weil nachträglich eine Note geändert wurde. Sie steht in der Tür zum Lehrerzimmer und ruft verzweifelt: „Ich kann nur mit dem spitzen Kuli schreiben, und der liegt zu Hause auf meinem Schreibtisch!“
„Soll ich Ihnen meinen Füller leihen?“, frage ich.
„Das geht doch nicht“, sagt sie.
„Wieso? Stimmt was nicht mit Ihrer Feinmotorik?“
„Das ist aber jetzt unverschämt!“, entgegnet sie.
„Den Druck einer zarten Damenhand hält mein Füller jederzeit aus“, sage ich und reiche ihr meinen Füller.
Sie nimmt ihn und schreibt ihr Zeugnis.

Vertraulich sagt Kollegin Gisela, die Ziegmann und Kollege Werner seien neuerdings ein Herz und eine Seele. Werner sei ja so geduldig und würde den ellenlangen Auslassungen der Ziegmann interessiert lauschen.
„Dann haben sich zwei gefunden“, sage ich, „solche elend langen Erzählungen sind ja auch seine Spezialität.“
„Ja“, sagte Gisela, „wie die vom Igel in der Garage und all den rätselhaften Flohbissen, mit denen alle Familienmitglieder bis zu den Knien aufwärts geplagt waren, unerklärlich zunächst, bis man den Igel als Wirtstier enttarnt hat.“

(Tagebuchnotiz von 1993)

Pferd Behrens

In unruhiger Nacht träumte ich von einem Mann mit dem Vornamen „Pferd.“ Sein ganzer Name lautete Pferd Behrens. Mehr weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an einen Kollegen im Referandariat namens Behrens. Sein Vorname ist mir entfallen. Nennen wir ihn Pferd. Pferd und ich, wir trafen uns wöchentlich im Fachseminar Deutsch. Zwei-dreimal bin ich bei ihm zu Hause gewesen, denn er wohnte mit seiner Frau und einem kleinen Kind wie ich im Aachener Frankenberger Viertel. Sie hatten zwei Zimmer, links und rechts des Hausflurs, was mir als sehr unbequem vorkam. Von seiner Frau erinnere ich nur noch, dass sie Gemütlichkeit verströmte, weil sie stets in plüschigen Schluppen umherging.

Pferd Behrens musste jeden Abend einen ganzen Kasten Bier austrinken, um schlafen zu können. Entsprechend aufgedunsen wirkte sein Gesicht. Es war immer hellrosa. (Ich erspare uns den Witz, er habe gesoffen wie ein Pferd.) Mich verband nicht viel mit ihm. Einmal wollte er mich zum Angeln am Fischteich seines Angelvereins mitnehmen, aber ich lehnte ab, weil mir Angeln als sinnlose Tätigkeit vorkam, vor allem für einen Vegetarier. Trotzdem hatten wir engen Kontakt. Der ging vornehmlich von ihm aus, denn er rief mich täglich mindestens einmal an. Wir schrieben zu dieser Zeit beide an unserer Examensarbeit. Mein Thema lautete: „Laterales Denken als Methode bei der Rezeption fiktionaler Texte im kommunikativen Literaturunterricht.“ Ich fand, schon wegen des Titels hätte ich eine Eins verdient gehabt, bekam aber nur eine Zwei plus, denn der Co-Gutachter fand, ich hätte zu viele Kommafehler gemacht.

Bei meiner Arbeit brauchte ich keine Hilfe, aber Pferd Behrens bei seiner. Er hatte eine neue Methode erdacht, wie man in Sätzen die Wortart Verb identifizieren kann. Wie das ging, weiß ich nicht mehr, aber das Thema seiner Examensarbeit war ebenso innovativ wie mein Thema. Ich fand es überflüssig, dass deutschsprachige Schüler*Innen in Sätzen nach Verben angeln, zumal der reine Grammatikunterricht in NRW abgeschafft war. Er kannte meine ablehnende Haltung zu isoliertem Grammatikunterricht für Muttersprachler, doch rief mich dauernd an, um mit mir grammatische Fragen zu erörtern. Seine Examensarbeit enthielt also einiges von meinem Gehirnschmalz.

Nach dem Zweiten Staatsexamen bekam er eine Stelle irgendwo im Selfkant, einer Region nördlich von Aachen, zog weg, ohne seine neue Adresse mitzuteilen, und meldete sich nie mehr – bis letzte Nacht. Da hatte er seinen Vornamen geändert in Pferd.

Waidmannsheil – Auf die Wildsau gehen

Kollege Noemix zitiert hier einen kuriosen Dialog aus der ARD-Telenovela “Sturm der Liebe“- es geht um eine verletzte Wildsau. Das erinnerte mich an einen Wildsaujäger, den ich vor fast acht Jahren in Bad Godesberg in der Kur kennengelernt habe. Er war ein kleiner stämmiger Rheinländer, vierschrötig mit grober ewig triefender Säufernase, Bauunternehmer im Ruhestand, bodenständig und von keinerlei Selbstzweifeln angefächelt. Er hatte im Vorjahr stolze 86[!] Wildschweine geschossen und mit besonders stattlichen Exemplaren schon zwei Goldmedaillen gewonnen.
„Un dies Jahr krieje isch och die Goldmedaille“, sagt er selbstbewusst. Der Keiler wäre schon erlegt. „Bei uns im Vorgebirge ham mir ja jute Böden, wenn man in der Eifel Wildschweine schießt, sind die Waffen oft abgebrochen von den Steinen.“
Was sind denn die Waffen, die Hauer etwa?
„Jo, jo!“
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Besinnungsaufsatz – Man begegnet sich immer zweimal

Unter meinen Handtüchern befindet sich eines mit dem Aufdruck eines Fitnessstudios, der in der Wäsche verblasst ist. Ich habe es legal erworben, weil ich bei einem Fitnesstermin mein eigenes Handtuch vergessen hatte. Das Studio gehörte einem meiner Exschüler, einem wie man sagt baumlangen jungen Mann. Ich kenne ihn schon aus einer Zeit, als er noch klein war und an der Hand seiner Mutter trippelte. Das muss um das Jahr 1975 gewesen sein. Zu dieser Zeit arbeitete ich nicht mehr in meinem erlernten Schriftsetzerberuf, sondern hatte ein Studium begonnen. Da ich schon Familie hatte, musste ich nebenher arbeiten. Unter anderem layoutete ich die monatlich erscheinende AStA-Zeitung.

Bis 1974 hatte ich in einer Druckerei im Aachener Universitätsviertel gearbeitet und verstand mich gut mit deren Besitzer, so dass er mich außerhalb der Arbeitszeiten mit seinen Gerätschaften auf eigene Rechnung arbeiten ließ. Ich montierte also die Seiten der AStA-Zeitung am Leuchttisch, der im vorderen Büroraum der Druckerei stand. Von dort konnte ich durch ein großes Fenster das Geschehen auf der belebten Straße beobachten. Normaler Weise ließ ich mich nicht davon ablenken, ignorierte das vergnügungssüchtige studentische Treiben. Doch manchmal trat aus dem Hauseingang gegenüber eine schöne, großgewachsene junge Frau mit einem Kind an der Hand. Ihr ebenmäßiges Gesicht hatte etwas Puppenhaftes, soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte. Sie bewegte sich langsam, und es hätte mir nicht langsam genug sein können, bis sie meinem Blickfeld entschwand. Bald hatte ich mich aus der Ferne in sie verliebt. Es war eine harmlose Schwärmerei, wie ich sie mein ganzes Leben gekannt habe. Immerzu schwärmte ich für eine mir unerreichbare Frau und gab mich unrealistischen Träumen hin.

Die Buchenallee, die sich an der nordöstlichen Flanke des Aachener Lousbergs entlangzieht, war mein bevorzugter Studienort. Dort saß ich am jungen Morgen auf einer Bank mit Blick auf das Tal der Soers und quälte mich mit Helmut Sembdners Werk über die Besonderheiten der Zeichensetzung bei Heinrich von Kleist. Wenn es mir gar zu dröge wurde, ließ ich das Buch sinken und erträumte mir, die schöne Mutter werde mit ihrem Kindlein die Buchenallee entlang spazieren, und es ergäbe sich ein Grund, mit ihr zu sprechen. Das geschah zum Glück nie.

Etwa 12 Jahre später, ich war bereits Lehrer an einem Aachener Gymnasium, da hatte sich für den Elternsprechtag eine mir unbekannte Frau Welker in die Terminliste eingetragen. Ich unterrichtete ihren Sohn in Kunst. Die Tür öffnete sich und herein trat die Frau mit dem Puppengesicht. Sie hatte sich kaum verändert seit jenen Tagen. Natürlich erkannte sie mich nicht, denn ich hatte sie ja immer aus dem Büro der Druckerei beobachtet. Nun hatte ich einen Grund, mit ihr zu sprechen. Ihr Sohn war erst seit kurzem mein Schüler und bislang nur positiv aufgefallen. So konnte ich das Gespräch zwar freundlich, doch mit der nötigen Professionalität führen. Zwischendurch horchte ich in mich hinein und stellte fest: Meine Schwärmerei für sie war über die Jahre von mir abgefallen. Nach dem Abitur muss ihr Sohn das Fitnessstudio gegründet haben, woraus mein Handtuch stammt.

Großväterliches

Einmal sah ich auf dem Aachener Münsterplatz einen Mann, der trug unter der Nase einen mordsmäßigen Schnurrbart, dessen Enden zum Kreis gezwirbelt waren. Der Schnurrbartbesitzer ging seltsam nach vorn gebeugt. Sein Schnurrbart hatte ihm bestimmt gesagt:
„Trag mich mal ein bisschen spazieren, aber da, wo viele Leute mich sehen können!“ Da ist der Mann folgsam losgelaufen, aber wie zum Hohn hat sich der undankbare Schnäuzer extra schwer gemacht. Diese Schnäuzermode ist ja sowieso aus der Zeit gefallen. Anfang des 20. Jahrhunderts war sie populär. Sie hieß „Es ist erreicht“ und war Kaiser Wilhelm II gewidmet, vielmehr seinem gezwirbelten Schnurrbart.

Mein Großvater hat zusammen mit seinem Zwillingsbruder in Berlin in der kaiserlichen Garde gedient. In der Waschküche, in der auch gekocht wurde, hing ein Foto, das die beiden in Uniform und mit Kaiser-Wilhelm-Schnurrbärten zeigte. Das Foto hatte Jahrzehnte im Essensdunst gehangen und war von Stockflecken angefressen. Schon als Kind war ich froh, dass mein Großvater mit seinem furchteinflößenden Schnäuzer kaum noch zu erkennen war. Ich kannte ihn nur ohne Schnurrbart wie er entweder in seinem Sessel saß und auf die Lehne trommelte oder auf dem Hof in der Sonne, um Kartoffeln zu schälen.

Mit mir gesprochen hat er kaum. Ich erinnere mich überhaupt nur an ein Wort, das er je an mich richtete. Da war ich bereits 17 Jahre alt, hatte die Gesellenprüfung als Schriftsetzer bestanden und arbeitete nicht mehr im Lehrbetrieb, der Druckerei Eupen in Neuss. Ich betrete die Wohnküche, mein Großvater sitzt im Lehnstuhl neben dem Ofen, trommelt mit den Fingern auf der Lehne und fragt unvermittelt: „Böste noch bej Oepen?“ [Bist du (arbeitest du) noch bei der Druckerei Eupen?] Der Wortlaut hat sich mir eingeprägt, weil mein Großvater das in zeitlichem Abstand mehrmals gefragt hat und ich jedes mal geantwortet habe: „Nein, Opa, ich arbeite doch jetzt in Köln.“ Man wird denken, seine wiederkehrende Frage wäre ein Anzeichen von Demenz, aber derlei kam nie zur Sprache, zumal meine Großmutter ihm gewohnheitsmäßig übers Maul fuhr, weshalb er kaum etwas sagte.

Sie hatte ohnehin das Sagen, denn diese weltgewandte Frau kam aus Köln, während mein Großvater vom Dorfe stammte. Er war Bahnbeamter gewesen, irgendwann in für mich grauer Vorzeit. Aus einem mir unerfindlichen Grund ist er mein Taufpate geworden. Meine Mutter wollte mich Johannes nennen, doch ich bekam den Großvatersnamen obendrauf. Als wäre das nicht genug für einen Säugling, verlangte der Pastor, dass ich zusätzlich den Namen des Heiligen bekam, an dessen Tag ich geboren war. Nie ist mein Großvater als Pate in Aktion getreten, nur einmal, als er in Kur ging, lieh er sich meine Uhr, die ich zur Kommunion bekommen hatte. Ich bekam sie irgendwann defekt zurück.

In der Familie wurde eine Episode erzählt von ihm und seinem ältesten Sohn, meinem Onkel Joachim. Der hatte Metzger gelernt und sich mit 18 Jahren in eine zehn Jahre ältere Frau verliebt. Die beiden lebten in wilder Ehe in einem Nachbardorf. Mein Großvater radelte hin, um den skandalösen Zustand zu beenden. Sein Sohn hatte gerade ein Schwein geschlachtet und verjagte seinen Vater, meinen Großvater, mit einem blutigen Schlachtermesser. Ihr Verhältnis muss schon immer angespannt gewesen sein. Onkel Joachim sah als Kind bei Straßenarbeiten vor dem elterlichen Haus zu und begeisterte sich für die Arbeit mit Schaufel und Spitzhacke. Es hieß, die Bundesstraße werde von Arbeitslosen gebaut. Als der kleine Joachim gefragt wurde, was er wohl mal werden wolle, sagte er treuherzig: „Arbeitslos!“, worauf mein Großvater ihm eine gewaltige Maulschelle verpasste.

Zu Familienfesten saß mein Großvater völlig unbeteiligt in seinem Lehnstuhl in der Ecke und trug zur fröhlichen Stimmung den Zigarrenrauch bei. Ich meine, mich zu erinnern, dass er zu Weihnachten immer Krawatten bekam. Zu diesem Festakt hatte er die blaue Arbeitsjoppe mit der „guten“ Strickjacke vertauscht. Man saß ja auch im „guten Zimmer.“ Das wurde nur zu besonderen Anläsen betreten und nicht mit den Holzschuhen, die er sonst zu tragen pflegte. Das wars.

[Mit Dank an Susanne Braun für die Anregung]

Last Exit – Erst der Spaß, dann das Vergüngen

    Andrea Heming hat hier das Fotografieren zur Dokumentation des eigenen Lebens thematisiert. Mir fiel ein, dass ich im August 2006 im alten Teppichhaus Trithemius bereits über das Phänomen der ständigen Knipserei geschrieben hatte. Vor gut 14 Jahren war mir das neu. Inzwischen habe ich auch ein Smartphone und knipse. Der Text vom Aachener Bahnhofsvorplatz zeigt also meinen noch unverfälschten Blick. Drum habe ich ihn unverändert ins Teestübchen gehoben:

Beton ist ja ein schöner Baustoff. Wenn man mich fragen würde, wie ein Bahnhofsvorplatz gestaltet werden sollte, und ich wäre gerade sturzbesoffen oder völlig bekifft, würde ich sagen: Gießt doch einfach eine große Betonplatte!

„Das Gebäude des Aachener Hauptbahnhofes aus dem Jahr 1905 ist für über 20 Millionen Euro modernisiert worden, zudem wurde auch der Vorplatz neu gestaltet“, meldet die Aachener Zeitung. Gestern habe ich mich dort eine Weile aufgehalten, und tatsächlich haben sie vor dem Bahnhof eine große Betonplatte gegossen, ganz ohne mich zu fragen.

Bereits den dritten Tag feierte man die Eröffnung des Hauptbahnhofes, und auf einer Bühne mühte sich eine Robbie-Williams-Coverband. Ein dickliches hässliches Männchen mit schwarzem ärmellosem Hemd und weißer Krawatte hat schön gesungen. Leider mochten die steifen Aachener nicht so recht Feuer fangen. „Kann ich euch da hinten mal haben!“, rief er nach dem ersten Lied und zeigte auch, wie man mit den Händen hoch über dem Kopf klatschen sollte, wenn er sang. Später rief er: „Aachen, wo seid ihr?!“ Da klang er schon ziemlich verzweifelt und hat überlegt, wann er denn endlich in Rente gehen kann.

Nun hat ja Alemannia Aachen gestern gegen Schalke 04 gespielt, und mit einem Mal strömten Fans aus den Bussen. Die in Schwarzgelb ließen die Nasen hängen und trollten sich zum Bahnhof. Die Blauweißen aber blieben und betanzten die Betonplatte. Ich glaube, wenn man auf relativ dünnen Beinen einen Schmerbauch mit sich trägt, kann man auf einer Betonplatte zur Musik einer Robbie-Williams-Coverband am besten tanzen, indem man tief in die Knie geht und so tut, als wollte man Kappes treten.

Da waren auch zwei Sängerinnen auf der Bühne. Vermutlich hatten sie sich zum Einstudieren ihrer Tanzbewegungen viele steinalte Videos der holländischen Frauenformation „Pussycat“ angeguckt. Jedenfalls habe ich so ein hölzernes Arm- und Hüftschwingen seit den 70ern nicht mehr gesehen. Dem mit der weißen Krawatte war es egal, und die Schalker Fans feierten sowieso sich selbst.

Ich saß ermattet auf der langen zweiseitigen Holzbank die die Betonplatte teilt. Bald hatte ich eine Gruppe Schalker Fans im Nacken. Sie standen über mir auf der anderen Bankseite und schwangen zur Musik ihre Schals und Flaschen. Manchmal strichen mir liebevoll die Fransen eines Fan-Schals über den Kopf. Doch ich rechne den Fans hoch an, dass sie mir weder Bier noch Alkopops in die Ohren gegossen haben. Ein Fan Ende zwanzig baute sich vor mir auf, um die Kumpels mit seinem Handy zu fotografieren. Das dauerte eine Weile, weil er zwischendurch angerufen wurde. Inzwischen versperrte er mir den Blick auf die Robbie-Williams-Coverband, und um mich für den entgangenen Genuss zu entschädigen, kam er anschließend zu mir und reichte mir die Hand. Er war ein stattlicher junger Mann, und deshalb habe ich erstaunt nachgeguckt, ob ich vielleicht einen toten Fisch angefasst hatte.

Mit dem Musikgenuss war es aus, denn er stellte sich seitlich von mir auf die Bank, beugte sich zu mir herunter und rief mir Sachen ins Ohr. Wie toll die Deutschen sind, so ein tolerantes und überhaupt das liebenswerteste Volk auf dem Erdball. Er musste es wissen, denn er kam aus Marl und studierte in Bielefeld. Grundschullehrer wolle er werden, denn es sei wichtig, schon den Lütten, den Stöpkes die richtige Weltsicht beizubringen. Bei denen geht die Botschaft noch voll rein in die Ganglien. Das Wort Ganglien hat er natürlich nicht benutzt. Sein Handy hat er mir auch in die Hand gedrückt und sich zu den anderen in Positur gestellt. Leider konnte ich auf dem kleinen Bildschirm nicht sehen, ob ich das Flaschen- und Schalschwingen gut festgehalten habe.

Schon vorher hatte ich darüber nachgedacht, was es mit dem ständigen Fotografieren auf sich hat. Es reicht offenbar nicht, Spaß zu haben, es muss auch ein Bildbeweis her, dass man wirklich Spaß hatte. Natürlich legt der Spaß vor der Kamera noch einen Zahn zu. Die eigene Wirklichkeit zu inszenieren, ist der eigentliche Sport der Massen.

Inzwischen hatte sich die Robbie-Williams-Coverband schon von der Bühne gemacht. Ein Spaßvogel rief „Zugabe!“, und prompt kamen sie noch mal zurück. Weiße Krawatte rief all die verstreuten Grüppchen zu sich nach vorn an die Bühne, denn er wollte mindestens einmal die pralle Action von Händeschwingen, Mitsingen und über dem Kopf Klatschen.

Ich bin auch nach vorn und weiter Richtung Last Exit gegangen. Hab ja kein Fotohandy.

Niederländisch für alle

Flashback Mai 1989, Bernd K., mein Freund und Kollege für Niederländisch am Gymnasium hatte sich einen Stempel anfertigen lassen, um ihn statt Unterschrift auf die Klausuren seiner Schülerinnen/Schüler zu drücken. Darauf zeichnete ich folgendes Cartoon (zum Lesen klicken) Der Freund ist auch hier am Schluss des Textes in einer Zeichnung von mir zu sehen, wo er mit Saxophon den Tod seiner Katze betrauert.