Einiges über Freundlichkeit aus der Dose

Seit acht Jahren kaufe ich gelegentlich im Lidl-Markt in meiner Nachbarschaft ein. Das Personal sollte mich also kennen. Trotzdem habe ich noch nie erlebt, dass auch nur einer eine Regung des Wiedererkennens gezeigt hätte. Offenbar gehört es zur Geschäftspolitik von Lidl, dass Kundenkontakte über das „Hallo“ an der Kasse und das papageienartige „Danke für Ihren Einkauf“ nicht hinausgehen dürfen. Vermutlich kommt abends ein Abgesandter der Zentrale und löscht dem versammelten Personal die Erinnerungen, um das Wiedererkennen von Kunden auszuschließen.

Da beim Discounter die Kosten immer niedrig gehalten werden, wird man zum Löschen der Kunden in den Hirnen des Lidl-Personals kein teures Blitzdings benutzen, sondern einfach jedem was zwischen die Hörner geben, damit er weiß, wo der Hammer hängt. Freundlichkeit brauchts nicht. Die kommt bei Lidl nach Knopfdruck aus Konserven, eingesprochen von einer wohltemperierten Frauenstimme. Es tönt, bevor eine weitere Kasse besetzt wird:

„Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse X für Sie.“

Aber wenn eine Kasse geschlossen wird, weil kein Andrang herrscht und ein Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin länger als fünf Sekunden tatenlos herumsitzt, heißt es nur:

„Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse  X.“

Über das fehlende „…für Sie.“ ist gewiss lang nachgedacht. Bei „Wir schließen Kasse fünf für Sie“ könnte ein am Leben verzweifelter Kunde sich ausgeschlossen fühlen und denken: „Hallo? Geht’s noch? Warum schließen die Kasse fünf ausgerechnet für mich? Mein Geld ist den Herrschaften wohl nicht gut genug! Unfassbar! Muss ich mich jetzt auch noch vom Billigen Jakob mobben lassen?! Ja, hören Sie mal, Herr Lidl! Dann behalte ich eben mein Geld! Ich pack meinen Kram ein und geh einfach weiter. Und wenn’s am Ausgang piept wie bekloppt, dann ruf ich: „Das habt ihr jetzt davon, ihr dämlichen Arschkrampen!“

Und niemand von den Mitarbeitern, denen Lidl die Sozialkompetenz systematisch abtrainiert hat, wüsste den Kunden zu beruhigen. Darum heißt es zwar: „Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse fünf für Sie“, aber „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen Kasse fünf. in wohlkalkulierter, asozialer Discounter-Dosenfreundlichkeit.

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18 Kommentare zu “Einiges über Freundlichkeit aus der Dose

  1. Ich bin gesichtsblind – ich erkenne Kunden nicht mal wieder, wenn sie 5 Minuten vorher da waren. Erst wenn sie „…hatte noch was vergessen…“ murmeln, kommt mir manchmal der Gedanke, dass der jenige schon mal an meiner Kasse gewesen sein könnte. In diesem Fall hänge ich an das „Danke für ihren Einkauf“ gerne noch ein süffisantes „Dann bis gleich“ dran. Meistens müssen die dann lachen.
    Freundlich sind bei uns aber alle. Vielleicht solltest Du einfach auf Obst und Gemüse verzichten und stattdessen Bohrmaschinen und Bügeltische einkaufen. Und wenn Du Dir ein Namensschild anhängst, verspreche ich, dass ich Dich bevorzugt und mit Namen begrüßen werde. Auch wenn ich Dein Gesicht fünf Minuten später wieder vergessen haben sollte…

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    • Echte Gesichtsblindheit gibt es nur nach Hirnschäden. Aber ich kann mir vorstellen, dass man sich bei einer schier endlosen Reihe von Kunden die Gesichter nicht merkt, zumal die Kunden im Baumarkt vermutlich seltener wiederkehren, (falls sie nicht dauernd was vergessen.) Der diurchschnittliche Mann nutzt seine Bohrmaschine im Jahr etwa zwei-drei Minuten. Seit ich kein Haus mehr besitze, liege ich weit darunter. Deshalb kann ich nicht in den Genuss der Baumarktfreundlichkeit kommen.Ich kaufe gern bei REWE, weil ich dort tatsächlich wiederkannt und freundlich begrüßt werde. Früher ging ich aus ähnlichem Grund zu Edeka, aber seitdem die sich die Regale von externen Kräften einräumen lassen, dauert mich deren Schufterei für einen Hungerlohn und ich gehe nur noch selten hin.

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      • Nein, es gibt Gesichtsblindheit in unterschiedlichen Ausprägungen und nicht nur nach Hirnschäden – es sei denn, man betrachtet Gesichtsblindheit an sich als Hirnschaden. Victoria von Schweden hat es zum Beispiel auch (sie hat immer ein kleines Männchen neben sich, das ihr einflüstert, wer die ganzen Leute eigentlich sind, denen sie die Hand schüttelt. Sowas will ich auch!). Seitdem ich mal über Prosopagnosie geschrieben habe, weiß ich, wie viele Leute das (mehr oder weniger schlimm) NOCH haben. Es ist verbreiteter als man denkt.
        Als sie mir damals mein Kind in den Arm gelegt haben, dachte ich, ich sei eine schlechte Mutter. Alle anderen Mütter konnten ihre Kinder sofort unter allen Kindern wieder erkennen. Ich nicht. Ich brauchte fast eine Woche dafür, um ihn eindeutig identifizieren zu können. Ich brauche bei den meisten Menschen 5 bis 10 Treffen (keine flüchtigen, sondern mit Unterhaltung und deswegen Konzentration) um sie wieder erkennen zu können. Selbst wenn mein Leben davon abhängt (und das tat es schon mal) – es funktioniert nicht. Gesichter verschwinden bei mir, und deshalb frustriert mich Deine Behauptung jetzt wirklich 😦

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        • Das tut mir leid und war nicht von mir beabsichtigt. Mich hat das Wort Blindheit fehlgeleitet. Da fehlt ja die Erkennung von Gesichtern total. Bei unterschiedlichen Ausprägungen ist die Rede von Gesichtserkennungsschwäche. Was du jetzt beschreibst, ist sicher ein belastendes Handicap.

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          • Soweit ich weiß werden beide Worte kongenial benutzt. Die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen fehlt tatsächlich völlig, aber man lernt, auf andere Zeichen zu achten. Eine Blogfreundin hier hat ein phantastisches Gehör für Stimmen und ein Bekannter von mir geht, sobald er merkt, dass er jemanden kennen sollte, auf die Menschen zu und sagt „Du bist doch…“ und tut dann so, als habe er den Namen vergessen. Besser als zuzugeben, dass man keine Ahnung hat, wer das Gegenüber ist.
            Man ist in dem Fall WIRKLICH blind für Gesichter, nicht nur ein bisschen.
            Ich denke allerdings, dass ich Michael Jackson immer erkannt hätte. Leute mit SO auffälligen Gesichtsmerkmalen kann man sich doch merken 🙂

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            • Liebe Feldlilie,
              mir ist es nicht wichtig, wie der korrekte oder gebräuchliche medizinische Fachausdruck heißt. Ich finde die Beeinträchtigung selbst schlimm und hoffe für Sie sehr, dass es Ihre Lebensqualität so wenig wie irgend möglich beeinträchtigt!
              Gruß Heinrich

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              • Es ist eigentlich nicht schlimm. Ich habe das schon von Kindheit an, ohne dass ich auch nur gemerkt hätte, dass ich „andes“ bin. Das ist so ähnlich, denke ich, wie mit Farbenblindheit. Kinder lernen, das die Antwort auf „welche Farbe hat Gras“ „grün“ ist – und die Erwachsenen sind zufrieden. Es kann sehr lange dauern, bis derjenige darauf kommt, dass irgendwas bei ihm anders ist.
                Es ist ein wenig peinlich, dass ich bin heute meinen Chef nicht erkenne, weil der nur sporadisch auftaucht und sich nie offiziell vorgestellt hat. Und natürlich wäre ich ein sehr, sehr schlechter Zeuge („…ich glaube, der Räuber hatte Haare. Und eine Nase. Möglicherweise. Vielleicht aber auch nicht…“) 😛

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  2. Lieber Jules,
    dann müssen Sie wohl doch noch einmal umziehen?!
    Hier bei uns wird man (werde ich) im Supermarkt mit Namen angesprochen, es wird geklönt, gescherzt. Auch bei Lidl.
    Neulich habe ich mich gefreut, am Käsestand sogar vorgestellt zu werden. Die „alte“ Verkäuferin wies die Neue ein:“ Und das ist der Herr Heinrich, der kauft hauptsächlich Landana und Radieschenfrischkäse, ist aber auch für Vorschläge offen“.
    Aber ich stimme Ihnen zu, bei Lidl ist die Fluktuation der MitarbeiterInnen höher als bei Aldi, Edeka und Rewe. Da muss man schon etwas „mitmachen“ um am Ball zu bleiben. 😉

    Gruß Heinrich

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  3. Seit ich vor Jahren meine Diplomarbeit über Lebensmitteldiscouter geschrieben habe, gehe ich nicht mehr zu Lidl. Aber auch ohne die damaligen Recherchen würde ich mich dort nicht sonderlich wohl fühlen. Über die unterschiedlichen Ansagen zum Öffnen und Schließen der Kassen habe ich noch nie nachgedacht – schön, dass du es übernommen hast, lieber Jules.
    Bei mir um die Ecke gibt es einen Rewe. Den mag ich auch nicht. Die Mitarbeiter dort tragen alle Headsets und jeder grüßt monoton mit dem gleichen Spruch. Ich habe immer den Eindruck, als würde man ihnen das in einer Endlosschleife einflüstern. Gerne mag ich den Norma. Die Mitarbeiter dort kenne ich schon lange. Nicht mit Namen, sie auch nicht den meinen, aber sie sind nett, freundlich und wenn es die Zeit zu lässt plaudern sie ein wenig. Das mag ich.

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    • Gutes Thema, die Diplomarbeit wäre gerwiss interessant zu lesen. Ich kaufe mittags immer meinen Tagesbedarf bei REWE. Dort ist die Stimmung gut, und ich werde freundlich gegrüßt, und mit einer attraktiven Kassiererin flirte ich immer ein bisschen. Ich glaube, die Stimmung in einem Supermarkt hängt stark vom jeweiligen Marktleiter/ der Marktleiterin ab.

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  4. In zwei- dreihundert Meter Entfernung gibt es einen Aldi und manchmal, wenn wenig los ist, lassen die Mitarbeiterinnen erkennen, dass sie mich schon mal gesehen haben. Dann grüßen sie im Laden und an der Kasse gleich noch einmal, sonst nur an der Kasse. Zur Geschäftsidee gehört es aber auch nicht, Kundenbindung durch die Pflege persönlicher Kontakte herzustellen.

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    • Wenn die Mitarbeiterinnen selbst bei Aldi grüßen, muss es bei Lidl wirklich verboten sein. Letztens war der Markt ganz umgeräumt. Ich grüßte und fragte eine nach den gehackten Tomaten, und sie grüßte nicht zurück, sondern guckte nur, als hätte ich ihr einen unsittlichen Antrag gemacht.

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  5. Ich höre von der frechen Kassiererin oft: „Bitte nicht mehr auflegen.“

    In meiner Jugend kannte ich einen, der hatte die Statur eines Türstehers, er war aber Discjockey. Hättest du dem gesagt: „Bitte nicht mehr auflegen“ … er hätte dich zermalmt …

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