„Hilfloser Küchenmensch“


Neulich wurde ich in einem Kochblog „hilfloser Küchenmensch“ genannt, geeignet, den Beschützerinstinkt für mich oder eine von mir falsch behandelte Aubergine zu wecken. Das traf mich sehr. Ich musste an den isländischen Skalden Egil denken. Als er alt und fast blind war, ging er mit einem Freund über den Markt und stolperte, worauf ihn die Marktfrauen auslachten. Da sagte Egil: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“ Ein wahres Wort. Aber ich wollte die Schmähung nicht so hinnehmen und beschloss, mehr für mein praktisches Handgeschick zu tun. Letztens hatte ich schon als Therapie gegen die Vernachlässigung der Handschrift das neue Format „Gekritzelt“ begonnen, mit dem Ziel, möglichst getreu in die Tastatur zu hauen, wie es im Notizbüchlein steht, womit ich mich zur sorgfältigen Handschrift zwinge.

Gestern habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gezeichnet. Denn ich hatte eine Bildidee, nachdem ich die Werbung gesehen hatte „Abnehmen mit Bananen. Ist zwar nur ein Wortwitz mit dem Homonym Abnehmen, aber wenn die Zeichnung gut wäre … Zuerst zog ich die Schublade mit den Zeichenutensilien heraus, um zu sichten, was überhaupt noch da war. Dann stach ich mich versehentlich in der Zeichenfeder, was aber keine Spuren hinterließ, anders als auf dem Knöchel des linken Ringfingers, den schon seit ewigen Zeiten ein bläulicher Punkt ziert, vermutlich Tusche unter der Haut. Der Napf mit schwarzer Tusche enthielt zu meinem Erstaunen Ultramarinblau.
Das wollte ich nicht wahrhaben und führte meinen Bleistiftentwurf damit aus, war aber nicht zufrieden – zu krakelig und „Überraschung!“ zu blau. In der Papierschublade hatte ich einen noch eingeschweißten Entwurfblock mit Transparentpapier gefunden, der da gewiss acht Jahre gelegen hatte. Auf dem Blog hatte ich meine Zeichnung entworfen. Obwohl ich die Rückseite schon mit Graphit geschwärzt hatte, um den Entwurf auf Zeichenkarton übertragen zu können, zog ich die Linien des Entwurfs mit Schwarz nach, radierte die Rückseite und scannte den Entwurf. Der Rest ist mit Photoshop bearbeitet.

Dass ich einen noch unberührten Entwurfblog in der Schublade hatte, wird die Papierindustrie auch nicht retten. Vor gut zehn Jahren sprach ich mit Managern einer Dürener Papiermühle. Man hatte früher mit dem weichen Wasser der Eifeler Rur Transparentpapiere gemacht, also Skizzenpapier für Künstler, Architekten und Ingenieure. Die Manager sagten, der Bedarf für Transparentpapiere sei rapide zurückgegangen. Denn die Grafiker-Designer, Architekten und Ingenieure zeichnen nicht mehr. Das hatte ich mir vorher gar nicht klar gemacht. Dabei hatte mir schon in den 1990-er Jahren der Chef einer Werbeagentur gesagt: „Sie finden hier bei uns im Haus keinen einzigen Bleistift mehr.“

Ich weiß nicht, ob er wirklich froh darüber war. Doch man kann sich als Unternehmer nicht aus nostalgischen Gründen dem technischen Fortschritt verweigern. Und die logische Folge: Keine Bleistifte – kein Transparentpapier. Das sind nur zwei Dinge, die voneinander abhängen. Ich glaube, man könnte noch längere Ketten finden. Beispielsweise: Tastatur, Maus und Photoshop – kein praktisches Handgeschick und ich ein „hilfloser Küchenmensch.“ Aber viel schlechter konnte ich kochen, als ich noch jung war.

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