Notizen einer Woche

14.08.2017 – Sage mir deinen Namen und ich sage dir, wie du heißt
Im Wartezimmer sitzt mir einer gegenüber mit einem Firefox-Logo auf dem T-Shirt. Wie ich noch über den Grund nachdenke, kommt die Sprechstundenhilfe, ruft: „Herr Kölner!“ und er springt auf. Ist immer erhellend, wenn ein anonymes Gegenüber plötzlich einen Namen bekommt. Da erweitert sich das Bild der Person, obwohl der Name ja grundsätzlich nichtssagend ist, weil die Namen von den Vorfahren stammen. Seine Vorfahren kamen vielleicht aus Köln, und jetzt heißt ein Hannoveraner auf immer „Kölner.“

15.08 – Reiseproviant

Immer wenn ich mit der Bahn verreise, hole ich mir im Bahnhof ein belegtes Brötchen. Die jene Brötchen schmieren, jeden Tag auf Neue, tun eine Arbeit, die niemals enden will. Sie schmieren die Brötchen und Leute wie ich kommen und fressen sie weg. Wann endet die Arbeit wohl? In 100 Jahren? In 37.000 belegten Brötchen? Wann endet diese Zivilisation, in der es üblich ist, mit der Bahn zu reisen? Und wer wird das allerletzte Brötchen essen?

17.08 – Zeit

Mein mittlerer Sohn wird heute 38 Jahre, was für ein schönes Lebensalter!

18.08.2017 – Im falschen Film

Ich schaute im TV einen Spielfilm über den Radsportler Lance Armstrong. Sein Leben, seine Krebserkrankung, sein systematisches Doping, seine Siege bei der Tour de France waren nachvollziehbar dramatisiert. Plötzlich verschob sich die Perspektive. Ins Zentrum der Handlung geriet eine schöne Antiquitätenhändlerin. Sie lernte einen Mann kennen, streifte mit ihm durch die Nacht und verabredete ein Wiedersehen in Paris. Ich dachte die ganze Zeit: „Wo ist denn jetzt Lance Armstrong?“, bis ich begriff, dass ich  über den Film eingeschlafen sein musste und im nachfolgenden Film wieder aufgewacht bin. Es war irritierend, weil sich Bildsprache und Handlungsort glichen.

19.08.2017 – Bewusstsein

Ein Radfahrer rollt dahin und plötzlich eine Panne. Der Reifen ist geplatzt und lässt sich kaum noch drehen. Er muss absteigen und schieben, ja, er muss das Rad sogar hinten anheben und tragen. Sofort ist er völlig anders in der Welt. Was zuvor sein Vehikel, sein Medium des Fortkommens war, ist jetzt ein Hindernis. Funktioniert so ähnlich das Bewusstsein? Entsteht das Bewusstsein aus Hemmungen im geistigen Fluss?

Hässliches Kompositum:

Ochsenmaulsalat

20.08.2017 – Therapeutisches Schreiben

Mit der Hand schreibe ich oft nur, um zu schreiben und hoffe, dass das Ausrichten der Wörter zu Sätzen und Zeilen das lahme Denken in Gang bringt. Mein Denken lahmt, wenn ich zu sehr im Hier und Jetzt bin. Dann fehlt die Distanz zur Welt. Ich bin mehr ein Tier als ein denkend Wesen. Käme jetzt einer daher und würde ein Stöckchen in die Botanik werfen, dann würde ich vielleicht hurtig aufspringen und durch Gras und Brennnesseln jagen, ohne zu wissen warum. Genauso weiß ich nicht, warum ich auf der Bank sitze, dem Rauschen der Bäume lausche und dem träg dahinziehenden Fluss. Mein Mitteilungsbedürfnis schlummert. Mein Denken lahmt. Was zwingt mich, das nicht hinzunehmen? Schreibe ich also aus Pflichtgefühl? Könnte es sein, dass der schöpferische Impuls nicht mehr ist als der Impuls des Hundes, den Stock zu apportieren?

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