Körperzeichen erzählen Geschichten

Das niederländische Wort „litteken“ gefällt mir besser als die deutsche Entsprechung „Narbe.“ Während Narbe sich von Meerenge ableitet und fürs Verständnis wenig bietet, steckt in litteken erkennbar das Wort „teken“ = „Zeichen.“ Darüber dachte ich nach, als ich heute Morgen meinen linken Daumen betrachtete. Der trägt auf dem unteren Glied zur Außenseite hin ein feines helles litteken, eine waagerechte Linie von etwa einem Zentimeter und fünf senkrechte Striche der Nähte mit Einstichpunkten der Nadel. Dieses Körperzeichen ist fast 50 Jahre alt und noch immer zu sehen. Es erinnert an einen Unfall, bei dem ich mir mit einem Beitel in den Daumen gestochen habe, und zwar tief, dass ich den Knochen sehen konnte. Der Daumen musste genäht werden und kam für Wochen in Gips, denn ich hatte mir die Strecksehne durchtrennt.

Während meiner Schriftsetzerlehre hatte ich nachmittags Unterricht im Linol- und Holzschnitt. Ein Schriftsetzer sollte Plakatschrift selber schneiden können, falls mal ein Buchstabe fehlte. Es unterrichtete ein Werklehrer, den wir Holzwurm nannten. Einmal kam der Holzwurm zu spät zum Unterricht, so dass wir Lehrlinge allein im Werkraum waren. Aus Langeweile begann ich, mir Schlagzeugstöcke zu schnitzen, rutschte ab und schon wars passiert.

Holzwurm gab eine merkwürdige Begründung ab, warum er zu spät gekommen war. Er fuhr ein Kabrio, ein kleines, hässliches Auto ohne Klasse, ein richtiges Holzwurmauto. Man sah diesem Auto an, dass der Berufsschullehrer gern etwas Besseres gewesen wäre, aber leider im Holzwurmdasein gefangen saß. In der Mittagspause hatte er tanken wollen und an der Tankstelle Gunter Sachs getroffen. Gunter Sachs war direkt von den Titelseiten der Hochglanz-Schmockpresse herabgestiegen in Holzwurms enge Welt und hatte etwas Alltägliches getan. Er betankte seinen Porsche, worin eine blonde Schönheit wartete. Betankte den Porsche genau wie Holzwurm sein Holzwurmkabrio betankte, nur die blonde Schönheit fehlte. Aber das Beste sei gewesen, dass Gunter Sachs einen Maßanzug aus Sackleinen getragen hatte. Da hatte sich Holzwurm ein Herz gefasst und Gunter Sachs gefragt: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie so einfach anspreche, aber sind Sie Gunter Sachs? Und ist Ihr Anzug etwa aus Sackleinen?“ Und Gunter Sachs hatte ihn gönnerhaft einer Antwort gewürdigt und bestätigt: „Ja, ich bin Gunter Sachs, und mein Anzug ist aus Jute.“

Vermutlich wollte Lehrer Holzwurm erst mal nicht mehr zurück ins profane Leben. Er mag gedacht haben, dass die Begegnung nicht nur der vorläufige Höhepunkt seines Lebens war, sondern der Auftakt zu einem ganz neuen. Da hatte er natürlich Zeit nötig, sich wieder auf dem Boden der Tatsachen zurechtzufinden. Weil also mein Lehrer seine Zeit damit vertändelt hat, Gunter Sachs anzuhimmeln, kann ich das obere Glied des linken Daumens rechtwinklig nach hinten biegen. Das alles erzählt mein litteken.

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15 Kommentare zu “Körperzeichen erzählen Geschichten

  1. Oh, ich habe auch ein litteken, das ich im Kunstunterricht beim Linolschnitt „erworben“ habe. Unser Kunstlehrer hatte uns noch eingebläut, immer vom Körper und von der linken Hand weg zu schneiden.
    Doch ich habe nicht von der linken Hand weg geschnitten, sondern von der Kuppe des linken Mittelfingers etwas weggeschnitten…
    Den Knochen sah ich zwar nicht, aber es hat dermaßen geblutet, dass ich von meinem Tisch bis zum Waschbecken in der Ecke des Kunstraumes eine hübsche Blutspur zog – war auch sehr kunstvoll…

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  2. Das schöne an den Körperzeichen ist ja, dass -wenn Blut und Schmerz vergangen sind- sie ewig abrufbare Erinnerungen und Geschichten behalten. Noch schöner ist, dass mit zunehmendem Alter immer mehr Geschichten hizukommen.

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  3. Die kleine Narbe, die du davongetragen hast, ist natürlich unbedeutend im Vergleich zu der schweren Erschütterung, die der Holzwurm zu verkraften hatte, als für ihn ein Gott vom Olymp stieg und ihm damit endgültig klar machte, wie trostlos das irdische Durchschnittsleben ist. Die ganze Glitzerwelt soll uns doch nur unterhalten und ablenken, keinesfalls sollten die Überirdischen zu uns stoßen und uns verwirren.

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  4. Entschuldige, dass ich heute so viel bei dir kommentiere. Ich lese. Ich kommentiere.Wäre dein Geschreibsel Geschreibsel, ich würde es nicht kommentieren (darum kommentiere ich ja auch mein eigenes Geschreibe nicht, nicht wahr …).

    An meinem Daumen habe ich ich eine Narbe. Ich schnitt hauchdünne Schnitte von einem Kunststoffteil, um diese zu analysieren. Ich war nicht achtsam. Der Stahl schnitt in meinem Daumen. Nicht wirklich hauchdünn, da mein Daumen nicht nicht in der Halterung sich befand, dort wo sich die Kunststoffprobe auf des Messers Stahl wartete. Es blutete wie Sau. Aber ein Pflaster und gut war’s. War es nicht. Der Schnitt blieb als Narbe an meinem rechten Daumen. Und wenn alles digitalen Daten meiner Diplomarbeit ins digitale Nirwana (Stichwort: Sicherungskopien von CD zerstellen) eingehen werden, die Narbe meines Daumen kündet analog von meiner Unaufmerksamkeit.
    Ach ja. Der rechte Mittelfinger hat auch eine Narbe. Nein. Nicht aufgrund einer obzönen Geste. Nein. Ich versuchte lediglich eine Fischkonserve zu kompaktieren und das Weissblech war stärker. Das Pflaster half bei der Blutung. Aber die Narbe blieb.
    Studentengeschichten

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    • Lieber Franz, ich freue mich, wieder von dir zu lesen. Und staune immer wieder, wie ein Mensch auf einen Schlag soviel schreiben kann, da ich selbst langsam mit einem Finger nur noch schreibe. Es ist ja auch schön, dass meine Texte bei dir Assoziationen freisetzen und dich eigene Geschichten erzählen lassen. Normalerweise habe ich den Wunsch, auf alles einzugehen, was man mir schreibt. Doch das kann ich bei deinen manchmal sehr langen Kommentaren nicht leisten, besonders wenn sie sich inhaltlich vom zu kommentierenden Text wegbewegen und eigentlich eigene Blogbeiträge sein könnten.
      Beste Grüße,
      Jules

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