„Zu wenig Buchstaben“ besonders Eszett – der Fall Neuß

“Wir hatten im Osten zu wenig Buchstaben“, schreibt Kollege Herr Koske scherzhaft in einem Kommentar. Erlebte ich in meiner Schriftsetzerlehre wirklich, sogar im Westen. Ein Setzkasten enthielt von jedem Buchstaben eine Anzahl, die von der Buchstabenhäufigkeit abhing. Die Schriftgießereien hielten für die verschiedenen Sprachen Gießzettel vor, aus denen die Menge der einzelnen Bleilettern auf einen Zentner hervorging. Das nur in Deutschland gebräuchliche Eszett hat die Häufigkeit von 0,31 Prozent. Auf einen Zentner 8-Punkt-Schrift kamen beispielsweise 60.000 Lettern, davon 10440 e, aber nur 186 ß, Wenn in einem gut gefüllten Setzkasten etwa 100 e lagen, dann gerade mal zwei ß.

Meine Schriftsetzerlehre machte ich in einer Buchdruckerei in Neuss. Neuss wurde bis Ende der 1960-er Jahre Neuß geschrieben. Hatte ich zwei Briefbögen ortsansässiger Unternehmen gesetzt, war der Vorrat an Eszett schon erschöpft. Wenn ich mich dann beklagte, es fehle Schriftmaterial, sagte einer meiner Gesellen:

    „Mit Material kann jeder arbeiten“, mit Betonung auf „mit.“

Diesen Spruch habe ich zeitlebens als Aufforderung gesehen, auch unter schwierigen Bedingungen etwas zu leisten, kreative Lösungen zu finden oder mich mit einem unbequemen Weg zu arrangieren. Dass ich etwas mit der Umbenennung von Neuß in Neuss zu tun gehabt hätte, wagen selbst böse Zungen nicht zu behaupten. Mehr dazu:

Am 21.11.1968 beschloss der Neußer Stadtrat die Änderung von „Neuß“ in die Schreibweise „Neuss“. Den Anstoß gab ein schlichtes Designkonzept: Der Werbegrafiker Herbert Dörnemann hatte ein Logo für die Stadt entworfen, das „Nüsser N“. Es war aus fünf Kreisen konstruiert und entsprach damit den fünf Buchstaben von NEUSS in Majuskelschrift. In Groß- und Kleinschreibung hatte Neuß aber nur vier Buchstaben, was die Symmetrie des Entwurfes zerstört hätte. Mit einem 4-seitigen Schreibmaschinenskript „Zur Konzeption des einheitlichen Erscheinungsbildes der Stadt Neuss“ gelang es Dörnemann, den Stadtrat auf seine Idee einzuschwören.

Der Neusser Stadtrat entledigte sich damit einer deutschen Schreibweise, die zur Hypothek geworden war. Für die Stadt mit großem Rheinhafen und wachsenden internationalen Geschäftsbeziehungen war das deutsche Eszett in „Neuß“ eine zunehmende Belastung. Wie sollten die ausländischen Handelspartner den Namen der Stadt korrekt schreiben, wo doch das „ß“ im Typenvorrat der Schreibmaschinen und Setzkästen anderer Länder fehlte? Manche fanden die elegant wirkende Lösung, ein kleines griechisches Beta zu setzen, andere schrieben grob „NeuB“, da dem „ß“ nicht anzusehen ist, dass es einen scharfen S-Laut wiedergibt. So taten die Neusser dem Ausland und sich selbst einen Gefallen. Denn nach Auskunft der Neusser Stadtverwaltung haben auch die Neusser Bürger die „neue Schreibweise der Stadt Neuss mit zwei ’s'“ „schnell“, „dankbar“ und „froh“ aufgenommen. So einfach kann man eine Orthographiereform machen und die Bürger dankbar froh stimmen, – wenn geschäftliche Interessen vorliegen.

6 Kommentare zu “„Zu wenig Buchstaben“ besonders Eszett – der Fall Neuß

  1. Du liebes bisschen! – Damit wollte ich nicht sagen, dass ich Dich für „ein Bisschen“ halte, das war nur wieder ein Versuch, „das Ohr am Land“ zu haben; „Silly“, weil wir gerade bei sogenannten Ossis sind; es sind ja eigentlich Mittis, denn Ossis sind Baltendeutsche, Memelländer und Ostpreußen; nein, ich bin kein Revanchist, ich verarbeite nur gerade die Abdankung unseres Kaisers, *hüstel*…

    Ich beneide Dich, weil Du ein, Klischeealarm, richtiges Handwerk gelernt hast (ernst gemeint); beim nächsten Mal lerne ich auch eines und werde beispielsweise Quantenmechaniker (sollte eine kleine Humoorbadpackung sein; Herr Koske muss immer gleich wieder alles rückgängig machen, sagt Tante Anna Lyse).

    „Kollege“ geht mir runter wie Öl, was insofern bedenklich erscheinen könnte, als das gerade allüberall immer wieder ausverkauft ist, was mich, und da schließt sich der Kreis, ha, nun überhaupt nicht anficht, denn vor den leeren Regalen fühle ich mich irgendwie wie zu Hause, nochmals *hüstel*; ich sehe mich immer noch als fortgeschrittener Dilettant („Sagen Sie jetzt nichts!“), und bin mit meinen Büchlein überhaupt nicht zufrieden.

    Immerhin – ein Künstler hat ein bisschen, im lokalen Rahmen, die Politik beeinflusst (ich übe mich, das Konstruktive zu sehen), und dass Neuss ’ne Großstadt ist, wusste ich auch nicht; wir sehen neuerlich: Internet bildet, abschließend *hüstel*.

    In diesem Sinne verbleibt in seiner Manier knappster (oder so ähnlich) Information sowie mit besten Wünschen für einen virenfreien Sonntag

    Der oben bereits genannte und hier endesunterzeichnende (wie Herr Bendix Grünlich gesagt hätte)

    Herr Koske

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