Burtscheider Kursplitter 14 – Simonskall

In der Stunde des Wolfes – Zwischen drei und vier Uhr liege ich wach mit unerfreulichen Gedanken im Kopf. Einschlafen werde ich nicht mehr. Da setze ich mich an den Rechner und schreibe über ein schönes Erlebnis vom Vortag. Der Text wird lang und länger. Besser kürzen, denke ich und kürze ordentlich. Es bleibt nur ein Wort: „Simonskall.“

Auf der Treppe lasse ich eine Therapeutin vorbei: „Gehen Sie ruhig vor, Sie sind schneller als ich!“
„Noch!“, sagt sie, „Aber je mehr Kerzen auf der Torte sind …“
„Gut, wenn noch alle Kerzen auf die Torte passen.“ Wenn der Blick auf Gesichter durch Masken verwehrt ist, bleibt nur die Körpersprache. Sie kann täuschen. Manche bewegen sich jung, aber sieht man das Gesicht, zeigen sich Alterungsspuren. Eine der Servierkräfte im Speisesaal hat die stramme Figur eines sportlichen Mädchens, doch redet mit der Stimme einer Frau. „Sprich, damit ich dich sehe“, sagt schon Sokrates. Der vietnamesische Therapeut kommt mir auf der Treppe entgegen. Ich sage: „Toll, wie leichtfüßig Sie treppab laufen.“
„Treppauf auch“, sagt er.
„Das wäre jetzt nicht nötig gewesen.“
Es macht wohl die Übung. Therapiekräfte dürfen offenbar nicht den Aufzug nehmen, sondern laufen die vielen Treppen zu Fuß.