Burtscheider Kursplitter 15 – Geblitzdingst

Die Nordic-Walking-Stöcke sind neben dem Einlass zum Thermaldbad hinter einer Tür gelagert, wo ehedem der Zugang zur nicht mehr existenten öffentlichen Sauna war. Ich nutze die Gelegenheit, ein Stück die metallene Wendeltreppe hochzusteigen, komme aber nicht weit, weil ich fürchte, versehentlich eingeschlossen zu werden. Das wärs noch, plötzlich in der Vergangenheit fest zu sitzen. Noch immer stellt sich keine Erinnerung an diesen speziellen Zugang ein. Leider versäumte ich die Gelegenheit, die Frau zu fragen, mit der ich um das Jahr 2000 mehrmals dort gewesen bin. Ich staune, dass eine Erinnerung komplett gelöscht sein kann, zumal ich mich sonst an vieles aus dieser Zeit erinnere. Nordic-Walking im Ferberpark, immer rund um die zentrale Wiese. Die fitte Polizistin verabschiedet sich und stiebt davon. Im Comic hätte sie jetzt Bewegungslinien hinter sich, die durch eine kleine Staubwolke führen. Ich hasse Nordic-Walking auch nach dem dritten oder vierten Mal und bin mit den Stöcken unwesentlich schneller als ohne. Eine Frau schließt zu mir auf und fragt, ob die Polizistin zu unserer Gruppe gehöre.
„Ja, wir sind nicht alle solche Krücken“, sage ich.
„Aha, Sie sind hier in der Rehaklinik.“ Im Nu entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch.
„Ich gehe eine Runde mit Ihnen“, sagt sie, und ich erfahre, dass sie Lehrerin an einer Realschule war. Einen ihrer Kollegen kenne ich über unseren gemeinsamen Freund Thomas Haendly, der in meinen Texten Jeremias Coster heißt. Nach einer Runde verabschiedet sie sich – und winkt mir noch hinterher. So leicht schließt man im Rheinland Kontakt. Ein Freund aus Studienzeiten bringt mir ein feines Geschenk mit, fünf Ausgaben der monatlich erschienenen Studentenzeitschrift Aachener Prisma aus den 1970-er Jahren, für die wir beide Cartoons gezeichnet haben. Leider ist meine eigene Sammlung irgendwann verlorengegangen. Später werde ich mal etwas daraus zeigen. Wir frischen unsere Erinnerungen auf und füllen gegenseitig Erinnerungslücken. Leider bin ich schon früh erschöpft, weil ich in der Nacht kaum geschlafen habe und ein hartes Tagesprogramm hatte. Einige Rehabilitanten etwa Mitte fünfzig haben sich zur Gang formiert und dominieren lautstark im Speisesaal. Mir fällt auf, wie unbedarft sich diese Leute Unmengen von Wurst reinschaufeln. Ich wollte nicht tauschen mit solchen Existenzen, auch um den Preis der Jahre nicht.

Hooverphonic
Eden