Burtscheider Kursplitter 17 – Abschied von Burtscheid

Ich fahre mit der ASEAG zum Bahnhof, um etwas im Reisezentrum zu klären, treffe auf einen unwilligen Bahnmitarbeiter und muss unverrichter Dinge wieder abziehen. Da ärgere ich mich, dass ich mich habe abspeisen lassen und nicht nach seinem Vorgesetzen verlangt habe. Der Kerl behauptet, er könne mir aus Datenschutzgründen keine vorläufige Bahncard ausdrucken, obwohl ich nachweisen kann, dass die neue bereits bezahlt ist. Sie ist mir nur nicht rechtzeitig vor der Abfahrt zugestellt worden und liegt jetzt gut in meinem Briefkasten. Datenschutz vor wem, mir selbst? Also muss ich mich morgen bei der Heimfahrt eventuell mit dem Schaffner herumärgern. Ein Bettler eilt durch die Fußgängerzone und leiert pausenlos mit weinerlicher Stimme: „Hilfe für 20 Cent!“ Manchmal geht er so schnell, dass man ihm gar nichts geben könnte. Mein achtjähriger Enkel J. sagt: „Ich habe dem schon mal fünf Euro gegeben.“ Meine Tochter erklärt, eigentlich habe J. das Geld bekommen, weil er für sich und einen Freund ein bestimmtes Gimmick habe kaufen wollen. Da hatte ihn wohl das Mitleid übermannt. Plötzlich kommt der Bettler näher, wirft seine Jacke an die Mauer der Eisdiele, sinkt zu Boden und jammert herzerweichend: „Hilfe für eine Eiskugel! Hilfe für eine Eiskugel! Hilfe für eine Eiskugel!“
Die Serviererin geht zur Außentheke und lässt sich eine Eiskugel im Becher geben. Doch er ist schon aufgesprungen, schreit aggressiv: „Hilfe!“ und will davon. Sie ruft ihn zurück und gibt ihm den Becher. Er greift ihn achtlos und geht. „Man sagt danke!“, mahnt sie, „Danke für nichts!“, ruft er und eilt davon. Mein Enkel hat ihn genau beobachtet und sorgt sich, dass die Eiskugel aus dem Becher fallen könnte, weil der Bettler ihn nachlässig schräg gehalten hat. Die Serviererin kommt hinzu und sagt, der Bettler gehe ihr auf die Nerven. Sie wohne in der Nähe und höre ihn nachts um drei Uhr mit seiner Leier „Hilfe für 20 Cent!“ Wir erkennen, dass dem Mann nicht wirklich mit Almosen zu helfen ist, auch nicht mit Eis und fünf Euro. Meine liebste Therapeutin streckt mir zur Begrüßung und zum Abschied die kleine Faust entgegen. Leider wurde sie mir in den drei Wochen von der Therapieplanung nur einmal zugeteilt. Und einmal hatten wir bei der Medizinischen Trainingstherapie (MTT) Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Da berichtete sie stolz, am Wochenende erstmals 100 Kilometer mit dem Rennrad gefahren zu sein, da „Richtung Julich“ (Wir Einheimischen sagen Jülich) und weiter über Bergheim und so. Da war sie schon fast in meiner alten Heimat gewesen. Als Radsportler bin ich immer nur in die Gegend und weiter bis zum Rhein gefahren, wenn stabiler Ostwind herrschte, so dass ich bei der Rückfahrt nach Aachen geschoben wurde. Zounds! Mein Skalp schmerzt, als hätte sich jede Haarwurzel gegen mich verschworen, das undankbare Pack. Zuerst habe ich das salzige Thermalwasser in Verdacht, weil ich einmal aus Zeitmangel nicht geduscht habe nach der Wassergymnastik. Meine Tochter meint aber, es wäre wohl eher ein Sonnenbrand auf dem Schädeldach. Kann schon sein, denn ich habe eine Weile auf der Sonnenterrasse in der Sonne gesessen, und musste mir den Jammer einer goldbehangenen Achtzigjährigen anhören. Ohne mich überhaupt richtig wahrzunehmen, fragt sie, ob sie sich setzen dürfe, hebt das gramvolle Antlitz immer wieder vorwurfsvoll gen Himmel. Ihr Mann sei vor einem Jahr gestorben und sie sei damit noch nicht klar gekommen. Dann sei sie nach einer Hüftoperation gestürzt und habe sich die Schulter gebrochen. Das werde nie mehr so verheilen, dass sie sich selber waschen könne. Alles ist schlecht, die Schwestern und die Therapeuten verstehen ihr Handwerk nicht. Erst als sie ihr Handy aus der Gucci-Handtasche nimmt, sehe ich die Gelegenheit zu entfliehen. Folge Sonnenbrand. Mir scheint, dass Begnungen mit Reichen mir nicht bekommen. Gesund oder krank sind Egomane ein Übel.

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