Burtscheider Kursplitter 16 – Schmättingseffekt

„Guten Tag, ich wollte mich nur vorstellen“, sagt eine Eintretende in Weiß und kommt nah an mich heran. „Ich bin Schwester Yvonne:“ Schwester Yvonne ist eine hübsche Frau, und wie sie sich vor mir aufbaut, erkenne ich ein gewaltiges Ego. Das war vor Tagen.
Gestern kommt sie herein, und ich sage: „Aha, da kommt Schwester Yvonne.“
„Das haben Sie sich gemerkt“, freut sie sich.
„Ich merke mir immer die Namen, wenn sich mir jemand vorstellt.“ Falsche Ansage, findet sie, und ist sichtlich enttäuscht. Sie betritt erneut meine Distanzzone und blättert umständlich in den Papieren, um mir die Therapiepläne für Samstag und Montag auszuhändigen. Früh um acht Uhr. Auf der Treppe zur Turnhalle staut es sich. Offenbar ist die Halle noch nicht auf für das Acht-Uhr-Training. Zwei vor mir in der Reihe steht das Abercrombie & Fitch-Männlein. Beim Eintreffen sage ich: „Guten Morgen! Geht es nicht weiter?“ Er antwortet lachend in seinem Dialekt der Hölle. Der Melodie gemäß, ist es ans Deutsche angelehnt, aber ich verstehe kein Wort. Später im Kraftraum geschieht Ähnliches. Er spricht, und die Leute schauen irritiert. Ganz übel wird es, wenn er sich erregt, wie letztens vor dem Covid-Testraum. Bestellt sind wir für 16 Uhr. Die Testerin öffnet aber erst 16:10 Uhr. Er hat wohl gesehen, dass sie die zehn Minuten telefonierend vertan hat. Jetzt bevorzugt sie auch noch Leute, die von außen zum Test gekommen sind, denn die Teststelle ist öffentlich. Da geht er schimpfend auf und ab und stößt einen erregten Wortschwall hervor. Eine ebenfalls wartende Frau sagt: „Ich habe leider nur die Hälfte verstanden von dem, was Sie gesagt haben.“ „Die Hälfte?“ Ich habe nur „telefoniert“ verstanden und mir den Rest zusammengereimt. In der SF-Kurzgeschichte „Ferner Donner“ von Ray Bradbury begibt sich ein Mann auf eine touristische Zeitreise ins Mesozoikum und zertritt dort unachtsam einen Schmetterling. Dann kehrt er zurück seine Gegenwart und ist in Sorge, den Verlauf der Geschichte verändert zu haben. Zunächst scheint alles wie gehabt. Doch die Sprache der Menschen hat sich verändert und ist für ihn kaum noch zu verstehen. Ich fürchte, des Männleins Vor-, Vor-, Vorfahren haben in grauer Vorzeit ganze Schmetterlingspopulationen zertrampelt.Mein Jugendfreund erzählt mir von einem Kameramann aus unserem Dorf, der mit jenem berühmten Fernsehmann in der Weltgeschichte herumgereist sei, dessen Name ihm partout nicht einfallen will. Nach: „Der mit der langen Nase“, weiß ich, um wen es geht. Normaler Weise dauert es eine Minute, bis mein Hirn gesuchte Namen zu Tage fördert. Jetzt muss ich einen ganzen Eisbecher löffeln und weiß ihn immer noch nicht. Derweil Fritz vergeblich auf seinem Smartphone nach einem Foto von uns Jugendlichen vor dem Rastatter Schloss sucht, google ich vergeblich nach dem Fernsehstar. [Seite vorübergehend nicht erreichbar] „Mit W“, sagt Fritz. Plötzlich rufe ich: „Ulrich Wickert!“ und bin ziemlich enttäuscht, dass mein langes Grübeln nichts Besseres hervorgebracht hat.Im Obstkorb zum Nachtisch Äpfel und Bananen. Eine Frau steht suchend davor, nimmt einen Apfel und legt ihn wieder zurück, eine Banane und legt sie wieder zurück, einen Apfel und legt ihn wieder zurück. „Die sind alle ziemlich gleich“, sage ich, nehme mir Obst und gehe. Da hinter mir eine empörte Frauenstimme: „Sie können doch nicht jedes Obst anfassen!“ Die Wählerische: „Hab‘ ich ja gar nicht.“
„Haben Sie doch! Ich hab‘ genau gesehen, dass Sie alles angefasst haben!“ Weitere Ausflüchte der Wählerischen, jetzt kleinlaut vorgebracht. Ein interessantes Verhalten. Vermutlich hat die ihr schädliches Tun gar nicht bemerkt, ist quasi eine manische Rosinenpickerin ohne Selbstreflexion.