Burtscheider Kursplitter 12 – Öliges

Die jüngste Therapeutin kommt vom Dorf und ist ein wahres Feierbiest, wie sie freimütig erzählt. Bei der Wassergymnastik macht sie vom Beckenrand aus diverse Tanzschritte vor und bewegt sich trotz ihrer kräftig ausladenden Hüftregion durchaus elegant. Was sie im Thermalbad als Musik präsentiert, spiegelt wohl, wonach die Dorfjugend abtanzt: Schlager von Helene Fischer, Wolfgang Petry und dergleichen. Ein mir unbekannter Interpret singt einen Vers für Deppen, der offenbar niemandem aufstößt außer mir. „Aber Herr Trittenheim, wenn Sie darüber schreiben, könnten Sie ruhig mal recherchieren, wer das singt.“ No Sir! Das kann niemand von mir verlangen, denn ich fürchte, wenn ich dem Hirnriss nachgehe, tun sich die finstersten Abgründe des Internets auf wie damals, als ich den dummen Anmachspruch recherchierte: „Hat es weh getan, als du vom Himmel gefallen bist?“ In diesen Dunstkreis gehört auch der Vers: „Ich lieb dich wie die Pest“, den einige im Wasser lustig mitplärren. Bedeutungsverschiebungen sind eine Erscheinung lebendiger Sprachen. Sie ergeben sich aus dem alltäglichen Sprachgebrauch, beispielsweise, indem ein Wort sich abnutzt und seine alte Bedeutung verliert wie etwa bei den Adjektiven „toll“ und „irre“. Aber man muss nicht alles gut finden, was ein zugekokster Schlagertexter sich aus dem löchrigen Hirn gequetscht hat, nämlich eine gewaltsam herbeigeführte Bedeutungsverschiebung der Metapher, etwas „hassen wie die Pest.“ Weil eben die Pest eine fürchterliche Seuche war, der in Europa Millionen zum Opfer gefallen sind. Im Schlagertext kommt „Pest“ als positive Bekräftigung daher. Hier von der realen Pest zu abstrahieren, verlangt ein gerüttelt Maß an geistiger Bräsigkeit. In der Klinik, in der mein Bein operiert worden war, versorgte mich eine junge Lernschwester namens Paula, die ich bald ins Herz geschlossen hatte. Am letzten Tag meines Aufenthalts bat ich sie, mal kurz die Maske zu lüpfen. Als sie das tat, war’s ein überaschend intimer Akt. Ein nacktes Gesicht zu sehen, ist nicht mehr alltäglich und driftet in den Intimbereich. Dabei hat schon Georg Christoph Lichtenberg erkannt: „Die unterhaltendste Fläche auf der Erde ist die vom menschlichen Gesicht.“ „Ich brauche Sie nicht abzuwischen“, sagt die Therapeutin nach der Massage, „der Rücken war durstig.“ Mit anderen Worten, der hamstert Öl, womit er voll im Trend liegt, wobei natürlich ein Unterschied besteht zwischen Körperöl und Kochöl. Als die Frankfurter Rundschau (FR) noch eine große linksliberale Tageszeitung war, nahm ich teil an einem zeitungskundlichen Seminar im FR-Verlagsgebäude in Neu-Isenburg. An einem Samstagmorgen wurden wir per Bus zu einem Neu-Isenburger Einkaufszentrum gefahren, um dort jede/jeder für sich das Thema für eine Reportage zu finden. Neben mir im Bus saß eine flotte Kollegin aus Essen. Sie erzählte mir von einer Anmachstrategie in Supermärkten. Mann sieht eine ihn interessierende Frau und fragt: „Wissen Sie, wo hier das Öl ist?“
Sie: „Kochöl oder Körperöl?“
Er: „Körperöl.“
Natürlich funktioniere das auch mit Rollentausch, sagte die Kollegin. Wichtig sei das Signal, die Aufmerksamkeit vom Kochen auf den Körper zu lenken. Ich hatte derlei noch nie gehört, kam auch nicht auf die Idee, eine derartige Recherche im Neu-Isenburger Einkaufszentrum zu beginnen, sondern schrieb lieber über einen alten Duden aus dem Schaufenster einer Buchhandlung. Die Seelenruhe ist ein hohes Gut.