Burtscheider Kursplitter 10 – Drei-Räuber-Eck

Mit dem Bus ins Aachener Zentrum und ich spüre, dass Aachen immer noch meine Heimatstadt ist. Erinnerungen warten an jeder Ecke und auch bedauerliche Veränderungen. Costers geliebtes Lokal „La statione“ gibt es nicht mehr. Unterwegs ein Beispiel für die Macht der katholischen Kirche. Eine Frauenstimme sagt die Bushaltestelle „Misereor“ an. Die Haltestelle liegt genau vor dem WDR-Gelände, wohingegen das bischöfliche Missionswerk Misereor gar nicht an der Strecke liegt, sondern gut 200 Meter zurück. Auf der gegenüber liegenden Seite hält der Bus vor dem trutzigen Gründerzeitgebäude des ehemaligen Polizeipräsidiums. Zusammen mit dem Finanzamt und dem Bischofspalais bildete die Gegend das vom Volksmund treffend genannte „Drei-Räuber-Eck.“ „Drei-Räuber-Eck“ könnten die Haltestellen auch heißen, wenn der Bischof es gestatten würde. Außerdem gilt der Volksmund zu wenig, als dass er halbamtlich werden dürfte.Ich will ein Geschenk kaufen und bin bereits kurz vor zehn Uhr in der Einkaufsmeile. Trotz der frühen Stunde liegt eine junge Frau auf den Knien und formt liebevoll die Sandplastik eines liegenden Hundes. Irgendwer muss ihr doch den Sandhaufen auf die untergelegte Matte gekippt haben. Die Sache scheint mir organisiert zu sein. Ich werfe trotzdem eine Münze in ihren Becher, obwohl ich fürchte, dass das Geld in die Taschen eines Drahtziehers aus Osteuropa fließt.Weil ich im Kaufhof nicht fündig werde, schickt man mich zum Aquis-Plaza, einem neu erstellten Einkaufszentrum, mit dem die umliegenden Geschäfte plattgemacht wurden. Das umstrittene Projekt wurde geplant und betrieben von der Hamburger ECE- Gruppe, einer Holding-Gesellschaft im Besitz der Familie Otto. Das Aquis-Plaza ist quasi ein Bauwerk gewordener Otto-Katalog. Ich kaufe dort ein, verlasse den Koloss durch den südlichen Ausgang und erinnere mich, dass hier vor dem großen Kinosterben der Gloria Palast sein Portal hatte. Um 9:30 Uhr hätte ich Laufband-Training gehabt, bin aber in Aachens Innenstadt dreimal so lange herumgelaufen und war auch noch schwer bepackt. Man kann wieder Fahrscheine beim Busfahrer erstehen. Vor zwei Jahren war das wegen der Pandemie nicht möglich. Funktionierende Fahrscheinautomaten hat Aachen nicht. Das System sei so alt, dass es nicht repariert werden kann. Als die Schwäbin und ich damals von Kornelimünster zurück in die Stadt fahren wollten, eröffnete uns die Busfahrerin zwei Möglichkeiten: wieder auszusteigen oder schwarzzufahren. Da sagte ich laut: „Dann fahren wir Schwarz!“ Als ich noch Lehrer in Kornelimünster war, hätte ich mich nicht getraut. Es hätten Eltern oder Schüler im Bus sitzen können, und man darf als Lehrer kein schlechtes Beispiel geben. Diesmal kaufe ich also einen Fahrschein und werde unterwegs prompt kontrolliert. Im Bild: „Cabot“ (Kaputt), sprach der Fahrscheinautomat großmäulig schon im Jahr 2006 (Foto: JvdL). Größer: Bitte klicken!