Über Brillen und Wahrnehmung

Früher war alles besser. Aber was nicht besser war, das war natürlich schlechter. Zuerst, was besser war: Als junger Mann hatte ich beim Sehtest eine Sehfähigkeit von 110 Prozent. Im Mittelalter meines Lebens fragte ich während des Unterrichts, wer wisse, aus welcher Zeit ein Gemälde sei, das im Lesebuch abgedruckt war. Ein Schüler nannte die Jahreszahl. Erstaunt fragte ich: „Woher weißt du das?“
„Es steht doch drunter!“, sagte er. Da fielen mir die 110 Prozent wie Schuppen von den Augen und mir wurde klar, dass ich eine Lesebrille brauchte. Es ist zwar hübsch, kleingedruckte Unterzeilen für graue Linien zu halten, aber grenzt an funktionalen Analphabetismus.

Etwas in mir wehrte sich gegen die plötzliche Überlast an Information. Gleich am ersten Tag des Brillenbesitzes habe ich mich auf die Brille gesetzt. Sie war platt. Weil ich meinem Hintern kein Mitspracherecht in Fragen der Weltwahrnehmung einräumen wollte, holte ich mir eine Ersatzbrille.

Gut zwanzig Jahre später besorgte ich mir auch eine Brille für die Fernsicht. Zum zweiten Mal wurde mir klar, dass unscharfes Sehen auch etwas Segensreiches hat. Der visuelle Kleinscheiß wird quasi automatisch weggefiltert. Mit Brille fühlte ich mich überfordert. Wenn auf dem Weg zum Bäcker schon tausend marginale Kleinigkeiten um Aufmerksamkeit buhlen, wird das Brötchenholen zur intellektuellen Herausforderung. Dabei ist doch klar, dass Wahrnehmung selektiv sein muss, um Handeln zu ermöglichen. Es muss ja nicht gleich der Tunnelblick sein. Dagegen hilft auch die schärfste Brille nicht, wenn der Blick von alltäglichen Erwartungen gesteuert ist.

Bei einem Bummel durch Hannovers City sah ich, dass das Karstadt-Gebäude leer steht. Erst das Bedauern über das Verschwinden dieses Kaufhauses ließ mich an der stirnseitigen nackten grauen Fassade hoch oben eine Zeigeruhr entdecken, die mir zuvor niemals aufgefallen war. Im Kleinen verhindern Erwartungen, eigene Tippfehler zu entdecken, und das trotz Lesebrille. Man selbst weiß ja, welches Wort da stehen soll, und da man als geübter Leser nicht buchstabiert, sondern Wortbilder erkennt, fallen geringfügige Abweichungen nicht auf.

Mancher wird fragen, „Ja, wann gibt es die Brötchen?“ „Was ist denn besser geworden, was früher schlechter war?“ Kürzlich war ich beim Optiker, um mir eine Ersatzbrille für Fernsicht zu besorgen. Nach der Vermessung der Sehfähigkeit teilte mir die Optikerin mit, auf dem rechten Auge habe sich die Sehfähigkeit um eine Dioptrie verbessert, also auf meinem, nicht auf ihrem.