Pauline hat Cola getrunken – terug van weggeweest

Etwa im Jahr 1972 habe ich letztmalig in meinem Leben als Schriftsetzer einen Lehrling ausgebildet. Er kam aus dem Eifelort Imgenbroich bei Monschau und hieß wohl Michael Knein. Dieser Junge erzählte mir erstmals von der damals noch unbekannten Rockband Supertramp. Die wäre der ganz heiße Scheiß. Ich war gar nicht amüsiert, dass mir einer aus einem Eifeldorf vom heißesten Scheiß berichten musste, von dem ich bislang nichts, aber auch gar nichts gewusst hatte. Freilich hatte ich damals keine Zeit, denn ich hatte Beruf, Familie, und abends bereitete ich mich auf ein Studium vor.

Inzwischen ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen. Nach Supertramp kam neuer heißer Scheiß und obendrauf wieder neuer, und was aktuell angesagt ist in der Popmusik überblicke ich kaum, vor allem, weil sich auch dort die Entwicklung ausgefasert hat. Früher saß ein Interessierter am Strom und erlebte, wie Welle auf Welle vorbeikam. Inzwischen strömt es nicht mehr, entweder weil der kulturelle Fluss zu träge geworden ist, aber hauptsächlich, weil sich alles so verflacht hat, dass, wo vorher Strom war, ein Delta mit ungezählten Verästlungen ist. Da ist es möglich, dass Entwicklungen an einem ungehört vorbei gehen, und es müsste Tausende Michael Kneins geben, die den Fingerzeig geben.

Aus Gründen, die wohl verborgen in den Tiefen meines Gehirns ausgekungelt wurden, habe ich am Ort meiner Kurzreise Supertramp gehört. Es ist eine noch heute frische Musik und lässt mir noch immer einen angenehmen Schauer über den Rücken rieseln.

Mir ist auferlegt worden, nicht über die Stadt meines Aufenthalts zu schreiben, um nicht noch mehr sinnlosen Tourismus zu befördern. Ich werde mich dran halten, denn törichte Reiseberichte, mit denen die Plage Städtetourismus vergrößert wird, gibt’s genug. Immerhin regt mich schon seit langem jede Form von Reisejournalismus auf. Die gutgelaunten Moderatorinnen/Moderatoren ihrer oberflächlichen Reiseberichte im öffentlich-rechtlichen TV, als da heißen „Wunderschön“ oder „Fahr mal hin!“ würde ich gerne mal saftig links und rechts abwatschen, damit sie aufwachen. Freilich, was sollen sie machen? Sie können ja nichts anderes als dumm durch die Weltgeschichte zu streifen und sich überall den heißen Scheiß zeigen zu lassen. Auch auf dem kreuzblöden Traumschiff des ZDF hat man leider den Schuss noch immer nicht gehört. Ich fänds gut, das würde mal mitsamt Operettenkapitän Florian S. absaufen. Alle würden aus dem Wasser gefischt, aber kein Hafen der Welt wollte die Geretteten, die gedankenlosen Mitverursacher des Klimawandels, aufnehmen. Zur Abwechslung könnte man die Kapitäne von extrem umweltschädlichen Kreuzfahrschiffen mal verhaften und für zehn Jahre aus dem Verkehr ziehen („Kriminelle“ Matteo Salvini). Und Philipp Amthor riefe zur Spendenaktion für die Herrschaften auf. Das wäre ein Spaß, der mir die Hitzewellen erträglich machen würde.

„Mit der Ruhe.“ In der Bahn sind mir Menschen aufgefallen, die, kaum gibt sich die Gelegenheit, die banalste Dinge aus ihrem Leben erzählen. So der Mann, der sich in Ermangelung eigener Kinder an seiner Nichte Pauline erfreut. Einmal hatte er die Aufsicht über Pauline und sie verlangte nach Cola. Da hat er ihr ganz arglos Coca Cola gekauft. Die Mutter später war entsetzt: „Pauline kriegt bei uns nie Cola!“ Ich hoffe, das korrekt zusammengefasst zu haben, denn mir war zu warm, diese Geschichte mitzuschreiben. Zudem wäre ich bei der Aufzeichnung der komplexen Verästlungen dieser mauskleinen Kleinstgeschichte vermutlich kaum mitgekommen. Ich kann leider kein Steno.

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Kurzer Hosenbericht

Meine Aachener Radsport-Trainingsstrecke führte durch das belgische Grenzdorf Raeren. Nach einer Abfahrt an einem Bächlein entlang ging es scharf nach rechts und unvermittelt einen kurzen steilen Anstieg hoch, in dessen Kurve eine Bruchsteinmauer aufragte, in Radsportkreisen „Klagemauer“ genannt. Einmal fuhr ich an der Klagemauer hoch und zwei Jungen oberhalb der Mauer riefen mir zu: Schneller, schneller!“ und der eine ergänzte: „Du schaffst es, Junge!“ Ich schrieb in mein Tagebuch, „Junge!“ genannt zu werden, sei die Konsequenz, wenn ein Mann mit 44 in kurzen Hosen herumfährt.

Inzwischen habe ich den Radsport längst aufgegeben und lange Zeit nicht mal kurze Hosen besessen, musste mich aber zu Beginn der Hitzewelle 2018 ergeben und mir zwei kurze Hosen zulegen, die ich dann auch getragen habe, weil ich keinem Hitzschlag erliegen wollte. Bei solch extremen Wetterlagen müssen die Gesetze der Ästhetik und die Konventionen hinter der Daseinsvorsorge zurückstehen. Inzwischen bedauere ich fast, dass die Entschuldigung Hitzewelle nicht mehr gegeben ist. Ich hatte mich an die kurze Hose gewöhnt, aber die deutliche Abkühlung ist auch schön. Überdies schützen lange Hosen vor einem Malheur, von dem Samuel Pepys am 6. April 1661 berichtet:

„Mr. Townsend erzählte mir ein Missgeschick, dass er nämlich kürzlich mit beiden Beinen durch ein Hosenbein gestiegen und so den ganzen Tag herumgelaufen ist.“

Viereckige Säufersonne

Die kurze Marienwerderstraße verläuft von Nordwest nach Südost und wird, nachdem sie die Davenstedter Straße gekreuzt hat, zur Billungstraße, die wiederum schon zum Lindener Berg ansteigt. Durch diese Blickschneise kann ich, wenn ich mich aus einem Fenster zur Straße lehne, den offenen Südhimmel sehen, und oft zeigt sich just dort der Mond. Gestern Abend hing ich hitzebedingt in den Seilen und hätte die Mondfinsternis, die sich als Blutmond zeigen sollte, beinah vergessen. Doch als ich aus dem Fenster schaute, schimmerte die Blutorange durch zwei Baumkronen.

Da beschloss ich, um den Block zu gehen, um den Blutmond besser sehen zu können. Ein wenig wunderte ich mich über seine Form. Aber von der Straße unten waren noch immer einige Baumkronen im Weg, so dass ich mich tröstete, dass ich dieses Jahrhundertereignis besser würde sehen können, wenn der Mond höher gestiegen wäre. Ich müsste mich nur ein wenig gedulden, was mir leicht fallen sollte, denn wenn ich den Blutmond verpassen sollte, würde ich satte 105 Jahre warten müssen. 105 Jahre bei dieser Hitze!, dachte ich noch, ja, dankeschön! Inzwischen triefte ich nämlich „wie ein Kieslaster“ (Matthias Egersdörfer), denn ich hatte mir dummerweise beim türkischen Lebensmittelhändler ein, zwei Kölsch geholt und mir nach wenigen Schlucken den Schweiß nach draußen getrieben.

Von der Hitze niedergedrückt hob ich den Kopf kaum noch hoch zur Säufersonne und merkte deshalb erst spät, dass ich die ganze Zeit ein orangefarben leuchtendes Firmenschild oben an einem Baukran für den Blutmond gehalten hatte. Was? Bei allem, besonders bei nächtlichen Himmelserscheinungen sehen wir sowieso nur, was wir glauben zu sehen. Am Ende ist da nur eine nachtblaue Decke über uns gespannt, die wir fürs Himmelsgewölbe halten. Mond und Sterne sind nichts als Löcher, durch die eine Glühbirne scheint, die an einem galaktischen Baukran hängt.

Will sagen, ich habe das Jahrhundertereignis zwar gesehen, aber nicht richtig. Das nächste Mal besser, denn soo lange sind 105 Jahre nun auch wieder nicht. Im April 1993 klebte ich mir diese Zeitungswerbung für den Zweitausend-Countdown-Abreißkalender ins Tagebuch und meckerte noch, dass die Kerls mal wieder nicht abwarten können, weils ja gut sieben Jahre hin waren zum Jahrtausendwechsel, und jetzt sind wir bereits 18 Jahre drüber weg; insgesamt sind schon 25 Jahre vergangen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass ich in 105 Jahren noch Lust habe, von der Marienwerderstraße die Billungstraße lang zum Himmel hoch zu sehen, und wenn sie hundertmal einen galaktischen Baukran mit Säufersonne aufstellen.