Der Wolf scheut den Faden

Die Verkäuferin im Bäckereicafé gefiel ihm. Nur ihretwegen kam Erlenberg her. Eine Weile hatte er draußen gesessen und das Mineralwasser getrunken, in das sie ihm noch Eis getan hatte. Er saß im Schatten einer Markise und beobachtete das Treiben an der Straße. Zwischendurch erwog er, sich von ihrer zarten Frauenhand ein Stück Kuchen kredenzen zu lassen, verwarf die Idee aber. Die Hitze war zu drückend. Er stand auf, brachte die leere Flasche und sein Glas hinein und ging zu seinem Fahrrad. Unterwegs traf er die Freundin, die er zwei Jahre nicht gesehen hatte, aber in den letzten Wochen schon viermal.

Sie sah ihn mit großen braunen Augen an. „Ich stimme dir ja in vielem zu“, sagte sie, „aber in einem muss ich dir widersprechen?“
„Worin?“
„Dass das Wichtigste sich beim Menschen im Kopf findet.“
„Wo dann?“
„Hier!“ sagte sie und deutete auf den rechten Fleck, wo man gemeinhin das Herz vermutet.
„Ich erinnere mich gar nicht, etwas anderes behauptet zu haben, sondern halte es mit Pestalozzi, dass Herz, Hand und Verstand sich im ausgewogenen Einklang befinden müssen.“ Und dann hob er zu einer Erzählung an, zu lang für ein Gespräch im Stehen. Er habe in einem früheren Leben Lebenshilfetexte geschrieben, eigentlich für sich selbst, worin genau das angesprochen sei. Sie habe ein wenig Zeit für einen Kaffee, sagte sie. Also steuerte Erlenberg das Café von vorhin an. Sie fanden ein freies Tischlein unter der Markise. Schon stand er wieder vor der Verkäuferin und orderte ein Stück Käsekuchen. Fasziniert schaute er zu, wie sie die Torte aus der Vitrine nahm, ein sorgfältig bemessenes Stück abschnitt und auf einen Teller gab.
„Und den Kaffee muss ich drüben bei deinem Kollegen bestellen?“
„Nein, den bestellst und bezahlst du bei mir“, sagte sie bestimmt.

Der Kollege an der Kaffeestation bekommt Bestellzettel aus der Registrierkasse und arbeitet die Kaffeebestellungen ab. Wie Erlenberg auf den Kaffee wartet, tritt sie hinzu, deutet auf die Zettel und fragt: „Welche Bestellungen hast du schon abgearbeitet, Lorenzo?“ Es ist ein leiser Vorwurf in der Stimme, weil er im Stress vorheriger Bestellungen versäumt hat, die erledigten Zettel wegzuwerfen. Dieser Anflug von einem Vorwurf erschreckt Erlenberg. Aber er sagt sich, dass er nicht überbewerten dürfe. Wer in dieser Hitze arbeiten muss, schwitzt auch schon mal etwas Ungehaltenes aus. Aber dieses Inwändige hatte er lieber nicht sehen wollen. Was, wenn es sich öfter Bahn bricht und zähe Fäden zieht? Aus schmerzlicher Erfahrung weiß er, dass just diese Fäden, die aus Nichts gemacht sind, einen gefangenhalten können wie der Faden Gleipnir, mit dem die Götter den Fenriswolf gebunden haben.