Fragment (5) – Wie der Hase läuft

„Wissen, wie der Hase läuft, sagt dir das was, Trithemius?“, fragte Coster, nachdem er sich erneut in meinen Schlummer gedrängt hatte. Zuerst hatte ich ihn gesehen, wie er mit seiner Sammlung kugelförmiger Objekte spielte, sie gegeneinander abwog. Auch den ominösen leeren Kugelfisch hielt er in der Hand und schien in eine Zwiesprache versunken. Dann saß er wieder in meinem Drehstuhl und entlockte ihm Geräusche.

„Zunächst einmal wünsche ich, dass Sie mit meinem Drehstuhl pfleglicher umgehen, Coster. Sie haben durch Ihre Schaukelei schon eine Inbusschraube heraus gerödelt, mit dem Ergebnis, dass mein Stuhl jetzt immerzu, auch bei Tag, knarrende Geräusche von sich gibt. Das nervt.“

„Ja, ja! Kann man wieder einschrauben“, sagte er wegwerfend. „Beantworte meine Frage!“

„So läuft der Hase hier jedenfalls nicht. Die Schraube ist weg, vermutlich liegt sie in der alternativen Realität herum, in der Leute wie Sie sich aufhalten. Ich verlange die Macht über meinen Schlummer zurück und dulde es nicht, dass Sie sich darin breitmachen, wie Sie grad lustig sind. Hätten Sie sich nicht erschossen, könnten wir ganz normal irgendwo beim Kaffee oder abends beim Bier sitzen. Stattdessen immer diese Quatschveranstaltungen in meinem Kopf.“

„Du ahnst also, was ‚wissen wie der Hase läuft‘ bedeutet. Jeder hat das schon mal erlebt beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle etwa, man muss sich zuerst mal orientieren, muss erkennen, wie die Dinge im Sozialgefüge der Kollegen geregelt sind. Man ist ein neues Rädchen in einer Maschine, muss seinen Platz finden und wissen, wie man zu ticken hat, mit wem man sich verzahnt und wer das große Rad dreht, dessen Lauf man nicht behindern darf. Wer sich nicht reibungslos einfügt, wer sich querstellt, wird bald von der Maschine abgestoßen.“

Gegen meinen Willen begann ich mitzudenken. „Ja, der Gedanke hat mich immer schon fasziniert, dass die Struktur des Plans „wie der Hase läuft“ auf diese Weise fortbesteht, letztlich sogar unabhängig von den handelnden Personen. Zwar heißt es ‚Paarung wirkt auf die Partner‘, doch wer neu hinzukommt ist ja zunächst kein ebenbürtiger Partner, hat überhaupt noch keinen sozialen Rang, wenn er nicht gerade eine Führungsposition besetzt. Unter Gleichen oder Ähnlichen muss er sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie vielleicht über unseren Köpfen in dieser alternativen Realität, in der Sie, Coster, herumgeistern und wo auch meine Inbusschraube verloren gegangen ist. Eigentlich ein Fall für die Quantenphysik, wenn sie aufhören würde, sich mit Messproblemen zu beschäftigen.“

„So wichtig ist deine Inbusschraube auch nicht“, sagte Coster.

„Nein, ich meinte diese unsichtbaren Sozialstrukturen. Woraus sind sie gemacht? Das könnte die Quantenphysik mal untersuchen, quasi als Hilfswissenschaft der Pataphysik.“

„Egal jetzt!“, unterbrach mich Coster. „Hast du mal darüber nachgedacht, dass es nach dem Ende des 3. Reiches nicht anders war, dass die Strukturen weiterbestanden? Es waren doch fast alle Nazis gewesen. War der Nationalsozialismus etwa wie ein Virus über sie gekommen und war der Zusammenbruch die Katharsis gewesen, nach der alle gesundeten, geheilt wurden und jetzt gegen den Virus immun waren?“

„Schwerte hat das vermutlich von sich geglaubt.“

„Aber der Vergleich hinkt. Nationalsozialismus war keine Viruserkrankung, die vom Immunsystem geheilt wurde. Er wurde von den Alliierten beendet. Äußerlich wurde alles nach und nach wieder gut gemacht, aber die nationalsozialistische Ideologie blieb in den Köpfen, wie ein Parasit, der sich in irgendein Organ des Körpers zurückzieht, dort schlummert und auf günstige Bedingungen wartet. Er ist aber weiterhin wirksam durch die Struktur, die ihn hervorgebracht hat. Wie der Hase zur Zeit des Nationalsozialismus gelaufen ist, läuft er noch heute. Die Traditionspflege reaktionärer Zirkel wie Studentenverbindungen ist letztlich nur die Einweisung des Nachwuchses in Strukturen der Macht. Der Nachwuchs der Eliten soll schon früh wissen, wie der Hase läuft. Die meisten anderen merken erst spät, dass man ihnen diese Informationen vorenthalten und stattdessen Märchen erzählt hat. Da haben die frühzeitig Eingeweihten sie längst links und rechts überholt, haben sie unterlaufen oder sind über ihre Köpfe hinweg gestiegen, haben sie niedergetrampelt und leitende Positionen eingenommen. Wer erst spät merkt, wie die Dinge laufen, schämt sich seiner Naivität, fühlt sich übervorteilt und ist anfällig für den schlummernden Parasiten.“

„Der Parasit ist erwacht“, hörte ich mich noch murmeln und versank.

Fortsetzung – Cupidos Pfeil

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Entstehung aus dem Fragment (4) – Beichte des Vaters

Brisantes Material: Costers Büchlein, Foto: JvdL

Die Beichte des alten Klippenhagen

„Komm näher, Renate, was ich dir jetzt sage, darf diese vier Wände nicht verlassen!

Zur Zeit des Nationalsozialismus hat ein junger Literaturwissenschaftler aus Königsberg namens Hans Ernst Schneider eine steile Karriere in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe gemacht. Er war Abteilungsleiter im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler und an den medizinischen Fakultäten in den besetzten Niederlanden unter anderem dafür zuständig, Laboreinrichtungen zu beschlagnahmen, die für Menschenversuche an KZ-Häftlingen in Dachau benötigt wurden. Ob er persönlich an diesen grausamen Vivisektionen ohne Narkose beteiligt war, konnte nie geklärt werden. Dass er jedoch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus untertauchte, werte ich als Schuldeingeständnis. Seine Ehefrau ließ ihn für tot erklären, behauptete, ihr Mann sei bei den Kämpfen um Berlin gefallen. Ein Jahr später tauchte Schneider als Hans Schwerte wieder auf, angeblich ein Cousin  Schneiders aus Hildesheim. Seine vermeintliche Witwe heiratete ihn erneut. Schwerte promovierte nochmals in Literaturwissenschaft, wurde wissenschaftlicher Assitent und bekam bald darauf eine Professur an der RWTH. Als begnadeter Opportunist erkannte er früh die Zeichen der Zeit und gab sich als linker Professor. Bei seinen Studierenden war er überaus beliebt und anerkannt. Das sicherte ihm die studentischen Stimmen bei Wahlen innerhalb der Entscheidungsgremien, und er stieg auf bis zum Rektor der RWTH Aachen und wurde sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Noch während Schwerte Karriere machte, war ein Angestellter der TH-Verwaltung zu mir gekommen und hatte um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Er teilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass er in Professor Dr. Hans Schwerte den sadistischen Nazi Hans Ernst Schneider wiedererkannt hatte. Er war nämlich in Berlin im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler Fahrer der Fahrbereitschaft gewesen und hatte Schneider/Schwerte einige Male nach Dachau fahren müssen. Ob er mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit gehen sollte, wollte der Mann wissen. Ich riet ihm dringend ab. Das könnte für ihn als kleinen Angestellten nur die Kündigung, den völligen Ruin und die Vertreibung aus der Stadt bedeuten. Denn Schwerte habe in allen wichtigen Institutionen der Stadt mächtige Freunde.

Jetzt kommt es, Renate, merke gut auf! Zu dieser Zeit hatte ich mich um den vakanten Lehrstuhl für Komparatistik bemüht. Mir war jedoch klar gewesen, dass ich gegen die anderen Bewerber keine Chance hatte. Es mangelte nicht an Qualifikation, mir fehlten die nötigen Beziehungen, denn es war allgemein bekannt, dass im Senat der Hochschule die alten Seilschaften aus der Nazizeit das Sagen hatten, die Alten Herren mächtiger Schlagender Verbindungen teilten den Kuchen gewohnheitsmäßig unter sich auf und protegierten wechselseitig ihre missratenen Zöglinge. Ich war nie Mitglied einer Verbindung gewesen. Meine Eltern, deine Großeltern, Renate, sind auch in der Nazizeit überzeugte Sozialdemokraten geblieben. Sollte ich wegen fehlender brauner Färbung auf irgendeinem wissenschaftlichen Abstellgleis versauern? Also wandte ich mich an Schwerte, teilte ihm kurzerhand mit, was ich über seine Vergangenheit erfahren hatte und verlangte als Tribut für mein Schweigen den Lehrstuhl für Komparatistik.

Obwohl Schwerte Jahre später von Reportern des niederländischen Fernsehens enttarnt worden ist, gilt die Vereinbarung weiterhin. Weil Schwertes Mitwisser im Professorenkollegium nicht genannt werden wollen, weil nicht herauskommen soll, wer ihn über Jahrzehnte gedeckt hatte, kann und will ich den Lehrstuhl an dich weitergeben.“

Renate Klippenhagen war eine Frau von Grundsätzen. Es erfüllte sie mit Genugtuung, dass Schneider/Schwerte letztlich doch noch hatte für seine Taten büßen müssen. Im hohen Alter war ihm das Bundesverdienstkreuz aberkannt worden, er verlor seine Beamtenpension und war verarmt und einsam im Altersheim gestorben. Dieses Unrecht war also aus der Welt. Ihrem Vater den letzten Willen abzuschlagen, brachte sie nicht übers Herz. „Aber Erpressung bleibt auch über Generationen hinweg Erpressung“, sagte sie sich. „Wenn ich schon Nutznießerin dieser Erpressung sein muss, will ich zum Ausgleich etwas Gutes tun und Jeremias Coster seinen Herzenswunsch erfüllen. Ich werde im Senat für die Einrichtung des Instituts für Pataphysik stimmen.“

Eine folgenschwere Entscheidung.

Entstehung aus dem Fragment (3) – Costers Büchlein

Jeremias Costers Büchlein

Über alle Geschehnisse von den Zeiten der Galerie Gegenverkehr an hatte Jeremias Coster getreulich Tagebuch geführt. Es waren etwa 250 Moleskinebüchlein. Diese Büchlein hatte er mir für den Fall seines Todes versprochen, denn ich sah in ihnen zeitgeschichtliche Dokumente, die es zu wahren, zu sichten und auszuwerten galt. Tatsächlich bekam ich nach Costers Freitod vor nunmehr vier Jahren Post vom Testament vollstreckenden Amtsgericht Köln, dass ich die Tagebücher geerbt hatte. Doch ein mit Coster eng befreundeter Kriminalbeamter vom Dezernat für Bandenkriminalität hatte die Büchlein in Absprache mit Costers erwachsenen Töchtern längst schreddern lassen. Sie waren darin einig geworden, dass deren Inhalt nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfte, da vieles, was dort notiert war, noch lebende Personen betraf.

In weiser Voraussicht hatte mir Coster bei seinem letzten Besuch bereits 40 Büchlein mitgebracht, mit der Maßgabe, ich solle sie „vorerst in den Giftschrank stellen.“ Nun habe ich einen derartigen Giftschrank nicht, sondern nur eine Truhe, in der ich einen Wust Papiere bewahre, die ich im Frühjahr 2005 in einem Anflug von Schreibwahn bekifft und quasi besinnungslos vor Liebeskummer um Lisette vollgekritzelt habe. Costers Büchlein bilden sozusagen die schützende Deckschicht, so dass ich seither nicht in Versuchung geriet, diese Dokumente meiner geistigen Verwirrung nochmals anzuschauen. Mit einer gewissen inneren Ruhe blätterte ich jedoch stichprobenartig in einigen seiner Tagebücher und stieß auf Notizen, aus denen die Umstände der Gründung des Instituts für Pataphysik an der RWTH Aachen hervorgehen. Vorausgegangen war Costers Versuch, Liana Zanfrisco für sich zu gewinnen. Er wollte ihr mit einem Institut für Pataphysik imponieren, hatte zunächst eine private Einrichtung, finanziert durch eine Stiftung erwogen, hatte dann aber durch günstige Umstände die Gelegenheit bekommen, das Institut der RWTH Aachen anzugliedern.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die bereits erwähnte Professorin Dr. Renate Klippenhagen. Sie hatte eigentlich ein Diplom in Textildesign gemacht, doch an seinem Sterbebett hatte der Vater ihr mitgeteilt, dass sie den Lehrstuhl für Komparatistik erben würde. „Diese Familientradition bitte ich dich weiterzuführen, auch wenn du mehr vom Schürzennähen verstehst als von vergleichender Linguistik.“ Renate Klippenhagen war entgeistert. Nie zuvor hatte sie gehört, dass Lehrstühle an Universitäten vererbt werden könnten. Der alte Klippenhagen bat sie, ihm in Ruhe zuzuhören, damit sie verstünde. Zuvor jedoch verlangte er, dass man das Sterbezimmer mit Richard Wagners Walkürenritt beschallt, worauf Renate Klippenhagen ahnte, dass sie passend zu dieser Musik etwas ganz Krankes zu hören bekommen würde.

Es folgt nun die Beichte des alten Klippenhagen, die er am Sterbebett seiner Tochter ins Ohr raunte:

Entstehung aus dem Fragment (2)

Rückblick auf die Ära Jeremias Coster

Bekanntlich hat Jeremias Coster 15 Jahre den Lehrstuhl für Pataphysik innegehabt. In den letzten Jahren vor seinem Freitod hatte er allerdings die Institutsgeschäfte sträflich vernachlässigt. Schon als man ihm seitens der RWTH die Wohnung im Dachgeschoss des Kerstenschen Pavillon zuwies, hatte sich Coster zunehmend den Genüssen des Lebens zugewandt, hatte die Schlieren in seiner leeren Espressotasse fotografiert und seine Zukunft daraus gelesen, hatte kugelförmige Objekte gesammelt, diverse Liebschaften gepflegt, hatte sich mit mir herumgetrieben und sich höchst selten im alten Gebäude des Pataphysischen Instituts sehen lassen. Durch das quasi führungslose Institut war die Wissenschaft der Pataphysik immer mehr an den Rand gerückt und hatte enorm an Bedeutung eingebüßt. Immer häufiger war in Senatskreisen die Ansicht zu hören gewesen, es handele sich bei der Pataphysik mitnichten um eine ernst zu nehmende Wissenschaft. Sie sei vielmehr ein literarisches Konzept, das sich aber seit seiner Formulierung durch Alfred Jarry nicht nennenswert weiterentwickelt hätte, und erst recht nicht durch Professor Jeremias Coster. Man lästerte über Costers Tomatenphilosophie, bei der er Tomaten nach der Anzahl ihrer Kammern gruppierte.


„Wenn Sie eine Dreikammertomate aufschneiden, sehen Sie einen Mercedesstern“, hatte Coster in seiner letzten Vorlesung gesagt. Dabei hatte er eine Schautafel an die Wand des Hörsaals projiziert, wo er auf einzelnen Zeichnungen die Tomaten selbst und die Schnitte durch die verschiedenen Tomaten zeigte. Mit einer kleinen, gezielten Handschrift war dabei die gesamte Costersche Tomatenphilosophie erklärt. Etwas Ähnliches hatte er mit Sektkorken gemacht. Er zeigte auch eine Bildserie mit den kleinen Kaffeemilch-Plastikdöschen, deren Aludeckel man auf- oder abreißen muss. Coster hatte untersucht und gezeichnet, wie es am besten geht.

„Also hören Sie mal, Plastikdöschen mit Aludeckel, ganz abgesehen vom Umweltaspekt“, sagte der Kanzler der RWTH in die Runde der Senatoren, „das ist doch keine Wissenschaft!“ Schon wurde die Frage erörtert, wie es Jeremias Coster überhaupt möglich gewesen war, an der RWTH Aachen das Institut für Pataphysik zu etablieren und dem Institut für Nachrichtengeräte im alten Institutsgebäude am Königshügel Räumlichkeiten abzutrotzen. Da fühlte sich Professorin Dr. Renate Klippenhagen, die den Lehrstuhl für Komparatistik inne hatte, zu einem schwachen Widerspruch genötigt. Schließlich war sie in ihrer frühen Jugend wie „jede, aber wirklich jede Frau ein bisschen in Jeremias Coster verliebt“ gewesen, damals in den 1960-er Jahren, als der junge Coster als Student der Architektur charmanter „Hausmeister“ in der legendären Galerie Gegenverkehr gewesen war. Coster bewohnte nämlich eine kleine unbeheizte Wohnung im Dachgeschoss des Gebäudes im Hinterhaus der Aachener Theaterstraße, Hausnummer 50, zahlte fast keine Miete, weil er die Aufgabe übernommen hatte, die Galerie auf- und abzuschließen. Auf diese Weise hatte er Zugang zu avantgardistischen künstlerischen Kreisen gefunden, denn im Gegenverkehr verkehrten nicht nur die aufstrebenden Maler Gerhard Richter und Mel Ramos, sondern die wichtigsten Vertreter der neodadaistischen Fluxusbewegung wie Joseph Beuys, Wolf Vostell, Nam June Paik, die barbusige Cellistin Charlotte Moorman und der selbsternannte Kunst- und Ästhetikschwätzer Bazon Brock.

Ende der 1990-er Jahre hatte Coster in der Villa eines befreundeten Künstlers nahe Verviers anlässlicher einer Feier mit 100 Gästen die beiden letzten lebenden Vertreter der ersten Generation der Pataphysiker getroffen, das Ehepaar Odette und André Blavier. Freilich, was heißt „getroffen?“ Er hatte nur Augen für die schöne italienische Künstlerin Liana Zanfrisco gehabt, deren 40. Geburtstag gefeiert wurde und die ihn bezauberte, weil sie sich mit ausgewählten männlichen Gästen fotografieren ließ, indem sie sich halb auf deren Schoß setzte und sie mit einem Arm locker umhalste. Coster war unter ihrer Umarmung dahingeschmolzen und hütete diese Fotografie wie einen Schatz. Möglicher Weise waren ihm die Blaviers vorgestellt worden, aber so richtig elektrisiert hatte ihn die Pataphysik erst, nachdem zuerst André, dann Odette Blavier gestorben waren und Liana Zanfrisco das Werk Odettes in einer Art Retrospektive in einem Lütticher Museum vorstellte. Er war mit dieser Liana im Auto von Aachen zur Ausstellungseröffnung gefahren und noch Tage wie verzaubert herumgelaufen.

In der Fortsetzung wird erzählt werden, unter welch dubiosen Bedingungen das Aachener Institut für Pataphysik entstand.

Ottos Aus – Wichtiger Hinweis für spätere Zeiten

Seit einigen Jahren schlafe ich bequem auf zwei dicken Otto-Katalogen. Das kam so: Ich war eine Weile in Aachen bei meinem Freund und Mentor Jeremias Coster gewesen. Bei der nächtlichen Rückfahrt nach Hannover war mir eine Frau namens Gina begegnet. Sie saß neben mir im ICE, und im Verlaufe unseres leider verunglückten Gesprächs über ihren Vornamen habe ich versehentlich den ägyptischen Sonnengott Re beleidigt, dessen Name bei Nacht nie genannt werden darf, und hatte nun seine Rache zu fürchten. Doch ich langte unbeschadet zu Hause an.

Als ich im Bett lag und frohlockte, dass mir ja nun nichts mehr passieren könnte, begann es unterm Bett zu knistern, dann zu knarren und obwohl ich vor Schreck stocksteif lag, ging das Knarren in ein hässliches Knarzen über, in das Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des stillen Verharrens, und indem ich schon erleichtert aufatmete, brach das Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch die beiden abgebrochenen Bretter und zwei Versandhauskataloge. Das hielt, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, zwei Brettern und den tausendfachen Verheißungen der Kataloge.

Gestern die Nachricht: Am 4. Dezember soll nach nun 68 Jahren die letzte Auflage des Otto-Katalogs erscheinen. Die Buchkultur bröckelt zuerst an ihren Rändern. Natürlich sind Versandhauskataloge primär Bilderbücher, buchtechnische Randerscheinungen und letztlich nur als Dokumente der Volkskultur interessant. Trotzdem zeigt des Verschwinden des Otto-Katalogs mehr als sinkende Verkaufszahlen des Buchhandels das Ende der Buchkultur an.

Halldor Laxness schreibt in seinem Roman „Die Islandglocke“ von einem dänischen Gelehrten, der im 17. Jahrhundert auf den Höfen Islands nach kostbaren Handschriften sucht, um das kulturelle Erbe Islands zu bewahren. Vorbild der Figur ist vermutlich der isländische Skalde Snorri Sturleson, der im 13. Jahrhundert die sogenannte Prosa-Edda zusammentrug, wozu er ebenfalls nach alten Handschriften gesucht hat, Resten der germanischen Kultur, die die Christianisierung überstanden hatten. Snorri fand in den Betten isländischer Bauern kostbare Pergamente, halbverfault als Füllmaterial in Matratzen. Eben habe ich mich vom ordnungsgemäßen Zustand der beiden Kataloge unter meinem Bett vergewissert. Sie tun trocken und sicher ihren Dienst. Man möge das für spätere Zeiten in der kosmischen Registratur verzeichnen.
Mehr über die bröckelnde Buchkultur

Costers Fragmente

„Es geschieht immer öfter“, sagte Coster, „dass meine Texte fragmentarisch bleiben, als würden bei einem Hausbau alle gleichzeitig das Werkzeug fallen lassen und sich von der Baustelle entfernen. Hier wurde gerade ein artiger Torbogen gemauert, dort ein hübsches Türmchen hochgezogen, und jetzt geht es einfach nicht weiter. Da die Texte digital entstehen und gespeichert werden, geraten sie rasch in Vergessenheit. Nie wird eine Leserin ihren Kopf zum Tor hineinstecken und die angrenzenden Räume inspizieren, nie ein Leser das Türmchen besteigen, die enge Wendeltreppe hoch schnaufen, um oben befreit auf die Balustrade zu treten und den Blick übers Land schweifen zu lassen. Nie wird einer von der hohen Warte sehen, wie die Maurer in alle Himmelsrichtungen fortlaufen, nie wird sie jemand zurück an die Arbeit rufen, bevor sie hinterm Horizont versinken.

Dabei gäbe es schon einiges im Haus zu sehen. Da ist beispielsweise der freundliche marokkanische Friseur, dessen Ahnen Berber waren. Er hat sein Handwerk in Brüssel und Lüttich gelernt. Es ist eine Lust den geschickten jungen Mann bei der Arbeit zu beobachten, in dessen Folge man von sich sagen kann: „Ich habe die Haare schön.“ Er rennt doch auch nicht mitten in der Arbeit weg und lässt seinen Kunden halb barbiert zurück. Dabei hätte er Grund genug, denn er fastet zwischen Sonnenauf- und untergang, darf auch bei der Hitze des Tages nichts trinken und ist am Abend ganz ausgelaugt. Er spreche zwar arabisch, aber seine Muttersprache sei Berberisch, sagt er. Weil er nichts über Berberisch weiß, fragt der Kunde, ob der Friseur denn auch Französisch könne und schämt sich sogleich, Marokko mit Algerien verwechselt zu haben. Nein, man lerne es zwar in der Schule, aber viel könne er nicht. In seinem Land werde ja auch Spanisch gesprochen. „Aber wir haben die Spanier hinausgeworfen“, sagt er stolz, jetzt säßen die nur noch auf zwei Inseln. Zu Hause recherchiert der Kunde, dass die „Inseln“ spanische Enklaven sind, die an der marokkanischen Küste liegenden Städte Ceuta und Mellila.

In der beinah fertigen Halle könnte man von Konrad Zuse lesen, dem deutschen Ingenieur, der im Jahr 1935 den ersten Computer gebaut hat. Sein Z1 konnte 1536 Zeichen speichern, war aber so groß wie zwei Tischtennisplatten. Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Nationalsozialisten mehr an Riesenkanonen, Raketen und Wunderwaffen interessiert waren und die Brisanz von Zuses Erfindung unterschätzt haben.

Unterm Dach wäre der seltsame Traum Windhagens zu lesen: Er hatte wieder von Sofia geträumt. Es war ein Alptraum gewesen, denn Sofia hatte ihr sexuelles Interesse an ihm verloren und er hatte allerhand verzweifelte Versuche unternommen, es wieder zu wecken. In seiner Verzweiflung hatte Windhagen eine lebendige Ente verschlungen, hatte sie sich weit hinten in den Hals geschoben, damit keinerlei Zweifel möglich war, dass er die Ente verschlingen wollte. Im Traum hatte er sich leicht besorgt gefragt, was wohl sein Magen über die Federn der Ente sagen würde. Wie lange würde die Ente noch leben? Er hatte sie ja nicht zerbissen, sondern komplett geschluckt. Hatte sie verstanden, was mit ihr geschah? Würde sie wittern, woher die Gefahr ihr drohte, wenn sein Magen seltsame Säuren auf sie regnen ließe? Wie lange kann eine Ente wohl ohne Sauerstoff auskommen?

„Das, mein Lieber, sind nur drei der Fragmente im unfertigen Haus“, fuhr Coster fort „Würden wir all das Angefangene besichtigen, hätten wir Tage zu tun. Vielleicht ist das der Grund, warum die Maurer fortgelaufen sind. Sie sind über den komplizierten Plänen verzweifelt, hätten sich einen Bauleiter gewünscht, der Ordnung in alles gebracht hätte. Der gesagt hätte, du machst jetzt das und das so und so, und lass dich nicht ablenken von weltlichen Genüssen.“

„Ja, aber“, wende ich ein, „das und das und so und so ist keine Anweisung, nach der jemand arbeiten könnte. Das könnte auch ein barbierender Berber nicht. Das und das und so und so verlangt vom Maurer eine Transferleistung und soviel schöpferische Kraft, da kann er gleich auf jeden Plan und den unfähigen Bauleiter verzichten.“

„Du hast leider Recht“, sagte Coster. „drum bleibt eben alles Fragment. Ich bin, um es mit einem Roman von Herbert Rosendorfer zu sagen, einfach ein textlicher „Ruinenbaumeister.“ Sprachs und folgte den Maurern. Ich sah ihm hinterher, bis er hinterm Horizont verschwunden war.

Wasser und Türme

Als gebürtiger Kölner und mit Rheinwasser getauft, habe er in seiner neuen Heimatstadt Aachen vor allem Wasser vermisst, sagte Coster. Der Stadt fehle ein ordentliches Fließgewässer, und das größte stehende Gewässer sei ein Weiher. Das wäre um so seltsamer, als Aachen auf Lateinisch aqua, Wasser, zurückgehe, was auf die heißen Quellen verweise, die schon die Römer in Thermen genutzt hatten. Auch das hinter Aachen aus seinem unterirdischen Lauf hervortretende Flüsschen Wurm bedeute eigentlich „warm“, weil es aus den heißen Quellen gespeist werde.

Die Aachener hätten im 19. Jahrhundert den Fehler gemacht, alle Bachläufe ins unterirdische Kanalsystem einzuleiten. Mit dem Versuch, wenigstens den Johannisbach wieder ans Licht zu holen, sei man in den 1990-er Jahren kläglich gescheitert und habe statt eines intakten Bachlaufs nur ein oberirdisch kanalisiertes Rinnsal zustande gebracht, dessen klares Wasser zwar hübsch über die Straße Annuntiatenbach plätschere, aber eigentlich ein Hohn sei. Da könne man jeden Aachener fragen.
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