Wasser und Türme

Als gebürtiger Kölner und mit Rheinwasser getauft, habe er in seiner neuen Heimatstadt Aachen vor allem Wasser vermisst, sagte Coster. Der Stadt fehle ein ordentliches Fließgewässer, und das größte stehende Gewässer sei ein Weiher. Das wäre um so seltsamer, als Aachen auf Lateinisch aqua, Wasser, zurückgehe, was auf die heißen Quellen verweise, die schon die Römer in Thermen genutzt hatten. Auch das hinter Aachen aus seinem unterirdischen Lauf hervortretende Flüsschen Wurm bedeute eigentlich „warm“, weil es aus den heißen Quellen gespeist werde.

Die Aachener hätten im 19. Jahrhundert den Fehler gemacht, alle Bachläufe ins unterirdische Kanalsystem einzuleiten. Mit dem Versuch, wenigstens den Johannisbach wieder ans Licht zu holen, sei man in den 1990-er Jahren kläglich gescheitert und habe statt eines intakten Bachlaufs nur ein oberirdisch kanalisiertes Rinnsal zustande gebracht, dessen klares Wasser zwar hübsch über die Straße Annuntiatenbach plätschere, aber eigentlich ein Hohn sei. Da könne man jeden Aachener fragen.
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Die Besucherin

Kategorie KopfkinoDer See war in Aufruhr. Der Wind trieb unaufhörlich wie lebendig zuckende Wellen vor sich her, bis sie gegen das befestigte Nordufer klatschten. Ich stellte mir vor, dass die fetten Maschseekarpfen sich dicht an den Grund des flachen Gewässers drücken müssten, um nicht von der Strömung mitgerissen und an die Kaimauer geschmettert zu werden.
„Sei mal nicht so dramatisch, Trithemius“, sagte Coster. „Natürlich haben die Karpfen weit draußen eine ruhige Bucht, wo sie sich tief in den Schlamm buddeln können. Im Schlick fühlen sie sich geborgen, weshalb man Maschseekarpfen vor Schlachtung und Verzehr mindestens eine Woche in der Badewanne halten sollte, damit sie den Schlammgeschmack loswerden.“
„Was Sie wieder zu wissen glauben, Coster!“
Eigentlich war es kein Wetter, um noch draußen zu sitzen, obwohl die Terrasse des Museumscafés durch eine brusthohe gläserne Einfassung gegen Wind geschützt war. Mich fröstelte trotzdem, denn es hatte leicht zu regnen begonnen.
„Wir wollen etwas anderes reden“, sagte Coster und sah unentwegt an mir vorbei zum Kurt-Schwitters-Platz hin. Du erinnerst dich gewiss noch an meine Metapher von der aufstrebenden Stadt, Trithemius.“ Weiterlesen

Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

Wiliam Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

William Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

Ich liebe den Zustand des Dämmerns, bevor ich einschlafe. Dann gehen mir völlig selbstständig mich selbst überraschende Gedanken durch den Kopf. Plötzlich sehe ich Jeremias Coster in meinem Bürostuhl sitzen, wie immer liebenswürdig lächelnd. Obwohl mein Bürostuhl noch neu ist, gelingt es Coster, ihm quietschende Geräusche zu entlocken, indem er hin- und herwippt.
Ich mahne: „Das ist kein Schaukelstuhl!“
„Habe ich auch nicht behauptet“, sagt Coster und fährt fort: „Ich hätte Lust, dir etwas mitzuteilen oder mit dir zu besprechen, was ich herausgefunden habe.“
„Da bin ich gespannt. Aber es ist auch ein bisschen gruselig. Sie sind meines Wissens tot, Coster. Ich habe Ihre Asche mit eigenen Händen verstreut. Jahre ist’s her. Und jetzt sitzen Sie da und strapazieren meinen Bürostuhl.“ Weiterlesen

Indem er als Computerpionier eine gewisse Virtuosität im Programmieren erlangt habe, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) zu Aachen, seien auch die von ihm erstellten Computerprogramme immer komplexer geworden, und nicht selten habe er gedacht, derweil er ein besonders diffiziles Programmelement in den Bauch des Computers hinab geschickt hätte, da habe er gedacht, es wäre kein Wunder, wenn der Computer sich auf irgendeine Weise beschweren würde, etwa ächzen oder stöhnen ob der komplizierten Programmzeilen, die er jetzt wieder abzuarbeiten habe, aber das wäre niemals geschehen, sondern wenn er Coster mit seinen Programmierkünsten die systeminhärenten Grenzen überschritten habe, dann habe der Computer einfach seine Mitarbeit eingestellt und sich aufgehängt, wie man landläufig zu sagen pflegt, und so würde er, Coster, sich fragen, wo wohl die Grenzen für das Überschriftfeld im WordPress-Blog zu finden wären, ob bei einer wirklich langen Überschrift etwa ein altes Weib erscheinen würde, das all die Wörter gebuckelt hätte und ächzen würde: „Jetzt ist’s aber genug, der Herr!“

Aber vermutlich würde rein gar nichts geschehen. Jedenfalls wäre seine Überschrift wohl noch nicht lang genug, da er aber noch etwas zu erledigen hätte, müsse er den Versuch jetzt abbrechen, werde ihn aber gleich fortsetzen, denn es ginge ja eigentlich um die Frage, wie und wo der Einflussbereich jedes Einzelnen begrenzt wäre und wer die emotionale Kraft hätte, die nur unscharf berechenbaren Randzonen des Lebens aufzusuchen. Auf die Idee, die Kapazität des Überschriftenfeldes auszuloten habe ihn jedenfalls die allseits bezaubernde Bloggerin Mitzi Irsaj gebracht, als sie titelte Ohne Titel scheint es bei Wortpress nicht zu gehen, wobei sich übrigens auch gezeigt hätte, dass man durch die eindeutschende Schreibweise „Wortpress“ verhindern könnte, dass der Editor eine Binnenmajuskel ins Wort pfuscht. Wenn sich ohne Überschrift kein Beitrag veröffentlichen ließe, die Untergrenze also vermutlich ein beliebiges Zeichen wäre, erhöbe sich die Frage nach der Obergrenze.

„Wenn sich keine Obergrenze finden lässt“, sagte ich, „ist das Feld so programmiert, dass es sich dynamisch erweitert. Demgemäß gibt es auch keine Obergrenze für die Textbeiträge, zumindest wäre sie von einem menschlichen Schreiber nicht zu erreichen, womit der Beweis erbracht wäre, dass in unserer Welt theoretisch unendlich große weitere Welten Platz haben.“ „Ja“, bekräftigte Coster. „Aus unserer Realität erweitern sich neue Realitätsbereiche wie Wurmfortsätze, und in einem dieser Wurmfortsätze sitzt der Blogger Trithemius und treibt ihn voran.“