Erinnerung an Menschen und Dinge (3)

Liebe Gäste lasse ich das Filmdöschen hochheben, das die Asche eines Freundes enthält, um zu spüren, wie schwer menschliche Asche ist. Die aparte Frau, die neuerdings in mein Leben getreten ist, hat sogar die Kappe gelüftet und hineingeschaut. Wieso ich etwas von der Asche des Freundes aufbewahre, der in meinem literarischen Kosmos Jeremias Coster ist, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, ist rasch erzählt. Am Bluemonday des Jahres 2014 hat sich der Mann mit einer von seinem Vater ererbten Pistole erschossen.

Sein Leichnam wurde in den Niederlanden eingeäschert. Veranlasst hatte das ein holländischer Freund, der Gefäßchirurg Emile P. In den Niederlanden, können nahe Freunde oder Angehörige die Urne mit der Asche an sich nehmen. Am 28. Mai 2014 versammelten zwölf enge Freundinnen und Freunde sich bei Emile, um die Asche auf Hollands höchstem Berg, dem Drielandenpunt, zu verstreuen.

Bevor wir auf den Berg pilgerten und uns eine junge Eiche aussuchten, um Thomas rings um den Stamm zu verstreuen, vorher also bot Emile uns an, etwas von der Asche in Filmdöschen abzufüllen. In solchen Plastikdöschen wird analoger Negativfilm gehandelt. Dass sich nun ein Aufkleber einer Aachener Weinhandlung darauf befindet, passt zu Thomas, der ein Sinnenfreund gewesen ist und gerne einen gehoben hat. Das kniende Engelchen habe ich auf einer Fensterbank ausgesetzt in Hannover-Linden gefunden. Jetzt kniet es besser. Wer die Aufbewahrung im Plastikdöschen pietätlos findet, dem sei diese urbane Sage aus Rolf Wilhelm Brednich: Die Spinne in der Yuccapalme gewidmet:
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Einiges über die schöpferischen Ursuppe

Jeremias Coster berichtete, im Hof seiner Kindheit habe es einen „Serch“ gegeben, eine rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst hatte wohl die Regenrinne zum Serch geführt, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung sei sein stabiler Basteltisch gewesen.

Da habe er bei Regenwetter oft gestanden und, geschützt vom überhängenden Dach der Stallungen, irgendwas gewerkelt. Er erinnere sich daran, dass er dabei unablässig habe reden müssen. Ohne sein Zutun, sei Sprache wie Wasser aus seinem Mund geflossen, schon sinnvoll irgendwie, aber ohne verstandesmäßige Kontrolle.

Er denke nun, dass es die Ursuppe des Schöpferischen gewesen war, wie es ja in jedem schöpferischen Akt begleitende Gedanken geben müsste, unwillkürliche, wie sie in seinem kindlichen Zungenreden zum Ausdruck kamen, und absichtsvolle, die die Ideen und Motive des Handelns enthalten, die Reaktionen auf innere und äußere Anlässe und dergleichen. Diese Ursuppe des Schöpferischen könne jede/jeder in sich erkennen.

„Sie offenbar zu machen, scheint mir unmöglich“, sagte ich. „Es setzt voraus, dass man sich ständig selbst unter Beobachtung hat, also alles genau registriert, was einem gerade durch den Kopf geht. Diese Rückkopplung aber würde das Werk in Arbeit verändern.“

Coster ignorierte meinen Einwand und sagte: „Soweit in dieser Ursuppe des Schöpferischen die Absichten und Motive mitschwimmen gleich dicken Fleischeinlagen …“

„Ich bin Vegetarier!“, warf ich ein.

„…Fleischeinlagen, kann es vorkommen, dass sie untergehen und verschwinden, sei es wegen dummdreister Einwände von außen“, fuhr Coster fort und sah mich strafend an. „Oder aber, weil sie sich auflösen.“

„Wie kommen Sie darauf, Coster?“

„Ich habe tagelang einen Text verfasst und kann ihn nicht beenden, weil just die zugrunde liegende Idee sich verflüchtigt hat.“

„Wenn Ihre Suppenmetapher zutrifft, schwimmt sie ja noch in der Ursuppe herum und kann wirksam werden. Vielleicht warten Sie geduldig ab.“

Costers Verschwinden

Was nun Professor Costers Lehrverpflichtung anbelangt, sagte Maus, die Seminare, die im Vorlesungsverzeichnis auftauchten, so habe man Coster nie in den dort angegebenen Räumen der Hochschule angetroffen. Wenn die Seminare überhaupt stattfanden und nicht völlig ausfielen, so hätte Coster sie in seine Privatwohnung verlegt, im Obergeschoss des Kerstenschen Pavillons gelegen, ich wisse schon, da auf der Mittelterrasse des Aachener Lousbergs. Wie oft sei er den Hügel hochgeschnauft, was für ihn, Maus, schon die größte Leistung gewesen wäre. Denn damals sei er doch schwer adipös gewesen. „Stemmen Sie mal 120 Kilogramm den Lousberg hoch und auch noch die elend lange Treppe zum Kerstenschen Pavillon. Dann vergeht Ihnen das Interesse an Pataphysik. Mit letzter Kraft presste ich die Schelle und schnaufte meinen Namen in die Haussprechanlage, und wie zum Hohn tönte Coster gutgelaunt zurück: „Kommen Sie herauf, Sie fette Maus!“ Maus verdreht die Augen: „Wortspiele mit Namen gehen ja gar nicht.“
„Genau genommen wars kein Wortspiel, sondern nur eine Anspielung darauf, dass Ihr Nachname auch eine Klassenbezeichnung für eine Sorte Kleinnager ist“, sagte ich.
„Nennen Sie es, wie Sie wollen.“, fuhr Maus fort. „Ich erinnere mich noch gut an meinen letzten Besuch, und es war vermutlich das letzte Seminar überhaupt, das Coster veranstaltete, bevor er verschwand. Außer mir waren noch anwesend die vollbusige Schönheit Erika Dembic, der windige Vogel Wido Schlehenbusch, der etwas begriffsstutzige Roland Mayer und ein Kerl namens Henry Jussen, der mit der Dembic gekommen war. Eventuell hatte er sich an ihren Rockzipfel gehängt, ohne zu wissen, was ihn erwartete.“
„Halt vor der vollbusigen Schönheit!“, unterbrach ich ihn. „Was heißt ‚verschwand?‘
Meines Wissens hat Coster sich erschossen.“
„Hörensagen.“
„Ich gebe Ihnen gleich Hörensagen. Immerhin war ich auf seiner Trauerfeier und habe Wochen später auf Hollands höchstem Berg seine Asche mit eigenen Händen verstreut.“
„Es kann jedermanns Asche gewesen sein. Wenn Sie keinen besseren Beweis haben als Hörensagen von seinem Tod, dann vertrauen Sie doch lieber meinem Hörensagen von seinem Verschwinden. Soll ich weiter berichten?“
„Machen Sie schon.“
„Coster hatte eine Flasche Printenlikör auf dem Tisch, ein widerliches Gesöff. Er prostete mir zu, als ich schweißgebadet eintrat. Im Lauf des Abends diskutierten wir die Wahrscheinlichkeit einer dem Menschen nachfolgenden intelligenten Art und wie sich unser Kulturgut für sie archivieren ließe.“
„Wir wissen ja nicht einmal, ob eine nichtmenschliche intelligente Art sich dafür interessieren würde. Vor allem dürfte sie nicht zu klein sein. Wenn es mikrobiotische Wesen wären, was mir am wahrscheinlichsten erscheint, dann könnten sie unsere Bücher höchstens verzehren, aber sonst nichts damit anfangen. Intelligente Mikroben könnten nur digitalisiertes Archivgut nutzen.“
„Vorausgesetzt, sie entwickeln Informatik: So ähnlich hat Coster auch argumentiert. Und jetzt kommts: Fünf Tage nach seinem angeblichen Freitod habe ich Coster bei Matratzen Concord gesehen.“
„Das ist absurd, Maus!“
„Wirklich! Es war in der Filiale oben am Krugenofen, und ich dachte noch, sieh an, der berühmte Professor Dr. Dr. Ing. Jeremias Coster hält sich auf bei Matratzen Concord.“
„Als Kunde? Ich habe noch nie einen Kunden bei Matratzen Concord gesehen.“
„Ich auch nicht. Nein, Coster saß an einem Tisch und telefonierte mit einem Schnurtelefon.“
„Warum hätte Coster das tun sollen?“
„Forschung.“
„Hören Sie Maus, ich weiß nicht, was sie geraucht haben, aber das ist der komplette Unsinn. Coster ist mir seit seinem amtlich verbrieften Tod schon mehrfach im Halbschlaf erschienen.“
„In Ihrem Halbschlaf oder befand sich Coster im Halbschlaf?“
„In meinem natürlich.“
„Glauben Sie, dass Ihre Wachträume ein verlässliches Beweismedium sind?“
„Mindestens so verlässlich wie Ihre absurden Berichte. Und wohin sollte Coster verschwunden sein, nachdem Sie ihn telefonierend bei Matratzen Concord gesehen haben?“
“Was weiß denn ich. Vielleicht wurde er von einer Matratze verschluckt oder er tauchte ein in die Parallelwelt seiner Erinnerungen.“

Reizwortgeschichte – Tee aus der Feldflasche

In dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir nach langer Wanderung den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend. „Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen. Von „wollen“ dürfte keine Rede sein, denn als wir ein wenig himmelan gestiegen waren, taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, aus dem hervorging, dass just an diesem Abend um 20 Uhr der Giro d’Italia vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peleton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einem tropfte plötzlich das Blut vom Finger. Die Ursache seiner Verletzung hatte ich nicht mitbekommen, und man beschloss zurückzugehen. Ich hätte also allein im Dorf bleiben müssen, um die Stunden bis 20 Uhr zu überbrücken. Weiterlesen

Vom Ächzen, Knirschen und Knarzen der Dinge

In alter Zeit, als ich noch jung und elastisch war, da knackte es in meinen Knien, wann immer ich mich hinhockte. Es ist bis heute quasi das einzige unorthodoxe Geräusch, das ich mache. Alles Knirschen, Ächzen, Knarren, Klappern, Knicken, Knacken und was die deutsche Onomatopoesie sonst noch an unerfreulichen Schallwörtern bereithält, all das kommt nicht von meinen morschen Knochen her, wie böse Zungen behaupten, sondern von perfiden mich umgebenden Dingen. Da ist beispielsweise mein Bürostuhl, von dem ich glaube, dass ihn Costers Geist auseinander geraggelt hat.

Jedenfalls habe ich Coster einmal dabei erwischt. Seither kann dieser Stuhl einfach nicht still sein. Soeben habe ich das Teil mühsam auf die Seite gelegt und alle Schrauben, die ich sehen konnte, mit einem Inbusschlüssel nachgezogen. Der Schweiß rann mir von der Stirn, als ich mit dem schweren Sitzmöbel hantierte, leider vergeblich. Nun wird mir bewusst, dass mich sein Ächzen schon längere Zeit gestört hat. Da ich aber ein Mann bin, der Störendes gut ausblenden kann, ist mir das eklige Ächzen meines Bürostuhls kaum ins Bewusstsein gerückt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es mir unbewusst als heftige Dissonanz in die Texte geraten ist. Wenn meinen Texten in letzter Zeit das lieblich Perlende gefehlt hat oder wenn die Sprache nicht floss, sondern holperte, da ächzte mein Bürostuhl hinein. Seine Rollen holperten quietschend, ächzend und knackend über das durch Missklang ausgetrocknete Flussbett der Sprache, und ich kann froh sein, dass es mir manchmal gelang, auf die seitliche Grasnarbe auszuweichen und den Text einigermaßen nach Hause zu bringen.

Manche werden fragen, ob von mir je ein lieblich perlendes Sprachflüsslein zu lesen gewesen sei. Sie könnten sich jedenfalls gar nicht erinnern, würden es folglich nicht vermissen. Ich antworte vorsorglich, dass des Menschen Erinnerung sehr sehr trügerisch ist. Da ist ja nicht nur der schwer ächzende Bürostuhl, da sind auch noch die Dielen, die nicht still sein können, im ganzen Haus nicht, denn ich höre auch die von oben, wenn meine Obernachbarin umhergeht, und sie, ich muss sie gar nicht fragen, denn sie scheut das Gespräch mit mir, sie wird quietschende Dielen von ihren Obernachbarn hören und so weiter und so weiter, das ganze Haus hinauf ächzen Dielen, bis in die obere Etage und noch weiter. So türmt sich das Ächzen der Dinge auf und auf bis ins Universum und gibt einer tief im Weltall horchenden intelligenten Spezies große Rätsel auf. Man hat die Laute längst katalogisiert und kategorisiert. Außerirdische Linguisten glauben, eine Sprache zu erkennen, wie einst der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher glaubte, die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselt zu haben. Aber es war alles falsch, plausibel und doch ganz falsch, wie 150 Jahre später der Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion am polyglotten Stein von Rosetta erkannte.

Man muss ja die außerirdischen Linguisten nicht gleich häuten und verbrennen, man kann sie immerhin noch als religiöse Lehrer verwenden, aber ich versichere und rufe es ins All hinaus, dass menschliche Sprachäußerungen in der Regel nicht vom boshaften Ächzen von Bürostühlen und Dielen begleitet werden. Da die hässlichen Töne aber unleugbar vorhanden sind, wäre eher eine kulturphilosophische Frage aufzuwerfen. Wäre diese Welt ganz anders, würde sie nicht krächzen, ächzen, quietschen, knarren? Was wäre, würde alles in ihr flutschen wie ein in Vaseline getauchter Finger?

Temperatursturz, Orthographie und Busfahrer

„Man kann natürlich akademisch über Sprache und Orthographie reden, wenn man grad mal nichts anderes zu tun hat“, sagt Professor Jeremias Coster und zündet sich sein Zigarillo mit einem Sturmfeuerzeug an. Dass er sich trotz der heftigen Böen Feuer geben kann, scheint ihn zu freuen. „Schreiben im Alltag ist oft ganz entfernt von derartigen Überlegungen“, fährt er fort und biegt sich auf seinem Stuhl zur Seite, um aus der Innentasche seiner Jacke einen Zettel zu ziehen, den er, wie er versichert, soeben in einem Einkaufswagen gefunden hätte.

„Sechs von acht Wörtern falsch zu schreiben, ist schon eine Kunst“, sage ich.

„Wenn du den fehlenden i-Punkt bei ‚Eier‘ und die fehlenden Striche über dem a von ‚Käse‘ mitzählst“, sagt er streng. Bei „Kase“ würde er mir folgen und ebenso einen Fehler ankreiden, denn die fehlenden Striche über dem „a“ entsprächen ja dem Buchstaben „e“, der einst über die umlautenden Vokale geschrieben wurde. Es fehle also eigentlich ein ganzer Buchstabe. Der i-Punkt jedoch sei lediglich eine spätere diakritische Hinzufügung. In der karolingischen Minuskel, die ja die Vorlage unserer Kleinbuchstaben geliefert habe, sei der i-Punkt nicht vorhanden gewesen. Folglich dürfe ich hier keinen Fehler anrechnen. Somit sei der Fehlerquotient 5:8, nicht 6:8.

„Überdies ist die kommunikative Funktion eines Textes entscheidend. Wer wollte an einen Einkaufszettel die gleichen Anforderungen stellen wie an ein Bewerbungsschreiben?“, fragt Coster. „Bewerbungsschreiben sind der traurige Höhepunkt der Orthographiefixierung. Die Forderung, originell zu sein und sich trotzdem streng formelhaft auszudrücken, – ein Widerspruch in sich. Andererseits und überhaupt sind natürlich enge Grenzen für die Entwicklung der Kreativität von Vorteil, wenn man Kreativität als die menschliche Fähigkeit der Problemlösung ansieht.“

Eine Windböe fegt über den Platz und lässt nicht nach, wie es in unseren Breiten üblich ist, sondern schwillt an und an, als wollte sie den Gemüsestand vom Platz fegen. Überhaupt, fährt Coster gleichgültig fort, obwohl der Kaffee unter seiner Nase Wellen schlägt, überhaupt sei die Fixierung auf Richtigkeit der Sprache ein Phänomen der Schrift. Wäre unsere Sprache nicht aufgeschrieben, könnte man sie nur schwer beschreiben und mithin auch nicht analysieren. Ein Sprecher könnte dann in seiner Sprache keinen Fehler machen. Denn er sei sein ureigenster Sprachbesitzer, und deshalb könne er mit ihr machen, was er wolle. Alle Kraft der Sprache komme daher, und es sei kein Wunder, wenn die Sprache verflache, da sie doch von allen Seiten geknebelt würde.

Es wäre überhaupt verwunderlich, dass zwar der größte Depp den Artenreichtum beschwört und den Nutzen der Diversität in der Biologie anerkennen würde, dass aber in der Sprache keine Diversität geduldet würde. All die selbsternannten Sprachpfleger mit ihrer Obsession von richtigem und gutem Deutsch wären nämlich in Wahrheit die Totengräber einer lebendigen Sprache.

Wir gehen noch ein Stück des Wegs zusammen. Man dürfe natürlich nicht idealisieren, sagt er, mangelnde Beherrschung der Schriftsprache gehe oft mit schwachem Abstraktionsvermögen einher, was es wiederum schwer mache, einem Außenstehenden einen Sachverhalt zu erklären. Er habe einmal einen Busfahrer der Verkehrsbetriebe gefragt, ob es ein System gebe, nach dem den Busfahrern die verschiedenen Fahrten zugeteilt würden. Der Busfahrer habe gesagt: „Sehen Sie, wir haben die Busse und die Fahrer. Die Fahrer haben alle Namen. Die stehen auf einem Holzschild. Mal wird dem eine Fahrer der oder der Bus zugeteilt, mal dem anderen.“

„Sie müssen natürlich aufpassen, dass nicht versehentlich das Holzschild ans Steuer kommt“, ergänze ich.

Editorial – Wenn der Autor einen neben sich gehen hat

Meine lieben Damen und Herren,
zu den Besonderheiten unseres Publikationsmediums zählt die Nähe zwischen Schreiberinnen und Leserinnen, Schreibern und Lesern, einmal bedingt durch die zeitliche Nähe von Schreiben und Lesen, jedoch hauptsächlich durch die Kommentarfunktion. Sie ermöglicht den persönlichen Kontakt auf eine Weise, wie es im Printmedium unmöglich oder nur selten möglich ist. Man muss schon eine öffentliche Autorenlesung besuchen, dann auch noch Glück haben, um mit Autorin oder Autor ins Gespräch zu kommen.

Diese Nähe in unserem Medium führt auch zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Autor und Icherzähler. Aus der Buchkultur sind wir gewöhnt an die Vorstellung, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden gibt. Der Autor, die Autorin ist eine reale Person, der Icherzähler/die Icherzählerin ist fiktional, also der Vorstellung entsprungen und lebt nur zwischen Buchdeckeln.

Die in drei Folgen veröffentlichte Erzählung „Bückling vor dem Formular“ ist so ein Fall. Sie ist bereits im Jahr 2014 veröffentlicht im E-Book „In meinem Bügeleisen ist beinah Vollmond.“ Man könnte jedoch glauben, dass sich in ihr Ereignisse abspielen, die meine derzeitigen Probleme betreffen. Die reale Vorlage für Jeremias Coster, mein Aachener Freund Thomas Haendly, ist bereits tot, und das Geschehen ist in Aachen angesiedelt, ohne dass es erkennbar wäre. Das geschilderte Konditorei-Café existiert wirklich.

Da ich in einigen Blogtexten persönliche Erfahrungen schildere, manchmal aber rein fiktional in Ichform erzähle, trage ich ungewollt zur Verwischung der Rollen bei. Deshalb will ich erzählenden Texten zukünftig eine eigene Kategorie zuweisen und ein eigenes Ikon voranstellen, das Traumzeit-Ikon. Das Bild ist der Ausschnitt aus einer farbigen Tusche-Arbeit, die ich gezeichnet habe, als ich noch jung und knusprig war. Nach und nach werde ich zurückliegende Texte in die Rubrik einordnen, auch die Erzählung „Bückling vor dem Formular“, wie bereits geschehen.