Costers Verschwinden

Was nun Professor Costers Lehrverpflichtung anbelangt, sagte Maus, die Seminare, die im Vorlesungsverzeichnis auftauchten, so habe man Coster nie in den dort angegebenen Räumen der Hochschule angetroffen. Wenn die Seminare überhaupt stattfanden und nicht völlig ausfielen, so hätte Coster sie in seine Privatwohnung verlegt, im Obergeschoss des Kerstenschen Pavillons gelegen, ich wisse schon, da auf der Mittelterrasse des Aachener Lousbergs. Wie oft sei er den Hügel hochgeschnauft, was für ihn, Maus, schon die größte Leistung gewesen wäre. Denn damals sei er doch schwer adipös gewesen. „Stemmen Sie mal 120 Kilogramm den Lousberg hoch und auch noch die elend lange Treppe zum Kerstenschen Pavillon. Dann vergeht Ihnen das Interesse an Pataphysik. Mit letzter Kraft presste ich die Schelle und schnaufte meinen Namen in die Haussprechanlage, und wie zum Hohn tönte Coster gutgelaunt zurück: „Kommen Sie herauf, Sie fette Maus!“ Maus verdreht die Augen: „Wortspiele mit Namen gehen ja gar nicht.“
„Genau genommen wars kein Wortspiel, sondern nur eine Anspielung darauf, dass Ihr Nachname auch eine Klassenbezeichnung für eine Sorte Kleinnager ist“, sagte ich.
„Nennen Sie es, wie Sie wollen.“, fuhr Maus fort. „Ich erinnere mich noch gut an meinen letzten Besuch, und es war vermutlich das letzte Seminar überhaupt, das Coster veranstaltete, bevor er verschwand. Außer mir waren noch anwesend die vollbusige Schönheit Erika Dembic, der windige Vogel Wido Schlehenbusch, der etwas begriffsstutzige Roland Mayer und ein Kerl namens Henry Jussen, der mit der Dembic gekommen war. Eventuell hatte er sich an ihren Rockzipfel gehängt, ohne zu wissen, was ihn erwartete.“
„Halt vor der vollbusigen Schönheit!“, unterbrach ich ihn. „Was heißt ‚verschwand?‘
Meines Wissens hat Coster sich erschossen.“
„Hörensagen.“
„Ich gebe Ihnen gleich Hörensagen. Immerhin war ich auf seiner Trauerfeier und habe Wochen später auf Hollands höchstem Berg seine Asche mit eigenen Händen verstreut.“
„Es kann jedermanns Asche gewesen sein. Wenn Sie keinen besseren Beweis haben als Hörensagen von seinem Tod, dann vertrauen Sie doch lieber meinem Hörensagen von seinem Verschwinden. Soll ich weiter berichten?“
„Machen Sie schon.“
„Coster hatte eine Flasche Printenlikör auf dem Tisch, ein widerliches Gesöff. Er prostete mir zu, als ich schweißgebadet eintrat. Im Lauf des Abends diskutierten wir die Wahrscheinlichkeit einer dem Menschen nachfolgenden intelligenten Art und wie sich unser Kulturgut für sie archivieren ließe.“
„Wir wissen ja nicht einmal, ob eine nichtmenschliche intelligente Art sich dafür interessieren würde. Vor allem dürfte sie nicht zu klein sein. Wenn es mikrobiotische Wesen wären, was mir am wahrscheinlichsten erscheint, dann könnten sie unsere Bücher höchstens verzehren, aber sonst nichts damit anfangen. Intelligente Mikroben könnten nur digitalisiertes Archivgut nutzen.“
„Vorausgesetzt, sie entwickeln Informatik: So ähnlich hat Coster auch argumentiert. Und jetzt kommts: Fünf Tage nach seinem angeblichen Freitod habe ich Coster bei Matratzen Concord gesehen.“
„Das ist absurd, Maus!“
„Wirklich! Es war in der Filiale oben am Krugenofen, und ich dachte noch, sieh an, der berühmte Professor Dr. Dr. Ing. Jeremias Coster hält sich auf bei Matratzen Concord.“
„Als Kunde? Ich habe noch nie einen Kunden bei Matratzen Concord gesehen.“
„Ich auch nicht. Nein, Coster saß an einem Tisch und telefonierte mit einem Schnurtelefon.“
„Warum hätte Coster das tun sollen?“
„Forschung.“
„Hören Sie Maus, ich weiß nicht, was sie geraucht haben, aber das ist der komplette Unsinn. Coster ist mir seit seinem amtlich verbrieften Tod schon mehrfach im Halbschlaf erschienen.“
„In Ihrem Halbschlaf oder befand sich Coster im Halbschlaf?“
„In meinem natürlich.“
„Glauben Sie, dass Ihre Wachträume ein verlässliches Beweismedium sind?“
„Mindestens so verlässlich wie Ihre absurden Berichte. Und wohin sollte Coster verschwunden sein, nachdem Sie ihn telefonierend bei Matratzen Concord gesehen haben?“
“Was weiß denn ich. Vielleicht wurde er von einer Matratze verschluckt oder er tauchte ein in die Parallelwelt seiner Erinnerungen.“

Reizwortgeschichte – Tee aus der Feldflasche

In dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir nach langer Wanderung den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend. „Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen. Von „wollen“ dürfte keine Rede sein, denn als wir ein wenig himmelan gestiegen waren, taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, aus dem hervorging, dass just an diesem Abend um 20 Uhr der Giro d’Italia vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peleton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einem tropfte plötzlich das Blut vom Finger. Die Ursache seiner Verletzung hatte ich nicht mitbekommen, und man beschloss zurückzugehen. Ich hätte also allein im Dorf bleiben müssen, um die Stunden bis 20 Uhr zu überbrücken. Weiterlesen

Vom Ächzen, Knirschen und Knarzen der Dinge

In alter Zeit, als ich noch jung und elastisch war, da knackte es in meinen Knien, wann immer ich mich hinhockte. Es ist bis heute quasi das einzige unorthodoxe Geräusch, das ich mache. Alles Knirschen, Ächzen, Knarren, Klappern, Knicken, Knacken und was die deutsche Onomatopoesie sonst noch an unerfreulichen Schallwörtern bereithält, all das kommt nicht von meinen morschen Knochen her, wie böse Zungen behaupten, sondern von perfiden mich umgebenden Dingen. Da ist beispielsweise mein Bürostuhl, von dem ich glaube, dass ihn Costers Geist auseinander geraggelt hat.

Jedenfalls habe ich Coster einmal dabei erwischt. Seither kann dieser Stuhl einfach nicht still sein. Soeben habe ich das Teil mühsam auf die Seite gelegt und alle Schrauben, die ich sehen konnte, mit einem Inbusschlüssel nachgezogen. Der Schweiß rann mir von der Stirn, als ich mit dem schweren Sitzmöbel hantierte, leider vergeblich. Nun wird mir bewusst, dass mich sein Ächzen schon längere Zeit gestört hat. Da ich aber ein Mann bin, der Störendes gut ausblenden kann, ist mir das eklige Ächzen meines Bürostuhls kaum ins Bewusstsein gerückt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es mir unbewusst als heftige Dissonanz in die Texte geraten ist. Wenn meinen Texten in letzter Zeit das lieblich Perlende gefehlt hat oder wenn die Sprache nicht floss, sondern holperte, da ächzte mein Bürostuhl hinein. Seine Rollen holperten quietschend, ächzend und knackend über das durch Missklang ausgetrocknete Flussbett der Sprache, und ich kann froh sein, dass es mir manchmal gelang, auf die seitliche Grasnarbe auszuweichen und den Text einigermaßen nach Hause zu bringen.

Manche werden fragen, ob von mir je ein lieblich perlendes Sprachflüsslein zu lesen gewesen sei. Sie könnten sich jedenfalls gar nicht erinnern, würden es folglich nicht vermissen. Ich antworte vorsorglich, dass des Menschen Erinnerung sehr sehr trügerisch ist. Da ist ja nicht nur der schwer ächzende Bürostuhl, da sind auch noch die Dielen, die nicht still sein können, im ganzen Haus nicht, denn ich höre auch die von oben, wenn meine Obernachbarin umhergeht, und sie, ich muss sie gar nicht fragen, denn sie scheut das Gespräch mit mir, sie wird quietschende Dielen von ihren Obernachbarn hören und so weiter und so weiter, das ganze Haus hinauf ächzen Dielen, bis in die obere Etage und noch weiter. So türmt sich das Ächzen der Dinge auf und auf bis ins Universum und gibt einer tief im Weltall horchenden intelligenten Spezies große Rätsel auf. Man hat die Laute längst katalogisiert und kategorisiert. Außerirdische Linguisten glauben, eine Sprache zu erkennen, wie einst der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher glaubte, die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselt zu haben. Aber es war alles falsch, plausibel und doch ganz falsch, wie 150 Jahre später der Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion am polyglotten Stein von Rosetta erkannte.

Man muss ja die außerirdischen Linguisten nicht gleich häuten und verbrennen, man kann sie immerhin noch als religiöse Lehrer verwenden, aber ich versichere und rufe es ins All hinaus, dass menschliche Sprachäußerungen in der Regel nicht vom boshaften Ächzen von Bürostühlen und Dielen begleitet werden. Da die hässlichen Töne aber unleugbar vorhanden sind, wäre eher eine kulturphilosophische Frage aufzuwerfen. Wäre diese Welt ganz anders, würde sie nicht krächzen, ächzen, quietschen, knarren? Was wäre, würde alles in ihr flutschen wie ein in Vaseline getauchter Finger?

Temperatursturz, Orthographie und Busfahrer

„Man kann natürlich akademisch über Sprache und Orthographie reden, wenn man grad mal nichts anderes zu tun hat“, sagt Professor Jeremias Coster und zündet sich sein Zigarillo mit einem Sturmfeuerzeug an. Dass er sich trotz der heftigen Böen Feuer geben kann, scheint ihn zu freuen. „Schreiben im Alltag ist oft ganz entfernt von derartigen Überlegungen“, fährt er fort und biegt sich auf seinem Stuhl zur Seite, um aus der Innentasche seiner Jacke einen Zettel zu ziehen, den er, wie er versichert, soeben in einem Einkaufswagen gefunden hätte.

„Sechs von acht Wörtern falsch zu schreiben, ist schon eine Kunst“, sage ich.

„Wenn du den fehlenden i-Punkt bei ‚Eier‘ und die fehlenden Striche über dem a von ‚Käse‘ mitzählst“, sagt er streng. Bei „Kase“ würde er mir folgen und ebenso einen Fehler ankreiden, denn die fehlenden Striche über dem „a“ entsprächen ja dem Buchstaben „e“, der einst über die umlautenden Vokale geschrieben wurde. Es fehle also eigentlich ein ganzer Buchstabe. Der i-Punkt jedoch sei lediglich eine spätere diakritische Hinzufügung. In der karolingischen Minuskel, die ja die Vorlage unserer Kleinbuchstaben geliefert habe, sei der i-Punkt nicht vorhanden gewesen. Folglich dürfe ich hier keinen Fehler anrechnen. Somit sei der Fehlerquotient 5:8, nicht 6:8.

„Überdies ist die kommunikative Funktion eines Textes entscheidend. Wer wollte an einen Einkaufszettel die gleichen Anforderungen stellen wie an ein Bewerbungsschreiben?“, fragt Coster. „Bewerbungsschreiben sind der traurige Höhepunkt der Orthographiefixierung. Die Forderung, originell zu sein und sich trotzdem streng formelhaft auszudrücken, – ein Widerspruch in sich. Andererseits und überhaupt sind natürlich enge Grenzen für die Entwicklung der Kreativität von Vorteil, wenn man Kreativität als die menschliche Fähigkeit der Problemlösung ansieht.“

Eine Windböe fegt über den Platz und lässt nicht nach, wie es in unseren Breiten üblich ist, sondern schwillt an und an, als wollte sie den Gemüsestand vom Platz fegen. Überhaupt, fährt Coster gleichgültig fort, obwohl der Kaffee unter seiner Nase Wellen schlägt, überhaupt sei die Fixierung auf Richtigkeit der Sprache ein Phänomen der Schrift. Wäre unsere Sprache nicht aufgeschrieben, könnte man sie nur schwer beschreiben und mithin auch nicht analysieren. Ein Sprecher könnte dann in seiner Sprache keinen Fehler machen. Denn er sei sein ureigenster Sprachbesitzer, und deshalb könne er mit ihr machen, was er wolle. Alle Kraft der Sprache komme daher, und es sei kein Wunder, wenn die Sprache verflache, da sie doch von allen Seiten geknebelt würde.

Es wäre überhaupt verwunderlich, dass zwar der größte Depp den Artenreichtum beschwört und den Nutzen der Diversität in der Biologie anerkennen würde, dass aber in der Sprache keine Diversität geduldet würde. All die selbsternannten Sprachpfleger mit ihrer Obsession von richtigem und gutem Deutsch wären nämlich in Wahrheit die Totengräber einer lebendigen Sprache.

Wir gehen noch ein Stück des Wegs zusammen. Man dürfe natürlich nicht idealisieren, sagt er, mangelnde Beherrschung der Schriftsprache gehe oft mit schwachem Abstraktionsvermögen einher, was es wiederum schwer mache, einem Außenstehenden einen Sachverhalt zu erklären. Er habe einmal einen Busfahrer der Verkehrsbetriebe gefragt, ob es ein System gebe, nach dem den Busfahrern die verschiedenen Fahrten zugeteilt würden. Der Busfahrer habe gesagt: „Sehen Sie, wir haben die Busse und die Fahrer. Die Fahrer haben alle Namen. Die stehen auf einem Holzschild. Mal wird dem eine Fahrer der oder der Bus zugeteilt, mal dem anderen.“

„Sie müssen natürlich aufpassen, dass nicht versehentlich das Holzschild ans Steuer kommt“, ergänze ich.

Editorial – Wenn der Autor einen neben sich gehen hat

Meine lieben Damen und Herren,
zu den Besonderheiten unseres Publikationsmediums zählt die Nähe zwischen Schreiberinnen und Leserinnen, Schreibern und Lesern, einmal bedingt durch die zeitliche Nähe von Schreiben und Lesen, jedoch hauptsächlich durch die Kommentarfunktion. Sie ermöglicht den persönlichen Kontakt auf eine Weise, wie es im Printmedium unmöglich oder nur selten möglich ist. Man muss schon eine öffentliche Autorenlesung besuchen, dann auch noch Glück haben, um mit Autorin oder Autor ins Gespräch zu kommen.

Diese Nähe in unserem Medium führt auch zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Autor und Icherzähler. Aus der Buchkultur sind wir gewöhnt an die Vorstellung, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden gibt. Der Autor, die Autorin ist eine reale Person, der Icherzähler/die Icherzählerin ist fiktional, also der Vorstellung entsprungen und lebt nur zwischen Buchdeckeln.

Die in drei Folgen veröffentlichte Erzählung „Bückling vor dem Formular“ ist so ein Fall. Sie ist bereits im Jahr 2014 veröffentlicht im E-Book „In meinem Bügeleisen ist beinah Vollmond.“ Man könnte jedoch glauben, dass sich in ihr Ereignisse abspielen, die meine derzeitigen Probleme betreffen. Die reale Vorlage für Jeremias Coster, mein Aachener Freund Thomas Haendly, ist bereits tot, und das Geschehen ist in Aachen angesiedelt, ohne dass es erkennbar wäre. Das geschilderte Konditorei-Café existiert wirklich.

Da ich in einigen Blogtexten persönliche Erfahrungen schildere, manchmal aber rein fiktional in Ichform erzähle, trage ich ungewollt zur Verwischung der Rollen bei. Deshalb will ich erzählenden Texten zukünftig eine eigene Kategorie zuweisen und ein eigenes Ikon voranstellen, das Traumzeit-Ikon. Das Bild ist der Ausschnitt aus einer farbigen Tusche-Arbeit, die ich gezeichnet habe, als ich noch jung und knusprig war. Nach und nach werde ich zurückliegende Texte in die Rubrik einordnen, auch die Erzählung „Bückling vor dem Formular“, wie bereits geschehen.

Bückling vor dem Formular (3) – Verdientes Pech – unverdientes Glück?

Der Kaffee wurde gebracht, und wir sagten nichts, bis die Kellnerin außer Hörweite war. Ich rettete das Milchkännchen, als Coster zum Zuckerstreuer griff. An der Handkante hatte er eine üble Schnitt- oder Risswunde, und ich hoffte, er würde mir nicht erzählen, wie es dazu gekommen war.
„Ich will dich nicht langweilen mit weiteren Beispielen“, sagte Coster und wärmte seine Hände an der Tasse. „Wenn der Mensch eine Pechsträhne hat, beginnt er sich zu fragen, welchen Anteil er daran hat und ob ihn das Schicksal für ein Fehlverhalten bestraft.“

„Dabei ertappe ich mich auch gelegentlich“, sagte ich. „Man fragt sich hingegen selten das Gegenteil. Wenn einem unverhofftes Glück widerfährt, sagt man nicht, ach, ich werde belohnt, aber wofür eigentlich? Gibt es nicht Bessere, die es mehr verdient hätten?“
„Wenn jemandem unverdientes Glück widerfährt, dann glaubt er nicht an eine Bestimmung“, sagte Coster ungehalten. „Es würde sein Glück schmälern, wenn er nicht glauben könnte, er habe kraft seiner Existenz verdient, glücklich zu sein. Der schrecklichste Mensch kann vom Glück verfolgt sein, nicht einmal seine Niedertracht, keine seiner Schandtaten vermag sein Glück zu schmälern, solange er an nichts anderes glaubt als an sich selbst. Und zwei Glücklichen kann gelingen, was nicht zu planen und nicht zu trainieren ist, und sei es, dass sie mit Nadel und Faden aufeinander zulaufen und einfädeln.

Aber wer Pech hat“, fuhr Coster fort und betrachtete seinen Handriss, „der muss sich einfach fragen, warum diese unerfreulichen Dinge geschehen, muss überlegen, ob er nicht durch Versäumnisse oder Fehlverhalten das Unglück herbei gepfiffen hat. Denn es gibt Gründe für Missgeschick.“
„Zum Beispiel?“
„Unachtsamkeit, mangelnde Vorsorge, fehlende Planung, missachtete Strukturen, Prokrastination.“
„Gilt denn nicht das Gegenteil als Gewährleistung für Glück? Kann ich es nicht ebenso herbeipfeifen durch Achtsamkeit, Vorsorge, Planung, rechtzeitiges Erledigen und dergleichen?“
„Zweifellos.“
„Was stehlen Sie mir die Zeit, Coster?“, sagte ich. „Wenn es sowohl unverdientes Glück wie verdientes Glück gibt wie auch verdientes und unverdientes Pech, worin liegt die Erkenntnis, die Sie hier an einem Ort verbreiten, den ich freiwillig nicht aufgesucht hätte? Ich sollte zu Hause sitzen und gar nichts denken.“
„Die Erkenntnis? Das Leben ist so, wie du glaubst, dass es ist, bis jemand kommt und dir das Gegenteil beweist. Dann ist es so, wie er glaubt, denn sein Glaube hat deinen überwunden. Da aber nichts in der Welt von Dauer ist, da das Leben schwingt wie alle Natur schwingt, wird sich die Sache irgendwann wieder wenden, wozu du freilich an irgendwas glauben musst. Und sei es nur daran, dass Vorsorge und Planung dein Leben begünstigen. Wer sich freilich hoffnungslos treiben lässt wie die Leute hier an den Tischen, wird bald vom Leben getrieben werden.“

„Ich weiß ja nicht, welche galaktische Schwingung gerade für Sie gilt, Coster“, sagte ich und stand auf. „Vielleicht haben Sie eine Pechsträhne, weil Sie etwas versäumt haben, vielleicht auch, weil Ihnen jemand das Leben schwer macht, der stärker an sich glaubt als Sie. Für meinen Teil weiß ich, was zu tun ist. Ich gehe jetzt nach Hause und mache einen Bückling vor dem Formblatt, das seit zwei Monaten geduldig auf mich wartet.“

Bückling vor dem Formular (2) – Costers Pechsträne

„Trithemius! Du bist zwar nicht der, den ich zu treffen hoffte, aber sei’s drum, zwei Ohren hast du auch!“, sagte Coster, sah mich an, als wollte er sich dessen noch einmal versichern und hieß mich mitzukommen. Ich folgte Coster in ein Café, das ich freiwillig nie betreten hätte. Das Publikum seltsam gemischt, reiche Tanten, die ihre Klatschsucht und ihren Kuchenhunger stillen und Leute, die vom Schicksal nicht begünstigt sind, die unter normalen Bedingungen ihr weniges Geld zusammenhalten. Und dann haben sie sich fast grundlos in die Stadt begeben, wo ihr Herz zu bluten begann, weil sie nicht kaufen konnten, was die glitzernden Läden anbieten. Jetzt auch noch in einen kalten Nieselregen zu geraten, zu frieren und trotzdem dem Gebot der Einschränkung zu gehorchen, das ist einfach zuviel! Solche Leute, auf der Flucht vor ihrem Leben, die kannst du hier sehen, wie sie über einem Kaffee und einem Stück Torte hocken und sich den Anschein von Wohlanständigkeit geben. Ihre Armseligkeit ist so offensichtlich, dass die Kellnerinnen ihnen den Respekt verweigern und sie maulig bedienen, obwohl man die besten Sachen hervorgeholt hat, um sich stadtfein zu machen.

Coster ignorierte die Kuchentheke und strebte der Treppe zu, die sich hinaufschwingt zur ersten Etage. Und wie wir die Stufen aus falschem Marmor nahmen, stolperte er und suchte krampfhaft Halt am Geländer aus Falschgold. Er fluchte nicht, wie es sonst seine Art war, sondern schien sich still zu ergeben. Und als wir an einem Tisch in der Nische Platz nahmen, da rammte er sich die Ecke der Tischkante in den Oberschenkel. Auch darüber verlor er kein Wort, sondern zwängte sich seufzend auf die Bank an der Rückwand.

„Was machen wir hier“, fragte ich und setzte mich auf den einzelnen Stuhl gegenüber.
„Es lag gerade auf dem Weg, und außerdem …“, Coster schaute sich um und zur Decke hinauf, wodurch sein Gesicht in den Schein eines runden Deckenstrahlers geriet und geisterhaft aufleuchtete, „außerdem – das hier gehörte nicht immer zum Café. Hier waren einst Wohnungen, und ich kannte eine Frau, deren Bett genau hier gestanden hat.“
Für einen Moment sah es aus, als wollte er sich auf der Sitzbank langmachen und in Erinnerungen eintauchen.
„Ich hoffe, das Bett war breiter als die Bank und man stieß sich nicht an Tischecken, wenn man hineinwollte“, sagte ich. Coster beugte sich vor und raunte: „Das ist es, worüber ich mit dir reden wollte, und wären wir woanders hingegangen, so säße ich auch nicht sicherer. Denn seit einigen Tagen ereilen mich die Missgeschicke. Man könnte auch sagen, ich bin vom Pech verfolgt.

Eben erst“, fuhr Coster fort, „ist mir die Kamera hingefallen, als ich aus dem Küchenfenster hinaus einen Baum filmen wollte. Ich hatte die Rändelschraube des Stativs zu weit hochgedreht, so dass die Schraube nicht richtig in die Windung eintauchen konnte. Da kippte mir die Kamera nach vorn und … ich habe nicht einmal versucht, sie zu fangen, es wäre ohnehin vergeblich gewesen. Jetzt ist das Objektiv verbogen. Da hörte ich einen Knall aus dem Bad, und als ich nachsah, lagen allerlei Utensilien auf den Fliesen, die ich in einem Plastikkorb aufbewahre, der mit zwei Saugnäpfen an den Kacheln haftet. Einer der Saugnäpfe hatte sich gelöst, und jetzt hing der Korb albern nach unten, als hätte er die Lust verloren, etwas aufzubewahren, was mir gehört.“

Der Kaffee wurde gebracht, und wir sagten nichts, bis die Kellnerin außer Hörweite war. Ich rettete das Milchkännchen, als Coster zum Zuckerstreuer griff. An der Handkante hatte er eine üble Schnitt- oder Risswunde, und ich hoffte, er würde mir nicht erzählen, wie es dazu gekommen war.

Fortsetzung – Bückling vor dem Formular 3 – Verdientes Pech – unverdientes Glück?