Editorial – Wenn der Autor einen neben sich gehen hat

Meine lieben Damen und Herren,
zu den Besonderheiten unseres Publikationsmediums zählt die Nähe zwischen Schreiberinnen und Leserinnen, Schreibern und Lesern, einmal bedingt durch die zeitliche Nähe von Schreiben und Lesen, jedoch hauptsächlich durch die Kommentarfunktion. Sie ermöglicht den persönlichen Kontakt auf eine Weise, wie es im Printmedium unmöglich oder nur selten möglich ist. Man muss schon eine öffentliche Autorenlesung besuchen, dann auch noch Glück haben, um mit Autorin oder Autor ins Gespräch zu kommen.

Diese Nähe in unserem Medium führt auch zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Autor und Icherzähler. Aus der Buchkultur sind wir gewöhnt an die Vorstellung, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden gibt. Der Autor, die Autorin ist eine reale Person, der Icherzähler/die Icherzählerin ist fiktional, also der Vorstellung entsprungen und lebt nur zwischen Buchdeckeln.

Die in drei Folgen veröffentlichte Erzählung „Bückling vor dem Formular“ ist so ein Fall. Sie ist bereits im Jahr 2014 veröffentlicht im E-Book „In meinem Bügeleisen ist beinah Vollmond.“ Man könnte jedoch glauben, dass sich in ihr Ereignisse abspielen, die meine derzeitigen Probleme betreffen. Die reale Vorlage für Jeremias Coster, mein Aachener Freund Thomas Haendly, ist bereits tot, und das Geschehen ist in Aachen angesiedelt, ohne dass es erkennbar wäre. Das geschilderte Konditorei-Café existiert wirklich.

Da ich in einigen Blogtexten persönliche Erfahrungen schildere, manchmal aber rein fiktional in Ichform erzähle, trage ich ungewollt zur Verwischung der Rollen bei. Deshalb will ich erzählenden Texten zukünftig eine eigene Kategorie zuweisen und ein eigenes Ikon voranstellen, das Traumzeit-Ikon. Das Bild ist der Ausschnitt aus einer farbigen Tusche-Arbeit, die ich gezeichnet habe, als ich noch jung und knusprig war. Nach und nach werde ich zurückliegende Texte in die Rubrik einordnen, auch die Erzählung „Bückling vor dem Formular“, wie bereits geschehen.

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Bückling vor dem Formular (3) – Verdientes Pech – unverdientes Glück?

Der Kaffee wurde gebracht, und wir sagten nichts, bis die Kellnerin außer Hörweite war. Ich rettete das Milchkännchen, als Coster zum Zuckerstreuer griff. An der Handkante hatte er eine üble Schnitt- oder Risswunde, und ich hoffte, er würde mir nicht erzählen, wie es dazu gekommen war.
„Ich will dich nicht langweilen mit weiteren Beispielen“, sagte Coster und wärmte seine Hände an der Tasse. „Wenn der Mensch eine Pechsträhne hat, beginnt er sich zu fragen, welchen Anteil er daran hat und ob ihn das Schicksal für ein Fehlverhalten bestraft.“

„Dabei ertappe ich mich auch gelegentlich“, sagte ich. „Man fragt sich hingegen selten das Gegenteil. Wenn einem unverhofftes Glück widerfährt, sagt man nicht, ach, ich werde belohnt, aber wofür eigentlich? Gibt es nicht Bessere, die es mehr verdient hätten?“
„Wenn jemandem unverdientes Glück widerfährt, dann glaubt er nicht an eine Bestimmung“, sagte Coster ungehalten. „Es würde sein Glück schmälern, wenn er nicht glauben könnte, er habe kraft seiner Existenz verdient, glücklich zu sein. Der schrecklichste Mensch kann vom Glück verfolgt sein, nicht einmal seine Niedertracht, keine seiner Schandtaten vermag sein Glück zu schmälern, solange er an nichts anderes glaubt als an sich selbst. Und zwei Glücklichen kann gelingen, was nicht zu planen und nicht zu trainieren ist, und sei es, dass sie mit Nadel und Faden aufeinander zulaufen und einfädeln.

Aber wer Pech hat“, fuhr Coster fort und betrachtete seinen Handriss, „der muss sich einfach fragen, warum diese unerfreulichen Dinge geschehen, muss überlegen, ob er nicht durch Versäumnisse oder Fehlverhalten das Unglück herbei gepfiffen hat. Denn es gibt Gründe für Missgeschick.“
„Zum Beispiel?“
„Unachtsamkeit, mangelnde Vorsorge, fehlende Planung, missachtete Strukturen, Prokrastination.“
„Gilt denn nicht das Gegenteil als Gewährleistung für Glück? Kann ich es nicht ebenso herbeipfeifen durch Achtsamkeit, Vorsorge, Planung, rechtzeitiges Erledigen und dergleichen?“
„Zweifellos.“
„Was stehlen Sie mir die Zeit, Coster?“, sagte ich. „Wenn es sowohl unverdientes Glück wie verdientes Glück gibt wie auch verdientes und unverdientes Pech, worin liegt die Erkenntnis, die Sie hier an einem Ort verbreiten, den ich freiwillig nicht aufgesucht hätte? Ich sollte zu Hause sitzen und gar nichts denken.“
„Die Erkenntnis? Das Leben ist so, wie du glaubst, dass es ist, bis jemand kommt und dir das Gegenteil beweist. Dann ist es so, wie er glaubt, denn sein Glaube hat deinen überwunden. Da aber nichts in der Welt von Dauer ist, da das Leben schwingt wie alle Natur schwingt, wird sich die Sache irgendwann wieder wenden, wozu du freilich an irgendwas glauben musst. Und sei es nur daran, dass Vorsorge und Planung dein Leben begünstigen. Wer sich freilich hoffnungslos treiben lässt wie die Leute hier an den Tischen, wird bald vom Leben getrieben werden.“

„Ich weiß ja nicht, welche galaktische Schwingung gerade für Sie gilt, Coster“, sagte ich und stand auf. „Vielleicht haben Sie eine Pechsträhne, weil Sie etwas versäumt haben, vielleicht auch, weil Ihnen jemand das Leben schwer macht, der stärker an sich glaubt als Sie. Für meinen Teil weiß ich, was zu tun ist. Ich gehe jetzt nach Hause und mache einen Bückling vor dem Formblatt, das seit zwei Monaten geduldig auf mich wartet.“

Bückling vor dem Formular (2) – Costers Pechsträne

„Trithemius! Du bist zwar nicht der, den ich zu treffen hoffte, aber sei’s drum, zwei Ohren hast du auch!“, sagte Coster, sah mich an, als wollte er sich dessen noch einmal versichern und hieß mich mitzukommen. Ich folgte Coster in ein Café, das ich freiwillig nie betreten hätte. Das Publikum seltsam gemischt, reiche Tanten, die ihre Klatschsucht und ihren Kuchenhunger stillen und Leute, die vom Schicksal nicht begünstigt sind, die unter normalen Bedingungen ihr weniges Geld zusammenhalten. Und dann haben sie sich fast grundlos in die Stadt begeben, wo ihr Herz zu bluten begann, weil sie nicht kaufen konnten, was die glitzernden Läden anbieten. Jetzt auch noch in einen kalten Nieselregen zu geraten, zu frieren und trotzdem dem Gebot der Einschränkung zu gehorchen, das ist einfach zuviel! Solche Leute, auf der Flucht vor ihrem Leben, die kannst du hier sehen, wie sie über einem Kaffee und einem Stück Torte hocken und sich den Anschein von Wohlanständigkeit geben. Ihre Armseligkeit ist so offensichtlich, dass die Kellnerinnen ihnen den Respekt verweigern und sie maulig bedienen, obwohl man die besten Sachen hervorgeholt hat, um sich stadtfein zu machen.

Coster ignorierte die Kuchentheke und strebte der Treppe zu, die sich hinaufschwingt zur ersten Etage. Und wie wir die Stufen aus falschem Marmor nahmen, stolperte er und suchte krampfhaft Halt am Geländer aus Falschgold. Er fluchte nicht, wie es sonst seine Art war, sondern schien sich still zu ergeben. Und als wir an einem Tisch in der Nische Platz nahmen, da rammte er sich die Ecke der Tischkante in den Oberschenkel. Auch darüber verlor er kein Wort, sondern zwängte sich seufzend auf die Bank an der Rückwand.

„Was machen wir hier“, fragte ich und setzte mich auf den einzelnen Stuhl gegenüber.
„Es lag gerade auf dem Weg, und außerdem …“, Coster schaute sich um und zur Decke hinauf, wodurch sein Gesicht in den Schein eines runden Deckenstrahlers geriet und geisterhaft aufleuchtete, „außerdem – das hier gehörte nicht immer zum Café. Hier waren einst Wohnungen, und ich kannte eine Frau, deren Bett genau hier gestanden hat.“
Für einen Moment sah es aus, als wollte er sich auf der Sitzbank langmachen und in Erinnerungen eintauchen.
„Ich hoffe, das Bett war breiter als die Bank und man stieß sich nicht an Tischecken, wenn man hineinwollte“, sagte ich. Coster beugte sich vor und raunte: „Das ist es, worüber ich mit dir reden wollte, und wären wir woanders hingegangen, so säße ich auch nicht sicherer. Denn seit einigen Tagen ereilen mich die Missgeschicke. Man könnte auch sagen, ich bin vom Pech verfolgt.

Eben erst“, fuhr Coster fort, „ist mir die Kamera hingefallen, als ich aus dem Küchenfenster hinaus einen Baum filmen wollte. Ich hatte die Rändelschraube des Stativs zu weit hochgedreht, so dass die Schraube nicht richtig in die Windung eintauchen konnte. Da kippte mir die Kamera nach vorn und … ich habe nicht einmal versucht, sie zu fangen, es wäre ohnehin vergeblich gewesen. Jetzt ist das Objektiv verbogen. Da hörte ich einen Knall aus dem Bad, und als ich nachsah, lagen allerlei Utensilien auf den Fliesen, die ich in einem Plastikkorb aufbewahre, der mit zwei Saugnäpfen an den Kacheln haftet. Einer der Saugnäpfe hatte sich gelöst, und jetzt hing der Korb albern nach unten, als hätte er die Lust verloren, etwas aufzubewahren, was mir gehört.“

Der Kaffee wurde gebracht, und wir sagten nichts, bis die Kellnerin außer Hörweite war. Ich rettete das Milchkännchen, als Coster zum Zuckerstreuer griff. An der Handkante hatte er eine üble Schnitt- oder Risswunde, und ich hoffte, er würde mir nicht erzählen, wie es dazu gekommen war.

Fortsetzung – Bückling vor dem Formular 3 – Verdientes Pech – unverdientes Glück?

Fragment (5) – Wie der Hase läuft

„Wissen, wie der Hase läuft, sagt dir das was, Trithemius?“, fragte Coster, nachdem er sich erneut in meinen Schlummer gedrängt hatte. Zuerst hatte ich ihn gesehen, wie er mit seiner Sammlung kugelförmiger Objekte spielte, sie gegeneinander abwog. Auch den ominösen leeren Kugelfisch hielt er in der Hand und schien in eine Zwiesprache versunken. Dann saß er wieder in meinem Drehstuhl und entlockte ihm Geräusche.

„Zunächst einmal wünsche ich, dass Sie mit meinem Drehstuhl pfleglicher umgehen, Coster. Sie haben durch Ihre Schaukelei schon eine Inbusschraube heraus gerödelt, mit dem Ergebnis, dass mein Stuhl jetzt immerzu, auch bei Tag, knarrende Geräusche von sich gibt. Das nervt.“

„Ja, ja! Kann man wieder einschrauben“, sagte er wegwerfend. „Beantworte meine Frage!“

„So läuft der Hase hier jedenfalls nicht. Die Schraube ist weg, vermutlich liegt sie in der alternativen Realität herum, in der Leute wie Sie sich aufhalten. Ich verlange die Macht über meinen Schlummer zurück und dulde es nicht, dass Sie sich darin breitmachen, wie Sie grad lustig sind. Hätten Sie sich nicht erschossen, könnten wir ganz normal irgendwo beim Kaffee oder abends beim Bier sitzen. Stattdessen immer diese Quatschveranstaltungen in meinem Kopf.“

„Du ahnst also, was ‚wissen wie der Hase läuft‘ bedeutet. Jeder hat das schon mal erlebt beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle etwa, man muss sich zuerst mal orientieren, muss erkennen, wie die Dinge im Sozialgefüge der Kollegen geregelt sind. Man ist ein neues Rädchen in einer Maschine, muss seinen Platz finden und wissen, wie man zu ticken hat, mit wem man sich verzahnt und wer das große Rad dreht, dessen Lauf man nicht behindern darf. Wer sich nicht reibungslos einfügt, wer sich querstellt, wird bald von der Maschine abgestoßen.“

Gegen meinen Willen begann ich mitzudenken. „Ja, der Gedanke hat mich immer schon fasziniert, dass die Struktur des Plans „wie der Hase läuft“ auf diese Weise fortbesteht, letztlich sogar unabhängig von den handelnden Personen. Zwar heißt es ‚Paarung wirkt auf die Partner‘, doch wer neu hinzukommt ist ja zunächst kein ebenbürtiger Partner, hat überhaupt noch keinen sozialen Rang, wenn er nicht gerade eine Führungsposition besetzt. Unter Gleichen oder Ähnlichen muss er sich anpassen und wird fast nichts an der vorgefundenen Struktur ändern können. Demgemäß ist die Struktur mächtiger als alle Beteiligten, und da wir sie nicht wirklich sehen können, existiert sie vielleicht über unseren Köpfen in dieser alternativen Realität, in der Sie, Coster, herumgeistern und wo auch meine Inbusschraube verloren gegangen ist. Eigentlich ein Fall für die Quantenphysik, wenn sie aufhören würde, sich mit Messproblemen zu beschäftigen.“

„So wichtig ist deine Inbusschraube auch nicht“, sagte Coster.

„Nein, ich meinte diese unsichtbaren Sozialstrukturen. Woraus sind sie gemacht? Das könnte die Quantenphysik mal untersuchen, quasi als Hilfswissenschaft der Pataphysik.“

„Egal jetzt!“, unterbrach mich Coster. „Hast du mal darüber nachgedacht, dass es nach dem Ende des 3. Reiches nicht anders war, dass die Strukturen weiterbestanden? Es waren doch fast alle Nazis gewesen. War der Nationalsozialismus etwa wie ein Virus über sie gekommen und war der Zusammenbruch die Katharsis gewesen, nach der alle gesundeten, geheilt wurden und jetzt gegen den Virus immun waren?“

„Schwerte hat das vermutlich von sich geglaubt.“

„Aber der Vergleich hinkt. Nationalsozialismus war keine Viruserkrankung, die vom Immunsystem geheilt wurde. Er wurde von den Alliierten beendet. Äußerlich wurde alles nach und nach wieder gut gemacht, aber die nationalsozialistische Ideologie blieb in den Köpfen, wie ein Parasit, der sich in irgendein Organ des Körpers zurückzieht, dort schlummert und auf günstige Bedingungen wartet. Er ist aber weiterhin wirksam durch die Struktur, die ihn hervorgebracht hat. Wie der Hase zur Zeit des Nationalsozialismus gelaufen ist, läuft er noch heute. Die Traditionspflege reaktionärer Zirkel wie Studentenverbindungen ist letztlich nur die Einweisung des Nachwuchses in Strukturen der Macht. Der Nachwuchs der Eliten soll schon früh wissen, wie der Hase läuft. Die meisten anderen merken erst spät, dass man ihnen diese Informationen vorenthalten und stattdessen Märchen erzählt hat. Da haben die frühzeitig Eingeweihten sie längst links und rechts überholt, haben sie unterlaufen oder sind über ihre Köpfe hinweg gestiegen, haben sie niedergetrampelt und leitende Positionen eingenommen. Wer erst spät merkt, wie die Dinge laufen, schämt sich seiner Naivität, fühlt sich übervorteilt und ist anfällig für den schlummernden Parasiten.“

„Der Parasit ist erwacht“, hörte ich mich noch murmeln und versank.

Fortsetzung – Cupidos Pfeil

Entstehung aus dem Fragment (4) – Beichte des Vaters

Brisantes Material: Costers Büchlein, Foto: JvdL

Die Beichte des alten Klippenhagen

„Komm näher, Renate, was ich dir jetzt sage, darf diese vier Wände nicht verlassen!

Zur Zeit des Nationalsozialismus hat ein junger Literaturwissenschaftler aus Königsberg namens Hans Ernst Schneider eine steile Karriere in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe gemacht. Er war Abteilungsleiter im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler und an den medizinischen Fakultäten in den besetzten Niederlanden unter anderem dafür zuständig, Laboreinrichtungen zu beschlagnahmen, die für Menschenversuche an KZ-Häftlingen in Dachau benötigt wurden. Ob er persönlich an diesen grausamen Vivisektionen ohne Narkose beteiligt war, konnte nie geklärt werden. Dass er jedoch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus untertauchte, werte ich als Schuldeingeständnis. Seine Ehefrau ließ ihn für tot erklären, behauptete, ihr Mann sei bei den Kämpfen um Berlin gefallen. Ein Jahr später tauchte Schneider als Hans Schwerte wieder auf, angeblich ein Cousin  Schneiders aus Hildesheim. Seine vermeintliche Witwe heiratete ihn erneut. Schwerte promovierte nochmals in Literaturwissenschaft, wurde wissenschaftlicher Assitent und bekam bald darauf eine Professur an der RWTH. Als begnadeter Opportunist erkannte er früh die Zeichen der Zeit und gab sich als linker Professor. Bei seinen Studierenden war er überaus beliebt und anerkannt. Das sicherte ihm die studentischen Stimmen bei Wahlen innerhalb der Entscheidungsgremien, und er stieg auf bis zum Rektor der RWTH Aachen und wurde sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Noch während Schwerte Karriere machte, war ein Angestellter der TH-Verwaltung zu mir gekommen und hatte um ein vertrauliches Gespräch gebeten. Er teilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, dass er in Professor Dr. Hans Schwerte den sadistischen Nazi Hans Ernst Schneider wiedererkannt hatte. Er war nämlich in Berlin im persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler Fahrer der Fahrbereitschaft gewesen und hatte Schneider/Schwerte einige Male nach Dachau fahren müssen. Ob er mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit gehen sollte, wollte der Mann wissen. Ich riet ihm dringend ab. Das könnte für ihn als kleinen Angestellten nur die Kündigung, den völligen Ruin und die Vertreibung aus der Stadt bedeuten. Denn Schwerte habe in allen wichtigen Institutionen der Stadt mächtige Freunde.

Jetzt kommt es, Renate, merke gut auf! Zu dieser Zeit hatte ich mich um den vakanten Lehrstuhl für Komparatistik bemüht. Mir war jedoch klar gewesen, dass ich gegen die anderen Bewerber keine Chance hatte. Es mangelte nicht an Qualifikation, mir fehlten die nötigen Beziehungen, denn es war allgemein bekannt, dass im Senat der Hochschule die alten Seilschaften aus der Nazizeit das Sagen hatten, die Alten Herren mächtiger Schlagender Verbindungen teilten den Kuchen gewohnheitsmäßig unter sich auf und protegierten wechselseitig ihre missratenen Zöglinge. Ich war nie Mitglied einer Verbindung gewesen. Meine Eltern, deine Großeltern, Renate, sind auch in der Nazizeit überzeugte Sozialdemokraten geblieben. Sollte ich wegen fehlender brauner Färbung auf irgendeinem wissenschaftlichen Abstellgleis versauern? Also wandte ich mich an Schwerte, teilte ihm kurzerhand mit, was ich über seine Vergangenheit erfahren hatte und verlangte als Tribut für mein Schweigen den Lehrstuhl für Komparatistik.

Obwohl Schwerte Jahre später von Reportern des niederländischen Fernsehens enttarnt worden ist, gilt die Vereinbarung weiterhin. Weil Schwertes Mitwisser im Professorenkollegium nicht genannt werden wollen, weil nicht herauskommen soll, wer ihn über Jahrzehnte gedeckt hatte, kann und will ich den Lehrstuhl an dich weitergeben.“

Renate Klippenhagen war eine Frau von Grundsätzen. Es erfüllte sie mit Genugtuung, dass Schneider/Schwerte letztlich doch noch hatte für seine Taten büßen müssen. Im hohen Alter war ihm das Bundesverdienstkreuz aberkannt worden, er verlor seine Beamtenpension und war verarmt und einsam im Altersheim gestorben. Dieses Unrecht war also aus der Welt. Ihrem Vater den letzten Willen abzuschlagen, brachte sie nicht übers Herz. „Aber Erpressung bleibt auch über Generationen hinweg Erpressung“, sagte sie sich. „Wenn ich schon Nutznießerin dieser Erpressung sein muss, will ich zum Ausgleich etwas Gutes tun und Jeremias Coster seinen Herzenswunsch erfüllen. Ich werde im Senat für die Einrichtung des Instituts für Pataphysik stimmen.“

Eine folgenschwere Entscheidung.

Entstehung aus dem Fragment (3) – Costers Büchlein

Jeremias Costers Büchlein

Über alle Geschehnisse von den Zeiten der Galerie Gegenverkehr an hatte Jeremias Coster getreulich Tagebuch geführt. Es waren etwa 250 Moleskinebüchlein. Diese Büchlein hatte er mir für den Fall seines Todes versprochen, denn ich sah in ihnen zeitgeschichtliche Dokumente, die es zu wahren, zu sichten und auszuwerten galt. Tatsächlich bekam ich nach Costers Freitod vor nunmehr vier Jahren Post vom Testament vollstreckenden Amtsgericht Köln, dass ich die Tagebücher geerbt hatte. Doch ein mit Coster eng befreundeter Kriminalbeamter vom Dezernat für Bandenkriminalität hatte die Büchlein in Absprache mit Costers erwachsenen Töchtern längst schreddern lassen. Sie waren darin einig geworden, dass deren Inhalt nicht an die Öffentlichkeit kommen dürfte, da vieles, was dort notiert war, noch lebende Personen betraf.

In weiser Voraussicht hatte mir Coster bei seinem letzten Besuch bereits 40 Büchlein mitgebracht, mit der Maßgabe, ich solle sie „vorerst in den Giftschrank stellen.“ Nun habe ich einen derartigen Giftschrank nicht, sondern nur eine Truhe, in der ich einen Wust Papiere bewahre, die ich im Frühjahr 2005 in einem Anflug von Schreibwahn bekifft und quasi besinnungslos vor Liebeskummer um Lisette vollgekritzelt habe. Costers Büchlein bilden sozusagen die schützende Deckschicht, so dass ich seither nicht in Versuchung geriet, diese Dokumente meiner geistigen Verwirrung nochmals anzuschauen. Mit einer gewissen inneren Ruhe blätterte ich jedoch stichprobenartig in einigen seiner Tagebücher und stieß auf Notizen, aus denen die Umstände der Gründung des Instituts für Pataphysik an der RWTH Aachen hervorgehen. Vorausgegangen war Costers Versuch, Liana Zanfrisco für sich zu gewinnen. Er wollte ihr mit einem Institut für Pataphysik imponieren, hatte zunächst eine private Einrichtung, finanziert durch eine Stiftung erwogen, hatte dann aber durch günstige Umstände die Gelegenheit bekommen, das Institut der RWTH Aachen anzugliedern.

Eine zentrale Rolle spielte dabei die bereits erwähnte Professorin Dr. Renate Klippenhagen. Sie hatte eigentlich ein Diplom in Textildesign gemacht, doch an seinem Sterbebett hatte der Vater ihr mitgeteilt, dass sie den Lehrstuhl für Komparatistik erben würde. „Diese Familientradition bitte ich dich weiterzuführen, auch wenn du mehr vom Schürzennähen verstehst als von vergleichender Linguistik.“ Renate Klippenhagen war entgeistert. Nie zuvor hatte sie gehört, dass Lehrstühle an Universitäten vererbt werden könnten. Der alte Klippenhagen bat sie, ihm in Ruhe zuzuhören, damit sie verstünde. Zuvor jedoch verlangte er, dass man das Sterbezimmer mit Richard Wagners Walkürenritt beschallt, worauf Renate Klippenhagen ahnte, dass sie passend zu dieser Musik etwas ganz Krankes zu hören bekommen würde.

Es folgt nun die Beichte des alten Klippenhagen, die er am Sterbebett seiner Tochter ins Ohr raunte:

Entstehung aus dem Fragment (2)

Rückblick auf die Ära Jeremias Coster

Bekanntlich hat Jeremias Coster 15 Jahre den Lehrstuhl für Pataphysik innegehabt. In den letzten Jahren vor seinem Freitod hatte er allerdings die Institutsgeschäfte sträflich vernachlässigt. Schon als man ihm seitens der RWTH die Wohnung im Dachgeschoss des Kerstenschen Pavillon zuwies, hatte sich Coster zunehmend den Genüssen des Lebens zugewandt, hatte die Schlieren in seiner leeren Espressotasse fotografiert und seine Zukunft daraus gelesen, hatte kugelförmige Objekte gesammelt, diverse Liebschaften gepflegt, hatte sich mit mir herumgetrieben und sich höchst selten im alten Gebäude des Pataphysischen Instituts sehen lassen. Durch das quasi führungslose Institut war die Wissenschaft der Pataphysik immer mehr an den Rand gerückt und hatte enorm an Bedeutung eingebüßt. Immer häufiger war in Senatskreisen die Ansicht zu hören gewesen, es handele sich bei der Pataphysik mitnichten um eine ernst zu nehmende Wissenschaft. Sie sei vielmehr ein literarisches Konzept, das sich aber seit seiner Formulierung durch Alfred Jarry nicht nennenswert weiterentwickelt hätte, und erst recht nicht durch Professor Jeremias Coster. Man lästerte über Costers Tomatenphilosophie, bei der er Tomaten nach der Anzahl ihrer Kammern gruppierte.


„Wenn Sie eine Dreikammertomate aufschneiden, sehen Sie einen Mercedesstern“, hatte Coster in seiner letzten Vorlesung gesagt. Dabei hatte er eine Schautafel an die Wand des Hörsaals projiziert, wo er auf einzelnen Zeichnungen die Tomaten selbst und die Schnitte durch die verschiedenen Tomaten zeigte. Mit einer kleinen, gezielten Handschrift war dabei die gesamte Costersche Tomatenphilosophie erklärt. Etwas Ähnliches hatte er mit Sektkorken gemacht. Er zeigte auch eine Bildserie mit den kleinen Kaffeemilch-Plastikdöschen, deren Aludeckel man auf- oder abreißen muss. Coster hatte untersucht und gezeichnet, wie es am besten geht.

„Also hören Sie mal, Plastikdöschen mit Aludeckel, ganz abgesehen vom Umweltaspekt“, sagte der Kanzler der RWTH in die Runde der Senatoren, „das ist doch keine Wissenschaft!“ Schon wurde die Frage erörtert, wie es Jeremias Coster überhaupt möglich gewesen war, an der RWTH Aachen das Institut für Pataphysik zu etablieren und dem Institut für Nachrichtengeräte im alten Institutsgebäude am Königshügel Räumlichkeiten abzutrotzen. Da fühlte sich Professorin Dr. Renate Klippenhagen, die den Lehrstuhl für Komparatistik inne hatte, zu einem schwachen Widerspruch genötigt. Schließlich war sie in ihrer frühen Jugend wie „jede, aber wirklich jede Frau ein bisschen in Jeremias Coster verliebt“ gewesen, damals in den 1960-er Jahren, als der junge Coster als Student der Architektur charmanter „Hausmeister“ in der legendären Galerie Gegenverkehr gewesen war. Coster bewohnte nämlich eine kleine unbeheizte Wohnung im Dachgeschoss des Gebäudes im Hinterhaus der Aachener Theaterstraße, Hausnummer 50, zahlte fast keine Miete, weil er die Aufgabe übernommen hatte, die Galerie auf- und abzuschließen. Auf diese Weise hatte er Zugang zu avantgardistischen künstlerischen Kreisen gefunden, denn im Gegenverkehr verkehrten nicht nur die aufstrebenden Maler Gerhard Richter und Mel Ramos, sondern die wichtigsten Vertreter der neodadaistischen Fluxusbewegung wie Joseph Beuys, Wolf Vostell, Nam June Paik, die barbusige Cellistin Charlotte Moorman und der selbsternannte Kunst- und Ästhetikschwätzer Bazon Brock.

Ende der 1990-er Jahre hatte Coster in der Villa eines befreundeten Künstlers nahe Verviers anlässlicher einer Feier mit 100 Gästen die beiden letzten lebenden Vertreter der ersten Generation der Pataphysiker getroffen, das Ehepaar Odette und André Blavier. Freilich, was heißt „getroffen?“ Er hatte nur Augen für die schöne italienische Künstlerin Liana Zanfrisco gehabt, deren 40. Geburtstag gefeiert wurde und die ihn bezauberte, weil sie sich mit ausgewählten männlichen Gästen fotografieren ließ, indem sie sich halb auf deren Schoß setzte und sie mit einem Arm locker umhalste. Coster war unter ihrer Umarmung dahingeschmolzen und hütete diese Fotografie wie einen Schatz. Möglicher Weise waren ihm die Blaviers vorgestellt worden, aber so richtig elektrisiert hatte ihn die Pataphysik erst, nachdem zuerst André, dann Odette Blavier gestorben waren und Liana Zanfrisco das Werk Odettes in einer Art Retrospektive in einem Lütticher Museum vorstellte. Er war mit dieser Liana im Auto von Aachen zur Ausstellungseröffnung gefahren und noch Tage wie verzaubert herumgelaufen.

In der Fortsetzung wird erzählt werden, unter welch dubiosen Bedingungen das Aachener Institut für Pataphysik entstand.