Vom Ächzen, Knirschen und Knarzen der Dinge

In alter Zeit, als ich noch jung und elastisch war, da knackte es in meinen Knien, wann immer ich mich hinhockte. Es ist bis heute quasi das einzige unorthodoxe Geräusch, das ich mache. Alles Knirschen, Ächzen, Knarren, Klappern, Knicken, Knacken und was die deutsche Onomatopoesie sonst noch an unerfreulichen Schallwörtern bereithält, all das kommt nicht von meinen morschen Knochen her, wie böse Zungen behaupten, sondern von perfiden mich umgebenden Dingen. Da ist beispielsweise mein Bürostuhl, von dem ich glaube, dass ihn Costers Geist auseinander geraggelt hat.

Jedenfalls habe ich Coster einmal dabei erwischt. Seither kann dieser Stuhl einfach nicht still sein. Soeben habe ich das Teil mühsam auf die Seite gelegt und alle Schrauben, die ich sehen konnte, mit einem Inbusschlüssel nachgezogen. Der Schweiß rann mir von der Stirn, als ich mit dem schweren Sitzmöbel hantierte, leider vergeblich. Nun wird mir bewusst, dass mich sein Ächzen schon längere Zeit gestört hat. Da ich aber ein Mann bin, der Störendes gut ausblenden kann, ist mir das eklige Ächzen meines Bürostuhls kaum ins Bewusstsein gerückt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es mir unbewusst als heftige Dissonanz in die Texte geraten ist. Wenn meinen Texten in letzter Zeit das lieblich Perlende gefehlt hat oder wenn die Sprache nicht floss, sondern holperte, da ächzte mein Bürostuhl hinein. Seine Rollen holperten quietschend, ächzend und knackend über das durch Missklang ausgetrocknete Flussbett der Sprache, und ich kann froh sein, dass es mir manchmal gelang, auf die seitliche Grasnarbe auszuweichen und den Text einigermaßen nach Hause zu bringen.

Manche werden fragen, ob von mir je ein lieblich perlendes Sprachflüsslein zu lesen gewesen sei. Sie könnten sich jedenfalls gar nicht erinnern, würden es folglich nicht vermissen. Ich antworte vorsorglich, dass des Menschen Erinnerung sehr sehr trügerisch ist. Da ist ja nicht nur der schwer ächzende Bürostuhl, da sind auch noch die Dielen, die nicht still sein können, im ganzen Haus nicht, denn ich höre auch die von oben, wenn meine Obernachbarin umhergeht, und sie, ich muss sie gar nicht fragen, denn sie scheut das Gespräch mit mir, sie wird quietschende Dielen von ihren Obernachbarn hören und so weiter und so weiter, das ganze Haus hinauf ächzen Dielen, bis in die obere Etage und noch weiter. So türmt sich das Ächzen der Dinge auf und auf bis ins Universum und gibt einer tief im Weltall horchenden intelligenten Spezies große Rätsel auf. Man hat die Laute längst katalogisiert und kategorisiert. Außerirdische Linguisten glauben, eine Sprache zu erkennen, wie einst der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher glaubte, die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselt zu haben. Aber es war alles falsch, plausibel und doch ganz falsch, wie 150 Jahre später der Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion am polyglotten Stein von Rosetta erkannte.

Man muss ja die außerirdischen Linguisten nicht gleich häuten und verbrennen, man kann sie immerhin noch als religiöse Lehrer verwenden, aber ich versichere und rufe es ins All hinaus, dass menschliche Sprachäußerungen in der Regel nicht vom boshaften Ächzen von Bürostühlen und Dielen begleitet werden. Da die hässlichen Töne aber unleugbar vorhanden sind, wäre eher eine kulturphilosophische Frage aufzuwerfen. Wäre diese Welt ganz anders, würde sie nicht krächzen, ächzen, quietschen, knarren? Was wäre, würde alles in ihr flutschen wie ein in Vaseline getauchter Finger?

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 2)

Folge 1 hier

Was ist gruselig an Wuppertal? Als Kind bin ich mal im Wuppertaler Zoo gewesen und auch mit der weltberühmten Schwebebahn gefahren. Weil die Stadt sich in den engen Talgrund der Wupper quetscht, ist da kein Platz für eine Straßenbahn. Stattdessen hängen die Bahnen in 12 Metern Höhe an einem Schienensystem, das ziemlich genau dem Verlauf der Wupper folgt, eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst aus dem Jahr 1901. Die Streckenlänge beträgt 13 Kilometer, und noch viel länger scheint die Stadt zu sein. Selbst wenn du mit dem ICE hindurch rauschst, scheint Wuppertal kein Ende zu nehmen, und du hast das Gefühl, diese Stadt will dich nicht weglassen. Und dann, gerade hast du dich gegruselt angesichts der steilen Straßen und der hohen hässlichen Häuser, von denen sie gesäumt sind, gerade hast du dich geschüttelt, weil du dir Leben in diesen Häusern vorgestellt hast, irgendwelche Lebensformen, die einem nur in etwa menschlich vorkommen, da hält der ICE auch noch im schäbigen Wuppertaler Hauptbahnhof, einer Ansammlung von mit Brettern vernagelten Ruinen. Vor dem Hauptbahnhof, stadteinwärts, hat es jahrelang ein riesiges Loch gegeben. Ich staune darüber, Arbeiter in orangefarbenen Warnjacken zu sehen und dass sie es offenbar geschafft haben, das Loch zu schließen. Andererseits sah ich sie schon im vergangenen Februar daran arbeiten. Wieso sind die Arbeiten in sieben Monaten nur geringfügig fortgeschritten? Eventuell reißt das Loch, wenn es gerade geschlossen ist, über Nacht wieder auf, gleich einer schwärenden Wunde, an der alle ärztliche Kunst versagt. Ich frage mich, welchen Menschenschlag drängt es, in so einen feuchten, finsteren Talgrund wie den der Wupper zu ziehen? Warum blieben sie nicht auf den luftigen und manchmal sogar sonnigen Höhen des Bergischen Landes? Vor Jahren traf ich einmal im ICE den psychedelischen Dichter und Zeichner grotesker Dinge Eugen Egner. Er fuhr bis Wuppertal mit.
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