Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

Wiliam Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

William Blake; „Europe a Prophecy“ (1794)

Ich liebe den Zustand des Dämmerns, bevor ich einschlafe. Dann gehen mir völlig selbstständig mich selbst überraschende Gedanken durch den Kopf. Plötzlich sehe ich Jeremias Coster in meinem Bürostuhl sitzen, wie immer liebenswürdig lächelnd. Obwohl mein Bürostuhl noch neu ist, gelingt es Coster, ihm quietschende Geräusche zu entlocken, indem er hin- und herwippt.
Ich mahne: „Das ist kein Schaukelstuhl!“
„Habe ich auch nicht behauptet“, sagt Coster und fährt fort: „Ich hätte Lust, dir etwas mitzuteilen oder mit dir zu besprechen, was ich herausgefunden habe.“
„Da bin ich gespannt. Aber es ist auch ein bisschen gruselig. Sie sind meines Wissens tot, Coster. Ich habe Ihre Asche mit eigenen Händen verstreut. Jahre ist’s her. Und jetzt sitzen Sie da und strapazieren meinen Bürostuhl.“
„Das ist doch nicht ungewöhnlich. Du erinnerst dich gewiss, dass dem visionären Malerdichter William Blake sein verstorbener Bruder im Traum erschienen ist und hat ihm ein neues Druckverfahren gezeigt.“
„Aber ich bin nicht William Blake, nur Herausgeber einer virtuellen Frauenzeitschrift für Männer, und als Druckverfahren reicht mir Kartoffeldruck.“
„Vergiss das für zehn Minuten und konzentriere dich! Sonst verstehst du wieder nur die Hälfte:

Wir wissen, dass der Mensch sich die Wirklichkeit mit Hilfe der Sprache konstruiert, dass überhaupt jede Weltwahrnehmung, wenn sie bewusst werden soll, zuerst in Sprache gegossen werden muss. Die Versprachlichung einer Wahrnehmung ist quasi eine Form der Selbstmitteilung, eine Übersetzung und Reduktion von geschätzt sekündlich etwa 10.000 Sinneseindrücken sowie einer Unzahl neuronaler Prozesse auf eine fassbare Form. Es versteht sich von selbst, dass diese Abstraktion von Weltwahrnehmung ein höchst subjektiver Akt ist, der objektives Denken so gut wie unmöglich macht. Es gibt offenbar Abstraktionsmechanismen, die von den Absichten (beispielsweise bedingt durch Guten Willen oder Böswilligkeit) und der persönlichen Struktur des Menschen abhängen, (etwa Farbenblindheit oder Schwerhörigkeit, Synästhesie oder absolutes Gehör) und solche, die durch die Struktur einer Sprache bedingt sind, indem sie für einen Sachverhalt fein differenziertes Wortmaterial oder nur grob Unterscheidendes zur Verfügung stellt. Der Mensch ist sich seiner Abstraktionsmechanismen kaum bis gar nicht bewusst, so dass er sich bei der Versprachlichung der Illusion hingeben kann, objektiv über seine Welt zu urteilen. Dieser geheime Ordnungs- und Selektionsprozess, lässt uns glauben, die Realität objektiv erleben zu können.”

Coster quietscht wieder ausgiebig mit dem Bürostuhl und fährt in seinen Ausführungen fort: “Der größte Betrug der Sprache an unserer Weltwahrnehmung ist was?”
“Äh, dass wir zu wenig Wörter für Schnee haben?”
“Quatsch! Es ist die Zeitform Präsens. Sie suggeriert, dass es zwischen Vergangenem und Zukünftigem so etwas wie Gegenwart gibt. Dabei ist Gegenwart immer nur plötzlich und dauert nicht länger als die Aussprache von plötzlich. Sobald uns nämlich was bewusst wird, ist es auch schon Vergangenheit.”

Interessant! Aber leider muss ich ganz plötzlich eingeschlafen sein. Und dieser Wachtraum ist jetzt auch schon wieder fünf Wochen alt, obwohl er hier im Blog ganz gegenwärtig erscheint.

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18 Kommentare zu “Plötzlich, plötzlich – über die Illusion der Gegenwart

  1. Schön, wie auch in der ge- oder erträumten Begegnung die Unterschiede in der Hierarchie erhalten bleiben, es wird gedutzt und gesitzt. Doch mir stellt sich gerade eine Frage, die mit dem Inhalt deines Textes zu tun hat. Wie funktioniert die Selbstkonstruktion, das Verständnis der eigenen Person und der Welt, wenn jemand die Sprache verliert, konkret bei einer globalen Aphasie? Ich frage mich, wie der innere Monolog eines Menschen aussieht, der der Sprache nicht mächtig ist – oder nie mächtig war.

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    • Indem die Akteure sich unterschiedlich duzen und siezen, erspare ich mir, die wörtliche Rede immer wieder durch einen Trägersatz zuzuordnen. Der Leser weiß auch so, wer gerade redet. Zu deiner Frage nach der außersprachlichen Selbstkonstruktion: Mein Schlaganfall zeigte sich mir ja durch den Neglect, die Halbseitenblindheit. Das heißt, ich eckte linksseitig überall an, denn eine Seite von mir war nicht mehr in unserer gemeinsamen Welt, sondern ragte in eine eigenartige Dimension. Ich habe in der Kur einen Neuropsychologen gefragt, was denn mit den Leuten ist, deren Neglect ihren ganzen Körper erfasst. „Das wissen wir nicht“, sagte er, „wir haben ja den Zugang zu ihnen verloren.“ Ich könnte mir denken, dass es bei totalem Sprachverlust ähnlich ist.

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      • Ein Bekannter (86 Jahre alt, in Sao Paulo lebend) hat seinen Schlaganfall überlebt und ist eigentlich wieder ganz da. Bis auf seine Sprache, die hat er verloren. Ich telefoniere immer wieder mit seiner Haushälterin, um zu erkundigen, wie es ihm geht. Einmal hatte ich ihn am Telefon. Er versuchte zu reden. Die einzigen Worte, die ich lediglich verstehen konnte, waren „Jawoll“ und „nicht wahr“. Der Rest war eine Sprache, die mich an das lautstarke Murmeln eines Flusses erinnerte. Und der Tonfall dieses Murmelns zeigte mir, ob er eine Alternativfrage oder offene Frage gestellt hatte. Leider war ich nicht fähig, den Inhalt seiner Frage zu verstehen. Aber er hatte sich gefreut, mit mir zu sprechen, und das war das Wichtige dabei.

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        • Danke für deinen Kurzbericht. Wir müssen unterscheiden, ob nur die Stimmwerkzeuge betroffen sind oder das Sprachverstehen im Gehirn. Bei mir hatten Stimme und Artikulation gelitten, was nach 2 1/2 Jahren Logopädie weitgehend wiederhergestellt ist und sich von selbst weiterhin verbessert. Im ersten Jahr hatte ich nur geringe Kontrolle über den Tonfall, wusste beispielsweise nicht, ob sich eine Frage wie eine Frage anhören werden würde. Zudem erschwerte sich bei Ermüdung der Gesichtsmuskulatur die Artikulation, so dass ich oft lieber gar nichts gesagt, sondern irgendwie lauter gedacht habe. Mein Denken in Sprache hat sich dadurch intensiviert, und ich kann viel stärker als früher in Gedanken versinken. Dein Bekannter scheint ja auch noch in Sprache denken zu können. Der Wunsch zu sprechen ist noch da, nur gelingt die Artikulation nicht. Das kann sich noch verbessern, wenn er nicht aufgibt, denn selbst bei Schädigungen des Gehirns können andere Teile die Aufgaben übernehmen. Das liegt an der erfreulichen Plastizität des Gehirns.

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  2. Die flüchtige Gegenwart ist ein schöner Gedanke. Oder zumindest ein interessanter, den manchmal würde man sie ja doch gerne noch ein wenig festhalten.
    Bürostühle sollten manchmal knarren und kurz vor dem Einschlafen darf sich ein längst gegangener Gast darauf nieder lassen. Die Dämmerung ist dafür gut geeignet. Tagsüber erschrickt man sich zu leicht.

    Liebe Grüße

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    • Du kennst dich mit längst Gegangenen aus, liebe Mitzi, wie ich schon mehrfach bei dir hab lesen können. Coster ist freilich mehr ein literarisches Phänomen. Ich hatte diese Figur schon früh erfunden. Dann lernte ich mit Thomas H. einen Mann kennen, der ein enger Freund wurde. Was ich mit ihm erlebte, ist in die Figur Coster eingeflossen. Aber er hat ja vor nun fast drei Jahren den Freitod gewählt. Jetzt ist Coster wieder ganz fiktiv wie auch die obige Szene.

      Lieben Gruß

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