Botschaft für Rudi

Der Wind kräuselt die Wasserfläche und verleiht ihr eine Optik wie fließendes Milchglas. Am Ufer steht ein Mammutbaum. Lichtreflexe wandern über seinen gefurchten Stamm und die Unterseiten der Zweige, ein Spiel von Sonnenlicht und Wasser. Für einen Augenblick rutsche ich aus der Zeit. Hab ich nicht schon Jahre zuvor an diesem Platz im Georgengarten gesessen? Dem Lärm der Stadt bin ich glücklich entflohen. Hier ist nur das Rauschen der Bäume im Wind, Enten schießen schnatternd über den Teich, Vögel zwitschern. In der Ferne zieht eine Straßenbahn vorbei.

Wie wieder Ruhe ist, kommen auf der anderen Seite des Teiches junge Leute mit einem Ghettoblaster daher. Zum Glück entfernen sie sich wieder. Oben auf den Stufen des Leibniztempels habe ich eben zwei Frauen mit einem herumstreunenden Hund gesehen. Der Hund heißt Rudi. Rudi kann man gut rufen. Ich habe den Verdacht, dass die Frau ihren Rudi herumstreunen lässt, damit sie nach ihm rufen kann „RUUUDI!!! RUUUDI!!!“ Sie scheint dem gleichen Impuls des akustischen Horror Vacui zu gehorchen wie die Jungs mit dem Ghettoblaster. Wo Lärm fehlt, wird Lärm gemacht. Und Rudi weiß, welche Aufgabe ihm zukommt, entfernt sich immer wieder, damit sie einen Grund hat, „Ruuudi!“ zu rufen. Vermutlich ist ihr nicht bewusst, was sie da tut, ebenso folgt Rudi ja einer antrainierten Verhaltensweise. Wie der Hund seine Duftmarken hinterlässt, um sein Revier zu markieren, müssen manche Leute eine akustische Duftmarke absetzen. Warum auch nicht, Entengeschnatter und Vogelgezwitscher sind nichts anderes.

Mir kommt „Rudy, A Message To You“ von den Specials in den Sinn. Ich versuche es zu singen und auf meinen Oberschenkeln den Ska-Rhythmus zu trommeln. Und weil mir das Singen nicht gut gelingt, hole ich mein Tablett aus dem Rucksack, rufe den Titel bei YouTube auf und lasse die Specials singen. Den Finger halte ich aber am Lautstärkeregler, denn ich will keinesfalls anderen auf den Geist gehen mit den Specials. Das haben sie nämlich nicht verdient.

Die Frauen ziehen ab, über die Wiese den Hügel hinunter und schicken sich an, den Teich zu umrunden. Rudi rennt jetzt an einer langen roten Leine. Trotzdem kann er immer noch zum Ufer runter und Enten aufscheuchen. „Ruuudi!“ Eine lange Leine ist auch eine Botschaft. Man kann sich leicht vorstellen, dass Rudi durch eine kurze Leine eine andere Botschaft empfängt. Nicht etwa, weil die Botschaft durch eine kurze Leine schneller fließt. Auch die Botschaft der langen Leine erreicht Rudi augenblicklich. Sie muss nicht erst die Leine entlang schleichen. „Das Medium ist die Botschaft“, sagt schon Marshall McLuhan.

Gibt es eigentlich eine gesetzliche Längenbeschränkung für Hundeleinen? Oder richtet sich die maximale Länge nach ihrem Gewicht? Kleine Hunde können gewiss nur kurze Leinen ziehen. Aber bei einem Husky etwa könnte die Hundeleine doch fünf Kilometer lang sein, oder? Rudi jedenfalls dürfte mit seiner langen roten Leine nicht auf ähnlich angeleinte Hunde treffen. Beim beschnuppernden Umrunden und dem Hin und Her der Begrüßung seiner Artgenossen, würde er sich mit ihren Leinen unrettbar verknoten, und kämen Frauchen und Herrchen heran, fänden sie ein verknäueltes Etwas gleich einem Rattenkönig. Da hülfe auch kein Rudi-Rufen mehr. Im Gegenteil, es verböte sich. Denn in seinem Eifer, gehorchen zu wollen, würde Rudi das Leinengewirr nur verschlimmern, zerren und reißen, und am Ende lägen Rudi und seine Freunde stranguliert auf der Wiese. O himmlische Ruhe! Hoffentlich weint Frauchen leise.


The Specials; Rudy, A Message To You

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