Eine Wahnsinnswelt voller Zeichen

Es muss jetzt etwas über das komplexe und unlogische Zeichensystem im menschlichen Alltag gesagt werden. Beginnen wir mit der Fußgängerampel. Sie kann rotes und grünes Licht anzeigen. Rot ist die verbindliche Aufforderung zu stehen, bei Grün darf der Fußgänger die Straße überqueren. Am Ampelmast befindet sich ein gelbes Schaltelement, mit dem ein Fußgänger der Ampel den Bedarf zur Überquerung der Straße melden kann. Drückt er dieses Element, leuchtet ein blinkender Schriftzug auf: „Signal kommt.“ In Erwartung dieser angekündigten Grünphase schon loszugehen, ist gefährlich, bei Strafe verboten und gilt als moralisch höchst verwerflich, „wenn Kinder in der Nähe sind.“ Wenn jedoch während der Straßenüberquerung das Ampellicht wieder auf Rot wechselt, muss man nicht mitten auf der Straße stehen bleiben, sondern darf straflos weitergehen, auch wenn Kinder zusehen. Also ist es manchmal erlaubt, bei Rot über die Straße zu gehen, manchmal verboten, je nachdem, ob die Rotphase sich vor der nächsten Grünphase befindet (verboten) oder kurz nach der Grünphase (erlaubt). Da aber bei nur zwei Phasen die eine Phase immer gleichzeitig vor oder nach der anderen Phase ist, … verrückt!
Signal-kommt
Gewährsleute haben mir zudem berichtet, dass der gelbe Wunschknopf überhaupt nichts bewirkt, der blinkende Schriftzug „Signal kommt“ mithin einerseits der Unterhaltung dient, um die Wartezeit auf Grün zu verkürzen und andererseits Ungeduldige besänftigen soll.

Ähnlich unlogisch sind Aufschriften an der Kleidung von Menschen. Trägt einer den Schriftzug POLIZEI auf der Jacke, zeigt das an, dass der Träger ein Mitglied der staatlichen Ordnungsmacht ist. Wenn aber beispielsweise ein junger Mann eine Jacke trägt mit der Aufschrift „Oxford University“, bedeutet es nicht etwa, dass er als Professor an dieser bedeutenden Universität lehrt, sondern dass er vermutlich nicht lesen kann. Er findet nur die Buchstaben dekorativ.

Manchmal tragen Leute ein Namensschild, genannt Monogramm. Steht aber auf der Jacke „Jack Wolfskin“, ist es zwar auch ein Monogramm, bedeutet aber nicht, dass der Träger der Jacke so heißt. Anfangs hat mich das irritiert, denn ich habe schon Hunderte mit dem Namen Jack Wolfskin gesehen und vermutete, sie würden in einer Fabrik am Stadtrand aus Fleischklöpsen geklont. In Wahrheit sind es ganz normale Menschen. Sie betreten in der Innenstadt einen Laden als beispielsweise Hans Schafspelz und kommen wieder heraus als Jack Wolfskin. Für das Privileg, ihre Individualität aufzugeben und das Monogramm Jack Wolfskin zu tragen, bezahlen sie Geld. Mein irdischer Gewährsmann Herr Leisetöne glaubt, dieses Phänomen habe etwas mit Mimikry zu tun. Das bedeutet: Harmlose Tiere ahmen das Aussehen von gefährlichen Tieren nach, um Fressfeinde abzuhalten. Welche Fressfeinde vom Monogramm Jack Wolfskin abgehalten werden, weiß ich nicht.

An der Anwesenheit von sogenannten Antikörpern im Blut können menschliche Biologen versteckte Krankheitserreger aufspüren. Auf gleiche Weise können wir von der Mimikry auf die geheim und versteckt lebenden Fressfeinde schließen. Sie müssen viel größer sein als beispielsweise ein dicklicher Mann mit feisten Oberschenkeln, damit sie ihn fressen können. Vermutlich handelt es sich um eine Sorte Außerirdische aus einem hinteren schmutzigen Winkel der Galaxis, von denen man mir in der Galaktischen Registratur nichts gesagt hat. Diese „Aliens“ genannten Fressfeinde der Menschen können Lateinschrift lesen und verstehen Englisch. Wenn sie auch noch mit der Konnotation englischer Namen vertraut sind, denken sie, dass Jack ein zäher Naturbursche aus lauter Muskeln und Samensträngen ist (Lumberjack). Die außerirdischen Fressfeinde sind also ziemlich dumm, wenn sie glauben, ein Jack in einer Jacke wäre ungenießbar. Auf die Idee, einen aus der Haut zu pellen, sind sie offenbar noch nie gekommen. Vielleicht wäre ein Jack ohne Jacke sogar ziemlich lecker.

Die Jack-Wolfskin-Mimikry hat einen erheblichen positiven Nebeneffekt, nämlich die Begünstigung bei der Partnerwahl. Weibchen finden Jack-Wolfskin-Männchen besonders attraktiv und paaren sich gern mit ihnen, weil sie hoffen, dass man ihnen kleine Jacks macht, die ebenfalls nicht gefressen werden. Auf diese Weise findet eine natürliche Selektion statt. In wenigen Jahrzehnten wird man auf den Straßen und Plätzen nur noch Jackenträger sehen, die Jack heißen. Dann sind die außerirdischen Monster gekniffen.

Äh, vom Thema abgekommen. Es ging um das unlogische Zeichensystem der Menschen. Sie haben Zeichen, die etwas bedeuten, solche, die nur in bestimmten Augenblicken etwas bedeuten und je nach Augenblick verbieten oder erlauben und sie haben Zeichen, die nur den Anschein erwecken, etwas zu bedeuten, aber eigentlich etwas ganz anderes meinen. Dass sie sich in diesem komplexen Zeichensystem zurecht finden, ist eine beachtliche Intelligenzleistung, obwohl in der Galaktischen Registratur die Meinung vorherrscht, die menschliche Art wäre strunzdumm.

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14 Kommentare zu “Eine Wahnsinnswelt voller Zeichen

  1. Eine Fussgänger-Ampel ist rot. Gedrückt wurde. Am anderen Ende stehen Kinder. Selber hat man – wie üblich – keine Zeit und die Ampel will und will nicht grün werden. Was ist zu tun?. Einfach rübergehen und wenn dann die Fußgänger-Ampel auf den letzten Meter „grün“ wird, einfach mal laut einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen: „Gerade noch bei Grün geschafft!“ Ansonsten hilft nur ein „Die Ampel ist kaputt!“.
    Und schon ist moralisch alles im grünen Bereich. Und sollten die Blauen auftauchen, um Gotteswillen NIE die Frage „Sie wissen, warum wir sie angehalten haben?“ mit einer Bestätigung der Frage beantworten. Denn dann wird es teuer: wegen Vorsatz.
    Mit diesen beiden Kniffen lässt sich die Realität auch gestalten …
    … und beim Überqueren immer die Arme ausgestreckt halten. Dann können die Sanitäter einen leichter unter dem Auto hervor ziehen …

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    • Früher habe ich ein Format geschrieben, das „Ethnologie des Alltags“ hieß. Gerade entdecke ich wieder, dass sich das Wunderliche unseres Alltags leichter aus der Außensicht beschreiben und enttarnen lässt. Daraus ergeben sich spielerisch literarische Elemente. Aber das System hinter diesen Anzeichen ist noch nicht ausformuliert und vermutlich so chaotisch wie das Leben selbst. Im Roman “ Die Papiere des PentAgrion“ ist das Fremd-in-diese-Welt -Geworfensein ebenfalls das Leitmotiv. Die Bloggerin Marana hat damals fast eine Doktorarbeit daraus gemacht, in meinen früheren Texten die Bezüge ausfindig zu machen, quasi Spuren gefunden, die ich gar nicht gelegt hatte, sondern sich irgendwie aus meiner Grundhaltung ergeben.
      http://abcypsilon777.blog.de/2009/11/14/papiere-pentagrion-nachschrift-teil-7371301/

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      • Es ist immer wieder spannend, wie viel Texte über ihre Autoren aussagen, auch wenn der Text scheinbar nichts mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat. Wenn sich da jemand die Mühe gemacht hat, das bei dir einmal heraus zu arbeiten, dann ist das sicher aufschlussreich. Genau betrachtet wollen wir das aber wohl auch, Grundhaltungen auch dann transportieren, wenn wir nicht über Grundhaltungen reden und schreiben.

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      • Das ist auch ein besonderer Aspekt am Bloggen und der schriftlichen Interaktion. Schon nach kurzer Zeit gewinnt man einen deutlichen Blick auf den inneren Menschen. Man hat ja nur die Spracher und ist nicht von optischen oder haptischen Signalen abgelenkt.

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      • Ja, da schau her, ich fühle mich geschmeichelt. Und ja, ich lese viel und schnell, aber bedauerlicherweise vergesse ich dann auch wieder genau so schnell. Jedoch ist dein Teppichhaus relativ gut aufgeräumt, sodass es sich dort gut kramen und auch finden lässt.
        🙂

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  2. Pingback: Einiges über mikrobiotische Reisezentren |

  3. Zu recht, Marana! Dass es am PentAgrion damals so gut weiterging, verdanke ich zum Teil dir, zum Teil Einhard, den Autoren der anderen Handlungsstränge Careca und Videbitis, und teilweise natürlich auch den anderen Bloggerinnen und Bloggern, die intensiv kommentiert haben. Leider brach es dann ab, weil mir eine neue Beziehung in die Quere gekommen ist. Beziehungen können mich beflügeln, solange ich nicht zu sehr vereinnahmt bin.

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