Lesefrüchtchen, Bier und schöne Schultern


Auf den Straßen der Stadt brandet ohne Unterlass der Autoverkehr, auf den Gehwegen ist ein Kommen und Gehen, unzählige Sonnenhungrige bevölkern den weitläufigen Georgengarten, liegen lustvoll im Gras oder scharen sich um einen qualmenden Grill, doch irgendwo nahebei im hannoverschen Universitätsviertel sitzt eine kleine magere Frau über den alten Briefen des Dichters Johann Paul Friedrich Richter, besser bekannt als Jean Paul (1763 – 1825) und versucht, seine mühsam zu lesende Kurrentschrift zu entziffern.

Man kann sich den Zauber vorstellen, der sie umfängt, wenn sie die Briefe von der Hand eines bedeutenden Schriftstellers des 18. Jahrhunderts studiert und eintaucht in die Vergangenheit, in die Gedankenwelt Jean Pauls, die sich in seinen privaten Nachrichten enthüllt. Manchmal wird sie lange über einem Wort sitzen und versuchen, die Bedeutung zu entschlüsseln. Das ist eine schwierige Angelegenheit, denn die Orthographie weicht stark von der unsrigen ab, und viele der Wortschöpfungen Jean Pauls sind kryptisch. Man muss wissen, worauf er anspielt, muss die Verhältnisse und die geistigen Ideen seiner Zeit kennen, um den gemeinten Sinn zu erschließen. Beispielsweise schreibt Jean Paul über hungernde Schreibermönche:

    (…) wenige von uns standen noch den Hunger der Mönche aus, deren Abschreiben durch die Erfindung der Buchdruckerkunst entbehrlich wurde; daher sie mit Recht sagen, den Erfinder derselben, den Doktor Faustus, hätte leider der Teufel unstreitig geholet (…).“ Aus: Jean Paul; Untertänigste Vorstellung unser, der sämtlichen Spieler und redenden Damen in Europa, entgegen der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen; in: Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen, München 1971, (S. 99 f)

Jean Paul setzt hier irrtümlich den Mainzer Anwalt und Geldverleiher Johannes Fust mit dem Doktor Faustus der Volkssage gleich. Im 18. Jahrhundert wusste man nichts von Johannes Gutenberg, weil sich Johannes Fust in den Besitz von Gutenbergs Druckerei gesetzt und als Erfinder des Buchdrucks ausgegeben hatte. Dass nicht Fust, sondern der Goldschmied Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, wurde erst durch neuere Forschungen bekannt. [Näheres über den Wirtschaftskrimi hier:]

Unter Schwierigkeiten mit der Handschrift Jean Pauls und mit seinen Anspielungen auf das Wissen seiner Zeit vergisst Frau Dr. Meier die Welt da draußen, vergisst vielleicht auch zu essen und ist stolz und glücklich, wenn sie den Briefen wieder einen Schatz abgerungen hat, beispielsweise eine launige Bemerkung Jean Pauls über Leibniz und seine Monadologie. Wer schon selbst einen schwierigen Acker bearbeitet hat, weiß die Ergebnisse zu schätzen, die Frau Dr. Meier in einer Vorlesung den interessierten Fachkollegen vorträgt. Und so sparen sie nicht mit Lob, wenngleich mein Freund Konrad Fischer und ich froh sind, dass sie endlich fertig ist mit ihrem papierdünnen Vortrag, der vom prachtvollen Hörsaal fast verschluckt wurde.

Trotzdem, es war inspirierend, wie wir später merkten, als wir in einer Lindener Kneipe ein Bier nach dem anderen kippten und uns angeregt unterhielten. Allerdings war ich bald abgelenkt durch eine hübsche junge Frau, die in meinem Blickfeld saß und ihre wohl gerundeten Schultern zeigte, erst eine, und da ihr Gesprächspartner offenbar noch nicht verwirrt genug war, ließ sie ihr Oberteil verrutschen und entblößte wie zufällig auch ihre zweite Schulter. Worüber sie mit ihrem Partner sprach, konnte ich nicht hören. Aber es ging bestimmt nicht um die beinahe mauskleine geistige Beziehung Jean Pauls zu dem gut hundert Jahre früher lebenden Gottfried Wilhelm Leibniz, die Frau Doktor Meier in mühevollster Kleinarbeit aus den Briefen Jean Pauls herausgefiddelt hat. Doch: „Kultur ist Reichtum an Problemen“, schreibt Egon Friedell. Ob er damit auch die Probleme meint, die eine schöne Frau mit entblößten Schultern bereiten kann, weiß ich freilich nicht.

6 Kommentare zu “Lesefrüchtchen, Bier und schöne Schultern

  1. Lieber Jules,

    Was Frau Dr. Meier nicht weiß, macht sie zum Glück nicht heiß.
    Wie jetzt in meinem Fall, dass mir Marmormädchenschultern zu Jean Pauls Erkenntnissen im Kopf zurück bleiben. Als letztes leicht verwirrendes Bild sozusagen, in meinem nur zu gerne mit Genuss schnabulierenden Lesekopf. Was nicht das Schlechteste ist, denn es macht Jean Paul und die Erkenntnisse über ihn für mich saftiger.

    Darum danke schön.
    Für Frau Dr. Meier und ihren Denkstübchenzauber, für Jean Paul und besonders für das Bild der entblößten Schultern.
    Wenn Frauen Schulter zeigen ist das schwer sexy und wenn Männer das machen, ist es einfach nur ein verrutschter Ausschnitt.
    Dabei sind entblößte männliche Schultern….,
    aber huch, das Rollengebilde wird gerade schon wieder zu lang hier…:-)

    Liebe Grüße,

    Amélie

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    • Liebe Amélie, du sagst es treffend, ein starkes Bild prägt sich ein und mit ihm das eher Trockene um Jean Paul. Er ist für heutige Leser schwere Kost, denn seine Texte sind wie Presswürste, voller Anspielungen auf damaliges Wissen, was nur lose mit der Handlung zu tun hat. Er hatte eine riesige Exzerptensammlung, Tausende Seiten, und was darauf stand, findet sich oft in seinen Erzähltexten, so dass man immer wieder nachschlagen muss, was er da eigentlich meint. Ein entblößte männliche Schulter wirkt auf mich leider gar nicht. Ich sehe sie nicht einmal.
      Danke und lieben Gruß,
      Jules

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  2. Anregende Lektüre, wofür ich mich fein bedanke!
    Gern wüsste ich, was ich unter einem papierdünnen Vortrag zu verstehen habe?
    Gruß von Sonja, die auch so ein Hemdchen trägt ab und zu, bei dem gerne die ein oder andere Schulter zu sehen ist…

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    • Freut mich, liebe Sonja. „papierdünn“ ist eine Augenblicksbildung und soll vereinen den sprachlichen Stil der Vorlesung, der doch sehr an Papierdeutsch erinnerte und wie sie mit dünner Stimme vorgetragen wurde. Die nackte Schulter ist ein erotisch stark aufgeladenes Zeichen. Glücklicherweise sinds hier nur Worte. Ich hörte von einem Pastor, der sich weigerte, eine Frau auch nur anzusehen, wenn sie schulterfrei vor ihn trat.

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  3. Was für eine hübsche Zusammenführung von zwei schönen Frauen, lieber Julius. Die eine muss auf ihre Art schön sein, denn wer sich mit so viel Leidenschaft, Geduld und Hingabe dem entziffern alter Briefe widmet ist in meinen Augen immer schön. Du weißt sicher was ich meine, nicht unbedingt äußerlich aber Leidenschaft und Hingabe für ihn ganz oft zu einer Art von Schönheit die ein Mensch ausstrahlt. Bei der anderen Frau ist es leichter. Eine entblößte Schulter ist häufig sehr viel schöner und reizvoller als… Zum Beispiel entblößte brüste am FKK Strand.

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