Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 3) Faustischer Buchdruck – Die Schwarze Kunst

Das Besondere an der Erfindung des Buchdrucks ist die bewegliche Druckletter aus Blei, Zinn und Antimon. Als Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, um das Jahr 1435 damit experimentierte, sicherte er sich als Gehilfen den Kalligraphen Peter Schöffer, denn die Gestaltung der Drucklettern sollte den schönsten Handschriften seiner Zeit entsprechen. Gutenberg hatte den Ehrgeiz, seine Drucke wie handgeschrieben aussehen zu lassen. Dazu übernahm er auch den typografischen Formenkanon mittelalterlicher Handschriften, den Satzspiegel (das Verhältnis von Textblock zum Papierformat), den Blocksatz, den Schriftcharakter und die für die Bibel gängige Schriftgröße. Das erklärt die herausragende Qualität seines Meisterstücks, der 42-zeiligen Bibel. Doch das Zeitalter des Buchdrucks beginnt mit einem Wirtschaftsverbrechen, das erst Mitte des 19.Jahrhunderts aufgedeckt wurde. Bis dahin galt nicht Johannes Gutenberg, sondern Johannes F(a)ust als Erfinder des Buchdrucks. Dazu frühe Zeugnisse:

„Fausts so schön gedruckten und einander so gleich kommenden Bibeln, die er in Paris zwar immer noch theurer, aber viel wohlfeiler verkaufte, als die dasigen geschriebenen verkauft werden konnten, wurden für Werke gehalten, die nicht auf gewöhnliche, erlaubte Weise hervorgebracht waren“,

… schreibt der Schriftschöpfer, Verleger und Gelehrte Johann Gottlob Immanuel Breitkopf in seinem Aufsatz „Über Buchdruckerey und Buchhandel in Leipzig“ (Leipzig 1793). Gemeint ist der Mainzer Anwalt, Geldverleiher und spätere Buchdrucker Johannes F(a)ust. Am Anfang dieses historischen Irrtums steht ein kapitalistisches Lehrstück. Gutenberg hatte sich von Johannes Fust mehrmals Geld geliehen, zuletzt 800 Taler für den Druck der 42-zeiligen Bibel. Als die Bibel beinahe fertig gedruckt war, verlangte Fust sein Darlehen zurück, weil Gutenberg es angeblich zweckentfremdet hatte. Gutenberg konnte nicht zahlen, und so ließ Fust seine Werkstatt pfänden, um sich in den Besitz der Druckerei zu bringen. Vorher hatte er sich die Unterstützung von Peter Schöffer gesichert. Es kam zu einem Prozess, den Gutenberg verlor. Er erschien nicht einmal selbst vor Gericht. Denn als er erfuhr, dass sein Geselle Peter Schöffer mit Fust gemeinsame Sache machte, wusste Gutenberg, dass er verloren hatte. Die Geschichte wird in dieser Werbeanzeige hübsch illustriert dargestellt, die Motive des Verräters Peter Schöffer habe ich in der Dramatisierung „Die Lib zu Christinen“ erzählt [zu lesen am Schluss dieses Eintrags]:

„Fust wins suit. Gutenberg loses shirt“ (Geschäftsanzeige in: Upper and lower case, 1/1983)
Die Federzeichnung zeigt Gutenbergs Druckerei, darin den verzweifelten Gutenberg mit der 42-zeiligen Bibel in der Hand, hinter ihm einen Büttel, der die Hand auf seine Schulter legt, daneben den skrupellosen Fust, der die Schuldverschreibung präsentiert. Einer der vier Gesellen im Hintergrund muss Gutenbergs erster Gehilfe Peter Schöffer sein.


Gutenbergs weiteres Leben liegt im Dunkeln. Fust und Schöffer betrieben erfolgreich die erste Buchdruckerei der Neuzeit. Doch Fust wurde nachgesagt, dass er mit dem Teufel im Bunde war, denn gegen Ende des 16. Jahrhunderts kam es zu einer Vermischung der Legenden über den Buchdrucker Johannes Faust und den Taschenspieler Georg Sabellicus aus Knittlingen, der sich Faust der Jüngere nannte. In einer Reihe von Dramatisierungen um die Wende des 18./19. Jahrhunderts wird Faust als der Erfinder des Buchdrucks und gleichzeitiger Schwarzkünstler dargestellt, so in J. N. Komarecks Schauspiel: „Gemählde aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts“ von 1794. Das Faust’sche Haus ist hier „eine Wohnung des Satans, der Mittelpunkt der Hölle.“ Jean Paul verweist darauf, dass die durch die Druckerei arbeitslos gewordenen und hungernden Schreibermönche mit Recht sagen würden, „den Erfinder derselben, den Doktor Faustus, hätte leider der Teufel unstreitig geholet.“ Und Grillparzer dichtet:

O lichte Schwarze Kunst,
Ob Gutenberg, ob Faust,
War man zu Recht im Zweifel,
Denn halb kommst du von Gott,
Und halb kommst du vom Teufel.

Der schlechte Ruf der Druckkunst erklärt vielleicht den seltsamen Gruß der Buchdrucker:
„Gott grüß die Kunst!“, grüßt der Drucker. „Gott grüße sie!“, ist die korrekte Antwort.Indem sie sich so gottesfürchtig zeigen, glauben sie den Ruch des Teufelswerks zu widerlegen.

Drucken hieß früher „Prenten“, im Niederländischen „prenten“. Die Entsprechung im Englischen ist „to print“, vergl. „Printmedien.“ Die Niederländer glauben, sie hätten einen eigenen Erfinder der Druckkunst: Laurens Janszoon Coster soll die ersten Lettern in einer Sandform gegossen haben. Sie können zum Beweis allerdings fast nichts vorweisen. Doch es gibt eine Geschichte, die besagt, Johannes Faust sei sein Geselle gewesen. Er habe dem Coster in der Heiligen Nacht die Druckkunst gestohlen, als alle anderen in der Christmette waren. So einer muss doch mit dem Teufel im Bunde sein. Denn in der Heiligen Nacht zu stehlen, traut sich das ein einfacher Mensch?

Der schwarzmagische Ruf der Druckkunst ist längst vergessen. Heute wissen wir, dass mit dem Buchdruck das Denken der Neuzeit begann. Der Buchdruck brachte die Trennung von Religion/ Magie und Wissenschaft, den Rationalismus der Aufklärung, formte und verbreitete die Hochsprache und prägte unsere kulturellen Vorstellungen bis zum Ende des 20. Jahrhundert.

Die Macht des gedruckten Wortes schwand mit dem Aufkommen des Computers. Indem das gedruckte Wort buchstäblich sein Gewicht verlor und vom Blei über Fotopapier in die digitale Welt entfleuchte, kommt etwas Neues auf, ein Denken, das zunehmend vom Internet geprägt wird. Welche Folgen das hat, wie sich das digitale Denken auf unsere Kultur auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Wir erleben diese Zeit des Umbruchs gerade und wirken daran mit. Noch fehlt dem Internet die Akzeptanz, wie sie auch dem Buchdruck in seinen Anfängen fehlte. Wer beispielsweise seine Texte nicht drucken lässt, sondern sie im Internet in einem Blog veröffentlicht, erfährt noch lange nicht die Anerkennung, die ein gedruckter Autor hat. Ähnliches gilt für den Journalismus. Hier verteidigen die Journalisten ihre gedruckte Zeitung gegen die Internetauftritte wie einst die Kalligraphen und Schreiber gegen den Buchdruck kämpften.

Seit Mitte 70er Jahre des 20. Jahrhunderts ist der Bleisatz und mithin der klassische Buchdruck museal. Setzkästen werden heute bei Ebay von Fingerhutsammlern für ihre Exponate ersteigert. Manche bewahren in Setzkästen ihre Überraschungseier-Figurensammlung auf. Am Ende wird alles Hehre banal.


Die Lib zu Christinen

Verrat im Morgengrauen der Schwarzen Kunst

Wir schlüpfen in die Haut von Peter Schöffer, nach dessen Haus und Hof ein bekanntes Weizenbier benannt ist.

Du hast Eisblumen am Fenster. Und du bibberst in deinem Bettkasten. Es will dir nicht warm werden. Du hast einfach zu lange in der Hofeinfahrt gestanden. Wie hast du in der Finsternis gewartet. Gezittert hast du unter deinem Umhang, und verflucht hast du dein elend dünnes Wams. Ja, das war in Paris ein anderes Leben gewesen. Dort konntest du dich besser kleiden, in der Zeit, als man deine Dienste benötigte. Für deine Schrift hat man dich gelobt, dich gut bezahlt, wenn du ihnen ein Blatt in der Gebrochenen geschrieben hast, die du so artig zu schreiben verstehst. Deshalb hat der Gensfleisch dich auch haben wollen. Er vermochte es nicht selbst. Das Alphabet von deiner Hand hat er sich fragen müssen von dir.

„Als Vorbild“, hat der Gensfleisch gesagt. Und du hast gewusst, dass er mehr von dir wollte als ein geschrieben Blatt.
„Wenn’s ein Vorbild sein soll, dann ist es nicht wohlfeil. Du wirst mich in deine Kunst einweisen müssen!“, hast du erwidert, und der Gensfleisch hat dir deinen Willen lassen müssen. Er ist ein Technicus dieser Gensfleisch. Woran ihr gemeinsam schafft, das wird gut. Die Tryckkunst, das Prenten, es wird euch reiche Frucht eintragen. Doch noch ist das Säckel leer, der Lohn ist karg. Wie sollst du dir also ein Winterwams zulegen?

„Ach, Christine, warum lässt du mich warten!“ seufzest du in die Nacht hinein. Einmal nur spüren, wie ihr Atemhauch das Gesicht dir streift, einmal nur ihre Hände halten, einmal nur merken, wie ihr Busen sich im Seufzer hebt. Da! Ein flackernd Licht hinterm Fenster!

„Bist du es, Christine, Geliebte mein?“
„Ja, mein Peter, ich konnt’s nicht eher richten. Der Vater hat mich nicht ausgelassen. Er ahnt etwas, Peter, du bist in Gefahr. Er wird die Mordbuben nach dir senden.“
„Das soll mich nicht schrecken“, hast du gesagt. Doch kalt ist dir geworden. Und ehe Christine dich hat erwärmen können, ist sie auch schon fort. Nur ein flüchtiger Kuss ward dir gegeben.

Nun will auch dein Bett dich nicht wärmen, und wie du noch jammerst, wird jäh dir eng ums Herze. Du liegst starr: Was atmet da in der Finsternis? Du bist nicht allein in deiner finstren Kammer! Ein meckernd Lachen. Und dann erhebt sich eine Stimme, sie ist dir wie Grollen und Gewitterhall:
„Was wagst du es, Schöffer Peter, unter meinen Augen meine Tochter zu freien?! Du wirst mir Rechenschaft ablegen, Bube! Und kommst du nicht aus, musst du mir zu Willen sein!“

Und so ist es in dieser Nacht zur Verabred mit dem Fust gekommen. Christinen will er dir geben. Doch du musst falsch Zeugnis ablegen gegen den Gensfleisch vor Gericht. Auch sollst du den Fust in der Kunst des Gensfleisch unterweisen. Er will mit dir vollenden, was der Gensfleisch nimmer vollenden wird. Morgen wird der Fust die Gerichtsbüttel holen und herüber kommen zu des Gensfleisch Werkstatt. Du sollst dich raushalten, hat Fust dir gesagt, denn der Gensfleisch soll nit wissen, was die Verabred ist, er ist ein jäher Meister.

“Willst du leiden, dass er dir ans Leben geht? Ich brauche dich, Schöffer Peter, wir beide haben einen Pakt.“
„Hab nit drauf geschworen!“
„Doch, du hast! ‚Sonst soll mich der Gottseibeiuns holen‘, ich hab’s von deiner Hand auf dem Kontrakt! Und willst du nicht auch mein Eidam werden?“

Wird fortgesetzt

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13 Kommentare zu “Die Kulturgeschichte der Typografie in einer Nussschale 3) Faustischer Buchdruck – Die Schwarze Kunst

  1. Es stimmt immer ein wenig traurig, wenn etwas so Wichtiges langsam verschwindet und das Werkzeug dazu auf ebay verschachert und zweckentfremdet wird. Tröstlich ist, dass die Handschrift nie verschwinden wird. Daran glaube ich fest. Es wir also immer Texte geben, die einmal geschrieben nicht mehr geändert werden können. Ein Fluch und ein Segen zugleich.

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