Mal den Antwerpes reinhalten – Nachlese der Tour-de-France-Berichterstattung bei der ARD

Das Substantiv lässt sich unterteilen in Name und Klassenbezeichnung. Namen haben keinen Artikel, weil sie beispielsweise Einzelpersonen bezeichnen, etwa einen Mann namens Florian und keine Klasse von Personen mit den gleichen Merkmalen. Mit einer solchen Klasse von Florians hatte ich aber drei Wochen zu tun, mit den Radsportreportern der ARD, Florian Nass und Florian Kurz, also umgekehrt Kurz und Nass. Ich schaute mir nämlich jeden Tag die Übertragungen der Tour de France an, der Bilder malerischer französischer Land- und Ortschaften wegen, in erster Linie aus Begeisterung für Radsport.

Die kam so: Ich war gerade mal zarte 15 Jahre alt, als die Tour de France in meine Heimat kam, weil sie in diesem Jahr in Köln gestartet war. Die Tourkarawane kam die B477 lang, und an der winzigen Welle zwischen Butzheim und Frixheim habe ich damals im Schatten der Alleebäume gestanden und gewartet. Schon da bestand der Tourtross aus vielen Fahrzeugen, deutschen Polizisten, französischen Gendarmen, Signalgebern und Fotoreportern auf Motorrädern, ungezählten Autos und Motorradgespannen mit Kommissären, die den korrekten Verlauf des Rennens überwachten, und anderen Offiziellen und so weiter und so weiter, alle hupend und auf Trillerpfeifen blasend und wieder ein Motorrad und noch ein Auto und mehr aufgeregtes Tuten und Flöten, das die Erwartung in ungeahnte Höhen steigert, ein Augenblick der Ruhe vor dem Sturm, die erschrockenen Vögel heben wieder an zu singen, und dann rauscht das Fahrerfeld heran, eine bunte Schar gebeugter Männer auf Rennmaschinen wischt vorbei und verschwindet, hast du nicht gesehen, aus dem Blickfeld.
Weiterlesen

Advertisements

Als mein Gewissen nichts wert war (6)

Ich kannte den Gefreiten Krabetz, einen gebürtigen Kölner. Er saß beim Delmenhorster Bataillon in der Schreibstube des Oberleutnants, der die Versetzungsanträge bearbeitete. Krabetz berichtete, der meinetwegen gescholtene Oberleutnant habe sich sehr wohl um meine Versetzung nach Köln bemüht. In dessen Auftrag habe er, Krabetz, eine Reihe von Kasernen im Großraum Köln angeschrieben, aber keiner habe Platz für mich. Vermutlich wollte sich keine Kompanie mit einem nicht anerkannten Kriegsdienstverweigerer belasten.

Inzwischen fiel es mir immer schwerer, die schwangere Marie allein zu lassen. Ich fand eine Methode, das zu unterlaufen, meldete mich sonntags von zu Hause aus telefonisch in der Bremer Kaserne krank und ging montags in Köln zum Arzt. Dort gab es eine medizinische Einrichtung der Bundeswehr, in der überwiegend W-18-er Ärzte arbeiteten, also junge Ärzte, die ihren Wehrdienst ableisteten. Unter denen fand ich immer eine mitleidige Seele, die mich für eine Woche „heimkrank“ schrieb, auch wenn ich keine echte Erkrankung vorweisen konnte. Die Angelegenheit war jedoch unglaublich stressig für mich, denn in der Kompanie glaubte man, mein Spiel durchschaut zu haben und strafte mich mit allerlei Repressalien ab. Zusätzlich belastete mich der Umstand, lügen zu müssen, wenn ich in der Nähe meiner schwangeren Frau sein wollte, was ich für meine vorrangige Pflicht hielt, statt mich bei der Bundeswehr mit sinnlosen Tätigkeiten festhalten zu lassen.

Von meiner Not schrieb ich an den Wehrbeauftragten des Bundestages, eine weisungsbefugte Behörde, an die sich Soldaten mit ihren Problemen wenden können, ohne den Dienstweg einhalten zu müssen. Es dauerte noch drei Monate, dann verfügte der Wehrbeauftragte meine wundersame Versetzung ins Kölner Heeresamt. In der Führung der Bremer Kompanie versuchte man auch das zu behindern, indem man meinen Versetzungstermin durch einen Wochenend-Wachdienst verzögerte und mich erst drei Tage verspätet wegließ, als ich den Dienst in Köln längst angetreten haben sollte. Schon wieder suchten mich die Feldjäger, aber klingelten diesmal bei meiner schwangeren Frau.

Die letzten drei Monate meines Wehrdienstes verbrachte ich mit Büroarbeit in der Stammdienststelle des Heeres unter relativ zivilen Bedingungen und als sogenannter Heimschläfer. Ich hatte bei der Stabskompanie im Heeresamt nicht mal ein Bett. Als Schrank diente mir eine Besenkammer, in die ich nach meiner Ankunft einfach den Seesack auskippte, ein herrliches Privileg gegenüber den anderen, die ihre Hemden sauber auf DIN-A4-Größe falten mussten, was freitags vor dem Wochenendurlaub per „Stubendurchgang“ durch Unteroffiziere überprüft wurde.

Bei meinem Dienstantritt in der Stammdienststelle wurde ich vom Leiter, einem väterlichen Oberst, vorgestellt mit den Worten: „Der Gefreite van der Ley wurde zu uns versetzt, weil seine Ehefrau unter schwierigen Bedingungen schwanger ist.“ Da war mein Sohn längst geboren, einen Monat zu früh, ein Winzling, der mich heute um einen ganzen Kopf überragt. Seine Geburt hatte ich sogar miterleben können, weil ich glücklicherweise gerade „heimkrank“ war, als bei Marie die Wehen einsetzten.

In der Stammdienststelle des Heeres traf ich auch den Gefreiten Krabetz wieder. Weil er nichts von meiner Eingabe an den Wehrbeauftragten wusste, glaubte er, meine Versetzung nach Köln wäre sein Werk, und dachte, ich müsste ihm ewig dankbar sein. Da ich seine Erwartungen ungewollt enttäuschte, rannte er ständig hinter mir her und rief: „Ne, ne, wat hann isch alles vür dich gedonn!“ Überhaupt wurde mein Soldatsein hier von Absurditäten und ungewollter Komik gekrönt, wovon bei Gelegenheit noch erzählt werden könnte.

Nachtrag
Im Jahr 1977 wurde mit der sogenannten Postkarten-Novelle die mündliche Gewissensprüfung abgeschafft. In Erwartung dieser Gesetzesänderung ruhten alle ausstehenden Verfahren. Ein Jahr darauf, ich war längst Student und stand kurz vor dem 1. Staatsexamen, wurde ich brieflich gefragt, ob ich meinen Antrag auf Anerkennung weiter verfolgen wollte. Ich bejahte und wurde vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht endlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.

Als mein Gewissen nichts wert war (4)

So abrupt, wie meine Kindheit endete, als ich mit 13 eine Lehre begonnen hatte, so abrupt endete auch meine Jugend. Plötzlich hatte ich den Staat gegen mich aufgebracht und musste mich seinen Forderungen unterwerfen. Marie, meine Lebensgefährtin, hatte ein wenig Geld aufgetrieben. Unser gemeinsames Glück hatte nur wenige Monate gewährt. Jetzt wurde es immer schwieriger für uns. Ich konnte erstmals ahnen, wie sich meine Patentante Liesl und ihr Mann gefühlt haben mochten. Sie wollten mitten im Krieg heiraten. Er hatte dafür Heimaturlaub von der Front bekommen. Am Abend der Hochzeit, noch vor der Hochzeitsnacht wurde er zurück an die Front abberufen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte nie mehr zurück. Als kleines Kind hatte ich mitbekommen, wie meine Mutter und Tante Liesl stundenlang am Radio saßen und horchten, als die Namen von „Spätheimkehrern“ aus der russischen Kriegsgefangenschaft verlesen wurden. Endlose Namenslisten leierten aus dem Radiolautsprecher, und nie wurde ihr Hoffen und Bangen belohnt. An die Front sollte ich nicht, aber mich in eine Maschinerie einfügen, deren Handwerk Krieg und Töten ist. Und ich musste Marie in ungeklärten Verhältnissen zurücklassen, war in Sorge um sie und konnte nichts für sie tun.

Mit den letzten fünf DM kaufte ich eine Zugfahrkarte nach Mönchengladbach. Ich dachte, dass man mich vom Kreiswehrersatzamt gleich in die Kaserne verschicken würde. Zu meiner Überraschung empfingen mich die zivilen Beamten überaus freundlich. An der Wand des Büros hing eine Karte der Umgebung, für die man zuständig war, gespickt mit vielen Fähnchen, die jeweils einen Wehrpflichtigen markierten, der seiner Einberufung nicht gefolgt war. Man war froh, dass ich freiwillig gekommen war, denn die Feldjäger hatten mehrmals vergeblich bei meiner Mutter geklingelt, im Dorf, wo ich noch immer polizeilich gemeldet war. Ein Fähnchen weniger auf der Karte. Für mich war beruhigend zu sehen, dass ich kein Einzelfall war. Folglich gab es auch Routinen, wie jetzt weiter zu verfahren war. Ich sollte nach Adelheide bei Delmenhorst. „Aber“, sagte der eine, „die haben jetzt sowieso Osterdienstbefreiung. Ich frage mal nach, ob Sie die auch bekommen.“ Ein kurzes Telefonat mit der Ausbildungskompanie, und ich durfte meinen Wehrdienst mit Osterurlaub beginnen. Man händigte mir neue Papiere aus, eine Zugfahrkarte nach Delmenhorst und verabschiedete mich mit den besten Wünschen.

Plötzlich stand ich als freier Mann wieder auf der Straße, aber ohne Geld für die Rückfahrt. Ich hatte wohl noch ein paar Groschen und rief aus der Telefonzelle bei meinem CDU-Onkel an, um mir Geld für die Fahrkarte zu leihen. Nur die angeheiratete Tante ging ran und war überaus ungehalten mit mir. Sie müsse jetzt weg und könne nicht auf mich warten. Allein Thomas, ihr ältester Sohn, mein Cousin, sei dann zu Hause. Als er klein war, hatte ich oft auf diesen Thomas aufgepasst, wenn er bei meiner Oma zu Besuch war. Jetzt öffnete er die Tür der elterlichen Villa nur einen spaltbreit, sagte altklug: „Du machst ja Sachen“ und schob mir ein 5-Mark-Stück durch den Spalt. In der eigenen Familie verpönt zu sein, zeigte mir, dass ich mich zu weit außerhalb der anerkannten Rechtsordnung bewegt hatte. Ab jetzt sollte es demütigend werden.

Im Text „Geben Sie dem Mann ein Haarnetz“ habe ich Kuriosa vom Beginn meines Daseins als Bundeswehrsoldat geschildert. Aber so heiter, wie es dort anklingt, war es nicht. Ich galt als unbotmäßig, und man tat in den folgenden 18 Monaten einiges, meinen Widerwillen zu brechen. Das gelang nicht, sondern ich lernte das Soldatendasein zu hassen, die engstirnigen Vorgesetzten, das dumme Prinzip „Befehl und Gehorsam“, den militärischen Drill, die sinnlosen Tätigkeiten und ewige Langweile im Dienst. Ich habe mich nach Kräften gewehrt, aber muss zugeben, dass man mir einiges an Schneid abgekauft hat, bevor ich nach Ablauf des Wehrdienstes vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht in Sachen Van der Ley gegen Bundesrepublik Deutschland als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde.

Folge 5

Als mein Gewissen nichts wert war (2)

Ich bin mit der Zeitfolge ein bisschen durcheinander gekommen. Das gestern genannte Datum meiner politischen Erweckung im Schwarzwald musste ich nach unten korrigieren, weil ich sonst die Ereignisse nicht unterbringen kann. Es ist soviel passiert in dieser Zeit und in meinem Leben, Ich war also 16, als meine dörfliche Filterblase zerstört wurde. Plötzlich konnte ich überall das Verlogene, das Falsche und Fadenscheinige im konservativen Weltbild ringsum sehen. Mit 18 wurde ich gemustert und für wehrtauglich befunden.

Hallo wach!

Mit 19 brach ich mir bei der Arbeit in einer Kölner Druckerei den Fuß. Eine hüfthohe, schmale Rolle Rotationspapier wurde auf mich zugerollt; ich sollte sie in Richtung Rotationsmaschine umlenken, gab ihr zuviel Schwung, so dass sie kippte, ich sprang zurück, aber nicht weit genug, die Rolle klatschte zu Boden, erwischte mit ihrer Kante meinen linken Mittelfuß und brach ihn glatt durch. Obwohl ich nur sechs Wochen mit Gipsbein lahmgelegt war, wurde meine Einberufung für zwei Jahre zurückgestellt. Irgendwie hoffte ich, man würde mich vergessen, aber als nach zwei Jahren die Einberufung drohte, reichte ich den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung ein und wurde zur mündlichen Prüfung meines Gewissens zum Kreiswehrersatzamt Mönchengladbach vorgeladen.

Inzwischen hatte ich mich aus der dörflichen Enge befreit, las Pardon, Konkret und die Frankfurter Rundschau, manchmal auch die deutschsprachige Ausgabe der Peking-Rundschau. Mit 20 war ich mit meiner Freundin, der späteren Mutter meiner Kinder, nach Köln in eine Wohnung gezogen. Obwohl sie nur ein Zimmer hatte und möbliert war, wähnte ich mich im Paradies und wollte das keinesfalls aufgeben und zur Bundeswehr.

Der Prüfungsausschuss bestand aus drei Personen. Die beiden Beisitzer waren interessierte Laien und hatten nichts zu sagen, der Ausschussvorsitzende wurde von der Bundeswehr gestellt. Aufgeführt wurde absurdes Theater, denn wie lässt sich das Gewissen junger Menschen erforschen? Ich hatte mich aus der Literatur vorbereitet, wusste, was ablaufen würde und rechnete mir nur geringe Chancen aus. Auf Rat meiner Freundin hatte ich mir in der Apotheke Captagon besorgt, ein Weckamin, das in studentischen Kreisen als „Hallo wach!“ bekannt war und in Prüfungssituationen bei der Konzentration helfen sollte.

Vor mir betrat einer von den Zeugen Jehovas den Prüfungsraum. Der brauchte natürlich kein „Hallo wach“; es hätte seinem Glauben nur geschadet. Jedenfalls war er nach fünf Minuten wieder draußen und anerkannt. Religiöse Gründe wurden einfach akzeptiert. Aber ich hatte nach Auffassung der Kommission einen politischen Grund angegeben, was ziemlich ungeschickt war. Ich weiß nicht, ob es am Captagon lag, jedenfalls sagte ich, es wäre nicht auszuschließen, dass die Bundeswehr einmal in einen Angriffskrieg verwickelt werden würde. Das wies der Ausschussvorsitzende entrüstet von sich und stellte mich als Spinner dar. In Anspielung auf das gewaltsame Ende des Prager Frühlings fragte er listig: „Was würden Sie denn machen, wenn Sie Tscheche wären, russische Panzer würden ihre Freundin bedrohen, und Sie hätten ein Gewehr? Würden Sie Ihre Freundin im Stich lassen?“
„Das weiß ich nicht. Ich bin ja kein Tscheche.“
Da diktierte er ins Protokoll: „Der Antragsteller wüsste nicht, was er machen würde, wenn er Tscheche wäre.“ Insgesamt war das Protokoll ein Dokument des Irrsinns. Ich junger Mensch wollte niemanden totschießen müssen, der mir nichts getan hat, und man konfrontierte mich mit Fangfragen und einer hypothetischen Situation bar jeder Realität, denn was hätte ich denn ausrichten können mit einem Gewehr gegen einen Panzer? Die Absurdität solcher Prüfungsfragen hat die Kölschrockgruppe BAP in ihrem Lied „Stell dir vüür“ verpackt;

Hier der Originaltext mit verfügbarer Übersetzung.

Leider habe ich das Protokoll nicht mehr, sonst könnte ich die Bundesrepublik verklagen, dass man mir 18 Monate kostbarer Lebenszeit gestohlen hat. Denn inzwischen ist die Bundeswehr in unzählige Angriffskriege verwickelt gewesen oder noch verwickelt.

Natürlich wurde ich vorerst nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und bekam wenige Monate später meine Einberufung nach Delmenhorst. Mein Versuch, mir zwischen zwei schweren Setzkästen den Finger zu brechen, misslang. Eines Abends, als Freunde zu Besuch waren und wir einiges getrunken hatten, habe ich Einberufung und Wehrpass im Waschbecken verbrannt. Besonders der Wehrpass brannte nicht gut, und seine Reste haben das Waschbecken tagelang verstopft. Ich erinnere mich noch an den Besuch des Hausbesitzers, einem großspurigen Bauern aus der Voreifel und seinem Hausmeister, der das verstopfte Waschbecken richten sollte. Da sagte der Hausbesitzer noch gönnerhaft: „Die sollen sich ja waschen, die sollen ja sauber sein!“, aber kriegte fast einen Anfall, als die Reste des Wehrpasses zu Tage kamen.

Folge 3

Pater Arnolds Zugunfälle und ich

In dem Jahr, in dem mein Vater starb, hatte er für meinen älteren Bruder und mich eine Modelleisenbahn gebaut. Es war eine Anlage so groß wie unser Esstisch mit einem Anbau halb so breit. Dieser Anbau konnte mit Hilfe stabilisierender Leisten seitlich angefügt werden, so dass die komplette Anlage links und rechts über die Querseite des großen Küchentischs ragte. Da wir nur das eine Zimmer hatten, Wohnzimmer und Küche in einem, wurde die Anlage nach dem Spielen demontiert und mit dem Gesicht zur Wand gelehnt. Dann zeigte sich, dass die Platte, auf der Häuser, Berge, Brücken und Schienen aufgebaut waren, ein Sperrholzbrett auf einem Rahmen von stabilen Vierkantleisten war. Dieser Rahmen hatte an der einen Längsseite Aussparungen, in die die beiden Leisten der anzubauenden Platte geschoben werden konnte. Auch sah man ein Gewirr von Kabeln, die durch kleine Bohrlöcher von den Weichen und Signalen in Richtung der Schaltpulte geführt waren und dort wieder durch Bohrlöcher zur Oberseite hin verschwanden.

Wann mein Vater diese aufwändige Konstruktion gebaut hatte, weiß ich nicht. Er kam werktags immer spät von der Arbeit. Meine kleinere Schwester und ich waren dann schon im Bett, so dass wir ihn fast nur am Wochenende sahen. Ganz selten durften wir mal aufbleiben, bis er nach Hause kam. Dann holte er aus seiner ledernen Aktentasche die „Hasenbrote“, die er unterwegs einem Hasen abgenommen hatte, der sie hatte hergeben müssen, weil mein Vater ihm Salz auf den Schwanz gestreut hatte. Diese leckeren Hasenbrote durften wir dann essen. Sie schmeckten herrlich.

„Lederne Aktentasche“ bedeutet nicht, dass mein Vater darin etwa Akten transportiert hätte. Seine Aktentasche hat immer nur eine verschraubbare Thermoskanne, einen Henkelmann und eben Hasenbutterbrote enthalten, denn mein Vater war Arbeiter, genauer Kunstschlosser und arbeitete in Düsseldorf in der Schlosserei seines Bruders. In seinem Beruf soll er ein Genie gewesen sein, erzählte jedenfalls immer mein Cousin Johannes, der bei meinem Vater in die Lehre gegangen war.

Die Adventszeit kam, mein Vater erlitt einen Herzinfarkt, derweil er Material aus einem Güterwaggon lud, meine Mutter wurde nach Düsseldorf gerufen, und als sie im Krankenhaus ankam, hatte er so lange nicht warten können und war gestorben.

Zu Weihnachten bekamen mein älterer Bruder und ich die Modelleisenbahn. Allerdings hatte mein Bruder die Oberaufsicht. In seiner Abwesenheit durfte ich nur Waggons aufs Gleis setzen und mit dem Finger hin- und herschieben. Diese Vorsicht in der Behandlung der Anlage wurde aber gänzlich außer Kraft gesetzt, wenn Pater Arnold aus dem nahen Kloster zu Besuch kam, eigentlich um meiner Mutter in ihrer Trauer geistlichen Beistand zu leisten.

Pater Arnold war beliebt in unserem Dorf, denn wenn er den alten Pastor Houben vertrat, las er die Messen überraschend schnell. Man war eigentlich daran gewöhnt, dass die Messen schier endlos dauerten. Der Pastor war nämlich schon „ein bisschen draus“, wie es hieß. Heute würde man sagen, „Pastor Houben war dement.“ Oft war er unsicher, was aus der Messliturgie er schon gelesen hatte und las manche Passagen zur Sicherheit zweimal. Daher dauerte ein gewöhnliches Hochamt am Sonntagmorgen eineinhalb Stunden. Wenn Pater Arnold schon nach 45 Minuten fertig war, vermutete man, er habe der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen einiges von dem weggelassen, was Pastor Houben versehentlich zweimal gelesen hatte. Genaues wusste keiner, denn in meiner Kindheit wurde noch die Liturgie auf Latein gelesen, und das war uns auf dem Dorf ein einziges Rhabarberrhabarber.

Pater Arnolds Markenzeichen war ein meterlanger roter Schal, den er so oft um den Hals gewickelt hatte, dass schon das Abwickeln eine größere Vorführung war, zu der man Eintritt hätte nehmen können. Mich befiel ein leises Grauen, wenn Pater Arnold seinen Schal abgewickelt hatte, um mit uns an der Modelleisenbahn zu spielen. Sein liebstes Spiel waren Zusammenstöße. Gerade war ich glücklich, wenn unsere beiden Züge über die Gleisanlage rollten, wenn sie brav ihre diversen Anhänger über Brücken und durch Tunnel zogen, wenn sie zuverlässig an Signalen hielten, kam Pater Arnold, wickelte seinen Schal ab und sagte zu meinem Bruder: „Komm, Friedrich, lass uns Zusammenstoß spielen!“ Dann nahm er brutal eine Lok auf, setze sie gegen die andere aufs Gleis und ließ die beiden gegeneinander brausen, dass sie mitsamt  Anhängern aus dem Gleis kippten.

Seit dieser Zeit mag ich gar nicht, wenn etwas sorgsam Geplantes zerstört wird. Hollywoods Katastrophenfilme mit ihren gigantischen Zerstörungen, überhaupt alles Destruktive ist mir ein Graus, und Schuld ist Pater Arnold.

Nachtfahrt

Wir hatten uns unzweifelhaft verfahren. Ringsum nur Landschaft, weit und breit keine Stadt zu sehen. Weit und breit niemand, den wir nach dem Weg fragen konnten. Karl-Heinz, der eine gewisse Führungsposition in unserer fünfköpfigen Runde eingenommen hatte, weil er die Karte zu lesen pflegte und sagte, wo es lang ging, war kleinlaut geworden, da er uns offenbar in die Irre geführt hatte. Wir waren müde, wollten endlich die Jugendherberge in Neustadt an der Weinstraße finden, unser Tagesziel.

Da tauchte von hinter einer Bodenwelle ein Mopedfahrer auf. Wie er uns ratlos mit unseren bepackten Fahrrädern herumstehen sah, hielt er an und fragte, wohin wir wollten. Die Jugendherberge in Neustadt? Dahin kenne er einen guten Weg. Er werde vor uns herfahren, sprachs und bog in einen geraden Wirtschaftsweg ein, der nach kurzer Zeit in einen ausgedehnten Wald eintauchte. Wir sahen ihn bald nicht mehr. Offenbar hatte er unser Tempo überschätzt. Es begann zu dämmern. Irgendwann hielten wir und beratschlagten uns. Keiner traute dem Alten auf dem Moped. Wer weiß, wo der uns hinlocken wollte. Die Hoffnung, die Jugendherberge noch vor Anmeldeschluss zu finden, gaben wir auf und beschlossen, eine Nachtfahrt zu machen.

Weiterlesen

Geradeaus fahren und niemals mit schwarzen Socken

Springer war kein schöner Mann, und dass er nur ein Unterhemd trug, als er an diesem Sonntagmorgen oben aus dem Fenster schaute, machte ihn nicht schöner.
„Was wollen Sie?!“, rief er.
„Na, was wohl? Radfahren!“
„Die Straße ist noch nass.“
„Das trocknet. Eben kam sogar die Sonne durch.“
„Das hätten Sie fotografieren sollen. Sonst glaubt das keiner.“
Ich lachte.
„Also gut“, entschied er sich, „wenn Sie eine Viertelstunde warten, fahre ich mit.“
Angetan mit einem unförmigen braunen Frotteebademantel öffnete er mir. Wir redeten gedämpft, weil seine Frau noch schlief. Ich setzte mich still in einen Sessel, während er sich leise hantierend fertig machte. Weiterlesen