Ein Lächeln zur Unzeit

Wenn ich glaubte, etwas verloren zu haben und zu Hause meinen Irrtum bemerkte, weil friedlich auf dem Tisch lag, was ich verloren glaubte, bei diesen Gelegenheiten habe ich beobachtet, dass sich zwar Erleichterung einstellt, aber das Verlustgefühl nicht sofort weicht. Offenbar werden bei einem vermeintlichen Verlust Botenstoffe ausgeschüttet, die sich erst langsam abbauen. Es ist plausibel, dass Botenstoffe sich über den Blutkreislauf langsamer bewegen als der Gedankenfunke von Synapse zu Synapse springt. Demgemäß sind unsere tiefen Gefühle langsamer als unsere Gedanken.

Die träge Nachwirkung von Gefühlen lässt sich auch umgekehrt beobachten. Nach einer angenehmen Begegnung bringt man ein Lächeln mit und trägt es noch eine Weile vor sich her. Dies könnte einen Moment erklären, in dessen Folge mein Leben eine völlig neue Wendung nahm, so dass man diese Zeilen hier überhaupt lesen kann. Denn ich verließ meine Heimatstadt und wandte mich ganz dem Schreiben zu.

Zur Vorgeschichte: Ich war quasi versehentlich in ein Verhältnis verstrickt worden, liebte eine verheiratete Frau so sehr, dass ich die problematische und kräftezehrende Beziehung sieben Jahre ertrug. Nach vier Jahren trennte sie sich endlich von ihrem Mann, und eigentlich hätte jetzt alles gut sein können. Es war aber nicht gut. Als sie noch mit ihrem Mann zusammenlebte, fühlte sie sich berechtigt, ihn zu betrügen, weil er sie geringschätzig behandelte. Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, entwickelte sie moralische Bedenken, sagte: „Ich kann dir nicht geben, was ich ihm genommen habe.“ und „Man darf sein Glück nicht auf dem Unglück anderer aufbauen.“ Am Ende kam es mir gegenüber zu einen Vertrauensbruch, in dessen Folge ich die Beziehung beendete. Es fühlte sich an, als würde ich mir bei vollem Bewusstsein einen Arm absägen.

Einige Wochen nach der Trennung strich ich ruhelos durch die Straßen, auf der Suche nach Ablenkung vom Trennungsschmerz. Willkürlich nahm ich die Krämerstraße vom Markt hinunter zum Münsterplatz. Vor mir ragte der Dom auf, plötzlich bog Lisette lächelnd um die Mauerecke. Wir grüßten uns – und verharrten einen Augenblick.

„Kommst du oder gehst du?“, fragte sie.
„Ich gehe“, sagte ich und wandte mich ab.

Ich weiß, wäre sie nicht lächelnd um den Dom gebogen, hätte ich das nicht geantwortet und mich nicht abgewandt. Aber dieses Lächeln, das nicht mir gelten konnte, denn sie hatte es mitgebracht, bevor sie mich hatte sehen können, signalisierte mir, dass sie unsere Trennung längst überwunden hatte und anders als ich, wieder beschwingt unterwegs war. Es kam mir vor wie ein neuerlicher Verrat.

Dass ich mich geirrt hatte, zeigte sich in den Wochen danach, in denen sie alles tat, mich wieder zu gewinnen. Das Lächeln konnte jemandem gegolten haben, dem sie zuvor begegnet war. Es hätte auch sein können, dass sie ahnte, mich zu treffen, weil sie eine Frau mit derlei Vorahnungen war.

Die Spekulation ist müßig. Die Trennung war rückblickend dringend nötig, ja, für mich überlebenswichtig. In der Folge begann ich zu bloggen, um meinen Schmerz zu bewältigen. Das geschah im Jahr 2005. Seither habe ich gut 5000 Texte verfasst, und am Anfang war ihr Lächeln zur Unzeit.

Busfahrten – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (2)

äglich nimmt Hanno den ersten Bus nach Neuß um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich wöchentlich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht beginnt, kommt Hubert fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst. Im Winter, wenn es noch stockfinster ist um diese Zeit, hat man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hat es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.
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Fünf Variationen über Glück

1) Glück gehabt
Als ich an der Straßeneinmündung die Straße überqueren wollte, brauste mit hoher Geschwindigkeit ein weißes BMW-SUV heran. Die tiefstehende Sonne schien ins Auto, und ich sah in ein feistes Gesicht mit aufgerissenen Augen, aus denen der helle Wahn schlug. Na, der würde mich nicht über die Straße lassen, sondern noch Gas geben, um jeden umzunieten, der seinen automobilen Vorwärtsdrang hemmen wollte. Ich hatte das glücklicherweise gar nicht erst versucht, sondern wartete, ihn vorbeizulassen.

Bei meiner Verhandlung vor dem Düsseldorfer Verwaltungsgericht Van der Ley gegen Bundesrepublik Deutschland, wo ich mein Recht auf Kriegsdienstverweigerung erstritt und bekam, fragte mich zuletzt einer der drei Richter, ob ich ein Auto hätte. Als ich verneinte, wurde meiner Klage stattgegeben. Offenbar schätzte der Richter das Auto als potentielle Mordwaffe ein und dachte, dass kein glaubhafter Pazifist dieses Teil besitzen dürfte. Wer jetzt denkt, ich hätte ja nur so getan, um mich vor dem Wehrdienst zu drücken, die Verhandlung fand statt, nachdem ich Jahre zuvor 18 Monate Wehrdienst als nicht anerkannter Kriegsdienstverweigerer abgeleistet hatte.

2) Nach diesem Auftakt an der Straße, sah ich den gemütlich dicken Schornsteinfegermeister unseres Viertels, wie er sein altes schwarzes Herrenfahrrad vor der Bäckerei abstellte und vor mir hineinging. Als ich hinter ihm an der Theke stand, sagte ich: „Dann habe ich ja heute Glück“ und tippte ihm leicht an den Oberarm.
„Das will ich wohl meinen“, sagte er routiniert, griff in eine Tasche und schenkte mir den kleinen Schornsteinfeger.

3) Am Morgen hatte mich ganz unerwartet eine liebe Mail erreicht, von der ich gar nicht wusste, womit ich die verdient hatte.

4) Dann klingelte der DHL-Bote und rief fröhlich in die Haussprechanlage: „Ich habe ein Paket für sie!“ Darin waren zwei Exemplare meines neuen Buches, auf das ich schon lange gewartet hatte. Mein Korrekturexemplar hatte ich nämlich meiner famosen Logopädin geschenkt. Das Paket aufzumachen, war spannend, weil ich den Stand am Umschlag geändert hatte und ich nicht wusste, ob jetzt alles korrekt war. Prima, ich hatte gut gemessen.

5) Das Plumpsklo meiner Kindheit befand sich in einem Schuppen am Ende des Hofes. Es war aus heutiger Sicht eine eklige Angelegenheit, ein Brett mit einen Loch und darunter der Haufen. Ich erinnere mich, dass ich einmal dort saß. Tags zuvor war mein selbstgebautes Segelflugmodell, Der kleine Uhu, am längsten am Himmel geblieben, und ich hatte eine Stoppuhr gewonnen. Sie hatte ein hellgrünes Plastikgehäuse. Ich saß also auf dem Plumpsklo, schaute durch die offene Tür in den Himmel und dachte: „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.“

Hölzerne Freundschaft und Ort der Freunde

Jedes Mal, wenn ich meine Tochter in Aachen besuche, höre ich erstaunliche Dinge. Im letzten Jahr berichtete mein Schwiegersohn (er ist Kameramann und Filmemacher), er habe einen Filmbeitrag über Neutral-Moresnet gemacht, ein wegen seiner Zinkvorkommen begehrtes Tortenstück zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Er hatte mit einem uralten Zeitzeugen gesprochen, dessen Mutter als Dienstmädchen nach Neutral-Moresnet gekommen war und ihn dort geboren hatte. Neutral-Moresnet war nämlich der Zufluchtsort für Dienstmädchen, die von ihrem Dienstherrn geschwängert worden waren. Dort konnten sie gebären, ohne der Schande anheim zu fallen. Die Kinder wurden in Neutral-Moresnet zur Adoption freigegeben. Das war unter den gegebenen Umständen sicher besser für das ungewollt schwanger gewordene Dienstmädchen als vom Dienstherrn erschlagen zu werden, wie es noch Ende des 19. Jahrhunderts im Aachener Wald geschehen war.

Sprachwissenschaftlich von Interesse ist Neutral-Moresnet, weil im Jahr 1909 der Chefarzt der dortigen Erzgrube und stellvertretende Bürgermeister, Wilhelm Molly, versuchte, in Neutral-Moresnet den ersten Esperanto-Staat der Welt auszurufen. Er sollte Amikejo (Esperanto „Ort der Freunde“) heißen.

In diesem Jahr erklärten mir Tochter und Schwiegersohn übereinstimmend, man könne jedes Jahr Hochzeitstag feiern. Ich kannte nur Silberne, Goldene und Eiserne Hochzeit, erinnere mich noch an die Goldene Hochzeit (50 Jahre) meiner Großeltern, als das Tambourcorps Amititia (lat. Freundschaft) vor dem Haus meiner Großeltern aufmarschierte und ein Ständchen spielte. Schwach habe ich vor Augen, dass meine Mutter zwischen den Musikern rundging mit einem braunen runden Tablett, worauf eine Kompanie artiger Schnapsgläschen glitzerte, und jedem ein Körnchen eingoss. Das würde man nicht jedes Jahr tun wollen, an den drei oben genannten Jubiläumstagen schon.

Zu der inflationären Ausweitung der Hochzeitstage ist es vermutlich gekommen, weil Ehen in heutiger Zeit zu vielen Anfechtungen ausgesetzt sind und eine kürzere Halbwertszeit haben, so dass dann schon eine Hölzerne Hochzeit (5 Jahre) feierwürdig erscheint. Die in der Liste angedrohte Knoblauchhochzeit (33 1/3 Jahre) wäre doch eigentlich ein Trennungsgrund, aber schon bei der Ledernen (3 Jahre) würden Veganer die Biege machen. Abbildung von hier:

Der Name „Amititia“ des Nettesheim-Butzheimer Tambourcorps und die Ähnlichkeit mit dem gelobten Land „Amikejo“ zeigt übrigens gut, dass sich der polnische Zahnarzt Ludwik Lejzer Zamenhof bei der Entwicklung seiner Plansprache Esperanto unter anderem am Lateinischen orientiert hat. Kürzlich sandte mir mein Jugendfreund Fritz die Amititia-Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Tambourcorps. Nicht präsent ist die Zeit der 1960-er Jahre. An einem Freitagabend, ich war 12 Jahre alt, lag gemütlich auf dem Sofa und las, scheuchte meine Mutter mich hoch und zwang mich hinüber zur Schreinerei zu gehen, wo man neue Mitglieder im Trommeln einwies. Fritz und ein weiterer Freund waren auch da. Wir trommelten in der winterlich kalten Schreinerwerkstatt auf der Hobelbank. Als wir einigermaßen trommeln konnten, übten wir mit den Erwachsenen freitags an einem Trafohaus am Ortsausgang. Noch heute erstaunt mich die Lehrmethode ohne alle Notenkenntnis und Noten. Alles wurde mündlich und durch Anschauung vermittelt.

Später bekamen wir Uniformjacken, Koppeln und Trommeln. Meine war noch mit Ziegenfell bespannt. Ich weiß nicht, ob ich je eine der begehrte neuen Trommeln mit Plastikbespannung bekam, deren Klang härter und schärfer war als Ziegenfell, denn auch später als Jugendliche hatten wir nur einen geringen Rang im Tambourcorps. Noch später hatte sich meine vom Dorffriseur Toni Pesch so genannte „Caesarfrisur“ zur „Beatlesfrisur“ ausgewachsen. Als ich mal mit meiner Beatlesfrisur bei Pesche Tünn war, erfuhr ich von ihm, ein älteres Mitglied des Tambourcorps habe gesagt, ich würde bald rausfliegen, wenn ich mir die Haare nicht abschneiden ließe. Da wars für mich aus mit der Freundschaft. Ich habe Uniformjacke, Mütze, Koppel und Trommel gepackt und zum Vereinsvorsitzenden getragen. Seine Frau öffnete, und als ich sagte: „Ich trete aus!“, antwortete sie: „Aber warum denn? Das Tambourcorps ist doch so schön!“ So schaffte ich wegen zu langer Haare und weil ich mich nicht unterordnen wollte nicht mal die Hölzerne (5 Jahre). Immerhin hatte ich trommeln gelernt.

Im Netz entdeckt, einen Film des Monschauer Autors und Kabarettisten Hubert vom Venn (das ist nicht mein Schwiegersohn) über Neutral-Moresnet. Bei Sylvia Fabeck, der Frau im Interview, lässt sich schön hören, wie die Leute im deutschsprachigen Ostbelgien sprechen.

Erkensruhr

Vorgeschichte bedeutet „Vor der Geschichtsschreibung.“ Die Geschichtsschreibung der Menschheit beginnt etwa 2400 v. Chr. mit dem in babylonischer Keilschrift in Tontafeln überlieferten Gilgameschepos. Der Text hebt an mit der Klage, dass nun schon alles einmal erzählt worden ist, was darauf verweist, dass es vorher schon Literatur gegeben hat, die nicht überliefert ist. Wir leben im Jahr 2019 nach Christus. Demnach liegt der Beginn der Geschichtsschreibung etwa 5000 Jahre zurück. Noch anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Alter der Welt auf etwa 6000 Jahre geschätzt, errechnet anhand des Alten Testaments. Jacob Grimm hat noch daran geglaubt. Eine kulturelles Menschheitszeugnis findet sich jedoch schon in den Höhlengemälden von Lascaux. Sie sind etwa 15.000 Jahre alt. Wir überschauen also nur einen winzigen Bereich der Menschheitsgeschichte.
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Mal den Antwerpes reinhalten – Nachlese der Tour-de-France-Berichterstattung bei der ARD

Das Substantiv lässt sich unterteilen in Name und Klassenbezeichnung. Namen haben keinen Artikel, weil sie beispielsweise Einzelpersonen bezeichnen, etwa einen Mann namens Florian und keine Klasse von Personen mit den gleichen Merkmalen. Mit einer solchen Klasse von Florians hatte ich aber drei Wochen zu tun, mit den Radsportreportern der ARD, Florian Nass und Florian Kurz, also umgekehrt Kurz und Nass. Ich schaute mir nämlich jeden Tag die Übertragungen der Tour de France an, der Bilder malerischer französischer Land- und Ortschaften wegen, in erster Linie aus Begeisterung für Radsport.

Die kam so: Ich war gerade mal zarte 15 Jahre alt, als die Tour de France in meine Heimat kam, weil sie in diesem Jahr in Köln gestartet war. Die Tourkarawane kam die B477 lang, und an der winzigen Welle zwischen Butzheim und Frixheim habe ich damals im Schatten der Alleebäume gestanden und gewartet. Schon da bestand der Tourtross aus vielen Fahrzeugen, deutschen Polizisten, französischen Gendarmen, Signalgebern und Fotoreportern auf Motorrädern, ungezählten Autos und Motorradgespannen mit Kommissären, die den korrekten Verlauf des Rennens überwachten, und anderen Offiziellen und so weiter und so weiter, alle hupend und auf Trillerpfeifen blasend und wieder ein Motorrad und noch ein Auto und mehr aufgeregtes Tuten und Flöten, das die Erwartung in ungeahnte Höhen steigert, ein Augenblick der Ruhe vor dem Sturm, die erschrockenen Vögel heben wieder an zu singen, und dann rauscht das Fahrerfeld heran, eine bunte Schar gebeugter Männer auf Rennmaschinen wischt vorbei und verschwindet, hast du nicht gesehen, aus dem Blickfeld.
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Als mein Gewissen nichts wert war (6)

Ich kannte den Gefreiten Krabetz, einen gebürtigen Kölner. Er saß beim Delmenhorster Bataillon in der Schreibstube des Oberleutnants, der die Versetzungsanträge bearbeitete. Krabetz berichtete, der meinetwegen gescholtene Oberleutnant habe sich sehr wohl um meine Versetzung nach Köln bemüht. In dessen Auftrag habe er, Krabetz, eine Reihe von Kasernen im Großraum Köln angeschrieben, aber keiner habe Platz für mich. Vermutlich wollte sich keine Kompanie mit einem nicht anerkannten Kriegsdienstverweigerer belasten.

Inzwischen fiel es mir immer schwerer, die schwangere Marie allein zu lassen. Ich fand eine Methode, das zu unterlaufen, meldete mich sonntags von zu Hause aus telefonisch in der Bremer Kaserne krank und ging montags in Köln zum Arzt. Dort gab es eine medizinische Einrichtung der Bundeswehr, in der überwiegend W-18-er Ärzte arbeiteten, also junge Ärzte, die ihren Wehrdienst ableisteten. Unter denen fand ich immer eine mitleidige Seele, die mich für eine Woche „heimkrank“ schrieb, auch wenn ich keine echte Erkrankung vorweisen konnte. Die Angelegenheit war jedoch unglaublich stressig für mich, denn in der Kompanie glaubte man, mein Spiel durchschaut zu haben und strafte mich mit allerlei Repressalien ab. Zusätzlich belastete mich der Umstand, lügen zu müssen, wenn ich in der Nähe meiner schwangeren Frau sein wollte, was ich für meine vorrangige Pflicht hielt, statt mich bei der Bundeswehr mit sinnlosen Tätigkeiten festhalten zu lassen.

Von meiner Not schrieb ich an den Wehrbeauftragten des Bundestages, eine weisungsbefugte Behörde, an die sich Soldaten mit ihren Problemen wenden können, ohne den Dienstweg einhalten zu müssen. Es dauerte noch drei Monate, dann verfügte der Wehrbeauftragte meine wundersame Versetzung ins Kölner Heeresamt. In der Führung der Bremer Kompanie versuchte man auch das zu behindern, indem man meinen Versetzungstermin durch einen Wochenend-Wachdienst verzögerte und mich erst drei Tage verspätet wegließ, als ich den Dienst in Köln längst angetreten haben sollte. Schon wieder suchten mich die Feldjäger, aber klingelten diesmal bei meiner schwangeren Frau.

Die letzten drei Monate meines Wehrdienstes verbrachte ich mit Büroarbeit in der Stammdienststelle des Heeres unter relativ zivilen Bedingungen und als sogenannter Heimschläfer. Ich hatte bei der Stabskompanie im Heeresamt nicht mal ein Bett. Als Schrank diente mir eine Besenkammer, in die ich nach meiner Ankunft einfach den Seesack auskippte, ein herrliches Privileg gegenüber den anderen, die ihre Hemden sauber auf DIN-A4-Größe falten mussten, was freitags vor dem Wochenendurlaub per „Stubendurchgang“ durch Unteroffiziere überprüft wurde.

Bei meinem Dienstantritt in der Stammdienststelle wurde ich vom Leiter, einem väterlichen Oberst, vorgestellt mit den Worten: „Der Gefreite van der Ley wurde zu uns versetzt, weil seine Ehefrau unter schwierigen Bedingungen schwanger ist.“ Da war mein Sohn längst geboren, einen Monat zu früh, ein Winzling, der mich heute um einen ganzen Kopf überragt. Seine Geburt hatte ich sogar miterleben können, weil ich glücklicherweise gerade „heimkrank“ war, als bei Marie die Wehen einsetzten.

In der Stammdienststelle des Heeres traf ich auch den Gefreiten Krabetz wieder. Weil er nichts von meiner Eingabe an den Wehrbeauftragten wusste, glaubte er, meine Versetzung nach Köln wäre sein Werk, und dachte, ich müsste ihm ewig dankbar sein. Da ich seine Erwartungen ungewollt enttäuschte, rannte er ständig hinter mir her und rief: „Ne, ne, wat hann isch alles vür dich gedonn!“ Überhaupt wurde mein Soldatsein hier von Absurditäten und ungewollter Komik gekrönt, wovon bei Gelegenheit noch erzählt werden könnte.

Nachtrag
Im Jahr 1977 wurde mit der sogenannten Postkarten-Novelle die mündliche Gewissensprüfung abgeschafft. In Erwartung dieser Gesetzesänderung ruhten alle ausstehenden Verfahren. Ein Jahr darauf, ich war längst Student und stand kurz vor dem 1. Staatsexamen, wurde ich brieflich gefragt, ob ich meinen Antrag auf Anerkennung weiter verfolgen wollte. Ich bejahte und wurde vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht endlich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt.