Die verwunschene Bruchstraße

„Alle 1000 Jahre versinkt eine Stadt um einen Meter“, sagte mein Freund Thomas, der Stadtplaner in Aachen gewesen war. Dieser Wert bestätigt sich in Aachen. Wo für Neubauten ausgeschachtet wird, stößt man in zwei Metern Tiefe auf römische Grundmauern. Aber auch in meinem Heimatdorf gibt es römische Spuren, wenn man die Landschaft zu lesen versteht. Ich wuchs auf in Butzheim, das mit meinem Geburtsort Nettesheim ein Doppeldorf bildet. Von Süd nach Nord führt durch Butzheim die Bundesstraße 477. Sie folgt der Trasse einer römischen Fernstraße, die von den südlichen Provinzen zur Nordsee führte. Im rechten Winkel zweigt in östlicher Richtung die Bruchstraße ab.

Sie ist eine lange Straße, mit wechselnden Gesichtern. An ihrem Anfang ist sie von Bauernhöfen gesäumt. Im ersten links bin ich aufgewachsen. Am letzten Gehöft auf der linken Seite endete für mich der heimische Bereich. Es war Rufweite. Dahinter steigt die Straße leicht an, überwindet an der Wegkreuzung oben die Kuppe, wo sie zuerst sanft abfällt, dann abschüssig wird. Von der Kuppe konnte ich unser Haus noch sehen. Dann taucht die Straße in einen tiefen Graben, dessen Hänge dicht mit Holunder, Hasel und Brombeere bewachsen sind.

Hier begann das Abenteuer, ab hier verdient die Bruchstraße das Attribut „verwunschen.“ An den Steilhängen des Hohlwegs steht der Mergel an. Wo er Wind und Wetter ausgesetzt ist, wirkt er grau, doch der frische Mergel leuchtet gelb. Im Mergel kann man prächtig graben und Höhlen ausschachten. Kaninchen, Dachs und Fuchs hatten es uns vorgemacht. Doch wir schachteten rechteckige Kammern. Das hatten schon Generationen vor uns getan. Denn gelegentlich fanden wir unter Gestrüpp vergessene Kammern, von uns „Bunker“ genannt. Da spielten wir, ungestört von Erwachsenen, und hatten den ganzen Tag zu tun, gruben Bunker, schnitzten Pfeil und Bogen aus Haselholz oder Esche, Pfeifen aus Holunder, bauten mit Dosentelefonen Kommunikationslinien auf und vergaßen die Zeit.

Blick in die erste Bruchstraße


Rund 500 Jahre hielten die Römer das Rheinland besetzt. Ein halbes Jahrtausend waren römische Soldaten die Bruchstraße gegangen. Dass die Bruchstraße eine Heeresstraße war, erklärt auch die beiden Hohlwegpassagen. Was wir „Mergel“ nannten, waren große Lössablagerungen seitlich eines alten Flussbetts. Bei Wegen durch Lössablagerungen verfestigen Tritte von Huftieren, die von ihnen gezogenen Karren und menschliche Schritte das Bodenmaterial und zermahlen es zu Staub. Wind und Regen transportieren den Staub ab. Dadurch graben sich die Wege immer tiefer in die Umgebung.

Nach etwa einem Kilometer weitet sich der Hohlweg und gibt den Blick frei auf das oben genannte Tal. Auf dessen östlicher Seite zeigt sich der Einschnitt zum zweiten Hohlweg. Das Tal zwischen beiden Hohlwegen hat ein Rheinarm ausgeschwemmt. Denn einst hat sich der Rhein in der Kölner Buch in viele Arme verzweigt, bevor man ihn mit Deichen in ein Bett zwang.

Der ferne Hohlweg ist tiefer eingeschnitten als der erste, hat offene steile Hänge, die wir uns nicht zu erklettern trauten. Hier waren wir selten. Es war einfach zu einsam und zu weit weg. Noch seltener waren wir am Ende der zweiten Hohlwegpassage, wo die Bruchstraße einen Querweg kreuzt und auf einem Damm ein altes Moor überquert, das im 19. Jahrhundert trocken gelegt wurde. Ein Kanal mit brackigem Wasser erinnert daran. Dann durchzieht die Straße den Ausläufer eines alten Auwalds. Später Felder und fern ein Gehöft. Wenige Meter hinter dessen Hauswiese stößt die Bruchstraße an ein Feld und ist einfach weg. Als Junge habe ich dort mit dem Fahrrad gestanden und bedauert, dass unsere Straße nach so vielen zielstrebigen Kilometern ein sang- und klangloses Ende im Acker fand, ohne Sinn und Verstand. Mir war, als wäre sie unter der Ackerkrume noch zu finden.

Da wusste ich nicht, dass ich auf einer alten Römerstraße stand. Dass die Bruchstraße eine Heeresstraße war, erklärt auch ihr unrühmliches Ende. Nachdem der letzte römische Legionär durchgezogen war, hatten die Leute dort den Weg verlegt, und später untergepflügt. Sie hatten einfach das Tor geschlossen, wie es sich gehört, wenn der letzte Gast gegangen ist.

2 Kommentare zu “Die verwunschene Bruchstraße

  1. „die Trasse einer römischen Fernstraße“ – das klingt irgendwie so zeitlich entgegengesetzt, oder wie könnte man das noch ausdrücken…
    Jedenfalls gibt es hier auch so alte Römerwege, quasi an den Gestaden des Rheins entlang…
    Und schöne Erzählung über Wege…

    Gefällt 1 Person

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