Kopfheizung

Die Druckerei, in der ich den Niedergang meines Handwerks erlebte, war ein Flachbau am oberen Ende der Aachener Pontstraße, offenbar nach dem Krieg in einer Baulücke hochgezogen. Was dem Bau an Höhe und Breite fehlte, machte er in der Länge wett. Zur Straße hin lag der Laden für den Kundenverkehr, dahinter das Büro, dann folgte ein Raum, in dem die große Offsetdruckmaschine stand, dann die Umkleiden und Toiletten, die Buchbinderei, die Druckerei und ganz am Ende lag die Setzerei, abgetrennt durch eine halbhohe Wand und eine große Glasscheibe. Am Ende der Setzerei gab es noch zwei kleinere Räume nebeneinander. In dem einen Gelass saß hinter einer Tür der Maschinensetzer vor einer Linotype-Setzmaschine, und nebenan war die Dunkelkammer für Repro-Arbeiten. Tageslicht kam durch große Oberlichter. Das gesamte Gebäude wurde beheizt durch zwei dicke Rohre an der Wand, durch die im Idealfall warmes Wasser strömte, das von einem schwächlichen Ofen im Keller erhitzt wurde. Im Winter waren die Rohre meistens nur handwarm. In der Setzerei hingen deshalb an der Decke mehrere Heizstrahler. Es heißt zwar:

“Den Kopf halt‘ kühl, die Füße warm, das macht den besten Doktor arm“,

aber da war’s grad umgekehrt, mit dem Effekt, dass zwar ständig mein Kopf erhitzt wurde, sonst aber fror ich, hatte klamme Finger und eiskalte Füße. An der Heidelberger Schnellpresse stand ein junger blonder Drucker namens Jürgen Großer. Seinem Namen alle Ehre machend, war er ein bisschen großspurig, für jeden Unsinn zu haben und mir nicht unsympathisch, obwohl Schriftsetzer sich immer für Edelhandwerker gehalten haben und grundsätzlich auf Drucker hinabsahen. Einmal, als es in der Nacht knackig gefroren hatte und das Druckereigebäude gar nicht aus der Kältestarre kommen wollte, beschlossen wir, dem Ofen im Keller mal ordentlich einzuheizen.

Jürgen Großer und ich stiegen hinab und fanden hinter der gusseisernen Ofenklappe nur ein mickriges Kohlefeuer. Es gab keinen nennenswerten Kohlevorrat mehr. Großer schlug vor, Europaletten zu verheizen. Einige Zeit verbrachten wir damit, Europaletten zu zerschlagen und ins Ofenmaul zu stopfen. Für kurze Zeit loderten die Flammen auf und ließen sogar die Temperaturanzeige der Heizung in den roten Bereich steigen. Irgendwer kam dann herunter und berichtete von einigem Qualm. Ich weiß nicht mehr, wie wir aufs Dach kamen, aber sehe uns noch zur Straße hin auf dem Flachdach stehen und nicht ohne Stolz beobachten, wie aus dem Schornstein mächtige dunkelgraue Rauchschwaden quollen, die sich die Pontstraße hinunterwälzten, um sie völlig einzunebeln.

Dass ich damit der Niedergang meines Handwerks herbeigeführt hätte oder sogar schuld an der Klimaerwärmung bin, bestreite ich aber. Gut 25 Jahre später war im ehemaligen Druckereigebäude eine Discothek. Ich weiß noch, dass ich es ein bisschen befremdlich fand, dass genau dort, wo die Setzerei gewesen war, sich die Tanzfläche befand, was mich aber nicht hinderte, dort in der Silvesternacht mit der Dame meines Herzens zu tanzen. Den heißen Kopf hatte ich allein ihr zu verdanken.

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Der Dorp ist bass erstaunt

In einem geduckten Haus auf nicht 20 Quadratmetern war der Laden vom Dorp. Der Dorp war ein kleiner schmächtiger Mann, den ich zeitlebens nur im grauen Kittel sah. Er betrieb im Dorf meiner Kindheit sein winziges, aber gut sortiertes Edeka-Lädchen. Dort stand er hinter der Theke, nahm die Wünsche entgegen, die wir vom Einkaufszettel ablasen, und bediente, das heißt, er eilte hin und her und trug alles zusammen. Selbstbedienung wäre in dem engen Lädchen technisch nicht möglich gewesen, war in meiner frühen Kindheit auch noch ein unbekanntes Konzept.

Dorps Lädchen war vollgestopft mit Waren in Regalen bis unter die Decke und sogar auf einem Regalbrett über der Tür. Was sich für den Dorp unerreichbar hoch oben in Regalen befand, das hangelte er mit einer Stange herunter, an deren Ende sich ein Haken befand. Über der Tür lagerten, für Kinderaugen verborgen, gewisse Packungen, über die wir zuerst nichts wussten, später hinter vorgehaltener Hand sprachen, nur Neukirchens Hans-Gerd nicht. Er hatte zwei ältere Schwestern und war immer bestens informiert. Ich sehe ihn noch grinsen und dabei die viel zu großen Zähne blecken, als er uns bei Welters im Schuppen darüber aufklärte, wozu die Camelia-Damenbinden gut waren. „Wenn Muschi Nasenbluten hat“, sagte der Neukirchen. „Camelia“ blieb aber lange ein Tabuwort.

Heute war ich mit dem Rad beim Finanzamt Hannover-Süd, um einen Brief einzuwerfen. Neben dem Finanzamt befindet sich das Edeka-Center Wucherpfennig. Ich trat ein und stand gleich orientierungslos in einem Verkaufsraum von der Größe eines Fußballfeldes. Nachdem ich einige Gänge durchwandert hatte, und mich schon fühlte wie der durstige Mann aus der Tuborg-Bierwerbung, fragte ich eine junge Verkäuferin: „Wo haben Sie denn das Tiefkühlgemüse?“ Sie ging Ausschau haltend vor mir her.
„Sie müssen also auch suchen“, sagte ich.
„Ich habe ja auch gestern erst hier angefangen“, erwiderte sie.

Da stellte ich mir vor, durch einen Fehler im galaktischen Betriebssystem würde der Dorp seiner Zeit enthoben und hierher versetzt. Es würde ihm schwindlig werden. Zum Glück könnte er sich auf die Hangelstange stützen. Die anderen Mitarbeiter würden ihn auslachen. „Was willst du denn damit, Kollege? Willst du einen ermorden?“

Ich wüsste genau, wie der Dorp sich dann fühlt. Ähnlich ging es mir, als ich nach meiner Bundeswehrzeit eine Stelle als Schriftsetzer in der Zeitungssetzerei der Aachener Nachrichten antrat. Ich hatte das wichtigste Arbeitsgerät des Schriftsetzers bei mir, meinen Winkelhaken, aber Betriebsleiter Sturm lachte mich aus und sagte: „Sowas brauchen Sie bei uns nicht mehr“ und zeigte mir, worin meine Aufgabe bestand, nämlich Maschinensatzzeilen zu Anzeigen zusammen zu bauen, ab und zu eine Überschrift zu setzen aus Matrizen für die Ludlow-Setzmaschine.

Mittags bin ich zu Betriebsleiter Sturm gegangen und habe gekündigt mit den Worten: „Ich bin Schriftsetzer und mir zu gut, um nur Maschinensatz zusammen zu klatschen.“ Sturm sagte: „Wir haben auf der 2. Etage noch die Akzidenzsetzerei. Ich frage mal nach, ob die Sie gebrauchen können.“ Dort arbeitete ich dann. Drei Jahre später war mein stolzes Handwerk museal.

„Ja, gut“, sagt der Dorp. „Ihr arbeitet bei Edeka also nicht mehr mit der Hangelstange, sondern sortiert alles in die Breite. Aber liegen denn auch die Cameliapackungen unten, wo jedes Kind sie sehen kann?“