Ferne Rufe (6) – Schmerzende Flieger

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„Warum sonst sprechen wir von Herzeleid und Herzschmerz?“
Das freilich muss ich zugeben. Gerade in letzter Zeit habe ich oft das Gefühl, dass in der Alltagssprache mehr Wissen und Erfahrung steckt, als ich bislang geglaubt habe. Manches ist einfach durch Wiederholung banalisiert worden. Wenn die Schlagerfuzzis ständig Herz auf Schmerz reimen, lässt sich nicht mehr unbefangen damit umgehen. In diesem Sinne hat sich unsere Sprache unglaublich abgenutzt. Und ich ahne, dass dies erst der Anfang ist. Das ununterbrochene mediale Geplapper würde ihr bald den Rest geben.

Wir sprechen über meine Schlaflosigkeit. Der Internist schlägt vor, dass ich mit einem Psychotherapeuten spreche, doch ich wehre ab.
„Ich muss alleine damit fertig werden. Schließlich weiß ich ja, woran es liegt. Wenn ich meine Lebensbedingungen in den Griff bekomme, werde ich wieder schlafen.“
“Das mag sein, aber Sie könnten sich dabei helfen lassen. Sie brauchen ja nicht den Helden zu spielen. Manchmal genügt es, wenn man die Probleme ausspricht und ein anderer Struktur hineinbringt.“
Am Ende willige ich ein und lasse mir die Adresse des Seelenklempners geben.

***
Wir liegen schwer atmend auf meinem Bett.
„Wir dürfen nicht sowas Schönes machen, dann zerreißt es mir das Herz, wenn ich weg fliege“, sagt sie.
„Wieso weg?“
„Tom hat eine Urlaubsreise gebucht.“
„Für wann, nächste Woche?“
„Nein, wir haben noch ein bisschen länger Zeit.“
„Wohin? Ach, nein, sag’s lieber nicht. Ich will überhaupt nichts davon wissen.“
„Er hat gesagt, dass es bestimmt gut für unsere Ehe wäre.“
Ich bemühe mich um Fassung.
„Ja“, er wird versuchen, eure Beziehung zu kitten. Er hat allen Anlass und jedes Recht der Welt dazu. Ich würde es an seiner Stelle genauso machen. Es ist das beste, was er tun kann.“
„Eigentlich wollte er mit mir allein fahren, aber ich habe alles dafür getan, dass unser Sohn. mitfährt.“

Dann erfahre ich doch, wohin die Reise geht, nach Kreta. Am Tag der Abreise verspricht sie, jeden Abend um sechs Uhr ganz fest an mich zu denken, dass ich sie spüren werde. Mit wehem Herzen sitze ich im Garten, doch jedes Mal wenn oben hoch ein Flieger als silbrige Nadel den Himmel durchmisst und seine Kondenzstreifen in die Bläue malt, denke ich an sie, wie sie nach Kreta geflogen ist. Eifersucht und Trennungsschmerz. Wie weh das tut. Zum Glück ruft Wolf an und will radfahren. Dankbar um die Ablenkung willige ich ein. Wir fahren hoch zum Vennkreuz und dann hinunter zum See. Wie wir über die Staumauer der Wesertalsperre rollen, erzähle ich von meiner Suizid-Idee, die ich seit geraumer Zeit hege, nämlich mit dem Rennrad über die Mauerbrüstung zu fahren und dann mit Schwung in den Abgrund zu fliegen. Wolf lacht: „Das ist ja das Motiv des germanischen Recken, der auf seinem Pferd in den Tod springt, wobei mir immer das Pferd leid getan hat.“

Wir sind lange unterwegs. Als wir ab Eupen-Unterstadt durchs Wesertal bolzen, fällt mir ein, dass ich um 18 Uhr zu Hause sein muss. Also schlag ich vor, über Membach abzukürzen, zumal wir dann den zehrenden Anstieg von Dolhain aus uns ersparen würden. Diese uns noch unbekannte Strecke bis Baelen ist landschaftlich recht schön, hat aber zwei ordentlich steile Hubbel, und wie wir im Wiegetritt den zweiten hoch schleichen, sagt Wolf: „Welch ein Glück, dass wir den Anstieg bei Dolhain gespart haben.“ Ab Baelen haben wir Rückenwind, und wäre nicht meine Sorge, zu spät zurück zu sein, wäre es eine schöne Tour. Erst kurz vor 18 Uhr lange ich zu Hause an und werfe mich noch in Radsportklamotten rücklings aufs Bett. Vielleicht bin ich zu erschöpft, vielleicht ist Kreta zu weit weg. Jedenfalls spüre ich nichts, nichts um 18 Uhr, nichts um 19 Uhr. Den ganzen Abend bleibt es totenstill in meiner Brust. Es „suppt“ nicht. So nennt sie ihre Telekinese inzwischen: „Wenn ich fest an dich denke, kann ich es bei dir suppen lassen.“

***
Das Schraubglas enthält eine große Zahl flacher, grauer Kiesel, allesamt vom Strand aufgelesen. Sie hat sie mir aus Kreta mitgebracht. „Bei jedem Stein an dich gedacht!“ steht auf einem Zettel. Und ich habe sie erst nach ihrer Rückkehr wieder gespürt. Offenbar funktioniert ihre Hexenkraft nicht über diese Entfernung. Das ist schon mal tröstlich. Ich werde mich also befreien können.

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Gefangen im Netz der Fernkommunikation – Fragment

In der Zeit der Heimlichkeiten schaffte ich mir ein Handy an, obwohl ich den Handybesitz lange Zeit verächtlich gefunden hatte. Eines Abends klingelte es, und bevor ich dran gehen konnte, hörte es wieder auf. Es war ein Klingelgruß von ihr. Sie fing damit an, mich regelmäßig anzuklingeln, zuletzt in Intervallen von etwa vier Stunden und einmal noch vor ihrem Zubettgehen. Ich wurde zum Sklaven dieser Klingelei. Wenn sie für längere Zeit ausblieb, zog ich rastlos umher und begann mich zu sorgen. Dann, ach, die Erleichterung, es klingelte, ein kurzer Glücksmoment und Ruhe für einen Augenblick.

Lisette erfand Klingelregeln. Klingelte sie einmal, war ihr Mann in der Nähe, klingelte sie zweimal, war die Luft rein, und ich konnte zurückklingeln. Welch ein Bild des Jammers muss ich gewesen sein in dieser Zeit. Freunde schüttelten den Kopf über mich, denn Lisettes Klingeln erwischte mich immer und überall. Sie sahen mich hochschnellen, das Handy in die Hand nehmen wie einen Fetisch und eilig die Tasten drücken und wussten, dass ich ernstlich krank war.

Schon kurz nachdem wir uns kennen gelernt hatten, bemerkte ich, dass etwas Seltsames in mir vorging. Ich hatte einen zehrenden wehen Schmerz in der linken Brust, der mal außen, mal weiter innen saß. Manchmal lauerte er leise, manchmal brach er heftig auf. Als die Zeit der Klingelzeichen begann, entdeckte ich, dass das heftige Aufwallen des Schmerzes häufig dem Klingeln voranging. Es wurde so deutlich, dass ich erschrak, wenn das Klingeln ohne Schmerzankündigung kam. Irgendwann erzählte ich es ihr, und sie sagte: „Ja, dann lass ich es bei dir suppen!“ Dieses Herzsuppen wurde so arg, dass ich mir Sorgen machte, ob es nicht organische Gründe hätte. Weiterlesen

Mit Liebe? … Äh, Dingens

mit liebeBei Google finden sich 230 Millionen Einträge zu „Liebe.“ Obwohl das Wort derart oft gebraucht wird, ist es quasi „unkaputtbar“ und gilt noch immer als Hochwertwort, nicht nur in Beziehungen, sondern vor allem in der Werbung. Die industrielle Fertigung von Produkten unter entfremdeten und entfremdenden Bedingungen tarnt sich gerne mit Liebe:

„Ich liebe es“ (McDonald’s)
„Liebe, die man schmeckt“ (Pfanni)
„Aus Liebe zum Automobil“ (VW)

Der Vorkassenbäcker in Supermärkten wie Rewe oder Edeka wird im Raum Hannover von der zur Edeka-Gruppe gehörenden Backwarenfabrik „Schäfers“ betrieben. Da es in Hannover kaum noch echte Bäckereien gibt, kaufe ich gelegentlich dort. Eine Weile hatte mich schon der Papiertütenaufdruck von Schäfers „Mit Liebe ausgewählt“ irritiert, da entschloss ich mich, mal nachzufragen, was es damit auf sich hat.

Guten Tag,

gestern kaufte ich in einer Ihrer Filialen ein Hefeteilchen. Man packte es in eine Papiertüte. Da fällt groß der rote Aufdruck „Liebe“ ins Auge. Darüber steht klein und schwarz „Mit“, darunter in gleicher Typografie nicht etwa „gebacken“ sondern „ausgewählt“.
Nun rätsele ich, was bedeutet „Mit Liebe ausgewählt“? Was wurde wo, von wem ausgewählt? Ich als Kunde bin sicher nicht gemeint. Ich habe die Backware zwar aus dem Angebot der Auslage ausgewählt, aber da war keine Liebe im Spiel. Selbst wenn ich mit Liebe ausgewählt hätte, könnten Sie von Schäfers das nicht wissen, folglich nicht sinnvoll behaupten.
Bleiben also Sie, bzw. ungenannte Schäfers-Mitarbeiter, etwa Bäcker? Wählen die aus Liebe zum Mehlsack unter einem Mehlsack-Angebot, das meine Vorstellung überschreitet? Wählen Sie fertige Produkte aus dem Angebot anderer Bäcker bzw. Backwarenfabriken? Oder ist etwa die Papiertüte gemeint? Fragen über Fragen.

Bitte klären Sie mich auf!
Freundliche Grüße,
Jules van der Ley

Von der ausführlichen Antwort gebe ich die wesentliche Aussage wieder. Sie erklärt den ganzen industriellen Produktionsprozess zum ausgewählten Liebesbereich.

Sehr geehrter Herr van der Ley,

Ihre Fragestellung zum Aufdruck „Mit Liebe ausgewählt“ auf unserer Tüten beantworten wir gern. Die Formulierung „Mit Liebe ausgewählt“ bezieht sich auf unseren gesamten Produktionsprozess.

Mit freundlichen Grüßen

Vermutlich hat man gemerkt, dass es Quatsch ist. Seit kurzem heißt es auf den Tüten nur noch:
mit liebe backen

Zerbrochener Marmor – #Kramladengeschichten

Die Biographie der Dinge

Da ich unter Pseudonym schreibe, kann ich ein Bekenntnis wagen, das ich vorausschicken will, um zu erklären, warum auf meiner Fensterbank Bruchstücke einer Grabplatte liegen. Der Grund ist nicht morbid wie es scheinen mag, sondern nur schräg wie die Phase in meinem Leben, wozu die Bruchstücke gehören. Mit 48 Jahren stand ich vor den Bruchstücken meiner Ehe. Meine Frau hatte sich von mir abgewandt, unsere gemeinsamen Kinder waren inzwischen selbstständig – mein Leben dümpelte dahin. In dieser Phase lernte ich eine zehn Jahre jüngere Frau kennen. Ich nenne sie in meinen Texten Lisette. Sie trug zwar einen Ehering, doch ihr Mann war ein Jahr beruflich im Ausland, und sie erweckte den Anschein, dass ihre Ehe nur noch auf dem Papier bestünde. Als der Mann nach drei Monaten zurückkehrte, fand er das gar nicht, aber ich war bereits rettungslos in seine Frau verliebt. Es folgten fünf Jahre einer innigen Beziehung voller Heimlichkeiten und emotionalem Stress für alle Beteiligten, bis sie sich endlich von ihrem Mann trennte. Erst nach sieben Jahren gelang es mir, mich aus der Verstrickung zu befreien. Aber es war, als würde ich mir einen Arm absägen. Aus diesem Gefühl heraus begann ich zu bloggen. Ich schrieb mich frei.

Während der Zeit der Heimlichkeiten fuhr Lisette einmal mit ihrer Mutter nach Banneux, einem Wallfahrtsort in den belgischen Ardennen. Kurz vor dem Ortseingang sah sie einen Feldweg, dessen tiefe Schlaglöcher nicht mit gewöhnlichem Schutt zugekippt waren, sondern mit Bruchstücken von Grabplatten, wie man sie überall auf wallonischen Friedhöfen findet. Bei aufgegebenen Gräbern ist man in der Wallonie nicht zimperlich. zerschlägt die Grabplatten mit Vorschlaghämmern und lässt die Trümmer pietätlos herumliegen. Hier dienten sie sogar der Wegbefestigung für die Reifen von Traktoren. Lisette hielt ihr Auto an und sammelte einige Bruchstücke für mich ein, weil sie wusste, dass ich mich für alle möglichen Aspekte von Schriftverwendung interessierte.

VotivtafelZu sehen ist eine in die Marmorplatte gemeißelte englische Schreibschrift. Einst war sie mit Goldfarbe ausgelegt. Sie ist aber verblasst. „iements grâce“ ist vermutlich der Überrest von „remerciements (…) grâce“. Wenn es „danke (…) Gnade“ heißt, stammen die Bruchstücke vielleicht nicht von einer Grabplatte, sondern von einer Votivtafel, mit der sich gläubige Katholiken in Wallfahrtskapellen für beispielsweise die Heilung von einer Krankheit bedanken. Diese Interpretation ist mir lieber.

Als letztens die Fenster bei mir geputzt wurden, lagen die Bruchstücke im Weg. Dadurch wurde die Erinnerung wieder lebendig, denn eigentlich liegen sie schon so lange auf den Fensterbänken, zuerst in Aachen, jetzt in Hannover, dass ich sie nicht mehr beachte.

Wie ich heute den Lauf der Welt verändert habe

Da wird jetzt mancher sagen, pah, das kann er nicht! Wie will er das denn bewerkstelligt haben? Ganz einfach: ich habe zwei Teller, die auf meinem Tisch standen und Platz wegnahmen, die habe ich in die Küche getragen. Mehr war nicht nötig, den Lauf der Welt zu verändern. Alles Weitere sind Folgeerscheinungen, wobei das natürlich eine willkürliche Festlegung ist, die Paul Watzlawick treffend „die Interpunktion von Ereignisfolgen“ nennt. Darauf konnte ich die schwere Schublade mit meinen Karteikarten aus der Kommode wuchten und bequem auf den Tisch stellen, so dass ich hernach ohne Verrenkung den Stapel Karteikarten zum Thema Fraktur suchen, auffinden und hervorziehen konnte. Ich wusste ungefähr seit zwei Wochen, dass es nötig war, habe es jedoch immer weiter aufgeschoben, denn wie jeder weiß, durchleiden wir gerade den Februar, und das ist der trübste Monat im Jahr, so hässlich nassgrau und bleiern zudem, dass jede Initiative doppelte Kraft erfordert. Das heißt, ich kann mich nicht nur schwerer motivieren, irgendwas zu tun, die Kommode ist auch doppelt so schwer wie in anderen Monaten.

Mich wundert indes gar nicht, dass just vor Tagen, die ominösen Schwerkraftwellen bekannt gemacht wurden. Die waren nämlich schon im vergangenen September entdeckt worden. Aber allen Beteiligten am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik war sofort klar gewesen, wann der geeignete Zeitpunkt für die Veröffentlichung der Sensation gekommen wäre, im Februar nämlich. Da spürt jeder die Erdenschwere doppelt und kann sich die Schwerkraftwellen leicht vorstellen. Ach, wie unglücklich steht hier das Adjektiv „leicht“ bei Schwerkraft, aber dass derlei Sprachverwerfungen auftreten, ist auch typisch für den Februar.

rosen-für-die-liebste„Wie gut, dass Februar ist!“ Rosen für die Liebste fallen 10,7 Prozent langsamer als sonst. Bildvorlage: Kristall 1959, Gif-Animation: Trithemius

Derlei Sprachverwerfungen wie „leichte Vorstellbarkeit von Schwerkraftwellen“, kennt nur der Februar. Ah, schon wieder schwappte gerade eine Schwerkraftwelle durch mein Sprachzentrum: Die Substantivierung „Vorstellbarkeit“ wird nicht nur von meiner Rechtschreibprüfung unterkringelt, sondern ist auch von februarmäßiger Hässlichkeit. Vergangenen Montag war Februar-Bergfest. Aber wer gedacht hat, es ginge jetzt schneller voran, hat sich geschnitten. Die Zeit schreitet im Februar um 10,7 Prozent langsamer voran als in anderen Monaten, weshalb er auch nur 28 bis 29 Tage hat. 28 Tage Februar entsprechen 31 Tagen Mai. Das wird jeder sogleich als tiefe Wahrheit erkennen. Indem just den Verliebten die Zeit nicht einfach verrinnt, sondern im Fluge vergeht, ist natürlich klug gewählt, Valentin, das Fest des Verliebtseins, wenn die zweisame Innerlichkeit zelebriert wird, just in den trägen Februar zu legen. Dann haben die Verliebten einen Schmetterlingshauch , also 10,7 Prozent länger Schmetterlinge im Bauch.

Womit wir beim Schmetterlingseffekt wären. Zwar scheint heute die kalte Februarsonne, aber ein Schmetterling wurde noch nicht gesehen. Es ist auch nicht nötig, dass jemand vom Hauch eines Schmetterlingsflügels gestreift würde, um den Schmetterlingseffekt auszulösen. Es reicht, von ihm zu wissen oder zu lesen, um zu verstehen, dass ich die Welt heute Morgen nachhaltig verändert habe, indem ich zwei benutzte Teller in die Küche trug. Schon der Umstand, dass ich diesen Text in die Welt gesetzt habe, mancherlei Gedanken bei Lesern angestoßen habe, verändert ja den Weltenlauf und wenn es nur ist, dass ich dem einen oder anderen ein bisschen seiner Zeit gestohlen habe. Die sollten mir danken. Es ist lahme Zeit aus dem Februar.