Die Straße meiner Kindheit (10) – Rollkur, Halve Hahn und Bockreiter

Foto: Teestübchen-Archiv - Montage: JvdL -  (größer bitte klicken)

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Von „Straße meiner Kindheit“ ist Folge 10 erschienen. Bitte hier klicken!

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Straße meiner Kindheit (5) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

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Später war ich noch oft auf dem Hof der Melzers, aber mehr geduldet als willkommen.

Wie äußerte sich das?

Als ich noch klein war, sprachen die Erwachsenen selten mit uns. Wir musten überall herum, wurden mal erwischt und ausgeschimpft, aber sonst kaum oder gar nicht beachtet. Ohne besonderen Grund richtete niemand ein Wort an uns. Bauer Melzer war Kindern gegenüber schweigsam und mürrisch, sprach auch nicht viel mit den eigenen Kindern. In all den Jahren hat er nicht drei Sätze zu mir gesagt. Man hätte denken können, dass Kinder für ihn keine ebenbürtigen Menschen waren. Ich erst recht nicht.

Wie kommst du darauf?
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Straße meiner Kindheit (4) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

Folge 1Folge 2 Folge 3

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:
Was geschah Blödes auf dem Melzerhof? Seid ihr beim Musen ertappt worden?

Das war doch nichts Schlimmes. Wir wurden oft beim Musen erwischt. Dann hat man uns einfach weggejagt. Das hatte keine Folgen.

Was war es dann?

Es ist ein bisschen peinlich. Aber es veränderte mein Leben von einem auf den anderen Tag. Vorausschicken muss ich, wie innig die Freundschaft zwischen Rosie und mir war. Wenn wir groß wären, wollten wir heiraten. Unsere Mütter hatten sich auch ein bisschen angefreundet. Frau Melzer war nicht aus dem Dorf. Sie kam vom Rhein aus Bacharach. Ihre Familie hatte dort Weinberge und ein kleines Hotel. Einmal, es war im Jahr, bevor mein Vater starb, ist meine Mutter mit Rosie und mir hingefahren. Als ich da frühmorgens aus dem Fenster schaute, dachte ich, überall wäre Nebel. Aber es war der Weinberg, der hinterm Haus steil aufragte, fast bis zum Himmel. Ich hatte nie zuvor einen so hohen Berg gesehen. Und …

Du weichst aus. Was geschah auf dem Bauernhof der Melzers? Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (3) – Ein Interview

hohlweg
Folge 1Folge 2

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:
Was war denn so gruselig am Kinomann?

Als mein Vater gestorben war, nahm meine Mutter allerlei Arbeiten an. Sie putzte die Kirche und die Schule, sie kochte für Leute, die ein Fest zu feiern hatten, und plötzlich auch für Kinomann Meuter. Er wurde für die Zeit der Wintermonate bei uns Kostgänger, kam täglich zu Mittag, wenn das Essen auf dem Tisch stand, grüßte ergeben, nahm seine Baskenmütze vom Kopf und setzte sich verlegen lächelnd zu uns. Schon diesen fremden Mann am Tisch zu haben, fand ich beunruhigend. Da hätte ich lieber meinen Vater gesehen, doch der war ja einfach gestorben.

Zu meinem Unglück war Kinomann Meuter anders als die Leute aus dem Dorf. Seine ganze Erscheinung war befremdlich, seine gedrungene Gestalt, der zerschlissene schwarze Anzug, die Baskenmütze auf dem runden Kopf, sein untertäniges Lächeln. Niemand wusste, woher er eigentlich kam. Er nahm nicht am dörflichen Leben teil und war nie in der Kirche gesehen worden. Beim Mittagsgebet, wenn wir die Hände falteten, dann legte er seine ineinander und schaute stumm zur Decke. Vielleicht gehörte er irgendeiner Sekte an, doch davon begriff ich als fünfjähriges Kind noch nichts. Ich wusste nur, dass er nicht in den Himmel kommen würde, weil er nicht richtig beten konnte. Stattdessen erzählte er beim Essen, dass er einen unheimlichen Nebel gesehen hatte und geisterhafte Erscheinungen von Toten. Die waren aus dem Nebel auf ihn zu gekommen und hatten zu ihm gesprochen.

Was sagte deine Mutter dazu? Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (2) – Ein Interview

die-strasse-meiner-kindheit
Folge 1

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:

Traust du dich heute an Rolf vorbei?

Ich will es versuchen. Sie müssen bedenken, Herr Trittenheim, dass ich noch klein war, als ich begann, die Welt meiner Straße zu erkunden. Ich sah rätselhafte und beunruhigende Dinge, die ein Erwachsener nicht gesehen hätte, wie das, was auf dem Hof der Schmiede geschah. Das Tor war offen, und ich stand in gebührendem Abstand von Rolf und schaute in den Hof. Da waren ein Pferd und zwei Männer. Der eine Mann schlug dem anderen mit einem Hammer aufs Knie. Das hatte schon eine offene Stelle. Man sah den Knochen. Und wie die Reiter, die gezielt in ihr Verderben gesprungen waren, schockierte mich die unfassbare Gleichgültigkeit, mit der der eine Mann sein Knie hinhielt und der andere drauf hämmerte. Weiterlesen

Straße meiner Kindheit – Ein Interview

die-strasse-meiner-kindheit
Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:

Was ist deine früheste Erinnerung an die Straße deiner Kindheit?

Ich erinnere mich ganz schwach, dass vor dem Hof der Melzers auf der anderen Straßenseite ein defekter Panzer mit US-Hoheitszeichen stand. Der verschwindet aber bald. Ich habe ihn auch nie aus der Nähe gesehen, muss also noch sehr klein gewesen sein. Zu dieser Zeit war ich oft krank, hatte mehrmals doppelseitige Lungenentzündung. Meine Mutter wachte viele Nächte an meinem Bett. Manchmal, wenn die Zeit gar nicht vergehen wollte, hob sie mich in eine Decke gewickelt aus dem Bett und schaute mit mir aus dem Fenster. Wir sahen mitten in der Nacht, dass in einem Parterrezimmer bei Melzers noch eine Funzel  brannte. Da lag der alte Großonkel Cornél im Sterben, wusste meine Mutter. Ich habe nie später in meinem Leben so ein trostloses Licht gesehen. Und noch was fällt mir ein. Eines Tages, als meine Mutter mich morgens anzog, war sie in Eile und in aufgekratzter Stimmung. Sie trug mich auf dem Arm die Straße hoch zum Hohlweg, den wir „erste Bruchstraße“ nannten, und weiter durch den verwunschenen Hohlweg (Startbild) zum Tal, das die erste von der zweiten Bruchstraße trennt. Dort auf einem Feld fand ein Springreiten statt. Ich sah ständig Reiter mit ihren Pferden über ein Hindernis springen und hinter einer Bodenwelle verschwinden, so dass ich glaubte, sie würden dort von einem Abgrund verschlungen. Ich weiß noch, dass ich mich wunderte, dass die Männer so bereitwillig in ihr Verderben sprangen und wunderte mich auch über ihre Vielzahl. Heute weiß ich, es wird ein Rundkurs gewesen sein, und es kamen dieselben Männer mehrmals vorbei. Weiterlesen