Die letzte Freinacht (3) – Der Baum muss dran glauben

Folge 1Folge 2
Es ist einsam im Bruch. Und trotzdem müssen wir uns vor dem Förster in Acht nehmen. Am Wald wird der Anhänger entladen und abgekoppelt. Die schwere Kette wird um die Anhängerkupplung des Traktors gewunden, Sägen und Äxte müssen wir tragen. Der Traktor fährt voran, biegt bald in einen matschigen Weg ein, wo er schwer mit den Hinterreifen arbeiten muss. Schlammspritzer fliegen vom Profil der durchdrehenden Reifen, und wir belachen die Leichtsinnigen, die direkt dahinter gegangen sind. Kletschauge und Schmiermaul.
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Die letzte Freinacht (2) – Vom Lesen der Landschaft

Folge 1Folge 2

Es ist viel Unruhe in der Landschaft, wenn man auf einem Traktorgespann über Feldwege fährt. Das Bild schaukelt und ruckelt, kippt mal zur Seite, wieder nach hinten, und plötzlich ist es ganz weg. Da liege ich auf der Ladepritsche und gucke erstaunt in den dämmernden Himmel. Das macht der Korn. Das Gespann biegt in die Bruchstraße ein.

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Die letzte Freinacht (1) – Der Maibaum wird geholt

Die Tür zur Kneipe wird aufgestoßen, und Mistgeruch weht herein. Büb, der Jungbauer, steht in der Tür. Er hat sein Gespann draußen, es kann los gehen. Wir sind guter Dinge, die Dämmerung naht. Es geht durch den Hohlweg in den Bruch hinunter. Im Ausläufer des mächtigen Auwaldes finden wir unseren Baum. Die meisten von uns sitzen auf dem Anhänger, wo Äxte und Sägen und eine schwere Kette liegen. Will und ein anderer stehen hinten auf dem Traktor, rechts und links der Anhängerkupplung, und manchmal rufen sie Büb etwas in den Nacken.
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Straße meiner Kindheit (5) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

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Später war ich noch oft auf dem Hof der Melzers, aber mehr geduldet als willkommen.

Wie äußerte sich das?

Als ich noch klein war, sprachen die Erwachsenen selten mit uns. Wir musten überall herum, wurden mal erwischt und ausgeschimpft, aber sonst kaum oder gar nicht beachtet. Ohne besonderen Grund richtete niemand ein Wort an uns. Bauer Melzer war Kindern gegenüber schweigsam und mürrisch, sprach auch nicht viel mit den eigenen Kindern. In all den Jahren hat er nicht drei Sätze zu mir gesagt. Man hätte denken können, dass Kinder für ihn keine ebenbürtigen Menschen waren. Ich erst recht nicht.

Wie kommst du darauf?
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Straße meiner Kindheit (4) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

Folge 1Folge 2 Folge 3

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:
Was geschah Blödes auf dem Melzerhof? Seid ihr beim Musen ertappt worden?

Das war doch nichts Schlimmes. Wir wurden oft beim Musen erwischt. Dann hat man uns einfach weggejagt. Das hatte keine Folgen.

Was war es dann?

Es ist ein bisschen peinlich. Aber es veränderte mein Leben von einem auf den anderen Tag. Vorausschicken muss ich, wie innig die Freundschaft zwischen Rosie und mir war. Wenn wir groß wären, wollten wir heiraten. Unsere Mütter hatten sich auch ein bisschen angefreundet. Frau Melzer war nicht aus dem Dorf. Sie kam vom Rhein aus Bacharach. Ihre Familie hatte dort Weinberge und ein kleines Hotel. Einmal, es war im Jahr, bevor mein Vater starb, ist meine Mutter mit Rosie und mir hingefahren. Als ich da frühmorgens aus dem Fenster schaute, dachte ich, überall wäre Nebel. Aber es war der Weinberg, der hinterm Haus steil aufragte, fast bis zum Himmel. Ich hatte nie zuvor einen so hohen Berg gesehen. Und …

Du weichst aus. Was geschah auf dem Bauernhof der Melzers? Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (3) – Ein Interview

hohlweg
Folge 1Folge 2

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:
Was war denn so gruselig am Kinomann?

Als mein Vater gestorben war, nahm meine Mutter allerlei Arbeiten an. Sie putzte die Kirche und die Schule, sie kochte für Leute, die ein Fest zu feiern hatten, und plötzlich auch für Kinomann Meuter. Er wurde für die Zeit der Wintermonate bei uns Kostgänger, kam täglich zu Mittag, wenn das Essen auf dem Tisch stand, grüßte ergeben, nahm seine Baskenmütze vom Kopf und setzte sich verlegen lächelnd zu uns. Schon diesen fremden Mann am Tisch zu haben, fand ich beunruhigend. Da hätte ich lieber meinen Vater gesehen, doch der war ja einfach gestorben.

Zu meinem Unglück war Kinomann Meuter anders als die Leute aus dem Dorf. Seine ganze Erscheinung war befremdlich, seine gedrungene Gestalt, der zerschlissene schwarze Anzug, die Baskenmütze auf dem runden Kopf, sein untertäniges Lächeln. Niemand wusste, woher er eigentlich kam. Er nahm nicht am dörflichen Leben teil und war nie in der Kirche gesehen worden. Beim Mittagsgebet, wenn wir die Hände falteten, dann legte er seine ineinander und schaute stumm zur Decke. Vielleicht gehörte er irgendeiner Sekte an, doch davon begriff ich als fünfjähriges Kind noch nichts. Ich wusste nur, dass er nicht in den Himmel kommen würde, weil er nicht richtig beten konnte. Stattdessen erzählte er beim Essen, dass er einen unheimlichen Nebel gesehen hatte und geisterhafte Erscheinungen von Toten. Die waren aus dem Nebel auf ihn zu gekommen und hatten zu ihm gesprochen.

Was sagte deine Mutter dazu? Weiterlesen