Forschungsreise Rheinland (4) – Am Gillbach

Fritz ist uns so weit wie möglich entgegen gefahren. Im Wolkenbruch geben meine Sneakers auf und lassen die Nässe durch, links und rechts, beide gleichzeitig. Ein Fall von Quantenmechanik? Vor nun 27 Jahren bin ich mit dem Rennrad hier gewesen und stand am Eingang des Hohlwegs, wo Fritz uns erwartet. Einmal im Sommer fuhr ich damals von Aachen die 85 Kilometer zur Zollfeste Zons am Rhein. Dazu wartete ich eine stabile Wetterlage mit Ostwind ab, damit ich bei der Heimfahrt Rückenwind hatte. Damals schrieb ich diese Notiz in mein Tagebuch, spekulierte auch, ob nach so langer Zeit noch ein Molekül aus der Vergangenheit von mir rumschwirrte, sammelte einen Holundertrieb auf, den ich unter Folie konservierte.

Ich habe im Sommer 1993 auch am Grab meiner Eltern gestanden. Nach so vielen Jahren ist es aufgehoben. Wo das Grab gewesen ist, zeigt der Friedhof heute eine Wiese. Ich bin betroffen, schelte mich, dass ich mich nie gekümmert und alles meinen Geschwistern überlassen habe. Im Zentrum des Dorfes fließt noch das künstliche Bächlein, das der Künstler Anatol Herzfeld gestaltet hat. Im Untergrund gurgelt der kräftige Gillbach, der einst Grenzbach zwischen den Dörfern Butzheim/Nettesheim war. Damals verband die Dörfer eine Brücke „Tollbrücke“ genannt, was gewiss „Zollbrücke“ bedeutet hat. Eventuell gehörten beide Dörfer einst verschiedenen Verwaltungsbezirken an, und es wurde Zoll erhoben.

Krankenhaus Maria-Hilf Nettesheim, gestiftet 1889, inzwischen abgerissen – von einer alten Ansichtskarte

Der Gillbach tritt erst weiter nördlich wieder ans Tageslicht. Gleich nebenan erhob sich früher das Nettesheimer Krankenhaus, in dem ich geboren bin. Meine Großmutter erzählte oftmals die Geschichte von einem verheerenden Hochwasser:

    Nach tagelangen Regenfällen hatte der Gillbach die ans Krankenhaus angrenzenden Wiesen überschwemmt. Nur ein kleine Insel ragte noch hervor. Darauf drängten sich die Kühe des Gutshofes von gegenüber. Die Kühe muhten gar jämmerlich, weil sie schon Tage nicht gemolken worden waren. Der Bauer hatte sie auf der Anhöhe im Stich gelassen. Im Nettesheimer Krankenhaus lag ein junger Mann, der gerade am Blinddarm operiert worden war. Er konnte in seinem Krankenbett das jammervolle Blöken nicht mehr mit anhören, stand auf, ging im Schlafanzug hinaus in den Regen, stieg in die Fluten und schwamm hinüber zu den Kühen. Dann führte er sie aufs Trockene. Der Gutsbesitzer soll ihn Tags darauf im Krankenhaus besucht haben und ihm mit einem Fünfmarkstück gedankt haben. Das wurde allgemein als schäbig angesehen.

Fortsetzung

Forschungsreise Rheinland (3) – Ein altes Heimatlied

Die Straße meiner Kindheit heißt jetzt Am Eichelberg. Die Umbenennung wurde nötig, weil mehrere Dörfer, auch das Doppeldorf Butzheim/Nettesheim zur Gemeinde Rommerskirchen zusammengefasst wurden. Einige Dörfer hatten eine „Bruchstraße“ gehabt. Fritz [Name geändert], mein Freund aus Kinder- und Jugendtagen fährt uns die Straße hoch zu der Stelle, wo sie in einen Hohlweg eintaucht. Er wird hier auf uns warten, denn der Hohlweg kann schon lange nicht mehr befahren werden. Die Natur ist dabei, ihn zurückzuerobern. Ich erinnere mich, dass einst die Gespanne der Bauern durch den Hohlweg schaukelten. Da war die Straße noch breit und festgefügt. Inzwischen ist die Bruchstraße sich selbst überlassen.

Die Bruchstraße ist ein langer Weg mit wechselnden Gesichtern. Sie beginnt an der Landstraße am Ortsrand und stößt genau nach Osten. In einem der Häuser nahe bei der Landstraße bin ich aufgewachsen. Am letzten Gehöft auf der linken Seite endete für mich der heimische Bereich. Es war Rufweite. Dahinter steigt die Straße leicht an, bis sie an der Wegkreuzung oben im Feld wieder abschüssig wird. Von dort konnte ich unser Haus noch sehen. Dann taucht die Straße zweimal in tiefe Gräben, deren Hänge dicht mit Holunder, Hasel und Brombeere bewachsen sind. Hier begann das kleine Abenteuer. Die Mutter eines Jungen hatte eine Trillerpfeife. Die konnten wir manchmal hören, und dann rannte er flugs nach Hause.

In den fernen Hohlweg trauten wir uns erst, als wir größer waren. Doch selten waren wir an seinem Ende, wo die Straße auf einem Damm ein altes Moor überquert, das im 19. Jahrhundert trocken gelegt wurde. Ein Kanal mit brackigem Wasser erinnert daran. Ein kurzes Stück durchzieht die Straße den schmalen Ausläufer eines alten Auwaldes. Er gehört zu einem verschwundenen Altarm des Rheins. Dann ein Gehöft. Wenige Meter hinter dessen Hauswiese stößt die Bruchstraße an ein Feld und ist einfach weg, als hätte man sie umgepflügt. Als Junge habe ich dort manchmal mit dem Fahrrad gestanden und bedauert, dass unsere Straße nach so vielen zielstrebigen Kilometern gen Osten ohne Sinn und Verstand ein sang- und klangloses Ende im Acker fand. Mir war, als wäre sie unter der Ackerkrume noch zu finden.

Da wusste ich nicht, dass ich auf einer alten Römerstraße stand. Dort wo ich zu Hause war, zweigte sie von der römischen Fernstraße ab, die von den südlichen Provinzen zur Nordsee führte. Die Bruchstraße war die Verbindung zu einem römischen Kastell am Rhein gewesen. Vielleicht rührte daher ihr seltsamer Zauber, den ich immer gespürt habe, und der wuchs, je weiter ich von zu Hause fort war. Dass es eine Heeresstraße war, erklärt auch ihr seltsames Ende. Nachdem der letzte römische Legionär durchgezogen war, hatten die Leute dort den Weg verlegt, und später untergepflügt. Sie hatten einfach das Tor geschlossen, wie es sich gehört, wenn der letzte Gast gegangen ist.

Was ich als Kind nicht wusste – Infotafel zum Vergrößern klicken – Foto Susanne B.

An den Hängen der Hohlwege steht der Mergel an, auch Löß genannt, wie die Informationstafel ausweist. Da und dort leuchtet er gelb zwischen Holunderbüschen, Brennnesseln und Brombeerranken. Im Mergel kann man prächtig graben und Höhlen ausschachten. Dachs und Fuchs hatten es uns vorgemacht. Doch wir schachteten rechteckige Kammern. Darin saßen wir und bewachten den Hohlweg. Pfeil und Bogen hielten wir bereit. Nur die ahnungslosen Legionäre in leichter Marschordnung kamen nicht.

Ich möchte meiner Begleiterin das Tal zeigen, das die beiden Hohlwege trennt. Ein alter Rheinarm hat es ausgeschwemmt, als der Rhein noch nicht gebändigt war. An seinen Ufern hatte eine Siedlung gelegen, die längst versunken ist und deren Namen niemand recht weiß. Nur Scherben pflügen die Bauern dort aus dem Boden.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass dem erwachsenen Besucher die Straßen und Häuser der Kindheit klein vorkommen. Die Bruchstraße trotzt dem. Sie streckt und längt sich, dass wir eilen müssen, denn am Himmel hinter uns ballt sich eine tiefgraue Gewitterformation. Als wir das Tal erreichen, brennt uns die Sonne noch heiß in den Nacken, doch mit einem Mal ist die Formation über uns und verfinstert das Land. Wir erblicken das Tal und den fernen Einschnitt des zweiten Hohlwegs, da geht auch schon ein heftiger Schauer nieder. Meine Begleiterin ist eine geschwinde Geherin. Obwohl ich hinter ihr her jogge, bleibe ich bald zurück. Na, macht nichts, ist ja meine Bruchstraße und vertrauter Regen.

Fortsetzung

Die letzte Freinacht (3) – Der Baum muss dran glauben

Folge 1Folge 2
Es ist einsam im Bruch. Und trotzdem müssen wir uns vor dem Förster in Acht nehmen. Am Wald wird der Anhänger entladen und abgekoppelt. Die schwere Kette wird um die Anhängerkupplung des Traktors gewunden, Sägen und Äxte müssen wir tragen. Der Traktor fährt voran, biegt bald in einen matschigen Weg ein, wo er schwer mit den Hinterreifen arbeiten muss. Schlammspritzer fliegen vom Profil der durchdrehenden Reifen, und wir belachen die Leichtsinnigen, die direkt dahinter gegangen sind. Kletschauge und Schmiermaul.
Weiterlesen

Die letzte Freinacht (2) – Vom Lesen der Landschaft

Folge 1Folge 2

Es ist viel Unruhe in der Landschaft, wenn man auf einem Traktorgespann über Feldwege fährt. Das Bild schaukelt und ruckelt, kippt mal zur Seite, wieder nach hinten, und plötzlich ist es ganz weg. Da liege ich auf der Ladepritsche und gucke erstaunt in den dämmernden Himmel. Das macht der Korn. Das Gespann biegt in die Bruchstraße ein.

Weiterlesen

Die letzte Freinacht (1) – Der Maibaum wird geholt

Die Tür zur Kneipe wird aufgestoßen, und Mistgeruch weht herein. Büb, der Jungbauer, steht in der Tür. Er hat sein Gespann draußen, es kann los gehen. Wir sind guter Dinge, die Dämmerung naht. Es geht durch den Hohlweg in den Bruch hinunter. Im Ausläufer des mächtigen Auwaldes finden wir unseren Baum. Die meisten von uns sitzen auf dem Anhänger, wo Äxte und Sägen und eine schwere Kette liegen. Will und ein anderer stehen hinten auf dem Traktor, rechts und links der Anhängerkupplung, und manchmal rufen sie Büb etwas in den Nacken.
Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (5) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

Folge 1Folge 2 Folge 3Folge 4

Später war ich noch oft auf dem Hof der Melzers, aber mehr geduldet als willkommen.

Wie äußerte sich das?

Als ich noch klein war, sprachen die Erwachsenen selten mit uns. Wir musten überall herum, wurden mal erwischt und ausgeschimpft, aber sonst kaum oder gar nicht beachtet. Ohne besonderen Grund richtete niemand ein Wort an uns. Bauer Melzer war Kindern gegenüber schweigsam und mürrisch, sprach auch nicht viel mit den eigenen Kindern. In all den Jahren hat er nicht drei Sätze zu mir gesagt. Man hätte denken können, dass Kinder für ihn keine ebenbürtigen Menschen waren. Ich erst recht nicht.

Wie kommst du darauf?
Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (4) – Ein Interview

Blick in die erste Bruchstraße

Blick in die erste Bruchstraße

Folge 1Folge 2 Folge 3

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:
Was geschah Blödes auf dem Melzerhof? Seid ihr beim Musen ertappt worden?

Das war doch nichts Schlimmes. Wir wurden oft beim Musen erwischt. Dann hat man uns einfach weggejagt. Das hatte keine Folgen.

Was war es dann?

Es ist ein bisschen peinlich. Aber es veränderte mein Leben von einem auf den anderen Tag. Vorausschicken muss ich, wie innig die Freundschaft zwischen Rosie und mir war. Wenn wir groß wären, wollten wir heiraten. Unsere Mütter hatten sich auch ein bisschen angefreundet. Frau Melzer war nicht aus dem Dorf. Sie kam vom Rhein aus Bacharach. Ihre Familie hatte dort Weinberge und ein kleines Hotel. Einmal, es war im Jahr, bevor mein Vater starb, ist meine Mutter mit Rosie und mir hingefahren. Als ich da frühmorgens aus dem Fenster schaute, dachte ich, überall wäre Nebel. Aber es war der Weinberg, der hinterm Haus steil aufragte, fast bis zum Himmel. Ich hatte nie zuvor einen so hohen Berg gesehen. Und …

Du weichst aus. Was geschah auf dem Bauernhof der Melzers? Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (3) – Ein Interview

hohlweg
Folge 1Folge 2

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:
Was war denn so gruselig am Kinomann?

Als mein Vater gestorben war, nahm meine Mutter allerlei Arbeiten an. Sie putzte die Kirche und die Schule, sie kochte für Leute, die ein Fest zu feiern hatten, und plötzlich auch für Kinomann Meuter. Er wurde für die Zeit der Wintermonate bei uns Kostgänger, kam täglich zu Mittag, wenn das Essen auf dem Tisch stand, grüßte ergeben, nahm seine Baskenmütze vom Kopf und setzte sich verlegen lächelnd zu uns. Schon diesen fremden Mann am Tisch zu haben, fand ich beunruhigend. Da hätte ich lieber meinen Vater gesehen, doch der war ja einfach gestorben.

Zu meinem Unglück war Kinomann Meuter anders als die Leute aus dem Dorf. Seine ganze Erscheinung war befremdlich, seine gedrungene Gestalt, der zerschlissene schwarze Anzug, die Baskenmütze auf dem runden Kopf, sein untertäniges Lächeln. Niemand wusste, woher er eigentlich kam. Er nahm nicht am dörflichen Leben teil und war nie in der Kirche gesehen worden. Beim Mittagsgebet, wenn wir die Hände falteten, dann legte er seine ineinander und schaute stumm zur Decke. Vielleicht gehörte er irgendeiner Sekte an, doch davon begriff ich als fünfjähriges Kind noch nichts. Ich wusste nur, dass er nicht in den Himmel kommen würde, weil er nicht richtig beten konnte. Stattdessen erzählte er beim Essen, dass er einen unheimlichen Nebel gesehen hatte und geisterhafte Erscheinungen von Toten. Die waren aus dem Nebel auf ihn zu gekommen und hatten zu ihm gesprochen.

Was sagte deine Mutter dazu? Weiterlesen

Straße meiner Kindheit (2) – Ein Interview

die-strasse-meiner-kindheit
Folge 1

Teestübchen-Chefredakteur Julius Trittenheim interviewt einen Jungen:

Traust du dich heute an Rolf vorbei?

Ich will es versuchen. Sie müssen bedenken, Herr Trittenheim, dass ich noch klein war, als ich begann, die Welt meiner Straße zu erkunden. Ich sah rätselhafte und beunruhigende Dinge, die ein Erwachsener nicht gesehen hätte, wie das, was auf dem Hof der Schmiede geschah. Das Tor war offen, und ich stand in gebührendem Abstand von Rolf und schaute in den Hof. Da waren ein Pferd und zwei Männer. Der eine Mann schlug dem anderen mit einem Hammer aufs Knie. Das hatte schon eine offene Stelle. Man sah den Knochen. Und wie die Reiter, die gezielt in ihr Verderben gesprungen waren, schockierte mich die unfassbare Gleichgültigkeit, mit der der eine Mann sein Knie hinhielt und der andere drauf hämmerte. Weiterlesen