Jüngling der Schwarzen Kunst [01] – Prolog

Anna Cramer schaute aus dem Fenster zum Hof. Es hatte zu regnen begonnen. Schwere Tropfen pladderten auf die gestampfte Hoferde und warfen dicke Blasen. Sie freute sich für ihre jungen Kartoffelpflanzen im Garten ihrer Eltern, die den Regen dringend benötigten.

Früher hatte der Bauer das Regenwasser von der Regenrinne der Stallungen in eine gemauerte Zisterne geleitet, um die Kühe daraus zu tränken. Doch schon lange stand kein Vieh mehr in den Boxen. Der Hof gehörte jetzt einer alten Jungfrau, bei der Anna Cramer mit ihren drei Kindern zur Miete wohnte. Die Zisterne lag trocken. Unter dem Vordach der Stallungen stand ihr zweiter Junge vor der Zisterne und hantierte mit Hammer und Meißel. Das Brett aus dicken Bohlen, mit dem die Zisterne abgedeckt war, diente ihm als Arbeitsplatte. Er hatte einen alten roten Ziegelstein gefunden und meißelte offenbar einen Indianerkopf daraus.

„Ach, mein Hannes hat Ideen wie ein Windvogel“, seufzte Anna. In knapp einem Jahr würde er die Volksschule verlassen. Der Gedanke krampfte ihr das Herz zusammen. Er war doch noch so klein und schmächtig, ein verspieltes und verträumtes Kind von 12 Jahren.

Inzwischen hatte Hannes von seinem Ziegelindianer abgelassen und schnitzte aus einer kurzen Holzleiste ein Boot. Denn bald würde das Wasser von den Feldern herunterkommen und den Rinnstein vor dem Haus in einen Bach verwandeln. Hannes hatte seine Freude daran, das Boot vor der Haustür in die heftige Strömung zu setzen und dann bis zur Straßenmündung neben ihm herzulaufen, wo der Bach gurgelnd im einzigen Gully der Straße verschwand.

„Nein“, sagte Anna, „mein Hannes ist nichts für’s Büro!“

Das sagte sie am nächsten Tag auch ihrer Mutter, bei der sie täglich putzte und kochte, irgendwann mittags zwischen der Arbeit auf den Feldern des Bauern von gegenüber. Hannes war bei ihnen und schaute erstaunt auf. Wieso denn eigentlich?, dachte er. Wäre doch prima, wie Fritz an einem Schreibtisch zu sitzen und sich die Hände nicht schmutzig zu machen, anders als die Automechaniker oder Landmaschinenschlosser. Solche Berufe strebten seine Klassenkameraden an, soweit sie nicht Bauern wurden wie ihre Väter. Aber er wollte das nicht machen. Doch er sagte nichts. Wenn seine Mutter so für ihn entschieden hatte, würde sie wohl ihre Gründe haben. Anna Cramer hatte abends im Bett einen Entschluss gefasst. Ihr Bruder Josef betrieb im Nachbarort eine Druckerei. Sie würde ihn fragen, ob er ihrem Hannes eine Lehrstelle als Buchdrucker oder Schriftsetzer besorgen könne. Das war doch ein gutes Handwerk.

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