Nachtfahrt

Wir hatten uns unzweifelhaft verfahren. Ringsum nur Landschaft, weit und breit keine Stadt zu sehen. Weit und breit niemand, den wir nach dem Weg fragen konnten. Karl-Heinz, der eine gewisse Führungsposition in unserer fünfköpfigen Runde eingenommen hatte, weil er die Karte zu lesen pflegte und sagte, wo es lang ging, war kleinlaut geworden, da er uns offenbar in die Irre geführt hatte. Wir waren müde, wollten endlich die Jugendherberge in Neustadt an der Weinstraße finden, unser Tagesziel.

Da tauchte von hinter einer Bodenwelle ein Mopedfahrer auf. Wie er uns ratlos mit unseren bepackten Fahrrädern herumstehen sah, hielt er an und fragte, wohin wir wollten. Die Jugendherberge in Neustadt? Dahin kenne er einen guten Weg. Er werde vor uns herfahren, sprachs und bog in einen geraden Wirtschaftsweg ein, der nach kurzer Zeit in einen ausgedehnten Wald eintauchte. Wir sahen ihn bald nicht mehr. Offenbar hatte er unser Tempo überschätzt. Es begann zu dämmern. Irgendwann hielten wir und beratschlagten uns. Keiner traute dem Alten auf dem Moped. Wer weiß, wo der uns hinlocken wollte. Die Hoffnung, die Jugendherberge noch vor Anmeldeschluss zu finden, gaben wir auf und beschlossen, eine Nachtfahrt zu machen.

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Geradeaus fahren und niemals mit schwarzen Socken

Springer war kein schöner Mann, und dass er nur ein Unterhemd trug, als er an diesem Sonntagmorgen oben aus dem Fenster schaute, machte ihn nicht schöner.
„Was wollen Sie?!“, rief er.
„Na, was wohl? Radfahren!“
„Die Straße ist noch nass.“
„Das trocknet. Eben kam sogar die Sonne durch.“
„Das hätten Sie fotografieren sollen. Sonst glaubt das keiner.“
Ich lachte.
„Also gut“, entschied er sich, „wenn Sie eine Viertelstunde warten, fahre ich mit.“
Angetan mit einem unförmigen braunen Frotteebademantel öffnete er mir. Wir redeten gedämpft, weil seine Frau noch schlief. Ich setzte mich still in einen Sessel, während er sich leise hantierend fertig machte. Weiterlesen

Hinter Westen liegt Osten (4) – 80000 Franken

Zwei wiederkehrende Alpträume plagen mich. Der jüngere Alptraum lässt mich als Deutschlehrer in einer Zeugniskonferenz der 10. Klasse sitzen. Gleich werde ich gefragt werden, wo die Deutschnoten sind. Ich weiß, dass ich im letzten Halbjahr keine einzige Klassenarbeit habe schreiben lassen und habe folglich keine Noten. Ängste und Schuldgefühle, Fassungslosigkeit ob meiner Versäumnisse, sinnlose Hoffnungen, das ganze werde sich noch richten lassen plagen mich auch im zweiten Alptraum. Bei mir zu Hause liegen die Manuskripte für die Disc-Jockey-Zeitschriften. Aber ich hatte keine Zeit gefunden, die Hefte zu layouten. Sie sollten längst gedruckt sein. Der neue Monat ist schon angebrochen. Die Anzeigenkunden werden nicht bezahlen, weil die Hefte nicht erscheinen. Alles wird zusammenbrechen, und es ist meine Schuld.

Obwohl der letztgenannte Alptraum in einer Zeit angesiedelt ist, die viel weiter in meiner Biographie zurückliegt als mein Lehrerdasein, ist er fast schlimmer. Es zeigt sich, unter welchem Druck ich damals gestanden habe, denn ganz nebenher studierte ich noch. Der Zusammenbruch kam tatsächlich, und zwar kurz nach einem bombastischen  Presseempfang wegen der neuen vierfarbigen Hefte in Brüssel. Ich war dazu nach Brüssel gefahren und erinnere mich noch gut, im Aachener Bahnhofkiosk als Reiselektüre die erste Ausgabe der Titanic gekauft zu haben. Meine Titelzeichnungen von drei Jahren Jahren hatte ich zuvor gerahmt und nach Brüssel verschickt, wo sie den Empfangsraum schmücken sollten.

Die erste Titanic war eine humoristische Offenbarung. Ich saß im Zug und bekam beim Lesen einen Lachanfall nach dem anderen. Es war mir peinlich, dass ich nicht wie die anderen Passagiere manierlich Zeitschrift lesen konnte. Immerhin hatte ich mich in Schale geschmissen, trug einen dunklen Anzug, hatte eine Krawatte umgebunden und vermittelte äußerlich die größtmögliche Seriosität. Aber je mehr ich mich maßregelte, um so häufiger musste ich losprusten. So fuhr ich prustlachend von Aachen nach Brüssel. Das Lachen sollte mir bald vergehen.

Indem die Hefte immer aufwändiger und umfangreicher wurden, stiegen natürlich auch die Kosten. Die UPDJ geriet mit den Honorarzahlungen an mich in Rückstand, zuletzt zwei Monate, also für vier Ausgaben. Das war eine finanzielle Katastrophe für mich und meine Familie. Denn ich hatte zuletzt aus Zeitmangel kaum noch andere Aufträge annehmen können. Le président schlug vor, mir das Honorar für die vergangenen zwei Monate in Raten zu bezahlen.

Inzwischen wurden die Zeitschriften in einer Eupener Druckerei gedruckt. Doch zwei damit befasste Mitarbeiter kündigten, machten sich selbstständig und nahmen den Auftrag mit, was gewiss ungesetzlich war. In diese Wirren fiel es, dass mir ein Monatshonorar versprochen war, das mir in der Druckerei ausgehändigt werden sollte, wenn ich die Papiermontagen des Layouts vorbeibringen würde. Ich fuhr in banger Hoffnung mit dem Bus nach Eupen, doch mein Honorar war nicht da. Also nahm ich die fertigen Seiten wieder mit nach Hause und rückte sie erst heraus, als ich mein Geld bekam. Damit endete meine Arbeit für die belgische Discjockey-Organisation. Man blieb mir das Honorar für zwei Monate schuldig. Auch meine gerahmten Zeichnungen der Titelseiten bekam ich nicht zurück.

Wochen später traf ich in Aachen den Eupener Druckereibesitzer Schwarz, dessen Mitarbeiter sich selbstständig gemacht und den Auftrag quasi gestohlen hatten. Schwarz kam gerade aus der Kreissparkasse, ich wollte hineingehen, erkannte ihn im letzten Moment am jägergrünen Janker und ebensolchem Hut. Wir blieben auf der Außentreppe der Kreissparkasse stehen und redeten über den geschilderten Fall. Er schimpfte auf die beiden Exmitarbeiter und sagte, dass er sie verklagt hätte. Dabei regte er sich immer mehr auf, geriet sogar in einen cholerischen Anfall und begann zu schreien, dass die Passanten stehen blieben und uns angstvoll musterten. Seine Stimme überschlug sich und zuletzt heulte er in seinem ulkigen Eupener Deutsch: „Ich hab der Richter in Brüssel 80.000 Franken gegeben, dass der die Halunken fertig macht!“ [80.000 Belgische Franc (BEF) etwa 2000 Euro]

Das war meine letzte Begegnung mit den Eupener Druckern und meine erste Erfahrung mit der Korruption im belgischen Rechtssystem. Ich wunderte mich vor allem, wie billig ein Brüsseler Richter zu haben war, und dass einer, der offensichtlich im Recht war, wie selbstverständlich für die Durchsetzung seines Rechtes zu zahlen bereit war. War es am Ende allgemeine Übereinkunft bei den Belgen, dass Richter immer geschmiert werden müssen?

Wie ich erfuhr, erschienen die Zeitschriften noch zwei Monate in DIN-A4, dann wieder in A5, was im Editorial gepriesen wurde als das „noveau pocket magazine.“ Es wurde kurz darauf ganz eingestellt. Ich verlor den Kontakt zu allen Beteiligten, kam einige Jahre später dann von ganz anderer Seite wieder nach Eupen und Dolhain und zwar mit dem Fünf-Uhr-Zug der Aachener Zugvögel.

Hinter Westen liegt Osten (1) – Kathy aus Kelmis

flashbackGut 25 Jahre habe ich in Aachen, der westlichsten Großstadt Deutschlands, gelebt und gearbeitet. Wenn man von Aachen aus noch weiter nach Westen fuhr, landete man im Osten, und zwar im deutschsprachigen Teil Belgiens, der sich seit kurzem Ostbelgien nennt. Als ich anfangs in Aachen war, erschien mir die deutschsprachige Provinz abgehängt. Da war eine baufällige Brücke über der Autobahn Aachen – Brüssel, die über die gesamte Zeit meines Studiums nur einseitig befahren werden durfte. Der Gegenverkehr wurde über eine von Bauholz gestützte Behelfsbrücke geführt. Diese marode Brücke mit ihrem schier ewigen Provisorium nebenan war exemplarisch für den Stillstand der Region in den 1970-er Jahren. Ich war nicht gerne in der Region. Mich dauerte und deprimierte die sichtbare Armut Ostbelgiens. Denn arm war ich selbst, als ich mit dem Studium begann.

Da ich zuletzt als Schriftsetzer in der Druckerei gearbeitet hatte, in der die AStA-Zeitung gedruckt wurde, ich hatte sie mit Zustimmung meines Chefs auf eigene Rechnung layoutet, ergatterte ich zum Beginn meines Studiums einen Job als Projektleiter im AStA-Pressereferat. Dort entwarf und layoutete ich alle AStA-Publikationen und druckte nebenher in der AStA-Druckerei. Der damals reiche AStA der RWTH Aachen beschäftigte zwei Sekretärinnen. Eine der beiden, Kathy, war eine deutschsprachige Ostbelgierin. Ihre Eltern und ihr Bruder betrieben im Grenzort Kelmis eine Tankstelle mit Autowerkstatt, in Ostbelgien „Garage“ genannt. Mit Kathy verstand ich mich gut. Frau Dressel, die grauhaarige Putzfrau im AStA, verriet sie einmal, Kathy würde sich immer vor dem Spiegel die Haare richten, wenn sie vorhatte, mich aufzusuchen. Einmal kam Kathy mit schön gerichteten Haaren zu mir und sagte: „Mein Freund Michel ist Mitglied in einem Discjockey-Verband. Die geben monatlich diese Vereinszeitschrift hier heraus.“ Sie zeigte mir ein zusammengehunztes Heftchen im Format DIN-A5 mit wenigen Seiten, darauf ein wenig Werbung und Texte auf Französisch. „Die macht ja nichts her“, fuhr Kathy fort, „drum hab ich mich gefragt, ob du vielleicht Zeit und Lust hättest, das Heft zu layouten und in der AStA-Druckerei zu drucken.“
Ich hätte Kathy küssen können, denn da ich schon eine Familie zu ernähren hatte, war ich froh um jeden Auftrag. Vor allem war ich froh über jeden Auftrag unabhängig vom AStA, denn der AStA wurde vom RCDS und einem liberalen Hochschulverband gestellt, und AStA-Vorsitzender und die Referenten waren durchweg konservative Bürschlein aus gutem Hause, die ihre AStA-Tätigkeit als Sprungbrett für eine politische Karriere oder in leitende Positionen in der Wirtschaft ansahen. Mein Chef, der Pressereferent, ein Arztsohn, wurde später Landtagsabgeordneter und sitzt heute für die CDU als Ärztelobbyist im Bundestag. Der damalige AStA-Vorsitzende wurde bald Pressesprecher der Hochschule. Ich gehörte mit meiner proletarischen Herkunft und als politisch Linker nicht wirklich dazu, wenn man auch meine Arbeit schätzte.

Anfangs liefen alle Kontakte zu den Disc-Jockeys über Kathy. Ich kann aber sagen, dass das Heftchen unter meinen Händen von Monat zu Monat wuchs, nicht größer, aber umfangreicher wurde, so dass es bald nötig wurde, mit dem herausgebenden Discjockey-Verband Kontakt aufzunehmen. Die Zentrale der Union Professionelle des Disc-Jockeys de Belgique (UPDJ) saß in Dolhain, einem Ort direkt hinter Ostbelgien in der wallonischen Provinz Liegé (Lüttich). Ich bat meinen Studienfreund Nebenmann, der einen R4 besaß und fließend Französisch sprach, mit mir dorthin zu fahren. Es war eine Reise ins finsterste Ausland,wo die Welt noch Schwarzweiß war, in der Hauptsache aber Grau.

Teil 2 – Er kann nicht sprechen

Auch schwarzes Wasser kann den Himmel spiegeln

Als ich Kind war, wurde viel über Doktor Reinhard, den neuen Hausarzt im Nachbardorf gewettert. Doktor Reinhard hatte den beliebten alten Landarzt abgelöst, den Doktor Felten, der die meisten Dorfbewohner von Kind auf kannte, und dem uneingeschränkt vertraut wurde. Der neue Landarzt hatte demgemäß einen schweren Stand. Es fehlte ihm aber auch Geschick. Einmal kam die Nachbarin zu uns und erzählte aufgebracht, sie habe dem Neuen gesagt: „Herr Doktor, mir ist immer so duselig!“, worauf der unverschämte Kerl gebrummt hätte: „Ach, Sie dusselige Frau.“

Das Wort duselig beschreibt am besten, wie ich mich am Mittwoch fühlte. Mir war nicht richtig schlecht, nur ein bisschen flau. Schon als ich aufstand, fühlte ich mich, als hätte ich gehörig Restalkohol im Blut. Ich war blass und ein bisschen zittrig, zwang mich aber zu schreiben, mittags mit dem Rad zum Essen zu fahren und vorsorglich etwas einzukaufen. Meine Ärztin hatte Mittwoch frei, aber ich bekam einen Termin für Donnerstag. Wenn du jetzt fragst, warum macht der so ein Gewese um eine Sache, die doch schon der neue Dorfarzt nicht ernst genommen hatte?, dann gebe ich zu, dass ich gerade um diese Jahreszeit ein bisschen überzogen reagiere, denn ich leide im Juni unter Endzeitstimmung. Im Juni 2011 hatte mich der Herzinfarkt erwischt und ein Jahr darauf der Schlaganfall, beides an meinem Geburtstag. Zweimal hatte Gottes Stiefelabsatz nach mir gezielt, und zweimal war ich darunter weggekrochen, beim zweiten Mal reichlich ramponiert, so dass ich Stehen, Gehen und Sprechen wieder lernen musste und vor allem mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert war, wohingegen ich vorher fast zeitlos im Leben gestanden hatte.

Seit einigen Monaten arbeite ich an einem Manuskript mit dem Titel „Buchkultur im Abendrot.“
Gut 15 Jahre hatte ich zum Thema Schrift geforscht, über die Grenzen der Disziplinen hinweg und unzählige Karteikarten mit Zitaten und eigenen Reflexionen beschriftet, aber meine Befunde in eine lesbare Form zu bringen, hatte ich immer wieder vor mir hergeschoben. Einzelne Themen habe ich gelegentlich für meine Blogs aufbereitet und veröffentlicht. Dass ich mich jetzt aufgerafft habe, alles in einen Sinnzusammenhang zu bringen, zu ergänzen und sorgfältig zu bearbeiten, verdanke ich meinem mittleren Sohn.

Er hat mich gedrängt und mir versprochen zu helfen, hat das Manuskript vorzüglich lektoriert und die E-Book-Fassung erstellt. Als nun layouttechnische Probleme bei der Umsetzung meiner Vorstellungen auftauchten und sich alles verzögerte, fürchtete ich schon, meine Zeit nicht genutzt zu haben und jetzt die Veröffentlichung meines quasi Lebenswerkes nicht mehr zu erleben. Ohne es zu wollen, nervte ich meinen hilfsbereiten Sohn mit meiner Endzeitstimmung, so dass er sogar Nachtarbeit eingelegt hat, damit das Buch fertig wurde. Seit gestern ist es endlich soweit. In einigen Tagen wird es an den Buchhandel ausgeliefert und dort sowie online zu haben sein. Ich gebe Bescheid. Derzeit arbeite ich am Layout der Printversion.

Gestern war ich bei meiner Ärztin. Eine anzulernende junge Ärztin war mit im Raum. Nachdem Frau Doktor die Schilderung meiner Symptome angehört, meinen Blutdruck gemessen und mein Herz abgehört hatte, sah sie keinen Handlungsbedarf. Ich kann mir denken, was sie, als ich gegangen war, der jungen Kollegin gesagt hat: „Patienten wie der wollen beruhigt werden.“ Mir hat sie mal gesagt: „Vertrauen Sie auf die Selbstheilungskräfte ihres Körpers!“ Seither ist sie für mich die beste Ärztin nördlich und südlich der Alpen. Mein Sohn war am Telefon erleichtert, mich wieder zuversichtlich zu hören. Was er mit mir erlebt hätte, kenne er von anderen und nenne es: “Blicken in den dunklen Teich.“ Einen solchen Teich hatte ich sogleich vor Augen. Er ist eng von Weiden umstanden und scheint alles Licht zu verschlucken. Anders als der landläufige Begriff „Schwarzsehen“ verweist das Bild des dunklen Teiches auf ein ihm innewohnendes lustvolles, romantisches Element. Sich im dunklen Teich zu suhlen, ist sicher nicht gesund, zumal das Wasser solcher Teiche seine Schwärze von den Ausscheidungen der Blattläuse hat. Der richtige Blickwinkel lässt ihn jedoch silbrig glänzen.

20 Jahre Warten auf die 16. Elfstedentocht

Kategorie KopfkinoAls kürzlich überall in Westeuropa Frostgrade verzeichnet wurden, wagte ich für kurze Zeit zu hoffen. Doch wie die Wetterprognosen zeigen, wird die Elfstedentocht auch in diesem Jahr nicht stattfinden können. Erstmals las ich Anfang der 1980-er Jahre als junger Deutschlehrer von der Elfstedentocht, und zwar in einem blauen Büchlein mit Übungsdiktaten. Darin war als Diktat für 5. und 6. Klassen die Reportage abgedruckt: „Fliegende Holländer auf dem Eis.“ Das Büchlein ist leider verschollen. Den Text habe ich nur einmal diktiert, denn er war für damalige Verhältnisse viel zu schwer.

Möglicher Weise hat es Zeiten gegeben, als gut geschriebene Reportagen als Diktate taugten, aber die hier taugte nur dazu, in mir romantische Stimmungen über die Elf-Steden-Tocht zu wecken. Gut 15 Jahre später, am 4. Januar 1997, wurden sie erneut geweckt. In meinem Arbeitszimmer unterm Dach unseres Hauses in Aachen konnte ich über Antenne niederländische TV-Sender empfangen. Eigentlich wollte ich Klassenarbeiten korrigieren, aber stellte mir einen kleinen SW-Antennenfernseher auf den Schreibtisch, um die Live-Übertragung der 15. Elfstedentoch zu verfolgen.

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In aller Früh, noch in der Dunkelheit, versammeln sich 16.000 dick gegen die Kälte eingemummelte Eisschnelläufer, um über die zugefrorenen Kanäle, Grachten und Seen der niederländischen Provinz Friesland zu gleiten. Den Wettkampfläufern davon folgen Seitenwagengespanne mit Kameraleuten von Studio Sport der übertragenden Nederlandse Omroep Stichting (NOS). Die Strecke führt entlang elf friesländischer Ortschaften mit historischem Stadtrecht. „Schaatsen“, für das es im Deutschen nur das sperrige Wort Schlittschuhlaufen gibt, ist ein niederländischer Nationalsport. Deshalb ist dieses 200 Kilometer lange Rennen ein nationales Ereignis, das viele Millionen Zuschauer anlockt. Die seriöse niederländische Tageszeitung De Volkskrant schrieb in einer Kolumne sogar von einem „nationalen Orgasmus.“ In den beteiligten Städten sind alle Unterkünfte, Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen ausgebucht. An der Strecke herrscht Karneval. Am Rennen teilzunehmen, ist ein Privileg. Man muss als Mitglied im Verein Koninklijke Vereniging de Friesche Elf Steden registriert sein. Im Jahr 1986 war sogar ein W.A. van Buren angemeldet gewesen. Es war der inkognito mitlaufende niederländische Thronfolger (der heutige König Wilhelm-Alexander). Dass der einst eher als Feierbiest Prins Pilsje bekannte Thronfolger die ganze Strecke geschafft hatte, wurde in der weniger seriösen Presse angezweifelt.

Damit die Elfstedentocht stattfinden kann, muss es mindestens zwei Wochen krachenden Frost geben, bis die Eisdecke auf 15 Zentimeter Dicke angewachsen ist. Besonders unter Brücken hat das Eis häufig Schwachstellen. Dann wird Eis von anderen Stellen transplantiert. Manchmal müssen die Eisschnelläufer aber vom Eis und solche Stellen auf mit Säcken und Stroh ausgelegten Wegen umlaufen. Jede der friesischen Städte hat einen Rayonhoofd genannten Bezirks-Eishäuptling, der über die Tragfähigkeit des Eises befindet. Erst wenn alle Rayonhoofden ihr Okay geben, kann die Tour stattfinden. Livebericht der 15. Elfstedentocht aus meinem Tagebuch:
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Nachtrag: Im Sommer 2006 habe ich im friesischen Städtchen Workum an einem der Kanäle der Elfstedentocht gestanden. Er führte am Garten des Häuschen einer Jugendfreundin vorbei, in dem ich damals übernachtete. Es fiel mir schwer mir unter der warmen Sonne den vereisten Kanal vorzustellen, ebenso eine Landschaft, in der unter eisigen Winden alles Leben erstarrt scheint. Aber dann knirschen Kufen übers Eis und Tausende Schaatser trotzen der unwirtlichen Natur. Vielleicht nächstes Jahr.

 

Nikolaus, Hans Muff und wie der dicke Kalckmann meinen Glauben niederrang

flashbackMeine Großmutter Katharina hatte am 25. November Namenstag. Den feierte sie stets an einem Samstag im Dezember, und zwar im „guten Zimmer“ zur Straße hin, das nur für besondere Anlässe genutzt wurde. Da war kaum Platz genug für die Großfamilie, – Onkel, Tanten, Vettern und Kusinen. Doch diese drangvolle Enge hatte etwas ungemein Behütendes. Einmal fiel die Namenstagsfeier genau auf den 6. Dezember. Man saß bei Kaffee und Kuchen, später bei Heringssalat, Kartoffelsalat und Schnittchen, es wurde geschmaust und getrunken. Die Luft war voller Zigarrenrauch, Essensdüfte und dem Dunst von Körnchen. Das Stimmengewirr, ein einziger Chor des sozialen Geräuschs. Hatte einer eine gute Geschichte erzählt, dann hieben meine Onkel lachend ihre schweren Männerhände auf den weiß gedeckten Tisch, dass die Schnapsgläschen hüpften. Nur Großvater saß völlig unbeteiligt in seinem Lehnstuhl in der Ecke und trug zur fröhlichen Stimmung den Zigarrenrauch bei.

Mit einem Mal sagt meine Großmutter, sie müsse jetzt die Fensterläden schließen und geht hinaus auf die Straße. Alle verstummen, und in der plötzlichen Stille ist zu hören, wie meine Großmutter mit gespieltem Erstaunen ruft: “Guten Abend, Herr Nikolaus!“ Und schon bringt sie einen späten Besucher ins gute Zimmer. Der Nikolaus trägt einen mächtigen weißen Bart über dem Bischofsgewand, hält ein großes Buch mit Goldschnitt unterm Arm und eine Rute in der weiß behandschuhten Rechten. Das gebietet Respekt. Da hilft es nichts, dass die Mitra auf seinem Kopf verdächtig einem Kaffeewärmer ähnelt. Wir Kinder erstarren, allerdings nicht seinetwegen. Zu seinen Stiefeln kriechend drängt sich ein kohlschwarzer Unhold ins Zimmer, ein Wesen in Ketten, gleich einem Höllenhund. Hans Muff faucht wüst in die Runde, und es wäre gewiss um mein klopfendes Herz geschehen, spräche St. Nikolaus nicht ein Machtwort, das da lautet: “Still, Hans Muff!“ Da kriecht der schwarze Unhold unter den Tisch, weshalb alle die Füße zurückziehen. Ein ums andere Kind wird vor den Nikolaus gezerrt und muss sich vor allen Ohren die guten und schlechten Taten anhören, die der Nikolaus aus dem Buche liest. Und bei jeder verlesenen Übeltat schießt Hans Muff kettenrasselnd unter dem Tisch hervor und grabscht nach zitternden Beinchen. „Hier steht, dass du deinen Teller nie leer essen willst“, sagt der Nikolaus mir streng, worauf sich der Hans Muff kaum noch beruhigen will. Da gelobe ich, auf immer alle meine Teller leer zu essen, und an dieses Versprechen bin ich jetzt mein Leben lang gebunden. Solche Erfahrungen brennen sich ein in eine Kinderseele. Das wirst du nicht mehr los. Der Katholik wird mit Angst und Drohungen fromm gemacht.

Zerbrochener Kindertraum - Foto: JvdL

Zerbrochener Kindertraum – Foto: JvdL

Mein Glauben an den kirchlichen Mummenschanz wurde ein Jahr später nachhaltig erschüttert. Der Kindergarten wurde von strengen Nonnen geführt. Natürlich bestellten auch sie den Nikolaus mit Hans Muff ein, von ihnen „Knecht Ruprecht“ genannt. Der heilige Mann kam und las unseren verstockten Sünderherzen die Leviten, immer attestiert vom schrecklichen Hans Muff. Nachdem die beiden gegangen waren, drängten wir uns alle an den Fenstern zum Garten und sahen den beiden froh hinterher, denn solche Herrschaften sieht man lieber von hinten. Am Törchen unten warteten einige Schuljungen. Der dicke Kalckmann war auch dabei. Als der Nikolaus sich ihnen näherte, begannen sie zu feixen. Da klirrte Hans Muff mit der Kette und sprang den dicken Kalckmann an. Es geschah das Ungeheuerliche. Der dicke Kalckmann lief nicht weg, sondern blieb einfach stehen, packte sich Hans Muff, nahm ihn in den Schwitzkasten und rang ihn zu Boden. Dabei zog er ihm auch seine schwarze Verkleidung auseinander, und zum Vorschein kam eine Mönchskutte. Da wusste ich, es ist alles nur Mummenschanz und das nährte den Verdacht, der ganze Glaube wäre Mummenschanz. Trotzdem bekam ich gestern ein Päckchen zum Nikolaus. Das brachte der DHL-Paketbote.

Dieser schockierende Text über die Hinterlassenschaft der Hunde lässt dich am Ende schmunzeln

Ich kannte einen Mann, der hieß Hund. Zu dieser Zeit arbeitete ich als studentische Hilfskraft für den Pressesprecher der Technischen Hochschule Aachen (RWTH), genauer ich entwarf alle Drucksachen der Pressestelle. Es war eine neue Informationsbroschüre für Besucher der Hochschule zu machen, und Herr Hund vertrat die Druckerei, die den Zuschlag bekommen hatte. Als er zu einer Vorbesprechung eintraf, saß ich bereits mit dem Pressesprecher im Konferenzraum. Herr Hund trat ein, und sofort verbreitete sich ein enormer Gestank. Wir sahen uns an, und aus Höflichkeit sagten wir nichts dazu. Herr Hund schaute sich das Layout an, fragte dies und das, und erläuterte, wie er sich den zeitlichen Ablauf der Drucklegung dachte. Inzwischen hatte der Gestank den Raum völlig vereinnahmt und sich schwer auf unsere Gemüter gelegt. Ich dachte, dass jemand durchaus Hund heißen darf, er hat es sich schließlich nicht ausgesucht. Doch schlimmer als ein Hund zu stinken, fand ich ein wenig extravagant. Auch Herr Hund und der Pressesprecher waren irgendwie nicht bei der Sache. Das Gespräch lief nur stockend, und zwischendurch war die allgemeine Irritation groß. Man konnte sich einfach durch den Gestank hindurch nicht auf mein Layout konzentrieren. Mit einem Mal beugte Hund sich nieder, zog einen Schuh vom Fuß und holte ihn triumphierend unter dem Tisch hervor.
„Ich bin das!“, rief er erleichtert. „Ich dachte schon die ganze Zeit, was stinkt das hier so, und jetzt haben wir den Übeltäter!“

Unter der Sohle klebte ein großer hellbrauner Flatsch aus Hundekot. Herr Hund war nun so erleichtert, dass er den Schuh gar nicht mehr wegnehmen wollte, sondern er hielt das Corpus delikti abwechselnd dem Pressesprecher und mir unter die Nase. Wir schluckten und nickten ergeben, und der Pressesprecher rang sich ein paar beschwichtigende Worte ab, um Herrn Hund zu bestätigen, dass nicht er, sondern nur sein Schuh so bestialisch stank. Darauf endlich entfernte sich Herr Hund zur Toilette, um den Kot von seinem Schuh zu waschen.

Noch unter Eindruck habe ich einige Tage darauf dieses Cartoon gezeichnet:

hund

„Ohne ein Geräusch zu machen“ – Kindliche Aufsätze


Viel weiß ich nicht mehr aus meiner Schulzeit. Aufsätze waren meine Stärke, und oft während meiner Zeit in der Mittelklasse, die das 3. bis 5. Schuljahr umfasste, da wurde ich vom durchaus strengen, aber gerechten Lehrer Russ aufgefordert, meinen Aufsatz vorzulesen. Ich erinnere mich an einen Aufsatz zum Thema Tafelputzen, eine Vorgangsbeschreibung. Ich ließ darin den imaginären Tafeldienst einen Eimer Wasser holen und damit „ohne ein Geräusch zu machen“ zur Tafel huschen.

Als ich meinen Aufsatz vorlas, war mir schon klar, dass er Elemente enthielt, die nicht zum Thema gehörten, wo ich also unzulässig ausgeschmückt hatte, „das Huschen nämlich“; schließlich ist es egal, ob einer zur Tafel huscht oder nicht, wenn er nur ordentlich putzt, und prompt wurde das vom Lehrer angemerkt, aber mehr für die anderen, denn er ahnte, dass ich selbst Bescheid wusste. Dieser Stilbruch transportiert aber eine Information für die Nachwelt, was ich als Sieben- oder Achtjähriger schon als Ideal verinnerlicht hatte, dass nämlich ein Tafeldienst leise zu Werke gehen sollte, um die konzentrierte Stille im Klassenraum nicht zu stören. Wer eine Vorstellung hat von der Unruhe in heutigen Klassenräumen, wird sich in paradiesische Zeiten versetzt fühlen. Der Eindruck täuscht. So paradiesisch war meine Schulzeit nicht. Nur der Tafeldienst hat halt nicht gelärmt, jedenfalls in meinem Heft nicht. Aber das war selbst für Lehrer Russ zuviel.

Als ich kürzlich im TV einen Taunuskrimi sah, fiel mir ein Aufsatzthema ein, das der mir verhasste Hauptlehrer Schmitz gestellt hatte, als ich in der sogenannten Oberklasse war: „Ein Abenteuer, das ich gerne erleben wollte.“ Ich schrieb wohl eine furchtbar kolportierte Kriminalgeschichte, was man in nicht mal 45 Minuten so zusammenschustern kann als Zehnjähriger, wovon ich den ersten Satz noch genau weiß: „Wir zelteten im Taunus am Waldesrand.“ Ich war noch nie im Taunus gewesen, hatte aber gelesen, dass dieses Mittelgebirge bewaldet ist. Ein schlechter Satz war das, voller ungewollter Komik, weil die Ortsangabe unzulänglich ist, quasi anzeigte, dass der Taunus jenseits meines Horizonts lag. Die dazu passende unbestimmt, bestimmte Zeitangabe ist „wir treffen uns nach dem Krieg um 5 Uhr“, zum Glück nicht von mir, sondern mir von irgendwo her zugeflogen. Vor allem staune ich, dass ich das Waldrandzelten nicht an einen nahegelegen Ort verlegt habe. Es hätte ja auch der Knechtstedener Wald sein können. Den kannte ich nämlich. Aber ein Abenteuer konnte ich mir so vor der Haustür nicht vorstellen. Ich war halt beseelt von der 5-Freunde-Romantik mit einsamen Felseninseln und alten Bruchsteingebäuden voller Geheimgänge.

Jahrzehnte später blickte ich aus der Lehrerperspektive in die kleine Welt von Klassenarbeitsheften. Wir sehen eine Kopie aus dem Aufsatz eines Schülers der 6. Klasse (April 1997) und meine nicht ganz freundliche Randbemerkung in Rot :
der böse student
Der Schüler dürfte jetzt knapp über 30 sein. Ob er sich noch erinnert an seine „ein bisschen wellige Schrift“ und meine ungnädige Randbemerkung über die unzulässige Ausschmückung? Jedenfalls finde ich heute, dass ich ruhig ein bisschen nachsichtiger hätte sein können, angesichts eigener kindlicher Fehlleistungen. Vermutlich hatte ich mich nur über sein „Achtung“ geärgert.

Herb Lubalin, Upper and lower case und die Demokratisierung der Druckschrift

Seit in meinen Keller Wasser eíngedrungen ist, bin ich nicht mehr unten gewesen. Aber ich werde mich wohl überreden müssen, das zu tun. In den Regalen lagert hoffentlich noch gut verpackt ein Stapel einer Rarität, verschiedene Ausgaben, ganze Jahrgänge, der typografischen Fachpublikation U&lC (Upper and lower case) der International Type Face Corporation, erschienen ab 1974 in New York, herausgegeben von Herb Lubalin, einem genialen Typografen und Schriftschöpfer. Fachleute kennen seine Schrift Avant Garde, eine in den 60er Jahren berühmte serifenlose Linearantiqua, Laien kennen sein Adidas-Logo.

ulc titelUpper and lower case, das sind zu deutsch die Groß – und Kleinbuchstaben. Sie heißen so nach der Lage der Buchstaben in den Setzkästen der Bleizeit. Im angelsächsischen Sprachraum und auch bei den Niederländern liegen die Großbuchstaben in Extrakästen, die im steileren Winkel oberhalb der Kästen für die Kleinbuchstaben aufgestellt wurden, weshalb die Groß- und Kleinbuchstaben im Niederländischen bovenkast und onderkast heißen, im Englischen Upper and lower case.
U&lC ist eine kostenlos versandte Fachzeitschrift für Typografen, im Format 28,5 x 38 cm, geheftet, gedruckt auf Zeitungspapier.

Ich gehöre wohl zu den letzten Jahrgängen, die noch das Schriftsetzerhandwerk gelernt haben, doch Anfang der 1970-er Jahre wurde mein Handwerk quasi über Nacht museal. Ich erinnere mich, als die Aachener Druckerei, in der ich arbeitete, im Jahr 1973 den ersten Satzcomputer anschaffte. Er hatte ein orangefarbenes Blechgehäuse und war so hoch wie ein Kühlschrank. Zu dem Blechtrottel gehörte ein Monteur, der eine ganze Arbeitswoche im Hotel übernachtete, weil es tagelang dauerte, den Satzcomputer überhaupt ans Laufen zu bringen und einzurichten. Ich weiß noch, dass wir oft feixend um das Gerät herumstanden, weil es einfach nicht machen wollte, was es sollte. Es war ein sogenanntes Fotosatzgerät, das Schrift in gewünschter Satzbreite auf einen Endlosstreifen Fotopapier belichtete. Die Streifen wurden zerschnitten und am Leuchttisch auf einen Montagebogen geklebt, aus dem wiederum reprotechnisch Druckplatten für den Offsetdruck belichtet wurden. Diese relativ preiswerte Technik der Druckplattenherstellung ermöglichte, dass man auch die Schreibmaschine zur Satzherstellung nutzen und sogar Überschriften mit der Hand lettern konnte wie hier bei Manfred Voita zu sehen.

Für den professionellen Einsatz gab es den Fotosatz oder sogenannte Anreibeschriften von Herstellern wie Letraset und eben der International Typeface Corporation (ITC). Herb Lubalin hatte sie mit anderen gegründet, um Schriften für den Fotosatz und für Anreibeschriften zugänglich zu machen, denn man hatte zwar Satzcomputer und die neuen Satztechniken, aber keine Schriften. Die Lizenzen für Drucklettern wurden nämlich von den Schriftgießereien gehalten.

Im Jahr 1974 war abzusehen, dass der Bleisatz aus den Druckereien verschwinden würde. Ich lernte noch die neuen Techniken der Satzherstellung, begann aber klugerweise mit dem Lehramtsstudium. Ich hatte mich ein Jahr in Abendkursen auf die sogenannte Begabtensonderprüfung vorbereitet, sie bestanden und so die Hochschulreife erlangt. Mein Studium musste ich aber durch Arbeit finanzieren, denn ich hatte schon Familie. Also blieb ich dem graphischen Gewerbe noch lange verbunden, gestaltete Drucksachen für den AStA und den Pressesprecher der RWTH, wo ich sogar ein eigenes Büro hatte, layoutete zwei Monatsmagazine für den belgischen Disc-Jockey-Verband, Union Professionelle des Disc-Jockeys de Belgique (UPDJ, je in Flämisch und Französisch, und im gesamten Hochschulviertel hingen von mir gestaltete Plakate.
ulc 005ulc 008ulc 006ulc 009Die wunderbare U&lC sah ich erstmals bei meinem Bruder, der Geschäftsführer einer Kölner Druckerei war, in der ich vor meiner Aachener Zeit gearbeitet hatte. Es dauerte Monate, bis ich in den Verteiler geriet und mir regelmäßig die neuste U&lC zugesandt wurde. Ich glaube, meine anhaltende Liebe zur Typografie, meine Begeisterung für das Thema Schrift geht maßgeblich auf diese wunderbare Hauszeitschrift zurück. „Nirgendwo wurde lebendiger über neue Schriften geschrieben, nirgendwo anders wurden neue Schriften spannender inszeniert“, schreibt die Seite Fontshop.de, das „PDF-Archiv des legendären magazin ulc“, das hoffentlich noch ausgebaut wird.

Mit oben erwähntem Fotosatzcomputer und der freien Schriftlizenzierung der ITC begann ein gewaltiger kultureller Umbruch, der noch nicht abgeschlossen ist. Wenn wir heute über die Fülle der Druckschriften frei verfügen können, verdanken wir das Vorkämpfern wie Herb Lubalin. Indem wir Bloggerinnen und Blogger die Druckschriften, typografische Gesetzmäßigkeiten und am Buchdruck entwickelte Stilformen benutzen, stehen wir mit einem Bein noch in der Buchkultur der Bleizeit und tasten mit dem anderen in die Unwägbarkeit der digitalen Publikation. Ich hoffe, meine kleine Rückbesinnung hilft zu verstehen, was wir hier eigentlich machen und in welcher Tradition wir stehen.

Abbildungen aus U&lC, 6/1978. Die letzte Abb. zeigt das bekannte Zeichensystem Dingbats des deutschen Schriftschöpfers Hermann Zapf; Fotos: Trithemius (größer: klicken).

Die alte Bleisatztechnik zeigt mein Film über das Buchdruckereimuseum Hannover-Linden: