Jüngling der Schwarzen Kunst – Heiliges Alphabet

Hannes stand am Setzkasten und setzte eine Zeile in Versalbuchstaben. Er fragte:
„Warum sind im Setzkasten die Großbuchstaben nicht nach Buchstabenhäufigkeit sortiert, Herr Ewald?“
„Das sind ja die Alten. Sie residieren oben, alphabetisch aufgereiht, gemäß der alten Ordnung, während unter ihnen ihre Enkel und Urenkel quasi durcheinander wirbeln.“
„Die Kleinbuchstaben sind ihre Enkel?“

„Ja, sie sind im achten Jahrhundert aus den Großbuchstaben entstanden. Die Alphabetreihe galt von der Antike bis ins Mittelalter als heilig. Sie aufzulösen, ist Blasphemie. Indem wir die Kleinbuchstaben einfach nach Häufigkeit neu sortieren, bricht die Satztechnik mit der religiösen Tradition. Das muss man sich erst einmal trauen. Gutenberg hat es getan.“
„Was ist denn Blasphemie?“
„Gotteslästerung.“
„Also war Gutenberg kein frommer Mensch?“
„Vermutlich nicht.“
„Aber er hat eine Bibel gedruckt.“
„Vielleicht als Beschwichtigung des Vorwurfs, der Buchdruck sei Teufelswerk.“
„Darum heißt unser Handwerk Schwarze Kunst?“
„Eigentlich wegen der schwarzen Druckfarbe. Aber weil man lange Zeit dachte, der Buchdruck wäre vom Geldverleiher Johannes Faust erfunden worden, glaubte man an einen Teufelsbund. Ich kenne ein Gedicht von Franz Grillparzer:

    Du lichte Schwarze Kunst
    Ob Gutenberg ob Faust
    War man zu Recht im Zweifel
    Denn halb kommst du von Gott
    Und halb kommst du vom Teufel.

Wie zur Wiedergutmachung der Blasphemie liegen wenigstens die Großbuchstaben in der angestammten Alphabetreihe. Aber das ist meine persönliche Interpretation. Landläufig passt hier ‚Einen alten Baum verpflanzt man nicht.’“

Hannes überlegte eine Weile und sagte dann: „Ich glaube, das ist Quatsch, Herr Ewald.“
„Ich gebe dir gleich ‚Quatsch’“, schnaufte Ewald und packte Hannes am Kittelkragen.“ Hannes duckte sich weg und wand sich aus seinem Griff.
„Doch, Herr Ewald! Wenn ich irgendein Wort aus Versalbuchstaben setze, beispielsweise HERR EWALD REDET UNSINN, dann verpflanze ich die Großbuchstaben doch auch.“

Am Sonntagmorgen saß Hannes in seinem Zimmer an der Kommode, die ihm und seinem Bruder als Schreibtisch diente. Wie es seine Gewohnheit war, trommelte er mit den Händen auf der Tischplatte. Durch die Erschütterung kippte plötzlich eine Ansichtskarte hervor, die sein Bruder wohl zwischen einigen Büchern versteckt hatte. Es waren auf 26 kleinen Zeichnungen nackte Menschen mit sexuellen Handlungen beschäftigt, mal zu Zweit, mal hatten zwei Männer eine Frau gepackt. Dabei verrenkten sie sich so, dass ihre Körper die Großbuchstaben des Alphabets bildeten.

Als Hannes die Darstellungen betrachtete, begann das Blut in seinen Ohren zu rauschen. Er spürte wie sein Penis anschwoll und hart von innen gegen seine Hose drückte. Der sexuelle Rausch kam so plötzlich über ihn, dass es ihn überwältigte. Das alles war unkeusch, wusste er. Es verstieß gegen das sechste Gebot, aber sein schlechtes Gewissen kam gegen die drastische Sexualität der Zeichnungen nicht an. Er musste sich dringend Erleichterung verschaffen. Hannes ging ins Bad und schloss hinter sich ab. Von wegen „das Alphabet ist heilig.“

Jüngling der Schwarzen Kunst – Aus zweiter Hand

„Ich habe mir die Filmplakate des neuen Hitchcock angesehen, Herr Ewald.“
„Du meinst ‚Psycho‘? So neu ist der nicht. Soviel ich weiß von 1960.“
„Aber das Kino auf der Oberstraße zeigt ihn gerade. Jedenfalls gehen mir die ausgehängten Fotos nicht aus dem Kopf. Ich muss dauernd rätseln, was es mit dem unheimlichen Haus auf sich hat.“
„Irgendwann wirst du es herausfinden.“
„Ein schwacher Trost für einen, der von allem immer nur die Außenbilder hat.“
„Geht’s wieder los mit der Leier: ‚Ich bin hier eingesperrt und erfahre so wenig von der Welt?‘ Wir alle haben von der Welt überwiegend Bilder, die im Aushangkasten hängen. Was wir unmittelbar mit unseren Sinnen erfassen können, ist minimal gemessen an dem, was uns aus zweiter Hand unter kommt.“
„Aus zweiter Hand?“ Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Erste Küsse

Hannes und Pesch gingen von der Berufsschule zu Fuß zurück in die Stadt. Sie unterhielten sich über ihren Wunsch, nach Abschluss der Lehre, Grafiker zu werden. Pesch sagte: „Ein guter Grafiker kann einen Trauerbrief sogar in Rot gestalten.“
„Vielleicht, aber vergiss nicht, dass alle Farben was bedeuten“, meinte Hannes. „Schwarz ist die Farbe der Trauer, Rot die Farbe der Liebe.“
„Woher willst du das wissen?“
„Gelesen.“
„Liebe! Hast du schon eine Freundin?“
„Ja.“
„Und wie heißt sie?“
„Erika.“
„Erzähl!“
„Ich treffe sie jeden Morgen im Bus. Wir fahren zusammen nach Neuß.“
„Ihr fahrt nur zusammen Bus? So eine Freundin meine ich nicht, sondern eine, die man küsst. Hast du schon mal?“ Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Herr Ewald ist zu dick

„Sie, Sie und Sie, Sie sind entlassen!“ Hof zeigte weitausholend in die Runde der Setzerkollegen und schmiss alle raus. „Holt euch die Papiere, Ihr faulen Säcke!“
Der Junior hatte verdeckt in seiner Gasse gesessen. Jetzt erhob er sich und trat Hof entgegen: „Was soll das, Herr Hof?“
Hof stammelte: „Entschuldigung, war nur ein Scherz, Herr Eupen.“
„Unterlassen Sie das!“
„So ein Depp!“, brummelte Ewald.
„Der ist sicher sauer, weil der Brief bei ihm angekommen ist“, sagte Hannes.
„Wann hast du ihn abgeschickt?“
„Vorgestern in den Briefkasten gesteckt.“
„Doch hoffentlich nicht in eurem Dorf?“
„Ne, Herr Ewald, so blöd bin ich nicht, dass ich mich mit dem Poststempel von Nettesheim verdächtig mache. Ich habe ihn von hier abgeschickt, als ich mittags einkaufen war.“
„Dann dürfte Hof den Brief schon haben.“
„So richtig freuen kann ich mich über unseren Streich nicht“, sagte Hannes.
„Was ist los?“ Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Betrüger betrügen

„Da bist du ja wieder, Hannes, ich hatte dich schon vermisst“, sagte Ewald.
„Leider musste ich eine Woche für Ganoven arbeiten. Aber gelernt habe ich eine Menge.“
„Was?“
„Dass die Schreibmaschinenschrift für Leutebetrug gedacht ist.“
Hannes berichtete, wie „Künstler“ Wilhelm W. Wienen seine Mädchenakte bewarb.
„Welche Mädchenakte?“, fragte Ewald. Hannes hatte nicht widerstehen können, sich einen Fehldruck des vierfarbigen Prospektes zu sichern, der dem Werbebrief beigelegt worden war. Da waren 12 verkleinerte Abbildungen verschiedenfarbiger Akte in vier Reihen. Obwohl die weiblichen Akte durch die knallige Farbgebung stark verfremdet waren, ging von ihnen ein erotischer Reiz aus. Angeboten wurden die Lithographien im Format 50 x 70 Zentimeter auf schwerem Büttenpapier zu je 300 DM.
„Na, die Bilder sind reichlich unkeusch!“, sagte Ewald schnaufend.
„Ich finde nichts dabei“, entgegnete Hannes, „ich habe nichts mehr am Hut mit der verklemmten katholischen Moral, aber für Sie als angehender Priester … Mich hat die gaunerhafte Werbeaktion geschockt. Aber der Neandertaler hat gesagt, es wäre alles bestens, weil diese moderne Werbestrategie aus Amerika kommt. Ich würde einfach nichts davon verstehen, weil ich vom Dorf komme. Er hat mich so von oben herab behandelt und mehr beleidigt als Ihr Vorgänger Dyckers es je gemacht hat, Herr Ewald.“
„Lass das locker an dir abtropfen!“
„Aber ich will mich rächen. Ich schlage ihn mit seinen eigenen Waffen. Wir haben doch letztens den Briefbogen der Pfarrei St. Quirinus gesetzt. Ich will mit Schreibmaschinenschrift diesen Text setzen und auf der Abzugspresse den Briefbogen damit bedrucken. Dann schicke ich ihm den Brief per Post.“ Hannes zeigte Ewald seinen Entwurf:

    Sehr geehrter Herr Hof, unseren Unterlagen entnehmen wir, daß Sie bereits 3 Jahre im Schatten des St.-Quirinus-Münsters arbeiten, aber den monatlich fälligen Domgroschen nicht entrichtet haben. Wir bitten Sie, den Betrag von 52x10x3 = 15,60 DM nachzuzahlen. (Nicht in den Opferstock werfen!)

    Mit freundlichen Grüßen
    gez. Schmiedbauer (Stadtdechant)

Ewald kicherte, dass sein dicker Bauch hüpfte. „O Hannes, du bist mir einer! ‚Domgroschen‘, das glaubt der Hof nie. Wenn wir ihn wirklich reinlegen wollen, dann muss der Brief glaubwürdiger sein. Und der Zusatz mit dem Opferstock ist zwar lustig, …“ Ewald kicherte schon wieder, „aber der macht den Brief auch zum Jux. Ich habe eine bessere Idee: Wenn ich morgens zur Arbeit komme, gehe ich über den Freithof am Büro der Diozöse vorbei. Dann sehe ich, dass Hof seinen SL immer ganz dreist auf einem der Mitarbeiter-Parkplätze abstellt. Daraus lässt sich etwas machen.“ Er nahm seinen Stift und redigierte den Entwurf.
„Aber das mit dem Opferstock muss drin bleiben, damit der Neandertaler die Chance hat, den Schwindel zu entdecken. Wenn er so schlau ist, wie er denkt …“
„Gut, wir machen es so:“


„Wenn Hof wirklich spendet, dient der Jux noch einem guten Zweck.“
„Ist Misereor seriös?“
„Natürlich, es ist die Hilfsorganisation der katholischen Bischöfe. Warum fragst du?“
„Ihr Verein hat mich schon mal reingelegt. Am Anfang der Adventszeit verteilte der Pastor solche Bastelbögen für Häuschen als Spardose. Wir sollten unser ganzes Taschengeld reinstecken, es wäre für die Diaspora. Das habe ich gemacht, denn ich dachte, Diaspora ist ein Land in Afrika. Aber Diaspora ist in Deutschland!“
„Nicht nur, aber du hast Recht, es ist da, wo Katholiken in der Minderheit sind, zum Beispiel in Niedersachsen.“
„Darum kriegen die Niedersachsen mein Taschengeld?“

Jüngling der Schwarzen Kunst – Leutebetrug

Hannes war gerade in der Metteursgasse angekommen, da betrat ein Mann im rostroten Overall die Setzerei und rief mit erhobener Stimme: „Ich suche Herrn Siegfried Hof!“
„Wilhelm, ich bin hier!“, rief Hof, reckte den Arm und wedelte mit der Hand.
Der Mann rief: „Ah!“, zeigte auf Hof, eilte mit ausgestreckter Hand durch die Mittelgasse, vorbei an den staunenden Setzern in Hofs Gasse und schüttelte ihm überschwänglich die Hand. „Hier wirkst du also, alter Knabe! Gut, dass ich dich antreffe.“
Er zog mit großer Geste ein flaches Päckchen aus seinem Overall und verkündete: „Hier ist das Faksimile meiner Unterschrift, frisch aus der Klischeeanstalt! Hat mich ein Schweinegeld gekostet. Das Klischee druckt ihr in Tintenblau unter den Serienbrief. Tintenblau, hörst du?“
„Schon klar, besprich die Farbe am besten nochmal mit den Druckern“, sagte Hof.
„Bist du mein Gewährsmann oder bist du mein Gewährsmann, Siegfried?“
„Aber ich bin Setzer, kein Drucker, Wilhelm.“
„Ist für mich eins. Für deine Provision kann ich doch eine ordentliche Drucküberwachung erwarten?“
„Natürlich.“
„Dann sind wir uns einig. Ich muss los. Im Atelier warten wunderschöne Mädels auf mich.“
„Ich bringe dich noch zu Tür“, sagte Hof. Weiterlesen

Jüngling der Schwarzen Kunst – Wurzelziehen

„Wie groß etwa ist Madagaskar?“, fragte Direktor Fischéll, der Lehrer für Fachrechnen.
„So groß wie England?“, vermutete Hannes.
Direktor Fischéll schnaubte verächtlich: „Overlack! Sie sind gelinde gesagt ein Träumer. Sie haben ja wohl auf der Zwergschule in Ihrem Kuhdorf rein gar nichts gelernt.“

Die ganze Schriftsetzer-Klasse lachte. Fischéll hatte Hannes schon oft vor der Klasse herabgesetzt. Die Verachtung war durchaus gegenseitig. Jemanden wegen seiner dörflichen Herkunft lächerlich zu machen, war einfach erbärmlich. Da kann einer hundert Mal Direktor der Neußer Berufsschule sein und sich mit einem Akzent schmücken, fand Hannes. Fischéll war vom gleichen Schlag wie Hauptlehrer Eugen Schmitz, der bis zu seinem Tod die dreistufige Oberklasse der Volksschule Nettesheim unterrichtet hatte. Bei ihm hatten sie fast nichts oder nur Unsinn gelernt. Sein Mitschüler Paul, ein Bauernsohn, der kaum etwas behalten konnte, hatte sich aus einem Lehrervortrag „die Fliege hat Facettenaugen“ gemerkt. Tatsächlich hatte er aber nur das Wort Facettenaugen behalten und war davon fasziniert gewesen. Wenn er fortan mit eigenen Worten wiedergeben sollte, was Hauptlehrer Schmitz im Naturkundeunterricht ins Heft diktiert hatte, glänzte Paul mit Facettenaugen. „Die Katze hat Facettenaugen“, sagte Paul, „der Storch hat Facettenaugen“; selbst der Frosch verfügte darüber. Das war nur gerecht, denn so sicherte Paul zumindest beim Schauen die Waffengleichheit zwischen Beute und Beutegreifer. Nichts davon wurde je richtig gestellt.

Wenn Schmitz einen Schülervortrag hörte, saß er mit geschlossenen Augen am Pult, und nur ein leichtes Fingertrommeln verriet, dass er nicht schlief. Das Fingertrommeln hatte Zeichencharakter. Solange Schmitz trommelte, musste vorgetragen werden. Allein auf die flüssige Rede kam es an. Sie durfte nicht enden, bevor die Finger aufhörten zu trommeln, weshalb es ratsam war, nach dem Ende des Vortrags wieder von vorne anzufangen, bis Schmitz zum Notenbuch griff und sein kryptisches Urteil hineinschrieb. „Facettenaugen, Facettenaugen, Facettenaugen“, wäre eine Option gewesen, ein fettes Sehrgut einzuheimsen. Leider hatte Hannes nicht daran gedacht, weshalb er bei Schmitz nicht über ein Ausreichend hinausgekommen war.

Schmitz hatte sich erspart, Wurzelziehen zu unterrichten, wie es im Lehrplan vorgesehen war. Er hatte gesagt: „Keiner, keiner von euch Dummbratzen, die ihr da seid, wird in seinem Leben je Wurzelziehen müssen. Also machen wir das nicht. Ihr würdet es doch nicht begreifen.“ Auch hatten sie bei Hauptlehrer Schmitz gelernt, wie es um Elektrizität bestellt ist. Er fragte: „Was ist Elektrizität?“, und der Dümmste in der Klasse riss sich einen Arm aus, so dass Schmitz wusste, der würde ihm die richtige Antwort liefern. Also: „Was ist Elektrizität? – Paul?“
„Das weiß man nicht.“
„Richtig. Gut aufgepasst, Paul.“

Die gröbste Untat war, dass Schmitz ihnen das Rechnen madig gemacht hatte, indem er willkürlich elend lange Kettenaufgaben als Kollektivstrafe aufgab. Hannes war gut in Geometrie gewesen, als er die Mittelklasse verließ. Schmitz verleidete ihm auch die Geometrie. Es blieb: „Das weiß man nicht“, „das braucht man nicht“, Mathematik ist eine Strafe. Welch ein Pech für Hannes, dass Fischéll letzteren Trugschluss bestätigte.

„Zum Verhältnisprinzip des DIN-Papierformats: Die längere Seite verhält sich zur kürzeren Seite wie eins zu Wurzel aus zwei“, dozierte Fischéll, und schon war sein Bruder im Geist widerlegt. Unter „eins zu Wurzel aus zwei“ konnte sich Hannes nichts vorstellen. Aber er begriff, was die Formel leistet: „Ein DIN-0-Bogen lässt sich ohne Verschnitt in kleinere Formate zerteilen, die alle die gleiche angenehme Proportion haben.“ Fischéll diktierte den Setzerlehrlingen ins Heft:

    „Der DIN-A-0-Bogen (841 x 1189 mm) entspricht gerundet einem Quadratmeter. Auf ihn beziehen sich alle Gewichtsangaben. Z.B. ist ein DIN-A-4-Bogen 1/16 des A-0-Bogens, wiegt folglich 1/16 von 80 Gramm = 5 Gramm. Die kleineren Formate des DIN-A-0-Bogens lassen sich durch Halbierung der jeweiligen Langseite ableiten:
    DIN A 0: 841 * 1189 – 80g
    DIN A 1: 594 * 841 – 40g
    DIN A 2: 420 * 594 – 20g
    DIN A 3: 297 * 420 – 10g
    DIN A 4: 210 * 297 – 5 g
    DIN A 5: 148 * 210 – 2,5g
    usw.“

„Overlack! Das habe ich mir gedacht“, sagte Fischéll, indem er in Hannes‘ Heft blickte. „Sie sollen nicht ‚usw.‘ schreiben, sondern die Größen und Gewichte von DIN A6 und DIN A7 selbst ausrechnen, Herrjeh! Dumm wie Brot.“

Fischéll wandte sich ab. Hinter seinem Rücken grinste Pesch, der Banknachbar. Er stieß Hannes an und tippte auf sein eigenes Heft. Pesch hatte ebenfalls „usw.“ geschrieben. Bislang hatte Pech sich gegenüber Hannes unfreundlich verhalten. Und Hannes hatte Pesch ebenfalls abgelehnt. Dass Pesch sich solidarisch zeigte, ließ Sympathie zwischen ihnen aufkommen. Hannes spürte, sie könnten Freunde werden.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Fataler Eierkuchen

Eines Morgens stand ein Fremder im Glashaus, ein blasser, schwarzhaariger Mann mit dünnen, stark behaarten Armen und eckigen Schultern. „Wingens, mein Name, ich bin der neue Geselle“, sagte er und reichte Hannes eine schmale Hand.
„Ich bin Hannes Overlack, Lehrling im ersten Lehrjahr“, sagte Hannes.
„Ja, ich habe schon von dir gehört“, sagte Wingens. „Herr Eupen hat gut von dir gesprochen.“
„Na ja, ich lerne noch, Herr Wingens“, sagte Hannes errötend. Wingens wandte sich ab, griff nach dem obersten Manuskript vom Stapel auf seinem Arbeitstisch und sagte: „Dann woll’n wir mal.“

Er stand mit dem Rücken zu Hannes am alten Arbeitsplatz von Dyckers, so dass ihn Hannes nicht beobachten konnte. Doch Wingens schien sich rasch zu orientieren, wusste bald, welche Schriften wo in ihrer Gasse lagen. Er sollte einen Passus in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen einer Versicherung ändern, und Hannes zeigte ihm, wo der Stehsatz zu finden war, in einem Regal mit Setzschiffen aus Aluminium für großen Stehsatz. Die Form war zweispaltig in der 6 Punkt Helvetica kompress gesetzt. Dyckers hatte damals einen ganzen Tag an den Geschäftsbedingungen gearbeitet, freilich auch viel herumgetrödelt.

Wingens zog das Schiff hervor, und als hätte er nicht mit seinem Gewicht gerechnet, sackte ihm das Schiff nach vorne, die Geschäftsbedingungen glitten hinunter und stürzten zu Boden. Da sich zwischen den Zeilen keine Regletten befanden, die den Satz hätten stabilisieren können, brach alles auseinander. Hannes erschrak, als die Lettern krachend zu Boden prasselten. Aus der Nebengasse schaute Siegfried Hofmann hoch und rief „O je! Der Neue hat `nen Eierkuchen 1 fabriziert!“ Der Neue stand fassungslos und kreidebleich vor dem wirren Haufen Bleimaterial am Boden.
Der Junior kam hinzu, besah den Schaden, stieß die Luft durch die Nase und schwieg, obwohl die Arbeitsleistung eines ganzen Tages am Boden lag.

„Das tut mir Leid, Herr Eupen“, stammelte Wingens, „ich werde das selbstverständlich aufräumen.“
„Kann der Lehrling machen“, sagte der Junior und wollte sich schon abwenden, als Wingens fortfuhr: „Ich, ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich habe noch nie etwas fallen lassen. Das müssen Sie mir glauben, Herr Eupen! Sie müssen!“
Wingens war in höchster Aufruhr. Seine Stimme wurde höher, lauter und begann sich in der Aufregung zu überschlagen: „Sie können jeden fragen, Herr Eupen!“ Der Junior runzelte die Stirn und sagte: „Schon gut.“ Wingens war nicht zu beruhigen, wollte sich offenbar erklären, doch was er noch sagte, war nicht mehr zu verstehen. Die heraus gestoßenen Silben und Wörter glichen mehr und mehr einem heiseren Bellen.
„So beruhigen Sie sich doch, Herr Wingens!“, sagte der Junior. Aber Wingens war nicht aufzuhalten, sondern musste laut und anhaltend bellen. Es klangt so unheimlich und gleichsam jämmerlich, dass es alle in der Setzerei verstörte.
Hannes duckte sich erschrocken weg. Im Bellen war Wingens schrecklich anzusehen. Seine blasse Haut wurde von hektischen rosaroten Flecken überzogen. Das kläffende Gesicht war zur Grimasse verzerrt. Die schwarzen pisseligen Haare klebten ihm auf der blanken Stirn, und plötzlich war die Luft vom sauren Gestank seines Angstschweißes erfüllt.

Wingens verstummte, stützte sich auf seinen Arbeitstisch und schluchzte. Selbst in der angrenzenden Buchbinderei hatte man ihn gehört. Frau Meisel, die Vorarbeiterin, kam herüber und näherte sich vorsichtig. „Geht es wieder?“, fragte sie und legte Wingens beschwichtigend die Hand auf den Oberarm. „Nein, es geht nicht“, stieß er hervor. „Ich hatte so gehofft, es geht, aber es geht nicht.“

„Herr Eupen, was haben Sie mit dem gemacht?“, fragte Frau Meisel vorwurfsvoll.
„Ich habe doch gar nichts gemacht – oder Hannes?“, sagte der Junior verunsichert.
„Nein, Sie sind ganz ruhig geblieben“, sagte Hannes und begann, den Eierkuchen aufzuklauben. Er rätselte, was mit Wingens los war. Offenbar war er gemütskrank und nicht arbeitsfähig. Tatsächlich sollte er nicht wieder im Betrieb auftauchen.

1 Eierkuchen (Druckersprache) – eine zusammengefallene Bleisatzform

Jüngling der Schwarzen Kunst – Einer soll setzen

Geeigneten Ersatz für Dyckers und Kaumanns zu finden, war nicht leicht. Einmal kam Lenz aus dem Kerzenhaus Eupen, dem Laden für katholische Devotionalien, in die Setzerei gelaufen. Man hörte sein überdrehtes Organ schon auf der Treppe. Der Junior trug Hannes gerade auf, einen Rechnungsvordruck für einen Installationsbetrieb getreu der gedruckten Vorlage zu setzen. Als er Lenzens Stimme hörte, verdrehte er die Augen und stöhnte leise. Lenz stieß die Pendeltür zum Setzereisaal auf, sah sich nach dem Junior um und eilte zu ihnen ins Glashaus.

„Hehe, Theo, das muss ich dir erzählen. Gerade kommt ein seltsamer Vogel in meinen Laden und sagt: ‚Guten Tag! Ich soll hier setzen.‘ Ich so: ,Aha! Sie wollen sich setzen‘, schiebe ihm einen Stuhl hin und sage: ‚Bitteschön‘! Er setzt sich mit offenem Maul und glotzt mich sprachlos an. Es dauerte eine ganze Weile, bis der begreift, dass er sich in der Tür geirrt hat. Er ist wohl noch nicht bei dir gewesen?“

„So ein Trottel braucht sich hier gar nicht vorzustellen“, sagte der Junior wegwerfend, wandte sich brüsk ab und ließ Lenz mit Hannes allein. Wie unhöflich, dachte Hannes. Auch wenn Lenz ein unangenehmer Patron ist, lässt man ihn nicht so einfach stehen. Sein Bericht war doch witzig. Aber der Junior sah das völlig humorlos. Lenz schaute Hannes an und wiederholte: „So ein Dummlack! Kommt in meinen Laden und sagt ‚Guten Tag, ich soll hier setzen.‘ Ich schiebe ihm einen Stuhl hin: ,Aha! Sie wollen sich setzen.‘ Und der Tünnes setzt sich auch noch. Meine Frau hat sich krummgelacht!“

„Das ist ulkig, Herr Lenz“, bestätigte Hannes und dachte sich , dass Lenz auch gemein gewesen war, weil er sogleich gewusst hatte, wohin der Mann wollte. Er war vermutlich vom Arbeitsamt geschickt worden. „Ich soll hier setzen“ kündete jedoch nicht von Arbeitswille.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Der Professor

Auch wenn Busfahrer Hubert verspätet losgefahren war, schaffte er es mit seiner ruppigen Fahrweise, pünktlich um 7:25 Uhr am Neußer Busbahnhof anzukommen. Da Hannes erst um acht Uhr in der Firma sein sollte, vertrödelte er seine Zeit im Wartesaal des Bushofs. Das Gebäude war noch recht neu und hatte ringsum viel Glas. An den Fensterfronten entlang waren Reihen mit untereinander verbundenen Sitzschalen aus blauem Plastik und gegenüber dem Eingang ein Kiosk mit zwei Stehtischen, die immer von zwei, drei Säufern belagert wurden. Im Busbahnhof verliebte sich Hannes in eine ebenfalls wartende Schülerin. Sie warfen sich gelegentlich Blicke zu, aber nur, wenn sie alleine wartete. Wenn Schulfreundinnen bei ihr waren, ignorierte sie Hannes. Er malte sich Begegnungen aus, war aber zu schüchtern, das Mädchen anzusprechen. Außerdem war sie als Gymnasiastin aus gewiss gutem Hause und schon deshalb für ihn unerreichbar fern. Die Freude, das Mädchen zu sehen, versüßte ihm trotzdem die Wartezeit. Seine Träumereien waren die kleine Freiheit, bevor er für einen endlos langen Arbeitstag bis 17 Uhr in der Setzerei stehen musste.

Gymnasiasten waren für Hannes eine bessere Klasse Mensch. Seine Freunde, Franz und Theo, gingen zum Gymnasium. Wenn er mit ihnen im Dorf unterwegs war und sie trafen ihren ehemaligen Volksschullehrer Ruß, fragt Herr Ruß immer nur nach deren Fortkommen. Nie erkundigte er sich, wie Hannes in der Lehre vorankam. Dann fühlte sich Hannes klein und unbedeutend. Was hätte er auch erzählen können? Dass der Seniorchef seines Lehrbetriebs von allen nur „der Professor“ genannt wurde, obwohl er kein Professor war, sondern ein Schweizerdegen. So hießen nämlich Leute, die sowohl einen Gesellenbrief im Drucken hatten wie auch im Setzen. Der Professor war sogar Drucker- und Setzermeister. Hannes bewunderte das. Er hatte den Professor bislang nur einmal aus der Ferne gesehen, da er sich selten in den Niederungen der Setzerei zeigte. Hannes kam gerade aus der Korrektorenstube, da querte der Professor die Setzerei durch die mittlere Gasse und ging hinüber zum Raum mit den Linotype-Setzmaschinen. Dabei wurde er von einem großen schwarzen Hund begleitet. Das hatte Respekt gebietend und sogar ein wenig bedrohlich ausgesehen. Es gab Gerüchte, der Professor sei eine große Nummer bei den Nazis gewesen. Irgendetwas aus dieser Zeit verband ihn mit einem der beiden Korrektoren, dem großspurigen Max Kloeppel. Der Professor und Kloeppel sollten sich damals schon gekannt haben. Mehr erfuhr Hannes nicht.

Im oberen Stockwerk, in dem sich das Reich des Professors befand, war Hannes noch nie gewesen. Angeblich war es nur über eine Wendeltreppe und durch das Büro der Vorzimmerdame Fräulein Schierp zu erreichen. Die Treppe durfte niemand nehmen, der nicht herbestellt war. Hinter dem Büro sollte in einer Art Penthouse die ausgedehnte Wohnung des Professors liegen. Dyckers will einmal im Chefbüro gewesen sein und berichtete von einem blauen Teppich, groß wie ein See. Weit am anderen Ende des Sees habe der Professor an seinem Schreibtisch gethront wie auf einer Insel. Der Teppich aber dürfe von gewöhnlichen Menschen nicht betreten werden. Nur Fräulein Schierp watete manchmal auf ihren flachen Schuhen durch den blauen Flor bis zum Schreibtisch. Dyckers behauptete auch, obwohl ihn Fräulein Schierp eindringlich ermahnt hätte, sei er nah an den Teppich herangetreten, habe die Kante sogar mit seinen Schuhspitzen eingedellt und Spuren von seiner Schuhwichse hinterlassen. Den Teppichfrevel nahm Hannes ihm ab. Dyckers war dreist genug. Er brüstete sich auch damit, unten in einem Raum hinter dem Papierkeller habe er die Weinvorräte des Professors entdeckt und habe eine Flasche geklaut. Die anderen Flaschen auf dem Regalbrett habe er so auf Lücke gelegt, dass der Diebstahl nicht auffallen konnte. Zum Glück ist der Obergauner Dyckers weg, dachte Hannes. Gewiss würde der Tag kommen, da er sich selber überzeugen konnte, ob seine phantastische Schilderung der Chefetage gelogen oder übertrieben war. Einstweilen war Hannes gespannt auf einen neuen Gesellen, den der Junior ihm angekündigt hatte.