Bein in Gefahr – Jüngling der Schwarzen Kunst

„Pass bloß auf, Juppi, dass du nicht ins Glasdach einbrichst!“, sagt die Chefin und schaut besorgt zu, wie er sich unbeholfen durch das kleine Fenster nach draußen windet. „Keine Sorge, Katrinchen, das geht schon gut!“, sagt der alte Dachdecker. Er und Frau Katharina sind zusammen zur Schule gegangen, und Josef möchte ihr wenigstens jetzt imponieren, nachdem sie ihn schon nicht geheiratet hat, sondern einem Druckereibesitzer den Vorzug gab. Sein Fuß tastet nach der Strebe im Glasdach, wo er hofft, sicher zu stehen, um auf das undichte Glasdach der Setzerei klettern zu können. Unter ihm ist die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter. Bald schon steht er wackelig auf deren Dach, balanciert vielmehr mit beiden Füßen auf der Strebe. Er hat sich umgedreht zum Fensterchen, aus dem ihm Katrinchen zuschaut. Josef beugt sich vor zu ihr, stützt sich mit beiden Händen am Fensterrahmen ab und tastet blind mit dem rechten Fuß nach der parallelen Strebe. Frau Katharina ruft bang: „Vorsicht! Du bist noch überm Glas!“
Josef ist froh über die Hilfe. Bei den Worten: „Ich kann nämlich nicht gut sehen!“, verfehlt sein schwebender Fuß die zweite Strebe. Er strauchelt und bricht krachend durch, rutscht mit einem Aufschrei bis übers Knie hinein in die Wurstküche der Metzgerei Dreckkötter.
„Gut hören kann er auch nicht!“, sagt der Junior trocken. Aber das Entsetzen ist groß. Nettesheim stellt sich vor, dass die Metzgergesellen in der Wurstküche zuerst erschrecken, wie es über ihnen kracht und splittert, dann aus Wut über den ungehörigen Eindringling nach den großen Schlachtermessern greifen und hochspringen, um das fuchtelnde Dachdeckerbein abzuhacken. Zum Glück springen sie nicht hoch genug, und es bleibt bei heftigen Luftstreichen, bis der Meister in die Wurstküche kommt und dem Treiben seiner Gesellen mit wüsten Worten und Arschtritten ein Ende bereitet.

[aus Jüngling der Schwarzen Kunst]

Teestübchen Hausmitteilung – Erzählen im Grenzbereich zwischen Schriftlich und Mündlich

Meine lieben Damen und Herren,
mit Folge sieben endet Jüngling der Schwarzen Kunst hier im Teestübchen Blog. Ich habe fehlende Passagen schreiben können. Was jetzt noch käme, wäre zu sehr aus dem Kontext gerissen. In den folgenden Wochen hoffe ich, den Roman fertigzustellen, die folgerichtige Chronologie herzustellen und alles zu unterfüttern mit fachlichen Aspekten.
Schreiben im Blog verdirbt zwar nicht den Charakter, verändert aber die Haltung zum Schreiben. Während ich in den 1990-er Jahren überwiegend für die Schublade und mein Tagebuch geschrieben und nicht darauf geschielt habe, dass jemals andere das lesen würden, hat mich das Bloggen daran gewöhnt, mich mit Leserinnen und Lesern über Texte auszutauschen. Das freilich ist keine neue Erscheinung. Erzählen ist, wie das Wort vermuten lässt, eine mündliche Kunst. In den Anfängen der geschriebenen Erzählungen, also in den Anfängen der Literatur haben die Schriftsteller sich immer noch den Anschein einer mündlichen Erzählsituation gegeben. Wir kennen das aus den Rahmenhandlungen von Tausendundeine Nacht und den Canterbury Tales des Geoffrey Chaucer. Noch Rabelais behauptete, er habe seinen Romanzyklus um die beiden Riesen „Gargantua“ und „Pantagruel“ während eines Trinkgelages diktiert. Ein modernes Beispiel finden wir bei dem 1938 erschienenen Kinder- und Jugendbuch „Die grüne Wolke“ (orig. The Last Man Alive) des schottischen Schriftstellers und Pädagogen Alexander Sutherland Neill. Der Autor erzählt die einzelnen Kapitel den Kindern von Summerhill und verzeichnet hinter jedem Kapitel deren Bemerkungen und Anregungen. Anregungen und Kritik bestimmen den weiteren Verlauf der Handlung.

Wir Bloggerinnen und Blogger befinden uns in einer imaginären Erzählsituation, wie es sie vor dem Internet nicht geben konnte. Wenn’s gut kommt, regen Kommentare neue Erzählideen an oder lassen einen reflektieren, sogar ändern, was man geschrieben hat. Als ich am 9. Oktober 2009 ein literarisches Projekt im Stammhaus TeppichhausTrithemius, den Internetroman „Die Papiere des PentAgrion“ begann, wollte ich erproben, wie sich die fiktive Erzählsituation im Blog auf den Text auswirkt. Nach kurzer Zeit fanden sich Mitautoren, die eigene Handlungsstränge entwickelten, wie die langjährigen Freunde des Teppichhauses Careca und Videbitis, und zwei Chronisten, Einhard und Marana. Einhard hat ein tiefschürfendes Register zu den Papieren erstellt, das er ständig erweiterte, Marana hat innere Bezüge der PentAgrion-Texte zu anderen Texten im Teppichhaus Trithemius aufgesucht, dargestellt und eine Kartei dazu angelegt. Leider ist vieles mit der Plattform Blog.de versunken. Das Projekt hat aber gezeigt, was das Schreiben im Internet Neues hervorbringen kann, indem es die Rolle der stummen Rezipienten aufbricht.

Jüngling der Schwarzen Kunst ist ein Entwicklungsroman, in dessen Verlauf der Protagonist heranreift und erkennbare Fortschritte macht, während die klassische Buchdruckerkunst ihrem Niedergang entgegen strebt. Diese Endphase wird nicht mehr Gegenstand des Romans sein, sondern bliebe einem Folgeband vorbehalten. Doch einstweilen muss ich diesen ersten Band zum Abschluss bringen. Das hoffe ich zu schaffen, ohne das Teestübchen-Blog zu vernachlässigen. Ich danke allen Leserinnen und Lesern, die hier ein Like oder einen Kommentar hinterlassen haben, herzlich für die Aufmerksamkeit, die ja trotz der Textfülle beachtlich war. Vielleicht hätte ich die obigen Überlegungen eher mitteilen müssen und die Interaktion wäre lebhafter ausgefallen. Aber es war gut so.
Beste Grüße

Beinah ein Mord – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (7)

Im Vorraum ihrer Kirche hing am Schwarzen Brett ein Index für Zeitschriften. Er hatte sechs Rubriken von „anzuraten“ über „bedenklich“ bis „abzulehnen.“ „Anzuraten“ waren die Kirchenzeitung und das katholische Liboriusblatt. Alle Illustrierten standen in der Rubrik „Abzulehnen.“ Dabei war das darin abgedruckte Bildmaterial harmlos, soweit Hanno sie von den Friseurbesuchen kannte. Hannos Tante Käthe hatte die „Hör zu“ abonniert. Hanno blätterte gern darin, auch, um herauszufinden, warum sie auf dem Index in der 5. Rubrik „bedenklich“ stand. Den Grund konnte er nicht ausmachen. Er fand allerdings eine Anzeige der „famous artists school“, die als Zeichentest getarnt war. Man sollte eine Liniengrafik zeichnerisch erweitern und einschicken. Hanno hatte derlei schon gemacht, und zwar, als er beim renommierten Kölner Bachem Verlag die Aufnahmeprüfung für eine Schriftsetzerlehre gemacht und natürlich nicht bestanden hatte. Zu gering waren seine Kenntnisse nach achtjähriger Schulzeit in einer dreiklassigen Volksschule auf dem Land. Jedenfalls hatte er auf einem Prüfungsblatt ebenfalls etwas zeichnerisch erweitern sollen. Es waren auf dem Blatt Haken vorgegeben, und Hanno hatte ungelenke Autoscooter daraus gemacht. Der Zeichentest in der „Hör zu“ bot mehr Freiheit. Hanno zeichnete ein Männlein so gut es ging auf dem glatten Papier der Illustrierten, schnitt das aus und klebte die Zeichnung auf eine Postkarte. Von Neuß aus sandte er die an eine Adresse in Amsterdam.
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Versautes – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (6)

Der Alte hatte den Junior in die Setzerei gestellt, denn er wünschte sich einen Nachfolger, der alles von der Pike auf gelernt hatte. Eigentlich war der Junior Konditor gewesen. Doch sein viel älterer Bruder, auf dem die ganze Hoffnung des Verlags gelegen hatte, war nicht aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Der Junior hatte deshalb in die großen Fußstapfen seines Bruders treten und umschulen müssen. Er bereitete sich gerade auf die Meisterprüfung vor. Sein Status war unklar. Die Firmenleitung hatte uneingeschränkt der Alte, und der Posten des Setzereileiters galt als vakant. Was blieb ihm da noch? Er hatte einen Arbeitstisch in der ersten Gasse, direkt bei der Abzugspresse für die Korrekturfahnen. Dort skizzierte er Entwürfe, bereitete die Aufträge vor oder büffelte für den Meisterkurs. Manchmal setzte er auch, und deshalb trug er wie die anderen einen grauen Kittel. Er war ein verbissener Schweiger, ein schreckliches Vorbild für alle anderen, denn während der Arbeit waren Privatgespräche streng untersagt. Vielleicht dekorierte er im Geiste dreistöckige Hochzeitstorten oder formte Maumännchen aus Marzipan. Solange der Junior im Setzereisaal war, lastete ein unheimliches Stillschweigen auf den Setzern, das nur durch arbeitsbedingte Äußerungen unterbrochen wurde. Alle warteten und hofften, dass er die Setzerei verlassen würde. Das geschah fast täglich einmal, wenn er fuhr, um Kunden zu besuchen. Sein Aufbruch kündigte sich jeweils lange vorher schon an, als ein quälend gleichförmig ablaufendes Ritual, dessen Ende die Setzer kaum noch abwarten konnten.
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Zu Hause – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (5)

Auf der Neußer Oberstraße, Höhe Markt, stieg Hanno aus der Bahn und ging zum Busbahnhof. Vielleicht hatte er sich verguckt und es fuhr doch noch ein späterer Bus. Die Busbahnsteige waren leer. Am Rand standen einige Busse ohne Licht, vermutlich von in Neuß wohnenden Fahrern abgestellt. Auch das Licht in der Wartehalle war erloschen. Man hatte den Betrieb für die Nacht schon eingestellt. Trotzdem ging Hanno zum Bahnsteig, auf dem sein Bus abzufahren pflegte und schaute auf den Fahrplan. Der letzte Bus war tatsächlich um 20:30 Uhr gefahren. Es war jetzt gleich neun Uhr. Eine Weile stand Hanno ratlos herum. Seine Mutter würde sich Sorgen machen. Er musste etwas unternehmen. Am Verlagshaus beim strengen Senior traute er sich nicht zu klingeln. Der Junior wohnte ein paar Häuser weiter am Münsterplatz. Es war natürlich peinlich, ihn um Hilfe zu bitten, aber Hanno sah keine andere Möglichkeit. Also fasste er sich ein Herz und klingelte bei Eupen jr. Weiterlesen

Und oben Düsseldorf – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (4)

Die Gesellen, allesamt gebürtige Neußer sahen zur Stadt auf der anderen Rheinseite auf. Alles wäre in Düsseldorf schöner, größer und besser als in Neuß. „Pah, was wird da wohl sein?“, sagte Hanno, dem das auf den Geist ging. Düsseldorf war für ihn ein Raum jenseits seiner Dimensionen, den er nicht zu betreten dachte. Sein Kontakt beschränkte sich auf den „Mittag“, eine Boulevardzeitung, die dort erschien und die Hanno täglich las.

Nachdem an der Berufsschule der Deutschunterricht schon länger als zwei Monate ausgefallen war, rief der Junior eines Tages quer durch die Setzerei: „Hanno, komm mal her!“
Hanno legte den Winkelhaken auf den Rand eines Setzkastens und ging hinüber zum Platz des Juniors. Der Junior fuhr sich mit der Hand durch den Bürstenhaarschnitt, legte die Stirn in Falten und machte sich daran, mehrere Sätze am Stück zu sprechen. Das verhieß nichts Gutes: „Wir haben dich in Düsseldorf zum Deutschkurs angemeldet. Er findet über zehn Wochen jeweils dienstags statt, von 18 bis 20 Uhr im Gebäude der Handelsschule in Düsseldorf-Oberbilk. Du kannst mit der Straßenbahn hinfahren.“
Hanno wagte keinen Einwand. Doch ihn durchfuhr der Schreck. Das würde bedeuten, dass er an diesen Tagen nicht 12 Stunden wie üblich unterwegs war, sondern 15 Stunden, vorausgesetzt, er erwischte den letzten Bus um 20:30 Uhr. Natürlich war es gut, dass er seine Deutschkenntnisse erweitern konnte, aber dass er dazu nach der Arbeit ganz alleine nach Düsseldorf fahren musste, war bedrohlich. Jetzt in den Herbstmonaten verließ er morgens im Dunkeln das Haus und kehrte im Dunkeln nach Hause. Und sich in der fremden Stadt im Dunkeln zu orientieren, würde nicht leicht sein. Gleich am ersten Abend erlebte er eine Panne.
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Die Überwindung der Nase – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (3)

Erste Stunde Deutsch in der Berufsschule auf der Neußer Furth, doch statt ihres Deutschlehrers betrat Direktor Fischell den Klassenraum, sah sich grimmig um und sagte: „Der Deutschunterricht fällt aus. Herr Tonder hat einen Herzinfarkt erlitten. Das habt ihr ja fein hingekriegt. Glaubt ihr, ich wüsste nicht, welchen Zauber ihr in seinem Unterricht abgezogen habt. Herr Tonder fällt mindestens für drei Monate aus. Wenn er überhaupt nochmal wieder kommt. Das habt ihr jetzt davon. Wir machen Fachrechnen.“ Fachrechnen war übel, ging völlig über Hannos Horizont. Aber was Herrn Tonder betraf, fühlte Hanno sich schuldig. Der arme Herr Tonder war doch ein Mann ohne Arg, hatte die Disziplinlosigkeit von Lutz und anderen ohne böses Wort ertragen. Sein morgendliches „Setzt euch, Jungs!“ hatte immer ganz hoffnungsfroh geklungen, als würde Tonder nicht an ihrer Gutwilligkeit zweifeln. Aber spätestens, wenn Lutz seine Worte nachäffte, wobei er Tonders Näseln übertrieb, kehrte die Furcht zurück in Tonders Blick, dass ihm die Jungs wieder entgleiten würden. Überhaupt Lutz, der scheinheilige Hund. Bei Direktor Fischell tat er immer ganz brav. Stand mit gesenkten Kopf und den Händen auf dem Rücken, wenn Fischell ihn zusammenschiss, weil er beim Rauchen erwischt worden war. Dann spielte Lutz so überzeugend das reuige Schäfchen und hörte sich die Standpauke demütig an, wünscht an deren Ende dem Fischell einen „schönen Feierabend!“, wo doch erst früher Vormittag war. Weil Fischell darauf reinfiel, verlor Hanno jede Achtung vor dem Mann.

Insgeheim beneidete Hanno den Lutz, nicht nur um seine Durchtriebenheit. Lutz hatte den Zug verpasst und kam trotzdem rechtzeitig. Es klingelte zum Unterrichtsbeginn, da rollte ein gelber VW-Käfer von der Bundespost auf den Schulhof, und auf der Seite, wo wegen der Postsäcke nicht mal ein Sitz war, thronte Lutz und grüßte mit großer Geste in die Runde, stieg aus wie ein Fürst, als wäre die ganze Deutsche Bundespost ihm untertan. Schon war Lutz wieder der Held. Dabei sieht er aus wie ein Schwein, dachte Hanno. Mit diesem Schweinerüssel würde ich mich in Grund und Boden schämen, aber der großspurige Lutz ist von einem unerschütterlichen Selbstwertgefühl, gehört zu den Typen, die trotz ihrer Hässlichkeit bei den schönsten Frauen landen können.

Hanno glaubte, er müsste gut aussehen, schämte sich ein wenig wegen seiner Nase, die nach seinem Gefühl zu kurz geraten ist. Diesen Komplex hatte ihm, als er klein war, sein älterer Bruder eingeredet, der ihn immer damit aufgezogen hatte. Als er anfangs nach Neuss fuhr, hatte sich Hanno derart wegen seiner Nase geschämt, dass er während der ganzen Busfahrt die Hand vor sein Gesicht halten musste. Die Macke verlor sich glücklicherweise mit der Zeit. Dabei hatte der Geselle Monitz ihm unwissentlich geholfen. Dieter Monitz hatte gepflegte Umgangsformen und stach schon deshalb aus der Riege der Gesellen heraus. Monitz kleidete sich gewählt, kaufte seine Hosen bei Selbach exclusive Herrenmoden auf der Düsseldorfer Königsallee und war immer umweht von einer Duftwolke teuren Rasierwassers. Bei Regenwetter kam Monitz mit Stockschirm. Monitz trat selbstbewusst auf, wirkte sogar ein wenig arrogant. Aber er war ein liebenswerter Charakter, wäre nie auf die Idee gekommen, den Lehrling zu triezen. Hanno sah zu ihm auf. Da Monitz die Abendschule besuchte, um sein Abitur nachzuholen, verkörperte er alles, was Hanno einmal sein wollte. Doch Monitz war hässlich, hatte eine zu große Nase, und wenn er sprach, entblößte er zwei hässliche Biberzähne, die überdies ein wenig schräg standen. Es war Hanno ein Rätsel, wie einer mit diesem Aussehen so selbstbewusst sein konnte. Einmal fragte er:
„Wenn Sie jetzt einen Klumpfuß hätten, Herr Monitz, einen Klumpfuß und einen Buckel, wären sie dann trotzdem so selbstbewusst?“
Monitz wusste nicht, worauf Hanno hinaus wollte: „Du meinst, wenn ich aussehen würde wie der Glöckner von Notre Dame?“
„Zum Beispiel.“
„Ich glaube, an meinem Selbstwertgefühl würde sich nichts ändern.“
Das wars. Wenn Monitz sich annehmen konnte, trotz Nase und Hasenzähnen, sollte Hanno sich doch auch mit seiner Nase anfreunden können. Er muss sich nur in allem an Monitz ein Beispiel nehmen und viel von ihm abschauen.

Fortsetzung

Busfahrten – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (2)

äglich nimmt Hanno den ersten Bus nach Neuß um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich wöchentlich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl er im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht beginnt, kommt Hubert fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst. Im Winter, wenn es noch stockfinster ist um diese Zeit, hat man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hat es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.
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Der dicke Hubert und das nervöse Karlchen

Heute morgen auf der Suche nach einem Blatt, worauf ich einst das Exemplar Sheet von Alfred Fairbank nachgeschrieben habe, hatte ich im Nu einen Papierwust auf dem Tisch, der mich Hunderte Dinge finden ließ, aber nicht das gesuchte Blatt. Es ist im wahrsten Sinne unfassbar, was sich allein in den 13 Jahren meines Bloggens an Material angesammelt hat. Da sind nicht nur die Blogprojekte, sondern auch alles, was sich begleitend im analogen Leben ergeben hat und dessen Objekte einer schreibenden Aufarbeitung harren oder auch nur aufbewahrt werden als Artefakte des gelebten Alltags. Natürlich fand ich auch Spuren angefangener Schreibprojekte wie die autobiografische Serie „Jüngling der Schwarzen Kunst“, vor zwei Jahren veröffentlicht im Teppichhaus Trithemius. Ich habe mich jedenfalls entschieden, dieses Projekt weiterzuführen. Da sind bereits 78 Buch-Normseiten und Material genug für doppelt soviele Buchseiten. Eine Sequenz daraus will ich hier veröffentlichen, weil sie anschließt an den Beginn meines Beitrags „An der Ypsilongabel.“ Es geht um das morgendliche Busfahren.

Täglich nimmt der Jüngling den ersten Bus um 6 Uhr 35. Es gibt auf dieser Linie zwei Busfahrer, die sich wöchentlich abwechseln, der dicke Hubert und das nervöse Karlchen. Obwohl Hubert im nur zwei Kilometer entfernten Nachbardorf seine Schicht beginnt, kommt er fast immer zu spät. Kommt mit derselben Selbstverständlichkeit zu spät, mit der er der dicke, Respekt einflößende Hubert ist. Hubert soll ein Frauenheld sein, ist irgendwie tierhaft, immer unwirsch, wie es manche Frauen mögen. Im Sommer sitzt er im Unterhemd hinterm Steuer. Es ist auf ihn kein Verlass, nicht mal auf seine Unpünktlichkeit. Fünf Tage lang kommt er zwanzig Minuten zu spät, und am sechsten Tag auf die Minute, so dass, wer sich auf Huberts Unpünktlichkeit einstellt, den Bus verpasst. Im Winter, wenn es noch stockfinster ist um diese Zeit, hat man schon oft frierend auf Hubert gewartet, ein ganzes Häuflein an der Haltestelle im noch schlafenden Dorf, aber nie hat es wer gewagt, Hubert wegen seiner Unpünktlichkeit zu ermahnen.

Dabei fährt immer ein Ehepaar mit. Der Mann könnte doch mal was sagen, denkt Nettesheim, wenn er ein Kerl wäre. Nettesheim hegt einen Groll auf das Paar. Irgendwann hat er versäumt, die beiden zu grüßen, und jetzt ist es immer peinlich, ungegrüßt mit ihnen an der Haltestelle zu stehen und auf Hubert und seinen Bus zu warten. Der Mann trägt einen Bürstenhaarschnitt. Nettesheim vermutet, dass er die Haare hochföhnt, um wenigstens einen halben Zentimeter größer zu sein als seine durchaus kleine Frau. Das Paar sitzt im Bus natürlich nebeneinander, er am Fenster. Der Mann packt dann die Lokalzeitung aus, reißt sie immerzu heftig auseinander und fuchtelt mit seiner zeitungsbewehrten Rechten unter ihrer Nase herum.

Das nervöse Karlchen, der schon bejahrte Mann, fährt und verhält sich so, als könnte er selbst nicht glauben, dass er den Busführerschein hat. Karlchen kommt fast immer ein klein wenig zu früh, besonders im Sommer. Auf den Dörfern nahe der Stadt wird der Bus voll, und die Leute rennen von allen Seiten heran, wenn Karlchen wieder zu früh kommt. Einmal hört der Jüngling, warum Karlchen immer so zeitig ist. Da sagt er zu einem Fahrgast: „Ich seh so gern, wenn die Mädchen laufen müssen und die Äpfelchen hüpfen!“ Soll sich was schämen, denkt der Jüngling, so ein alter Mann! (Aus: Jüngling der Schwarzen Kunst, demnächst mehr)