Kleines Abenteuer mit Zügen

Meine Sonn- und Feiertagsrunde führt mich nach Westen am Hafen entlang, über eine neue Straße durch ein Industriegebiet, durch ein besseres Wohnviertel und weiter zu einem Wäldchen. Es gibt darin einen kleinen Anstieg und zwar, wo die Straße über eine S-Bahnlinie geführt wird. Rechter Hand verläuft auf einem Damm eine Güterbahnlinie parallel der Straße. Just auf der Brücke über die S-Bahnlinie ist man mit dieser Güterbahnlinie auf Augenhöhe. Dann aber taucht die Straße in einer weiten Biegung hinab und man hat die Güterbahnlinie über sich.

Wenn oben auf dem Gleis ein Güterzug heranrauscht, hört es sich an, als wäre er auf der Straße hinter mir. Zum Glück bin ich schnell, denn ich sause die Abfahrt hinab. Eine ganze Weile kann ich dem Güterzug nicht entkommen, sondern habe seine wilde Musik aus Stahl und Eisen im Nacken. Obwohl ich sehe, dass auf meinem Weg keine Gleise liegen, hätschele ich die Wahrnehmungstäuschung so lange es geht, denn der Gedanke, dass mir ein Güterzug auf den Fersen ist, treibt mich als wohliger Schauer voran. Ich bin jetzt zwischen Hecken eines Schrebergartengeländes und kann nach links und rechts nicht ausweichen. Doch bald ist mein Weg so weit abgebogen, dass es sich anhört, als hätte der Güterzug enttäuscht abgedreht, weil er mich doch nicht erreichen konnte. Mensch gegen Maschine: Eins zu null. Bald ist ein Bahnübergang in Sicht für just die S-Bahnlinie, die ich eben auf der Brücke überquert habe.

Die Schranke geht nieder, hüpfte noch zwei-, dreimal auf und kommt leise klirrend zur Ruhe. Eine Weile bleibt es still. Dann beginnt die Luft zu knistern, das anschwellende Sirren der Gleise. Ein Expresszug donnert heran und vorüber. Was für eine gewaltige Kraft! Wie der rasende Zug die Luft zersägt, rauscht dir der Fahrtwind um die Ohren, zerwühlt dein Haar, lässt Hemd und Hose flattern. Sturm und das schreiende Tosen senden an jede Kreatur: Komm diesem Gewaltigen nicht in die Bahn, es wird dich zermalmen. Die Schranke hebt sich. Ich schaue dem Gewaltigen hinterher und rolle durch die Schrebergärten heimwärts.

Die Kaiserroute – Unterwegs auf einem alten Fernweg (1)

Vor ziemlich genau 10 Jahren fuhr ich mit meinem Freund Wim einen heute aufgegebenen und bald vergessenen Fernradweg, die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn. Für die 480 Kilometer lange Strecke hatten wir drei Tage vorgesehen, was wir locker hätten schaffen können, wenn mein Trainingszustand besser gewesen wäre. Für einen solchen Weg wünscht man sich ein Wetter wie dieser Tage, aber so prächtig schien die Frühlingssonne nur bei unserem Aufbruch. Den Fahrtbericht habe ich ziemlich bald nach der Tour verfasst, so dass die Eindrücke noch frisch waren. Da ich nicht weiß, wie es um den Trainingszustand der Teestübchenbesucher und – besucherinnen bestellt ist, veröffentliche ich den Text in je zwei Tagesetappen und hoffe, dass wir Sonntag ans Ziel gelangen.

logo Kaiserroute
1. Tag Morgen
Durch die Alte Heimat

Oben im frühlingshaften Wald bei Süssendell nahe Aachen wurde mir zum ersten Mal bewusst, auf welcher Route Wim und ich fuhren. Die Kaiserroute Aachen-Paderborn, das zeigten die sechseckigen Hinweisschilder mit den Richtungspfeilen. Doch was heißt es, auf den Spuren Karls des Großen zu fahren? Hat er etwa eine Pilgerfahrt nach Paderborn unternommen, und lagerte er in freudiger Erwartung unter den ergrünenden Bäumen, umringt von ein paar frommen Männern? Eher nicht, sagte Wim – Karl war unterwegs mit seinem Heeresbann, um die Sachsen zu strafen, die nicht von ihren heidnischen Göttern lassen wollten. Und während Karl im Jahre 782 noch bei Süssendell lagerte, sind da bei Verden 4500 Sachsen, die ihrem Tagwerk nachgehen und nicht ahnen, dass sich einer aufgemacht hat, ihnen den Kopf abzuschlagen.

Mir fiel das Wort von Kafka ein:
kafkas-jagdhunde Kalligraphie: Trithemius (zum Vergrößern bitte klicken)

Natürlich ist nicht nachvollziehbar, wo Karls Heeresbann tatsächlich entlang gezogen ist. Es gibt keine archäologischen Funde, die seinen Weg belegen, und gar die Enthauptung der 4500 Sachsen ist nicht bewiesen. Sollten wir auf unserer Tour Nachkommen von heidnischen Sachsen finden, würde es jedenfalls bei einem „Guten Tag“ bleiben. Ich wüsste nämlich im Moment nicht, welche Religion man ihnen „freundlich empfehlen“ sollte. Übrigens empfing uns kurz vor Paderborn junges Volk mit der Laola-Welle, doch davon viel später.

Wir folgten am ersten Tag nicht ganz der Kaiserroute, denn wir wollten ein wenig abkürzen. Es ging in Richtung meiner Heimat. Vorher jedoch, bei Bergheim, war die Welt ein wenig in Unordnung. Hier hat man wegen der Braunkohle die Straßen derart verlegt, dass es schwer war, sich zurechtzufinden. Der fromme Rheinländer hat ja eigentlich Bodenhaftung. Bei ihm werden die Verstorbenen noch „In die Ewigkeit abberufen“, wie ich im Aushangkasten einer Kirche sah, die gleich zwei Heiligen gewidmet war. Doch ökonomische Zwänge und ein bisschen Gier haben dazu geführt, dass dieser fromme bodenständige Rheinländer seine Heimat ans RWE verkauft hat.

Der Ort Niederaußem ist ein bedrückendes Beispiel. Im Vordergrund eine schöne alte Kirche. Mausklein wirkt sie vor den riesigen Kühltürmen dahinter. Wenn du eine bildhafte Metapher haben willst für den Bedeutungsschwund der Religion in einer technisierten Welt, dann findest du sie hier. Neben den Kühltürmen hat das RWE ein gewaltiges neues Kraftwerkgebäude errichten lassen. Man sieht ein fünfstöckiges Bürogebäude an der Seite, das in normaler Umgebung gewiss als großes Haus gelten könnte. An dem Koloss aber ist es wie ein winziges Schwalbennest, das zu Boden gerutscht ist.

In Rommerskirchen trafen wir wieder auf die Kaiserroute. Wir fuhren auch an dem Haus vorbei, von dessen Balkon ich einmal in der Nacht zum ersten Mai mit dem Luftgewehr beschossen worden bin. Das Versteigern von Dorfschönheiten als Maibräute ist eher in der Gegend um Düren üblich. Wir sahen unterwegs Plakate, wo es angedroht wurde. In meiner Heimat ist die Nacht zum ersten Mai eine Freinacht. Man darf dann allerhand Dinge, die man üblicherweise nicht darf, zum Beispiel Fensterläden und Hoftüren aushängen und natürlich Maibäume setzen.

Uns war gegen Morgen eingefallen, dass wir einem Mädchen in Rommerskirchen noch einen Maibaum setzen mussten. Den versuchte ich im Vorgarten dieses Hauses zu besorgen. Der Baum war hartnäckig, ich bekam ihn nicht ab, da ich nur eine kleine Axt hatte. Da trat der Hausbesitzer im Schlafanzug auf den Balkon, in der Hand eine Flobert. Er legte wortlos sein Luftgewehr an und beschoss mich. Zum Glück dämmerte es gerade erst, da hat er nicht getroffen. Das Mädchen bekam dann leider keinen Maibaum. Das Setzen von Maibäumen ist ein altes Fruchtbarkeitsritual. Sie wird wohl kinderlos geblieben sein.

Vor Nettesheim hatte ich endlich das richtige Heimatgefühl. Man kann dort bis zum Horizont sehen. Es gibt nur Felder und Pappelreihen. Diesen weiten Horizont liebe ich, denn er lässt Platz für eigene Gedanken. Hinter dem dicht bewaldeten strategischen Bahndamm, auf dem niemals Gleise gelegen haben, endlich die Sicht auf das Dorf. Es hat einmal den dritten Preis im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewonnen. Allerdings hat das nichts mit meinen Gefühlen zu tun, wenn ich über den Kastanien des Gutshofes den Kirchturm von St. Martinus sehe. Auf der Ecke ein altes Transformatorenhaus, aus dunkelroten Klinkern erbaut. Dort habe ich in meiner Jugend trommeln geübt. Freitagabends trommelten wir am Trafohaus „Alte Kameraden“ oder den „Lockmarsch“; ich spielte im Tambourkorps. Später spielte ich Schlagzeug und übte im Dachgeschoss der Schule drüben hinterm Bach, wo wir auf zwei Etagen wohnten. Da klingelte einmal eine Schülerin bei uns. Die Lehrerin bitte darum, ich solle eine Pause machen, denn die Kinder würden im Unterricht den Rhythmus mittrommeln.

Im Ort erkannte ich niemanden. Ich bin einfach schon zu lange weg. Doch manchmal war ich zum Schützenfest noch hier. Vor ein paar Jahren stand ich neben meinem alten Schulkameraden Juppi am Denkmal und schaute mir die Parade an. Er ist der Dachdecker des Ortes und nie weg gewesen. Für ihn war die Parade eine fachmännisch zu beurteilende Angelegenheit. „Dieses Tambourkorps hat zu früh eingeschwenkt“, sagte er, und jenes habe „keinen Zack.“ Die aus Anstel dagegen hätten ihre Sache gut gemacht. Ja, die Ansteler waren schon zu meiner Zeit beneidenswert zackig gewesen. Interessant, wie sich auch derlei Traditionen über die Generationen hinweg erhalten.  Ich erinnere mich noch gut an den samstäglichen Fackelzug zum Schützenfest. Der alte Bürgermeister hielt am Kriegerdenkmal jedes Jahr die gleiche Rede, worin er „die Gefallenen der beiden Weltkriege“ gedachte. Mit den Fällen nahm er es nicht so genau. Er war Bauer, kein Grammatikexperte.

Fortsetzung