Last Exit – Erst der Spaß, dann das Vergüngen

    Andrea Heming hat hier das Fotografieren zur Dokumentation des eigenen Lebens thematisiert. Mir fiel ein, dass ich im August 2006 im alten Teppichhaus Trithemius bereits über das Phänomen der ständigen Knipserei geschrieben hatte. Vor gut 14 Jahren war mir das neu. Inzwischen habe ich auch ein Smartphone und knipse. Der Text vom Aachener Bahnhofsvorplatz zeigt also meinen noch unverfälschten Blick. Drum habe ich ihn unverändert ins Teestübchen gehoben:

Beton ist ja ein schöner Baustoff. Wenn man mich fragen würde, wie ein Bahnhofsvorplatz gestaltet werden sollte, und ich wäre gerade sturzbesoffen oder völlig bekifft, würde ich sagen: Gießt doch einfach eine große Betonplatte!

„Das Gebäude des Aachener Hauptbahnhofes aus dem Jahr 1905 ist für über 20 Millionen Euro modernisiert worden, zudem wurde auch der Vorplatz neu gestaltet“, meldet die Aachener Zeitung. Gestern habe ich mich dort eine Weile aufgehalten, und tatsächlich haben sie vor dem Bahnhof eine große Betonplatte gegossen, ganz ohne mich zu fragen.

Bereits den dritten Tag feierte man die Eröffnung des Hauptbahnhofes, und auf einer Bühne mühte sich eine Robbie-Williams-Coverband. Ein dickliches hässliches Männchen mit schwarzem ärmellosem Hemd und weißer Krawatte hat schön gesungen. Leider mochten die steifen Aachener nicht so recht Feuer fangen. „Kann ich euch da hinten mal haben!“, rief er nach dem ersten Lied und zeigte auch, wie man mit den Händen hoch über dem Kopf klatschen sollte, wenn er sang. Später rief er: „Aachen, wo seid ihr?!“ Da klang er schon ziemlich verzweifelt und hat überlegt, wann er denn endlich in Rente gehen kann.

Nun hat ja Alemannia Aachen gestern gegen Schalke 04 gespielt, und mit einem Mal strömten Fans aus den Bussen. Die in Schwarzgelb ließen die Nasen hängen und trollten sich zum Bahnhof. Die Blauweißen aber blieben und betanzten die Betonplatte. Ich glaube, wenn man auf relativ dünnen Beinen einen Schmerbauch mit sich trägt, kann man auf einer Betonplatte zur Musik einer Robbie-Williams-Coverband am besten tanzen, indem man tief in die Knie geht und so tut, als wollte man Kappes treten.

Da waren auch zwei Sängerinnen auf der Bühne. Vermutlich hatten sie sich zum Einstudieren ihrer Tanzbewegungen viele steinalte Videos der holländischen Frauenformation „Pussycat“ angeguckt. Jedenfalls habe ich so ein hölzernes Arm- und Hüftschwingen seit den 70ern nicht mehr gesehen. Dem mit der weißen Krawatte war es egal, und die Schalker Fans feierten sowieso sich selbst.

Ich saß ermattet auf der langen zweiseitigen Holzbank die die Betonplatte teilt. Bald hatte ich eine Gruppe Schalker Fans im Nacken. Sie standen über mir auf der anderen Bankseite und schwangen zur Musik ihre Schals und Flaschen. Manchmal strichen mir liebevoll die Fransen eines Fan-Schals über den Kopf. Doch ich rechne den Fans hoch an, dass sie mir weder Bier noch Alkopops in die Ohren gegossen haben. Ein Fan Ende zwanzig baute sich vor mir auf, um die Kumpels mit seinem Handy zu fotografieren. Das dauerte eine Weile, weil er zwischendurch angerufen wurde. Inzwischen versperrte er mir den Blick auf die Robbie-Williams-Coverband, und um mich für den entgangenen Genuss zu entschädigen, kam er anschließend zu mir und reichte mir die Hand. Er war ein stattlicher junger Mann, und deshalb habe ich erstaunt nachgeguckt, ob ich vielleicht einen toten Fisch angefasst hatte.

Mit dem Musikgenuss war es aus, denn er stellte sich seitlich von mir auf die Bank, beugte sich zu mir herunter und rief mir Sachen ins Ohr. Wie toll die Deutschen sind, so ein tolerantes und überhaupt das liebenswerteste Volk auf dem Erdball. Er musste es wissen, denn er kam aus Marl und studierte in Bielefeld. Grundschullehrer wolle er werden, denn es sei wichtig, schon den Lütten, den Stöpkes die richtige Weltsicht beizubringen. Bei denen geht die Botschaft noch voll rein in die Ganglien. Das Wort Ganglien hat er natürlich nicht benutzt. Sein Handy hat er mir auch in die Hand gedrückt und sich zu den anderen in Positur gestellt. Leider konnte ich auf dem kleinen Bildschirm nicht sehen, ob ich das Flaschen- und Schalschwingen gut festgehalten habe.

Schon vorher hatte ich darüber nachgedacht, was es mit dem ständigen Fotografieren auf sich hat. Es reicht offenbar nicht, Spaß zu haben, es muss auch ein Bildbeweis her, dass man wirklich Spaß hatte. Natürlich legt der Spaß vor der Kamera noch einen Zahn zu. Die eigene Wirklichkeit zu inszenieren, ist der eigentliche Sport der Massen.

Inzwischen hatte sich die Robbie-Williams-Coverband schon von der Bühne gemacht. Ein Spaßvogel rief „Zugabe!“, und prompt kamen sie noch mal zurück. Weiße Krawatte rief all die verstreuten Grüppchen zu sich nach vorn an die Bühne, denn er wollte mindestens einmal die pralle Action von Händeschwingen, Mitsingen und über dem Kopf Klatschen.

Ich bin auch nach vorn und weiter Richtung Last Exit gegangen. Hab ja kein Fotohandy.

Einiges über das Verspeisen falscher Hasen

„Hasenessen ist ein herrliches Essen!
Ich habe noch nie einen Hasen gegessen!
Aber mein Bruder hat mal neben einem gesessen,
der hat einen Hasen gegessen.

Eigentlich war es gar nicht mein Bruder, sondern ich. Und der, neben dem ich gesessen habe, hat auch gar keinen Hasen gegessen, sondern glaubte nur, etwas von einem Hasen auf dem Teller zu haben. Da schwammen Fleischstücke in einer Soße, und offenbar schmeckten sie ihm. Er war ein Oberstudienrat. Der Hase hatte ihm nichts getan. Trotzdem wollte der Oberstudienrat ihn Wochen zuvor per Federstrich dem Koch ans Messer liefern.

Der Reihe nach: Das Lehrerkollegium, zu dem ich mal gehört habe, plante, den Kollegiumsausflug ins flämische Belgien zu machen. Der Organisator hatte fürs gemeinsame Abendessen ein Restaurant ausgesucht und dessen Menüvorschläge ausgehängt. Unser Kollege für Niederländisch hatte die Speisekarte übersetzt. Dabei hatte er „haschée“ als „Hase“ verlesen. Keiner wunderte sich, doch da das Angebot aus einem Feinschmeckerlokal kam, wollten viele Kolleginnen und Kollegen Hasen essen und trugen sich in die Liste ein. Ich weiß nicht, ob Lehrer besonders schriftgläubig sind oder Hase wie Schwein schmeckt und umgekehrt; jedenfalls hat sich am Abend keiner der Feinschmecker beklagt. Es glaubt ja der Konsument stets dem, was draufsteht. Anders als durch primitiven Wortaberglauben sind die Fleischskandale der letzten Zeit nicht erklärlich.

Und, spätestens jetzt sollten Fleischesser nicht weiter lesen, weil ich gerade mal gepflegt beleidigen will, … und auch das gestalttheoretische Prinzip des Rudolf Arnheim „Paarung wirkt auf die Partner“ kann als Unterscheidungsindiz von zubereiteten Tierleichen nur selten herhalten. Zwar ist manchmal unklar, ob das Schwein in der Schweinswurst sitzt oder davor, der Ochse auf dem Teller liegt oder darüber hockt, aber solche Entsprechungen zeigen sich nur nach einiger Zeit. Guck mal den Hoeneß! So einen Kopf und Stiernacken kriegst du nicht von Salat.

Falls hier Kinder mitlesen: All die süßen Hasen, die in diesem Text vorkamen, haben überlebt. Nur blöde Schweine mussten dran glauben.

Unterm Hammer

Bevor ich morgens zur Bäckerei gehe, öffne ich das Fenster zur Straße hin und schaue hinaus, um zu sehen, was die Leute anhaben, und um mich zu vergewissern, ob nicht über Nacht die Pflicht zum Tragen roter Pappnasen ausgerufen wurde. Unter mir auf dem Gehsteig geht ein Mann hin und her und zieht eilig an seiner Zigarette. Gerade schaue ich ihm genau auf den Kopf. Sein Hinterkopf hat im Haarschopf eine schüttere Stelle, obwohl er kaum 40 Jahre zu sein scheint. Ich bin ein bisschen neidisch. In diesem Alter war ich auch so schlank, hatte wohl noch mehr Haare, aber schon einige graue. Ich sah sie nicht, aber meiner Nachbarin entfuhr eines Tages. „Herr van der Ley, was sind Sie grau geworden!“

Der Mann ist gut gekleidet. Er trägt einen Pullover, eine helle Hose und braune Schuhe. Ich kenne ihn, weiß wie er seinen Lebensunterhalt verdient. Er betreibt ein Aktionshaus für Maschinen aller Art. Viele Geschäfte laufen wohl über Telefon. Oft sehe ich ihn telefonieren. Gleich hat er das Ende des Gehsteigs erreicht. Er schaut die abknickende Straße hinunter und beobachtet, wie zwei Müllwerker Sperrmüll in einen Müllwagen wuchten. Gut, das Zeug ist mal wieder weg. Ob er wohl schon Müllwägen versteigert hat? Dann wohl nicht aus einer Insolvenzmasse. Aber Abfallentsorgungsunternehmen erneuern manchmal ihren Fuhrpark. Dann kommen die alten Fahrzeuge gewiss unter den Hammer. Diese Wendung, meine lieben Damen und Herren, meint nicht die Kulturzertrümmerung durch Verramschen. Sie gehört vielmehr in die Rubrik „Schreiben ohne Denken“ und kommt hier nur zu Demonstrationszwecken vor. Schon lange geht sie mir auf den Geist. Eine Auswahl gefällig?

„Taschenuhr von Ludwig II kommt unter den Hammer“, meldet die Süddeutsche Zeitung. Das transportable Wasserklosett von Kaiserin Elisabeth von Österreich kommt in München unter den Hammer, schreibt die Aachener Volkszeitung teilnahmslos.
„Königin unterm Hammer; Michelstadt veranstaltet seinen 39. Bienenmarkt“, so etwas Gemeines druckt die Frankfurter Rundschau. Im Klartext: Uhr demoliert, Klosettschüssel in Scherben, und bei den Bienen möchte man erst gar nicht hinsehen. “Gebrauchte kommen unter den Hammer, titelt man bei den Aachener Nachrichten. Der Untertitel verrät mehr: Kampf gegen Fahrzeughalden. Gut, das muss sein. Doch:

das, Ralph Allgaier von der Aachener Volkszeitung, geht zu weit, das geht zu weit!

Viele Millionen Belegstellen weist Google für die geistlose Metapher aus. Irgendein Mensch hat sie sich einst aus dem Hirn gewrungen, und seither greift man in den Redaktionen blind ins gleiche Schublädchen, wenn’s um Versteigerungen geht, findet den Hammer zwar angestaubt, aber denkt: Was Besseres gibt es halt nicht auf der Welt- und hebt die altbackene Wendung ins Heft. Volontäre werden vermutlich verpflichtet, den Hammer quasi rauszuholen.

Der Müllwagen entschwindet. Gleich wird sich der Mann zu mir umdrehen. Ich ziehe mich zurück und schließe das Fenster, damit er nicht merkt, dass ich ihm auf die Platte geschaut habe. Übrigens Entwarnung bei den Pappnasen.

Wenn dicke Mädchen langsam treten

Ziemlich selten sieht man ein dickes Mädchen Fahrrad fahren. Dabei gibt es genug dicke Teenager. Vermutlich ist es so: wenn dicke Mädchen Fahrrad fahren, bleiben sie nicht lange dicke Mädchen, sondern sind bald einfach nur Mädchen auf Fahrrädern. Letztens aber bin ich beinah mit einem Fahrrad fahrenden dicken Mädchen kollidiert. Ich hatte seine Geschwindigkeit unterschätzt. Es trat so langsam, wie man sich das bei dicken Mädchen vorstellt, war aber mindestens so schnell, wie ein schlankes Mädchen, das auf seinem Fahrrad 85 Umdrehungen pro Minute kurbelt. Eine Kollision mit so einem dünnen Mädchen könnte sogar schmerzhafter sein, der spitzen Knochen wegen.

Später, ich hatte mich von meinem Schock erholt, ich wäre ja weich gefallen, begegnete mir das dicke Mädchen erneut. Es trat langsam wie zuvor, kam aber bedrohlich rasch näher. Als es vorbeirauschte, sah ich es auf einem Pedelec (Pedal Electric Cycle) hocken. Es war kein E-Bike, wie ich jetzt herausgefunden habe, denn beim E-Bike muss man gar nicht zusätzlich pedalieren. Von einem E-Bike können sich dicke Mädchen einfach fahren lassen, damit sie bleiben können wie sie sind. Manche finden sich schön so. Falls du jetzt fragst: „Gibt es das E-Bike auch auf Deutsch?“, sag ich: „Nur halb: Elektrofahrrad hat ja vorne auch ein Fremdwort.“ Übrigens: Die Hundstage sind vorbei.

Ausgezogene Nachbarinnen und Rauhfaser

Kaum bin ich eine Weile weg gewesen, sind zwei meiner Nachbarinnen ausgezogen, aus ihren Wohnungen, nicht aus ihren Kleidern. Bewahre! So nah kannte ich die Damen nicht, eigentlich nämlich kaum, aber sie waren mir doch vertraut. Die Oberobernachbarin, die blonde Frau Krug, trug einen Jungenhaarschnitt und  ging immer leise singend durchs Treppenhaus. Fast bei jedem Wetter fuhr sie mit ihrem sportlichen Fahrrad zur Arbeit. Sie war Pressesprecherin in einem Konzern. Nachdem ich einmal ein Paket für sie angenommen hatte, überreichte sie mir tags darauf zum Dank eine Schachtel Schokoladenkonfekt. Sonst begegneten wir uns höchst selten. Sie zu treffen, war ein bisschen wie dem weißen Hirschen zu begegnen.

Die Frau, die über mir gelebt hat, kannte ich noch weniger. Bei unserem ersten Kontakt, kamen wir uns am nächsten. Wir begegneten uns im Hausflur, und ich fragte: „Sind sie meine neue Obernachbarin?“ Da kam sie auf mich zu, streckte die schlanke Hand aus und sagte ihren Namen: „Frimmersdorf.“ Danach blieb es über zwei-drei Jahre anlässlich unserer seltenen Begegnungen beim unverbindlichen „Hallo!“ Einmal fragte sie mich, ob ich den Schornsteinfeger in ihre Wohnung lassen könnte. Ich nahm ihren Schlüssel und gab ihn an den Schornsteinfeger weiter, ohne mit ihm hochzugehen, denn ich wollte die Wohnung eines mir völlig fremden Menschen nicht betreten. Es wäre eine einseitige Annäherung gewesen.

Eigentlich hätte ich keinen Grund, die Damen zu vermissen. Aber die aufgegebenen Wohnungen finde ich unerfreulich. Die tönende Leere über meinem Kopf. Wie es hallt in leeren Wohnungen. Deprimierend finde ich nackte Wände mit ihren hellen Rechtecken, wo Bilder und Poster gehangen haben. Ich muss dann immer an den hoffnungsfrohen Einzug der Bewohner denken, wie sie voller Elan darangegangen sind, ihr neues Heim zu verschönern. Die hellen Rechtecke wirken, als hätte man Hoffnung und Elan in die Tonne getreten.

Vor dem Haus steht ein offener Container voller Zeug. Ursprünglich enthielt er nur Bauschutt aus einer Wohnung über den beiden Damen. Dort ist vor Monaten ein junges Paar mit Kleinkind ausgezogen. Deren aufgegebene Wohnung wird vermutlich Luxussaniert. Es wurden Wände herausgerissen, Installationen neu verlegt, neue Mauern hochgezogen. Zur Zeit passiert dort oben nichts. Man sieht jedenfalls keine Handwerker. Ob die Wohnung fertig ist? Hat man die Wände frisch mit Rauhfaser verklebt?

Mit der Orthographiereform von 1996 hat „rauh“ sein funktionsloses „h“ verloren, folglich müsste „Raufaser“ geschrieben werden. Doch Rauhfaser ist der Handelsname des Herstellers, des Wuppertaler Unternehmens Erfurt & Sohn. Bis vor kurzem dachte ich, Erfurter Rauhfaser käme aus Erfurt. Dort würde man die Wälder ringsum schreddern, um strukturbildende Holzfasern in die drei Papierschichten einzuarbeiten, aus denen die Rollen bestehen. Als ich kürzlich mal in einem fremden Haus das Bett hüten musste, schaute ich in eine mit Rauhfaser tapezierte Dachgaube. Aus Langeweile recherchierte ich im Internet Rauhfaser und erfuhr, dass der Wuppertaler Apotheker Hugo Erfurt im Jahr 1864 die Rauhfaser zu Dekorationszwecken erfunden hat.

Sein Großvater besaß eine Papierfabrik, Erfurt & Sohn, wo Hugo wohl mit der ersten Rauhfaser ecperimentiert hat. „Zu Dekorationszwecken.“ Wie muss ich mir das vorstellen? Erst die Gestalter des Bauhaus haben in den 1920-er Jahren die Rauhfaser für die Innenraumgestaltung entdeckt. Seither erobert sie weltweit die Wände der Wohnungen und noch immer kommt sie von, nicht aus Erfurt. Kürzlich im Einrichtungshaus sah ich Frau Krug wieder. Sie hatte Rauhfaser gekauft.

Die Dinge des Lebens – Der bunte Mann

Mit einem kräftigen „Guten Tag!“ betritt ein großer glatzköpfiger Mann das Wartezimmer. Er trägt eine orangefarbene Hose und einen türkisblauen Hoodie, statt Maske hat er einen dunkelblauen Rollkragen übers Gesicht gezogen. Er setzt sich kurz, steht dann plötzlich vor mir und sagt: „Können Sie mir kurz helfen?“, wobei er mir ein geöffnetes Taschenmesser in die Hand drückt. „Ich möchte den Faden abschneiden, aber mir fehlt dazu eine weitere Hand. Mit der Linken zieht er einen Faden von der Naht des Hodies an der Innenseite seines rechten Unterarms stramm. Ich prüfe mit dem Finger, wo die Schneide des Taschenmessers ist und schneide den Faden ab. Er bedankt sich, setzt sich wieder und beginnt aufmerksam in einem roten Büchlein zu lesen. Seine Welt ist wieder in Ordnung. Jetzt sehe ich, dass er auch orange und türkis geringelte Socken trägt. Seine Segeltuchtasche hat die Kombination Blau-Orange. Selten habe ich so einen selbstgewissen bunten Mann gesehen.

„Ich bin der Bischof von Bugolaland und brauche ein halbes Pfund Margarine.“
[Patricia Moyes; Murder Fantastical, dt. „… daß Mord nur noch ein Hirngespinst“]

Hübsche Kursiv der Bleistiftmarke Bruynzeel (hier falsch Bruynseel kalligrafiert von mir)

Die Vogelscheuche schreckt die Vögel wenig. Einst war sie der Gott der Grenzmarken.“ (Carl Faulmann) Vom Gott zum Lumpenhund: Die Banalisierung befällt auch das Göttliche.

Immer öfter passiert es mir, dass ich nach Verlassen eines Ladenlokals vergesse, die Maske abzustreifen. Ich bemerke an mir eine perverse Lust, Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Offenbar geht es nicht nur mir so. Manche fahren sogar mit der Maske Rad. Der Nutzen der Mund-Nasen-Bedeckung ist ja so gering, dass sich eine Ritualisierung andeutet. Die Maske als Erkennungszeichen einer Sekte, zu der man zwangsrekrutiert wurde. Rollt eine Straßenbahn vorbei, und aus allen Fenstern schauen welche mit Maske, muss ich denken, dass uns die herrschende politische Klasse endlich zu den Deppen gestempelt hat, für die sie uns schon lange halten.

Die Dinge des Lebens – Die Mumie trägt Adidas

Auf einem Stadtmöbel sind sieben Bildbände über Flugzeuge ausgesetzt. Warum? Hat einer über Nacht die Begeisterung für Flugzeuge verloren wie manche einen Schlüssel verlieren? Oder hat die Partnerin vor dem übervollen Billy-Regal gekniet und gesagt: „Entweder die Flugzeugbilderbücher oder ich!“ Da hat er nur kurz gezögert, sich dann aber für sie entschieden. Das kurze Zögern kostete ihn die Beziehung. Jetzt stellt er die Zankapfel-Bücher demonstrativ an die Straße. Ein Sparwitz mit einem Homonym: „Für meinen Mann gibt es nichts Schöneres als Fliegen.“ Nachbarin: „Und ich kann die Biester nicht leiden.“


Rätselhaftes in unserem Haus. Wer hat die schwarzen Adidas-Schuhe?
*
„Schönen Tag noch!“, wünscht die Supermarktkassiererin einem Mann.
„Dito“, sagt er. Ich mag solche Dito-Sager nicht. Warum eigentlich? Dito-Sager sind ichbezogene Knauser. In der wechselseitigen Kommunikation gilt ein „Schönen Tag noch!“ als dreifache Streicheleinheit. „Dito!“ wäre demnach eine. Da bleibt er ihr zwei Einheiten schuldig.
*
Im Treppenhaus roch es nach ungewaschenem altem Mann, der schon ewig in seinen Kleidern schläft und seit 50 Jahren Kettenraucher ist. Zuletzt habe ich neben einem solchen Stinker 1966 im Bus gesessen. Damals gab es viele von denen. Mit der Verbreitung von Waschmaschinen sind sie verschwunden. Wie verschlug es den einen ins Jahr 2020? Auf der 4. Etage sanieren des Hausbesitzers Lieblingshandwerker eine Wohnung und reißen dazu einige Wände ein. Vielleicht haben sie den Mann angelegentlich in einem Hohlraum gefunden, mumifiziert zwar, aber dann hat er versehentlich ein paar Tropfen Wasser abgekriegt und sich auf die Socken gemacht. Das erklärt auch die Sache mit den geklauten Schuhen.
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Mein Jugendfreund Fritz hat viele Jahre für ein Fugen-s an der Scheune des Sinstedener Landwirtschaft[s]museums gekämpft. Seine Eingaben an den Beirat blieben lange ungehört, obwohl darin nicht nur Landwirte und des Schreibens kaum mächtige Bauern sitzen, sondern Akademiker und sogar Professoren. Die haben aber Besseres zu tun.

Dinge des Lebens – Ganzjährig leben

Auf Höhe des Hannoverschen Stadtteils List liegt am Mittellandkanal ein kleiner Yachthafen. Um seinem landseitigen Rand kurvt der Radweg. Am sonnigen Pfingstsonntagmorgen rolle ich dort vorbei und höre einen Yachtbesitzer erklären: „Wir haben unseren Kahn so konzipiert, dass wir das ganze Jahr – darauf leben können.“ Ich konnte den Sprecher nicht sehen, der vom Stolz so überwältigt war, dass er hinter „Jahr“ eine Kunstpause machen musste, denn der Hafen ist gegen neugierige Blicke durch einen mit Tuch bespannten Zaun geschützt. Trotzdem bin ich schwer beeindruckt von dieser Botschaft aus einer fremden Lebenswelt, zu der Normalsterbliche keinen Zugang haben. Schon die Sprachregelung, „eine selbst konzipierte Yacht“, auf der man ganzjährig leben kann, „Kahn“ zu nennen, beeindruckt durch ihr wegwerfendes Unterstatement. Dieser rhetorischen Figur der Untertreibung entspricht, eine Villa „meine Hütte“ zu nennen. Wir kennen das schon vom reichen Landmann Thibaut d’Arc in Schillers „Jungfrau von Orleans“: „Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte?“ Understatement des alten Reichtums.

Im Fahrgast-TV der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (Üstra) lese ich ein Zitat des Dalai Lama: „Einmal im Jahr solltest du einen Ort besuchen, an dem du noch nie warst.“ Darunter steht: „Unterstützt die Reisebranche!“ Es ist legitim, wenn die durch die Lockdown-Maßnahmen schwer angeschlagene Reisebranche um Unterstützung bettelt. Auch wer ein Ein-Mann-Reisebüro betreibt, muss seine Familie ernähren. Aber der Dalai Lama als tumber Propagandist des Massentourismus? Und der Papst boxt wieder.

Am 5.April 2017 war das hier im Teestübchen zu lesen: „Es ist große Kunst, ganze 25 Immobilienmakler mitsamt Schreibtisch so auf die Fläche zu verteilen, dass jeder zum anderen exakt die gleiche Entfernung hat. Diese schwierige Aufgabe zu bewältigen unternahm ich über Nacht, so dass ich das hübsche Bild am Morgen vor mir hatte. Auch die Makler waren zufrieden, was mich mit Genugtuung erfüllte. Das gesamte Projekt wurde mir durch die erfreuliche Tatsache erleichtert, dass die fragliche Fläche topfeben war, was ich dem Arbeitseinsatz und dem Fleiß eifriger Dampfwalzenfahrer verdanke“, als von Corona-Abstandsregeln noch nicht die Rede war. (Größer klicken!) Die Dampfwalzenfahrer stehen symbolisch für den shutdown, mit dem das öffentliche Leben plattgemacht wurde. Und du sagst immer, ich hätte keine Zukunftsvisionen.

In der großen kardiologischen Gemeinschaftspraxis wimmelt es von jungen Arzthelferinnen. In den meisten Arztpraxen ist es so. Wohin verschwinden die jungen Helferinnen, wenn sie älter werden? Alle weggeheiratet von ihren Chefs? Das riecht nach ärztlicher Bigamie.

Einer schleppt ein Waschbecken unterm Arm. Er hat es ausgeladen aus einem Transporter mit der Aufschrift: „Für ein Bad mit Persönlichkeit.“ Das Waschbecken muss wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung zum Seelenklempner.

Dinge des Lebens – Wurstenden und Baukräne

In einer Randgemeinde Hannovers entsteht ein Wohngebiet. Über die Rohbauten ragen Kräne der Firma „Liebherr“ hinweg. „Die Familie stammt aus meiner schwäbischen Heimat“, sagt die Frau meines Herzens. Ihre Mutter habe Frau Liebherr öfters beim Metzger Huber gesehen, wie sie nach den billigeren Wurstenden gefragt habe. Dieses Musterbeispiel schwäbischer Sparsamkeit galt der Mutter als Grundstein für die stattliche Unternehmensgruppe.
„So kommt ma zu ebbes“, sagte sie.
Warum gehören mir keine Baukräne? Schließlich frage ich beim Metzger nicht mal nach Wurstenden, sondern spare mir die ganze Wurst vom Munde ab.

Eine Routineuntersuchung zwingt mich in die Straßenbahn nach Kirchrode. Vor drei Jahren bin ich zuletzt dort gewesen. Ich schaue interessiert aus dem Fenster und erinnere mich. Die Bahn kreuzt die Eilenriede, den stattlichen Hannoverschen Stadtwald. Hier bin ich einst mit einer jungen Freundin geradelt und habe in der kleinen Schenke am Radweg Station gemacht. Auf der Terrasse vor dem Lokal saßen Leute, offenbar über die Tische hinweg in ein lebhaftes Gespräch verstrickt. Als wir aus dem Laubengang in den Bereich eintraten, verstummten die Gespräche und man musterte uns neugierig. Offenbar verirrten sich Fremde selten hierhin, und die Wirtsleute legten wenig Wert auf Laufkundschaft. Es gab für meine Begleiterin keinen Cappuccino, nur Kaffee. Sie fühlte sich sichtlich unwohl, weil sie ahnte, dass man ringsum spekulierte, ob ich ihr Freund oder ihr Vater wäre. Trotzdem musste ich sie kurz alleine lassen. Auf der Toilette hingen tatsächlich Pornobilder an den Wänden. Während die Bahn vorbeifährt, frage ich mich, ob die Bilder wohl noch da sind. Wo alles im stetigen Wandel ist, wäre selbst dieser Schund eine feste Größe.

Ich betrete eine Apotheke. Die Frau hinter der Plexiglasscheibe ahnte mein Begehr und bietet mir eine Mund-Nasen-Bedeckung von der Rolle an. Sie habe auch welche in der Zehnerpackung. „Die nehme ich, vorausgesetzt, ich muss dafür keinen Kredit aufnehmen.“ Es geht noch so gerade; die zehn kosten 16,90 Euro.

In der Bahn sitzt mir gegenüber ein etwa 13-jähriges Mädchen, hat den Kopf gesenkt und versteckt Nase und Mund hinter dem Zipfel seiner Jacke. Nach einer Weile frage ich hinüber: „Möchtest du eine Maske?“ und halte ihr meine geöffnete Zehnerpackung hin. „Nein, danke, alles gut!“, sagt sie und verschwindet wieder unter ihrem Jackenzipfel. Die Mutter hat ihr eingeschärft: „Nimm von fremden Männern keine Maske an!“

„Wie hieß nochmal der schwarze Sänger mit dem schiefen Gesicht, der immer mit den beiden anderen zusammen war, deren Name mir grad nicht einfällt?“ Solche Fragen konnte zu goldenen HaCK-Zeiten nur Herr Leisetöne beantworten. Digital funktioniert es allerdings auch. Die Frau, die ich liebe, spricht mit Google. Ich kann das nicht, denn ich möchte Google nicht mein Stimmmuster geben. Ich bedauere, dass man mit der Orthographiereform das Prinzip der Sparschreibung beim Zusammentreffen von drei Konsonanten aufgegeben hat. Das Prinzip stammt aus dem 19.Jahrhundert, meines Wissens von Jacob Grimm. Damals schrieb man noch Kurrent. Gewiss hatte das Prinzip eugraphische Gründe, denn in Kurrent sieht STIMMMUSTER verwirrend aus.

Ein einzig spitziges Rauf und Runter wie die Ausschläge in der Anzeige eines Geräts, dessen Name mir auch grad nicht einfällt. Das Stimmmuster kriegt Google jedenfalls nicht von mir. Dafür kann ich das Smartphone nichts fragen und bekomme nicht die Antwort:

    „Laut Wikipedia: Sammy Davis jr. war ein US-amerikanischer Unterhaltungskünstler. Die anderen beiden waren Dean Martin und Frank Sinatra.“

In den 1980-ern, als Computer noch Blechtrottel waren, ging durch die Presse, dass ein Mann in einer Klinik Computer gestohlen hatte. Er hauste unter einem Treppenabsatz und wollte zu den Computern eine Beziehung aufbauen. Mit der weiblichen Google-Stimme ginge das bestimmt besser. Freilich muss man akzeptieren, dass sie alles besser weiß.

Dinge des Lebens – Eisheilige

Mamerz hat ein kaltes Herz.
Am Samstag war ich auf dem Sprung, mit dem Fahrrad wegzufahren, als mir auf der Treppe der Hausverwalter begegnete, der mich in ein Gespräch über die Wartung meiner Therme verwickelte. Er habe davon keine Rechnung. Ich versuchte die Verwicklungen um meine Therme zu rekonstruieren und sagte, sie sei außer der Reihe gewartet worden, wusste aber grad nicht warum. Eben fiel es mir wieder ein, als meine Heizung trotz Temperatursturz nicht ansprang. Pünktlich mit dem 11. Mai übernahm nämlich Mamertus, der erste der Eisheiligen, die Macht, aber meine Therme ist noch im Schlafmodus wie jeden Montag. Ich hatte nämlich den Handwerker gebeten, die Nachtabschaltung neu zu programmieren, und weil der sich wohl im Datum vertan hatte, gilt meiner Therme der Sonntag als Samstag und der Montag als Sonntag, was ja insofern hübsch ist, als mein Wochenende somit drei Tage umfasst.

Morgen herrscht übrigens Pankratius, dann Servatius, gefolgt von Bonifatius und der kalten Sophie. Das Narrativ von den Eisheiligen ist natürlich purer Aberglaube, neutraler gesagt: Volksglaube. Drei der fünf gelten als Märtyrer, Mamertus und Servatius waren Bischöfe und sollen Wunder gewirkt haben. Sie alle personifizieren das wiederkehrende Wetterphänomen plötzlich einströmender Polarluft in die vormals warmen ersten Maitage. Daraus erklärt sich, dass Mamertus in Süddeutschland nicht bekannt ist. Die fußlahmen Heiligen brauchen einen Tag länger, um die Kälte auch in den Süden zu verschleppen.

Jedenfalls trug ich einen Mantel, als ich zum Bäcker eilte. Eine Straßenbahn zog vorbei. Aus den Fenstern schauten lauter Leute mit Mund-Nasen-Schutz. Das wirkte ziemlich deppert. Ich komme übrigens nicht mit dem Wort „Gesichtsmaske“ zurecht. Jedes mal denke ich an Quarkgesichter und Gurkenscheiben auf den Augen. Solche Gesichtsmasken wünsche ich in der Straßenbahn zu sehen, ersatzweise könnten die Insassen mein Buch Die schönsten Augen nördlich der Alpen hochhalten.

„Die Eisheiligen nehmens diesmal ganz genau“, sagte die Bäckereifachverkäuferin. Nur meine Therme nicht. Die hat heute Sonntag. Übrigens: Das derzeit längste bekannte Wortpalindrom ist das finnische Wort für Seifenverkäufer: „saippuakivikauppias.“ Dagegen verblasst sogar das längste deutsche, das von Arthur Schopenhauer gefundene „Reliefpfeiler.“