Jüngling der Schwarzen Kunst – Zweifel

Es war wieder ziemlich warm im Glashaus. Hannes durfte seine Pause am Tisch halten, der am Ende der Gasse stand. Es war ihm trotz der Wärme Recht. So hatte er seine Ruhe, anders als im Pausenraum, wo einer der Gesellen auf die Idee kommen könnte, ihn noch rasch Einkaufen zu schicken. Er hatte sich am Kiosk den Mittag und eine Cola geholt, die noch schön kalt gewesen, als er sie hochtrug. Eigentlich hätte er noch den Rest Milch aus der Glasflasche trinken sollen, aus Vorsicht wegen der drohenden Bleivergiftung. Doch die war vermutlich sauer geworden. Er müsste sie wegkippen, brachte es aber nicht übers Herz. Lebensmittel verschwendet man nicht, hatte er als Kind gelernt. Er wusste, dass die Milch am nächsten Tag noch ekliger wäre, so dass er sie nicht trinken würde. Aber sie wegzukippen verschob er lieber auf morgen oder übermorgen. So war er und kam nicht an gegen seine Natur.

Im Mittag verfolgte er mit großem Interesse die Lebensbeichte eines Alkoholikers. Ein einst erfolgreicher Journalist schilderte hier eindringlich die Stationen seines Niedergangs. Hannes verstand nicht, warum einer, der so gut schreiben konnte, sich nicht in den Griff bekam. Er biss über der aufgeschlagenen Zeitung in sein Butterbrot. Es bestand aus einer Scheibe Graubrot mit jungem Gouda, gedeckelt mit einer Scheibe Schwarzbrot. Das Schwarzbrot hatte einen seltsamen Beigeschmack. Hannes kannte ihn. Er ging der Schimmelbildung voraus, die wie er wusste, bereits begann, bevor Schimmel zu sehen war. Er wagte nicht, das Brot wegzuwerfen. Brot warf man nicht in den Abfall. Hätte er gewusst, dass Schimmel auf dem Brot giftig ist, hätte er es nicht gegessen. Er spülte die Bissen jeweils mit einem Schluck Cola hinunter. Schimmel schreckte ihn nicht. Er sorgte er sich nur um die Bleivergiftung, obwohl keiner der ihm bekannten Schriftsetzer je eine gehabt hatte. Nur sein Onkel eben, der die Druckerei besessen hatte, war daran erkrankt. Aber auch das wusste er nur vom Hörensagen.

Dieser Onkel hatte es aber mit der Hygiene nicht genau genommen. In dessen Küche hing mitten über dem Esstisch ein klebriger Fliegenfänger, dick übersät mit Fliegen, die meisten tot nach langem Befreiungskampf. Eine hatte noch Leben in sich, wachte aus dem Erschöpfungsschlaf auf und zappelte sich brumend frei, doch war nicht flugfähig wegen der verklebten Flügel und plumpste genau in Onkel Josefs Kaffeetasse. Er fischte sie mit dem Zeigefinger heraus und trank den Kaffee seelenruhig weiter. Einer, den Fliegen im Kaffee nicht stören, aß vermutlich auch sein Butterbrot mit von Blei verdreckten Fingern.

Helmut Krug, ein neuer Geselle, kam herein. Hastig verschlug Hannes die Seite, denn unter der Lebensbeichte war ein halbnacktes Mädchen abgedruckt.
„Hallo Hannes, was liest du denn da?“
„Nichts besonderes, Herr Krug“, sagte Hannes und war froh, nicht beim Betrachten des halbnackten Mädchens erwischt worden zu sein.
Herr Krug war ebenfalls einer vom Kollegium Marianum, arbeitete vormittags als Schriftsetzer und holte abends auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, um später das Priesteramt zu studieren.
„Wo kriegt der Alte bloß immer die ganzen Betschwestern her?“, hatte Hof verächtlich gefragt.
Hannes hatte gedacht: Herr Krug ist menschlich und fachlich besser als du, Knallkopp. Krug hatte ein schmales, scharf geschnittenes Gesicht und kam wohl aus dem Süden, wie seine Aussprache verriet. Er war ein Mann ohne Arg, hielt den Kopf immer ein wenig seitlich geneigt, was irgendwie heilig wirkte, als stünde er schon am Altar. Von ihm kam nie ein böses Wort, obwohl die Kollegen in seiner Gegenwart frozzelten. Herr Krug trat näher und warf einen missbilligenden Blick auf die Zeitung.
„Warum liest du denn den Mittag, Hannes?“
„Ich muss doch lernen, wie es zu geht in der Welt, Herr Krug.“
„Aber doch nicht aus dem Revolverblatt.“
„Ist jedenfalls besser als die Kirchenzeitung“, sagte Hannes patzig. Im selben Augenblick tat es ihm leid, so frech gewesen zu sein. Herr Krug konnte ja nichts dafür. Aber die Kirche sollte ihm nicht die Lektüre vorschreiben. Wenn er nur Kirchenzeitung und Liboriusblatt las, würde er sein Leben lang dumm bleiben. Er hatte längst gemerkt, dass es neben den Wahrheiten der Kirche noch andere Wahrheiten gab. Das Leben außerhalb der engen Grenzen der Religion war wesentlich bunter, vielfältiger und praller. Er musste wieder an das halbnackte Fotomodell denken und war froh, dass Herr Krug die Gasse verließ, so dass er die Seite wieder aufschlagen konnte. Seit er die Pornos seines Bruders entdeckt hatte, war sein sexuelles Interesse geweckt.

Pützfeld

Auf dem Radweg zwischen dem Aachener Wald und dem Grenzort Lichtenbusch fuhr ich zu einem vor mir fahrenden Radsportler auf und grüßte freundlich. Der blickte hoch und erhöhte sein Tempo, um neben mir zu bleiben. Dabei musterte er ausgiebig meine Rennmaschine und äußerte sich fachmännisch zur Übersetzung, die ich fuhr. Plötzlich sagte er: „Ja, kennst du mich denn nicht?“ „Leider nein.“
„Ich bin doch der älteste Radsportler der Welt.“ Tatsächlich hatte ich mich gewundert, als ich sein wettergegerbtes Gesicht gesehen hatte. Das passte nicht zu seinen wohlgeformten Beinen, die einem jungen Mann zu gehören schienen.

Später erzählte ich einer befreundeten Kollegin von der Begegnung. Sie war Mitglied [wie gendert man das?] in einem Aachener Radsportverein und kannte den Mann. „Das war Christian Pützfeld. Der ist 86 und fährt noch Seniorenrennen.“ Es gibt einen Grimmepreis gekrönten Dokumentarfilm über ihn und das ungebrochene Konkurrenzdenken unter steinalten Radsportlern: „Alte Kameraden“ von Bernd Mosblech.

Über Pützfeld erzählte man folgende Geschichte: Nach einem Unfall hatte er mit Beinbrüchen im Krankenhaus gelegen. Raue Radsportler, Konkurrenten wohl, hatten ihn besucht und grob getönt: „Pützfeld, jetzt ist es aus. Jetzt kommst du nicht mehr auf die Beine.“ Doch Christian Pützfeld hatte noch im Krankenbett angefangen, mit Hanteln zu trainieren, war sehr wohl wieder auf die Beine gekommen und sogar erneut Radrennen gefahren. Wenn ich im äußeren Trakt unseres Gymnasiums unterrichtete, sah ich ihn manchmal auf der kurzen Flachstrecke oberhalb des Gebäudes beim Intervalltraining.

An Christian Pützfeld musste ich in letzter Zeit oft denken. In den ersten Wochen nach meinem Unfall, als die Zeit der Hilfsbedürftigkeit nicht vergehen wollte und ich in einsamen Abendstunden nah daran war, den Putz von den Wänden zu kratzen, habe ich mir an ihm ein Beispiel genommen und mit vollen Wasserflaschen als Hantelersatz trainiert.

Heute sind sechs Wochen seit dem Unfall vergangen. Ich bin aus der ersten Pflegeeinrichtung in eine andere umgezogen, wo ich mich wohler fühle und auch nicht mehr fürchten muss, dass gewissenlose Ärzte aus mir einen echten Pflegefall machen. Die Zeit, die zu stehen schien in den schlimmen ersten vier Wochen in der „Kurzzeit“pflege, ist also doch vergangen. Ob Christian Pützfeld noch lebt, konnte ich nicht herausfinden. Er müsste jetzt weit über 100 sein. Unsere gemeinsame Heimat ist gerade im Dauerregen versunken. Furchtbare Bilder erreichten mich, und ich sah Straßen und Ortschaften, auf denen ich trainiert habe, die derzeit unpassierbar sind. Das Wasser hat in der Nordeifel, im grenznahen Ostbelgien und Aachens Umland nicht ganz so verheerend gewütet wie in den Dörfern an der Ahr, aber aufgerissene Straßen, Hausfronten, unterspülte Häuser und Bewohner, die sich um ihre Existenzgrundlage gebracht sehen, gibt es auch dort. Mir ist zum Heulen.

Vor allem stört mich erneut die Sprachmode von Medienleuten und Politikern, die jetzt wieder von den „Menschen“ reden, denen geholfen werden muss, weil die jetzt schlimme Verluste erleiden, sogar zu Tode gekommen sind. Das distanzierende Die-Menschen-Gerede klingt, als würden sie selbst einer anderen Gattung angehören, die von oben herabschaut auf die ach so verletzlichen „Menschen“, wie sie jetzt zittern und beben müssen vor den Naturgewalten und in ihren Kellern ersaufen gleich den Würmern in ihren Gängen. In dieser Sprachmode der geheuchelten Anteilnahme zeigt sich ungeschminkt, dass sich Medien und Politik längst aus der Mitmenschlichkeit entfernt haben.

Ein Reisender in Baal

Rübenfelder, so weit das Auge reicht. Ein anthrazitfarbenes Band durchschneidet sie und verliert sich am Horizont. Das ist die Landstraße. Ein alter Bauer auf einem wackligen schwarzen Herrenfahrrad radelt heran. Der Reporter hebt die Hand, und der Alte springt steifbeinig ab.
„Guten Tag! Was gibt es denn hier Interessantes?“
„Wo? Hier?“
„Ja, wir machen eine Reportage quer durch Deutschland am 51. Breitengrad entlang, und hier im Selfkant fangen wir an. Gibt’s hier irgendwas Interessantes?“
Der Alte schaut verwundert. „Wat soll denn hier sein?“
Er blickt sich ratlos um und deutet dann mit dem Kinn nach Westen: „Da drüben is Holland. Aber hier? Hier is doch nix.“ Er nickt dem Reporter einen Abschiedsgruß zu, steigt wieder auf sein Rad und fährt. In seiner rostigen Kette zwitschert ein Vögelchen. Selfkant, das ist das Zettelende an Geweben, die Tuchkante. Der Landstrich heißt so, weil er viele Priester hervorgebracht hat.

Warum der Reisende den Nachtzug am einsamen Bahnhof von Baal verlassen hat, kann er nicht mehr sagen. Es gibt da auch nur wenige Spuren von ihm, mit rascher Hand gesprühte Strichfiguren an den Wänden in der Unterführung des ehemaligen Turmbahnhofs.

Der Turmbahnhof von Baal war im Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Hier kreuzten zwei Strecken. Das Gleis im Untergeschoss kam von Jülich und führte durch den Selfkant nach Dalheim. Dort traf es auf den Eisernen Rhein, eine Bahnlinie, die bis Antwerpen führte. Bis 1911 war der kleine Grenzort Dalheim für viele Auswanderer das Tor zu Neuen Welt. Sie mussten in Dalheim warten. Die Weiterfahrt durch die Niederlande und Belgien wurde ihnen erst gestattet, wenn im Hafen von Antwerpen ein Schiff für sie bereitlag.

Naegeli-Graffiti in Baal – Fotos: Bernd Kehren


Es ist unwahrscheinlich, dass der Reisende die Bedeutung des Turmbahnhofs von Baal gekannt hat. Denn eigentlich gibt es im Selfkant ja nichts. Rübenfelder, Priesteramtskandidaten und karge Bauernphilosophen sind kaum ein Anreiz, auf dem nächtlichen Bahnhof von Baal auszusteigen. Vielleicht hatte ihn auch der Ortsname Baal dazu veranlasst. Baal, der syrische Gott der Fruchtbarkeit, dem auch Kinderopfer dargebracht wurden.

Vermutlich geht der Ortsname im Selfkant tatsächlich auf einen heidnischen Gott zurück, auf den germanischen Lichtgott Baldur, dessen Name auch in Pulheim stecken soll, und in dem niederrheinischen Wort „Pouhl“, nl. poel, Wasserlache, Sumpf, engl. pool, Teich, Pfütze.

Nachdem der berühmte Züricher Sprayer Harald Naegeli seine Haftstrafe im Züricher Gefängnis abgesessen hatte, lebte er eine Weile in Düsseldorf. Baal liegt an der Strecke Düsseldorf – Aachen. Mein Freund Bernd hat 1999 die für Naegeli typischen Strichfiguren im Turmbahnhof von Baal entdeckt, fotografiert und sie Naegeli anlässlich einer Finissage in Düren gezeigt. Naegeli bestätigte, dass die Graffiti von ihm stammen, konnte sich jedoch nicht mehr erinnern, warum er jemals in Baal ausgestiegen war und dort seine Strichfiguren an die Wände gesprüht hat.

Denn wie gesagt: Eigentlich gibt es da ja nichts.

Komisches Design – Tischkondome

Das Wort „Husse“ ist mir erst spät im Leben begegnet. Ich musste fünfzig Jahre alt werden, bevor der Weltgeist mich für gefestigt genug hielt, das visuelle Unglück „Husse“ kennenzulernen. Damals trat ein junger Kollege in mein Leben ein, mit dem ich mich anfreundete. Nicht lange, da waren wir so vertraut, dass er mich arglos zu sich nach Hause einlud. Er hatte alle Stühle am Esstisch unter komischen Überzügen verborgen, verlor aber darüber kein Wort. Er fand es offenbar normal. Ich wollte nicht als Banause dastehen, sagte also auch nichts, zumal sich damals die Ehefrau gerade von ihm getrennt hatte und ich dachte, die Kondomisierung der Stühle stammte noch von ihr.

Natürlich war ich schon einmal bei einer Sparkassen-äh-dingens … gewesen. Ich glaube nämlich, dass die Hussen von den Sparkassen unters gemeine Volk gebracht worden sind. Sparkassen sind ja Körperschaften des öffentlichen Rechts, die einen Teil der Gewinne für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung stellen müssen. Daher der Schulservice, die Kunstausstellungen in Kassenhallen, Förderpreise und dergleichen. Als Lehrer wurde manchmal ich zu Sparkassenveranstaltungen* eingeladen. Der Kassenraum war dann zweckentfremdet; es wurden Getränke und Häppchen gereicht, und man stand an Stehtischen. Diese Stehtische waren verborgen unter weißen Hussen. „Stehtischhussen“ gaben der Kassenhalle etwas unschuldig Festliches.

Der Essbereich meines Kollegen wirkte demgemäß ein wenig festlich auf mich, fast wie ein umdekorierter Kassenraum. Ich weiß ja nicht, welche brechreizenden Speisen seine Exfrau gereicht hat. Aber damals dachte ich wohl, wenn ich mal welche aus Gewinnsucht vergiften will, dann dekoriere ich Tisch und Stühle ganz unschuldig mit weißen Hussen wie bei der Sparkasse. Das Wort Husse kannte ich aber immer noch nicht. Erst als mir der Kollege diesen hübschen Text zu lesen gab, begegnete es mir ganz unerwartet.

Abstandsregeln vor Corona: Kondomisierte Stehtische gegen ungezügelte Fortpflanzung – in der Stadthalle Hannover (Bonatz Saal) – Foto: JvdL (Größer: Klicken)

Wie das im Leben so geht, kennt man das Wort, begegnet einem überall und allerorten die Sache. Es kann natürlich auch sein, dass Ikea die Hussen ins Programm genommen und somit zu ihrer volksnahen Verbreitung beigetragen hat. Weil Hussen genau besehen etwas ungemein Komisches haben, aber inzwischen keine Sparkasse, kein Hotel, kein Kongresscenter, kein Fest auf Stehtischhussen (Schlauchhussen) verzichten kann, glaube ich, hinter dieser Verblendung stecken die Hussiten und deren Prophezeiung wider die Unkeuschheit: „Tagungen gehen daneben, Konferenzen werden scheitern, Parteien sich zerstreiten, Hochzeiten übel ankommen, wenn die Hussen fehlen.“ Also sprach der Prophet: „Möbel ohne Hussen sind wie Gäste ohne Hosen.“

    *) Bei einer dieser Sparkassenveranstaltungen ( es sprach ein Professor für Pädagogik) hörte ich von ihm folgenden Witz, der inzwischen mein Lieblingswitz ist:
    Ein Finne, ein Schwede und ein Däne sollen hingerichtet werden und haben jeweils noch einen letzten Wunsch frei. Der Finne sagt: „Ich will mich noch einmal richtig besaufen!“ Der Schwede sagt: „Ich habe während meines Gefängnisaufenthaltes Pädagogik studiert und möchte einen Vortrag halten über die Besserung des Menschen durch Erziehung.“ Da sagt der Däne: „Und ich möchte hingerichtet werden, bevor der Schwede seinen Vortrag hält.“

Mein Leben als Cyborg

Heute vor fünf Wochen wurde ich am Beinbruch operiert. Morgens wurde ich auf den OP-Tisch geschoben, dann wieder zurück ins Bett und aufs Zimmer, weil das einzige OP-Team vom Sonntag einen Notfall behandeln musste. Ich wartete auf meine OP bis 17 Uhr. Früher hat man Beinbrüche gerichtet und mit Gips stabilisiert. Man kennt das Bild eines gewaltigen Gipsbeins noch aus Hitchcocks „Fenster zum Hof.“ Der arme Patient hatte extra einen Kratzer gegen das Jucken am Bein. Wurde der Gips nach sechs Wochen entfernt, war das Bein nur noch Haut und Knochen.

Heute löst die Medizin das eleganter. Den Gips habe ich quasi im Bein, nämlich einen 30 Zentimeter langen, mit zwei Schrauben stabilisierten Nagel. Der Chirurg sagte, er habe es so gut gemacht wie für den eigenen Vater. Inzwischen sind die drei kleinen Wunden der minimalinvasiven OP verheilt, ich bin fast schmerzfrei, darf aber das rechte Bein nur bis 20 Kilogramm belasten. Wenn alles gut geht, werde ich Anfang August in Aachen die Reha antreten. In schmerzvollen Tagen nach der Operation, als ich zur Untätigkeit verurteilt war und die vom Arzt prognostizierten sechs bis acht Wochen sich wie ein gewaltiger Berg vor mir erhoben und mich zu erdrücken drohten, stahl sich ein Hoffnungsschimmer zu mir durch und hielt mich aufrecht, nämlich am Ende der Leidenszeit drei Wochen in meiner alten Heimat verbringen zu dürfen.

Übrigens bin ich jetzt ein Cyborg, also ein Mensch mit dauerhaft künstlichen Bauteilen im Körper. Ich besitze einen Implantats-Ausweis, in dem sieben Bauteile aufgeführt sind, hergestellt im Schleswig-Holsteinischen Schönkirchen. Die Bescheinigung muss ich mitführen, falls ich einmal in einer Sicherheitsschleuse unangenehm auffalle. Ob mein Bein auch magnetisch ist, weiß ich nicht. Aber es schadet ja nichts, anziehend zu sein.

Ein Schlüsselmoment

Der Morgen graute. Ich lag noch da und lauschte auf die frühen Geräusche im Haus. Helle Stimmen zweier Frauen, das Scheppern eines Tabletts. Draußen wieherte ein Pferd. Derweil ich darüber nachdachte, wie kurios dieser Laut ist und wie es wohl sein mag, wenn ein anderes Pferd das Wiehern eines Artgenossen hört, welche Bedeutungen, Nebenbedeutungen und Zwischentöne es wahrnimmt oder ob es im Wiehern nichts erkennt als die Welt seiner Pferdenatur. Derweil also wurde am Himmel eine Tür geschlossen. Sie fiel satt ins Schloss, löste in der Morgenluft eine Erschütterung und eine Druckwelle aus, was auf Größe und Schwere schließen ließ.

Kennst du das beklemmende Gefühl, wenn du deine Wohnungstür von außen ins Schloss ziehst und dir im Einschnappen des Schlosses klar wird, dass du ohne Schlüssel aus der Wohnung getreten bist und dich ausgesperrt hast? Vermutlich nicht. Vermutlich bist du zu vorsorglich, hast einen Ersatzschlüssel beim Nachbarn deponiert oder draußen unterm Stein verborgen. Ich dagegen kenne das Gefühl genau, kenne das Bedauern und den Wunsch, das Zuziehen rückgängig zu machen, und gleichzeitig zu wissen, dass es im Leben Ereignisse gibt, die dich von jetzt auf gleich in eine Notlage bringen. Wir haben im Deutschen das treffende Wort „Schlüsselmoment“, was natürlich nicht nur die fälschlich zugezogene Haustür und den fehlenden Schlüssel meint.

Der Schlüsselmoment ändert unseren Lebensweg drastisch. Als ich nach einer schönen Feier in geselliger Runde eine Treppe hinabstieg, um beim Abräumen des Tisches zu helfen, war ich in Gedanken schon unten, übersah die letzte Stufe und erlebte im Sturz den Schlüsselmoment, der mir einen Weg in Schmerz und wochenlange Hilfsbedürftigkeit erschloss. In diesem Fall betraf es auch alle in meinem Umfeld. Es war ein soziales Ereignis. Ich plumpste in deren Leben wie ein Stein ins Wasser. Wie die kreisförmig nach außen strebenden und langsam verebbenden Wellen wurden, die mir am nächsten sind, am stärksten in den Schlüsselmoment einbezogen.

So muss auch die zufallende Tür am Himmel ein soziales Ereignis gewesen sein, wenngleich ich nur meine beschränkte Perspektive habe. Es blieb im Haus merkwürdig still, als würde man innerlich nach imaginären Schlüsseln kramen, als am Himmel schon die nächste Tür mit sattem Laut und Erschütterung zufiel. Das ging den ganzen Tag so, ein Zufallen gewaltiger Türen, von denen kein Schemen zu sehen war. Ich kann nur schildern, was ich fühlte, denn ringsum verstummte man. Jede, jeder gab sich den Empfindungen hin. Sie waren so niederdrückend, dass nicht nur die Journaille in Schweigen verfiel, sondern das Netz der Asozialen Medien in Lähmung erschlaffte. Kunde kam von denen weit draußen, die in ihrer Einsamkeit verzweifelt riefen. Es ist erstaunlich, an welch entlegenen Orten sich Menschen aufhalten. Kein Fleckchen Erde, von dem nicht zufallende Himmelstüren gemeldet wurden.

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Alptraum. Da waren Zahlen, die von mir wegstrebten und im Wegstreben immer größer wurden. Ich hingegen fühlte mich klein und hilflos, schien zu schrumpfen, je größer die Zahlen wurden. Jede zufallende Tür erschütterte mein Gemüt bis ins Mark und ich wand mich unter der Verlorenheit des kindlichen Alptraums. Warum geschieht uns Menschen dies? Wo haben wir es an Vorsorge fehlen lassen? Warum werden wir ausgesperrt?

Trithemius unchained

Im Hof meines Zuhauses in Linden-Mitte hängt an einem Geländer einsam ein schweres Fahrradschloss, nicht so ein dünnes Kabel, auf das ein Fahrraddieb nur spucken würde, sondern eine schwere ummantelte Kette mit einem mächtigen Verschluss. Kette und Schloss könnten einen Elefanten tragen, aber das habe ich natürlich nicht ausprobiert.
Das Schloss ist ein stummes Zeugnis der Unwägbarkeit des Lebens, denn als ich vor fünf Wochen etwa mit dem Fahrrad aufbrach, dachte ich nicht daran, dass ich so bald nicht wiederkommen würde. Das Schloss ließ ich zurück, weil ich mein Fahrrad am Zielort sicher unterstellen konnte.

Obwohl das Schloss ein Geschenk gewesen ist, habe ich es nie gemocht. Manchmal dachte ich beim Radfahren, ich hätte ein dickes Kind auf dem Gepäckständer oder einen Kasten Bier. Aber da hing nur mein Fahrradschloss. Und die Leute erst, die haben, wenn ich vorbeifuhr, bestimmt gedacht, da kommt wieder der Mann auf dem Fahrrad, das wie ein mächtiges Fahrradschloss aussieht. Da hatte ich oft den Impuls zu sagen: „He, Leute, was ihr seht, das ist nicht mein Fahrrad, sondern nur das Fahrradschloss.“

Auch bevor ich durch Sturz und Beinbruch stillgelegt wurde, habe ich dieses übermächtige Fahrradschloss nicht immer mitgenommen. Ich habe es es schon früher einfach im Hof angeschlossen, vielmehr den Hof an mein Schloss. Seither ist der Hof noch nie gestohlen worden, denn selbst ausgemachte Haus- und Hofdiebe würden vor dem Anblick meines Fahrradschlosses erblassen.

Einst war ich ohne das monströse Teil unterwegs. Als ich an einem Supermarkt auf der belebten Limmer Straße vorbeikam, hatte ich spontan den Wunsch einzukaufen. Vor dem Eingang stand ein Berber und hielt der ein- und ausströmenden Kundschaft einen Plastikbecher hin. Ich stellte mein Fahrrad neben ihn und sagte: „Hallo, könnten Sie mal eine Weile auf mein Fahrrad aufpassen?“ Dabei legte ich ihm einen Euro in den Becher. „Aber ja“, sagte er. „Ich stelle mich direkt daneben!“ und stellte sich direkt daneben.

Nach dem Einkauf kaufte ich beim Vorkassenbäcker noch zwei Stück Kuchen in getrennten Tüten. Draußen stand der Berber schützend vor meinem Fahrrad. Er hatte es parallel zum Schaufenster geparkt und sagte: „Ich habe Ihr Rad zur Seite gestellt. Ein Platz wurde frei, da habe ich es dahin gestellt.“
Ich dankte ihm, hielt die Tüten hoch und sagte: „Kirschstreusel oder Walnussplunder?“
„Ach, nein, danke“, sagte er. „Ich habe ja keine Zähne mehr und hab es nicht so mit Kuchen.“ Da gab ich ihm noch mal Geld, versäumte aber zu fragen, was er denn überhaupt noch essen kann. Vermutlich nur Suppe. Jedenfalls dachte ich, es ist gar nicht so einfach, jemandem eine Freude zu machen, wenn man nicht mal weiß, dass er keine Zähne mehr hat. Also, wenn Hilfe zu weit oben ansetzt und den anderen zu sehr festlegt, dann ist’s keine Hilfe. Er hat mir meine Ungeschicklichkeit aber nicht verübelt, sondern rief mir noch „Gehabt euch wohl!“ hinterher.

Zu Hause schloss ich den Hof an meinem Rad fest und war ziemlich froh, dass ich mal wieder ohne Schloss unterwegs gewesen war. Ich habe derzeit noch vier Wochen Kurzzeitpflege und etwa drei Wochen Reha vor mir. Also werde ich frühestens in etwa zwei Monaten nach dem Schloss sehen können. Es wird da hängen, mir einen Gruß zuklimpern, aber mir ganz fremd geworden sein. Vielleicht bekenne ich mich nicht mehr zu ihm und lasse es einfach dort, denn ich will mir sowieso ein bequemeres Fahrrad kaufen.

Radeln rund um den Drehturm

Mein Sohn berichtete mir von einem Experiment. Die Probanden sollten mit dem Zeigefinger eine komplizierte Bewegung vollziehen, die Kontrollgruppe sollte sich den Bewegungsablauf nur vorstellen. Am Schluss des Experimentes hatten beide Gruppen Muskeln aufgebaut. Jetzt weiß ich natürlich nicht, ob es sinnvoll ist, einen muskulösen Zeigefinger zu haben, es sei denn, man wollte sich im Freiklettern üben und mit einem Finger an einem Felsvorsprung hängen. Manchmal wird ja auch der pädagogische Zeigefinger gebraucht. Es geht aber um den Transfer.

Da ich derzeit ein Bein nicht voll belasten darf, aber nicht so viel Muskelmasse verlieren will, versuchte ich, mir Radfahren vorzustellen, was aber schwer geht, wenn es zu abstrakt bleibt. Zur Konkretisierung dient der folgende Text vom Radfahren über den Lousberg in meiner alten Heimat Aachen. Ihn zu lesen, kann ich jeder/jedem empfehlen. Leichter ist ein Muskeltraining nie gewesen. Es reicht, sich das Kurbeln der Pedale vorzustellen, wobei uns natürlich am Runden Tritt gelegen ist, dem Geheimnis des effektiven Radfahrens.

Rund um den Drehturm

Wir fahren mit dem Rad zum Aachener Lousberg und drehen dort oben eine Runde. Den direkten Weg zum Lousberg zu nehmen, schließen wir aus. Die Anfahrt wäre zu kurz und zu steil, so dass wir uns quälen müssten, weil die Muskeln noch nicht warm sind.
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Von der Jugend zum Alter ist’s nur ein Katzensprung

Franz, Karl-Heinz, Theo und ich saßen bei Franz zu Hause im Wohnzimmer über dem Jugendherbergsverzeichnis, einer Deutschlandkarte und einem Notizblock und planten unsere Radtour aus dem Rheinland nahe Köln zum Bodensee. Auf dem Plattenspieler drehte sich Nancy Sinatras Single: „These Boots Are Made For Walkin.“ Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, aber dieses Gestern umfasst doch ein halbes Jahrhundert und ist nur geschrumpft, damits noch in meinen Kopf passt. Heute weiß ich, wie lustvoll ist es, eigene Jugenderinnerungen auszurollen, wenn man alt ist. Und selbst wenn man spürt, dass junge Menschen derlei Erzählungen nicht hören wollen, man will sie dem unwilligen Auditorium zum Trotz doch noch loswerden, denn Erzählen ist nicht nur das Entfalten einer geschrumpften und eingetrockneten Erinnerung, sondern ein wenig ist es Wiedererleben, als würde die geschrumpelte Erinnerung von neuem Lebenssaft getränkt, wieder geschmeidig und gleichsam rieseln Glückshormone durch die Adern und man möchte glauben, die Zeit wäre zurückzudrehen.

Vom Jungsein zum Altsein ist’s nur ein Katzensprung, was aber nur erkennt, wer den Hupfer schon gemacht hat. Als der isländische Skalde Egil [1] alt und fast blind war, ging er mit einem Freund über den Markt und stolperte, worauf ihn die Marktweiber auslachten. Da sagte Egil: „Minder verhöhnten uns die Weiber, als wir noch jung waren.“ Man bedenke: Die damals jungen Marktfrauen sind bald ebenfalls alt und hinfällig geworden und seit über tausend Jahren schon tot. Von Egil wissen wir noch aus der Egils-Saga [2], von den unbekannten Marktweibern tönt nur über das Jahrtausend hinweg ihr Lachen. Zu Egils Lebzeiten im 10. Jahrhundert stand das gut gegebene Wort hoch im Kurs. Seine Taten und Worte wurden lange Zeit mündlich tradiert, dann im 12. Jahrhundert aufgeschrieben und überliefert. Dass in unserer Zeit die Erfahrungen der Alten nichts gelten, ist ein Effekt der Schrift. In schriftlosen Kulturen sind die Alten die Bibliothek, was deutlich wird im oft zitierten Bonmot des malischen Ethnologen Amadou Hampaté Bâ:
„Mit jedem Greis, der in Afrika stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek.“
Schriftgebrauch geht einher mit der Abwertung der Alten, sie werden jetzt nicht mehr als kollektives Gedächtnis gebraucht. Schriftliche Aufzeichnungen bieten ein vergleichendes System, das den Schwächen der menschlichen Erinnerung nicht zu unterliegen scheint. Zwar warnt schon Platon, dass die Schrift nur „Scheinweise“ hervorbringe, aber das macht nichts in einer Zeit, die Scheinweisheit nicht hinterfragt.

Eine übers Bloggen entstandene Beziehung zu einer wesentlich jüngeren Frau hat mich aus dem Rheinland nach Hannover verschlagen. Nachdem diese Beziehung zerbrach, kannte ich in Hannover niemanden. Ebenfalls übers Bloggen lernte ich in Hannover einen Literaturstudenten kennen und geriet durch ihn in einen Freundeskreis von jungen Männern, die meine Söhne sein könnten. Ein ganzes Jahrzehnt traf sich die altersmäßig ungleiche Gruppe. Doch zum Schluss passte es nicht mehr, denn ich spürte, dass mein einziges Plus, das Mehr an Erfahrungen, Wissen und Lebensleistung nicht in dem Maße zählte, als dass es die leise Überheblichkeit der Jugend hätte kompensieren können.

Natürlich hat Altsein seine Vorteile und seine eigenen Glücksmomente. An seinem 80. Geburtstag wurde Salvador Dalí von Reportern gefragt, wie es wäre, 80 zu sein. Dalí sagte: „Morgens ohne eine Erektion aufzuwachen – ha! Köstlich!“

Was soll daran köstlich sein, werden sich die jungen Reporter gefragt haben. Sie haben noch keine Vorstellung von der wunderbaren Gelassenheit, von den Epikureern [3] Ataraxie (Unerschütterlichkeit) genannt, der Seelenruhe, die vielleicht durch Askese und Meditation zu erreichen ist, aber sich zuverlässig einstellt, wenn der Geschlechtstrieb nachgelassen hat.
Ein schwacher Trost.

Derzeit warte ich darauf, dass mein Beinbruch verheilt. „Die Zeit heilt alle Wunden, aber macht auch alt“, hatte der Chirurg gesagt, nachdem er mir schreckliche sechs bis acht Wochen für den Heilungsprozess offeriert hatte. Jetzt bin ich in der unglücklichen Lage, auf das rasche Verinnen der Zeit zu hoffen, obwohl ich daran altern werde. Immerhin kann ich ein wenig der verplemperten Zeit sinnvoll nutzen und bloggen.

1) Skalde – (altnordisch skáld oder skæld „Dichter“) waren höfische Dichter im mittelalterlichen Skandinavien, vorwiegend in Norwegen und Island;

2) Die Egils-Saga – ist eine der wichtigsten Isländersagas, vermutlich verfasst zwischen den Jahren 1220 und 1240;

3) Epikureer – Anhänger einer philosophischen Denkrichtung, die auf den Lehren des antiken griechischen Philosophen Epikur basiert.

Gedanken aus der eurasischen Steppe

„Östlich des Rheins beginnt die eurasische Steppe!“, soll ein Aachener Gymnasiallehrer noch vor 60 Jahren seinen Schülern beigebracht haben. In meiner linksrheinischen Heimat sah man ebenso abfällig auf die andere Rheinseite, in Köln Schäl Sick, obwohl von unserem Dorf aus bei klarer Luft, wenn sie gereinigt worden war von einem nächtlichen Schauer, am östlichen Horizont die Ausläufer des Bergischen Lands zu sehen waren.

Als ich heute Morgen erwachte, wusch ein heftiger Gewitterschauer die Schwüle des Vortags weg. Fröstelnd lag ich in meinem durchgeschwitzten Bett und konnte mit einem Mal wieder klarer denken. Ich sah durchs geöffnete Fenster gen Westen, mein Geist hüpfte hinüber in meine alte Heimat und interessierte sich plötzlich für die Stadt Düsseldorf, die mal als dörfliche Siedlung am Flüsslein Düssel begonnen hat, dort, wo die Düssel (die Rauschende), aus dem Bergischen Land kommend, in den Rhein mündet. Dass dieses Dorf zur Landeshauptstadt wurde, hat laut Wikipedia wohl mit den Herzögen von Berg zu tun, nach denen das Bergische Land überhaupt benannt ist.

Ganz naiv hatte ich bislang angenommen, das Bergische Land heiße so, weil es bergig ist, zumindest stärkere Anstiege hat als etwa die Eifel. Dann müsste es aber Bergiges Land heißen. Freilich würden Süddeutsche, Österreicher oder Schweizer *Innen die Hügel nicht als Berge bezeichnen. Als Jugendlicher bin ich mit Freunden zum Schloss Burg geradelt, ohne zu ahnen noch zu fragen, wieso es dort ein Schloss, mehr eine befestigte Burganlage gibt. Längst weiß ich, dass Burg und Berg Synonyme sind, doch, Zounds! da muss ich mir erst in Hannover eine Haxe brechen, um das Geschichtsvergessene meiner Jugend zu korrigieren.

Ich schaue aus dem Fenster in den sonntäglich ruhigen Reiterhof und lausche dem Rauschen des Winds in den Baumwipfeln. Von einem Regenschauer getränkt und nun vom Wind gezaust, muss doch eine Lust in der alten Linde sein. Aus einem Fenster des Erdgeschosses tönt erneut das klägliche Husten eines „Bewohners.“ Über dieses scheints chronische Husten habe ich schon nachgedacht. Es tönt so anklagend – wie eine Vorhaltung an die Welt, als hätte die Welt je versprochen, ihm ein lustvolles Leben zu gewähren. Nein, damit ist es wie mit einem klärenden Regenschauer. Es ist die Gnade, die einem Lebewesen gewährt wird, ohne dass es je einen Anspruch darauf gehabt hätte. Es lässt sich dazu allenfalls etwas beitragen durch das, worauf ein antikes Lebenskonzept verpflichtet: „Verantwortliche Selbstsorge.“ Alles andere regelt der Zufall, hier, da, dort oder in der eurasischen Steppe.