Zeitdehnung

An manchen Tagen leide ich an Zeitdehnung. Sie überfällt mich in ungünstigen Augenblicken, beispielsweise wenn ich für einen Termin das Haus verlassen muss. Plötzlich erkenne ich, welche Verrichtungen noch nötig sind, bevor ich aufbrechen kann. Dann sind deren so viele, und ich verzweifele vor dem, was noch getan werden muss. Die dazu benötigte Zeit dehnt sich, und wird zum Termin hin immer knapper.

Zeitdehnung kann aber nicht nur Menschen befallen, sondern ganze Gebäude wie etwa die Lindener Postfiliale. Ich kenne sie nur mit langen Schlangen, manchmal bis auf die Straße hinaus. Man hat das Gebäude bis vor kurzem aufwändig saniert, den Putz von den Wänden geklopft, Mauern eingerissen und an anderer Stelle neu errichtet – vergeblich. Die Zeitdehnung steckt so hartnäckig im Gemäuer wie der penetrante Gestank nach Schweinen in einem ehemaligen Saustall. Die Angestellten haben sich offenbar längst darein gefunden, dass bis ans Ende dieser Tage eine Schlange von Kunden vor ihnen dräut. Wie das Beutetier angesichts eines gefräßigen Beutegreifers erlahmt, so werden die Angestellten in ihren Bewegungen immer träger, je mehr ungeduldige Kunden warten.

Manches liegt wohl an der Organisation der Arbeitsabläufe. Man kann sie theoretisch optimieren lassen von Männer mit Klemmbrettern und Stoppuhr, die zum Berufsstand der REFA-Fachleute gehören. Derweil sie Menschen bei der Arbeit beobachten, halten sie in Tabellen einzelne Arbeitsschritte und die dazu benötigte Zeit fest. Weil REFA-Analysen in der Regel dazu führen, dass in kürzerer Zeit mehr gearbeitet werden muss oder Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, hat gewiss eine kleine militante Postgewerkschaft dafür gesorgt, dass jene REFA-Analyse in der Postfiliale Hannover-Linden exakt ins Gegenteil verkehrt wird, mit folgendem Effekt:

Ein Kunde legt eine Benachrichtigung vor und möchte sein Päckchen abholen. Der bereits erlahmende Angestellte, prüft die Benachrichtigung, erbittet sich den Personalausweis und gleicht den darauf vermerkten Namen mit dem Namen auf der Benachrichtigung ab. Dann gibt er dem Kunden den Personalausweis zurück, nimmt die Benachrichtigung, wendet sich ab und strebt durch den Kassenraum einer hinteren Tür zu. Sie ist offen und zeigt einen halbdunklen Gang, der in die Tiefe des Gebäudes führt und den lahmen Angestellten verschlingt. So stellt es sich dem Beobachter dar.

Tatsächlich bewältigt der Angestellte den langen Gang bis zum letzten Büro, klopft an die Bürotür des Filialleiters und wartet auf ein „Herein!“ Nur wenige Schritte noch, dann ist er am Pult seines Vorgesetzten angelangt und legt ihm die Benachrichtigung vor. Der sucht im Jackett über der Stuhllehne seine Lesebrille hervor, setzt sie auf und prüft die Benachrichtigung auf Stimmigkeit. Datum, Lieferzeit, Adresse, Postbezirk müssen ihre Richtigkeit haben. Dann schiebt er seinem Untergebenen einen Anforderungszettel zu, den er ausfüllen muss, um den Schlüssel zum Paketaufbewahrungsraum in Empfang nehmen zu dürfen. Nach der Empfangsnahme erfolgt die korrekte Verabschiedung. Der Angestellte schreitet hinüber zum Paketraum, schließt ihn auf und begrüßt den dort wartenden Kollegen. Der fragt: „Was gibt’s?“, obwohl es nur den einen Grund gibt, weshalb man ihn aufsucht, nämlich um ein gelagertes Päckchen abzuholen.

    Liebe Leserin, lieber Leser, bitte denken Sie sich den Rest selbst, also wie der Schlüssel wieder zum Amtsleiter gebracht werden muss, die Quittung usw. Ich habe leider einen Termin und die noch zu verrichtenden Handlungen bilden schon lange Schlangen.

Rührstab für unterwegs

„Ohne meinen Pürierstab gehe ich nie aus dem Haus“, sagt Fernsehkoch Mirko Reeh im Interview mit dem Glüxmagazin. Unterwegs zum Bäcker lachte ich über die ungewollte Komik. Wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich Geldbörse, Maske und Schlüssel mit. Ich käme nicht darauf, einen Pürierstab einzupacken, wo es doch selten etwas ambulant zu Pürieren gibt. Selbst wenn jemand mit einer Schale Pommes aus der Tür des Dönerladens träte, wäre es unschicklich, ihm die Pommes zu pürieren. Versehentlich memorierte ich Reehs Aussage mit: „Ohne meinen Rührstab…“ Ein Rührstab wäre ein sinnvolles Utensil für unterwegs, wenn er auf zauberhafte Weise das bewirken könnte, was man unter „anrühren“ versteht.

Vor mir in der Schlange im Supermarkt stehend, verlangte eine alte Frau, ich solle einen Abstand „in der Länge einer Parkbank halten.“ Ich hatte mich getreu an den Markierungen am Boden orientiert und sagte: „Jetzt übertreiben Sie aber.“
„Nein!“, rief sie verzweifelt. „Wir haben einen ganz schlimmen Virus. Das können Sie in jeder Zeitung nachlesen.“ In seinem Wörterbuch des Teufels definiert Ambrose Bierce:

Derlei Zurückweisungen erfrischen nicht, sondern fühlen sich übel an, nicht nur, weil es ein mühsames Geschäft ist, eine Parkbank vor sich herzutragen. Und auch noch längs! Mein armer Rücken.

Bedingt durch die permanenten Aufforderungen zur sozialen Distanz ist die Begegnung im öffentlichen Raum unerfreulich geworden. Entgegenkommende warten vor Engstellen, um Nähe zu vermeiden, oder sie wenden den Kopf ab zur Seite. Ich ertappe mich dabei, für die Dauer der Begegnung die Luft anzuhalten. Das ganze Miteinander steht unter einem üblen Diktat. Ob das je wieder anders wird? Mir begegnete der Postbote von der blauen Post. Gerne hätte ich ihn gegrüßt, doch er schaute mit tieftraurigem Ingrimm zu Boden. Der Mann rührt mich immer wieder, auch ganz ohne Rührstab.

Das ist es! Cosma Shiva sei Dank

Vor der Tür des Hauptbahnhofs Hannover standen einige Leute und rauchten, auch ich. Eine Frau im schwarzen Business-Outfit sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:
„Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.“ Mit diesem ulkigen Versprecher hatte meine Nacht begonnen, nachdem ich mit dem ICE von Aachen zurück nach Hannover gereist war. Im Zug hatte ich geschlafen und geträumt, ich hätte versehentlich den rachsüchtigen ägyptischen Sonnengott Ra beleidigt und mir seinen Zorn zugezogen. Sein Name darf bei Nacht niemals genannt werden und ich hatte es getan.

Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber nicht mehr erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden, weil er bekanntlich nachts nicht da ist. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich rappelte mich auf, machte Licht, stellte die Matratze hoch und betrachtete den Schaden. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Sie waren abgebrochen. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch einen Versandhauskatalog und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hielt, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst und den tausendfachen Verheißungen des Katalogs.

Das war im Jahr 2009. Damals schrieb ich unter Graseinfluss am Internetroman „Die Papiere des Pentagrion“, unterstützt von einigen Bloggerinnen und Bloggern meiner Community bei Blog.de, hatte im Rausch diverse Derealisationserlebnisse, das heißt, die literarische Welt und Alltagsrealität vermischten sich zunehmend. Gestern, gut 12 Jahre später, trat diese Vergangenheit wieder hervor, als wir das inzwischen völlig marode Bett abbrachen, um Platz für ein neues zu schaffen. Der Katalog zeigte eine Hauptschülerin mit dem spirituellen Namen Cosma Shiva, was mir in der Nacht von 2009 vielleicht zugute gekommen, aber nicht aufgefallen war. Sie war ein wenig staubig, hatte aber die lange Zeit unter meinem Bett trotz mühsamer Abstützarbeit gut überstanden und kann jetzt zum Altpapier.

Der Abschleppdienst muss abgeschleppt werden

Im Winter 2013/2014 ist das russische Kreuzfahrt- und Forschungsschiff Akademik Shokalskiy in der antarktischen See mit 74 Personen an Bord im Eis eingeschlossen worden, dann fuhr sich der zur Rettung herbeigeeilte chinesische Eisbrecher Xue Long (Schneedrache) im Packeis fest, und auch der australische Eisbrecher Aurora Australis konnte nicht zu den Eingeschlossenen vordringen.

Im arktischen Wintereinbruch unserer Tage spielte sich vor meinen Fenstern eine ähnliche Kuriosität ab. Zugegeben wars weniger dramatisch. Beim Versuch, einen geparkten PKW aus dem Schnee zu befreien, hatte sich ein Abschleppwagen des ADAC selber festgefahren und versuchte gut eine halbe Stunde wegzukommen. Ich hörte seinen Motor und die durchdrehenden Räder für die Dauer meines Mittagsschlafes. Als ich danach ans Fenster trat, war ein weiterer Abschleppwagen vorgefahren und versuchte den Kollegen freizuschleppen.

Doch das wirklich Ulkige war eine Dreiergruppe, die sich eingefunden hatte: Ein Kamera-, ein Tonmann und was der dritte tat, konnte ich nicht sehen. Der Kameramann eilte jeweils den ADAC-Fahrern hinterher, die gewichtig zwischen den beiden Fahrzeugen hin- und hergingen, der Tonmann folgte, der andere auch, drei eifrige Leute vom Fernsehen umschwärmten die Situation, damit man heute Abend in den Nachrichten zeigen kann, wie der Wintereinbruch sogar den ADAC in Schwierigkeiten gebracht hat.

ADAC steckt im Schnee – Foto: JvdL – größer: Klicken!

Dass ich mir gestern in ungewohnten Winterschuhen blutige Blasen lief, wird nur hier berichtet. Das kam so: Normalerweise kann ich mit der Linie 9 der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA) aus einer Randgemeinde bis fast vor meine Haustür fahren. Doch am Nachmittag war der Schienenverkehr aus dem Vorort eingestellt. Da stapfte ich gut zwei Kilometer durch den Schnee zu einer Straßenbahnlinie, auf der noch Bahnen fuhren, teils als U-Bahnen. Dann versuchte ich in der U-Bahnstation der Innenstadt in die Linie 9 umzusteigen. Sie wurde über die elektronische Anzeige angekündigt. Die Minuten zählten herab auf Null, aber die Bahn kam nicht. Stattdessen verschwand sie aus der Anzeige und eine andere wurde angekündigt. Eine Frau fragte bei der Informationssäule an. Der ÜSTRA-Mitarbeiter am anderen Ende vernahm erstaunt die Botschaft, dass die Bahn nicht gekommen war, stellte dann fest, dass er sie ebenfalls nicht mehr in seinem Computersystem hatte. Immerhin war er jetzt auch informiert, was zeigte, wozu Informationssäulen eigentlich gut sind. Nach kurzer Recherche sagte er, dass die Linie 9 vermutlich und gegebenfalls gar nicht mehr führe. Trotzdem kündigte das System fröhlich weitere Bahnen an.

Auf meinem erzwungenen Fußweg nach Hause warnte ich einen jungen Mann, der gerade einen Fahrschein ziehen wollte: „Das Geld können Sie sich sparen. Die Bahn fährt nicht.“
„Trotzdem danke!“, sagte er grimmig, als hätte ich den Bahnverkehr eingestellt. Wo an Haltestellen keine elektronischen Anzeigentafeln installiert sind, wartete man im Schneetreiben vergeblich auf die Bahn. Selbst die Üstra-App zeigte keine Ausfälle an, und ich konnte nicht jedem Bescheid geben, zumal die Überbringer schlechter Nachrichten sich den Zorn der Betroffenen zuziehen. Als ich an der Haltestelle nah meiner Wohnung vorbeiging, wurde endlich über Lautsprecher durchgesagt, dass der Linienverkehr eingestellt sei.
„Wir bitten um Verständnis.“

Na klar. Im Februar schneit es immer völlig überraschend. Außerdem sind die ÜSTRA-Verantwortlichen ja erst gestern von hinterm Mond eingewandert und konnten von den Warnungen der Wetterdienste nichts wissen. Und wenn sogar der ADAC im Schnee steckenbleibt, macht die ÜSTRA sich völlig zu Recht einen schlanken Fuß.

Waidmannsheil – Auf die Wildsau gehen

Kollege Noemix zitiert hier einen kuriosen Dialog aus der ARD-Telenovela “Sturm der Liebe“- es geht um eine verletzte Wildsau. Das erinnerte mich an einen Wildsaujäger, den ich vor fast acht Jahren in Bad Godesberg in der Kur kennengelernt habe. Er war ein kleiner stämmiger Rheinländer, vierschrötig mit grober ewig triefender Säufernase, Bauunternehmer im Ruhestand, bodenständig und von keinerlei Selbstzweifeln angefächelt. Er hatte im Vorjahr stolze 86[!] Wildschweine geschossen und mit besonders stattlichen Exemplaren schon zwei Goldmedaillen gewonnen.
„Un dies Jahr krieje isch och die Goldmedaille“, sagt er selbstbewusst. Der Keiler wäre schon erlegt. „Bei uns im Vorgebirge ham mir ja jute Böden, wenn man in der Eifel Wildschweine schießt, sind die Waffen oft abgebrochen von den Steinen.“
Was sind denn die Waffen, die Hauer etwa?
„Jo, jo!“
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Die Nachricht des Schornsteinfegers

Aushang im Treppenhaus – Foto: JvdL – Größer: Klicken!

Zwei kuriose Aushänge in unserem Treppenhaus. Zuerst kündigte der Schornsteinfeger der Hausgemeinschaft handschriftlich sein Kommen an, wobei die jetzt nachgemalte Acht zuvor kaum eindeutig zu identifizieren war, dann tauchte Aushang zwei einer Nachbarin auf, die beim Schornsteinfeger nachgefragt hatte. Wie sich herausstellte, war das Misstrauen gegenüber der handschriftlich hingeschmierten Information berechtigt, denn der Schreiber hatte sich um einen Monat vertan, der Dienstag ist eine Falschinformation.

Beim Versuch den ursprünglichen Aushang zu lesen, habe ich gedacht, selten eine derart entgleiste Handschrift gesehen zu haben. Geht von ihr deshalb die nur schwammige Verbindlichkeit aus, oder zeigt sich an diesem Extrembeispiel ein Bedeutungsverlust der Handschriftlichkeit?

Der Handschrift widerführe dann das Gleiche wie dem gesprochenen Wort in mündlichen Kulturen. Mit dem Übergang von einer oralen in die literale Kultur sinkt die Wertschätzung des vorangegangenen Mediums, der Mündlichkeit. Ein gegebenes Wort gilt jetzt weniger als ein handschriftlicher Vertrag. Die schriftliche Vereinbarung ist die Urkunde (im Sinne der ersten Kunde), nicht das Gesagte.

Noch hat wenigstens die handschriftliche Unterschrift ihren Wert behalten, doch es mehrt sich die Kommunikation, im Geschäftsbrief, in Verwaltungsschreiben, die ohne Unterschrift gültig ist. Bei Online-Texten, etwa Bewerbungen, ist möglich, die Unterschrift durch eine elektronische Signatur zu ersetzen.

Wann kommt denn jetzt der Schornsteinfeger? Am Donnerstag, dem 28. Januar, gemäß der vorläufig noch bestehenden Macht des gedruckten Wortes.

Mein innerer Blockwart und ich

Ich war zu spät. Deshalb mied ich die großen Schleifen des Radwegs auf der Vennbahntrasse und wählte einen direkten Weg in den ländlichen Aachener Süden. Das war keine gute Idee, denn just vor mir sperrte ein Bauer die Straße mit einem Elektrodraht und trieb seine Kühe auf die Wiese. Er hatte deren zwei, getrennt durch einen Weg. Einige Kühe trotteten versehentlich auf die falsche Wiese. Als die Kühe der Herde das bemerkten, brüllten sie zu den Abweichlerinnen hinüber. Ich hatte Zeit, mir das unterwürfige Muhen und Blöken zu übersetzen: „He! Ihr seid falsch gegangen, kommt hierher! Der Bauer wird gleich sauer, und dann gibt’s was mit dem Knüppel auf den Arsch!“ Die Abweichlerinnen wandten sich nun um und trotteten zurück, um die falsche Wiese durch das Gatter zu verlassen. Dabei mussten sie gegen die Richtung des Herdenzugs laufen, was mir eine Verstandesleistung zu sein schien. Abweichler zu ermahnen, entspricht wohl eher dem ererbten Verhaltensmuster von Herdenvieh.

Wegen der Corona-Hygienemaßnahmen verlangt der Real-Supermarkt von Kunden, einen Einkaufswagen zu benutzen. Paare müssen laut Ansage je einen Wagen nehmen. Ich kaufe dort ungern ein, denn der Markt ist zu groß, und es ist mühsam, einen der überdimensionierten Wägen hindurchzuschieben. Ein mittelaltes Paar mit nur einem Einkaufswagen fällt mir auf. Sie lädt Produkte aus den Regalen in den Wagen, er steht teilnahmslos mit hinterm Rücken verschränkten Armen im Weg. Da steigen unangenehme Regungen in mir auf. Müssten die nicht beide einen Wagen haben?, fragt ein innerer Blockwart. Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Kleingeist bei mir zu Untermiete wohnt. Die Logik wendet ein, dass ein träge herumstehender Kerl mit zusätzlichem Einkaufswagen erst recht den Weg versperren würde. Den inneren Blockwart stört das nicht. Er hat ältere Rechte als Madame Logik, stammt wohl aus der Frühzeit, als der Mensch noch näher am Tier war.

Damit auch einen Einkaufswagen nutzen kann, wer keine passende Münze bei sich hat, sind alle Wägen frei verfügbar. Das führt dazu, dass sie nicht mehr sauber zusammengeschoben werden. Manche nehmen ihren Einkaufswagen mit zum Auto, laden aus und lassen ihn einfach herumstehen. Auf dem Bürgersteig hat eine Frau ihren Einkauf aus dem Einkaufswagen in die Tasche geladen und strebt jetzt ihrem am Straßenrand parkenden Auto zu. Da setzt sich der Wagen auf dem leicht abschüssigen Bürgersteig in Bewegung. Ich rufe: „Vorsicht, Ihr Wagen!“
Sie dreht sich um und ruft fröhlich lachend:
„Der läuft mir hinterher. Wenn der Mann das doch auch machen würde.“
Dann schenkt sie mir ein Lächeln und sagt: „Schönen Tag noch!“
Das weist den Blockwart locker in die Schranken.

„Ich bin ein Berliner Pfannkuchen“

Die Besucher brachten am Silvesterabend eine Tüte Krapfen mit. Sie würden traditionell am Neujahrsmorgen genossen, auch in Hannover, erfuhr ich. Bei Christa Hartwig las ich, dass Berliner wegen dieses „Pfannkuchen“ genannten Schmalzgebäcks morgens beim Bäcker Schlange stehen. Wir Leute aus dem Westen kennen die Sitte nicht. Bei uns heißt das Schmalzgebäck „Berliner.“ Bei dieser Gelegenheit sei noch einmal an die moderne Volkssage erinnert, J.F.Kennedy betreffend.

Am 26. Juni 1963 hielt der damalige Präsident der USA, John F. Kennedy, auf Englisch eine Rede vor dem Schöneberger Rathaus, in deren Verlauf er zweimal den deutschen Satz sprach: „Ich bin ein Berliner.“ Kennedy löste damit in Deutschland eine Welle der Begeisterung und anhaltender Verehrung aus. Man muss die besondere Situation des damaligen Berlin als eingeschlossene Stadt bedenken, wenn man die Wirkung des Ausspruchs verstehen will. Er ist seither tausendfach zitiert worden und ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingedrungen, so dass man noch 30 Jahre später mit einer speziellen Münzprägung Geschäfte machen konnte, wie die Anzeige aus der kostenlosen TV-Programm-Beilage Prisma von 1993 zeigt.

In den USA (dagegen) entstand in den 1980-er Jahren eine moderne Sage, nach der sich Kennedy durch unsauberen Gebrauch der deutschen Grammatik zum Gespött der Berliner gemacht habe. Der Sage nach habe der grammatisch korrekte Satz ‚Ich bin Berliner‘ heißen müssen (ohne unbestimmten Artikel), und Kennedys Wendung sei von den Berlinern als ‚Ich bin ein Berliner (Pfannkuchen)’ verstanden worden, worauf großes Gelächter ausbrach. Sind Berliner solche Grammatikbiester, dass ihnen Kennedys falscher Artikel spontan aufgefallen wäre? Unwahrscheinlich, zumal Berliner in Berlin nicht Berliner, sondern Pfannkuchen heißen. Obwohl Kennedy nicht ausgelacht wurde, erfreut sich die Behauptung in den USA immer noch großer Beliebtheit und wird meist als ‚I am a jelly(-filled) doughnut‘ zitiert.

Foto aus der Berliner U-Bahn und Gif-Animation: JvdL

„Die älteste bekannte Fundstelle dieser modernen Sage ist der 1983 erschienene Roman Berlin Game (deutsch: Brahms vier, 1984) des britischen Autors Len Deighton, in dem die Behauptung aber vermutlich nicht ernst gemeint ist. Sie wurde allerdings in der Rezension des Buches in der New York Times aufgegriffen und dort wohl für wahr gehalten. In einem Artikel in der New York Times aus dem Jahr 1988 erscheint die Behauptung dann erstmals losgelöst von dieser Quelle. Sie wurde auch weiterhin in seriösen Medien kolportiert wie in der BBC, The Guardian oder NBC“ (Quelle: Wikipedia)

Lustiger Weise erfand also ein britischer Autor diese Sage; in Deutschland hörte ich sie nie. Zudem ist aus der Szenesprache der 1968-er der Artikel vor einem Namen längst in den allgemeinen Sprachgebrauch eingedrungen und wurde durch den Comedy-Hit von Diether Krebs „ich bin der Martin, ne“ allgemein bekannt. Will sagen: Den meisten Deutschen fällt die falsche Verwendung des Artikels vor Namen nicht auf, so dass sie die Komik in Kennedys Satz nicht erkennen.

Jüngling der Schwarzen Kunst – der Neandertaler

„Hat dich der Neandertaler mal wieder runtergeputzt?“, fragte Ewald.

„Sie meinen Herrn Hof?“, fragte Hannes erstaunt.“ Er hätte nicht gedacht, dass Ewald dessen Spitznamen kannte. „Ja, wenn er mich zum Imbiss schickt, kann ich meine Pause vergessen. Der Laden ist um die Mittagszeit gerammelt voll. Ich stehe mir für ihn die Beine in den Bauch, und zum Dank nennt er mich Lahmarsch“, sagte Hannes verletzt. „Der soll mal selber hingehen und gucken, ob er eher bedient wird. Aber wie ich ihn einschätze, drängt er sich einfach vor.“

„Manche wissen sich überall einen Vorteil zu verschaffen. Nimm dir daran bloß kein Beispiel, Hannes!“

„Der hält sich für was Besseres. Ist Ihnen aufgefallen, dass er vom Junior oder vom Alten nie als ‚mein Chef‘ spricht? Er sagt immer nur ‚dein Chef‘.“

„Wie das?“

„Er sagt beispielsweise zu mir: ‚Du da, dein Chef sucht dich!‘ Dabei ist doch hier jeder mein Chef.“

„Seltsam. Aber warum nennen ihn alle hinter seinem Rücken ‚Neandertaler‘?“

„Das hat Ihr Vorgänger Dyckers aufgebracht. Die beiden konnten sich nicht riechen. Herr Hof kommt aus dem Städtchen Erkrath. Das liegt angeblich in der Nähe des Neandertals.“

„Ich hatte mich schon gewundert, weil er nicht im geringsten dem Klischee eines Neandertalers entspricht.“

„Nein, dazu ist er zu groß und schlank.“

Hannes beneidete Hof um seine Selbstsicherheit. Vor allem verstand er es den Eindruck zu erwecken, nicht arbeiten zu müssen, sondern sich nur aus einer Laune heraus herabzulassen in die Niederungen der Arbeitswelt. Als Metteur hatte er eine herausragende Stellung unter den Setzern und wurde besser bezahlt als die anderen. Hof kam mit einem cremefarbenen 190-er Mercedes SL Cabrio zur Arbeit, ein Auto, dass er sich auch als Metteur nicht hätte leisten können.

„Haben Sie schon mal gesehen, mit welchem Auto er zur Arbeit kommt?“

Ewald machte eine beschwichtigende Bewegung mit der nach unten gedrehten Handfläche.
„Wenn man vom Teufel spricht …“, sagte er leise. Sigfried Hof näherte sich dem Glashaus und kam heischend in die Gasse: „Ich brauche mal den Stift!“

Ewald sah ihn fragend an.

„Na, den Lehrling eben!“

An Hannes gewandt, sagte Hof von oben herab: „Dein Chef hat gesagt, dass du mir die ganze Woche bei einem wichtigen Auftrag helfen sollst. Also pack deinen Kram und komm mit!“

Hannes war überrascht. In der Metteursgasse zu arbeiten, kam ihm wie eine Beförderung vor. Er war gespannt, was es da für ihn zu tun gab.

Jüngling der Schwarzen Kunst – Etikettenschwindel

„Wann soll ich das noch esssen?“, maulte Sigfried Hof, als Hannes ihm das Paket aus der Imbissbude mit Currywurst und Pommes auf den Tisch stellte, „die Pause ist gleich vorbei! Hast mal wieder überall herumgetrödelt. Beeil dich nächstens, du Lahmarsch!“ Hannes schluckte. Seine Pause war auch gleich vorbei. In der war er nur herumgelaufen und hatte überall warten müssen, Ewald hatte aus der Metzgerei Knoblauchwurst geordert, Winges hatte Zigaretten, Cola und den Mittag aus dem Kiosk gewollt, und für Hof hatte er 15 Minuten in der Imbissbude angestanden. Hannes setzte sich zu den anderen in den Pausenraum. Hastig löffelte er seinen Henkelmann leer. Er freute sich auf den neuen Lehrling, der für April angekündigt war. Der könnte dann den Laufjungen spielen. Selbst wenn Hannes ihm half, würden sich die Bestellungen der Gesellen auf zwei Lehrlinge verteilen. Auch wären sie mit dem täglichen Kehren des Setzereisaals rascher fertig, und das samstägliche Maschinenputzen könnte der Neue ganz übernehmen. Schöne Aussichten. Weiterlesen