In Sackgassen

In eine Sackgasse zu geraten, bringt Verdruss. Erst letztens, es war bereits dunkel, wollten meine Begleiterin und ich eine Runde um den Block gehen, um die Wartezeit auf eine Bestellung bei einem Restaurant zu überbrücken. Wir bogen zweimal ums Eck und gelangten an einen Wendehammer. Wieso „Wendhammer“ frage ich mich gerade, weils mir zu martialisch klingt. Das Internet belehrt mich „T-förmiger Wendeplatz am Ende einer Sackgasse.“ Ich habe den Platz rund in Erinnerung, aber Hammer oder Rund war nicht die Frage. Jedenfalls kehrten wir um und sahen an der Einmündung tatsächlich ein Schild „Sackgasse.“ Es war freilich von Sträuchern überwuchert. Unser Essen wartete schon.

Mein Mobiltelefon ist mir kürzlich mit dem Gesicht auf Küchenfliesen geknallt. Die Scheibe ist gesplittert und drückt offenbar auf Kontakte. Wenn ich die PIN eingeben will, erscheint ohne mein Zutun vielmals die Vier. Mein guter Sohn schickt mir ein abgelegtes Gerät, eine Generation neuer als das neuerdings defekte, das er mir vor Jahren geschenkt hat, nachdem er sich ein neues Gerät gekauft hatte. Dieses inzwischen auch abgelegte Gerät bekomme ich jetzt. Ich brauche dazu eine Nano-Simkarte. Um sie zu bestellen, muss ich mich bei meinem Anbieter registrieren. Der schickt mir zur Sicherheit ein Passwort, das ich durch ein eigenes Passwort ersetzen soll. Der Algorithmus der Registrationsseite teilt mir mit, das Sicherheitspasswort sei mir per SMS auf mein Handy geschickt worden. Na, prima, Sackgasse. Nirgendwo auf der Seite gibt es eine Option, aus der digitalen Sackgasse herauszufinden.

Bei der Kunden-Hot-Line verlangt eine digiale Stimme nach meiner Kunden-Nummer und akzeptiert sie nicht. „Du musst mit einer Automatenstimme sprechen!“, riet mir mal eine junge Freundin und ließ mich staunen, wie gut sich junge Menschen schon an die automatisierte Kommunikation angepasst haben. Ich erinnerte mich an ihren Rat und hab’s vergeblich versucht, bin wohl nicht android genug. Wieder Sackgasse. Man wünscht sich einen digitalen Hammer. Mir bleibt nichts als der Umweg in den Laden.

Unbehaust

Bei den Einkaufswagen des Supermarktes sitzt ein heruntergekommener Stadtstreicher, ein elender Mann, und mampft hungrig etwas für mich Undefinierbares. Ich schiebe den Einkaufswagen zurück und stecke die Verbindung in sein Schloss. Mein Zwei-Euro-Stück flutscht heraus zu Boden. Es will offenbar nicht mehr bei mir sein. Darum störe ich den Stadtstreicher beim Essen und halte ihm das Geldstück hin. Als er aufblickt, drücke ich es ihm in die Hand. Er ist verdutzt, schlingt hastig seinen Bissen herunter und bedankt sich. Während ich mein Fahrradschloss aufschließe, spricht er weiter, aber ist kaum zu verstehen, weil er den Mund noch immer voll hat. Ein Wort erreicht mich: „Ich lebe seit 1996 im Wald.“

Zu jener Zeit vor ziemlich genau 24 Jahren hatten wir in Aachen und in der Nordeifel einen Kälteeinbruch und ersten Schnee. Ich notierte es mit Behagen in mein Tagebuch. Derweil verlor in Hannover ein Mann seine Wohnung, seine bürgerliche Existenz und es verschlug ihn in den Wald. Er wird keine Zukunft darin gesehen haben, dachte vielleicht, er würde wieder hinausfinden aus seinem Los, aber er sollte für lange Jahre dort bleiben und verelenden.

Tagebucheintrag JvdL vom 24. November 1996

Der Lindener Berg hat seitlich der Schrebergärten hangabwärts ein Wäldchen mit einem Teich. Ich habe den Flecken erst kürzlich bei einem Bummel entdeckt. Ein versteckter Pfad führt vom Hauptweg zum Gewässer. Wir schlugen ihn ein, denn wir wollten den ringsum zugewachsenen Teich besser sehen, doch drangen nicht weit vor, weil unterhalb des Trampelpfads zwei vergammelte Zelte standen. Am Ufer oberhalb des Teiches gab es einen Tisch mit Bänken, über den eine Plane gespannt war. An einem Ast hing eine Tüte mit Äpfeln. Offenbar war das karge Lager bewohnt. Tage später sahen wir zwei Männer durch die Büsche hinabsteigen. Zu dritt standen sie hernach am Ufer des Teichs. Sie waren nach Hause gekommen.

Wo im Wald der elende Mann lebt, weiß ich nicht. Ich hatte keine Zeit, mich mit ihm zu unterhalten, denn ich wurde in einem hübschen heimeligen Haus zum Waffelnbacken erwartet, wozu ich Kirschen und Sahne gekauft hatte. Die unbehausten Männer gehen mir trotzdem nicht aus dem Kopf, besonders wenn die Nächte kalt werden. Doch davon haben Sie nichts.

Frau Nettesheim mal wieder

Trithemius
Mir wurde zugetragen, Frau Nettesheim, dass man die kurzen Beiträge von mir vermisse, und dass die Episoden von Jüngling der Schwarzen Kunst eher abschrecken. Das deckt sich mit der schwindenen Resonanz und den mählich sinkenden Aufrufen.

Frau Nettesheim

Wie ich Sie kenne, lassen Sie sich von Ihrem Ziel abbringen, das Manuskript diesmal zu Ende zu schreiben.

Trithemius
Die zum Ausdruck gekommene Geringschätzung haben gehabt zu sein mich irritiert.

Frau Nettesheim

So dass Ihr Sprachzentrum nicht mehr funzt? Sie wissen, dass ein Blog kein passendes Medium für eine Romanveröffentlichung ist.

Trithemius
Weiß ich das?

Frau Nettesheim

Sie haben doch in Gracians „Kunst der Weltklugheit“ gelesen: „Nie seine Sachen sehen lassen, wann sie erst halb fertig sind“

Trithemius
Ach ja, wie heißt es da noch?

Frau Nettesheim

„Nie seine Sachen sehen lassen, wann sie erst halb fertig sind
in ihrer Vollendung wollen sie genossen seyn. Alle Anfänge sind ungestalt und nachmals bleibt diese Mißgestalt in der Einbildungskraft zurück. Die Erinnerung, etwas im Zustande der Unvollkommenheit gesehn zu haben, verdirbt dessen Genuß, wann es vollendet ist. Einen großen Gegenstand mit Einem Male zu genießen, verwirrt zwar das Urtheil über die einzelnen Theile, ist aber doch allein dem Geschmack angemessen. Ehe eine Sache Alles ist, ist sie nichts: und indem sie zu seyn anfängt, steckt sie noch tief in jenem ihren Nichts. Die köstlichste Speise zubereiten zu sehn, erregt mehr Ekel als Appetit. Deshalb verhüte jeder große Meister, daß man seine Werke im Embryonenzustande sehe: von der Natur selbst nehme er die Lehre an, sie nicht eher ans Licht zu bringen, als bis sie sich sehen lassen können.“

Trithemius
Das trifft es aber nicht ganz, Frau Nettesheim. Jede veröffentlichte Episode und ist von mir sorgsam verfasst und redigiert, hat also den Embryonenzustand längst hinter sich gelassen, ist quasi für sich genommen rund.

Frau Nettesheim

Ich glaube, das Wissen, mit einem Kapitel nur einen Teil des Ganzen zu lesen, schreckt ab. Und Sie sind mit der Erzählung noch immer im 1. Lehrjahr. Zu ahnen, dass es drei Lehrjahre gibt, die noch durchlitten werden müssen, erinnert an den einschüchternden Blick auf einen Gipfel, den man ersteigen muss.

Trithemius
Also muss ich alleine hoch? Ohne ermunternde Worte vom Wegesrand? Niemand trägt mir den Radiergummi hinterher, keine ermuntert mich und beflügelt meinen Schritt, wenn der Weg zu steinig ist, keine labt mich mit köstlichen Worten und herzerfrischendem Esprit? Das wird ein einsamer Gang.

Frau Nettesheim

Ich heule gleich.

Trithemius
Entschuldigung, hohe Frau, das habe ich nicht gewollt. Ich werde wohl besser beides versuchen, mal Jüngling, mal kurzes Geplänkel. Abwechslung ist das Zauberwort.

Frau Nettesheim

Er mal wieder. Ob das gut geht?

Die Wildgänse sind ganz durcheinander

Zum zweiten Mal zogen über meinem Kopf Wildgänse südwärts durch den Himmel. Ein unentwegtes Schreien wie aus zerbeulten Trompeten ließ mich aufblicken. Warum können Wildgänse nicht fliegen, ohne zu schreien? Dient es der lockeren Kommunikation untereinander – wie Jogger sich nur so anstrengen sollen, dass sie sich noch unterhalten können? Freilich hätte ich einen Laufpartner, der nur zerbeulte Blechtöne hervor krächzt, würde ich mich fragen, ob er der richtige Umgang für mich ist. Schließlich lehrt die Gestalttheorie: „Paarung wirkt auf die Partner.“ Am Ende kultiviert sich sein Gekrächze zu einem elaborierten Parlieren, und ich tröte meinen Mitmenschen die Ohren voll.

Wildgänse fliegen in Form einer Eins, immer schön hintereinander im Windschatten. Ist die vordere Gans erschöpft, weicht sie zur Seite aus und die folgende übernimmt die Führung, wodurch die kürzere Strecke der Eins immer länger wird. Im Weiterflug schreiben die Gänse eine spiegelverkehrte Eins in den Himmel und wieder richtig, immer abwechselnd – aus dem arktischen Sibirien bis in unsere gemäßigten Breiten. An der Eins und der spiegelverkehrten Eins könne man Kraniche und Wildgänse unterscheiden, habe ich mal gelernt – oder ich habe es mir ausgedacht. Jedenfalls wusste ich das.

Es war einmal: Wildgänse im perfekten Formationsflug

Es stimmt nur leider nicht, wie ich oben festgestellt habe. Kraniche wie Gänse schreiben mal eine Eins oder eine spiegelverkehrte Eins, je nachdem, in welcher Phase man sie beobachtet. Als ich den Kopf hob, sah ich weder eine Eins noch eine spiegelverkehrte Eins, sondern ungeordnete Wildganshaufen und sogar versprengte Grüppchen, die den Anschluss verloren hatten. Aus dem Radsport weiß ich, dass ein einmal verlorener Anschluss kaum noch herzustellen ist. Versprengte Haufen am Himmel sind keine schöne Sache. Sie könnten niedergehen. Warum halten die Gänse die kräftesparende Einserformation nicht mehr ein? Im Klimawandel konfus geworden wie der Mensch? Könnte ich aus dem Vogelflug wahrsagen wie unsere Alten [Ornithomantie] fände ich einen schönen Schluss für meine Betrachtung. So aber gibt es nur ein Kuriosum: In den Niederlanden trug sich ein seltsamer Jagdunfall zu. Nachdem ein Jäger in den Himmel geschossen hatte, stürzte eine Wildgans herab und erschlug nicht den Jäger, sondern einen Vogelschützer.

Teestübchen Musiktipp
Toxic – Walk off the Earth

Zwischendurch eine Frage der Moral

In einem Möbel- und Einrichtungshaus erstand ich eine Tischlampe. Nach dem Auspacken erwies sich der Glaskörper als zersprungen. Ich ging mit der kaputten Lampe hin und reklamierte. Die Frau an der Annahme moserte, sie brauche den Karton. Zudem stehe die Lampe nicht auf meinem Kassenzettel. Draußen besann ich mich. Den Karton hatte ich entsorgt, den richtigen Kassenzettel auch? Also ging ich wieder in den Laden und kaufte die Lampe erneut. Zu Hause packte ich die defekte in die neue Verpackung und trug sie zurück. Nach einigen Unterschriften bekam ich mein Geld. War das jetzt ein kleiner Betrug oder war ich nur gewitzt gewesen?

Jüngling der Schwarzen Kunst – Bleiläuse

„Heute zeigt Herr Kaumanns dir Bleiläuse“, kündigte Dyckers an.
„Bleiläuse?“
„Ja, ist dir noch nie aufgefallen, wieviel Dreck in den Setzkästen liegt? Der kommt von den Bleiläusen.“
Sie gingen hinüber in Kaumans Gasse.
Auf einem Setzschiff war in der linken Ecke mit Eisenstegen aus der Druckerei ein Karree gebildet, in das Kaumanns Wasser gegossen hatte. Obendrauf schwamm etwas Staub aus den Kästen.
Kaumanns stand in Betrachtung davor.
„Die Dinger sind ganz klein“, sagte er.
Dyckers schob Hannes voran.
„Ja, du musst nah rangehen, wenn du sie überhaupt sehen willst!“
Hannes beugte sich neugierig hinunter, sah aber nur Wasser und Staub.
„Hier schwimmt eine“, sagte Kaumanns und wies mit der Pinzette darauf. „Man muss schräg von der Seite her aufs Wasser gucken!“
Hannes brachte seine Nase nah an die Wasseroberfläche und schaute angestrengt. Gerade als er glaubte, da bewege sich etwas, packte Kaumanns den oberen Verschlusssteg und stieß ihn mit einer raschen Bewegung nach unten, wodurch das Wasser heraus und Hannes ins Gesicht schwappte.
„Das waren die Bleiläuse“, sagte Dyckers, und die beiden lachten sich schippelig.
Hannes spuckte.
„Bah, was seid ihr gemein!“
„Was fällt dir ein, uns zu ihrzen!“
„Für dich immer noch `Sie‘, `Herr Kaumanns‘ und `Herr Dyckers‘!“
„Wenn einer wie du aus Nettesheim kommt, muss er froh sein, dass man sich überhaupt mit ihm abgibt.“
Der Junior bog um die Ecke, fragte barsch: „Was zum Teufel ist denn hier los?“ und sprach damit den längsten Satz aus, den Hannes bislang von ihm gehört hatte, wodurch die Frage umso bedrohlicher wirkte.
Keiner antwortete. Kaumanns versank mit der Nase in einem Setzkasten, und Dyckers schob sich geschickt hinter dem Rücken des Juniors aus der Gasse. Der Junior besah kurz den Lehrling, dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz um und ging.

Hannes wischte sich aufatmend mit dem Kittelärmel das Gesicht und strich sich mit den Fingern die nasse Haarfrisur zurecht. Die hatte wohl früher bei seinem Dorffriseur „Caesarschnitt“ geheißen. Doch dann hatte man ihn anderswo belehrt: „Von wegen, Caesarfrisur! Dein Friseur hat keine Ahnung!“ nein, das sei ganz klar eine Beatlesfrisur, die er da auf seinem Kopf habe. Über Nacht war sie also sozusagen mutiert, zuerst gegen seinen Willen, doch dann fügte er sich. Wirklich bedauerlich fand Hannes dagegen, dass sich in den elenden Bleiwüsten der Schriftkästen nun also doch kein Leben regen sollte.

Blätter, Blattwerk, Laub, Gedöns und Coster

Tatsächlich jongliere ich derzeit mit drei Brillen, was bedeutet, dass ich je nach Anforderung eine andere aufsetze. Die Gleitsichtbrille ertrage ich nur kurze Zeit, denn wo ich früher Laub gesehen habe, erblicke ich jetzt einzelne Blätter. Zu viele Details in meinem Leben, das ermüdet, weil es nicht zu bewältigen ist. Der Mensch muss abstrahieren, muss Erscheinungen bündeln wie beispielsweise Blätter zu Laub. Akademische Maler der Vergangenheit beherrschten den Eichen- oder den Buchenschlag, jene Form der raschen Pinselführung, mit der sich das Typische von Blattwerk darstellen ließ, ohne jedes Blatt einzeln malen zu müssen.

Trotzdem wäre was zum Fallen einzelner Blätter zu sagen. Wenn der Wind nur ein Weniges weht, dann regnen die Blätter unentwegt von den Bäumen. Man könnte einwenden, regnen sei das falsche Verb, der Regen regnet, also Wasser, obwohl es manchmal Hunde und Katzen regnen soll, und die Weather Girls sogar von regnenden Männern sangen, was überaus befremdlich wäre, wenns tatsächlich beobachtet würde, außer natürlich in Wirtschaftskrisen.

Über das Befremdliche regnender Blätter wird sich zu wenig gewundert. Ja, wäre man jetzt nicht von hier, sondern käme von einem Planeten eines fernen Sonnensystems, wo Bäume gänzlich unbekannt sind, dann würde man sich wundern über diese Verschwendung. Ist nicht schon die Herkunft eines Blattes ein Wunder? Da sprosst aus hartem Holz eine Blattknospe. Hallo? Brauchen sich nicht gleich zu schütteln, Herr Außerirdischer! Aber verstehen kann ich ihn wohl. Ob Ast oder Zweig, so festgefügt im Winter. Kaum zu glauben, dass das harte Holz im Frühjahr aufbrechen wird, Knospen gleich Geschwüren austreibt, und für Menschenaugen viel zu langsam entfaltet sich ein feingeädertes Blatt, das in der Lage ist, Photosynthese zu betreiben. Und diese filigranen Miniaturkraftwerke werden im Herbst nochmal frisch in Rot, Gelb und Braun eingefärbt, bevor sie sich von ihren angestammten Plätzen lösen und zu Boden segeln.

Gelöschte Pixel – Foto: JvdL

Genug geschaut. Mein Schreibtischstuhl ächzte und knarrte fürchterlich.
„Gnade, Coster! Wie schaffen Sie es nur, meinem Bürostuhl solchen Krach zu entlocken?“

Costers Geist grinste. „Pataphysik, was sonst?“

„In meiner Diele steht ein Paket mit einem neuen Bürostuhl. Ich muss ihn nur noch zusammenbauen, dann kann ich Ihnen das Handwerk legen.“

Coster schaute desinteressiert aus dem Fenster. „Ich sehe die ersten Blätter fallen. Die Bäume werfen ihre Augen ab.“

„Eine schöne Metapher.“

„Gar nicht metaphorisch. Die Eiche dort drüben, als im Frühling ihre empfindlichen Blätter grünten, nahmen sie mit Licht und Schatten ihre Umgebung wahr, und nach und nach prägte sich ins Laub ein Abbild der Straße, der Litfaßsäule auf der Ecke, des Hauses hier, der Hausreihe gegenüber – wie auf ungezählten photographischen Platten. Das Abbild wird Pixel für Pixel ausgewischt, wie die Blätter fallen. Die Bäume verschließen die Augen vor der Welt, gehen in sich und hoffen auf ein besseres Bild im nächsten Frühjahr.“

„Mag ja sein, dass die Blätter Licht und Schatten registrieren, aber es fehlt dem Baum ein Nervenzentrum, worin die Eindrücke koordiniert werden, so dass sie überhaupt was erkennen können. Und hoffen können sie folglich auch nicht.“

„Das ist das, was du glaubst, Trithemius, weil du in menschlichen Kategorien denkst.“

„Man hat in Bäumen noch kein Nervenzentrum gefunden.“

„Man hat im Menschen auch noch keine Seele gefunden. Trotzdem glauben Millionen Menschen, sie hätten eine. Nimm allein die Erkenntnis der Biologie, dass die Bäume des Waldes über ihr Wurzelwerk miteinander kommunizieren. Dabei wirken auch die Pilzgeflechte im Boden mit. Viele Pilze bilden mit Bäumen eine Symbiose. Vielleicht ist das Nervenzentrum eines Baumes ein Myzel oder ein Schleimpilz. Eines jedenfalls lässt sich sagen. Bäume wie alle Pflanzen außer den zuschnappenden Fleischfressern vielleicht sind langsam in der Zeit. Gehst du vor einem Baum vorbei, ist es für ihn ein rasendes Dahinwischen. Nur aus menschlicher Sicht bist du langsam. Für die Bäume bist du ein dahin wischender Geist. Redest du mit deiner Zimmerpalme, hört sie ein hohes Zwitschern.“

Der dubiose Ex-Professor für Pataphysik an der Technischen Hochschule Aachen lehnte sich zufrieden zurück und ließ meinen Bürostuhl ordentlich knarzen. “Na, Trithemius? Wieder was dazu gelernt“, sagte er leise lachend und verschwand.

Wenn Fußböden sich erheben

Einmal wurde mir für eine Untersuchung Blut abgezapft. In der Praxis bat man mich, die Reagenzgläser beim Hinausgehen mitzunehmen und ins Labor auf der gleichen Etage zu bringen. Ich trug arglos mein Blut hin. Draußen wurde mir speiübel. Ich überquerte die Straße und strebte einer Sitzbank zu. Doch dann spürte ich, dass ich sie nicht mehr erreichen würde und fragte eine Passantin: „Können Sie mir helfen, mir wird schlecht?“ In diesem Augenblick erhob sich der Bürgersteig und klatschte mir ins Gesicht. Ich spürte keinen Schmerz. Alle Sinne waren in Ohnmacht gefallen, der Sinn des Sehens zuletzt. Als ich erwachte, hörte ich eine Männerstimme: „Ruhisch, janz ruhisch, jlich kütt Hilfe!“

Ich bin doch ruhig, dachte ich, hob den Kopf und sah auf der anderen Straßenseite einen Arzt im weißen Kittel. Bei ihm war die Frau von eben. Die beiden warteten auf eine Lücke im Verkehr und eilten auf mich zu. Der Arzt beugte sich zu mir herab und fragte, was passiert sei. Ich erklärte, dass ich mein Blut spazieren getragen hätte und mir davon schlecht geworden sei. Man half mir auf, und ich bedankte mich für die Hilfe. Die Frau hatte übrigens den Nächstbesten geholt. Es war ein Frauenarzt.

Gestern habe ich erneut den Boden geküsst, ohne zu wissen, wie ich hingekommen war. Dass er sich gegen mich erhoben hätte wie damals der Bürgersteig, will ich nicht behaupten, denn es war finstre Nacht, als es geschah. Alles hatte ganz romantisch an einem Feuer im Garten begonnen, wozu uns zwei junge Leute eingeladen hatten. Sie grillten etwas und rösteten Kartoffeln in der Glut. Meine Lebenspartnerin und ich saßen in Decken gehüllt auf einer Bank, denn es war eine herbstlich kalte Nacht. Ich trank reichlich Pinot Grigio. Den hätte ich nur so in mich hineingeschüttet, sagte sie später. Aber ich hatte keine Bedenken, denn einst hatte mein lebenskluger Freund Herr Leisetöne zu mir gesagt: „Mit Pinot Grigio machst du nichts falsch.“

Aber zuviel davon macht mir nächtliche Wadenkrämpfe. So auch in dieser Nacht. Ich setzte mich auf und stellte den Fuß auf den Boden, damit der Krampf sich löste. Kurz darauf küsste ich den Dielenboden, sehr zu meinem Erstaunen und zum Schrecken meiner Partnerin. Die Blessuren halten sich glücklicherweise in Grenzen, und ich habe beschlossen, auch beim Alkohol engere Grenzen zu ziehen. Von Mahnschreiben und erhobenen Zeigefingern bitte ich abzusehen.

Teestunde – Der wahre Keks

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz war der erste Nichtadelige, dem ein Denkmal errichtet wurde, und zwar um das Jahr 1790. Ein Nachguss der Büste wurde vor einigen Jahren im Leibniztempel des Hannoverschen Georgengarten aufgestellt. Bekannter als dieses Denkmal ist der Leibnizkeks der Keksfabrik Bahlsen. Das Unternehmen schmückt die Fassade seines historischen Firmengebäudes mit einem 20 Kilogramm schweren vergoldeten Leibnizkeks aus Messing. Im Jahr 2013 wurde er von Unbekannten entwendete, die sich darauf mit einer Erpresserforderung meldeten. Nachdem Bahlsen die Forderungen der Erpresser erfüllt hatte, wurde der Keks zurückgegeben. Der ganze Vorgang geriet sogar in die internationale Presse und hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, obwohl Diebstahl, Erpressung und „Lösegeld“ verdächtig nach einem Marketing-Gag riechen.

Auf der offiziellen Internetseite der Stadt Hannover steht die charmante Lüge: „Der hannoversche Zuckerhändler Hermann Bahlsen erfand 1891 den Butterkeks. Dem knusprigen Kleingebäck gab er den Namen „Leibniz Cakes“ zu Ehren des berühmtesten Bürgers seiner Heimatstadt – Gottfried Wilhelm Leibniz.“ Zum Ende des 19. Jahrhunderts war es Mode, Produkte mit den Namen berühmter Personen zu schmücken, [Mozartkugeln, Bismarckhering, Leibnizkeks]. Leibniz war da schon lange tot, konnte sich also nicht wehren. Auch wurde der Keks im französischen Nantes schon fünf Jahre gebacken, bevor ihn Hermann Bahlsen „erfunden“ hat, und zwar ab dem Jahr 1886 vom französischen Zuckerbäcker Louis Lefèvre-Utile. Der nannte den identischen Keks Petit-Beurre und vertrieb ihn über das kleine Unternehmen Lefèvre Utile (LU).

Aus dem Slogan von LU : „Vier Ohren und achtundvierzig Zähne“, machte Bahlsen „Nur echt mit 52 Zähnen“, denn er übernahm zwar fast alle formalen Merkmale des Petit Beurre, nicht aber deren zahlenmagische Bedeutung.

Fünf Jahre vor seiner Erfindung schon gebacken: der Leibnizkeks – Fotos: JvdL – größer: Bitte klicken!

Die vier größeren Eckzähne des Petit beurre symbolisieren die vier Jahreszeiten, die insgesamt 52 Zähne die 52 Wochen des Jahres. Statt der 24 Löcher beim Petit beurre, die den 24 Stunden des Tages entsprechen, hat der Bahlsen-Keks nur innovative 15. Im Selbstversuch konnte Teestübchen Chefredakteur Julius Trittenheim feststellen, dass die beiden Kekse trotzdem identisch schmecken.

Hofladen

Auf dem Weg hinab vom Drielandenpunt, Hollands höchstem Berg, erreichten wir bald den Ortsrand von Vaals und fanden vor einem schmucken Haus eine Holzkiste mit Marmeladengläschen aufgestellt, die Deckel hübsch mit bedruckten Papiertüchlein verhüllt, worauf oben ein Preiszettelchen geklebt war. Ein mit artiger Handschrift in drei Farben beschrifteter Aufkleber, wies die im Glas enthaltene Sorte als „aardbeienjam“ [Erdbeermarmelade] aus. Den Preis von zwei Euro konnten wir in einer kleinen Box hinterlassen. Das gesamte Arrangement ließ darauf schließen, dass hier Marmelade von Früchten aus eigenem Garten angeboten wurde.

Natürlich kann, wer Erdbeermarmelade möchte, nicht zuerst den Vaalser Berg erwandern und im Ortsrand von Vaals nach Angeboten suchen. Die Leute dort verkaufen nur, was sie zuviel haben. Für die Versorgung der Massen brauchen wir industrielle Marmeladenkocher. Einer davon sind die Schwartauer Werke mit Sitz in Schleswig-Holstein, gegründet 1899 von den Brüdern Paul und Otto Fromm. Heute gehört das Unternehmen mehrheitlich dem Bielefelder Konzernchef Arend Oetker. Bei Schwartau ist man nun auf die schlaue, vielleicht minder schlaue Idee gekommen, eine Sorte Fruchtaufstrich unter dem Produktnamen „Hofladen“ zu verkaufen. Die Gläschen stehen massenhaft im Supermarktregal, weitab von irgendwelchen Selbsterzeugern und Hofläden. Wer die schöne Illusion trotzdem will, schließlich steht „Hofladen“ auf dem Etikett, kann auf dem Rückenetikett einen 2D-Code scannen, um die Lieferanten und ihre Betriebe kennenzulernen. Fruchtaufstrich wird übrigens aus Fruchtsaft hergestellt, auch wenn auf dem Etikett ganze Früchte, beispielsweise Kirschen zu sehen sind.

Seit kurzem bin ich Träger einer Gleitsichtbrille und staune, wie klar durchschaubar meine Umwelt ist. Aber wenn ich den Lug und Trug, die ganze Augenwischerei, um mich herum wahrnehme, ist eine scharfe Brille für meine innere Ruhe eher abträglich.

    UPDATE Meine lieben Damen und Herren,
    tags zuvor habe ich mich für das ungelenke Layout entschuldigt, weil WordPress uns einen neuen Editor aufs Auge gedrückt hat und ich weder Zeit noch Lust habe, mich mit den Tücken dieses unhandlichen Werkzeugs vertraut zu machen. Inzwischen habe ich bei einem WordPress-Kollegen eine Anleitung gefunden, wie man den klassischen Editor weiter benutzen kann. Daher kann ich das vertraute Layout wieder herstellen.