Kein Signal

Am 16. Dezember 2008 saß ich, aus Aachen kommend, zwischen Umzugskartons und zerlegten Möbeln in meiner neuen Wohnung in Hannover-Linden. Was in den Tagen darauf als Erstes entstand, war meine neue Bücherwand. Gut 14 Tage ohne Fernsehen und Internet fand ich Ablenkung und Kurzweil allein bei meinen rasch und willkürlich einsortierten Büchern. Es war eine glückliche Zeit. Ich will nicht behaupten, dass sie endete, als ich wieder Zugang zum Internet hatte. Wenn im Internet so etwas wie Glück zu finden ist, dann ist es ein anderes Glück, eines, das immer neue Impulse braucht, weil es wie ein Streichholz aufflammt und verraucht ist, bevor man sich darüber die Hände gewärmt hat.

Zurück in die fassbare Realität. Inzwischen bin ich in die besser geschnittene und frisch renovierte Nachbarwohnung umgezogen. Dank lieber Helferinnen und Helfer ist fast alles an seinem Platz. Die Bücherwand ist prächtiger als zuvor, denn sie ist von Ballast befreit, und ich nutzte die Gelegenheit, die Bücher endlich alphabetisch zu ordnen. In der neuen Wohnung gibt es jedoch ein technisches Problem. TV geht gar nicht, weil über die vorhandene Steckdose kein brauchbares Signal ankomme, so dass ein neues Kabel gezogen werden müsse, behauptete gestern ein Techniker. Übrigens habe ich selten so einen ungehobelten Kerl hereinlassen müssen wie diesen Steigbügelhalter auf das Schaukelpferd der Surrogate. Bestünde das Heer der Kabeltechniker nur aus solch finsteren Typen, hätte sich wohl kein Mensch von Verstand und Geschmack überhaupt ans Internet anschließen lassen. Ich hoffe, für meinen Internetzugang sind keine baulichen Maßnahmen nötig, und der Mann war einfach nur unfähig oder wollte eine teure Dienstleistung verkaufen.

Vorerst steht mein Router noch nebenan in der alten Wohnung. Das heißt, ich werde ab dem 1. Februar vielleicht ohne Fernsehen und Internet sein. Mit dem Gedanken freunde ich mich gerade an. Das bietet Gelegenheit, mal wieder in Ruhe zu lesen, und die Bücherwand hat wie vor 14 Jahren meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Gestern Abend kam zu einer Stippvisite Freund Konrad Fischer aka Herr Leisetöne aka Spraakvansmaak vorbei und wir redeten über Bücher. Ich zeigte ihm, dass die gebundene Ausgabe der „Handschrift von Saragossa“ von Jan Graf Potocki jetzt neben der hübschen zweibändigen Insel-Taschenbuch-Ausgabe steht, und Literaturkenner Spraakvansmaak erfreute mich mit einer begeisterten Analyse der Bauweise des Romans, bei dem Rahmenhandlung, Binnenerzählung und Binnenerzählungen in Binnenerzählungen so genial miteinander verwoben sind, dass die Ebenen sich vermischen. Ich sagte, dass Herbert Rosendorfer das Prinzip im Roman „Der Ruinenbaumeister“ noch auf die Spitze getrieben hätte. Spraakvansmaak kannte den Roman natürlich auch, und so bot er einen erbaulichen Kontrast zum unheilverkündenden Kabelheini vom Morgen.

Es wäre falsch eine Konkurrenz aufzumachen zwischen der fassbaren und digitalen Welt, denn die Bereiche sind inzwischen stark verwoben. Viele liebe Kontakte sind über das Bloggen entstanden. Auch Freund Spraakvansmaak lernte ich vor gut 12 Jahren über mein Teppichhaus Trithemius bei towday.net kennen. Aber eine Kommunikationsstörung zwischen mir und dem Internet ist manchmal ganz heilsam.

Wenn die Maschine schreibt …

    „GPT, kurz für Generative Pre-trained Transformer, ist eine neue Art von künstlicher Intelligenz, die in den letzten Jahren immer populärer geworden ist. Es ist eine Kombination aus maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz, die dazu beitragen soll, dass Computer bestimmte Aufgaben schneller, effizienter und genauer ausführen können. Diese Technologie hat viele Chancen, aber auch Gefahren, die es zu beachten gilt.

    Ein großer Vorteil von GPT ist, dass es viel schneller als andere Formen des maschinellen Lernens ist. GPT kann Aufgaben in Bruchteilen der Zeit erledigen, die andere maschinelle Lernsysteme benötigen würden. Zudem ist GPT auch sehr genau, was bedeutet, dass es weniger Fehler macht als andere Systeme. Diese Fähigkeiten machen GPT zu einem unerlässlichen Werkzeug, um eine Vielzahl von Aufgaben, einschließlich maschineller Übersetzung, Sprachverarbeitung und natürlichsprachlicher Anfragen, schnell und effizient zu erledigen. (…)“ [Zwei Absätze hohles Stroh von mir gekürzt.]

Diesen kurzen Essay hat die KI-Software GPT-3 verfasst, eine Erfindung des US-amerikanischen Unternehmens OpenAI. Ich habe das Programm getestet mit folgender Aufgabe: Schreibe auf Deutsch für mein Blog einen Essay über die Chancen und Gefahren von GPT! Heraus kam ein sprachlich richtiger Text, der allerdings stilistisch abfällt. Formal korrekt wird eingangs die im Text verwendete Abkürzung GPT erklärt, sonst aber enthält der Text wenig Konkretes. Hier müsste wohl die Aufgabenstellung genauer sein. Da das Programm zu quasi jeder Aufgabe ein brauchbares Ergebnis bietet, vergleichen manche das Potenzial seiner kulturellen Auswirkungen mit der Erfindung des Buchdrucks.

In großer Runde meiner beiden ältesten Söhne und meiner beiden Schwiegertöchter saßen wir zum Abendessen beim Inder und sprachen über die Konsequenzen. Steht uns eine geistige Revolution bevor? In Schule und Hochschule werden digital erzeugte Aufsätze und Hausarbeiten kaum noch von den Ergebnissen menschlicher Geistesarbeit zu unterscheiden sein. Das freilich ist kein neuer Zustand. Schon jetzt kann sich jemand einen Text aus dem Netz fischen und als eigene Arbeit ausgeben. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber hat mit seinem Plagiatsjäger-Team in den Doktorarbeiten prominenter Politiker so manches Plagiat entdeckt. Auch in völlig banalen Bereichen sind Plagiate aufgeflogen. Bekannt ist der Fall des Ordensritters wider den tierischen Ernst, Friedrich Merz (CDU), der sich seine komplette Büttenrede dreist aus dem Internet gestohlen hat.

GPT bietet jedoch mehr als die Übernahme eins zu eins. Es erschafft völlig neue Texte beliebiger Art. Natürlich ist die KI an menschlichen Texten trainiert worden, wurde unter anderem mit dem Inhalt von Wikipedia gefüttert. Die Rede ist von einem Korpus von etwa einer Billion Wörtern. GPT beherrscht viele Sprachen, funktioniert aber am besten in Deutsch und Englisch. Als ich im Oktober 2021 ein mir geschenktes Titanic-Magazin las, kam mir das vor wie von einem KI-Programm geschrieben, das die Witze der Welt zusammengeklaubt hat und daraus künstlichen Humor generiert. Eventuell hatten smarte Verlagskaufleute getestet, ob man es den Leserinnen/Lesern andrehen kann, ohne dass die es merken.

GPT-3 schreibt in den weggekürzten Absätzen von sich, dass es noch fehlerhaft ist. Das waren die ersten Fotosatzgeräte auch. Wir Schriftsetzer haben schmunzelnd daneben gestanden und hätten nie gedacht, dass innerhalb weniger Jahre unser Handwerk museal werden würde. Hier betrifft es viele berufliche Schreiber, Journalisten, freie Autoren, Programmierer und viele mehr. Seit es Navigationssoftware für alle gibt, kennen sich die Leute in ihrem Umfeld kaum noch aus. GPT-3 erspart den Denkfaulen eigene geistige Arbeit. Hier droht deren Verblödung.

Im Jahr 1789 spottete schon Jean Paul Richter:

    So ist noch bis auf diesen Tag die Büchermaschine* in Europa unnachgemacht geblieben, deren Zusammensetzung Swift oder Gulliver allen Buchhändlern unfehlbar in der lieblosen Absicht so deutlich beschreibt, damit ähnliche europäische leichter darnach gezimmert und dadurch gutmeinenden Autoren, die sich bisher vom Büchermachen beköstigten und kleideten, ein jämmerlicher Garaus gespielet würde; denn die letztern haben sich auf nichts anders eingeschossen. Sonst ists freilich unleugbar, daß eine solche Maschine in Menge und ohne Honorar (der Kerl, der sie drehte, wäre fast mit nichts zufrieden) recht gute Sonntagspredigten, Monats-, Quartal-, Kinder- und berlinische Spaßschriften für den Druck ablassen müßte.“ (Jean Paul)

    * Gulliver sah in Lagado eine Maschine, die gewisse in ihr liegende beschriebene Zettel, wenn man sie umdrehte, so untereinander warf, daß jeder, dem man sie hernach vorlas, freilich nicht wissen konnte, ob er ein gewöhnliches Buch höre oder nicht.

(aus: Jules van der Ley, Buchkultur im Abendrot)

Nachsitzen in Medienkunde – die Grace-Kelly-Challenge, Memes und mehr

Anfang der 1990-er Jahre habe ich im Wahlpflichtbereich der 10. Klassen die Kombination Deutsch/Kunst/moderne Medien angeboten. Mit diesem damals durchaus innovativen Konzept wäre ich heute völlig hinterm Mond. Internet und Smartphone haben Medien hervorgebracht, an die in den 1990-er Jahren nicht zu denken war. Schon die Demokratisierung des Lexikons durch Wikipedia hat mich begeistert. Auch die Buchpublikation durch E-Book und Print on Demand habe ich begrüßt und nutze diese Möglichkeiten. Ebenso nutze ich die Videoplattform YouTube. Sie macht mir Musik verfügbar und ich kann eigene Videos aufnehmen und veröffentlichen, was ich vor Jahren intensiv getan habe.

Besonders erfreue mich am interaktiven Medium Weblog, das nicht nur die digitale Publikation von Texten ermöglicht, sondern erstmals eine zeitnahe wechselseitige Kommunikation zwischen Textverfassern und Lesern erlaubt. Diese Entwicklung konnte ich mitgehen, denn Bloggerinnen/Blogger stehen mit ihrer Arbeitsweise noch mit einem Bein in der Buchkultur, während das andere in die unwägbare digitale Welt tastet.

Bislang völlig ignoriert habe ich die rein digitalen Erscheinungsformen des Microbloggings wie Facebook, Instagram, TikTok sowie die Smartphone-Messengerdienste. Kürzlich zwang ich mich zum Nachsitzen und sah mir die neu bei YouTube gelisteten „Shorts“ an. Ihr Hochformat zeigt, dass die Clips mit dem Smartphone gefilmt sind. Die meisten dieser Shorts sind Übernahmen von der bei Jugendlichen populären Videoplattform TikTok.
Anders als beim interaktiven Blogging geht es hier darum, dass dem eigenen Kanal möglichst viele Nutzer folgen und die selbstproduzierten Inhalte wahrnehmen. Entsprechend dominieren englische und außersprachliche Inhalte wie: Coverversionen populärer Musik, Tanzakrobatik, Kunstproduktion, erstaunliche Fähigkeiten, Lifehacks und witzige Situationen:

Besonders diese drei Schwestern sind mit verschiedenen Performences zu finden, scheinen ihre gesamte Freizeit auf die Produktion ihrer Clips zu verwenden.

Manchmal gehen kreative Inhalte viral, das heißt, sie verbreiten sich weltweit und regen andere Nutzer zu ähnlichen Inhalten an. Das Kulturphänomen der weltumspannenden Idee wird Meme genannt. Memes verraten mehr über die menschliche Kultur als in den Leitmedien darstellbar. Digitale Herausforderungen, die Challenges, entwickeln sich manchmal zum Meme.

Derzeit ist ein Gesangsmeme aktuell. Ein Part aus dem Popsong „Grace Kelly“ des britisch-libanesischen Sängers Mika wird in verschiedenen Tonhäöhen variiert und übereinander gemicht. Zuerst das Original:

Hier die Adaptionen, zuerst covert die koreanische Sängerin Dabin Cha den Song:

Dann die Varianten:

UPDATE
Die Shorts bei YouTube sind tendenziell endlos. Vor einer Weile hat sich ja der Programmierer der Pop-up-fenster für die Erfindung bei der Weltgemeinschaft entschuldigt, und wie ich hörte, hat auch der Mensch sich entschuldigt, der das unendliche Scrollen von Info-Material erfunden hat, so dass man nie ans Ende einer Seite gelangen kann. Derlei Entschuldigungen sind fruchtlos. Seit die Möglichkeiten da sind, werden sie genutzt. Bei den YouTube Shorts führt das Endlosscrollen dazu, dass man auslesen möchte, wie wir es von Büchern gewohnt sind, aber nie ans Ende gelangt. Es zeigen sich nämlich Kreativität, Erfindungsgeist und Geschick in ungeahntem Ausmaß. Da wird zeichnerisch/malerisches Können demonstriert, alte KLeidungsstücke werden modisch umgearbeitet, Ikea-Möbel handwerklich aufgepeppt [ikea hack]. Eine gute Sache, wenn derlei nicht nur konsumiert wird, sondern Anregung zum Selbermachen ist.

Lützerath garantiert wunde Füße

Auch nach ihrem Abitur haben einige Schülerinnen und Schüler den Kontakt zu mir gehalten. Ein Schüler war noch Jahre mein Radsport-Trainingspartner, zwei Schülerinnen schrieben mir lange Zeit aus ihren Studienorten Berlin und Wien, damals noch echte Briefe. Mit der „Wienerin“ besteht der Kontakt noch immer. Inzwischen ist sie Mutter einer kleinen Tochter und lebt im Köln-Bonner Raum. Kürzlich schrieb sie zu meiner Verwunderung, sie erwäge, in Lützerath zu demonstrieren. Die Auseinandersetzungen um den Weiler Lützerath bewegen offenbar auch jene Menschen, die sonst nicht in der Klimaschutzbewegung aktiv sind.

Wenn Medien über die Proteste in Lützerath berichten, zeigen sie die Ergebnisse politischen Versagens. Die Politik ist unter der Beteiligung der Grünen vor dem Energiekonzern RWE eingeknickt. Im Fernsehen versuchte Robert Habeck zu erklären, dass der mit RWE ausgehandelte Kompromiss zum vorgezogenen Kohleausstieg insgesamt mehr fürs Klima brächte als vorher zu erwarten. Dafür müsse Lützerath leider geopfert werden. In seiner Darstellung geht es also um Quantitäten. Die Kohle unter Lützerath und der Weiler darüber sind aus der Sicht eines Bundesministers nicht wichtig genug. Doch unabhängig vom nüchternen Kalkül wirkt der Ort wie ein Faustpfand in der quetschenden Hand eines übermächtigen Energieriesen, der Jahrzehnte in der Region nach Belieben schalten und walten durfte. Das macht das unbedeutende Lützerath zum wirkmächtigen Symbol.

In meiner Aachener Zeit habe ich nahe dem Braunkohletagebau gelebt und bin als Radsportler in Gegenden herumgefahren, die jetzt in gigantischen Löchern versunken sind und von deren Ortschaften nur noch alte Karten erzählen. Gewiss bin ich auch durch Lützerath gefahren. Ebenso war es mit dem Hambacher Forst. Der war damals schon so winzig, dass ich zuerst nicht wusste, wovon die Rede war, als er in den Medien auftauchte. Schon der Hambacher Forst hat gezeigt, so klein und unbedeutend derlei Orte sind, ihre Symbolkraft ist riesig. Auch ein körperloses Symbol kann gewaltig schaden, wenn es einem auf die Füße fällt.

Wenn Dinge nicht gut gehen

Mein Kardinalfehler ist eine gewisse Lässigkeit. Ich habe sie mir nicht ausgesucht, habe nicht gerufen, als der Charakter vergeben wurde: „Ach, und ich wäre noch gerne nachlässig!“ Diese Eigenschaft wird einem Rheinländer einfach untergejubelt. Sie verführt ihn, an das Rheinischen Grundgesetz zu glauben: „Et hätt noch immer jot jejange!“ In der Verbform „hat“ statt „ist“ steckt jene naive Vorstellung, der liebe Gott wird’s schon richten. Mit 30 bin ich aus der Kirche ausgetreten und nicht so vermessen zu glauben, dass für mich himmlicherseits noch was gerichtet würde. Im Gegenteil werden die Dinge boshaft geregelt. Wie sonst wäre zu erklären, dass ich fast immer die Straßenbahn verpasse.

Ich breche stets zu einem ungefähren Zeitpunkt auf und kann mich darauf verlassen, dass ich die Bahn schon in der Ferne sehe, wenn ich auf die Straße mit dem Bahngleis einbiege. Hat man etwa in der kosmischen Registratur einen Kerl dafür abgestellt? Startet er die Bahn just, wenn ich vors Haus trete, so dass ich sie mich ätschbätsch überholt, wenn ich noch zu weit von der Haltestelle entfernt bin? Wie armselig! Und das nur, weil ich keine Kirchensteuer mehr bezahle?

Vermutlich habe ich nur einmal in meinem Leben die ZDF-Sendung „Verstehen Sie Spaß“ gesehen. Da trat ein Mann auf, der von sich behauptete, er könne aus dem Stand höher springen als der deutsche Meister im Hochsprung. Im Vorabinterview sagte er etwas, was sich mir ob der dahinter winkenden Tragik wohl eingeprägt hat: „Meine Sprungkraft ist das einzige, was mir geblieben ist.“ Ähnlich könnte ich sagen, die glücklich fügende Hand hat sich mir entzogen, und die Nachlässigkeit ist mir als einziges geblieben. Ich erinnere mich an Zeiten, als mir der nonchalante Umgang mit den Dingen des Lebens noch nachgesehen wurde, von einer Lebensgefährtin, die die Ergebnisse meines Handicaps mit einem freundlich geseufzten „Ach, Jules!“ quittierte. Jene Frau war es auch, die mir riet, bei Telefonautomaten mit Automatenstimme zu sprechen, um besser verstanden zu werden. Eben bekam ich einen Anruf. Der Termin für das Aufmaß meiner neuen Küche musste um einen Tag verschoben werden. Ich hörte eine kaum verständliche Automatenstimme und bat mit verstellter Stimme um Wiederholung der Ansage. Aber dann war’s doch eine echte Frau. Automatenstimmen tönen inzwischen sowieso besser als menschliche.

Mit den Jahren bin ich natürlich gewarnt und versuche, meine Nachlässigkeit einzudämmen. Gegen Ende einer Planung wird’s dann doch unerquicklich vage. Und so standen meine Lebensgefährtin und ich gestern verloren an der Hildesheimer Straße und warteten auf ein Taxi. Das fand uns aber nicht, weil es an der gefühlt 100 Kilometer langen Hildesheimer die Hausnummer 66 mindestens zweimal gibt, einmal in Hannover, einmal in Laatzen. Baltasar Gracian rät in seinem Handorakel, man solle seinen Hauptfehler erkennen und abstellen. Alle anderen würden wie Dominosteine fallen. Drum dieser Text. Ich habe ihn völlig ungeplant zu Ende gebracht. Abgestellt ist da also noch nichts. Der Hochspringer aus dem Stand scheiterte übrigens. Da hatte er auch nichts mehr.

Wir brauchen doch Turbinenschaufeln!

Was ich von den Aktionen der letzten Generation hielte, wurde ich gefragt. Ich hatte dazu noch keine Meinung, weil sie mir eigentlich nicht zusteht. Es liegt Dramatik im Namen „Die letzte Generation.“ Naturgemäß schauen junge Leute anders auf den Klimawandel als ich. Doch ich hatte ihn schon als junger Mensch im Blick, hatte schon ab den 1990-er Jahren kein Auto mehr, sondern war Carsharing-Nutzer. Überdies fahre ich Fahrrad, nutze sogar die öffentlichen Verkehrsmittel selten. Ich bin seit 1980 Vegetarier, habe mich folglich bemüht, meinen ökologischen Fußabdruck kleinzuhalten. In Arbeitszeugnissen bedeutet die Floskel: „Er hat sich bemüht.“ – Er hat nichts erreicht.

Einmal, in Aachen noch, es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, saßen vor dem „Domkeller“ neben mir drei wohlsituierte Herren. Der eine hatte mit dem Flieger die Arktis überflogen und schwärmte, wie grünlich, von oben gesehen, die Eisberge schimmern. Einer murmelte „Klimaerwärmung.“ Der die Eisberge von oben gesehen hatte, versicherte, dass die Flugzeughersteller alles in ihrer Macht Stehende für den Klimaschutz täten. In einem Institut der Technischen Hochschule forsche man im Auftrag von Rolls-Royce an Turbinenschaufeln, um den Kerosinverbrauch zu senken. Dazu sei eigens eine Halle errichtet worden. Rolls-Royce liefere immer wieder Metallblöcke an und lasse sie mit unterschiedlicher Hitze schmelzen, auf dass man die absolut und endgültig beste Turbinenschaufel daraus gieße. Da man an der RWTH bald die optimale Turbinenschaufel finden werde, könne man schon jetzt ruhigen Gewissens die Eisberge überfliegen und angucken. Schließlich müsse man sich mit eigenen Augen vom dramatischen Zustand der Eisberge überzeugen.

Ich hätte mich nicht festkleben, sondern hätte dem Mann eine kleben sollen, damit er einsah, dass er nichts im Flieger über der Arktis verloren hat, egal welche Turbinen ihn hingeschaufelt hatten. Beides, sich auf der Straße festzukleben oder einem Uneinsichtigen Bescheid zu stoßen, sind Gesten der Ohnmacht. Ich selbst bin übrigens im Leben noch nicht geflogen, aber auch danach kräht kein Hahn. Jedenfalls kann ich verstehen, dass die jungen Leute der letzten Generation an der Trägheit der Massen und an den Fehlentscheidungen der Politik verzweifeln. Symbolisch steht hierfür die bevorstehende Räumung von Lützerath. Die Politiker reklamieren den Sachzwang der Versorgungssicherheit.

Hallo? Eventuell ist die Königin der Turbinenschaufeln noch nicht gefunden und kann nicht gegossen werden, wenn RWE die Kohle unter Lützerath nicht abbaggern darf. Das könnten die Klimaaktivisten auch mal bedenken. Selbst die Grünen haben das verstanden.

Drudeln Sie mit!

Fast wie Geburtstag. In meinem Briefkasten steckte ein Buch. Filipe d’Accord, Tina und Herr Putzig schenkten es mir zeitnah (mit kaum zweieinhalb Jahren Verzögerung) zum Geburtstag. Das Buchgeschenk steckte irgendwo in der Pipeline und wurde aus Gründen jetzt erst durchgespült. Ich habe es, in meiner neuen Wohnung frühstückend, ausgepackt und war hocherfreut. Das Buch ist einem Phänomen gewidmet, das in meiner Kindheit plötzlich auftauchte und in meiner Jugend genauso plötzlich verschwand. Es geht um ein zeichnerisches Rätsel, der/das Drudel, nicht zu verwechseln mit dem Doodel, was bereits Thema und Mitmachprojekt im Teestübchen gewesen ist.

Beim Durchblättern fand ich ein Drudel, das erklärt war mit: „Hausfrau ohne freie Hand beim Schließen der Kühlschranktür.“ Wieso Hausfrau? Da winken die 1950-er Jahre, in dem das Buch erstmals auf Deutsch erschien. Ich glaube, dass Hausmänner bei häuslichen Tätigkeiten viel öfter keine Hand frei haben als Frauen, weshalb sie ein ziemliches Gewese machen, wenn ihnen gelingt, was gemeinhin als praktisches Handgeschick bezeichnet wird.

Als Studenten standen Herr Putzig und Konrad Fischer hinter der Theke des Strandlebens, wo sie die Kunden im von Putzig sogenannten „Theken-Capoeira“ bedient haben, das heißt, sie wetteiferten in ökonomischen, aber tänzerisch flüssigen Bewegungsabläufen, beispielsweise im Vorbeugen eine dem Kühlschrank entnommene Flasche zu entkorken und gleichzeitig rücklings mit dem Fuß (hehe) die Kühlschranktür zu schließen. Die zeitgemäße Auflösung des Rätsels müsste demnach heißen: Putzig oder Leisetöne beim Theken-Capoeira.

Weißer Adler auf weißem Grund

Obwohl sie flach sind, eignen sich Drudel hervorragend als Mitmachprojekt. Meine lieben Damen und Herren, erfinden Sie ein Drudel und senden Sie es mir. Ich werde davon eine Zusammenstellung im Teestübchen präsentieren. Eine gewisse Einheitlickeit garantiert der hier vorgegebene Rahmen, „Weißer Adler auf weißem Grund.“ Ich freue mich auf Ihre/eure Einsendung!

Lob des Unnötigen

In der sonst leeren neuen Küche saßen wir am Esstisch und frühstückten. Bei der Einrichtung müsse man die üblichen Laufwege bedenken, sagte meine Partnerin. Ihre Nachbarin, die beste Köchin in der Straße, habe ihre Küche erstaunlich unpraktisch geordnet, beispielsweise habe sie selten genutzte Küchengeräte direkt vorm Bauch. „Vieles im Leben ist unpraktisch geordnet“, sagte ich und hätte noch hinzufügen wollen, dass es ja das Geschäft der Anfang der 1970-er scharenweise ins Land eingefallenen REFA-Fachleute gewesen wäre, Menschen bei ihrer Arbeit zu beobachten, die Zeiten zu messen, Handgriffe zu notieren und Arbeitsabläufe zu optimieren.
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Aber das Thema ist größer als meine neu einzurichtende Küche, und so lief unser Gespräch in eine andere Richtung. Ich habe diese REFA-Leute und ihre Arbeit gehasst. Sie brachten Härte ins Arbeitsleben, ließen unnötige Handgriffe und Aktivitäten verschwinden, was dazu führte, dass beispielsweise eine Reinigungskraft, nachdem die Abläufe ihrer Tätigkeit optimiert waren, in der gleichen Zeit statt drei nun fünf Räume zu reinigen hatte. Als Schriftsetzer musste ich plötzlich Arbeitszettel ausfüllen, und zwar meine Arbeitsleistung in Sechsminutenintervallen dokumentieren. Weil ich gerne versonnen über den zu setzenden Texten stand, fehlte mir am Ende des Arbeitstags was, und ich musste die vertrödelte Zeit auf die geschafften Arbeiten verteilen.
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Wegelagernde Scheinehirten

Warum ich nicht an der Scannerkasse online bezahlen will und stattdessen in der Kassenschlange vor den drei verbliebenen Bargeldkassen warte, will die Mitarbeiterin von Edeka wissen.
„Weil ich Ihren Arbeitsplatz erhalten möchte.“
„Der bleibt auch so. Wir haben hier soviel Arbeit.“
„Ja, aber die persönliche Begegnung an der Kasse verschwindet.“
Schon das bescheuerte Aufrufsystem hat mir den Einkauf verleidet. Schließlich bin ich in der Vergangenheit gern zu bestimmten Kassiererinnen gegangen, der gegenseitigen Sympathie wegen. Eins meiner schönsten Bücher ist einer Supermarktkassiererin gewidmet.

Natürlich werde ich die Entwicklung nicht aufhalten können. In der EDEKA-Zentrale wird es nicht heißen: „Der van der Ley weigert sich, bargeldlos zu bezahlen. Wir werden eine Kasse für ihn offen halten müssen, schon aus literarischen Gründen.“ Das geschieht nicht, wie RWE im Braunkohletagebau auch niemals um ein Dorf herumgegraben hat und es als Insel im Nichts stehen ließ. Bald wird der, die, das Mensch hinter der Kasse durch einen frigiden Kassenautomaten ersetzt werden, schlimm für jene, die sonst keinen zum Reden haben.

Bei der Sparkasse schräg gegenüber nimmt man gar kein Bargeld mehr in die Hand. Man hat die Kasse nur noch im Namen. Auch die ehemalige Kassenhalle erinnert noch an Zeiten, als ein Dutzend flinker Kassierer/Kassiererinnen mit geübten Fingern das Geld zählten. Wo sind die hin? Alle schon weggestorben? Oder zählen sie in Kellerverliesen Goldbarren?

Foto: Frankfurter Rundschau 18.5.1997 / Teestübchen Archiv

Jedenfalls hatte ich gestern in der Sparkasse zu tun, ging einfach hin und äußerte mein Begehr. Ob ich „einen Termin“ hätte, wurde ich gefragt. Ich erinnere mich an Zeiten, da bat man winselnd, die Geldgeschäfte der arbeitenden Bevölkerung erledigen zu dürfen, lockte mit einem kostenlosen Girokonto. Jetzt haben sie einen Fuß sicher in der Tür, da rümpfen sie vor Bargeld die Nase, weil sie sich zwischen jede Transaktion legen wollen, um abzukassieren. Und will man sie sprechen, fragen sie nach vorheriger Verabredung. Davon haben wegelagernde Schweinehirten nicht zu träumen gewagt, dass ihre Opfer sich mit einem Termin ankündigen.

Fluch und Segen der Prokrastination

Bekanntlich bin ich einige Zeit Studienrat am Gymnasium gewesen und habe die Fächer Deutsch und Kunst unterrichtet, also deutlich mehr Deutsch als Kunst. Folglich stapelten sich auf meinem Schreibtisch stets Klassenarbeiten und Klausuren. Weil im Januar die Halbjahreszeugnisse anstanden, waren die Weihnachtsferien für mich immer Korrekturzeiten. Für die Tage vom 2. Weihnachtstag bis zum 6. Januar bildete ich kleine Stapel, wodurch die täglich zu schaffenden Korrekturen überschaubar waren. Meist konnte ich mich nicht überwinden, am 2. Weihnachtstag zu beginnen, so dass die Hefte dieses Tages auf die anderen Stapel verteilt werden mussten.

Schon im Bilden und Umschichten der Stapel erkennen Eingeweihte Erscheinungsformen der Prokrastination. Zu jener Zeit litt ich stark daran. In der an sich ruhigen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr wurde sie immer schlimmer, ja, nahm geradezu boshafte Formen an. Alles rings um die Heftstapel gewann an Anziehungskraft. Fiel mir ein Wort auf, verfolgte ich das arme Ding durch alle Wörterbücher und gab nicht eher Ruhe, bis es gleich einer armen Versuchsmaus an den Extremitäten fixiert vor mir lag, bereit aufgeschnitten und bis ins Innere untersucht zu werden. Das Bewusstsein, mich den Korrekturen widmen zu müssen, verlieh allen Phänomen, Erscheinungen und Dingen des Lebens eine Anziehungskraft, vor der ich auf die Knie ging. Auf diese Weise wurden die prokrastinierten Korrekturtage zu den schillerndsten und reichsten des Jahres.

Auf den Knien entstandenes Dokument der Prokrastination, Frottage, (Tagebuch JvdL)


Leider konnte ich das nicht angemessen genießen, denn über allem schwebte der Schatten des schlechten Gewissens. Es war ein Dilemma, denn das eine war ohne das andere nicht zu haben. Derweil schaffte ich kaum noch, die Heftstapel umzuschichten. Mit dem Schwinden der Tage wurden die zu korrigierenden Stapel immer höher. Ich wusste, der anstehende Korrekturmarathon würde nicht über sanfte Hügel gehen, sondern ins Hochgebirge. Es entstand dieser Text, ein Reisebericht von einem solchen Marathon. Aus dieser Zeit resultiert ein Alptraum, der mich noch im Ruhestand plagt: Ich sitze in einer Zeugniskonferenz und habe für meine Schülerinnen/Schüler keine Noten, denn ich habe im letzten Halbjahr nicht eine einzige Klassenarbeit schreiben lassen.