Wenn Sie ein Konzert besuchen – denken Sie an mich

Manchmal höre ich aus der Wohnung über mir ein Waldhorn. Es wird durchaus gekonnt geblasen, aber eine richtige Melodie ist nicht zu erkennen. Ich glaube, mein neuer Obernachbar ist Waldhornbläser in einem Orchester ohne festes Haus und demgemäß viel auf Reisen, denn seine Übungen im Tuten und Blasen dringen ja nur manchmal an mein Ohr. Es trifft mich also immer unvorbereitet und daher gelingt es mir nicht, mich gegen diese unerwünschten Töne zu wappnen, also etwa aushäusig zu sein, wenn der Waldhornbläser seine Übungen bläst. Gesehen habe ich ihn noch nie, daher könnte mein Obernachbar auch eine Waldhornbläserin sein.

Wenn das Waldhorn blasende Mensch mit seinem Orchester vor einem lauschenden Auditorium von Musikliebhabern auftritt, dann mag der Hörgenuss vollkommen sein. Doch ich bekomme nur die akustische Schattenseite ab, nur das Üben irgendwelcher Tonfolgen. Es wäre deshalb eine schöne Geste, wenn der Dirigent vor jedem Konzert sich ans Publikum wenden würde mit etwa folgenden Worten:

    „Meine Damen und Herren, bevor wir Ihnen einen musikalischen Hochgenuss bereiten, für den Sie mit Recht eine Eintrittskarte gelöst haben, wollen wir in einer Schweigeminute all jener gedenken, die meine Orchestermitglieder beim häuslichen Üben ertragen müssen. Denn nur der Duldsamkeit dieser Menschen ist es zu verdanken, dass wir Ihnen Musik in höchster Perfektion zu bieten im Stande sind.“

Das würde mich besänftigen. Von einer solchen Ansprache wurde mir aber noch nie berichtet. Eines Tages werde ich vielleicht die Treppe hinaufgehen, klingeln, und wenn der Waldhornbläser öffnet, werde ich ihm wortlos einen Kinnhaken verpassen, der sich gewaschen hat. Falls aber die Tür von einer Waldhornbläserin geöffnet wird, werde ich still verzweifeln, mich entschuldigen und sagen, ich hätte mich in der Tür vertan.

Frau Boes und ich

Man soll nicht denken, dass Recycling eine neue Erfindung wäre. In meiner Kindheit zog ein sogenannter Lunpensammler durch unsere Dorfstraßen, läutete eine schwere Handglocke und rief in gebührenden Abständen: „Lumpen, Eisen, Papier!“ Die Leute kamen aus den Häusern und brachten ihm das Gewünschte. Weil sich in meinem Kopf die Namen unzähliger Leute aus Presse, Film und Fernsehen breitmachen, fürchte ich, mein Gehirn führt ein Eigenleben als Lumpensammler. Ich läute freilich keine Handglocke, muss das auch gar nicht, denn es gibt genug mediale Distributionskanäle, aus denen Unerwünschtes auf die Pfade meiner Wahrnehmung pladdert.

Die übelste Schleuder ist das Fernsehgerät mit seinem Krakenarm, der Fernbedienung. Diese Extremität verleitet zum zappenden Suchen nach lohnender geistiger Nahrung. Müsste man für jeden Programmwechsel eigens aufstehen, um einen Knopf am TV-Gerät zu betätigen, täte man etwas für die körperliche Fitness, besonders aber für die Psychohygiene. Beim faulen Zappen muss mir also irgendwann ungefiltert der Name Mirja Boes ins Hirn geschwappt sein. Ich habe sogar, ohne es zu wollen, ihr Gesicht abgespeichert, so dass ich letztens von ihr träumen konnte.
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Quartett der Wortungetüme

Auf dem Gehweg ein mit Kreide gemalter Richtungspfeil und der Appell: „Einmal ‚Happy Birthday singen‘!“ Ich würde es ja machen, aber für wen? Da ist niemand außer mir und natürlich der junge Mann, der versucht, die Kettengangschaltung seines Fahrrads gängig zu machen. Als er mich überholt, knarzt die Kette erbärmlich, und ich denke, oje, so kommst du nicht weit. Schon großes Krachen. Die Kette ist gerissen oder hat sich um die Schaltung verdreht. Er muss vom Rad, erkennt wohl rasch, dass keine ambulante Reparatur möglich ist. Dann schiebt er mir sein Rad entgegen, wohl, um es an seinen Standplatz zurück zu bringen. Wenigstens das soll seine Richtigkeit haben.

„Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ – Nein, der hält es in Ordnung. Beim Rückweg versperren zwei dümmlich lächelnde Frauen mit ihren Hunden an den Leinen den Gehweg. Eine dritte gibt Anweisungen, offenbar eine Hundetrainerin, besser eine Hundebesitzerinnentrainerin. Ach, immer die langen Wörter. So sperrig wie Frauchen und Hund selbst. Sie ziehen an den Leinen ihre Hunde bei Fuß, wie ihnen gesagt wurde, und lassen mich vorbei.

Im Hausflur und auf den Treppenstufen verteilt liegen Aufnehmer. Die Treppenhausreinigerinnen sind im Haus und arbeiten sich aus dem Dachgeschoss nach unten. Im „Komposita-Quartett“ schlägt die Hundebesitzerinnentrainerin die Treppenhausreinigerinnen um Längen. O Gott, noch nichts geleistet außer Brötchen zu holen und zu verzehren, und schon befällt mich das Postfrühstückserschöpfungssyndrom. Das schlägt sie alle.

Teestunde mit Bettina

Berufsjugendlicher Campino (63), Sänger der Toten Hosen und Mann mit dem dicksten Hals der niederrheinischen Tiefebene saß im NDR-Format „DAS!“ auf dem roten Sofa und plauderte mit „Talklady“ (NDR) Bettina Tietjen (62). Ich weiß nicht, was Campino aktuell verkauft, welche Marketingstrategie ihn gerade jetzt auf das gepolsterte Lügenbänkli verschlagen hat, aber der NDR kredenzte Campino, auf seinen Wunsch offenbar, verschiedene Teesorten, aus denen er wählen durfte mit den Worten: „Ich bin ein totales Opfer der Teeindustrie.“ Er wählte dann die Geschmacksrichtung „Klarer Geist.“ Folge: In zwei Märkten, bei DM und Rewe war gestern Klarer Geist ausverkauft.

Der fehlte mir heute, und ich musste mit morgendlich umnebeltem Geist schreiben, derweil ich „Halswärmer“ trank. Wäre es nicht umgekehrt passender: Campino nimmt Halswärmer und ich Klarer Geist? Dann würde mir wie Schuppen von den Augen fallen, dass Campino nicht etwa „Opfer der Teeindustrie“ ist, sondern dreist Schleichwerbung gemacht hat für die Teeindustrie, speziell für die Marke Yogi-Tee, die nämlich die genannten Geschmacksrichtungen vertreibt. Der heutige Teebeutel philosophiert (Teestübchen berichtete fachkundig): „Finde deine Einheit in dem, was Du für andere tust.“ Folglich ist Botschafter der Tee-Industrie Campino jetzt eins mit Yogi-Tee, was dann auch seinen Fernsehauftritt motiviert. Und ich recherchiere jetzt endlich sein wahres Alter, um die obige Schmähung zu korrigieren. Berufsjugendlicher Campino (60).
Nicht jeder kann es sich leisten, etwas wegzuwerfen. Mancher hat einfach nicht soviel im Kopf. Das gilt für Journalisten und Fotografen gleichermaßen. Hi abgelutschte Metaphern wie Pedalritter, Stahlross, Drahtesel und Ähnliches, da dergleichen Bildideen. Soll einer ein Paar fotografieren, greift er intuitiv in eines seiner wenigen Ideenkästchen und holt Frau-guckt-ihm-über-die Schulter hervor. Findet die Bildidee immer noch prima oder wenigstens gut genug oder er denkt: „Na ja, was Besseres gibt’s halt nicht auf dieser Welt“, – und lichtet zum hundertsten Mal den selben despektierlichen Altmännerwitz ab. Bitte diese Bildschublade nicht mehr öffnen. Sie enthält dummes Zeug.

Zeugniszeit

In den Jahren 1990 bis 2000 habe ich regelmäßig Tagebuch geführt. Ich schrieb in DIN-A5-Chinakladden, solche mit schwarzem Einband, eingefasst mit roten Dreiecken. In eine Kladde passten etwa zwei Monate; pro Jahr macht das fünf bis sechs Bände. Eine Weile habe ich gelegentlich das aktuelle Datum des Tages im Jahrzehnt der Tagebücher aufgesucht und nachgeschaut, was mich damals beschäftigt hat. Es war und ist eine Zeitreise in eine versunkene Welt. Vor 30 Jahren, am 8. Juni 1992 habe ich als Klassenlehrer einer 9. Klasse Zeugnisse geschrieben, die Namen jeweils kalligrafisch. Es war die Arbeit eines ganzen Nachmittags. Im Tagebuch findet sich folgende Notiz:

Der stellvertretende Schulleiter hatte die digitale Erfassung der Zeugnisnoten und den Computerausdruck der Zeugnisse vorangetrieben und pries das Angebot an als Arbeitserleichterung. Nach und nach war das Kollegium auf das Angebot eingeschwenkt, bis auf den genannten Kollegen und mich. Ein Jahr später trat der stellvertretende Schulleiter an mich heran und sagte: „Ich bitte dich, die Zeugnisnoten deiner Klasse ebenfalls digital zu erfassen und die Zeugnisse ausdrucken zu lassen.“
„Warum?“
„Das geht aus Gründen der Gleichbehandlung nicht anders.“
„Was du zuerst nur als Angebot vorgestellt hast, wird jetzt zur Norm? Die ersten Zeugnisse, die vom Computerdrucker ausgespuckt wurden, verstießen doch auch gegen die Gleichbehandlung.“
„Ja, aber jetzt bist du der einzige, der nicht mitmacht. Also schließe dich uns an.“
“Dir ist klar, dass es davon kein Zurück mehr gibt?“, sagte ich und fügte mich widerwillig dieser formalen Nivellierung nach unten. (Die Sache ist hier schon ausführlicher beschrieben.)

Echt jetzt, REWE?

„Ich habe mir den Quatsch nicht ausgedacht“, sagt der Mann am Postschalter, wo ich vergeblich versucht hatte, ein Buch in die Schweiz zu versenden. „Keine Briefsendung möglich!“ Ich müsse den Umschlag in ein Paket packen, eine Zollerklärung ausfüllen und dann werde das ganze etwa 15 Euro kosten. Ich greife mir aus dem Ständer die kleinste Kartonage. „Die ist zu klein!“, sagt er. Also nehme ich ein Riesenteil und verziehe mich zu einem Stehpult. Aber ach, ich habe keine Lesebrille, um den verflixten Zollerklärungsvordruck zu lesen. Ich muss es also zu Hause erledigen. Inzwischen hat sich in der Post eine Schlange gebildet, und ich müsste mich anstellen, um die Kartonage zu bezahlen. Draußen kündigt sich ein Gewitter an. Plötzlich drückende Schwüle. Ich kriege Hitzewallungen. Schnell nach Hause, bevor der Himmel birst. Unterwegs fluchen: 15 Euro für ein Buch zu 9.99 Euro? Jetzt bin ich auch noch schuldlos zum Kartonagendieb geworden. Brauch‘ den Karton sowieso nicht. Ich bring’s selber hin – ohne scheiß Karton. Und die Zollerklärung spare ich mir auch. Wo ist die Schweiz noch mal?

Im Sanitätshaus spinnt die Computerkasse. Gut zehn Minuten versuchen zwei Angestellte, zwei paar Reisestrümpfe zu kassieren, scannen immer wieder den Code, geben ihn dann mehrmals manuell ein, ich erwäge, mir derweil nebenan die Nägel machen zu lassen, aber will die Damen nicht noch mehr unter Druck setzen. Sie entschuldigen sich mehrmals, das System sei neu und habe noch Tücken. Ich beschwichtige: „Mit Computer geht alles schneller, dauert nur länger.“ Die Damen lachen erleichtert auf. Und ich merke mir, der Spruch ist auch nach 50 Jahren EDV noch gut.

40 Zentimeter lang ist der Kassenzettel von REWE. Er weist aus, was ich gekauft habe und zahlen musste. Das sollte reichen, tuts aber nicht. Da steht noch allerlei redundantes Zeug. Auch blöde Chiffren sind aufgedruckt. Die Sinnentleerung der Schrift! Der Zettel trägt die Bon-Nummer 9890. Um 15:52 Uhr bin ich da gewesen, dann ist wohl davon auszugehen, dass ich in den neun Stunden von 7:00 Uhr morgens an der beinah tausendste Kunde des Tages gewesen bin. 0,40 Meter x 9890 = 3956 Meter Kassenbon. Bei Geschäftsschluss um 24 Uhr und insgesamt 17 Stunden Öffnungszeit ergibt das 3856/9×17=7472 Meter Kassenbon pro Tag x 26 Geschäftstage 194283 Meter = 194 Kilometer Kassenbon im Monat, das sind im Jahr 2331,402 Kilometer. In nur 17 Jahren reicht der REWE-Bon um den ganzen Erdball. Es gibt etwa 3600 REWE-Spupermärkte in Deutschland. Macht bei acht Zentimetern Breite … Hallo REWE! Derlei Irrsinn muss aufhören.

Die Hannoveraner sind höflich, aber man kann es ihnen nicht recht machen. Du bist eingeladen, bedankst dich geflissentlich, und was kriegst du zu hören? „Da nich für!“ Sofort hast du ein schlechtes Gewissen. Hätte man sich am Ende für etwas anderes bedanken müssen, für eine riesige, weltbewegende Sache, die einem zuteil wurde, aber man hat’s nicht gemerkt, ist einfach zu blöd? Nachdem ich nun 12 Jahre in Hannover lebe, habe ich mich an „Da nich für!“ gewöhnt. Woanders sagt man: „Nichts zu danken“, und jeder weiß, was gemeint ist. „Da nich für“ dagegen ist wie ein Stoß vor den Kopf, bedeutet aber so gut wie nichts. Ich weiß, woher diese Unsitte stammt. Hier meine Erklärungssage:

    Auf dem Bahnhofplatz Hannovers steht das Reiterstandbild von König Ernst August I. Wenn sich Hannoveraner verabreden, dann am liebsten „Unter dem Schwanz“ seines Pferdes. Offenbar gefällt ihnen die Vorstellung, sich vom königlichen Ross bekötteln zu lassen. Als Ernst August noch lebte, hat man die dampfenden Köttel nämlich gesammelt, um sich im kalten Winter die Hände darüber zu wärmen. Wenn der König durch die Stadt ritt und sein Pferd kötteln ließ, dann jubelten seine Untertanen: „Gott schütze den König!“ Und Ernst August antwortete generös: „Ach, da nich für!“

Fibonacci – (3) Der 13.Trommler

Tock tock, tocktocktock.
Man hatte mich auserwählt, den ersten Schlag zu tun. So trat ich als der 13. Trommler in die Runde, die sich um die göttliche Trommel scharte. Nie zuvor hatte ich so ein großes Trommelfell gesehen. Da standen 12 Mann ringsum und schauten mich erwartungsvoll an. Würde ich den ersten Schlag wagen und mich gegen den alten Gott vergehen? Es war ein Sakrileg. Generationen vor uns hatten die Kreatur als göttlich verehrt, aus deren Haut die Trommel gemacht war. Meine Generation, meine Leute hatten dem Glauben abgeschworen, hatten genug von diesem fürchterlichen Gott. Keine Menschenopfer mehr! Kein Opfern mehr der jungen unschuldigen Brut.

Aber es reichte nicht, ihm die Gefolgschaft zu verwehren. Wir hatten diesen Gott zur Strecke gebracht, hatten ihn erschlagen, derweil er und seine Priester schliefen. Wir hatten den Gott der Vorfahren gemeuchelt, seinem gewaltigen Körper die Haut abgezogen, sie gegerbt und auf den Rahmen der gigantischen Trommel gespannt.

Die Stöcke aus Eichenholz lagen gut in meiner Hand. Viele Tage hatte ich geübt, hatte die Trommelschläge und -wirbel auf dem hartem Holz einer Hobelbank geschlagen, hatte nachgeahmt, was ein eitler unerbittlicher Mann namens Brock mir vortrommelte. Seine Schläge kamen hart und präzise, besonders der Sechs-Achtel-Schlag, und er gab sich nicht eher zufrieden, bis meine Schläge ebenso hart und präzise kamen. Erst dann hatte er mir eine Trommel gegeben. Obwohl es die größte war, die er hatte auftreiben können, war sie winzig im Vergleich mit der göttlichen Trommel.

Jetzt stand ich im Rund. Die anderen sahen mich erwartungsvoll an. Ich holte aus und schlug zu. Dumpf und drohend tönte der erste Schlag. Ich ließ den Sechs-achtel-Schlag folgen. Er hätte hart kommen sollen, doch ein Schlag schien mit dem folgenden zu verschmelzen. Das Tock-tock der großen Trommel klang verwaschen. Trotzdem fuhr uns ihr Klang in die Glieder, als würde Gott uns grollen. Ich ließ einen Wirbel folgen und taktete ihn, um den anderen zu zeigen, wo sie einsetzten konnten. Tam tam, tamtamtam, tamtamtam tam tam. Nach und nach stimmten die anderen ein. Es war gewaltig, einem Donnergrollen gleich. Ich sah Furcht aufkeimen bei einigen, doch nach und nach gaben sich alle dem Rhythmus hin und gerieten in Trance. Dann, auf ein Zeichen von mir, schwieg die Trommel.

Aus der Dunkelheit der Höhle näherten sich schleppende, ja schlurfende Schritte, und dann traten die Alten und Hinfälligen in den Schein unserer Fackeln. Die Leute, denen wir den Gott genommen hatten, drängten heran. Die vorderen kamen zagend, mehr vorangeschoben als gehend, stockend, dann weitergedrängt, so dass sie mit Trippelschritten das Gleichgewicht zu halten versuchten.

Die ersten sanken auf die Knie. Ich spürte wie Hände die meinen ertasteten, spürte wie meine Beine von Armen umschlungen wurden. Aber es geschah sanft und respektvoll. Ich ließ die Stöcke sinken und wandte mich dem Alten zu.
„Komm hoch, Väterchen, ich will auf Augenhöhe mit dir reden. Was ist dein Begehr?“

„Sagt, nachdem ihr uns den Gott genommen habt, wer bietet uns in Zukunft Schutz?“
„Ihr Narren. Wovor hätte er euch je geschützt? Er ist vor Äonen aus den Tiefen des Weltalls hergekommen, um zu herrschen. Er hat eure Jungfrauen gefressen, weil ihr ihm den Tisch gedeckt habt. Zu fressen, nicht zu schützen, war sein Geschäft.“
„13. Trommler! Wir wollen, dass du seinen Platz einnimmst.“
„Um Himmels Willen, niemals!“

Folge 4 und Ende

No smoking

Seit ziemlich genau zehn Jahren rauche ich nicht mehr. Das Rauchen ist mir so fremd geworden, dass mir bei „ich rauche nicht mehr“ eine rauchende Steinkohlenhalde in den Sinn kam. Derlei Halden kann man in Kohlerevieren finden. Im Revier nördlich von Aachen etwa gibt es Halden, auf denen nichts wachsen mag, weil sie innerlich brennen, wegen der Kohlegase, die sich immer wieder entzünden. Ich hätte nichts gegen die Analogie, innerlich für etwas zu brennen, wollte aber nicht verrauchen und irgendwann ausgebrannt sein. Noch unschöner ist die Vorstellung von inwendigen, sich selbst entzündenden Gasen, von den brennbaren austretenden ganz zu schweigen.

Als Raucher habe ich Zigaretten gedreht, was mir das Beste am Rauchen war. Aus einer Packung Feinschnitttabak eine wohl portionierte Menge zu zupfen, in ein Zigarettenblättchen zu geben, um daraus mit den Fingern eine perfekte Zigarette zu drehen, hatte etwas Ästhetisches, an das Rauchen selbst nie herankam. Wer gerade für eine Liebste brannte, konnte ihr die fertig gedrehte Zigarette reichen und sie bitten, die Gummierung mit der Zungenspitze anzufeuchten. Aber man muss nicht alles noch toppen.

Wie geht es denn jetzt weiter im Text? Wenn mir früher der Gedankenfluss stockte, vielmehr sich staute, bin ich aufgestanden, habe mir eine Zigarette gedreht und rauchend aus dem Fenster geschaut. Es kann nicht ganz ungesund gewesen sein, weil es doch heißt: „Sitzen ist das neue Rauchen.“ Trotzdem habe ich aus medizinischen Gründen aufgehört zu rauchen. Es ist mir leicht gefallen. Natürlich hätte ich weiter Zigaretten drehen können, aber es wäre Ästhetik ohne Grund gewesen. Es ist jedoch nichts dabei, grundlos aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen.

In der Kur habe ich viele Elendsgestalten gesehen. Doch die trübseligste Versammlung von Jammergestalten fand sich am Fuß des Kurhauses im Unterstand für Raucherinnen und Raucher. Der Unterstand bot Schutz vor Wind und Wetter und war sogar ganz hübsch in der lindgrünen Hausfarbe der Klinik angestrichen. Trotzdem sprach der Chefarzt der Klinik von einer „dunklen Ecke“, wo medizinisch Unwägbares geschehe bis hin zur Ansteckung mit Covid 19 oder Affenpocken, weil alle so eng beieinander hocken. Aber was will man tun? Den Unterstand größer machen und so dem Rauchen neuen Freiraum zu verschaffen, das geht ja auch nicht. Kaum zu fassen, wie Orte des Genussrauchens mit großzügigen Rauchersalons und Raucher-Abteilen in Zügen verkommen sind zu solchen der sozialen Deprivation, über die nicht nur Chefärzte die Nase rümpfen. Sorry, ich muss grad Möhren schneiden, weil ich heute Linsensuppe kochen will. Einstweilen Musik:

Editors
Smokers Outside The Hospital Door

Über Brillen und Wahrnehmung

Früher war alles besser. Aber was nicht besser war, das war natürlich schlechter. Zuerst, was besser war: Als junger Mann hatte ich beim Sehtest eine Sehfähigkeit von 110 Prozent. Im Mittelalter meines Lebens fragte ich während des Unterrichts, wer wisse, aus welcher Zeit ein Gemälde sei, das im Lesebuch abgedruckt war. Ein Schüler nannte die Jahreszahl. Erstaunt fragte ich: „Woher weißt du das?“
„Es steht doch drunter!“, sagte er. Da fielen mir die 110 Prozent wie Schuppen von den Augen und mir wurde klar, dass ich eine Lesebrille brauchte. Es ist zwar hübsch, kleingedruckte Unterzeilen für graue Linien zu halten, aber grenzt an funktionalen Analphabetismus.

Etwas in mir wehrte sich gegen die plötzliche Überlast an Information. Gleich am ersten Tag des Brillenbesitzes habe ich mich auf die Brille gesetzt. Sie war platt. Weil ich meinem Hintern kein Mitspracherecht in Fragen der Weltwahrnehmung einräumen wollte, holte ich mir eine Ersatzbrille.

Gut zwanzig Jahre später besorgte ich mir auch eine Brille für die Fernsicht. Zum zweiten Mal wurde mir klar, dass unscharfes Sehen auch etwas Segensreiches hat. Der visuelle Kleinscheiß wird quasi automatisch weggefiltert. Mit Brille fühlte ich mich überfordert. Wenn auf dem Weg zum Bäcker schon tausend marginale Kleinigkeiten um Aufmerksamkeit buhlen, wird das Brötchenholen zur intellektuellen Herausforderung. Dabei ist doch klar, dass Wahrnehmung selektiv sein muss, um Handeln zu ermöglichen. Es muss ja nicht gleich der Tunnelblick sein. Dagegen hilft auch die schärfste Brille nicht, wenn der Blick von alltäglichen Erwartungen gesteuert ist.

Bei einem Bummel durch Hannovers City sah ich, dass das Karstadt-Gebäude leer steht. Erst das Bedauern über das Verschwinden dieses Kaufhauses ließ mich an der stirnseitigen nackten grauen Fassade hoch oben eine Zeigeruhr entdecken, die mir zuvor niemals aufgefallen war. Im Kleinen verhindern Erwartungen, eigene Tippfehler zu entdecken, und das trotz Lesebrille. Man selbst weiß ja, welches Wort da stehen soll, und da man als geübter Leser nicht buchstabiert, sondern Wortbilder erkennt, fallen geringfügige Abweichungen nicht auf.

Mancher wird fragen, „Ja, wann gibt es die Brötchen?“ „Was ist denn besser geworden, was früher schlechter war?“ Kürzlich war ich beim Optiker, um mir eine Ersatzbrille für Fernsicht zu besorgen. Nach der Vermessung der Sehfähigkeit teilte mir die Optikerin mit, auf dem rechten Auge habe sich die Sehfähigkeit um eine Dioptrie verbessert, also auf meinem, nicht auf ihrem.

Burtscheider Kursplitter 17 – Abschied von Burtscheid

Ich fahre mit der ASEAG zum Bahnhof, um etwas im Reisezentrum zu klären, treffe auf einen unwilligen Bahnmitarbeiter und muss unverrichter Dinge wieder abziehen. Da ärgere ich mich, dass ich mich habe abspeisen lassen und nicht nach seinem Vorgesetzen verlangt habe. Der Kerl behauptet, er könne mir aus Datenschutzgründen keine vorläufige Bahncard ausdrucken, obwohl ich nachweisen kann, dass die neue bereits bezahlt ist. Sie ist mir nur nicht rechtzeitig vor der Abfahrt zugestellt worden und liegt jetzt gut in meinem Briefkasten. Datenschutz vor wem, mir selbst? Also muss ich mich morgen bei der Heimfahrt eventuell mit dem Schaffner herumärgern. Ein Bettler eilt durch die Fußgängerzone und leiert pausenlos mit weinerlicher Stimme: „Hilfe für 20 Cent!“ Manchmal geht er so schnell, dass man ihm gar nichts geben könnte. Mein achtjähriger Enkel J. sagt: „Ich habe dem schon mal fünf Euro gegeben.“ Meine Tochter erklärt, eigentlich habe J. das Geld bekommen, weil er für sich und einen Freund ein bestimmtes Gimmick habe kaufen wollen. Da hatte ihn wohl das Mitleid übermannt. Plötzlich kommt der Bettler näher, wirft seine Jacke an die Mauer der Eisdiele, sinkt zu Boden und jammert herzerweichend: „Hilfe für eine Eiskugel! Hilfe für eine Eiskugel! Hilfe für eine Eiskugel!“
Die Serviererin geht zur Außentheke und lässt sich eine Eiskugel im Becher geben. Doch er ist schon aufgesprungen, schreit aggressiv: „Hilfe!“ und will davon. Sie ruft ihn zurück und gibt ihm den Becher. Er greift ihn achtlos und geht. „Man sagt danke!“, mahnt sie, „Danke für nichts!“, ruft er und eilt davon. Mein Enkel hat ihn genau beobachtet und sorgt sich, dass die Eiskugel aus dem Becher fallen könnte, weil der Bettler ihn nachlässig schräg gehalten hat. Die Serviererin kommt hinzu und sagt, der Bettler gehe ihr auf die Nerven. Sie wohne in der Nähe und höre ihn nachts um drei Uhr mit seiner Leier „Hilfe für 20 Cent!“ Wir erkennen, dass dem Mann nicht wirklich mit Almosen zu helfen ist, auch nicht mit Eis und fünf Euro. Meine liebste Therapeutin streckt mir zur Begrüßung und zum Abschied die kleine Faust entgegen. Leider wurde sie mir in den drei Wochen von der Therapieplanung nur einmal zugeteilt. Und einmal hatten wir bei der Medizinischen Trainingstherapie (MTT) Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Da berichtete sie stolz, am Wochenende erstmals 100 Kilometer mit dem Rennrad gefahren zu sein, da „Richtung Julich“ (Wir Einheimischen sagen Jülich) und weiter über Bergheim und so. Da war sie schon fast in meiner alten Heimat gewesen. Als Radsportler bin ich immer nur in die Gegend und weiter bis zum Rhein gefahren, wenn stabiler Ostwind herrschte, so dass ich bei der Rückfahrt nach Aachen geschoben wurde. Zounds! Mein Skalp schmerzt, als hätte sich jede Haarwurzel gegen mich verschworen, das undankbare Pack. Zuerst habe ich das salzige Thermalwasser in Verdacht, weil ich einmal aus Zeitmangel nicht geduscht habe nach der Wassergymnastik. Meine Tochter meint aber, es wäre wohl eher ein Sonnenbrand auf dem Schädeldach. Kann schon sein, denn ich habe eine Weile auf der Sonnenterrasse in der Sonne gesessen, und musste mir den Jammer einer goldbehangenen Achtzigjährigen anhören. Ohne mich überhaupt richtig wahrzunehmen, fragt sie, ob sie sich setzen dürfe, hebt das gramvolle Antlitz immer wieder vorwurfsvoll gen Himmel. Ihr Mann sei vor einem Jahr gestorben und sie sei damit noch nicht klar gekommen. Dann sei sie nach einer Hüftoperation gestürzt und habe sich die Schulter gebrochen. Das werde nie mehr so verheilen, dass sie sich selber waschen könne. Alles ist schlecht, die Schwestern und die Therapeuten verstehen ihr Handwerk nicht. Erst als sie ihr Handy aus der Gucci-Handtasche nimmt, sehe ich die Gelegenheit zu entfliehen. Folge Sonnenbrand. Mir scheint, dass Begnungen mit Reichen mir nicht bekommen. Gesund oder krank sind Egomane ein Übel.