Rojin

„Wissen Sie, was „kontemplativ bedeutet?“, fragte ich die junge Friseurin, nachdem ich eine Weile fasziniert im Spiegel beobachtet hatte, wie sie überlegt und verhalten mit der Schere Haar um Haar kürzte.
„Nein.“
„Kontemplativ“ meint, in eine Arbeit versunken zu sein. So schneiden Sie mir die Haare, kontemplativ.“
„Aber positiv?“, fragte sie und sprach wie sie schnitt.
„Absolut. Es ist ein Erlebnis.“
„Danke.“
Im Augenblick war sie durch meine Bemerkung abgelenkt. Dann glitt sie in die Versenkung zurück und widmete sich schweigend meinen Haaren.

Irgendwann sagte sie: „Das lohnt sich heute.“
Während sie mir vorsichtig den Bart stutzte, sagte ich: „Der Bart ist eine Herausforderung?“
„Man braucht Geduld“, erwiderte sie gelassen.

Beim Bezahlen bat ich sie um ihren Namen, damit ich bei der nächsten Terminvereinbarung nach ihr fragen könnte. Sie schrieb ihn mir auf: „Rojin.“
„Sind Ihre Eltern Iraner?“
„Nein, wir sind Kurden“, sagte sie nicht ohne Stolz.
Später schaute ich nach und fand: „Rojin ist kurdisch und bedeutet der Tag, die Sonne oder der Sonnenaufgang.“

Kurzes Behagen, Wirsing und eine überflüssige Faltung

Muss mich sehr wundern, dass die Fernsehanstalten sich sogenannte „Adelsexperten“ halten, in einem Land ohne Monarchie wohlgemerkt. Derzeit kriechen die Adelsexperten in Scharen aus ihren Löchern. Früher kannte ich nur Rolf Seelmann-Eggebert vom NDR, der ja glücklich im Ruhestand ist. „Adelsexperten“ berichten von einem Eiland, das „Aus-gut-unterrichteten-Kreisen“ heißt. Bei „Zeitung in der Schule“ wählten Schülerinnen „Gekrönte Häupter“ gerne als Langzeitthema. Sie schnitten Adelsberichte aus den Zeitungen aus und wurden im zarten Alter bereits durch Wörter wie „mutmaßlich“, „angeblich“, „anscheinend“, „aller Voraussicht nach“ verdorben.
Als ich letztens einen Wirsing aus nachbarschaftlichem Bioanbau aufschnitt, hatte er drei Bewohner, mir völlig unbekannte kleine dunkelbraune Käfer, deren Kosmos wohl dieser Wirsing war. Ich hätte gerne mehr über diese Welt erfahren und hoffe auf Nachricht aus gut unterrichteten Kreisen.
In Oldenburger Bussen des VBN muss man den Fahrschein längs falten, damit er in den Schlitz des Entwerterautomats passt. Was Oldenburger und Oldenburgerinnen wie selbstverständlich tun, entlarvt einen gleich als bloody tourist, denn mir musste das die Busfahrerin sagen. Eine Faltanweisung steht freilich auch auf der Vorderseite. Ohne Faltanweisung könnte das Ticket schmal genug für den Automaten sein. Es ließe sich die Hälfte des Papiers sparen.
Schopenhauer hat es schon beobachtet: „Wenn der ganze Leib gesund, aber irgend eine kleine Stelle wund ist, oder sonst schmerzt, so tritt die übrige Gesundheit des Leibes weiter nicht ins Bewusst sein, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig auf den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet, und das Behagen der gesammten Lebensempfindung ist aufgehoben. (…)“ [Orthografie und Zeichensetzung nach dem Original]
Ich habe mir, indem ich ausrutschte, das Schienbein an der Duschwanne aufgeschrammt, was auch nach zwei Tagen ziemlich schmerzhaft ist. Doch beim intensiven Schreiben gelingt es, das zu vergessen. Leider fallen mir derzeit nur kurze Texte ein und mein „Behagen“ ist flüchtig.

Rübendarwinismus

Die junge Witwe erhebt sich im Morgengrauen und geht hinab in die Wohnküche. Sie stellt eine Zinkschüssel in den Spülstein und lässt Wasser einlaufen für eine eilige Katzenwäsche. Dann zieht sie sich an, holt Brot, Butter, Milch und Marmelade von einem Ablagebrett über der Kellertreppe. Ein erdiger, kühler Hauch weht ihr aus der Kellerschwärze entgegen. Er hält die Lebensmittel frisch und verleiht ihnen Würze. Sie deckt den Tisch für die drei Kinder und isst zwischendurch ein Brot. Dann geht sie hinauf ins Schlafzimmer, wo die Kleinen noch im halbverwaisten Ehebett schlafen. Wie winzig sie in den großen Betten wirken, zusammengerollte kleine Körper unter der Bettdecke. Beide lutschen noch am Daumen. Sie weckt die Kinder, trägt das kleine Mädchen auf dem Arm hinab, und der Junge torkelt verschlafen hinter ihr her. In der Wohnküche fährt sie ihnen mit einem nassen Waschlappen durchs Gesicht und hilft beim Anziehen. Die beiden müssen sich beim Essen beeilen. Wie langsam kaut der Junge. Kein Wunder, dass er nicht richtig wächst. Während er noch dasitzt und lustlos mahlt, trägt sie seine Schwester hinüber in die andere Straße, wo die Großeltern wohnen. Wie sie zurück ist, weckt sie den Großen und sagt ihm, dass er am Mittag bei der Großmutter essen soll. Sie geht wieder hinunter, zwingt den Kleinen, sein Milchglas zu leeren, zieht ihm die Joppe an und die verhasste Wollmütze über die Ohren.

Der Morgen ist noch frisch. Sie gehen zum Gehöft auf der anderen Straßenseite. Auf dem Hof stehen andere Frauen wartend beieinander. Bauer und Knecht spannen den Anhänger an den Traktor. Der Bauer legt den Rückwärtsgang ein, lässt die Kupplung kommen und ruckelt auf die schwere Deichsel zu, bis sie mit dem Zapfenloch in der Anhängerkupplung liegt und der Knecht den Zapfen einstecken kann. Dann lässt der Knecht die hintere Klappe des Anhängers herunterfallen. Es liegen Strohballen auf der Pritsche, damit die Frauen bequem sitzen können. Sie klettern der Reihe nach hinauf. Der Bauer packt den Jungen und hebt ihn hinterher. Wortlos. Noch nie hat er ein Wort an dieses Kind gerichtet. Wozu auch.

Aus dem Haus kommt die Bäuerin mit der Magd. Sie schleppen eine große Milchkanne mit heißem Milchkaffee, einen Korb mit eingewickelten Butterbroten und stemmen den Proviant hoch zu ausgestreckten Händen. Dann schwingt sich der Bauer in die Sitzschale seines Traktors und steuert das Gespann durch das Hoftor auf die Straße. Der Knecht sitzt neben ihm auf dem Radkasten.
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Vorsicht klebrig!

Dem Menschen sind in seinem Leben mancherlei Orte, Dinge, Sachverhalte und Personen geläufig. Doch gelegentlich endet eine Geläufigkeit, mal geplant, mal ungeplant. Gerade das ungeplante Enden einer Geläufigkeit beschäftigt mich. Im jeweils gegenwärtigen Augenblick weiß man nicht, dass man dies oder jenes zum letzten Mal tut oder erlebt. Da läutet keine Handglocke und zeigt das Ende einer Ära an. Folglich rückt das Ende einem kaum oder gar nicht ins Bewusstsein. So muss ich beispielsweise vor mehr als einem halben Jahrhundert das letzte Mal Rübenkraut gegessen haben, ohne zu ahnen, dass es für lange Zeit aus meinem Leben verschwinden wird.

Kürzlich bekam ich ein Glas Rübenkraut geschenkt, und heute habe ich Rübenkraut auf ein Milchbrötchen getan. Ich war gespannt auf den Geschmack und ob er eine Erinnerung wachrütteln würde.

In meiner Kindheit war Rübenkraut, schlicht „Kraut“, ein preiswerter Brotaufstrich. Man aß es auch auf Reibekuchen. Zunächst wundere ich mich über das Wort Kraut, denn es wird ja nicht aus den krautigen Blättern der Zuckerrüben gewonnen, sondern aus der Zuckerrübe selbst. Zuckerrüben hatten für mich in meiner Kindheit schon Bedeutung. Nach dem frühen Tod meines Vaters arbeitete meine Mutter gelegentlich beim Bauern. Ich musste sie oft aufs Feld begleiteten, beispielsweise zum Rübeneinzeln. Dabei rutschten die Frauen auf Knien durch die Planzreihen und fuhren mit der Hacke durch die sich gerade aus der Ackerkrume reckenden Pflänzchen, um nur das größte stehenzulassen.

Ich kenne die Zuckerrübe von klein auf, sah die Knollen gehäuft am Feldrand, erinnere mich an die Rübenkampagne im Herbst, wenn die Traktorgespanne den Schlamm der Felder auf den Straßen verteilten, kenne den schwach süßen Geschmack der rohen Rübe, weiß, wie ihre ausgepressten, getrockneten Schnitzel schmecken, die wir Kinder zu essen versuchten, obwohl sie eigentlich Viehfutter waren. (Foto: JvdL)

Heute Morgen aß ich nach langer Zeit wieder Rübenkraut. Man muss sich dabei mehr vorsehen als beim Honig, sonst klebt einem der zuckersüße Sirup überall. Natürlich erkannte ich den Geschmack wieder, glaubte aber, dass der leicht bittere Unterton von einst fehlte.

Die Digitalisierung der Vorahnung

Als hätte ich nie Vorahnungen gehabt. In den 1980-er Jahren schrieben zwei Freundinnen und ich uns rege hin und her. Die eine hieß Christine, die andere Susanne und waren ihrerseits befreundet. Christine studierte in Wien, Susanne in Berlin. Wir schrieben uns lange, mehrseitige Briefe mit der Hand über Themen, also keinen Beziehungskram. Meine Frau nahm das locker. Sie pflegte meine Post auf die Küchenfensterbank zu legen. Wenn ich von der Schule nach Hause radelte, ahnte ich, dass da Post für mich liegen würde.

Zu jener Zeit drängte es mich, Cartoons oder Texte an diverse Redaktionen zu schicken, nach Frankfurt zur TITANIC, nach Hamburg zur ZEIT. Man sandte mir anfangs freundlich formulierte Formblätter, von ungenannten Redaktionsmitarbeiterinnen in einen Umschlag gesteckt. Ich brauchte viel Frustrationstoleranz, bis ich in die Liga aufstieg, dass mir Redakteure frei formulierte Briefe schickten, woraus sich ergab, warum man die Einsendung nicht drucken wollte, später dass, wann und wie man sie ins Heft heben würde. Auch diese Briefe ahnte ich voraus. Wie das funktioniert, kann ich nicht erklären. Sehnlichst erwartete Ereignisse wie eine Briefantwort kündigten sich mir aus der nahen Zukunft an.

Nur einmal versagte meine Ahnung. Ich hatte eine ganzseitige kalligrafische Arbeit an die Zeit geschickt und fand eines Tages eine Antwort der Redaktion vor. Da frohlockte ich ob der Tatsache, dass ich nicht die Arbeit zurückbekam, sondern ein Brief auf der Fensterbank lag. Es war trotzdem eine Ablehnung. Die Versandrolle mit meiner Arbeit hatte der Postbote bei meiner Nachbarin abgegeben. Getrennte Sendungen zu einem Sachverhalt unter Einbeziehung der Nachbarin waren wohl zu kompliziert für meine Vorahnung.

Gestern erreichte mich ungeahnt eine E-Mail von GMX:

    „haben Sie schon die Briefankündigung aktiviert? Indem Sie kostenlos über Briefe, die Ihnen gerade zugestellt werden, informiert werden, bleiben Sie stets auf dem Laufenden über Ihre Post. Noch mehr Online-Infos über Ihre Post erhalten Sie mit der ebenfalls kostenlosen Zusatzfunktion „Digitale Kopie“, die es ermöglicht verfügbare Briefinhalte auch als PDF-Anhang zu bekommen.“

Nanu? Wie soll das gehen? GMX erklärt:

    „Ganz einfach: Heutzutage werden einige Briefe, z. B. von Banken oder Versicherungen bereits digital bei der Post eingeliefert, dort gedruckt und verschickt. Diese digitale Version können Sie jetzt als „Digitale Kopie“ anfordern. Dann erhalten Sie zusätzlich zum Umschlagbild eines Briefes auch den Inhalt als PDF.“

Gut zu wissen wie die Digitalisierung der Vorahnung funktioniert. Wo aber bleibt das Postgeheimnis, wenn Anbieter wie GMX in die Geschäftspost schauen? Offenbar gilt das erst, sobald ein Brief in einem geschlossenen Umschlag steckt. Vorher darf die Post Inhalte von Geschäftsbriefen an GMX verkaufen. Eigentlich skandalös. Ich möchte das nicht. Meine rein private Vorahnung reicht mir.

Geht so – Cuxhaven-Duhnen

In Cuxhaven sind wir abends an der Kneipe Aale Peter vorbeigekommen. Die Schwäbin und ich haben nacheinander hineingeschaut. Ich war überrascht, dass es die Kneipe noch gibt und Aale Peter sich in 12 Jahren kaum verändert hat. Im November 2010 bin ich nämlich schon einmal in Cuxhaven gewesen, mit einer anderen Frau und bei anderen Temperaturen, es war nämlich heiß diesmal und damals bitter kalt. Diesmal war uns die Kneipe zu voll. Vor dem Lokal waren lange Tische aufgestellt, und auch daran saßen die Leute dicht an dicht, obwohl man, wenns abends noch tropisch warm ist, keine Tuchfühlung haben mag, zumal die Leute das meiste Tuch zu Hause gelassen hatten.

Im Jahr 2012 war es nämlich so gewesen, dass uns der Hotelier unseres Hotels in höchsten Tönen von Aale Peter vorgeschwärmt hatte, der sei so lustig, quasi der lustigste Mann von Cuxhaven-Duhnen. Wir müssten unbedingt seine Kneipe besuchen, um uns die Lustigkeit um die Ohren hauen zu lassen. Wir waren skeptisch gewesen, aber weil Cuxhaven-Duhnen im November fast nur von gelangweilten Rentnern bevölkert ist und sonst wenig zu bieten hat, sind wir aus ethnologischem Interesse eingekehrt. Wer mag, kann den launigen Forschungsbericht über Cuxhaven-Duhnen und aus der Kneipe Aale Peter hier im Teppichhaus Trithemius lesen und bekommt einen Eindruck, wie ich geschrieben habe, bevor mich der Schlaganfall zurechtgestutzt hat. Inzwischen bin ich selbst, weiß man ja, bei dem Wort verweigert sich mir der Tippfinger. Immerhin ist „RENTNER“ ein Wortpalindrom, was eine unauflösbare Endgültigkeit zeigt, einmal Rentner, immer Rentner von hinten wie von vorn.

Wir sind also diesmal nicht eingekehrt. Der andere Teil unserer Gruppe, das schwäbische Paar und dessen aparte 26-jährige Tochter hatten schon vorsichtigen Abstand gehalten. Meine Schwäbin aber sagte nachher, sie habe mit Aale Peter einen intensiven Blickkontakt gehabt. ZOUNDS! Zum Glück sind wir nicht hineingegangen. Der Mann hat mal im Bordell gearbeitet. Wir sahen uns später aus sicherer Entfernung einen von Aale Peter gespielten Witz auf Youtube an, den hier: „Der eine geht so, der andere so“

Eine Furcht, stärker als der Mutter Hand

Ohne Erlaubnis ist ein Wanderer im unwegsamen Gebirge meiner Erinnerung unterwegs. Manchmal löst sich ein Brocken unter seinem Fuß, poltert herab und trudelt durch mein Bewusstsein. Da erinnere ich mich plötzlich an ein Erlebnis, bei dem ich etwa fünf Jahre alt war. Meine Mutter fuhr mit mir und meiner Sandkastenfreundin Josie mit dem Zug zu einem Verwandtenbesuch an die Mosel. Es waren Josies Verwandte. Josies Mutter stammte aus dem kleinen Moseldorf Ernst. Es gibt ein verschollenes Schwarz-weiß-Foto, so eines mit dem geriffelten weißen Rand. Meine Mutter in der Mitte trägt einen weiten Rock, eine Jacke und einen kecken Hut. Sie hat links und rechts Josie und mich an der Hand.

Gerade frage ich mich, wer das fotografiert hat. Vielleicht ist das Foto eines jener falschen Erinnerungen, die sich gerne mit richtigen verbacken, so dass ein nicht aufzulösendes Konglomerat entsteht.

Es war für mich die erste Fahrt mit der Eisenbahn. In Koblenz mussten wir umsteigen. Wir gingen durch eine belebte Unterführung, als uns ein Soldat oder Polizist in Uniform entgegenkam. Plötzlich bekam ich große Angst. Ich riss mich von der Hand meiner Mutter los und rannte weg. Warum der Uniformierte mich so ängstigte, weiß ich nicht. Böse Zungen könnten vermuten, dass ich wohl bereits im Kindergarten ein kleiner verstockter Verbrecher war, der die Polizei fürchten musste. In Wahrheit habe ich im Leben nur wenig mit der Polizei zu tun gehabt. Einmal, mit 19 Jahren wurde ich vorgeladen, weil ich in der Druckerei Fehldrucke von Fahrscheinen der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) an mich genommen hatte. Ich gab an, ich hätte ein einziges Blöckchen genommen, um daraus eine Collage zu gestalten, denn Leute vom grafische Gewerbe sähen in den Drucksachen einen anderen Wert als deren Auftraggeber. Die Sache wurde fallengelassen. Meine Furcht vor Soldaten war begründeter. Niemand versieht das Kriegshandwerk, niemand tötet seine Mitmenschen, ohne innerlich abzusterben. Folglich bin ich Kriegsdienstverweigerer.

An die Mosel gelangten wir damals doch, trafen wohl erst im Dunkeln ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und sah vor dem Fenster eine Nebelwand. Als es heller wurde, verwandelte sich die Nebelwand in einen direkt hinterm Haus aufragenden Weinberg. Nie zuvor hatte ich einen derartig steilen Berg gesehen. Und dass ihm erlaubt war, so dreist gegen das Haus vorzurücken, war mir unbegreiflich.

Als Jugendlicher nächtigte ich mit Freunden in der Jugendherberge des Moselstädtchens Cochem. Josies Bruder Werner war auch dabei. Wir beschlossen, nach Ernst zu seinen Verwandten zu trampen. Eine Gruppe um Werner fand zuerst eine Mitfahrgelegenheit. Wir folgten wenig später nach. Ich erinnerte mich, dass die Verwandten Göbel hießen. Wir fanden im Ort eine Bäckerei, eine Metzgerei, einen Gasthof, ein Weingut Göbel, aber unsere Freunde waren verschwunden.

Gestörte Briefzustellung

Komplizierte Welt. Ich möchte unter Mitzi Irsajs Text „Nichts hinterfragen“ kommentieren und darf nicht. Als ich den Kommentar absenden will, poppt eine Anmeldemaske auf und die Nachricht, ich wäre unter meinem Namen nicht angemeldet. Ich bins aber, sonst könnte ich ja hier nichts veröffentlichen. All meine Versuche, werden nicht akzeptiert, bis ich ganz rausgeschmissen werde, weil ich die Anzahl der Versuche überschritten hätte. Der Kommentar ist natürlich auch weg. Zwar habe ich ihn vorsorglich in der Zwischenablage gespeichert, doch von da flutschte er in den digitalen Orkus. Mitzi wird denken, jetzt habe ich so einen klugen Text über Glücksmomente geschrieben, und der Klotz kommentiert nicht.

Dabei achten wir gegenseitig darauf, die Aufmerksamkeit zwischen uns zu bewahren. Es ist eine Kommunikationsstörung, für die ich nichts kann. Ich weiß nicht, wie viele Sozialbeziehungen an derlei Kommunikationsstörungen kranken. Mir fällt der Fall der Frau ein, die aus Kummer und Enttäuschung mit 18 Jahren ins Kloster eingetreten ist, weil ein sehnlichst erwarteter Brief ihres Liebsten ausblieb. Als man nach 50 Jahren das Postgebäude abriss, fand man den Brief zwischen den Dielenbrettern, wo er wohl hingerutscht war. Da war es der Nonne auch egal. Sie hatte ihr Glück anderweitig gefunden.

Wenn Technik im Spiel ist, muss man immer mit Kommunikationsstörungen rechnen. Sogar die Sprache ist so etwas wie ein technisches Hilfsmittel der Verständigung. Natürlich darf man mit dem Wort Technik keinen Stabilbaukasten assoziieren, sondern es geht um die Kenntnis von Verfahrensweisen und die Fähigkeit sich derer zu bedienen. Mit Sprache versucht der Mensch seine komplexe Erlebnis- und Gefühlswelt für andere nachvollziehbar zu übersetzen. Da er sich nicht mal mit der eigenen Erlebnis- und Gefühlswelt richtig auskennt, gelingt ihm die Übersetzung nur unzureichend. Dauernd rutschen ihm Briefe in Dielenritzen. Und fingert man sie hervor, sind sie in Teilen unleserlich und missverständlich. Kompliziert, sag‘ ich doch.

Sich auskennen – eine schwindende Kulturtechnik

Wenn sich der Aachener irgendwo nicht auskennt, dann sagt er: „Hier kenn‘ ich mich nicht.“ Durch die fehlende Präposition „aus“ wird die Blickrichtung verändert, weg vom geografischen Umfeld auf den Sprecher. Mir scheint, dass mit „hier kenn ich mich nicht“ ziemlich gut der innere Zustand beschrieben wird, in dem sich befindet, wer in fremder Umgebung unterwegs ist. Wer sich gewöhnlich in einem vertrauten Streifrevier bewegt, erlebt sich auf befremdliche Weise, in der er sich nicht kennt. Man fühlt sich orientierungslos und verunsichert. In diesen Zustand geriet ich vergangenen Samstag per Fahrrad auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier in einem Schrebergarten.

„Guten Tag, wo ist denn hier die Constantinstraße?“, frage ich den jungen Vater, der gerade sein Baby in der Trage aus dem Auto gehoben hat.
„Kann ich Ihnen gleich sagen“, sagt er und stellt die Trage ab.
Dann holt er sein Smartphone hervor und indem er fragt:
„Mit C oder K?“,
„Mit C“, gibt er „Constantinstraße“ ein. Ich hatte nicht vorgehabt, ihm so einen Aufwand abzuverlangen, dass er sein gutes Kind in den Staub stellen muss, sondern hatte ganz naiv gedacht, er könnte mir den Weg aus der Erinnerung an eigene Ortskenntnis sagen, denn die gesuchte Straße muss ganz in der Nähe sein. Freilich kann er auf seinem Smartphone einen Schleichweg durch ein ausgedehntes Schrebergartengelände ablesen, der mich exakt an das Ziel meiner Verabredung bringt: zum Parkplatz am anderen Ende des Geländes.

Sich auszukennen, ist offenbar nicht mehr nötig. Google Maps ist da präziser. Innere Landkarten der näheren Umgebung werden nicht mehr angelegt, im Bewusstsein, jederzeit auf die Navigation-Applikationen zugreifen zu können. Man muss sich nicht mehr in der Gegend auskennen. Es reicht, sich auf dem Smartphone auszukennen, zu wissen, wo man die Navigations-App findet und wie sie zu bedienen ist. In den unerfreulichen Zustand, sich wie der Aachener „nicht zu kennen“, gerät nur, wem die technische Hilfe versagt, was bekanntlich nie vorkommt. Darum geht, sich auszukennen verloren wie die Handschrift und die Fähigkeit des Kopfrechnens.

Später unterhielt ich mich mit einem Mitglied des Fahrradclubs ADFC über das Lesen von gedruckten Landkarten und dass auch diese Kulturtechnik bald überflüssig sein wird. Er sagte, im Gegenzug würden die Landkarten immer weniger Informationen enthalten. Auf meine erstaunte Nachfrage, ergänzte er, früher seien beispielsweise noch Überlandleitungen eingezeichnet gewesen.

Die schwindende Informationsdichte bei Landkarten ist plausibel. Denn die Informationen bei den diversen Institutionen und Unternehmen einzuholen, ist ein Kostenfaktor. Die Auflagen von gedruckten Karten sinken. Daher müssen Kosten gespart werden.

„Frauebrür“ – Das schmackhafte Frauenbrötchen

Kaum ein Beitrag im Teestübchen in letzter Zeit bekam soviel Resonanz wie die beiden Butterbrottexte. Das verzeichne ich mit leisem Bedauern, denn andere Themen liegen mir mehr am Herzen. So zweifelte ich tagelang, ob ich den Text „Auf ein Butterbrot“ überhaupt veröffentlichen sollte. Inzwischen hat sich aus den beiden Texten aber neben dem Kulinarischen auch ein interessanter sprachlicher Gesichtspunkt ergeben, so dass ein Update nötig wurde. Anlass für alles war ja eine Frühstücksgewohnheit, die meine Lebensgefährtin wunderlich fand, nämlich das Deckeln einer Brötchenhälfte mit einer Scheibe Schwarzbrot. Sie glaubte, das „weltweit“ noch nirgends gesehen zu haben, während ich wusste, dass diese Deckelung im Rheinland bekannt ist. Ich bin sicher, dass ich mir die Deckelung nicht ausgedacht habe, sondern dem Vorbild meines älteren Bruders gefolgt bin. Die Behauptung im vorigen Text, ich hätte die Welt um gedeckelte Brötchenhälften bereichert, bezog sich nur scherzhaft auf die Bemerkung der Schwäbin.

In Aachen hat ein solches Brötchen sogar einen Namen: „Frauenbrötchen.“ Das spezielle Brötchen hatte ich mir in der Kur beim Frühstück geschmiert und wurde von einer Tischnachbarin belehrt, dass mein Brötchen in Aachen „Frauenbrötchen“ genannt wird. Sie wusste auch eine Erklärung zu geben, die ich nicht ganz plausibel fand, zumal ich in 25 Jahren meiner Aachener Zeit nie davon gehört hatte. Auch der rührige Aachener Kollege Peer van Daalen kannte es nicht. Den ersten Hinweis gab Kollege Noemix. Er hatte auf der Seite „Frag Mutti“ den Hinweis einer Annegretn gefunden: „Das nannte man in den 50er/60er Jahren im Rheinland „Frauenbrüderchen.“ Quelle Noemix verwies hellsichtig auf die lautliche Ähnlichkeit von „Frauenbrötchen“ und „Frauenbrüderchen.“ Aufklärung brachte G.Cüsters, ein mir bislang unbekannter Teestübchenbesucher in folgendem Kommentar:

    „Als von den Großeltern „e Oche“ aufgezogenes Blag bin ich des Öcher Platts sowohl passiv als auch aktiv mächtig. „Frauebrüüdche“ hab ich auch immer verstanden und mir ewig mit „Frauenbrötchen“ übersetzt. Diese Gewissheit kam, ich weiß nicht mal mehr, wann und wie, eines Tages ins wanken.Inzwischen habe ich einen anderen, durchaus plausibel klingenden Ansatz:
    zwischen Kasernenstraße und Im Mariental, wo sich früher mal das Arbeitsamt befand, gibt es eine kurze Straße mit dem Namen „An den Frauenbrüdern“. Bei besagten Frauenbrüdern handelt es sich um Ordensbrüder der Karmeliter, die im Volksmund bspw. auch in Köln genau so genannt wurden. Das Ordenskleid dieser Mönche besteht aus einem weißen Chormantel mit einem braunen Skapulier darüber, was ein bisschen an eine Tafel Kaffee-Sahne-Schokolade erinnert. Diese Farbkombination findet sich in der Kombination des halben Brötchens mit dem Schwarzbrot wieder. Nach meinem Dafürhalten handelt es sich also eher um ein „Frauebrüerche“, also ein „Frauenbrüderchen“. Ich lasse mich da aber auch gerne eines besseren belehren.

Nicht nötig, lieber G.Cüsters. Vielen Dank für den erhellenden Hinweis! Tatsächlich fand ich dazu den Beleg in Will Hermanns; Aachener Sprachschatz, 1970, fotomechanischer Nachdruck 1992. Ich hätte gleich mal nachschlagen können.

Das „Frauenbrötchen“ ist demnach ein Wort der Volksetymologie. Nicht mehr Verstandenes wird lautlich verfälscht und bekommt eine neue Plausibilität. Die Erklärung der dicken Frau könnte sogar ihre eigene sein. Volksetymologie ist ein wesentlicher Motor der Sprachentwicklung. Selten hilft es gegenzusteuern, wie ich am Beispiel „Halbschwarz“ schon zeigen konnte. Ob es nun korrekt „Frauebrür“ oder volksetymologisch „Frauenbrötchen“ heißt, Hauptsache es schmeckt!