Postmann

Auf dem Weg zum Bäcker begegnete mir erneut der Briefträger von der Citypost. Er schob sein blaues Postrad über den Bürgersteig. Der Mann rührt mein Herz. Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der von einer derart dunklen Wolke der Traurigkeit umweht ist. Bevor wir einander passierten, schlug er wie üblich die Augen nieder. Doch die Sonne schien, ich war guter Dinge und dachte, warum nicht mal freundlich grüßen, um ihm die Wertschätzung zu zeigen? In seinen gesenkten Blick sagte ich arglos: „Guten Morgen!“ und erschrak vor seiner Antwort. Sein „Guten Morgen“ klang so jämmerlich und so hart am Weinen, dass ich fürchtete, ihn aus der Fassung gebracht zu haben.

Da dachte ich, der trägt so schwer an seinem Los und jetzt wie zum Hohn muss er meinetwegen auch noch „guten Morgen“ sagen? Das lasse ich in Zukunft besser. Doch während ich mein Frühstück bereitete, fiel mein Blick auf den Spielplatz, wo er unter der blühenden Kirsche auf der Bank saß und pausierte. Dabei versenkte er sich wie üblich in einer Zeitung. Was wird er wohl lesen?

    „Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt Billiglohnsektor sittenwidrig“ oder
    „Bundesverdienstkreuz für Postboten der Citypost“ ?

In einer besseren Welt.

Bagatelle – Wo Weckeruhren reden

In der Nacht, in der ich nicht schlief, mich nur unruhig im Bett herum wälzte, in jener Nacht stellte ich plötzlich fest, dass der Stecker meiner Nachtlampe gezogen war. Er lag nutzlos am Boden, so dass ich im Notfall nicht Licht machen konnte. Ich lag grübelnd da, wer das wohl getan haben mochte. Ob es aus Bosheit geschah? War es der Auftakt gewesen zu einer lichtscheuen Schandtat, die ich in letzter Sekunde vereitelt hatte? Mich beunruhigte, dass mir entgangen war, wie sich jemand neben meinem Bett zu schaffen gemacht hatte. Dann raffte ich mich auf und schob den Stecker wieder in die Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschrank. War es nötig, Licht zu machen? Sollte ich mich überzeugen, dass ich allein im Zimmer war? Darüber muss ich wohl eingeschlafen sein.

Ich erwachte aus unruhigem Schlummer. Durch den Vorhangspalt sickerte der junge Morgen. Ich richtete mich auf und stellte meine Füße auf den Teppich. Um mich herum schien alles in Ordnung zu sein. Nicht sogleich dachte ich an die leere Steckdose und den gezogenen Stecker. Zuerst musste ich mich in dem Durcheinander im meinem Kopf zurecht finden. Aha, ich bin also kein Seehund, sondern der und der, habe kaum geschlafen, erst auf Morgen zu, draußen ist die Stadt, mit der ich langsam vertraut werde. Ich höre die üblichen Geräusche. Gleich habe ich einen Termin. Ich hole den Wecker aus der Schublade und sehe nach der Uhrzeit. Den hatte ich in der Nacht wieder zwischen meine Socken legen müssen. Anfangs war er ganz leise gewesen, und ich hatte ihn gekauft, weil er nicht tickte. Doch inzwischen hat er zu flüstern begonnen, flüstert unentwegt „BagatelleBagatelleBagatelle“ und zwar so schnell nur ein Automat flüstern kann, mindestens dreimal in einer Sekunde, eigentlich aber diese Zeiteinheit missachtend. Es könnte durchaus sein, dass nur zweieinhalb Bagatellen in die Sekunde passen, die letzte etwa bis „Baga“ oder „Bagatel“, mit oder ohne Doppel-L. Diese komplizierten Überlegungen hielten mich eine Weile gefangen, so dass ich erst später einen Kontrollblick auf die Steckdose an der Wand zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen warf.

Sie war weg. Es gab dort keine Steckdose. Das weiße Kabel der Lampe verschwand hinter meinem Bett und steckte verborgen in einer am Boden liegenden Doppelsteckdose. Ich hatte die Verkabelung selbst verlegt, als mein neues Bett aufgebaut war. Denn zwischen dem leicht schrägen Kopfende des Bettes und der Wand befindet sich ein Spalt, in dem gerade Platz genug ist für Kabel und Doppelsteckdose. Von ihr bekommen auch zwei Wandleuchten links und rechts des Kopfendes bei Bedarf Strom.

Jetzt stehe ich vor der Frage, ob ich nach der unruhigen Nacht in meiner vertrauten Welt aufgestanden bin, die genug Ordnung und Symmetrie hat und sauber verkabelt ist, so dass ich im Bett liegend sogar zwei Lichtschalter bequem erreichen könnte, ob ich aber in der Nacht ganz woanders war, in einer Welt der leisen Bedrohung, in der ich eine Steckdose zwischen meinem Bett und dem Nachtschränkchen und nächtliche Besucher habe, die mir den Stecker aus der Dose ziehen und mir schaden wollen. Das zu akzeptieren, fiele mir nicht schwer. Für die Konstanz der Welt, in der wir leben, gibt es keinen Beweis, nur den Glauben, dass sie so ist, wie wir sie erleben. Fatal wäre es nur, wenn zwischen diesen meinen Welten eine Art Pendeltür bestünde, und ich könnte ungewollt hindurch fallen in einer unruhigen Nacht.

Einiges über einiges

Vorrede – Die man getrost überspringen kann

Es gab eine Zeit, einige Jahre ist das her, da habe ich täglich geschrieben, was nicht etwa bedeutet, ich hätte nur irgendwo rumgesessen und etwas in mein Notizbuch, das ich immer bei mir hatte, wenn ich es nicht zu Hause hatte liegen lassen, wobei mein Zuhause damals in Aachen war, hineingekritzelt, wie vielleicht böse Zungen behaupten würden, kämen sie hier zu Wort, sondern ich habe sauber abgetippte Texte, gelegentlich auch selbst fotografierte oder selbst geklaute Bilder, Bildmontagen oder eigens erstellte Gif-Animationen, ja, sogar bei YouTube hochgeladene selbst gefilmte und geschnittene Videos in meinem Blog, das bekanntlich Teppichhaus hieß und aus drei Filialen bestand, die zu verschiedenen Zeiten jeweils das Haupthaus waren, wie jetzt dieses Teestübchenblog, in dem Sie, werter Leser gerade versuchen, sich durch ein Satzungeheuer zu wühlen, das Haupthaus ist, wo ich derzeit die meisten Leser habe, wobei ich die Leserinnen nur nicht erwähne, weil mich keiner einen Sexisten schimpfen können soll, indem er behauptet, ich würde die Leserinnen gezielt ansprechen, was sozusagen eventuell sexuelle Belästigung sein könnte, man weiß es nicht, denn im Internet wirken Texte ja viel unvermittelter, suchen sich den Weg direkt ins Stammhirn, unter Ausschaltung der Logik und der Vorsicht, wozu speziell allen Leserinnen hier mal ausdrücklich angeraten sei, also zur Vorsicht, dass sie sich der Logik zu bedienen verstehen, versteht sich von selbst und wird keinesfalls in Zweifel gezogen, denn das Stammhaus auf der versunkenen Plattform Blog.de hatte einst die eifrigste Leserschaft, was mich ungemein motivierte und dazu brachte, dort gut 1400 Postings zu veröffentlichen, veröffentlicht.

Hauptteil – In dem es um etwas Geheimes geht
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Vom Paarlaufen

Manche Paare, wenn sie jung sind und Hand in Hand daherkommen, gehen im Gleichschritt. Manche gehen im gleichen Rhythmus, aber spiegelschrittig. Mir scheint das die bessere Weise zu sein, wenn man in Eintracht miteinander schwingen will, denn indem sie spiegelbildlich gehen, ergänzen sie sich. Gleichschritt wirkt angepasst, symbiotisch und hat etwas Militärisches.

Ein anderes Paar, er mit weißen Dauerwellen und einem langen schwarzen Mantel aus teurem Tuch, sie mit schwarzer Bolerojacke über dem Cocktailkleid, geht seitlich versetzt, sie etwa einen halben Schritt hinter ihm. Sie ziehen eine Diagonale über den Platz, als wäre ein gut fünf Meter langes, unsichtbares Band zwischen ihnen gespannt, ein Band wie der magische Faden Gleipnir, mit dem die Asen den Fenriswolf gefesselt haben. Da gibt es die Erlösung erst beim Weltenbrand. Er hält den Kopf gesenkt, mehr ein Haupt, sie schaut zu Boden, was gewiss ein Unterschied ist, denn während sie den Blick auf die Myriaden Steinchen zu ihren Füßen richtet, scheint er in Gedanken versunken, so als er betrachte er ein inneres Bild. Das wird eine Szenerie aus dem Berufsleben sein. Andere Wichtige wie er schauen auf einen Plan, den sie gemacht haben und prüfen seine Tauglichkeit.

Sie dagegen zwingt sich gerade ein wenig Würde ab, mit ihren hohen Pumps stabil durch den Kies am Boden zu gehen, dass es nicht zu staksig aussieht. Was eine Frau denkt, soll für den Mann ja ein Rätsel bleiben. Angenommen, sie dächte an ihre teuren Schuhe und den Kies, dann wäre ihr Denken dem seinen überlegen, denn sie wäre im Hier und Jetzt, er aber weiß gar nicht so recht, wo er ist, sieht nicht einmal die Sonne über dem Maschpark und das Grünen und Aufsprießen ringsum.

Ich steige auf mein Rad und fahre an der prachtvollen Freitreppe des wunderlichen Rathauses von Hannover vorbei Richtung Heimat.

Warum ich das interstellare Reisen aufgegeben habe

Wer sagt, dass man im vorgerückten Alter seine Verhaltensweisen nicht mehr ändern kann? Zeit meines Lebens habe ich mir etwas abgeschaut von Menschen, die mir nahe standen. So auch von meiner neuen Lebensgefährtin. Bevor ich sie kannte, habe ich beispielsweise den Abwasch prokrastiniert. Ich hatte Tricks, mich zu überlisten. Wenn ich kein sauberes Geschirr mehr hatte, so dass es unumgänglich wurde zu spülen, ich aber trotzdem unwillig war, obwohl mir der Zustand der Küche längst Unbehagen bereitete, auch, wenn ich gar nicht in der Küche war, wenn also diese guten Gründe kaum ausreichten, mich zum Handeln zu bewegen, dann stellte ich mir eine Bezahlung in Aussicht.

Vor mir das Spülbecken, und darin so viele Teile, die gespült werden mussten. Da wollte ich am liebsten gleich wieder aufhören. Aber ich stellte mir vor, dass ich für jedes Teil, das ich herausfischte und abwusch, den doppelten Betrag von x bekam, also 1+2+4+8+16. Wenn die letzten Löffel abzuwaschen waren, brachte mir jedes Teil, das ich noch aus dem Spülwasser nahm, bereits mehr Millionen, als ich überhaupt haben wollte. Ich wurde also beim Spülen steinreich. Vom Tellerwäscher zum Millionär.

Freilich wären Millionen für mich kein ordentlicher Anreiz gewesen, da ich keinen Anlass hatte, soviel Geld zu besitzen. Darum sagte ich mir, ich müsste das Spiel um eine Vorstellung erweitern: Stell dir vor, du bist ein humanoider Außerirdischer und hast auf einer interstellaren Schiffsreise eine Karte für Zone 1 gelöst, also für das Zentrum unserer Milchstraße. Das Sonnensystem der Erde liegt aber schon weiter außen im Spiralnebel. Dich erwischt ein Kontrolleur, du kannst nicht nachzahlen, da setzt er dich einfach vor die Tür, nämlich auf der Erde ab. Um die Rückfahrkarte zu deinem Heimatplaneten bezahlen zu können, musst du den Gegenwert von etwa 90 Millionen Euro verdienen.

Wie das? In welcher Branche könnte man 90 Millionen Euro verdienen? Ehrliche Arbeit käme nicht in Frage. Auch immer nur Wurstenden zu kaufen wie die reiche Frau Liebherr (Teestübchen berichtete), hülfe bei mir Vegetarier nicht. Man müsste schon Finanzspekulant werden oder ein Finanzberatungsunternehmen gründen wie Carsten Maschmeyer den Allgemeinen Wirtschaftsdienst (awd). Er hat inzwischen seine Drückerfirma verkauft und ist jetzt reich genug, sich eine interstellare Fahrkarte für die Spiralnebelzone 2 zu kaufen, macht es aber nicht. Inzwischen ist er derart integriert in ein machtvolles Netzwerk, befreundet mit Hinz und Kunz, Gerhard Schröder, Kai Diekmann und Christian Wulff, vollwertiges Mitglied in der Fernsehsendung „Höhle der Löwen“, Ehrendoktor der Universität Braunschweig, warum sollte einer wie Maschmeyer dahin zurückgehen, wo er hergekommen ist?

Ähem, vom Thema abgekommen.

Der einfache Trick, den ich von der Frau in meinem Leben gelernt habe: „Die gute Hausfrau nimmt immer etwas mit.“ Steht also Geschirr herum, nehme ich es als guter Hausmann beim nächsten Gang in die Küche mit und spüle es sogleich ab. Interstellare Reisen sind daher überflüssig. Ich habe durch eine einfache Verhaltensänderung erneut den Lauf der Welt zu meinen Gunsten verändert. Neuerdings habe ich sogar Geld übrig und kann mir wieder eine Spülmaschine leisten. Da ist die Welt gekniffen.

Über Gruß und Grüßen

Was für ein hohles Ritual, dachte ich, als die Frau den Raum verließ. Sie wandte uns den Rücken zu und sagte: „Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen!“, sagten alle wie im Chor, ich auch. Was wäre die Alternative? Hätte sie grußlos den Raum verlassen, hätten alle gedacht: Wie unfreundlich. Das Ritual bei der Verabschiedung einander wildfremder Menschen ist Teil unserer Sozialisation. Sich dagegen zu verhalten, bereitet den anderen ein ungutes Gefühl. Wieso? Im Studium besaß ich ein Buch über menschliche Kommunikation. Der Autor, dessen Name mir entfallen ist, nein, es war nicht Paul Watzlawick, entwickelte die Theorie der Streicheleinheiten.

Ein einfacher Guten-Morgen-Gruß wäre demnach eine Streicheleinheit. Wer sie gibt, erwartet eine angemessene Gegenleistung. Angemessen bedeutet nicht übertrieben und nicht zu wenig. Angenommen man begegnet einem flüchtig bekannten Kollegen regelmäßig auf dem Flur. Da wäre ein „Guten Morgen“ angemessen. Die Antwort: „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“, würde als aufdringlich empfunden, denn man hat nur eine Streicheleinheit bekommen und gibt zwei zurück. Etwas anderes wäre es, wenn die morgendliche Begegnung eine Weile ausgeblieben wäre. Dann dürfte eine schlichte Ergänzung folgen: „Guten Morgen, lange nicht mehr gesehen.“

Wenn man voneinander den Namen wüsste, wäre „Guten Morgen, Herr/Frau Sowieso“ angemessen. Au, Mist, der Name fällt einem nicht ein. Man antwortet schlicht: „Hallo“ und hat ein ungutes Gefühl, denn man hat zwei Streicheleinheiten bekommen, aber nur eine halbe zurückgegeben. Weitere Grußsituationen lassen sich jetzt herleiten. Warum gibt es diese sozialen Zwänge und warum unterwerfen wir uns?

Affen stärken den Zusammenhalt ihrer Gruppe, indem sie einander kraulen. Dies wird schier unmöglich, wenn die Gruppe zu groß ist. Hier meine persönliche Sprachentwicklungstheorie: Einander wahr zu nehmen und diese Wahrnehmung durch einen Laut kund zu tun, ist eine Sorte Fernkraulen. Das entspannt die Situation und zeigt an: „Du bist eine/einer von uns.“

Das war’s vorläufig. Ich sage Tschüs und schönes Wochenende!

Zeitdehnung

An manchen Tagen leide ich an Zeitdehnung. Sie überfällt mich in ungünstigen Augenblicken, beispielsweise wenn ich für einen Termin das Haus verlassen muss. Plötzlich erkenne ich, welche Verrichtungen noch nötig sind, bevor ich aufbrechen kann. Dann sind deren so viele, und ich verzweifele vor dem, was noch getan werden muss. Die dazu benötigte Zeit dehnt sich, und wird zum Termin hin immer knapper.

Zeitdehnung kann aber nicht nur Menschen befallen, sondern ganze Gebäude wie etwa die Lindener Postfiliale. Ich kenne sie nur mit langen Schlangen, manchmal bis auf die Straße hinaus. Man hat das Gebäude bis vor kurzem aufwändig saniert, den Putz von den Wänden geklopft, Mauern eingerissen und an anderer Stelle neu errichtet – vergeblich. Die Zeitdehnung steckt so hartnäckig im Gemäuer wie der penetrante Gestank nach Schweinen in einem ehemaligen Saustall. Die Angestellten haben sich offenbar längst darein gefunden, dass bis ans Ende dieser Tage eine Schlange von Kunden vor ihnen dräut. Wie das Beutetier angesichts eines gefräßigen Beutegreifers erlahmt, so werden die Angestellten in ihren Bewegungen immer träger, je mehr ungeduldige Kunden warten.

Manches liegt wohl an der Organisation der Arbeitsabläufe. Man kann sie theoretisch optimieren lassen von Männer mit Klemmbrettern und Stoppuhr, die zum Berufsstand der REFA-Fachleute gehören. Derweil sie Menschen bei der Arbeit beobachten, halten sie in Tabellen einzelne Arbeitsschritte und die dazu benötigte Zeit fest. Weil REFA-Analysen in der Regel dazu führen, dass in kürzerer Zeit mehr gearbeitet werden muss oder Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, hat gewiss eine kleine militante Postgewerkschaft dafür gesorgt, dass jene REFA-Analyse in der Postfiliale Hannover-Linden exakt ins Gegenteil verkehrt wird, mit folgendem Effekt:

Ein Kunde legt eine Benachrichtigung vor und möchte sein Päckchen abholen. Der bereits erlahmende Angestellte, prüft die Benachrichtigung, erbittet sich den Personalausweis und gleicht den darauf vermerkten Namen mit dem Namen auf der Benachrichtigung ab. Dann gibt er dem Kunden den Personalausweis zurück, nimmt die Benachrichtigung, wendet sich ab und strebt durch den Kassenraum einer hinteren Tür zu. Sie ist offen und zeigt einen halbdunklen Gang, der in die Tiefe des Gebäudes führt und den lahmen Angestellten verschlingt. So stellt es sich dem Beobachter dar.

Tatsächlich bewältigt der Angestellte den langen Gang bis zum letzten Büro, klopft an die Bürotür des Filialleiters und wartet auf ein „Herein!“ Nur wenige Schritte noch, dann ist er am Pult seines Vorgesetzten angelangt und legt ihm die Benachrichtigung vor. Der sucht im Jackett über der Stuhllehne seine Lesebrille hervor, setzt sie auf und prüft die Benachrichtigung auf Stimmigkeit. Datum, Lieferzeit, Adresse, Postbezirk müssen ihre Richtigkeit haben. Dann schiebt er seinem Untergebenen einen Anforderungszettel zu, den er ausfüllen muss, um den Schlüssel zum Paketaufbewahrungsraum in Empfang nehmen zu dürfen. Nach der Empfangsnahme erfolgt die korrekte Verabschiedung. Der Angestellte schreitet hinüber zum Paketraum, schließt ihn auf und begrüßt den dort wartenden Kollegen. Der fragt: „Was gibt’s?“, obwohl es nur den einen Grund gibt, weshalb man ihn aufsucht, nämlich um ein gelagertes Päckchen abzuholen.

    Liebe Leserin, lieber Leser, bitte denken Sie sich den Rest selbst, also wie der Schlüssel wieder zum Amtsleiter gebracht werden muss, die Quittung usw. Ich habe leider einen Termin und die noch zu verrichtenden Handlungen bilden schon lange Schlangen.

Rührstab für unterwegs

„Ohne meinen Pürierstab gehe ich nie aus dem Haus“, sagt Fernsehkoch Mirko Reeh im Interview mit dem Glüxmagazin. Unterwegs zum Bäcker lachte ich über die ungewollte Komik. Wenn ich aus dem Haus gehe, nehme ich Geldbörse, Maske und Schlüssel mit. Ich käme nicht darauf, einen Pürierstab einzupacken, wo es doch selten etwas ambulant zu Pürieren gibt. Selbst wenn jemand mit einer Schale Pommes aus der Tür des Dönerladens träte, wäre es unschicklich, ihm die Pommes zu pürieren. Versehentlich memorierte ich Reehs Aussage mit: „Ohne meinen Rührstab…“ Ein Rührstab wäre ein sinnvolles Utensil für unterwegs, wenn er auf zauberhafte Weise das bewirken könnte, was man unter „anrühren“ versteht.

Vor mir in der Schlange im Supermarkt stehend, verlangte eine alte Frau, ich solle einen Abstand „in der Länge einer Parkbank halten.“ Ich hatte mich getreu an den Markierungen am Boden orientiert und sagte: „Jetzt übertreiben Sie aber.“
„Nein!“, rief sie verzweifelt. „Wir haben einen ganz schlimmen Virus. Das können Sie in jeder Zeitung nachlesen.“ In seinem Wörterbuch des Teufels definiert Ambrose Bierce:

Derlei Zurückweisungen erfrischen nicht, sondern fühlen sich übel an, nicht nur, weil es ein mühsames Geschäft ist, eine Parkbank vor sich herzutragen. Und auch noch längs! Mein armer Rücken.

Bedingt durch die permanenten Aufforderungen zur sozialen Distanz ist die Begegnung im öffentlichen Raum unerfreulich geworden. Entgegenkommende warten vor Engstellen, um Nähe zu vermeiden, oder sie wenden den Kopf ab zur Seite. Ich ertappe mich dabei, für die Dauer der Begegnung die Luft anzuhalten. Das ganze Miteinander steht unter einem üblen Diktat. Ob das je wieder anders wird? Mir begegnete der Postbote von der blauen Post. Gerne hätte ich ihn gegrüßt, doch er schaute mit tieftraurigem Ingrimm zu Boden. Der Mann rührt mich immer wieder, auch ganz ohne Rührstab.

Das ist es! Cosma Shiva sei Dank

Vor der Tür des Hauptbahnhofs Hannover standen einige Leute und rauchten, auch ich. Eine Frau im schwarzen Business-Outfit sagte, sie werde sich das Rauchen abgewöhnen, wenn sie irgendwann einmal heirate, und schob nach:
„Wenn ich im Standesamt sitze, höre ich auf zu heiraten.“ Mit diesem ulkigen Versprecher hatte meine Nacht begonnen, nachdem ich mit dem ICE von Aachen zurück nach Hannover gereist war. Im Zug hatte ich geschlafen und geträumt, ich hätte versehentlich den rachsüchtigen ägyptischen Sonnengott Ra beleidigt und mir seinen Zorn zugezogen. Sein Name darf bei Nacht niemals genannt werden und ich hatte es getan.

Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber nicht mehr erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden, weil er bekanntlich nachts nicht da ist. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich rappelte mich auf, machte Licht, stellte die Matratze hoch und betrachtete den Schaden. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Sie waren abgebrochen. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch einen Versandhauskatalog und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hielt, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst und den tausendfachen Verheißungen des Katalogs.

Das war im Jahr 2009. Damals schrieb ich unter Graseinfluss am Internetroman „Die Papiere des Pentagrion“, unterstützt von einigen Bloggerinnen und Bloggern meiner Community bei Blog.de, hatte im Rausch diverse Derealisationserlebnisse, das heißt, die literarische Welt und Alltagsrealität vermischten sich zunehmend. Gestern, gut 12 Jahre später, trat diese Vergangenheit wieder hervor, als wir das inzwischen völlig marode Bett abbrachen, um Platz für ein neues zu schaffen. Der Katalog zeigte eine Hauptschülerin mit dem spirituellen Namen Cosma Shiva, was mir in der Nacht von 2009 vielleicht zugute gekommen, aber nicht aufgefallen war. Sie war ein wenig staubig, hatte aber die lange Zeit unter meinem Bett trotz mühsamer Abstützarbeit gut überstanden und kann jetzt zum Altpapier.

Der Abschleppdienst muss abgeschleppt werden

Im Winter 2013/2014 ist das russische Kreuzfahrt- und Forschungsschiff Akademik Shokalskiy in der antarktischen See mit 74 Personen an Bord im Eis eingeschlossen worden, dann fuhr sich der zur Rettung herbeigeeilte chinesische Eisbrecher Xue Long (Schneedrache) im Packeis fest, und auch der australische Eisbrecher Aurora Australis konnte nicht zu den Eingeschlossenen vordringen.

Im arktischen Wintereinbruch unserer Tage spielte sich vor meinen Fenstern eine ähnliche Kuriosität ab. Zugegeben wars weniger dramatisch. Beim Versuch, einen geparkten PKW aus dem Schnee zu befreien, hatte sich ein Abschleppwagen des ADAC selber festgefahren und versuchte gut eine halbe Stunde wegzukommen. Ich hörte seinen Motor und die durchdrehenden Räder für die Dauer meines Mittagsschlafes. Als ich danach ans Fenster trat, war ein weiterer Abschleppwagen vorgefahren und versuchte den Kollegen freizuschleppen.

Doch das wirklich Ulkige war eine Dreiergruppe, die sich eingefunden hatte: Ein Kamera-, ein Tonmann und was der dritte tat, konnte ich nicht sehen. Der Kameramann eilte jeweils den ADAC-Fahrern hinterher, die gewichtig zwischen den beiden Fahrzeugen hin- und hergingen, der Tonmann folgte, der andere auch, drei eifrige Leute vom Fernsehen umschwärmten die Situation, damit man heute Abend in den Nachrichten zeigen kann, wie der Wintereinbruch sogar den ADAC in Schwierigkeiten gebracht hat.

ADAC steckt im Schnee – Foto: JvdL – größer: Klicken!

Dass ich mir gestern in ungewohnten Winterschuhen blutige Blasen lief, wird nur hier berichtet. Das kam so: Normalerweise kann ich mit der Linie 9 der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA) aus einer Randgemeinde bis fast vor meine Haustür fahren. Doch am Nachmittag war der Schienenverkehr aus dem Vorort eingestellt. Da stapfte ich gut zwei Kilometer durch den Schnee zu einer Straßenbahnlinie, auf der noch Bahnen fuhren, teils als U-Bahnen. Dann versuchte ich in der U-Bahnstation der Innenstadt in die Linie 9 umzusteigen. Sie wurde über die elektronische Anzeige angekündigt. Die Minuten zählten herab auf Null, aber die Bahn kam nicht. Stattdessen verschwand sie aus der Anzeige und eine andere wurde angekündigt. Eine Frau fragte bei der Informationssäule an. Der ÜSTRA-Mitarbeiter am anderen Ende vernahm erstaunt die Botschaft, dass die Bahn nicht gekommen war, stellte dann fest, dass er sie ebenfalls nicht mehr in seinem Computersystem hatte. Immerhin war er jetzt auch informiert, was zeigte, wozu Informationssäulen eigentlich gut sind. Nach kurzer Recherche sagte er, dass die Linie 9 vermutlich und gegebenfalls gar nicht mehr führe. Trotzdem kündigte das System fröhlich weitere Bahnen an.

Auf meinem erzwungenen Fußweg nach Hause warnte ich einen jungen Mann, der gerade einen Fahrschein ziehen wollte: „Das Geld können Sie sich sparen. Die Bahn fährt nicht.“
„Trotzdem danke!“, sagte er grimmig, als hätte ich den Bahnverkehr eingestellt. Wo an Haltestellen keine elektronischen Anzeigentafeln installiert sind, wartete man im Schneetreiben vergeblich auf die Bahn. Selbst die Üstra-App zeigte keine Ausfälle an, und ich konnte nicht jedem Bescheid geben, zumal die Überbringer schlechter Nachrichten sich den Zorn der Betroffenen zuziehen. Als ich an der Haltestelle nah meiner Wohnung vorbeiging, wurde endlich über Lautsprecher durchgesagt, dass der Linienverkehr eingestellt sei.
„Wir bitten um Verständnis.“

Na klar. Im Februar schneit es immer völlig überraschend. Außerdem sind die ÜSTRA-Verantwortlichen ja erst gestern von hinterm Mond eingewandert und konnten von den Warnungen der Wetterdienste nichts wissen. Und wenn sogar der ADAC im Schnee steckenbleibt, macht die ÜSTRA sich völlig zu Recht einen schlanken Fuß.