Ein bisschen Grammatik – Diminutivsuffixe

Heute in der Bäckerei, ich bestellte ein Brötchen und ein Hörnchen, was für einen Rheinländer eine kleine Herausforderung ist, nicht weil wir Angst vor derlei Backwaren hätten, sondern weil das Suffix -chen manchmal wie -schen zu klingen beliebt. Grundschulkinder lernen: „-chen und -lein machen die Dinge klein“ Diese Verkleinerungssilben heißen fachsprachlich „Diminutivsuffixe“, wobei -chen im Norden Deutschlands häufig ist, -lein und seine Nebenformen -le, -el, -l, -li eher im Oberdeutschen vorkommen. Die Grenze ist allerdings fließend. „Tischlein deck dich“ heißt aus Gründen des Wohlklangs so, denn „Tischchen“ wäre von Rheinländern wie mir nicht sauber auszusprechen. „Menschlein“ geht mir auch besser über die Zunge als „Menschchen. In einigen Fällen hilft das spaßhaft eingeschobene zweite Diminutivsuffix -el; die kleine Sache, ein „Sächelchen.“

Einige Verkleinerungsbildungen werden nicht mehr als solche erkannt; das Suffix ist mit dem Wort verschmolzen, etwa:
– Mädchen (die kleine Magd),
– Veilchen (zu lat. Viola),
– Märchen (die Mär, das Märe),
– bisschen (der kleine Bissen), unkenntlich wegen Kleinschreibung;
– Fräulein/Frollein (landschaftl.); die feste Verbindung wird inzwischen als diskrimierend empfunden.

Zu einigen Wörtern gibt es kein vergleichbares Gegenstück in der Großform:
– Gummibärchen,
– Teilchen (Gebäck),
– Fleißkärtchen,
– Strichmännchen,
– Hörnchen,
– Müsli,
– Gipfeli (Schwiizerdütsch) für Croissant;

Die kindischen Verkleinerungsbildungen:
– Herrchen,
– Frauchen,
– Stöckchen …
sind eher sondersprachlich. Wir finden sie im Sachbereich Hundehaltung. Da gib es dann auch
– Leckerli.

Am Nachmittag hätte ich gern ein Teehörnchen.

Beförderungserschleichung mit Gehstock

Einen Euro, sechzig habe ich heute gespart. Ich ging mit meinem Gehstock zum Bus, vielmehr ich ging am Stock zur Bushaltestelle, als von hinten der Gelenkbus angerauscht kam und mich zwanzig Meter vor der Haltestelle überholte. Ich sah, dass eine Frau einen Kinderwagen hinein zu heben trachtete und rechnete mir Chancen aus, den Bus noch zu erreichen. Also ging ich schneller, so schnell, dass der Stock kaum hinterher kam. Glücklicherweise holte er mich rechtzeitig ein. Ich schob ihn in die offene hintere Tür, um sie am Zufahren zu hindern. Die Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (ÜSTRA) wird doch keinen Gehstock einklemmen und ihn entführen, dachte ich. Tatsächlich blieb die Tür offen und ich bestieg den Bus. Dann setzte ich mich auf die Rückbank. Den langen Weg durch den fahrenden Gelenkbus, um beim Fahrer einen Fahrschein zu erstehen, traute ich mich nicht zu gehen, sondern fuhr notgedrungen Schwarz, und das, obwohl ich mir passendes Fahrgeld in die Jackentasche gesteckt hatte. Diese Gründe, die den wohlmeinenden Leserinnen/Lesern durchaus plausibel erscheinen mögen, hätten vor den gestrengen Augen eines Kontrolleurs keinen Bestand, erst recht nicht vor einem, der sich durch einen Gehstock nicht davon abhalten lässt, einen Gehstockträger nach einem gültigen Fahrschein zu fragen.

Plausible Entschuldigungsgründe hin oder her; es handelte sich um den juristischen Tatbestand der Beförderungserschleichung und das, obwohl mein Gehstock bei jedem Schritt ein klingendes Geräusch macht, durch das ein Schleichen unmöglich wäre.

Die Zeit zitiert heute den Germanisten Kristian Berg mit der populären Drohung: „Das Semikolon stirbt aus.“ Das ist zwar nur eine marginaler Aspekt des Artikels, macht sich aber gut als Überschrift, findet die Knalljournaille. Ich mache vorsorglich darauf aufmerksam, dass jeder es in seiner Hand hat, den Strichpunkt in seiner Funktion als Satzzeichen weiter zu nutzen, wie ich es im Satz zuvor getan habe, ganz oft jedoch in Kommentaren mit [Semikolon] und [Klammer zu] ein Ikon mit Kniepauge setze, um zu zeigen, dass eine Aussage nicht ganz ernst gemeint ist.

Ich habe nämlich bei der Rückfahrt schon wieder die Beförderung erschlichen, weil es nämlich ganz und gar unerquicklich ist, vor einem übellaunigen Busfahrer Geld hervor zu kramen, den Stock zu halten, einen Fahrschein zu erstehen und einen Sitzplatz zu finden, bevor der Bus losfährt. Ich kann die begründete Beförderungserschleichung jedem Stockträger empfehlen 😉

    Falls jemand auf die Idee kommt, das geringe Entgelt für einen Fahrschein zu preisen; 1,60 Euro ist nur der Kurzstreckentarif. Man zahlt ihn sogar [oder auch nicht] für eine Fahrt zwischen zwei Haltestellen. Ich sparte also insgesamt 3,20 Euro.

Zeitsprung im Nachstellschritt

Gestern habe ich erstmals wieder meine Waschmaschine in Betrieb genommen und freute mich, dass sie sich nach der langen Ruhezeit brav an die Arbeit machte. Dann saß ich auf meiner weinroten Wohnzimmercouch inmitten weinroter Kissen mit dem einen goldenen, nach dem die Schwäbin und ich einst diverse Möbelhäuser durchstöbert hatten. Diese Design-Idee, mancher erinnert sich, stammt von einer Sitzbank in den Hangwiesen des niederländischen Dorfes Nijswiller, hier beschrieben. Als ich also auf meiner Couch saß, fiel mein Blick auf die offen stehende Wohnzimmertür. So gerade eben war das große Gemälde mit der nächtlichen Hafenszenerie zu sehen, in dem die Comicfiguren Tim und Struppi auf den Betrachter zu kommen. Meine Tochter Manja hat es im Leistungskurs Kunst der Jahrgangsstufe 13 gemalt. Ich dachte darüber nach, dass ich dem Bild einen besseren Platz suchen sollte, wo es immer zu sehen ist und nicht von der selten geschlossenen Wohnzimmertür verdeckt wird. Diese Tür verdeckt nämlich etwas anderes, was ich ebenfalls von Manja bekommen habe.

Als ich am 12. Dezember 2008 von Aachen nach Hannover umgezogen bin, halfen sie und mein späterer Schwiegersohn beim Beladen des Transporters. Ich weiß nicht mehr, wie es geschah, jedenfalls gab mir Manja einen Wäscheständer mit, den ich alle Jahre in Ehren gehalten habe.

Nachdem nun meine Waschmaschine ihre Arbeit getan hatte und ich die Wäsche aufhängen wollte, war der Ständer nicht da. Tim und Struppi schauten mich fragend an. Da erinnerte ich mich schwach, dass ich am Freitag des 4. Junis, dem Tag vor meinem Unfall die Wäsche im Hof getrocknet und am Samstagmorgen dort abgehängt hatte. Ich hatte wenig Hoffnung, dass der Ständer dort noch stehen würde, tappte im Nachstellschritt hinab und fand ihn tatsächlich vor. Er hatte an Gelenkstellen ein wenig Rost angesetzt, war aber sonst im guten Zustand.

Während ich überlegte, wie ich ihn wohl am besten nach oben transportieren könnte, kam glücklicherweise mein hilfsbereiter Unternachbar nach Hause, fragte, ob er helfen könne und trug mir den Wäscheständer hinauf auf die erste Etage. Solche Abenteuer kann erleben, wer lange von zu Hause weg war.

Burtscheider Kursplitter XXX – Arzt auf freier Wildbahn

Ein Aachener Freund war einst zu Besuch in Hannover, und wir saßen zum Abendessen vor dem Plenum, einem Lokal auf dem Eck zwischen der Badenstedter Straße und der Nieschlagstraße in Linden-Mitte. Plötzlich kam meine Hausärztin die Badenstedter Straße hinunter, beschwingt an der Seite eines Mannes. Sie wirkte wie frisch verliebt. In Zivilkleidung sah sie aus wie ihre jüngere Schwester, wiewohl Beschwingt- und Verliebtsein immer einen verjüngenden Effekt hat. Wenngleich sie gleich mehrfach zu uns herüber schaute, war ich mir nicht sicher, ob sie meine Hausärztin war: Ich zweifelte, obwohl Ihre Praxis nicht weit entfernt liegt.

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Als ich am späten Nachmittag in der Fußgängerzone saß, kam ein Mann vorbei, in dem ich eigentlich den Chefarzt der Kurklinik hätte erkennen sollen. Ich blieb allerdings unsicher, bis er außer Sicht war. Erstens hätte ich ihn nicht in der Fußgängerzone erwartet. Zweitens kannte ich ihn bislang nur in Berufskleidung. Wer bei ihm einen Sprechstundentermin hat, wird von ihm abgeholt. Dr. Evinghoven [Name geändert] begrüßt seinen Patienten und geht leichtfüßig rückwärts den Flur entlang vor ihm her. Dann trägt er weiße Turnschuh, eine weiße Hose und ein weißes T-Shirt. Er ist ein großer kräftiger Mann und für seine Position noch recht jung. So kenne ich ihn, und so erkenne ich Dr. Evinghoven, nicht aber in der Fußgängerzone mit groben Doc-Martens-Schuhen an den Füßen und knielangen Hosen, im Outfit eines Berufsjugendlichen. Er hatte offenbar im Supermarkt eingekauft und trug einen Rucksack, in der Hand aber einen Zehnerpack Toilettenpapier. Dass ich auch bei ihm am Erkennen zweifelte, zeigte mal wieder, wie kontextabhängig die Wahrnehmung ist.

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Glücklicherweise halte ich mich von den sogenannten „sozialen Medien“, Twitter, Facebook, Instagram usw. fern. Ein anderer hätte vielleicht getwittert: „Hilfe! Der Chefarzt der Kurklinik hamstert Klopapier!“ und hätte damit nicht nur einen Klopapier-Engpass in Aachen-Burtscheid herbeigeführt, sondern eine Kettenreaktion ausgelöst, die gleich einem Tsunami um den Erdball gerast wäre, was letztlich den endgültigen Ruin der menschlichen Art bedeutet hätte. So gefährlich können Ärzte auf freier Wildbahn sein.

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Irrtümlich im Wartebereich vor dem falschen Arztzimmer gewartet und noch irrtümlicher in der ausliegenden Zeitschrift Gala geblättert. Ich las das Editorial der Chefredakteurin Brigitte Huber. Der total verschmockte Text weckte in mir den Wunsch, ins Heft zu brechen. Und ich habe den nur gelesen. Wie man derlei Dreck schreiben kann, ohne in die Tastatur zu speien, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Musiktipp
Detektivbyrån – Om Du Möter Varg – [Wenn du einen Wolf triffst]

Burtscheider Kursplitter XXIX – Lady Bump

Zum Frühstück kam ein älterer Mann an meinem Tisch, sah mich an und stieß fast triumphierend hervor:
„Mein letztes Frühstück!“
Hinfort saß er mit gesenktem Kopf vor mir, im Gesicht tiefe Bitterkeits- und Sorgenfalten, und schob sich stumm und methodisch sein Frühstück hinein. Keinmal hob er den Blick. Zu ihm durchzudringen war nicht möglich, denn als ich ihn fragte: „Reisen Sie morgen ab?“, reagierte er nicht. Später sah ich ihn bei der Rezeption mit Koffern sitzen, offenbar darauf wartend, abgeholt zu werden. Ich hoffe sehr für ihn, dass „Mein letztes Frühstück!“ keine Prognose für die nahe Zukunft war.

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In der Cafeteria laufen aus geheimer Tonquelle ausschließlich Hits vom Ende der 1960-er bis in die 1970-er Jahre, vermutlich auf die Klientel angepasst. Die gleiche Musik ertönt in der Turnhalle. Bei der heutigen Gymnastik machte ich Bewegungsschritte zu „Lady Bump“, einem grauenvollen Nummer-1-Hit aus dem Jahr 1978 von Penny McLean. Bump war auch ein populärer Tanzstil.

    „Der Bump ist ein Musikstyle und Modetanz aus den 1970-er Jahren, bei dem sich die Tanzpartner im Rhythmus mit den Hintern, bzw. der Hüfte anstoßen, sich aber sonst nicht berühren.“ (Wikipedia)

Penny McLeans bürgerlicher Name war und ist Gertrude Wirschinger. So um das Jahr 2005 habe ich Frau Wirschinger mal in Aachen gesehen. Da trat sie als Numerologin auf. Ich war hingegangen aus journalistischem Interesse. Es war noch ein bisschen schrecklicher als der Gesang. Gertrude Wirschinger ist eine beherrschende Person, numerologisch nach eigener Angabe eine Eins. Ich hatte ein bisschen Angst, sie würde Zweien wie mich mit dem Hintern anstoßen, saß besorgt mitten unter etwa 100 gläubigen Numerologen, die gebannt Frau Wirschingers esoterischen Erkenntnissen folgten, ihr Buch gleich der Bibel auf dem Schoß hielten und am Schluss damit um Signierung anstanden.

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Rentnerbeige hat definitiv ausgedient. Beliebt bei den Damen sind bunte Muster und viel viel Glitzer. Manche kommen daher wie ein Frau gewordenes Glanzbildchen, zu dick fürs Poesiealbum.

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Meine Tage in Burtscheid sind gezählt. Samstag Vormittag noch Therapien, dann Warten auf Sonntag und meinen fürsorglichen Sohn, der aus Leipzig anreist, um mich Montag bei der Bahnfahrt nach Hannover zu begleiten. Vielleicht gibt es noch einen 30. Burtscheider Kursplitter. Aber das wäre reine Zahlenmagie. Ansonsten: Ihnen und euch allen vielen Dank für die lesende, likende und kommentierende Begleitung auf meinem holprigen Weg zurück ins Zweibeinige. Es hat geholfen.

Musiktipp
Snow Patrol – Chasing Cars (live)

Burtscheider Kursplitter XXVIII – Ich Deppenmagnet

Manchmal werde ich ohne eigenes Zutun zum Deppenmagneten. Das kann passieren, wenn ich emotional und physisch erschöpft bin. Erster Fall:
Ich drücke einen der beiden Aufzugrufköpfe. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es egal ist, ob man den unteren für Aufwärts oder den oberen für Abwärts drückt. Die digitale Aufzugschaltung schickt immer den Aufzug, der frei ist. Eine hinter mir stehende Frau belehrt mich:
„Sie müssen für Aufwärts drücken. Sie haben Abwärts gedrückt.“
„Das macht keinen Unterschied, der jeweils freie Aufzug kommt, egal, ob er grad über uns oder unter uns ist.“
„Macht es doch“, beharrt sie.

Ich bin bereit, ihren Starrsinn mit Milde zu betrachten. Aus ihrer Perspektive hat sie Recht. Wenn sie abwärts will und der Aufzug kommt, kann sie nicht sehen, woher, kann also glauben, er wäre von über ihr gekommen. Demnach hat alles seine Richtigkeit in dem Sinn, dass sie bekommt, was draufsteht, ein Fall von magischem Denken.

Der nächste Depp ist ein kugelrunder Mann im roten Ferrari-T-Shirt und in kurzer roter Sporthose. Auf dem Buckel hat er einen voluminösen Rucksack. Er steht mit seinen Krücken hinter mir wartend vor den Aufzügen. Ein Aufzug kommt, die Tür öffnet sich, ich schaue prüfend hinein, ob er Leute bringt, die aussteigen wollen, finde ihn leer und gehe hinein.
„Sie dürfen mit Ihren Krücken nicht so nahe an der Tür vorbeigehen. Falls einer rauskommt, müssten Sie rückwärts gehen“, sagt der Dicke, indem er sich schnaufend neben mich stellt.
„Danke, ich sehe mich vor, habe in fünf Wochen noch nie Probleme gehabt.“
„Fünf Wochen? Donnerwetter!“
Vermutlich hat der Dicke an seine eigene Körperfülle gedacht, an der niemand so einfach vorbei kommt..

Gestern Abend hat mich ein Freund zum Bahnhof und zurück gefahren, weil ich meine längst fällige Heimfahrt organisieren wollte. Derweil ich die Stufen zum Haupteingang der Klinik hochgehe, sagt einer hinter mir: „Sie müssen mit dem anderen Bein vorausgehen!“
Ich bin ungehalten und sage: „Nein, das Gesunde geht zum Himmel, merken Sie sich das!“
„Ach, ich habe mich vertan, weil bei mir das rechte Bein das Gesunde ist.“

Alle drei Zeugnisse des Deppentums vereint, dass die Leute ihre Denken besserwisserisch auf meins übertragen haben. Aber heute Morgen beim Frühstück schoss einer den Vogel ab. Eine der Servierdamen wies mich an seinen Tisch. Ich grüßte, legte und stellte meine Sachen ab und setzte mich. Ich hatte mir vier Tütchen Zucker besorgt, zwei Tütchen für jede der beiden Tassen Kaffee, die ich trinken wollte. Mein Gegenüber wollte sich offenbar unterhalten, was mir schon zuviel war. Hätte er wenigstens mein Interesse geweckt, etwa mit den Worten:
‚Herr Tischnachbar, ich werde mich Ihnen jetzt als Volldepp erweisen. Merken Sie auf, guter Mann!‘ Das tat er leider nicht, wies auf die vier Zuckertütchen und sagte: „Das ist aber viel Zucker.“ Das konnte ich glücklicher Weise noch parieren, deutet auf die leeren Schälchen, die er vor sich hatte:

“Weniger Zucker als in Ihrem Nutella und in der Marmelade.“
Kleine Kaupause. Dann wies er auf meinen Teller mit Belag und sagte: „Sie sind wohl ein Käsefreund?“
„Du liebe Zeit. Haben Ihre Eltern Sie vor Jahrzehnten in einem eiligen und gewiss freudlosen Geschlechtsakt gezeugt, damit Sie mir am 9. September 2021 mein Frühstück kommentieren? Ist das Ihre verfluchte Bestimmung?“ Das hätte ich fragen sollen. Stattdessen erklärte ich lahm, warum ich mir nicht den fetten Aufschnitt auf den Teller packe: „Ich bin Vegetarier.“
An manchen Tage fehlt mir einfach die Kraft, mich gegen tieffliegende Deppen zu beschirmen.

Musiktipp
The Bear That Wasn’t – Your Huckleberry Friend

Burtscheider Kursplitter XXVII – Illegales Betreten

Die Kurklinik erstreckt sich über mehrere Bauten. Zwei davon, Haus A und E, befinden sich jenseits der Gasse Adlerberg mit ihrem üblem Kopfsteinpflaster. Haus A ist mit Haus B durch eine rundum geschlossene Brücke verbunden. Geht man nun hinüber in Haus A und fährt mit dem Aufzug hinab auf die Ebene 0, kann man das Gebäude durch den Ausgang eines Corona-Testzentrums verlassen und steht direkt im bequem zu begehenden unteren Teil der Burtscheider Fußgängerzone. Über diesem Ausgang steht groß „Ausgang.“ Es ist der Ausgang des Testzentrums, weil Eingang und Ausgang bekanntlich nicht identisch sein dürfen, damit Getestete und zu Testende sich nicht begegnen.

Bei der Rückkehr steht man als Deutscher folglich vor dem Problem, das Gebäude durch den Ausgang zu betreten. Ich habe es mehrmals getan und fühlte mich so lange unbehaglich, bis ich am Aufzugbereich angelangt war. Das gab mir einen Eindruck, was Wladimir Iljitsch Lenin meinte mit seinem resignativen Ausspruch:

    „Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst eine Bahnsteigkarte!

Inzwischen sind Bahnsteigkarten abgeschafft, aber nicht, um Deutschen das Erstürmen der Bahnhöfe nahezulegen. Im Gegenteil macht die fehlende Möglichkeit, sich zu legitimieren, das Erstürmen von Bahnhöfen erst recht unmöglich.

Zurück zum zweckentfremdeten Ausgang. Kurt Schwitters beschrieb 1925 in „Wie man gratis und in erlaubter Weise in den Kinosaal gelangt“, man solle den Ausgang rückwärts betreten und mit negativer Geschwindigkeit hinaus gehen.

Bitte! Ich bin mit Unterarmgehstützen unterwegs. Da kann man nicht verlangen, dass ich mit negativer Geschwindigkeit rückwärts gehe. Ich gehe also aus Sicherheitsgründen mit positiver Energie vorwärts durch den Ausgang hinein und fahre mit dem Aufzug hoch. Aufzug fahre ich ja auch manchmal abwärts. Korrekterweise müsste der Aufzug bei der Abwärtsfahrt „Abzug“ heißen. Das hat noch nie jemand moniert.

Falls hier Kinder mitlesen: Bei aller illegalen Benutzung des Ausgangs ist mir nie jemand entgegengekommen.

Musiktipp
Leningrad Cowboys

Burtscheider Kursplitter XXVI – paradiesisch leicht

Die Leichtigkeit ist mir abhanden gekommen, kein Wunder, wenn einer an Krücken geht. Dass meinen Texten die Leichtigkeit fehlt, wurde mir klar, als ich zufällig einen 15 Jahre alten Text fand. Weil ich heute kaum Zeit hatte zu Schnaufen, gibt es diese Konserve aus einer Zeit, in der ich Muße hatte, noch rauchte und viel Fahrrad fuhr. Was ist? Im Fernsehen laufen auch dauernd Wiederholungen. Manches wiederholen sie so oft, ich könnt‘ es singen. Zumindest kennt diesen Text so gut wie keiner …

Am Paradies entlang
Nach langen Mühen, Irrungen und Wirrungen langte ich am Paradies an. Zuvor hatte ich befürchtet, auch dieser Weg könnte zulaufen, in sich selbst zurückkehren und mich der schrecklichsten Ödnis anheim fallen lassen, einem immerwährenden Kreislauf durch eine unerquickliche Schleife.

Was ist übrigens im Menschen, das ihn verschlungene Pfade lieben lässt? Liegt der Weg ausgebreitet vor dir, ist er gar eine breite Straße, bist du nicht wirklich froh. Da haben sich Ingenieure über Pläne gebeugt, sich den Rücken für dich krumm gemacht, haben fleißige Arbeiter angewiesen, und sie wiederum haben Hacken geschwungen und Planierraupen gefahren, mal unter einem schweißtreibenden Gestirn, mal bei Nacht im Schein greller Scheinwerfer. Doch du guckst die frisch geteerte Straße hoch und sagst: Ach, wie langweilig. Ich kann ja fast bis zum Ende gucken, und da, wo sich die fluchtenden Linien der Straße küssen, ahne ich schon das Paradies. Bitte, wer will denn einen schnurgeraden Lebensweg, so bar jeder Überraschung? Da müsste ich mir die Schwierigkeiten ja selber machen.

Gibt’s keinen freundlichen Fußweg zum Paradies? Er darf sich ruhig ein bisschen schlängeln, damit mich die Neugier darauf kitzelt, was hinter der nächsten Biegung wartet. Und ein bisschen wellig sollte der Weg sein, meine Herren Ingenieure. An manchen Stellen dürfte er Waldboden haben, der meine Fußsohlen schmeichelt. Statt der Straßenlaternen wünsche ich immerzu Sonne, genauer, es soll ein Lichterspiel sein, ein Haschmisch zwischen Sonne und Schäfchenwolken. Und wenn mir dann auch noch der Proviant hinterher getragen wird, dann will ich mich gern zum Paradies aufmachen.

Welche Erwartungen darf man an das Leben haben? Wieviel heiteres Wechselspiel und Bequemlichkeit ist angebracht? An einer deutschen Schule wird neuerdings gelehrt, wie man sein Glück findet. Glück als Schulfach, das passt in unsere Zeit wie Arsch auf Eimer.

Also, ich langte nach beschwerlicher Reise am Paradiestor an. Und was musste ich lesen? „Heute geschlossene Veranstaltung“. Es hat mich jetzt nicht wirklich geschmerzt. Gut, es gibt im Paradies augenscheinlich zwei Sonnenschirme, und unter dem prächtig gestalteten Eingang beginnt ein hölzerner Steg mit Buchsbaumhecken links und rechts. Doch was ist, wenn man im Paradiesvereinsheim rund um die Uhr jubilieren und frohlocken muss? Macht das nicht blöd?

Ehrlich gesagt, bin ich heute nicht am geschlossenen Paradiestor gewesen, sondern habe mich aufs Rad gesetzt und rollte unter anderem durch das niederländische Simpelveld. Der Ort nennt sich “De poort van het Mergelland” (Das Tor zum Mergelland) und “Het balkon van het Heuvelland” (Der Balkon des Hüggelandes). Im verschwiegenen Park von Simpelveld lag ein junger Mann rücklings auf der Wiese, und eine junge Frau lag bäuchlings auf ihm. Ich saß unweit von diesem Glück auf einer Bank. Von rechts schob ein alter Mann ganz langsam mit einem Rollator heran. Eine alte Frau hielt achtsam seinen Arm. Ich drehte mir eine Zigarette, schaute auf den Ententeich und rauchte. Als ich die Kippe austrat waren die beiden endlich heran, fragten, ob auf der Bank noch Platz sei und waren glücklich, als sie endlich saßen.

Bald fuhr ich weiter. Unter blauem Himmel und milder Sonne blies ein warmer Wind. Radeln, schauen, ein wenig denken und erinnern – welch eine wunderbare Erfindung ist doch ein Fahrrad.

Damit alle wieder wach werden, rockt jetzt Miles Kane das Profil von den Schuhsohlen im Teestübchens-Musiktipp:
Miles Kane
Don’t Forget Who You Are

Burtscheider Kursplitter XXV – Rollatorcity

Wie es scheint, sind alle Großsprecher abgereist. Statt ihrer lärmen einige alte Frauen am anderen Ende des Speisesaals. Beim sonntäglichen Frühstück fühle ich mich durch ihr lautes Lachen gestört. „Lass sie doch lachen“, sagt mein besseres Ich. Wer Alltags beständig mit seinen Gebrechen konfrontiert ist, wem bei gymnastischen Übungen dauernd die eigene Unbeholfenheit vor Augen geführt wird, wer seinen eigenen Körper nicht mehr erkennt, weil er dauernd schmerzt und plötzlich Muskeln benötigt werden, die im Alltag nie gebraucht wurden, muss sich auch mal aufrichten dürfen. Nicht jeder hat zum Ausgleich eine digitale Existenz namens Jules van der Ley, die sich ohne erkennbare Gebrechen dem mühseligen Patientenalltag entheben kann. Als mich letztens mein Kindheits- und Jugendfreund F. besuchte, klagte ich ihm, dass meine Themen sich so verengt hätten auf meine derzeitige Behinderung.
„Derlei Bewältigung ist doch die Aufgabe von Literatur“, sagte der kluge Mann. Trotzdem wünschte ich, den derzeitigen Zwängen mal zu entkommen.

*
Wenn ich mich mit Krücken am Kopfsteinpflaster der Burtscheider Fußgängerzone abmühe, muss ich an Jeremias Coster denken. Als meine literarische Kunstfigur war er Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, im realen Leben Zeichner, Lebenskünstler, Architekt und Stadtplaner. Der Stadtplaner in ihm war stolz auf jedes Stück Kopfsteinpflaster, das erhalten oder neu angelegt werden konnte. Oft habe ich ihm gesagt, dass eine alternde Gesellschaft sich fußläufig zunehmend mit Rollatoren fortbewegen wird und entsprechende Wegverhältnisse braucht. Ich habe sogar ein Fotoprojekt gestartet und Leute mit Rollatoren fotografiert. (Gif-Animation: JvdL)

Coster, der bis dahin vornehmlich Plattgefahrenes und abgelegte Bananenschalen fotografiert hatte, beteiligte sich an meinem Projekt „Rollatorcity“ und schickte mir bald eine Sammlung Rollatorenfotos. Bevor er selbst in die Zwangslage kam, sich mit Gehhilfen über das geliebte Kopfsteinpflaster zu quälen, hat er sich lieber erschossen. Altwerden ist nichts für Feiglinge.

*
In einem quasi visionären Abendbummeltext vom September 2007 im Teppichhaus ( nicht Teestübchen) Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de habe ich schon über das Problem geschrieben. Der Abendbummel war ein frühes Format im Teppichhaus Trithemius und erschien täglich. Formale Besonderheit der Abendbummeltexte: Leserinnen Und Leser werden im Text angesprochen [literarisches Du] (nur damit du dich nicht wunderst gleich 😉

    Kopfsteinpflastermusik
    Ja, gibt’s, denn heute keinen Abendbummel? Die Frage ist ein fünfhebiger Jambus, erste Silbe unbetont, zweite Silbe betont, und das fünfmal im Vers. Der Jambus ist beschwingter als sein Bruder Trochäus, der sogleich mit einer betonten Silbe beginnt, als würde einer bei dir zu Hause die Tür eintreten und: „Komm jetzt mit!“ rufen.
    Nein, Trochäus woll’n wir nicht. Wir bummeln jetzt in Jamben. Den ganzen Bummel in Jamben zu schreiben, das wäre mir aber zu mühselig. Denn immer wenn ich einen Jambus zu schreiben versuche, fällt mir ein Satz ein, der partout ein Trochäus sein will. Und umgekehrt. Übrigens, wir gehen inzwischen über den belebten Münsterplatz. Hier liegt Kopfsteinplaster, da empfiehlt es sich nicht, über Schrittfolgen nachzudenken. Guck, da klackert wieder eine Frau in Pumps heran. Wie Frauen auf hohen Absätzen über Kopfsteinpflaster gehen, das nötigt mir stets Bewunderung ab. Es ist eine Akrobatenleistung, die allein der Schönheit oder der Eitelkeit gewidmet, also im hohen Maße kulturell ist.

    Übrigens, ist dir das eigentlich schon einmal aufgefallen? Das Wort „Trochäus“ ist selbst ein Jambus, während das Wort „Jambus“ ein Trochäus ist. Ich gebe zu, das ist eher nutzloses Wissen. Doch wer sich mit nutzlosem Wissen beschäftigt, verhält sich ebenso kulturell wie die Frauen mit hochhackigen Schuhen auf Kopfsteinpflaster. „Kultur ist Reichtum an Problemen“, sagt Egon Friedell.

    Komm, wir lassen mal den Mann mit dem Rollwagen vorbei. In letzter Zeit denke ich oft darüber nach, wie denn wohl in 10 bis 15 Jahren die Bürgersteige und Plätze gestaltet sein werden. Im Jahre 2020 steht nicht nur ein Mann mit Rollwagen, – wie heißen die Dinger noch mal, doch nicht Petstroller? Rollator? Na, egal, wir waren im Jahr 2020, dann heißen die vielleicht ganz anders. Also, dann steht nicht nur einer mit seinem Schiebekärrchen hinter dir und kann nicht weiter, dann stehen in der Stadt Hunderte herum. In jedem Fall brauchen wir dann breitere Bürgersteige und Rampen an allen Eingängen. Selbstverständlich werden die Kopfsteinpflasterpassagen dann mit Rollbahnen durchzogen sein oder gar ganz weichen müssen. Weißt du, und darum sitze ich zur Zeit so gerne am Münsterplatz. Solange noch die akrobatischen Hochhackigen über das Kopfsteinpflaster klackern.

    Guten Abend
    (Das ist ein Trochäus)

Musiktipp
elbow – ‚Lippy Kids‘