Erkensruhr

Vorgeschichte bedeutet „Vor der Geschichtsschreibung.“ Die Geschichtsschreibung der Menschheit beginnt etwa 2400 v. Chr. mit dem in babylonischer Keilschrift in Tontafeln überlieferten Gilgameschepos. Der Text hebt an mit der Klage, dass nun schon alles einmal erzählt worden ist, was darauf verweist, dass es vorher schon Literatur gegeben hat, die nicht überliefert ist. Wir leben im Jahr 2019 nach Christus. Demnach liegt der Beginn der Geschichtsschreibung etwa 5000 Jahre zurück. Noch anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Alter der Welt auf etwa 6000 Jahre geschätzt, errechnet anhand des Alten Testaments. Jacob Grimm hat noch daran geglaubt. Eine kulturelles Menschheitszeugnis findet sich jedoch schon in den Höhlengemälden von Lascaux. Sie sind etwa 15.000 Jahre alt. Wir überschauen also nur einen winzigen Bereich der Menschheitsgeschichte.

Die Übersicht ufert leider aus. Dabei ging es nur darum, den Begriff Vorgeschichte deutlich zu machen. Überspringen wir die schier unfassbare Dimension von 15.000 Jahren Menschheitsgeschichte in mein Leben. Es ist gemessen daran nur ein winziges Leben. Aber es ist mein einziges und mir darum lieb. In der menschlichen Biografie gibt es auch eine Vorgeschichte. Heute Morgen trudelte das Wort Erkensruhr durch mein Denken. Ich sah im Register meiner Tagebücher nach, ob ich schon mal etwas über Erkensruhr geschrieben habe. Dann fiel mir ein, dass ich in Erkensruhr etwa im Jahr 1983 gewesen bin und erst im September 1989 angefangen habe, Tagebuch zu schreiben. Erinnerungen an Erkensruhr gehören also zu meiner Vorgeschichte.

Zu jener Zeit hatte ich als junger Lehrer für Deutsch und Kunst eine Stelle an einem Aachener Gymnasium angetreten. An der Schule war es üblich, dass die Kollegiumsausflüge zweitägig organisiert wurden. Es wurde vorab viel von legendären Besäufnissen vergangener Lehrerausflüge geschwärmt, denen sich einzelne Kollegen hingegeben hatten. Einzelheiten der skurrilen Begebenheiten weiß ich nicht mehr. Ich kannte ja damals kaum einen im Kollegium. Der erste Ausflug für mich mit Übernachtung im Hotel ging nach Erkensruhr. Der Ort ist eine sogenannte Streusiedlung in einem steilen Seitental des wilden Flüsschens Rur in der Nordeifel. Damals hatte ich gerade mit Radsport begonnen und bin folglich mit dem Rennrad die 45 Kilometer von Aachen nach Erkensruhr gefahren. Es existiert irgendwo ein Foto mit mir und Rennmaschine, worauf ich ein blau-weißes Trikot trage mit dem Schriftzug „Santini“ und ein für die frühen 1980-er Jahre typisches Frottee-Stirnband. Vom Aufenthalt im Hotel weiß ich nichts mehr, nur dass der Blick auf eine steile Hangwiese ging, auf dem Pferde standen, und ich dachte, für diese Steillagen wäre eine Rasse passend, deren Beine auf einer Seite deutlich kürzer wären. Die Pferde dürften sich aber nicht drehen, sonst purzeln sie zu Tal. Auf dem Hotelparkplatz im Talgrund hatte ein Kollege seinen zum Campingbus umgebauten alten rotweißen VW-Bus geparkt, worin er und ein Kollege Philosophielehrer schliefen, um die Hotelübernachtung zu sparen. Ich erinnere mich noch daran, sie gesehen zu haben, wie sie am Morgen aus dem engen VW-Bus gekrochen sind. Sie waren grün im Gesicht.

Erkensruhr hat keinen Durchgangsverkehr. Die einzige Straße verengt sich hinter der Siedlung zum Wirtschaftsweg und schlängelt sich durch den Wald aus dem Tal hinaus auf eine Hochebene der Eifel. Eine Kollegin, mit der ich mich ein wenig angefreundet hatte, war ebenfalls mit ihrer Rennmaschine gekommen. Sie war viel besser trainiert als ich, fuhr auch schon länger und hatte vor Jahren an der deutschen Meisterschaft der Radamateure teilgenommen. Sie war wohl zweite geworden. Ich erinnere mich, dass wir gemeinsam die Serpentinen aus dem Tal von Erkensruhr genommen haben und dass sie mich hinfort durch Berg und Tal der Eifel derart forderte, dass ich den schlimmsten Hungerast meines Lebens erlitt. Mehrmals sah ich Sträucher, an denen die roten Hagebutten lockten. Ich hätte sie abreißen und fressen können.

Warum ich heute Morgen an Erkensruhr denken musste, vermag ich nicht zu sagen. Wer weiß schon genau, was in ihm vor sich geht? MIr gefällt noch immer am besten das Bild eines unachtsamen Wanderers im Gebirg, der einen Felsbrocken lostritt, dass er zu Tal poltert. Heute hieß der Brocken Erkensruhr.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu “Erkensruhr

  1. Schön, dass Dir Erkensruhr in den Sinn kam, lieber Jules. Ich lese gerne von Orten die ich nicht kenne. Und ich stelle mir gerne Pferde mit verkürzten Beinen vor. Amüsant, aber das Mitleid überwiegt, da ich mich kenne…ich würde herzhaft lachen, wenn sie sich drehen und den Hang hinunter purzelten.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.