Friedhelm Nagelroths seltsame Überlegungen

Was sind das nur für seltsame Erscheinungen?, fragte sich Friedhelm Nagelroth. Seit Monaten tauchten plötzlich und unvermittelt kleine Schatten in seiner Wohnung auf, immer nah am Boden, gleich einem Flämmchen, etwa so groß wie eine Visitenkarte, aber nur halb so breit und an den Enden spitz zulaufend. So würde er sie zeichnen, doch die genaue Form kannte er nicht. Ihr Erscheinen war zu flüchtig. Bevor er einen Schatten betrachten konnte, verschwand er spurlos. Nagelroth hatte zunächst an huschende Mäuse gedacht, doch da die Schatten an freien Stellen seiner Dielen mal auftauchten und verschwanden, wo es also keinen Sichtschutz gab, verwarf er die Erklärung.

Auch sollten Mäuse wenigstens leise Geräusche machen. Doch die Schatten waren rein visuelle Phänomene. Er konnte nicht einmal sagen, ob es verschiedene Schatten oder ein einziger wäre, der seine Wohnung aufgesucht hatte und manchmal sichtbar wurde. Ein schattiges Flämmchen war ein Widerspruch in sich, doch er hatte einst eine Pestsage gelesen, in der ein solches Flämmchen auftauchte. Es wurde gesehen, wie es Mensch und Tier durch Berührung den Tod brachte. Eines Tages beobachtete ein Bewohner des geplagten Dorfes, wie das Flämmchen in einem kleinen Loch in der Friedhofsmauer verschwand. Dort konnte es gebannt werden, indem das Loch mit einem geweihten Holzpflock verstopft wurde.

Nagelroth war kein frommer Mann. An Teufel- oder Hexenwerk zu glauben, lag ihm fern. Aber er war durchaus bereit, an Phänomene zu denken, wie sie in der Phantastik oder Science Fiction auftauchen. Auch populäre Ideen der Quantenphysik waren ihm nicht fremd. Möglicherweise, spekulierte er, entstammt das Flämmchen einer höheren Dimension. Er hatte in ferner Vergangenheit die „Erinnerungen eines alten Quadrats“ gelesen. Die Erzählung handelte von zweidimensionalen Flächenwesen und der Spekulation, wie ein solches Flächenwesen eine Kugel wahrnehmen könnte.

Die Kugel taucht durch die Fläche, ist zunächst nur ein Punkt, vergrößert sich zu einem Kreis, der sich verkleinert und wieder in einem Punkt verschwindet. Niemals könnte das Flächenwesen die Natur der Kugel erfassen. Es würde immer nur Kreise und Punkte sehen. In einer ähnlichen Situation wäre er, dachte Nagelroth, wenn das Flämmchen der vierten Dimension entstammte. Denn eines wäre doch klar. Wenn die dritte Dimension die zweite und die erste in sich enthalte, müsste die dritte Dimension auch in der vierten enthalten sein. Und wie er, die beiden unteren Dimensionen beeinflussen konnte, könnte ein Wesen der vierten Dimension, ihn in der dritten beeinflussen.

Doch dann quälte ihn die Frage, ob er tatsächlich über die beiden unteren Dimensionen verfügen könnte. Die erste Dimension sei schließlich nur ein mathematisches Modell, was genau genommen auch für die zweite Dimension zuträfe. Als Lebewesen der dritten Dimension könne er leider nicht sagen, ob auch seine Welt nur ein mathematisches Modell sei. Dann wären freilich auch die Flämmchen in seiner Wohnung rein mathematische Erscheinungen und darum ausgesprochen seltsam, womit er wieder beim Ausgangspunkt seiner Überlegungen angekommen war.

Das Attentat

Wir fuhren durch stockfinstere Häuserschluchten und langten an, wo die Nacht am tiefsten ist, schoben unsere Fahrräder auf den Platz und lehnten sie an eine Mauer. „Hätte man keinen größeren Ort finden können?“, fragte mein Begleiter mit Blick auf die Scharen dunkler Gestalten, die auf den Platz strömten.
„Sei nicht immer so negativ“, tadelte ich, weil ich fürchtete, er würde mich damit anstecken. Eben erst hatte er geklagt; „Wäre in den Dosen immer sauberer Thunfisch gewesen und nicht dieses schwärzliche Gekröse …“ und ich hatte sofort beide Bilder vor Augen gehabt, die runde geöffnete Dose, darin das helle, fast rosafarbene Thunfischfleisch, eng gerollt in Öl.

Ich sah auch das schwärzliche Ersatzprodukt aus neuer Zeit unter ein paar kümmerlichen Erbsen mit Mais und Fetzen von Tomate deutlich vor mir.
„Wer weiß, was aus mir hätte werden können“, fuhr er bedauernd fort. Weiterlesen

Die Zukunft des Reisens

„Ich weiß nicht, wie sehr sich Reisen noch beschleunigen lassen“, sagte Coster, als die Rede auf die Hyperloop-Technologie kam, bei der Menschen mit bis zu 1000 Stundenkilometern in einer Kapsel durch eine Tunnelröhre rasen. „Letztlich“, fuhr er fort, „ist die Idee der Von-Ort-zu Ort-Verbringung eine Sackgasse, in der nur Energie verschwendet wird. Es ist auch unökologisch, den menschlichen Körper zu transportieren, wo doch der Geist überall hinfliegen kann.“

„Mit dem Finger auf der Landkarte? Oder in der Fantasie? Das ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Ergebnis eines Transports, also wirklich am anderen Ort zu sein.“

„Tatsächlich nicht“, räumte Coster ein. „Aber da liegt die Zukunft des Reisens. Zu suchen wäre nach einer Möglichkeit, nur den menschlichen Geist zu transportieren. Dann gälte es, eine Methode zu erfinden, die menschliche Identität mit all ihren Gefühlen, Erinnerungen und Fähigkeiten digital zu speichern. Diese Speicherung ließe sich leicht versenden.“

„Ins Nirwana, äh, ins Nirgendwo? Ans andere Ende des Universums?“

„Natürlich müsste am Zielort ein Empfänger, eine Sorte Dummy warten, in den die digitale Identität eingespeist würde. Die bessere Variante, also die Reise der 1. Klasse wäre, am Zielort einen perfekten Klon ohne eigenen Verstand zu haben. Wichtige Personen würden zwischen ihren auf der ganzen Welt verteilten Klonen hin- und her-switchen. Da es fast mit Lichtgeschwindigkeit geschähe, wäre sogar Bilocation annähernd möglich, also scheinbar an mehreren Orten gleichzeitig zu sein. Einer sitzt in einer Konferenz in Tokio, und mit dem nächsten Augenzwinkern wäre er bei der UN-Vollversammlung in New York City. Er könnte sogar Urlaub auf den Seychellen machen, während er an zwei anderen Orten konferiert.“

„Das liefe auf eine Verdreidoppelung der Identität heraus. Wer würde die an unterschiedlichen Orten gemachten Erfahrungen vereinen, quasi unter einen Hut bringen?“

„Der Reisende vom Anfang wäre zuständig, aber ich weiß nicht, ob sein Geist das verkraften würde. Wahrscheinlich würde er durchdrehen.“

„Das Ganze ist ein guter Romanplot, Coster!“, rief ich.

„Ich weiß, aber ich bin zu faul, den Roman zu schreiben. Auch mangelt es mir an Motivation. Ich bin, wie du weißt, längst tot.“

Herr Erlenberg muss reisen – Verschwistern Sie sich!

Schmerzlich sei der heftige Streit mit ihrer Schwester gewesen, der mit dem völligen Zerwürfnis endete. Es geschah in der Küche der Petra-Schwester. Petra berichtet: „Also, wenn ich eine Sauce abschmecke, spüle ich den benutzten Löffel nachher ab. Meine Schwester legt ihn einfach neben den Kochtopf und taucht ihn zum nächsten Umrühren und Verkosten wieder ein. Sie wollte nicht einsehen, dass die mehrfach Benutzung des Löffels unhygienisch ist.“

Die Konzerin scheint zu vergegenwärtigen, dass sie es wie die Schwester hält und meint:
„Aber sich wegen dieser Kleinigkeit zu überwerfen?“

Petra ist unzufrieden und sucht Bestätigung bei Erlenberg: „Was sagen Sie dazu, mein Herr?“
Zu seinem Missvergügen sieht sich Erlenberg in das Gespräch einbezogen.

„Das bisschen Spucke am Löffel ist sicher zu vernachlässigen, besonders wenn Suppe oder Sauce kochen. Außerdem gebe ich zu bedenken, dass es Kulturen gibt, in denen Mahlzeiten vorgekaut werden, nicht nur für die noch zahnlosen Kleinkinder. Es ist offenbar unschädlich, sonst wären diese Menschen längst ausgestorben.“

Petras Miene verfinstert sich. Erlenberg ergänzt: „Erst kürzlich erinnerte eine Freundin daran, unsere Großmütter hätten die Kirschen mit einer Haarnadel entkernt.“ Er zwinkert der Konzerin zu: „Die Frauen hatten die Haarnadeln praktischer Weise immer bei sich. Und bekanntlich wusch man die Haare nicht so oft wie heute.“

„Ach, das ist ja alles furchtbar ekelhaft!“, ruft Petra.

„Ich selber bin auch pingelig“, räumt Erlenberg ein. „Aber das scheint mir ein neuzeitliches Phänomen zu sein, verstärkt durch Ängste vor Ansteckung. Ich fürchte, wenn wir zunehmend Ekel voreinander entwickeln, werden wir vereinsamen.“

„Der Herr hat Recht“, sagt die Konzerin. „Petra, versöhnen Sie sich mit Ihrer Schwester, äh, verschwistern sie sich wieder!“

Herr Erlenberg muss reisen – Petra und die aus Konz

Erlenberg hatte ein Onlineticket gebucht und versehentlich einen Fensterplatz am Vierertisch reserviert. Er ruckelt sich auf den Fensterplatz, lehnt sich erleichtert zurück und hat jetzt Muße, seine Mitreisenden von gegenüber zu betrachten, zwei ältere Damen, von denen eine Petra heißt, wie er ihren Reden entnimmt, denn sie zitiert gerne Aussagen aus ihrem Umfeld, die allesamt mit „Petra“ beginnen. „Petra, das musst du gesehen haben.“ Beide sind Beamtenwitwen. Die ihm gegenüber sitzt, ist eine etwa 60-jährige Frau mit kräftigen Gesichtszügen. Die Dame will in Koblenz umsteigen, um die Mosel hoch zu fahren nach Konz bei Trier.

Sie sucht auf ihrem Smartphone das Foto ihrer halbwüchsigen Enkelin, zeigt es ihrer Nachbarin und schwärmt, ihre Enkelin wie deren Freund, beide hätten ihr Abitur mit 1,0 abgelegt.
„Solche Leute sind mir nicht geheuer“, sagt Petra. Sie berichtet von ihrer „tollen Wandertruppe“, hervorgegangen aus Tennisfreunden des verstorbenen Mannes. Auf gemeinsamen Wanderungen sei die launige Truppe fortwährend von Petras Hund Henry umkreist worden, denn der sei ein Australian Shepherd, also ein 1a Hütehund gewesen, wobei anders als bei Abiturienten die 1-er-Note bei Hütehunden nicht etwa gegen, sondern für ihren Charakter spräche.

„Nein, nein, meine Enkelin Marlene und ihr Freund haben auch einen guten Charakter“, wendet die Konzerin ein, kann aber zum Beweis nicht die kleinste Umkreisung von Wanderern vorbringen.
„Leider musste ich Henry einschläfern lassen“, erzählt Petra, den Einwand ihrer Nachbarin ignorierend. Sie langt nach ihrer Handtasche, zieht ein laminiertes Foto in DIN-A4-Größe hervor, reicht es zuerst ihrer Nachbarin und dann Erlenberg. Darauf ist sie abgebildet mit ihrem kürzlich verstorbenen Mann. Henry liegt entspannt mit dem Kopf auf den Pfoten und treuherzig schauend zwischen den beiden.
„Das Foto ist entstanden eine Stunde bevor Henry die Spritze bekam“, berichtet Petra.
Wann ihr Mann die erlösende Spritze bekommen hat, bleibt unklar. Den Verlust von Henry habe sie bis heute noch nicht verschmerzt. Schmerzlich sei im gleichen Jahr auch der heftige Streit mit ihrer Schwester gewesen, der mit dem völligen Zerwürfnis endete. Es geschah in der Küche der Petra-Schwester:

Herr Erlenberg muss reisen

Johannes Erlenberg verreiste gewöhnlich nicht, erst recht nicht in der Hauptreisezeit bei der Hitze des Sommers. Er scheute einfach die damit verbundene Mühsal. Den Sinn des Reisens hatte er nie verstanden. Warum können die Leute nicht einfach zu Hause bleiben? Als Kind war er in einer reizarmen Landschaft aufgewachsen, war nie verreist und hatte sich trotzdem glücklich gewähnt. Auch heute genügte ihm, ganz bei sich zu sein. Er musste nicht andere Orte aufsuchen. Mit den Jahren hatte er genug Landschaften in seinem Kopf angelegt, in denen sich trefflich reisen ließ, ohne die müden Glieder zu strapazieren. Aber diese Reise hatte aus Gründen sein müssen.

Erlenberger hatte sich orientiert, wo der Wagen 16 seiner Reservierung etwa halten würde und wartete ziemlich weit draußen am ausgewiesenen Gleis 6 des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der Zug hätte längst einfahren müssen. Ihm schwante, dass etwas nicht stimmte. Plötzlich sagte eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher an, der Zug werde abweichend auf Gleis 10 abfahren. Jetzt war Eile geboten. Er hastete zurück an den Anfang des Bahnsteigs, wo er hinüber zu Gleis 10 wechseln konnte. Der ICE stand wartend da, und Reisende drängten hinein. Der Wagen 16 war, wie schon an Gleis 6 vorgesehen, weit draußen am Anfang des Zuges. Erlenberger wusste, dass er nicht genug Zeit hätte, um den langen Weg über den Bahnsteig zu seinem Wagen zu schaffen. Etwa bei Wagen 5 war er der letzte auf dem Bahnsteig und stieg vorsichtshalber ein. Keinen Moment zu früh. Während der Zug anrollte, kämpfte er sich mühsam durch die Gänge Wagen um Wagen vorwärts.

    Das dauert und bietet die Gelegenheit für ein paar grundsätzliche Erwägungen: Nicht alle sind mit den Leistungen der Bahn zufrieden. Manche finden sogar, dass sich am Zustand dieses Unternehmens eine tiefe Verachtung des Fahrgastes ablesen lässt. Aber zur Ehrenrettung all der fleißigen und bemühten Bahnbediensteten an der „Front“ muss eines unbedingt gesagt werden, dass der desolate Zustand der Bahn auf politische Entscheidungen und solche der Vorstandsetagen zurückgeht. So mag einerseits der Befund zutreffen: „Der Fisch stinkt vom Kopfe her“. Aber nicht alles stinkt. Die direkt dem Vorstand unterstellte Abteilung „Fahrgastkonfusion“ leistet vorzügliche Arbeit. Ihre wichtigsten Strategien: „Zug fährt abweichend von Gleis X“, „veränderte Wagenreihung“, „ausgefallene Reservierungsanzeige“, „fehlender Wagen X.“ Die Abteilung „Fahrgastkonfusion“ ist vermutlich hervorgegangen aus der Abteilung „Versteckte Kennzeichnung der Wagennummer“, bis einem der Frühstücksdirektoren der Deutschen Bahn eingefallen ist, wie daraus eine größere Sache zu machen wäre.

Ein nicht geringer Teil der Fahrgäste gerät durch Strategie „Zug fährt abweichend von Gleis X“ bereits in Konfusion und steigt am falschen Wagenende ein, so dass nach allen Zustiegen eine Wanderbewegung einsetzt, was wiederum die richtig eingestiegenen Fahrgäste daran hindert, an ihre Plätze zu gelangen. Sich durch derlei Staus zum vorderen Wagen durchzukämpfen, ist etwas für junge, sportgestählte Burschen, die freigiebig Schubser, Rippenstöße und nötigenfalls saftige Tritte verteilen mögen, aber nichts für ältere Herrn. Als Erlenberger endlich der Wagen 16 erreicht hat, ist er erschöpft und verschwitzt. Sein Hemd klebt ihm nass auf dem Rücken.

Wenn du lange genug in die finstere Nacht starrst, ergibt sie sich irgendwann und wird hell

Der junge Offizier erbot sich, Franz und mich die 650 Kilometer durch schier endlose Wälder zum Atomkraftwerk zu fahren. Wir kamen nie dort an. Obwohl die Straße fast schnurgerade verlief, wir nur eine einzige menschliche Siedlung sahen, wäre es wert, von der Reise zu berichten, wenn ich nicht in ein Senkloch gerutscht wäre.

Franz und der junge Mann standen redend beieinander, als ich den Fuß auf ein Feld mit Winterweizen setzte. Es hatte mich gereizt, dass noch einige Stoppel vom Sommergetreide sich trotzig reckten, obwohl das neue Korn bereits wuchs. Just die Stoppeln am Rain wollte ich mit den festen Sohlen meiner Arbeitsschuh niedertreten, wollte den starren Widerstand der trocknen Halme spüren und wie sie zerbrechend nachgeben müssten. Die Lust war geringer als ich gehofft hatte, und auf der Suche nach noch mehr Stoppeln streifte ich immer weiter übers Feld. Was einmal Wintergetreide werden sollte, wucherte wie hohes Gras. Unter dem kräftigen Wind wogten die dichten Büschel, legten sich nieder, richteten sich trotzig auf, verwirbelten, drehten sich wie die wilden Haare einer Nixe, dass mir war, als würde ich durch die sturmgepeitschten Wellen eines flachen Gewässers schreiten. Gerade legte sich ein sattes Grasbüschel verlockend vor mir nieder. Ich trat hinzu und sah zu spät, dass unter dem Büschel ein Senkloch im Acker sich aufgetan hatte. Wo ich auftrat, war der Boden nicht sicher. Ich rutschte ab, glitt mit den Füßen voran, und mit den Armen rudernd, fiel ich rücklings hinein.

Schon saß ich fest, wie in einer viel zu tiefen Badewanne. Mich daraus zu erheben, war schier unmöglich, so sehr ich mich mühte. Ich fand keinen Halt, mich hochzustemmen, und da meine Beine vor mir in den Trichter der Senke gerutscht waren, gelang mir auch nicht, einen Fuß oder das Knie unter den Körper zu bekommen. Wenn das Gras dicht bei mir niedergedrückt wurde, konnte ich in der Ferne noch Franz und unseren Fahrer sehen. Franz wandte mir den Rücken zu. Ich rief so laut ich konnte, doch der Wind wischte mir die Rufe vom Mund und trug sie in die falsche Richtung fort. Mein gestreckter Arm schien mir übers Gras zu reichen, so dass es sinnvoll war zu winken. Ich winkte, wedelte mit der Hand, bis mir der Arm erlahmte.

All die vergeblichen Versuche, mich aus der misslichen Lage zu befreien, hatten mich bald erschöpft. Mein Mut sank und ließ mich an das romantische englische Fräulein denken, das hinüber auf eine Rheininsel gerudert war, wo eine Turmruine lockte. Die hölzerne Treppe im Turm schien intakt zu sein. Neugierig stieg das englische Fräulein hinauf. Als es die Turmspitze erreicht hatte, brach mit Getöse die Treppe unter ihm zusammen. Da konnte es von den Zinnen aus winken, wie es wollte. Wenn Rheinschiffer vorbeiglitten, winkten sie zurück oder bekreuzigten sich. Jahre später, beim Abriss der Ruine, fand man das Skelett.

Wieder versuchte ich es mit Winken. Die beiden mussten sich doch allmählich fragen, wo ich abgeblieben war. Franz würde sich umdrehen und nach mir Ausschau halten. Ich wünschte, ich hätte etwas Weißes, ein Stück Stoff zum Wedeln, denn im trügerischen Licht der Abenddämmerung wäre meine Hand leicht zu übersehen. Mit Mühe zwängte ich meine Rechte in die Hosentasche, aber fand sie leer, tastete sodann nach den Knüppeln unter mir, auf die ich gefallen war und die mich schon die ganze Zeit schmerzhaft im Rücken drückten. Einen bekam ich frei. Ich musste dazu starr den Hintern anheben und rutschte durch diese Bewegung tiefer in den Trichter. Froh und erleichtert wollte ich den Knüppel in die Luft strecken, doch sah im letzten Augenblick, dass es der skelettierte Unterarm meines Vorgängers war. Die Hand baumelte noch daran. Nicht auszudenken, wenn der junge Offizier gesehen hätte, wie ein Skelett ihm winkt. Dann könnte ich mich glücklich schätzen, wenn er es beim Bekreuzigen beließe und nicht seine Pistole zücken würde, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Und wie die verstockten Burschen nun mal sind, würde er Franz nicht einmal sagen, warum er geschossen hätte.

Aber ich hatte verstanden, was mir drohte. Ich sah mein Schicksal vor mir, hatte es sogar in der Hand, ohne zu wissen, wie ich den Knochen loswerden konnte. Vom Grauen überwältigt, lag ich starr. Mich befiel eine lähmende Müdigkeit. Ich konnte die Augen nicht offen halten, sondern glitt in einen Tagtraum. Vor mir sah ich einen Haufen sauber gespaltete Holzscheite. Ich griff danach und zog sie an meine Brust. Mir schien, ich könnte mich an ihnen hochziehen. Da stand Franz hinter mir und fragte: „Brauchst du Hilfe?“

„Nein.“

Wie einer lernte, das Telefon zu hassen (4)

Weil es hieß: ‚Im Lehrbetrieb bleibt man immer der Lehrling‘, kündigte ich und wechselte zu einer Druckerei Ernst in Köln. Wenn Frau und Herr Ernst zu Tisch waren, versah Herr Meisel den Telefondienst. Herr Meisel hatte als Leiter der Buchbinderei ein Rudel ungelernter Buchbinderinnen unter sich, haltlose, wüste Frauen, vor denen ich Angst hatte. Wer denkt, es gäbe im Miteinander der Geschlechter nichts Schlimmeres als das Verhalten von Bauarbeitern, wenn sie den Frauen hinterherpfeifen und Obszönitäten rufen, der hat noch keine notgeilen Buchbinderinnen gehört. Weil ich damals die Haare schulterlang trug, war ich gewöhnt, dass Bauarbeiter mir hinterherpfiffen oder ,Hallo Fräulein!‘ riefen.

Das war nichts gegen die Anzüglichkeiten, die mir um die Ohren flogen, wenn ich die Buchbinderei durchquerte. Das Unglück wollte es, dass Herr Meisel dreimal Telefondienst versah, als Anrufe für mich hereinkamen. Sie waren allesamt harmlos. Einmal rief meine gleichaltrige Cousine Marly an. Sie organisierte unseren Partykeller. Der Getränkehändler vermisse einen leeren Kasten Bier, für die er uns kein Pfand abgenommen hatte. Ob ich wüsste, wo der Kasten abgeblieben war. Einmal war es Annettchen, die Schwester meines Freundes Pierro, von der ich mir eine Schallplatte ausgeliehen hatte. Sie wollte die Platte zurück. Einmal rief Sonja an. Sie hatte sich mit meinem Freund Föppes zerstritten und fragte, ob ich zwischen beiden vermitteln könne. Dass in kurzer Folge drei verschiedene Mädchen mich telefonisch zu sprechen wünschten, aus diesem Umstand schloss Herr Meisel, ich wäre ein ausgemachter Herzensbrecher.“

„Warum riefen die Mädchen dich immer in den Pausen an?“, fragte ich.

„Ganz einfach, sie hatten selbst Mittagspause in ihrem Bürojob und nutzten die Verfügbarkeit eines Telefons, um ihre Umgebung zu terrorisieren. Die wenigsten hatten ja damals ein Telefon zu Hause, außer Bärbel natürlich. Sie war das verwöhnte Töchterlein eines Apothekers. Jedenfalls freute sich Herr Meisel über meine diversen Kontakte zum weiblichen Geschlecht. Er fühlte sich wie ein Postillon d’amour und genoss es. Als ich nach dem Telefongespräch zurück durch die Buchbinderei ging, steckten Meisel und sein Hühnerhaufen gerade die Köpfe zusammen und ich hörte ihn raunen: ,Heute war’s eine Sonja.‘

Hinfort war die Durchquerung der Buchbinderei für mich ein Spießrutenlaufen. Es war übel. Der Spruch: ,Dich würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen‘, dabei noch das Harmloseste. Eine dralle Vettel rief: ,All die Mädchen bringens wohl nicht. Wir können es dir richtig besorgen!‘ und wedelte obszön mit der langen Zunge. Ich war damals noch unschuldig. Sex war erst ab 18. Die wolllüstigen Buchbinderinnen haben mir jede Illusion geraubt, das weibliche Geschlecht wäre etwas Zartes, Reines, die Liebe zu ihm etwas Poetisches.“

„Letztlich lag es nicht am Telefon, dass du mit der rauhen Wirklichkleit konfrontiert wurdest.“

„Ja, aber die Buchbinderinnen hätten niemals so über mich herfallen können, wenn das Telefon keine Missverständnisse geschürt hätte. Daraus schließe ich, dass die Wirklichkeit durch das Telefon erst richtig rauh wurde. Verstehst du jetzt, warum ich Telefon und Telefonieren hasse? Brauchst du weitere Beispiele?“

„Nein, ich habe genug gehört, mein Freund. Aber stand dieser wunderbare Sommer 1967 für dich nur unter dem Unstern Telefon?“

„No, Sir! Anfang September, als ich den Sommer schon abgeschrieben hatte, zeigte er sich von der schönsten Seite. Auf unserem Schützenfest traf ich Mareike, ein Mädchen von der Schießbude. Ich hatte mich auf den ersten Blick in sie verliebt, ein bisschen geflirtet und sie von der Schießbude weg ins Kirmeszelt zum Tanz entführt. Die besoffenen Schützenbrüder machten große Augen. Sie hatten bei der jungen Frau ihr Geld ausgegeben, hatten immer wieder versucht, blöde Plastiknelken oder Teddybären zu schießen, nur um ihr zu imponieren, und kannten sie kaum wieder. Dass eine, die hinter der Theke der Schießbude stand und Gewehre lud, sogar Beine hatte. Und was für welche! Donnerwetter! Die Dorfschönheiten guckten neidisch, weil das Mädchen von der Schießbude in seinem duftigen Sommerkleid alle an Schönheit übertraf. Doch in der Dorfgemeinschaft gab es Gerede, denn einem Mädchen von der Schießbude macht man im besoffenen Kopf anzügliche Bemerkungen, aber man führt es nicht zum Tanz. ,Mit so einer poussiert man nicht‘, erfuhr ich beim Frisör. Es war mir egal. Einige Wochen bin ich Mareike noch von Dorfkirmes zu Dorfkirmes hinterher gereist, aber sie fuhr mit ihrer Schießbudenfamilie immer weiter, bis sie für mich unerreichbar wurde.“

„Da wäre ein Telefon segensreich gewesen.“
Wilhelm schaute mich traurig an und sagte: „Ganz müder Gag!“

Wie einer lernte, das Telefon zu hassen (3)

Zu Hause hätten sie ja in dieser Zeit kein Telefon gehabt, fuhr mein Freund fort. Aber auch dort hätten ihm die liebestrunkenen Mädchen keine Ruhe gelassen. Sie riefen einfach in der Nachbarschaft beim Ehepaar Ruß an.
„Frau Ruß kam in ihren rosa Plüschpantöffelchen über den Gehweg getrippelt und klingelte mich heraus.
,Ein Mädchen ist am Telefon und möchte dich dringend sprechen. Beeil dich! Es scheint wichtig zu sein!‘
Du musst wissen“, erläuterte Carlsen, „dass Frau Ruß die Ehefrau von Herrn Ruß war.“
„Ach, das hätte ich nicht von den beiden gedacht. Es muss halt alles seine Richtigkeit haben auf dem Dorf.“
Carlsen ignorierte meine Bemerkung.

„Ja, und Herr Ruß war mein strenger Lehrer in der Volksschule gewesen. Wenn mich also Frau Ruß die Treppen hinauf zu ihrem Telefon abführte, war mir, als träte ich gleich vor meinen Scharfrichter. Mein Herz klopfte wie wild, und ich hatte die Zunge bereits quer im Maul, bevor ich die Wohnung meines ehemaligen Lehrers betrat. In der Diele der Eheleute Ruß stand auf einem Tischlein unter dem Garderobenspiegel mein Folterinstrument, das Telefon. Seine obszöne Hässlichkeit war noch unterstrichen durch eine grüne Samthaube, aus dem die Wählscheibe kreisrund ausgespart war. Die Ränder waren mit goldfarbenen Brokatborten verziert. Frau Ruß übergab mir den ebenfalls häubchenverzierten Hörer und zog sich scheinbar diskret ins angrenzende Wohnzimmer zurück. Aber die Tür blieb nur angelehnt, so dass ich mir vorstellen konnte, wie Frau und Herr Ruß begierig jedes meiner Worte aufzufangen versuchten, Frau Ruß, um zu erfahren, aus welchem wichtigen Grund ihre nachbarschaftliche Hilfe gefragt war, Herr Ruß, um zu hören, ob die Züchtigkeit gewahrt blieb und ob ich fähig war, mich mithilfe eines modernen Fernsprechapparates zu verständigen.

Ich sagte Hallo? in die Sprechmuschel hinein.
,Ich bin’s! Warum sprichst du so leise?‘, tönte es aus dem Hörer zurück.
,Bärbel?‘
,Wieso Bärbel? Ich bin’s, Monika. Machst du wieder mit dieser Bärbel rum?‘
,Nein, natürlich nicht. Du musst schon entschuldigen, aber eure Telefonstimmen sind ähnlich. Und sie hat sich auch mit Ich bin’s gemeldet.‘
Ein Augenblick war Stille, und ich hatte Zeit, mich im Garderobenspiegel zu betrachten. Meine Ohren glühten.
Monika atmete tief. ,Ich muss jetzt wissen, ob du mich wirklich liebst.‘
,Warum?‘
,Und du fragst auch noch warum?! Ich habe mich zufällig mit Bärbel unterhalten. Was war das da mit dem Gerede von Verlobungskarten? Versprichst du jeder hergelaufenen Tussi gleich die Verlobung?‘
,Hallo? Ich bin erst 17.‘
,Schlimm genug.‘
,Lass uns in Ruhe reden. Ich kann jetzt nicht gut. Wir können uns ja treffen.‘
,Ach, wie gnädig, der Herr, wir können uns ja treffen. Am Telefon geht es jetzt nicht‘, höhnte Monika.

Aus dem Wohnzimmer der Eheleute Ruß kam ein Hüsteln, erst von ihr, dann von ihm. Ich hörte beide leise diskutierten. Am Ende setzte Herr Ruß sich durch, und Frau Ruß kam in die Diele mit den Worten: ,Herr Ruß findet, du solltest jetzt das Gespräch beenden!'“

(Fortsetzung)