Wie einer lernte, das Telefon zu hassen (4)

Weil es hieß: ‚Im Lehrbetrieb bleibt man immer der Lehrling‘, kündigte ich und wechselte zu einer Druckerei Ernst in Köln. Wenn Frau und Herr Ernst zu Tisch waren, versah Herr Meisel den Telefondienst. Herr Meisel hatte als Leiter der Buchbinderei ein Rudel ungelernter Buchbinderinnen unter sich, haltlose, wüste Frauen, vor denen ich Angst hatte. Wer denkt, es gäbe im Miteinander der Geschlechter nichts Schlimmeres als das Verhalten von Bauarbeitern, wenn sie den Frauen hinterherpfeifen und Obszönitäten rufen, der hat noch keine notgeilen Buchbinderinnen gehört. Weil ich damals die Haare schulterlang trug, war ich gewöhnt, dass Bauarbeiter mir hinterherpfiffen oder ,Hallo Fräulein!‘ riefen.

Das war nichts gegen die Anzüglichkeiten, die mir um die Ohren flogen, wenn ich die Buchbinderei durchquerte. Das Unglück wollte es, dass Herr Meisel dreimal Telefondienst versah, als Anrufe für mich hereinkamen. Sie waren allesamt harmlos. Einmal rief meine gleichaltrige Cousine Marly an. Sie organisierte unseren Partykeller. Der Getränkehändler vermisse einen leeren Kasten Bier, für die er uns kein Pfand abgenommen hatte. Ob ich wüsste, wo der Kasten abgeblieben war. Einmal war es Annettchen, die Schwester meines Freundes Pierro, von der ich mir eine Schallplatte ausgeliehen hatte. Sie wollte die Platte zurück. Einmal rief Sonja an. Sie hatte sich mit meinem Freund Föppes zerstritten und fragte, ob ich zwischen beiden vermitteln könne. Dass in kurzer Folge drei verschiedene Mädchen mich telefonisch zu sprechen wünschten, aus diesem Umstand schloss Herr Meisel, ich wäre ein ausgemachter Herzensbrecher.“

„Warum riefen die Mädchen dich immer in den Pausen an?“, fragte ich.

„Ganz einfach, sie hatten selbst Mittagspause in ihrem Bürojob und nutzten die Verfügbarkeit eines Telefons, um ihre Umgebung zu terrorisieren. Die wenigsten hatten ja damals ein Telefon zu Hause, außer Bärbel natürlich. Sie war das verwöhnte Töchterlein eines Apothekers. Jedenfalls freute sich Herr Meisel über meine diversen Kontakte zum weiblichen Geschlecht. Er fühlte sich wie ein Postillon d’amour und genoss es. Als ich nach dem Telefongespräch zurück durch die Buchbinderei ging, steckten Meisel und sein Hühnerhaufen gerade die Köpfe zusammen und ich hörte ihn raunen: ,Heute war’s eine Sonja.‘

Hinfort war die Durchquerung der Buchbinderei für mich ein Spießrutenlaufen. Es war übel. Der Spruch: ,Dich würde ich auch nicht von der Bettkante stoßen‘, dabei noch das Harmloseste. Eine dralle Vettel rief: ,All die Mädchen bringens wohl nicht. Wir können es dir richtig besorgen!‘ und wedelte obszön mit der langen Zunge. Ich war damals noch unschuldig. Sex war erst ab 18. Die wolllüstigen Buchbinderinnen haben mir jede Illusion geraubt, das weibliche Geschlecht wäre etwas Zartes, Reines, die Liebe zu ihm etwas Poetisches.“

„Letztlich lag es nicht am Telefon, dass du mit der rauhen Wirklichkleit konfrontiert wurdest.“

„Ja, aber die Buchbinderinnen hätten niemals so über mich herfallen können, wenn das Telefon keine Missverständnisse geschürt hätte. Daraus schließe ich, dass die Wirklichkeit durch das Telefon erst richtig rauh wurde. Verstehst du jetzt, warum ich Telefon und Telefonieren hasse? Brauchst du weitere Beispiele?“

„Nein, ich habe genug gehört, mein Freund. Aber stand dieser wunderbare Sommer 1967 für dich nur unter dem Unstern Telefon?“

„No, Sir! Anfang September, als ich den Sommer schon abgeschrieben hatte, zeigte er sich von der schönsten Seite. Auf unserem Schützenfest traf ich Mareike, ein Mädchen von der Schießbude. Ich hatte mich auf den ersten Blick in sie verliebt, ein bisschen geflirtet und sie von der Schießbude weg ins Kirmeszelt zum Tanz entführt. Die besoffenen Schützenbrüder machten große Augen. Sie hatten bei der jungen Frau ihr Geld ausgegeben, hatten immer wieder versucht, blöde Plastiknelken oder Teddybären zu schießen, nur um ihr zu imponieren, und kannten sie kaum wieder. Dass eine, die hinter der Theke der Schießbude stand und Gewehre lud, sogar Beine hatte. Und was für welche! Donnerwetter! Die Dorfschönheiten guckten neidisch, weil das Mädchen von der Schießbude in seinem duftigen Sommerkleid alle an Schönheit übertraf. Doch in der Dorfgemeinschaft gab es Gerede, denn einem Mädchen von der Schießbude macht man im besoffenen Kopf anzügliche Bemerkungen, aber man führt es nicht zum Tanz. ,Mit so einer poussiert man nicht‘, erfuhr ich beim Frisör. Es war mir egal. Einige Wochen bin ich Mareike noch von Dorfkirmes zu Dorfkirmes hinterher gereist, aber sie fuhr mit ihrer Schießbudenfamilie immer weiter, bis sie für mich unerreichbar wurde.“

„Da wäre ein Telefon segensreich gewesen.“
Wilhelm schaute mich traurig an und sagte: „Ganz müder Gag!“

Wie einer lernte, das Telefon zu hassen (3)

Zu Hause hätten sie ja in dieser Zeit kein Telefon gehabt, fuhr mein Freund fort. Aber auch dort hätten ihm die liebestrunkenen Mädchen keine Ruhe gelassen. Sie riefen einfach in der Nachbarschaft beim Ehepaar Ruß an.
„Frau Ruß kam in ihren rosa Plüschpantöffelchen über den Gehweg getrippelt und klingelte mich heraus.
,Ein Mädchen ist am Telefon und möchte dich dringend sprechen. Beeil dich! Es scheint wichtig zu sein!‘
Du musst wissen“, erläuterte Carlsen, „dass Frau Ruß die Ehefrau von Herrn Ruß war.“
„Ach, das hätte ich nicht von den beiden gedacht. Es muss halt alles seine Richtigkeit haben auf dem Dorf.“
Carlsen ignorierte meine Bemerkung.

„Ja, und Herr Ruß war mein strenger Lehrer in der Volksschule gewesen. Wenn mich also Frau Ruß die Treppen hinauf zu ihrem Telefon abführte, war mir, als träte ich gleich vor meinen Scharfrichter. Mein Herz klopfte wie wild, und ich hatte die Zunge bereits quer im Maul, bevor ich die Wohnung meines ehemaligen Lehrers betrat. In der Diele der Eheleute Ruß stand auf einem Tischlein unter dem Garderobenspiegel mein Folterinstrument, das Telefon. Seine obszöne Hässlichkeit war noch unterstrichen durch eine grüne Samthaube, aus dem die Wählscheibe kreisrund ausgespart war. Die Ränder waren mit goldfarbenen Brokatborten verziert. Frau Ruß übergab mir den ebenfalls häubchenverzierten Hörer und zog sich scheinbar diskret ins angrenzende Wohnzimmer zurück. Aber die Tür blieb nur angelehnt, so dass ich mir vorstellen konnte, wie Frau und Herr Ruß begierig jedes meiner Worte aufzufangen versuchten, Frau Ruß, um zu erfahren, aus welchem wichtigen Grund ihre nachbarschaftliche Hilfe gefragt war, Herr Ruß, um zu hören, ob die Züchtigkeit gewahrt blieb und ob ich fähig war, mich mithilfe eines modernen Fernsprechapparates zu verständigen.

Ich sagte Hallo? in die Sprechmuschel hinein.
,Ich bin’s! Warum sprichst du so leise?‘, tönte es aus dem Hörer zurück.
,Bärbel?‘
,Wieso Bärbel? Ich bin’s, Monika. Machst du wieder mit dieser Bärbel rum?‘
,Nein, natürlich nicht. Du musst schon entschuldigen, aber eure Telefonstimmen sind ähnlich. Und sie hat sich auch mit Ich bin’s gemeldet.‘
Ein Augenblick war Stille, und ich hatte Zeit, mich im Garderobenspiegel zu betrachten. Meine Ohren glühten.
Monika atmete tief. ,Ich muss jetzt wissen, ob du mich wirklich liebst.‘
,Warum?‘
,Und du fragst auch noch warum?! Ich habe mich zufällig mit Bärbel unterhalten. Was war das da mit dem Gerede von Verlobungskarten? Versprichst du jeder hergelaufenen Tussi gleich die Verlobung?‘
,Hallo? Ich bin erst 17.‘
,Schlimm genug.‘
,Lass uns in Ruhe reden. Ich kann jetzt nicht gut. Wir können uns ja treffen.‘
,Ach, wie gnädig, der Herr, wir können uns ja treffen. Am Telefon geht es jetzt nicht‘, höhnte Monika.

Aus dem Wohnzimmer der Eheleute Ruß kam ein Hüsteln, erst von ihr, dann von ihm. Ich hörte beide leise diskutierten. Am Ende setzte Herr Ruß sich durch, und Frau Ruß kam in die Diele mit den Worten: ,Herr Ruß findet, du solltest jetzt das Gespräch beenden!'“

(Fortsetzung)

Wie einer lernte, das Telefon zu hassen (2)

„Ja, ach so. Normaler Weise setzte ich die Verlobungskarten. Die Vermählungsanzeigen setzte grundsätzlich der Junior. Oft stand er am Setzkasten, einen verlorenen Blick in die Ferne gerichtet und jeder mit ein bisschen Einfühlungsvermögen wusste, dass er nicht wirklich mit Winkelhaken und Bleilettern hantierte, sondern im Geiste gigantische Hochzeitstorten schuf. “
„Aber, lieber Wilhelm, was haben diese imaginären Hochzeitstorten mit deinem Hass auf Telefone zu tun?“, unterbrach ich erneut.
„Der verhinderte Konditor lebte mir das Schweigen vor, und ich lernte, wie viel schöner es ist, sich im Geiste Hochzeitstorten auszumalen, als am Telefon zu reden.

Unsere Mittagspause ging von 12:30 bis 13 Uhr, die der Sekretärin bis 14 Uhr. Bis zu ihrer Rückkehr übernahm der Seniorchef den Telefondienst. Gewöhnlich stand er an seiner Druckmaschine, dem Original Heidelberger Tiegel. Wenn durch das Zischen, Schnauben und Stampfen seiner Maschine das Telefonklingeln im Kundenempfang zu ihm durchdrang, stellte er die Maschine ab und begab sich grollend nach vorne an den Sekretärinnenschreibtisch, um unwirsch das Gespräch anzunehmen.

Einmal hörte ich ihn belfern: ‚Was?! Den Wilhelm sprechen?!‘ und wusste, was mir blühte. Schon blaffte der Alte die Treppe hinauf zur Setzerei: ‚Wilhelm! Am Apparat!‘ Augenblicklich fiel mein Mund trocken. Als ich die Treppe hinunter hastete, spürte ich, wie meine Ohren sich erhitzten. Der Alte stand stirnrunzelnd da, streckte mir den schwarzen Telefonhörer entgegen und blieb heischend neben dem Apparat stehen, um zu hören, welche Katastrophe wohl über mich und meine arme Familie hereingebrochen war. Wenn ein Anruf ihn und mich aus der Arbeit riss, musste der Grund wirklich eine schreckliche Nachricht sein, die keinen Aufschub duldete.

Aus dem Hörer flötete ein Stimmchen:
,Ich bin’s! Ich war gerade mit dem Lackieren meiner Fußnägel fertig, habe bei jedem Nagel an dich gedacht und wurde urplötzlich von einer Welle der Liebe zu dir erfasst. Das musste ich dir unbedingt flüstern. Hast du vielleicht etwas Ähnliches gespürt, genau in dieser Minute? Sag, liebst du mich auch so, liebster Wilhelm?‘
,Ja, Bärbel‘
,Sag’s im Satz, bitte bitte!‘
,Kann nicht.‘
,Doch, du kannst!‘
,Ich liebe dich auch so.‘
,Und woran hast du gedacht, vor einer Minute?‘
,An eine Verlobungskarte‘, sagte ich wahrheitsgemäß, denn von dieser Arbeit hatte mich ihr Anruf fortgerissen.
,Verlobung?! Ach, Wilhelm, Lieber, du bist ja so süß! Bin ich wirklich auf immer die Einzige für dich?‘
,Ja.‘
,Was bist du denn so maulfaul?’“

„Das kenne ich“, warf ich ein. „Kaum glauben sie, dich sicher zu haben, geht die Krittelei los. Doch erzähle getrost weiter, mein Lieber!“ Wilhelm warf mir einen irritierten Blick zu, besann sich wieder und fuhr fort:

„Während all der Bekenntnisse, die mir Bärbel abrang, ruhte mein Blick bang auf dem Antlitz meines Chefs. Über seine Züge irrlichterte der Ausdruck absoluter Fassungslosigkeit. Noch nie war sein Telefonapparat so schändlich missbraucht worden. Was ich in sein Telefon stammelte, ließ in seinen Augen das Weiße aufscheinen und ich ahnte, dass er auf der scharfen Scheide zum Irrsinn balancierte. Wie konnte ich nur die heilige Arbeitszeit, die er aus seiner Geldkasse entlohnen musste, wie konnte ich meine Zeit und sein Geld für Liebesklimbim verplempern? Er hatte seine Maschine abstellen müssen für das hier. Für diese Unverschämtheit fehlten ihm die passenden Worte. Einstweilen begann es in ihm zu grummeln. Dann stieß er einen Schwall unartikulierter Laute hervor, aus dem die harschen Befehlsworte hervortraten: ,Du willst sofort Schluss machen!‘ Da war kein Widerspruch möglich, denn dieses ,Du willst …‘, mit dem er seine Befehle einleitete, stammte noch aus der Kaiserzeit. Ich wagte kaum, einen Abschiedsgruß zu struddeln, da riss er mir auch schon den Hörer aus der Hand und knallte ihn auf die Gabel. Wie ein geprügelter Hund stolperte ich hoch in die Setzerei. Da donnerte es hinter mir her: ‚DU WILLST DICH NIE WIEDER HIER ANRUFEN LASSEN!‘

Ich hatte das Telefongespräch abrupt beenden müssen, aber nicht Schluss gemacht. Das tat Bärbel, weil es für sie ,wirklich, wirklich schmerzlich und erniedrigend‘ gewesen sei, wie ich mich am Telefon verhalten hätte. Sie hätte mir ihr Herz geöffnet, und ich hätte grob hineingetreten. Und was das überhaupt für ein dummes Gerede von Verlobung gewesen sei. Ihr Vater würde nie erlauben, dass seine einzige Tochter sich mit einem ,Handwerker‘ verlobt.“

Zu Hause hätten sie ja in dieser Zeit kein Telefon gehabt, fuhr mein Freund fort. Aber auch dort hätten ihm die liebestrunkenen Mädchen keine Ruhe gelassen.

[Fortsetzung]

Wie einer lernte, das Telefon zu hassen

„Geh mir fort mit Sommerliebe“, rief mein Freund Wilhelm Carlsen. „Der Sommer 1967, das waren nicht nur Flower-Power, die Beatles und jugendliche Liebeleien. Der ‚Summer of Love‘ 1967 war für mich der reine Stress und der Zeitraum, in dem ich lernte, das Telefon zu hassen!“ Er glaube genau zu wissen, dass damals seine Abneigung gegen dieses teuflische Gerät der Fernkommunikation entstanden sei. Er kenne auch kein anderes Gerät, mit dem man so dreist und unvermittelt in das Leben seiner Mitmenschen einfallen könne. Schon früh, lange vor dem allgegenwärtigen Mobilfunk, sei es durch das Telefon zu einer bis dahin beispiellosen Verrohung der Sitten gekommen.

Das Gerät fördere eine Rücksichtslosigkeit, die selbst die feinfühligsten Menschen befällt. Wäre er nicht traumatisch vorbelastet, ginge es ihm genauso. Doch nie sei er mit dieser Apparatur vertraut geworden, dass er unbefangen damit umgehen könne. Wenn er nach tagelangem Zögern irgendwen anrufe, sei er immer versucht, sich für die Störung zu entschuldigen oder zumindest „Stör ich?“ zu fragen. Für ihn gebiete die Höflichkeit, das zu tun. Denn als Anrufer dränge man sich so urplötzlich in ein fremdes Leben, dass man zumindest fragen solle, ob es passt. Andere würden sich frech melden mit: „Ich bin’s!“, als wäre das schon Entschuldigung genug.

Wilhelm redete sich in Schwulitäten, wie man bei uns sagt: „Der Irrsinn hat schon im Jahr 1881 begonnen. Damals erschien in Berlin das erste Telefonbuch. Es trug den sperrigen Titel ‚Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten.‘ Der Volksmund nannte es ‚Buch der Narren.‘ Man glaubte, es wären nur Deppen auf diesen ‚Schwindel aus Amerika‘ hereingefallen, und hatte noch keine Vorstellung von der Seuche, die flächendeckend über die Menschheit kommen würde: das Festnetztelefon! Ein Instrument der Dreistheit, Missverständnisse und Misshelligkeiten.“

„Du verlierst den Faden, lieber Freund. Wolltest du nicht eigentlich berichten, warum du das Telefon hassen gelernt hast?“

„Ja, natürlich“, besann er sich. „Als ich ein junger Mann war, begannen sich die Mädchen für mich zu interessieren und versuchten mich zu sprechen, wenn’s eigentlich nicht angebracht war, beispielsweise während meiner Arbeit in einer Buchdruckerei. Du musst wissen, dass in meinem Lehrbetrieb Privatgespräche strengstens untersagt waren. Mit den Kollegen durfte man nur Worte wechseln, wenn das für den Arbeitsablauf nötig war. Vorbild war der Setzereileiter, von allen nur der Junior genannt. Der Junior ist ein großer Schweiger vor dem Herrn gewesen. Er war ja eigentlich Konditormeister. Aber weil sein älterer Bruder im Krieg gefallen war, hatte er umsatteln müssen, um statt seiner das Erbe der Traditionsdruckerei fortzuführen.

Wir setzten und druckten in dieser Druckerei hauptsächlich Akzidenzen, also Privatdrucksachen aller Art, Briefbögen, Visitenkarten, Trauerbriefe, Totenzettel, Kommunionbildchen, Verlobungs- und Vermählungsanzeigen.

„Ähem, Wilhelm!“

[Fortsetzung]

Mitleid mit Hunden kommt immer gut

Eine illustre Gesellschaft hatte sich rund um die festlich eingedeckte, große Tafel versammelt. Da waren der gefeierte Fernsehstar, der Philosoph, der gerade seinen 3. Bestseller gelandet hatte, der reiche Mäzen, die nicht minder reiche Charity-Dame, Aachens stellvertretender Bürgermeister, ein Printenhersteller und Entrepreneur des Jahres 2008, die kulturbeflissene Gastgeberin und ich, der ich nichts Besonderes vorzuweisen hatte, nur der neue Klassenlehrer ihres einzigen Sohnes war. Ich fühlte mich in die Falle gelockt, denn die Gastgeberin, Frau von Hohenstein, hatte mich zu einem „einfachen Imbiss“ eingeladen und trachtete offenbar danach, mir zu imponieren.

All der Prunk sollte wohl auf ihren etwas dümmlichen Sohn überstrahlen und mein Urteil beeinflussen. Die absurde Szenerie erinnert mich an die Groteske „Das ganz einfache Butterbrot“ von Kurt Schwitters. Der Ich-Erzähler ist zu einem „einfachen Butterbrot“ eingeladen, sieht sich unerwartet in eine mondäne Gesellschaft verschlagen und behilft sich, indem er „Kuckuck!“ ruft und allerlei Clownerien anstellt.

Der Kreis der Hohenstein-Gäste kam offenbar schon länger zusammen, und es ging ihnen nicht nur um die exquisiten Speisen, die von zahlreichen Dienstboten aufgetragen wurden, sondern auch um die bereits legendären Tischgespräche. Frau von Hohenstein berichtete spöttisch, so manche Edelfeder wünsche sich dringend, die Tischgespräche aufzeichnen zu dürfen. Aber die Anfragen der großen Blätter habe sie bislang abgewiesen. Ein Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen habe argumentiert, die legendären Sentenzen des Dr. Samuel Johnson, Verfasser des Dictionary of the English Language, des bis heute wegweisenden Wörterbuchs der englischen Sprache, wären ja nur der Nachwelt erhalten, weil sein Biograf James Boswell ebenfalls am Tisch der Politikergattin Hester Thrale habe Platz nehmen dürfe. „Papperlapapp“, habe Frau von Hohenstein gesagt. Allein die Vorstellung eines Schreiberlings am Tisch, der nach Gesprächshappen gieren würde, finde sie im hohen Maße degoutant. Die Gespräche ihrer exklusiven Tischgesellschaft wolle sie keinesfalls nach außen dringen lassen. Alles würde von der Journaille nur banalisiert werden für die dumme Leserschaft. Und was die Nachwelt betraf, stand ihr Urteil fest. Das dumme Volk da draußen würde noch dümmere Nachfahren haben, weshalb sich Frau von Hohenstein nicht einen Deut für die Nachwelt interessierte.

Ich fühlte mich unwohl in diesem Kreis und schwieg, während rund um mich herum munter parliert wurde. Meine Sorge war ganz banal, ein plötzliches Verschlucken zu vermeiden. Da ich kürzlich einen Schlaganfall erlitten hatte, war Verschlucken ein zurückgebliebenes Symptom. Zu essen, trinken und zu sprechen, wie es offenbar alle beherrschten, was der beleibte Kunstmäzen sogar vollmundig tat, war mir demgemäß unmöglich. Soeben hatte mich ein plötzlicher Hustenreiz erwischt, und wie von einem Katapult geschleudert, war eine Erbse aus meinem Schlund geschossen, haarscharf an der Gastgeberin vorbei. Das peinliche Geschoss war glücklicher Weise unbeachtet geblieben, so schien es mir.

Plötzlich war die Rede von „Skaumo.“ Ich wusste nicht, was es bedeutete, als der Philosoph sagte, er finde Skaumo überbewertet und dann das Wort an mich richtete: „Was halten Sie davon, Sie schweigsamer Mensch?“ Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich konnte gerade noch schlucken und schalt mich, dem Gespräch zuvor nicht zugehört zu haben. Was Skaumo bedeutete, war mir völlig unklar. In den 1970-er Jahren hatte ich ein dünnes Erzählbändchen von Herbert Rosendorfer besessen, in dem eine entlegene Stadt namens Skaumo vorkam. Ich erinnerte mich nur noch, dass man dort Coca-Cola herstellte und zu diesem Zweck umherstreunende Hunde einfing. Mein Kopf merkt sich halt immer nur die skurrilen Dinge. Doch schien mir unwahrscheinlich, dass das lange vergriffene Bändchen Thema des Gesprächs sein sollte. Ich war versucht: „Kuckuck!“, zu rufen, um dem peinlichen Erwartungsdruck zu entkommen. Dann kam mir der erlösende Einfall. Um als geistreich zu gelten, muss man nichts Geistreiches sagen. Es reicht etwas Rätselhaftes, und so sagte ich einen Satz, den ich hiermit zum allgemeinen Gebrauch in kommunikativen Notsituationen freigebe: „Völlig Ihrer Meinung, mein Herr, und außerdem geht mir das elende Schicksal südeuropäischer Straßenhunde ans Herz.“

Fibonacci – (2) Wuppertal

Schon eine ganze Weile wusste ich nicht, wo wir uns befanden. Ich guckte gens Zugfenster in die Schwärze, sah mich selbst, wie ich vergeblich versuchte, hinaus zu schauen. Was ist eigentlich los mit den Ingenieuren, die Eisenbahnwaggons planen? Setzen sie sich niemals selbst hinein? Fahren sie niemals bei Nacht von Stadt zu Stadt? Haben sie sich noch nie gefragt, wo mag ich wohl sein? Und etwa gedacht: Hoffentlich sind wir schon hinter Wuppertal, dieser schier unendlichen Stadt im finstren Talgrund, die den Reisenden nicht weglassen will. Obwohl doch jeder, der einmal versehentlich ausgestiegen ist in Wuppertal, sehnsüchtig auf dem Bahnsteig steht und hofft, der nächste Zug möge kommen?

Ich meine, haben solche Eisenbahnplanungsingenieure sich noch nie gewünscht, bei einer nächtlichen Zugfahrt hinaussehen zu können, um etwas zu erkennen von der nächtlichen Welt, damit sie sich verorten können auf ihrer inneren Landkarte?

In den alten D-Zügen konnte der Reisende sein Abteil verdunkeln. Über dem Zugfenster war ein freundlicher Kippschalter, und legte man ihn um, erlosch das Licht im Abteil. Augenblicklich erschien hinter dem Zugfenster die nächtliche Landschaft, dunkle Horizontlinien eines Waldes, ein einsames Haus, schier endlose Äcker und Plagdiere unterm Mondlicht, Hecken wie schwarze Schablonen vor dem Sternenhimmel, dann eine Gruppe von Häusern, wo Leben war, zumindest Licht in einem Hof, ein dunkler Weiler unter schwarzen Kastanien, ein stilles Dorf, ein weiteres mit Laternen die Straße hoch, Schrebergärten, in denen die Arbeit ruht, aber Schornsteine rauchen, dann die Vorstadt mit ihren rottigen Bauten und düsteren Gestalten an den Straßenecken. Ein Vorort-Bahnhof fliegt vorbei, ein Beamter in Uniform steht salutierend auf dem Bahnsteig und lässt den D-Zug passieren.

Genug. Ich muss mich konzentrieren. Warum gestattet die Bahn dem Reisenden keinen Blick mehr in die nächtliche Welt? Sind die Ingenieure verdummt, verblödet über ihren eigenen Entwürfen? Oder haben sie ausführen müssen, was Bahnchefs von ihnen verlangt haben? Waren die putzigen Kinder der Ingenieure bedroht, mussten die Ingenieure die grässlichen Pläne ausführen, um ihre Familien zu retten? Steht also hinter allem eine Absicht? Gibt es einen Grund zu verhindern, dass der Reisende sich orientieren kann bei einer Fahrt über Gleise durch die Nacht? Warum ist auch der Blick ins nächtliche schwarze Schienennetz verwehrt? Sollen wir uns nur nach Ansagen richten, auf Bildschirme und Laufschriften achten und nicht mehr selbst schauen, um einen eigenen Begriff von der Welt zu haben?

Das eintönige Tocktock der Räder an den Nahtstellen der Schienen. Tock tock, tocktocktock.

Tam tam, tamtamtam, tamtamtam tam tam.

Teil 3

Fibonacci – (1) Plagdiere

Ihr Gesicht verdunkelte den Himmel.
„Darüber weiß ich nicht das Geringste“, sagte ich und hoffte, sie würde bald weggehen.
„Wovon wissen Sie nicht das Geringste?“, fragte die Frau.
„Weshalb die Kaninchen in Brand gesteckt wurden.“
„Welche Kaninchen?“
„Das weiß ich nicht. Der Mann im Radio hat flämisch gesprochen.“
Sie legte ihre Hand beruhigend auf meine Stirn und beschattete ein wenig meine Augen. „Machen Sie sich keine Gedanken“, sagte sie nah bei meinem Ohr. „Sie haben den Mann gewiss falsch verstanden. Nicht ein Kaninchen ist verbrannt worden.“

„Doch! Er hat gesagt, sie gälten in Deutschland als Plagdiere, und deshalb würde der Überschuss abgefackelt. Da habe ich gleich gedacht, warum das denn? Wie viele Kaninchen umfasst der Überschuss? Ab wann werden Kaninchen zur Plage, so dass man von einem Überschuss reden kann? Reichen 34? Vielleicht sogar schon 21 oder 13? Vermutlich wären acht in vier Ställen schon eine Überbelegung jedes einzelnen Stalls und würden eine drangvolle Enge verursachen. In einer Dreizimmmerwohnung würde der Vermieter bereits fünf Kaninchen einen Überschuss nennen und unverzüglich ihre Verbrennung fordern. Und ist die Wohnung noch kleiner, wären drei, sogar zwei Kaninchen eine Last und müssten abgebrannt werden. Tatsächlich könnte ein einziges Kaninchen stören, wenn es ständig im Weg rumhoppelt. Demgemäß ist jedes einzelne Kaninchen ein überschüssiges Plagdier und muss ohne Mitleid angezündet werden. Selbst das, auf dem ich gerade liege.“

„So beruhigen Sie sich doch!“ raunte die Frau. „Nicht ein Kaninchen wird verbrannt. Und außerdem liegen Sie nicht auf einem Kaninchen. Das ist mein roter Mantel, aus Kaschmir.“ Sie richtete sich auf und schaute gegen den blauen Himmel. „Hören Sie doch das Tatütata! Da kommt schon der Krankenwagen den Berg hinauf. Sie werden gleich hier sein und Ihnen helfen.“

„Die sollen sich beeilen. Ich habe eine Wollallergie und spüre schon, dass mein Kopf zerspringen will.“

„Das liegt nicht an der Kaschmirwolle. Sie sind gegen den Obelisken gestoßen.“

„Nein!“, sagte ich und fuhr hoch. Über mir der gewaltige Obelisk. O Gott, wie ragte er hinauf. Irgendwo da oben, wo seine fluchtenden Kanten sich zu vereinen schienen, durchstieß er die Himmelbläue und verschwand in den Schwärzen des Weltalls. Dieser Obelisk war mir so fern entrückt, der konnte mir nichts anhaben. Ein Mann war um die Ecke des Sockels gekommen und hatte mir seine Faust ins Gesicht gestreckt.
Später, als ich schon im Zug saß mit einem Pflaster über der frischen Naht am Kinn, kehrte meine Erinnerung zurück. Sie hatten mich im Krankenhaus dabehalten wollen, „zur Beobachtung“, sagten sie. Aber ich hatte mich angezogen und war „auf eigene Verantwortung“ gegangen, weil ich mich nicht beobachten lassen wollte von Leuten in weißen Kitteln.

Teil 2

Immer diese Machenschaften

Um sich abzulenken, griff er nach dem Duden-Band „Richtige Wortwahl“, schlug ihn wahllos auf, las sich fest, fand auch den Eintrag „Machenschaft“. Er musste lachen. „Machenschaft“ gehörte in seinen passiven Wortschatz, will sagen, er kannte das Wort, ohne es je selbst benutzt zu haben, allerdings nur als Plural. Die Bedeutung des Wortes war im Wörterbuch umschrieben:

„Machenschaft; Substantiv, feminin – sich im Verborgenen abspielende, unlautere Handlung, Unternehmung, mit der sich jemand einen Vorteil zu verschaffen oder einem anderen zu schaden sucht.“

Woher kamen jedoch die Gefühlswerte, die er mit dem Wort verband, ohne es je vorher benutzt zu haben? Irgendwann in den letzten Jahren war seine Beziehung zu Marie verunglückt. Er konnte zusehen, wie ihre Zuneigung allmählich schwand. Maries einst flammende Liebe zu ihm schlug um in dumpfe Abneigung. Was sie vorher anziehend an ihm gefunden hatte, verlor jeden Reiz, und am Ende konnte sie nicht mal mehr seine unwillkürlichen Lebensäußerungen ertragen, etwa hören, wie er atmete. Als sich von ihm abzuwenden begann, immer schlechter auf ihn zu sprechen war, ohne dass er ihr einen konkreten Grund gegeben hatte, begann sie, ihm „Machenschaften“ zu unterstellen. Der Vorwurf „Deine Machenschaften!“ machte ihn ratlos, weil er nicht wusste, was gemeint war. Erst recht irritierte ihn, dass sie nie von einer Machenschaft sprach, sondern immer im Plural von Machenschaften. Eine Machenschaft hätte er noch in den selten besuchten Abgründen seiner Seele finden können, aber gleich ein ganzes Bündel dunkler Unternehmungen, da wusste er beim besten Willen nicht, was gemeint war. Trotzdem hatte er Bilder vor Augen, wenn sie ihm Machenschaften vorwarf.

Er war einmal im belgischen Städtchen Maaseik an der belgisch-niederländischen Grenze gewesen. Dort hatte er gehört, dass die Keller der Häuser rund um den mittelalterlichen Marktplatz einst durch ein geheimes Gangsystem miteinander verbunden gewesen waren. In einem Kellergewölbe hielt die berüchtigte Mordbrennerbande der Bokkerijders ihren irrwitzigen Initiationsritus ab und plante ihre Raubzüge bis weit ins Rheinland hinein. Er stellte sich für jedes der Kellergewölbe eine andere Machenschaft vor, hie wurde Wein gepanscht, dort Falschgeld geprägt, nebenan Hehlerware gelagert, drüben verscharrte man immer wieder Kinderleichen, unter der Apotheke hielt man einen reichen Holländer gefangen und marterte ihn bis aufs Blut. Mit der Zeit verselbstständigte sich die Phantasie. Wenn Marie von seinen Machenschaften sprach, hörte er die spitzen Schreie des gequälten Holländers, vergoss Tränen um die erschlagenen Kinder und plante brutale Raubzüge durch die Nachbarschaft.

Sie vermied es, ihre Vorwürfe von den Machenschaften zu konkretisieren. Nie entfuhr ihr eine Andeutung, so dass er sich hätte vor den Kopf schlagen können und erleichtert ausrufen: „Ach, das meinst du! Das muss ja wirklich nicht sein“, und fortan hätte er diese Machenschaft vermieden.

Indem jedoch in der Welt nichts von Dauer ist, wurde ihm der Pauschalvorwurf „Deine Machenschaften“ irgendwann egal, denn die Wortbedeutung hatte sich durch ständige Wiederholung entleert. Die Machenschaften hatten sich in eine Horde Gespenster verwandelt. Und gegen nichtstoffliche Wesen ist bekanntlich kein Kraut gewachsen. Sie jedoch war verliebt in diese Gespenster, denn mit ihrer hässlichen Schar konnte sie sein Ansehen herabsetzen, ohne dass er sich hätte verteidigen können.

Schmarotzerpflanzen

Van Gaderen und ich schritten durch das Viertel mit heruntergekommenen Wohnblocks, für die wir als Architekten verantwortlich waren. An einer Fassade sahen wir ein gewaltiges Efeugewächs mit armdicken Ranken und Trieben. Ein Trieb war zu einem Fenster hinüber gewuchert und hatte sich offenbar längs unter der Fensterbank verankert. Wir kamen überein, dass die Ranke entfernt werden müsste, denn sie drohte das Fenster auszuhebeln. In der Wohnung lebte laut unserer Liste eine Frau Michalski. Wir beschlossen, Frau Michalski aufzusuchen und die Efeuranke von ihrem Fenster aus abzusägen. In der Halle des Wohnblocks befand sich das Büro der Wohngesellschaft.

Dort wartete eine lärmende Menschenmenge auf Abfertigung. Mir schien, dass einige Mieter bereits längere Zeit ihr Bad nicht benutzt hatten. Der Geruch war abstoßend. Aus dem Stimmengewirr hörte ich Klagen:
„Seit Tagen nur braune Brühe aus dem Wasserhahn!“
„Heizung geht nicht“
„Kein Licht, kein Strom!“
„Toilette verstopft“
„Aus der Decke tropft Wasser!“
„Schimmel an den Wänden. Mein Kind hustet ständig.“
Die beiden Mitarbeiter der Wohngesellschaft, ein Mann und eine Frau, waren heillos überfordert. Van Gaderen trat hinzu und befahl: „Ich hoffe doch, dass alle Schadensmeldungen sorgfältig aufgeschrieben werden. Dokumentation ist alles.“
„Jawohl, Herr van Gaderen. Wir haben ja unseren Meldeblock“, sagte der Mitarbeiter unterwürfig. Der Block im Format DIN-A5 mit Vordrucken war gelumbeckt. Darauf unter dem Logo der Wohngesellschaft vier Spalten: Name, Hausblock, Nummer, Schaden. Der Mitarbeiter fragte flugs die Daten ab und füllt einen Vordruck aus, um ihn abzureißen und nach hinten seiner Kollegin zu reichen. Die Mitarbeiterin nahm das ausgefüllte Formblatt entgegen und schob es, für die Menge unsichtbar, in den Reißwolf. Weiterlesen