Ottos Aus – Wichtiger Hinweis für spätere Zeiten

Seit einigen Jahren schlafe ich bequem auf zwei dicken Otto-Katalogen. Das kam so: Ich war eine Weile in Aachen bei meinem Freund und Mentor Jeremias Coster gewesen. Bei der nächtlichen Rückfahrt nach Hannover war mir eine Frau namens Gina begegnet. Sie saß neben mir im ICE, und im Verlaufe unseres leider verunglückten Gesprächs über ihren Vornamen habe ich versehentlich den ägyptischen Sonnengott Re beleidigt, dessen Name bei Nacht nie genannt werden darf, und hatte nun seine Rache zu fürchten. Doch ich langte unbeschadet zu Hause an.

Als ich im Bett lag und frohlockte, dass mir ja nun nichts mehr passieren könnte, begann es unterm Bett zu knistern, dann zu knarren und obwohl ich vor Schreck stocksteif lag, ging das Knarren in ein hässliches Knarzen über, in das Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des stillen Verharrens, und indem ich schon erleichtert aufatmete, brach das Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch die beiden abgebrochenen Bretter und zwei Versandhauskataloge. Das hielt, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, zwei Brettern und den tausendfachen Verheißungen der Kataloge.

Gestern die Nachricht: Am 4. Dezember soll nach nun 68 Jahren die letzte Auflage des Otto-Katalogs erscheinen. Die Buchkultur bröckelt zuerst an ihren Rändern. Natürlich sind Versandhauskataloge primär Bilderbücher, buchtechnische Randerscheinungen und letztlich nur als Dokumente der Volkskultur interessant. Trotzdem zeigt des Verschwinden des Otto-Katalogs mehr als sinkende Verkaufszahlen des Buchhandels das Ende der Buchkultur an.

Halldor Laxness schreibt in seinem Roman „Die Islandglocke“ von einem dänischen Gelehrten, der im 17. Jahrhundert auf den Höfen Islands nach kostbaren Handschriften sucht, um das kulturelle Erbe Islands zu bewahren. Vorbild der Figur ist vermutlich der isländische Skalde Snorri Sturleson, der im 13. Jahrhundert die sogenannte Prosa-Edda zusammentrug, wozu er ebenfalls nach alten Handschriften gesucht hat, Resten der germanischen Kultur, die die Christianisierung überstanden hatten. Snorri fand in den Betten isländischer Bauern kostbare Pergamente, halbverfault als Füllmaterial in Matratzen. Eben habe ich mich vom ordnungsgemäßen Zustand der beiden Kataloge unter meinem Bett vergewissert. Sie tun trocken und sicher ihren Dienst. Man möge das für spätere Zeiten in der kosmischen Registratur verzeichnen.
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