Schlechte Manieren am Kanal

Quer über den Mittellandkanal hinweg zeigte ich einem Paar am anderen Ufer den gereckten Mittelfinger – aus Gründen. Meine Freundin und ich waren mit den Rädern an der Schleuse Anderten. Der Weg dorthin am Kanal entlang ist steinig und uneben, eine Tortour für Mensch und Material.
„Zurück fahren wir auf der anderen Seite. Dort ist der Weg besser“, sagte sie. Er war aber nicht besser, sogar noch steiniger, so dass ich Mühe hatte, auf dem losen Schotter nicht wegzugleiten. Nach etwa drei Kilometern passierten wir ein junges Paar, das in trauter Zweisamkeit rechts vom Weg in der Böschung saß und den Sonnenuntergang genoss.

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Drei Tage geht es – Gruselgeschichte in Folgen (3)

Folge 1Folge 2

ie übel ist es, an einer einsamen Landstraße zu stehen, wo sie auf einer Hochebene die Felder durchzieht. Kein Haus, kein Strauch weit und breit, nichts, wo du dich vor dem eiskalten Wind schützen könntest. Du zitterst unter deinem viel zu dünnen Wams. Der Wind fährt hindurch und beißt dir in die Knochen. Da! Ein Klappern! Horch! Es sind deine Zähne. Ein wenig Trost spendet das windschiefe Schild einer Bushaltestelle nahe dem Weg zur Tempelanlage. Aber es ist zweifelhaft, ob sie überhaupt noch von einem Bus angefahren wird. In all der Zeit deiner Anfahrt und während deines Aufenthalts, es müssen wohl viele Stunden gewesen sein, denn inzwischen ist es stockfinster, in all den Stunden ist nicht ein Auto die Landstraße lang gekommen. Außer dem Radfahrer hast du keinen Menschen gesehen. Vielleicht hat man die Buslinie mangels Bedarf längst eingestellt, und wie die Belgier nun mal sind, besonders die phlegmatischen Wallonen, hat sich niemand dafür zuständig gefühlt, das überflüssige Schild abzubauen. Du hast deine letzten Streichhölzer verbraucht beim Versuch, den Aushang zu lesen. Der Wind hat sie dir immer wieder ausgepustet.Wenn die Buslinie noch bestünde, sollte in 15 Minuten ein Bus vorfahren. Du frierst erbärmlich, sehnst dich nach etwas Wärme und Licht. Da beginnt es leise zu regnen. Hier herumzustehen, wird deine Situation nicht verbessern. Du entschließt dich, dem Bus etwas entgegen zu gehen, wenigstens bis zur Bodenwelle, wo die Landstraße abtaucht. Von dort kannst du die Serpentinen überblicken und siehst den Bus schon von weitem herankommen. Die Bewegung wird deinen Kreislauf in Schwung bringen, denkst du. Aber ach, die Bodenwelle ist weiter weg als du gedacht hast. Sicherer wäre gewesen, geduldig an der Haltestelle zu warten. Was, wenn der Bus plötzlich herangebraust käme und du bist nicht rechtzeitig zurück an der Haltestelle?

Da! Im Tal unten ein Scheinwerferpaar. Du jubilierst. Die Rettung naht. Zurück zur Haltestelle! Wo ist sie nur? Du läufst und läufst, aber plötzlich überholt dich mit hohem Tempo der Bus. Es wirkt nicht, als wollte er die Geschwindigkeit drosseln und anhalten. Mit einem Mal leuchten die Bremslichter auf. Du hörst das Zischen der Automatiktür. Hier steigt jemand aus? Warum nur, um Gottes Willen? Du rennst um dein Leben. Schon schließt sich zischend die Tür, der Bus fährt an. Du schaffst es gerade noch, mit der Hand ans Heck zu schlagen. Er bremst. Wieder zischt die Tür. Es ist wie himmlischer Harfenklang. Erleichtert stolperst du die Stufen hoch. Hinterm Steuer sitzt ein dicker Mann und schaut dich grimmig an. Du kramst hastig einen Zehneuroschein hervor und legst ihn auf die Schale. Der dicke Busfahrer schiebt ihn zurück und sagt: „Gardez votre argent, monsieur. Nous, les chauffeurs de bus, sommes en grève.“ [Behalten Sie Ihr Geld, mein Herr. Wir Busfahrer streiken.]

Der Bus ist völlig leer. Während du auf einen der hinteren Plätze sinkst und dich wohlig ins Polster kuschelst, fällt dir auf, dass du gar nicht weißt, wohin der Bus fährt. Der hat inzwischen wieder Tempo aufgenommen und rast durch die Nacht, schleudert durch Kurven, rast, holpert brutal über Bodenwellen, als würde er nie mehr anhalten. Der streikende Busfahrer, dieser Teufel auf seinem Kutschbock, lacht plötzlich auf wie irr. Trotzdem kämpfst du mit dem Schlaf. Soll er doch fahren. Er wird dich schon irgendwo hinbringen. Während du im Sitz hin und her geschleudert wirst, murmelst du: „Was zum Teufel soll das?“ Plötzlich sitzt eine Frau ganz nah bei dir und sagt: „Eine gefährliche Frage, mein Lieber. Der letzte, der sie stellte, dem hat ein Außerirdischer den Kopf abgebissen.“
„Nein, nicht den Kopf abbeißen!“

„Ganz ruhig! Du phantasierst“, sagt die schöne Frau lächelnd, schiebt mir den Arm in den Nacken und richtet mich auf, um mir etwas Tee einzuflößen. Wieder staune ich, welche Kraft in ihren zarten Gliedern steckt. Nachdem ich getrunken habe, zerrt sie mir mit den Worten: „Du bist ja ganz geschwitzt!“ das nasse Schlafhemdchen herunter und zieht mir ein trockenes über den Kopf. Als sie die Zudecke zurückschlägt, um das gleiche bei meiner Hose zu unternehmen, wird mir alles klar: „Sie müssen meine Ehefrau sein. Wer sonst würde sich diese Frechheit herausnehmen? Hosendiebstahl sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Erst letztens hat Sarah Lombardi darauf hingewiesen, dass besonders Ehemänner in ständiger Gefahr sind, ihre Hosen zu verlieren. Weiß sie noch von Pietro her.“

Meine Ehefrau lacht. Mit resoluten Handgriffen bekleidet sie mich wieder und ruft über ihre Schulter weg: „Kinder, kommt mal alle her und hört euch an, welchen Quatsch euer Vater im Fieberwahn erzählt!“ Ich sehe eines nach dem anderen folgsam eintreten, vier an der Zahl, und um ihnen die angekündigte Unterhaltung zu bieten, sage ich: „Ittchen Dittchen, Silberquittchen! Ich freue mich, dass ich die Händlerkarte bekommen habe. Sie ist einmal mehr ein Beweis, dass jenseits des großen Teichs absurd hohe Faxgebühren üblich sind.“
„Hört ihr? Der Mann ist völlig draus!“, sagt meine Frau triumphierend.
Die Kinder lächeln verschämt. Es ist ihnen nicht Recht, dass ihnen der Vater so vorgeführt wird. Sie sind aus anderem Holze als ihre Mutter. Ich sage: „Auch wenn es euch herzlos erscheint, dürft ihr nicht an eurer Mutter zweifeln. Sie ist unter derben Menschen aufgewachsen und hat als Kind wenig Liebe erfahren.“ Dann lasse ich mich wohlig zurücksinken und seufze: „Ach, wie gut, dass ich nicht als Hobbyarchäologe einsam in einer Hütte leben muss, sondern geborgen bin im Kreis einer schönen Familie.“

Editorisches Nachwort
Obwohl Äußerungen im Fieberwahn keine kritische Betrachtung verlangen, zwei Bemerkungen: „Dittchen ist ein polnische Münze, etwa im Wert eines Groschens. Mit Ittchen, Dittchen, Silberquittchen hebt ein Abzählvers an. Im Wortlaut:

„Ittchen Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.
Meine alte Schwiegermutter mit der krummen Faust.
Sieben Jahr‘ im Himmel geblieben kommt sie wieder raus.
Ist das nicht ein dummes Weib,
dass sie nicht im Himmel bleibt?
Ittchen, Dittchen, Silberquittchen, Ittchen, Dittchen, draus.

„Jenseits des großen Teichs“ bedeutet jenseits des Atlantiks. Es ist eine völlig abgegriffene Metapher für die Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Mensch von Kultur und Verstand benutzt sie noch, es sei denn im schlimmsten Fieberwahn. Ich bitte um Entschuldigung.

Vorlage für die phantasierte Tempelanlage ist Varnenum, nähe Aachen Kornelimünster. Ich habe da mal einen Freund und Kollegen gezeichnet, während er auf dem Saxophon blies – zum Tode seiner Katze Molly Mietzke. Näheres im Kommentarkasten.

Die Überschrift bezieht sich auf den redensartlich vorausgesagte Krankheitsverlauf beim grippalen Infekt: „Drei Tage kommt er, drei Tage bleibt er, drei Tage geht er.“

Wenn ich nur geringes Fieber habe, etwa ab 38 Grad, beginne ich zu phantasieren. Das zur Entstehung dieser Gruselgeschichte. Die geschilderte Szene mit der Ehefrau, den Kindern und mir hat sich tatsächlich einmal so ähnlich abgespielt.

Formal reizte mich das Motiv des unzuverlässigen Icherzählers. Gemeinhin ist man als Leser geneigt, einem Icherzähler zu glauben. Dem hier ist nicht zu trauen. Danke für eure Geduld.

 

Drei Tage bleibt es – Gruselgeschichte in Folgen (2)

Teil 1 hier
atsächlich, da war ein Weg, mehr eine aufgewühlte Karrenspur, schwer zu befahren. Der blaue Himmel und die Sonne hatten mich vergessen lassen, wie oft es die Wochen zuvor geregnet hatte. Der Feldweg war völlig aufgeweicht. Ich konnte kaum verhindern, vom schlammigen Mittelstreifen in eine der unergründlich tiefen Pfützen in der Karrenspur zu schliddern, wo der Vorderreifen pratschend, gurgelnd und schmatzend eine trüb-lehmige Bugwelle vor sich her schob. Da auch dieser Weg anstieg, wurde mir das Radfahren zu mühsam. Ich entschloss mich, abzusteigen und zu schieben. Derweil ich mein Rad über den aufgewühlten Weg schob, sah ich einen Steinwurf voraus steinerne Mauern. Der Plan in den Mitteilungen der Archäologischen Gesellschaft hatte mich an den richtigen Ort geführt.

Doch eine freudige Erhebung wollte sich nicht einstellen. Plötzlich fragte ich mich, wieso ich Mitteilungen einer dubiosen archäologischen Gesellschaft bekommen hatte. Und mit dem ersten Zweifel tauchten weitere auf. Warum war ich heute so überstürzt und gegen alle Klugheit aufgebrochen? Warum lebte ich so spartanisch in einer Hütte? Ich hätte es nicht sagen können. Mir fehlten alle länger zurückliegenden Erinnerungen. Was war gewesen, bevor die Krankheit mich niedergerungen hatte? Wer war ich überhaupt? Und warum war ich hierher gekommen?

Man hatte den Grundriss des Tempels längst freigelegt, dessen Fundamente restauriert und bis zu einer Höhe von rund einem Meter aus Bruchsteinen aufgemauert, um eine Ahnung von der Ausdehnung des Tempelbezirks zu geben. Es gab nichts zu vermessen, denn die Arbeit war schon vor Jahren getan worden. Auch hatte man eine Informationstafel errichtet, auf der eine Rekonstruktion des Tempels abgebildet und einige Daten angegeben waren. Ich ließ mein Schlamm bespritztes Rad zur Seite sinken, watete durch den Schlamm zu einer Art Pforte und betrat den heiligen Bezirk. Hier war der Boden trocken, und ich schritt über einen Teppich aus dichtem Gras. Sofort umfing mich ein wundersamer Friede. Das war ein besonderer Platz. Hier waren geheime Kräfte wirksam. Eine Weile stand ich horchend da, spürte der Kraft nach, die durch meinen Körper zu rieseln, dann zu strömen begann. Eine friedliche Stimmung umfing mich. Ich setzte ich mich auf eine der Tempelmauern, nahm mein Notizbuch hervor und versuchte meine Gefühle in Worte zu fassen. Aber so sehr ich mich mühte, es blieb nur ein Stammeln. So überwältigt war ich von der positiven Energie, die dieser Ort verströmte. Mit einem Mal sah ich klar. Ich musste keine Sprachkunst bemühen, keine geistreichen Formulierungen, keine Metaphern finden, um meine Gefühle zu beschreiben. Es genügte, das meiste zu streichen. Das Gute ist einfach. Kraft, Friede, Klarheit, das war es, was dieser Ort verströmte.

Ich sah ganz klar, dass dieser  2500 Jahre alte Tempel nur der letzte einer Reihe von Bauten gewesen war. Und schon vor den ersten Tempeln war dies ein Kultplatz gewesen. Seit Urzeiten waren die Menschen gekommen, um sich mit Energie aufzuladen. Um sie zu begreifen, hatten sie der Kraft einen Namen gegeben. „Varneno“ hatte der letzte Gott geheißen, der diesen Hain bewohnte, Sunuxal hieß die Göttin.

Ich erhob mich und ging beseelt umher. Mein Blick fiel auf mein Fahrrad, dessen Hinterreifen in einer schlammigen Pfütze lag. Da sah ich, wie über dem Reifen kleine schlammige Blasen aufstiegen und zerplatzten. O nein, das war kein gutes Zeichen. Ich hob das Rad aus dem Schlamm und trug es in die Einfriedung. Tatsächlich, der Reifen hatte Luft verloren. Als ich mit den Fingerkuppen über den Mantel fuhr, fühlte ich einen Scherben. Ich zog ihn heraus, wusch ihn in der Pfütze und legte ihn in meine linke Handfläche, um ihn zu betrachten. Es war unzweifelhaft ein Splitter von Feuerstein, ein ziemlich scharfes steinzeitliches Messer. Das zeigten mir die Bearbeitungsspuren an der Schneide.

Wie ich das uralte Artefakt in meiner Hand noch hin und her wendete, verbarg sich plötzlich die Sonne. Als ich aufschaute, war sie gerade hinter einer westlichen Wolkenbank verschwunden. Augenblicklich pfiff ein kalter Wind über die Kuppe und ließ mich erschauern. Aus den Niederungen stieg Nebel auf. Fröstelnd sah ich mich um. Wie spät mochte es wohl sein? Urplötzlich wurde mir die Trostlosigkeit der Landschaft bewusst, mehr noch mein Verlorensein. Was ich da in der Hand hielt, war etwas ganz Böses. Es hatte die Gräuel in sich aufgenommen, die man damit begangen hatte. An diesem heiligen Ort hatten Menschen einst Böses getan. Grausige Rituale traten mir vor Augen. Ich war verwirrt. Wo war nur die Klarheit, die Geborgenheit hin, die ich verspürt hatte? Plötzlich ergriff mich Panik. Ich wollte nur noch weg. Doch wie das mit einem platten Hinterreifen? Wenn ich mich nicht auf den Sattel setzen würde, könnte ich eventuell auf der Felge fahren. Das würde Mantel und Schlauch ruinieren, doch es sollte gehen. An der Straße stieg ich aufs Rad und versuchte es. Da zeigte sich, dass auch der Vorderreifen keine Luft mehr hatte. Das machte ein Lenken unmöglich. Vor allem die steilen Serpentinen konnte ich unmöglich wagen zu fahren. Enttäuscht stieg ich ab und ließ das Rad in die Böschung sinken. Was nun? Ich fror erbärmlich.

Folge 3

Drei Tage kommt es – eine Gruselgeschichte in Folgen

eun Tage war ich krank und elend gewesen, hatte die meiste Zeit im Bett verbracht. Die Stube in meiner Hütte war nicht warm zu kriegen, auch wenn ich es schaffte, den gusseisernen Kanonenofen zu füttern und die Scheite in ihm lustig aufflackerten. Aus dem Novembernebel kroch unentwegt die nasse Kälte herein. Das Schlimmste war das nächtliche Fieberdelirium gewesen, dieser Traum, der nicht vorankam, sondern mich immer und immer das Gleiche erleben ließ. Auch hatte ich bei all dem Traumgeschehen das beständige Unbehagen, dass mir jemand über die Schulter schaute. Ein Ding der Unmöglichkeit, sagte ich mir in halbwachen Phasen, denn hinter und unter mir war mein Kopfkissen auf der Matratze. Einmal schaute ich sogar unter mein Bett, weil mein nächtlicher Hintermann derart präsent gewesen war. Glücklicherweise wich der Traum, und am zehnten Tag erwachte ich erstarkt und guten Mutes. Schon kämpfte sich auch die Sonne durch den Nebel und weckte meinen Tatendrang. Ich packte meine Sachen ein und radelte los, um endlich den jüngst freigelegten gallo-romanischen Tempel zu besuchen, zu vermessen und zu zeichnen. Dass der Tempel so spät erst entdeckt worden war, lag an der menschenleeren Gegend, in der man ihn gefunden hatte. Als hätten nachfolgende Generationen den Ort gemieden, war weit und breit keine menschliche Siedlung. Auch die Landwirtschaft war wenig ergiebig. Auf meinem Weg hinauf auf den kahlen Höhenrücken sah ich Brachen und Ödland, und wo doch eine Pflugschar den Boden für Saatgut bereitet hatte, wucherte mehr Unkraut als Feldfrucht. Je näher ich dem Tempel kam, desto mehr Brennnesseln, Brombeergestrüpp und Disteln sah ich.

Die Straße war von der auf der Talsohle fast im rechten Winkel abgezweigt und führte steil hinan, so dass ich gezwungen war, aus dem Sattel zu gehen und im Wiegetritt hochzustampfen. Erst weiter oben hatten ihre Erbauer ein Einsehen gehabt und ließen die Straße in großen Bögen mäandern. Aber längst hatte ich zuviel Kraft gelassen und kam kaum voran. Trotz der Kälte schwitzte ich mein Unterhemd klatschnass. Als säße überdies ein fauler Fettwanst mir im Nacken, flüsterte es: „Gib auf! Zu schwer! Wozu sich quälen?“ Sogar komplizierte Fremdwörter kramte der faule Hund hervor und raunte: „Du bist noch Rekonvaleszent.“ Namentlich die Haarnadelkurven waren so steil, dass ich fürchtete, die Kette zu zerreißen, so sehr ächzte sie über die Ritzel des größten Zahnkranzes. Den hatte ich mir für den Notfall aufsparen wollen, doch dieser Notfall war längst eingetreten. Von oben sauste mir ein Radfahrer entgegen.  Als er mich sah, riss er den Arm hoch und rief irgendwas, wovon nur das letzte Wort an mein Ohr wehte: „…,Monsieur!“ Oder hatte er „ … Mon Dieu!“ gerufen?

Endlich wuchtete ich mich hinter der letzten Serpentine auf den Höhenrücken, ließ mich erleichtert auspustend in den Sattel sinken, kam zu Atem und radelte entspannt vorwärts. Vor mir erstreckte sich die Straße schnurgerade aus und verlor sich in der Ferne. Ich konnte das leere Tal überschauen, aus dem ich hoch gekommen war. Meine Stimmung hob sich. Wie ich auf der Karte in den Mitteilungen der archäologischen Gesellschaft gesehen hatte, musste irgendwo vor mir nach links ein Feldweg abzweigen, und der würde mich geradewegs zum höchsten Punkt der Gegend führen, wo Archäologen den Tempel ausgegraben hatten, nachdem er per Luftbildanalyse entdeckt worden war.

Fortsetzung

Umwege an Hundstagen

„Schön, dass alle wieder da sind“, sagte Vito Serra, der italienische Wirt des Marktcafés gestern, und ich sagte: „Ja, und mein Leben ist auch wieder in Ordnung.“ Ich hatte mich nämlich zwei Wochen zum Mittagessen anders orientieren müssen, weil der Koch des Marktcafés Urlaub machte. Also löffelte ich gestern wie gewohnt am Lindener Markt meine Suppe. Als ich vom Mittagessen zurück radelte, überkam mich erneut der Drang, einen Umweg nach Hause zu fahren. Hinterm alten Pfarrhaus im Van-Alten-Garten, bog ich ab nach links, querte schräg durch den Park und fuhr weiter den Lindener Berg hinauf. Der kurze Anstieg hat stellenweise gut zehn Prozent, aber man ist oben, bevor man Megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért sagen kann. Das ist ungarisch, das längste Wort dieser exotischen Sprache. Ich habe es ehrlich gesagt noch nie ausgesprochen, kenne auch niemanden, der das kann, aber ich versichere, dass man eher als das über den Lindener Berg gefahren ist. Schon als ich oben auf der Kuppe am Wasserreservoir vorbeirollte und weit und breit keinen Schatten fand, dachte ich, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, in der größten Mittagshitze einen langen Umweg über die Lindener Alpen zu fahren. Zum Glück folgte bald die rasende Abfahrt, und der Fahrtwind kühlte.

Als ich noch Radsportler war, bin ich mal mit zwei Kollegen, Heinz und Wolfgang, in großer Hitze von Aachen zur Hinsbecker Schweiz gefahren. Hinsbeck liegt nahe dem niederländischen Venlo und etwa 80 Kilometer nördlich von Aachen. Wir langten völlig ausgelaugt an einem der Hinsbecker Seen an, versuchten im See unsere Füße zu kühlen, der aber in Ufernähe pisswarm war, und streckten im Schatten alle Viere aus. Beim Ufer saß eine hübsche junge Frau mit ihrem Hund. Heinz konnte sie nicht aus den Augen lassen. Mit einem Mal lachte er schadenfroh: „Hehe, der Hund pinkelt gerade auf eure Radschuhe!“ Wir schauten auf, und Wolfgang sagte: „Meine sinds nicht!“ und ich, indem ich beruhigt zurücksank: „Meine auch nicht!“ Gerechterweise gehörten sie Heinz.

Wie kriege ich jetzt den Text rund, bzw. wie kommen wir wieder nach Hause? Ein anderer Heinz, Heinz Strunk, schreibt in der Titanic über den Schweißhund, und ich erinnere mich an einen Witz mit Schweißhund. Vorab: Ein Schweißhund ist ein Jagdhund, der darauf dressiert ist, angeschossenes und blutendes, in der Jägersprache ’schweißendes‘ Wild aufzuspüren. Das schließt natürlich nicht aus, dass unerzogene Schweißhunde auch mal über umherliegenden Radschuhen das Bein heben. Also hier der Witz:

Ein Züchter namens Schindler verkauft einem Jäger für teures Geld einen hochgelobten Schweißhund. Nachdem der Schweißhund bei der Jagd versagt hatte, schrieb der Jäger an den Züchter einen Brief: „Sehr geehrter Herr Schindler!
Das W, das in Ihrem Namen fehlt, hat Ihr Schweißhund zuviel.“

Das war der Witz, und wir sind zu Hause. „Schön, dass alle wieder da sind.“

Bequemes Radfahren: Erinnerungstour durch die niederländischen Alpen

„Vielleicht führt der Weg auch nach Mechelen“, hätte mein Freund Rudolf sagen sollen, als er mir vorschlug, am Ortseingang von Vijlen, nahe beim Hotel „Alpenzicht“ von der Hauptstraße abzubiegen. Stattdessen sagte er: „Der Weg führt auch nach Mechelen!“ und ich glaubte ihm, weil ich es glauben wollte. So drehten wir und bogen in den steilen Hohlweg ein, der irgendwo unten hinter einer Biegung verschwand. Kurz rollten wir, dann sausten wir und zuletzt schossen wir die Windungen des Weges hinab.

Man findet im Mergelland viele versteckte Täler. Auf dem Talgrund und ein wenig die Hänge hinauf stehen schön hergerichtete Bruchstein- oder Fachwerkhäuser, inmitten fruchtbarer Felder, satter Wiesen, Hecken, Buschwerk und Obstgehölz. Viele bieten Ferienwohnungen an, denn das Mergelland, das sind die niederländischen Alpen. Ich dachte schon oft: Wenn der liebe Gott völlig verkitscht wäre, dann wäre hier sein Vorgärtlein. Ein ausgedehnter Höhenrücken an der Grenze zu Belgien hat 12 – 15-prozentige Anstiege. Wir waren 15 Prozent hinuntergesaust, und nun ging es weniger steil, doch anhaltend bergauf. Da war keine Möglichkeit, Richtung Westen abzubiegen. Ob wir wollten oder nicht, wir mussten zum Kamm hinauf. Man bleibt noch unterhalb der Baumgrenze, versteht sich. So hoch sind die niederländischen Alpen auch wieder nicht. Deshalb schafften wir den Anstieg in einem Stück, und als wir so weit oben waren, dass wir endlich hätten abbiegen können, da waren wir eigensinnig, schalteten einen Gang höher und fietsten weiter hinauf in den lichten Herbstwald.

Hinab geht es in steilen Serpentinen, und auf halber Höhe naht der Waldrand. Man kann in ein weites Tal sehen, auf dessen Grund die Geule mäandert. Der kleine Fluss bildet die Grenze zu Belgien, bevor er sich artig in die Niederlande wagt und dann Göhl heißt. Auf seinem Weg zur Maas reihen sich an seinen Ufern prächtige Wasserschlösser. Auf der belgischen Seite sind sie aus Bruchstein erbaut, in den Niederlanden aus dem gelben Mergelstein. Bald hielten wir uns nur noch an versteckte Wege und sahen uns die Augen aus dem Kopf. Mal kannten wir uns aus, mal waren wir wieder wie neu in der Welt. Rudolf ist ein guter Begleiter, voller Gucklust und Begeisterung. Es ging uns manchmal alles viel zu schnell, denn wir sahen unter der milden Herbstsonne so viele Weiler, hübsche Häuser, versteckte Bauten und Mühlen, dass es für Tage gereicht hätte.

Irgendwann kamen wir in Mechelen an. Rudolf schlug vor, einen Kaffee zu trinken. Die Saison ist vorbei, das Herbstlaub fliegt durch die Straßen, und so fanden wir nur eine offene Kneipe. Da verabschiedeten sich gerade die einzigen Gäste. Die Decke der Kneipe hing voller Maßkrüge, an den Wänden die wunderlichsten Dinge, und es schauderte mich ein bisschen, auf einem der geschnitzten Eichenstühle zu sitzen.Wir saßen gut am Fenster und der junge rundgesichtige Wirt brachte uns den Kaffee. Danach stand er hinter der Eichentheke, stützte sich mit gerecktem Arm oben an der Thekenverblendung ab und lauschte ganz einfach unserem Gespräch. Rudolf erzählte, er habe von einem Freund ein Gedicht bekommen, und zwar über das Wort „vielleicht.“ Das sei ein eigenartiges Wort, er müsse seither ständig darüber nachdenken. Wir erwogen mögliche Etymologien, doch ich war nicht sicher, ob wir mit unseren Vermutungen richtig lagen. Der Wirt jedoch verfolgte das Hin und Her mit zunehmendem Interesse. Bald waren wir bei versunkenen Bedeutungen und Wörtern, die mit der Sache verschwinden. „Groschen“, sagte ich, das Wort kennen die jungen Leute bald nur noch, wenn ihnen mal „der Groschen fällt.“

Da der Wirt sich immer weiter über seinen Tresen gebeugt hatte, sagte ich zu ihm: „Dubbeltje, Quartje“, diese Wörter verschwinden bei euch. Ach, das war schönes Geld!“ Eine Weile redeten wir über holländische Gulden und die Nachteile der Euro-Münzen. Dann fragte ich ihn: „Mir geht manchmal ein niederländisches Sauflied durch den Kopf. Doch ich kriege den Text nicht zusammen.“ Und dann sang ich ihm die erste Strophe vor:

Ik heb vannacht van jou gedroomd
jenevertje, jenevertje
Oh heerlijke dromen
Er wou geen eind aan komen
Oh heerlijke dromen
Van bier en witte wijn

und fragte ihn nach einem bestimmten Wort der zweiten Strophe, da ich nicht sicher war, es richtig zu erinnern. Er kannte den Wortlaut auch nicht, doch über seinen Schnapsregalen hing ein kleiner Monitor. Dort hatte er ein Menu wie eine Musikbox, das er mit dem Finger bedienen konnte. Für den Rest unseres Aufenthalts hat der Wirt nach dem Lied gesucht. Leider wurde er nicht fündig.

Zu Hause sang ich eine Tonaufnahme ein, doch ich kann sie im Teestübchen nicht hochladen, wodurch Frauen und Kinder schon mal geschützt sind, obwohl ich damals extra meine Stimmbänder durch den Honigtopf gezogen hatte.

Unsere Tour geriet anstrengend, denn bei Valkenburg erklommen wir die andere Höhe des Tals und fuhren auf diesem Höhenrücken zurück. Und ich nervte Rudolf ein bisschen, weil ich immer wieder rief: „Hier möchte ich wohnen!“ Schon lange waren wir nicht so eine anstrengende Tour gefahren. Und trotzdem war der Umstand, dass Rudolf in Vijlen vergessen hatte „vielleicht“ zu sagen, der Auftakt gewesen für eine unserer schönsten Fahrten durchs hübsche Mergelland.

Demütigung mit hohen Absätzen

Es war noch kühl an diesem sonnigen Morgen, aber es würde heiß werden. Der landschaftlich schöne Weg, den er allmorgendlich zur Arbeit radelte, war ihm leider alltäglich geworden. Doch wenn er an die morgendlichen Staus auf den Zufahrtsstraßen in die Stadt dachte, erinnerte er sich, wie privilegiert er war, in Gegenrichtung fahren zu können. Sobald er den Stadtrand erreicht hatte, schoss er hinunter zu einem Radweg, der auf der alten Vennbahntrasse angelegt war und fernab von Autoverkehr die Abfahrten und Anstiege der hügeligen Landschaft des Münsterländchens gleichmäßig durchzog. Schon bald rollte er über einen Viadukt, dessen mächtigen Pfeilerbögen aus den Bruchsteinen der Nordeifel gemauert waren. Unten schlängelte sich ein Bachlauf durch die Wiesen. Unvorstellbar, dass dieses Rinnsal so ein tiefes Tal geformt hat. Stünde man dort unten und würde hinaufblicken, könnte man auf die Idee kommen, den Radfahrer um seinen Weg zu beneiden, dass es doch herrlich sein müsste, hoch oben über den Viadukt zu rollen.

Viadukt Vennbahntrasse Foto: JvdL (größer klicken)

Die Wahrheit ist, dachte er, man merkt kaum was von der Herrlichkeit, flucht höchstens, wenn man über die abgesackten Querfugen in der Betonfahrbahn der Brücke ruckelt. Du bist irgendwo ganz oben, aber so richtig wertschätzen könntest du es nur, wenn du unten stündest. Ob es eine menschliche Eigenart ist oder liegt es an mir, dass ich nicht zu würdigen weiß, was ich habe, fragt er sich zweifelnd. Es schadet jedenfalls nicht, die Perspektive zu wechseln. Aber da unten wartet niemand und schaut zu mir hoch. Da stehen nur rotbunte Kühe. Sie haben sich am Bächlein versammelt und mit ihren Hufen die flachen Bachufer schlammig ausgefranst. Der Bach lag noch im Schatten überhängender Büsche. Da möchte ich jetzt aber auch nicht im Schlamm stehen, dachte er.

In diesem Augenblick rauschte eine Mutter mit leerem Kindersitz auf dem Gepäckständer an ihm vorbei, und als sie auf seiner Höhe war, lächelte sie überlegen. Sie trug auch noch hohe Pömps. Da wunderte er sich, denn er war zügig gefahren. An einer Wegkreuzung verfuhr sie sich, zog eine überflüssige Schleife, so dass er sie wieder überholen konnte. Um die Schmach nicht noch einmal zu erleben, fuhr er schneller und hängte sie ab. Jedenfalls wähnte er sich bald allein auf der sonnigen Bahntrasse. Weil er nicht verschwitzt im Institut ankommen wollte, fiel er wieder in seinen alten Trott, zumal er noch ein wenig die Landschaft ringsum genießen wollte.

Diesen Teil der Bahntrasse fuhr er besonders gern. Er war ein bisschen wellig und führte leicht bergauf. Doch zunächst tauchte man oberhalb von Kornelimünster in einen schnurgeraden Abschnitt, der links und rechts von halbhohen Bruchsteinmauern begrenzt war. Darüber wölbte sich ein dichtes Blätterdach. Hier war es stets ein wenig feucht und deutlich kühler als unter dem wolkenlosen Himmel. Weit hinten lockte hell der Ausgang aus dem grünen Dämmer des Kanals. Es ging hinaus auf einen zweiten Viadukt, der in beachtlichen Bögen das Tal des kleinen Flusses Inde überspannte.

Nachtschwärmergleis der Frühlingfahrten – Foto: JvdL (größer: klicken)

Links öffnete sich der Blick auf ein zweites Tal. Da erstreckten sich die Wiesen steil hinab, und für die Pferde dort wäre es bequemer, wenn sie zur Bergseite hin kürzere Beine hätten. Auf der anderen Talseite ragten aus dem Gebüsch die rötlichen Klippen eines Steinbruchs auf. Auch dieses Tal war von einem Viadukt überspannt, denn von Stolberg im Osten schwang eine weitere Bahnlinie heran, ebenfalls stillgelegt, doch sie hatte noch den Gleiskörper. Hinter einer Biegung tauchte man erneut unter ein Blätterdach, und dann kam von links aus einer Schneise im Gebüsch das alte Gleis heran und begleitete den Radweg. Und just als er am Gleiskörper entlang fuhr, die Schwellen und den Schotter kaum noch sah und noch dachte, „bald ist alles vom Gras überwuchert, dann könnte auch die Nachtschwärmer-Draisine nicht mehr rollen“, in diesem Moment strampelte die Frau mit dem Kindersitz hinten drauf an ihm vorbei, lachte ihn an und rief: „Da bin ich wieder!“
Da erschrak er und sagte aus tiefem Herzen: „Heute sind die Frauen stark.“
„Der Wind ist stark!“ rief sie zurück. Und als sie schon ein ganzes Stück enteilt war, verstand sie erst und rief: „Ach so, die Frauen sind stark!“

Über einer kleinen Straßenbrücke kreuzte der Radweg das Gleis und führte eine steil gewundene Abfahrt zur Straße hinunter. Da musste er abbiegen. Als er unter dem Brückengewölbe hinab in den Ort sauste, wurmte ihn vor allem, dass die Frau kein bisschen verschwitzt ausgesehen hatte. Wo er schwitzte, transpirierte sie kaum, und das hatte der Fahrtwind verblasen.

Was es mit dem Nachtschwärmergleis auf sich hat – morgen mehr.

Nützliches und Unterhaltsames vom Radfahren

radfahrenEnglands erster und berühmtester Lexikograph, Dr. Samuel Johnson (1709-1784) hatte für mit Muskelkraft bewegte Fahrzeuge nur Spott übrig. Sein Einwand gegen einen Vorläufer des Fahrrads, einen Wagen, bei dem der Fahrer mittels Kurbel eine Antriebsfeder spannen musste, klingt zunächst plausibel: „Damit wäre wohl erreicht, dass einer die Wahl hat, ob er nur sich selber fortbewegen will oder sich selber und noch einen Wagen dazu.” (James Boswell; Dr. Samuel Johnson – Leben und Meinungen)
(Zeichnung: Trithemius)

Dr. Johnson, „Der schwer gelehrte Bär“, wie Lichtenberg ihn nannte, starb ein Jahr, bevor im Jahr 1785 ein gewisser Karl Friederich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn geboren wurde. Dieser Mann wagte sich im Jahr 1817 mit einer Art Holzbock auf zwei Rädern in die Öffentlichkeit. Auf der 15 Kilometer langen Jungfernfahrt von Mannheim bis zum Schwetziger Relais und zurück fuhr er immerhin ein Stundenmittel von 14,8 Kilometern. Seine Zeitgenossen hielten es aber mit der kauzigen Logik des Dr. Johnson und zeigten dem Erfinder einen Vogel.

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