Bequemes Radfahren: Erinnerungstour durch die niederländischen Alpen

„Vielleicht führt der Weg auch nach Mechelen“, hätte mein Freund Rudolf sagen sollen, als er mir vorschlug, am Ortseingang von Vijlen, nahe beim Hotel „Alpenzicht“ von der Hauptstraße abzubiegen. Stattdessen sagte er: „Der Weg führt auch nach Mechelen!“ und ich glaubte ihm, weil ich es glauben wollte. So drehten wir und bogen in den steilen Hohlweg ein, der irgendwo unten hinter einer Biegung verschwand. Kurz rollten wir, dann sausten wir und zuletzt schossen wir die Windungen des Weges hinab.

Man findet im Mergelland viele versteckte Täler. Auf dem Talgrund und ein wenig die Hänge hinauf stehen schön hergerichtete Bruchstein- oder Fachwerkhäuser, inmitten fruchtbarer Felder, satter Wiesen, Hecken, Buschwerk und Obstgehölz. Viele bieten Ferienwohnungen an, denn das Mergelland, das sind die niederländischen Alpen. Ich dachte schon oft: Wenn der liebe Gott völlig verkitscht wäre, dann wäre hier sein Vorgärtlein. Ein ausgedehnter Höhenrücken an der Grenze zu Belgien hat 12 – 15-prozentige Anstiege. Wir waren 15 Prozent hinuntergesaust, und nun ging es weniger steil, doch anhaltend bergauf. Da war keine Möglichkeit, Richtung Westen abzubiegen. Ob wir wollten oder nicht, wir mussten zum Kamm hinauf. Man bleibt noch unterhalb der Baumgrenze, versteht sich. So hoch sind die niederländischen Alpen auch wieder nicht. Deshalb schafften wir den Anstieg in einem Stück, und als wir so weit oben waren, dass wir endlich hätten abbiegen können, da waren wir eigensinnig, schalteten einen Gang höher und fietsten weiter hinauf in den lichten Herbstwald.

Hinab geht es in steilen Serpentinen, und auf halber Höhe naht der Waldrand. Man kann in ein weites Tal sehen, auf dessen Grund die Geule mäandert. Der kleine Fluss bildet die Grenze zu Belgien, bevor er sich artig in die Niederlande wagt und dann Göhl heißt. Auf seinem Weg zur Maas reihen sich an seinen Ufern prächtige Wasserschlösser. Auf der belgischen Seite sind sie aus Bruchstein erbaut, in den Niederlanden aus dem gelben Mergelstein. Bald hielten wir uns nur noch an versteckte Wege und sahen uns die Augen aus dem Kopf. Mal kannten wir uns aus, mal waren wir wieder wie neu in der Welt. Rudolf ist ein guter Begleiter, voller Gucklust und Begeisterung. Es ging uns manchmal alles viel zu schnell, denn wir sahen unter der milden Herbstsonne so viele Weiler, hübsche Häuser, versteckte Bauten und Mühlen, dass es für Tage gereicht hätte.

Irgendwann kamen wir in Mechelen an. Rudolf schlug vor, einen Kaffee zu trinken. Die Saison ist vorbei, das Herbstlaub fliegt durch die Straßen, und so fanden wir nur eine offene Kneipe. Da verabschiedeten sich gerade die einzigen Gäste. Die Decke der Kneipe hing voller Maßkrüge, an den Wänden die wunderlichsten Dinge, und es schauderte mich ein bisschen, auf einem der geschnitzten Eichenstühle zu sitzen.Wir saßen gut am Fenster und der junge rundgesichtige Wirt brachte uns den Kaffee. Danach stand er hinter der Eichentheke, stützte sich mit gerecktem Arm oben an der Thekenverblendung ab und lauschte ganz einfach unserem Gespräch. Rudolf erzählte, er habe von einem Freund ein Gedicht bekommen, und zwar über das Wort „vielleicht.“ Das sei ein eigenartiges Wort, er müsse seither ständig darüber nachdenken. Wir erwogen mögliche Etymologien, doch ich war nicht sicher, ob wir mit unseren Vermutungen richtig lagen. Der Wirt jedoch verfolgte das Hin und Her mit zunehmendem Interesse. Bald waren wir bei versunkenen Bedeutungen und Wörtern, die mit der Sache verschwinden. „Groschen“, sagte ich, das Wort kennen die jungen Leute bald nur noch, wenn ihnen mal „der Groschen fällt.“

Da der Wirt sich immer weiter über seinen Tresen gebeugt hatte, sagte ich zu ihm: „Dubbeltje, Quartje“, diese Wörter verschwinden bei euch. Ach, das war schönes Geld!“ Eine Weile redeten wir über holländische Gulden und die Nachteile der Euro-Münzen. Dann fragte ich ihn: „Mir geht manchmal ein niederländisches Sauflied durch den Kopf. Doch ich kriege den Text nicht zusammen.“ Und dann sang ich ihm die erste Strophe vor:

Ik heb vannacht van jou gedroomd
jenevertje, jenevertje
Oh heerlijke dromen
Er wou geen eind aan komen
Oh heerlijke dromen
Van bier en witte wijn

und fragte ihn nach einem bestimmten Wort der zweiten Strophe, da ich nicht sicher war, es richtig zu erinnern. Er kannte den Wortlaut auch nicht, doch über seinen Schnapsregalen hing ein kleiner Monitor. Dort hatte er ein Menu wie eine Musikbox, das er mit dem Finger bedienen konnte. Für den Rest unseres Aufenthalts hat der Wirt nach dem Lied gesucht. Leider wurde er nicht fündig.

Zu Hause sang ich eine Tonaufnahme ein, doch ich kann sie im Teestübchen nicht hochladen, wodurch Frauen und Kinder schon mal geschützt sind, obwohl ich damals extra meine Stimmbänder durch den Honigtopf gezogen hatte.

Unsere Tour geriet anstrengend, denn bei Valkenburg erklommen wir die andere Höhe des Tals und fuhren auf diesem Höhenrücken zurück. Und ich nervte Rudolf ein bisschen, weil ich immer wieder rief: „Hier möchte ich wohnen!“ Schon lange waren wir nicht so eine anstrengende Tour gefahren. Und trotzdem war der Umstand, dass Rudolf in Vijlen vergessen hatte „vielleicht“ zu sagen, der Auftakt gewesen für eine unserer schönsten Fahrten durchs hübsche Mergelland.

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Demütigung mit hohen Absätzen

Es war noch kühl an diesem sonnigen Morgen, aber es würde heiß werden. Der landschaftlich schöne Weg, den er allmorgendlich zur Arbeit radelte, war ihm leider alltäglich geworden. Doch wenn er an die morgendlichen Staus auf den Zufahrtsstraßen in die Stadt dachte, erinnerte er sich, wie privilegiert er war, in Gegenrichtung fahren zu können. Sobald er den Stadtrand erreicht hatte, schoss er hinunter zu einem Radweg, der auf der alten Vennbahntrasse angelegt war und fernab von Autoverkehr die Abfahrten und Anstiege der hügeligen Landschaft des Münsterländchens gleichmäßig durchzog. Schon bald rollte er über einen Viadukt, dessen mächtigen Pfeilerbögen aus den Bruchsteinen der Nordeifel gemauert waren. Unten schlängelte sich ein Bachlauf durch die Wiesen. Unvorstellbar, dass dieses Rinnsal so ein tiefes Tal geformt hat. Stünde man dort unten und würde hinaufblicken, könnte man auf die Idee kommen, den Radfahrer um seinen Weg zu beneiden, dass es doch herrlich sein müsste, hoch oben über den Viadukt zu rollen.

Viadukt Vennbahntrasse Foto: JvdL (größer klicken)

Die Wahrheit ist, dachte er, man merkt kaum was von der Herrlichkeit, flucht höchstens, wenn man über die abgesackten Querfugen in der Betonfahrbahn der Brücke ruckelt. Du bist irgendwo ganz oben, aber so richtig wertschätzen könntest du es nur, wenn du unten stündest. Ob es eine menschliche Eigenart ist oder liegt es an mir, dass ich nicht zu würdigen weiß, was ich habe, fragt er sich zweifelnd. Es schadet jedenfalls nicht, die Perspektive zu wechseln. Aber da unten wartet niemand und schaut zu mir hoch. Da stehen nur rotbunte Kühe. Sie haben sich am Bächlein versammelt und mit ihren Hufen die flachen Bachufer schlammig ausgefranst. Der Bach lag noch im Schatten überhängender Büsche. Da möchte ich jetzt aber auch nicht im Schlamm stehen, dachte er.

In diesem Augenblick rauschte eine Mutter mit leerem Kindersitz auf dem Gepäckständer an ihm vorbei, und als sie auf seiner Höhe war, lächelte sie überlegen. Sie trug auch noch hohe Pömps. Da wunderte er sich, denn er war zügig gefahren. An einer Wegkreuzung verfuhr sie sich, zog eine überflüssige Schleife, so dass er sie wieder überholen konnte. Um die Schmach nicht noch einmal zu erleben, fuhr er schneller und hängte sie ab. Jedenfalls wähnte er sich bald allein auf der sonnigen Bahntrasse. Weil er nicht verschwitzt im Institut ankommen wollte, fiel er wieder in seinen alten Trott, zumal er noch ein wenig die Landschaft ringsum genießen wollte.

Diesen Teil der Bahntrasse fuhr er besonders gern. Er war ein bisschen wellig und führte leicht bergauf. Doch zunächst tauchte man oberhalb von Kornelimünster in einen schnurgeraden Abschnitt, der links und rechts von halbhohen Bruchsteinmauern begrenzt war. Darüber wölbte sich ein dichtes Blätterdach. Hier war es stets ein wenig feucht und deutlich kühler als unter dem wolkenlosen Himmel. Weit hinten lockte hell der Ausgang aus dem grünen Dämmer des Kanals. Es ging hinaus auf einen zweiten Viadukt, der in beachtlichen Bögen das Tal des kleinen Flusses Inde überspannte.

Nachtschwärmergleis der Frühlingfahrten – Foto: JvdL (größer: klicken)

Links öffnete sich der Blick auf ein zweites Tal. Da erstreckten sich die Wiesen steil hinab, und für die Pferde dort wäre es bequemer, wenn sie zur Bergseite hin kürzere Beine hätten. Auf der anderen Talseite ragten aus dem Gebüsch die rötlichen Klippen eines Steinbruchs auf. Auch dieses Tal war von einem Viadukt überspannt, denn von Stolberg im Osten schwang eine weitere Bahnlinie heran, ebenfalls stillgelegt, doch sie hatte noch den Gleiskörper. Hinter einer Biegung tauchte man erneut unter ein Blätterdach, und dann kam von links aus einer Schneise im Gebüsch das alte Gleis heran und begleitete den Radweg. Und just als er am Gleiskörper entlang fuhr, die Schwellen und den Schotter kaum noch sah und noch dachte, „bald ist alles vom Gras überwuchert, dann könnte auch die Nachtschwärmer-Draisine nicht mehr rollen“, in diesem Moment strampelte die Frau mit dem Kindersitz hinten drauf an ihm vorbei, lachte ihn an und rief: „Da bin ich wieder!“
Da erschrak er und sagte aus tiefem Herzen: „Heute sind die Frauen stark.“
„Der Wind ist stark!“ rief sie zurück. Und als sie schon ein ganzes Stück enteilt war, verstand sie erst und rief: „Ach so, die Frauen sind stark!“

Über einer kleinen Straßenbrücke kreuzte der Radweg das Gleis und führte eine steil gewundene Abfahrt zur Straße hinunter. Da musste er abbiegen. Als er unter dem Brückengewölbe hinab in den Ort sauste, wurmte ihn vor allem, dass die Frau kein bisschen verschwitzt ausgesehen hatte. Wo er schwitzte, transpirierte sie kaum, und das hatte der Fahrtwind verblasen.

Was es mit dem Nachtschwärmergleis auf sich hat – morgen mehr.

Nützliches und Unterhaltsames vom Radfahren

radfahrenEnglands erster und berühmtester Lexikograph, Dr. Samuel Johnson (1709-1784) hatte für mit Muskelkraft bewegte Fahrzeuge nur Spott übrig. Sein Einwand gegen einen Vorläufer des Fahrrads, einen Wagen, bei dem der Fahrer mittels Kurbel eine Antriebsfeder spannen musste, klingt zunächst plausibel: „Damit wäre wohl erreicht, dass einer die Wahl hat, ob er nur sich selber fortbewegen will oder sich selber und noch einen Wagen dazu.” (James Boswell; Dr. Samuel Johnson – Leben und Meinungen)
(Zeichnung: Trithemius)

Dr. Johnson, „Der schwer gelehrte Bär“, wie Lichtenberg ihn nannte, starb ein Jahr, bevor im Jahr 1785 ein gewisser Karl Friederich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn geboren wurde. Dieser Mann wagte sich im Jahr 1817 mit einer Art Holzbock auf zwei Rädern in die Öffentlichkeit. Auf der 15 Kilometer langen Jungfernfahrt von Mannheim bis zum Schwetziger Relais und zurück fuhr er immerhin ein Stundenmittel von 14,8 Kilometern. Seine Zeitgenossen hielten es aber mit der kauzigen Logik des Dr. Johnson und zeigten dem Erfinder einen Vogel.

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