Kleine Wortschatzübung – Nachstellschritt und Triell

Den Wortschatz des Deutschen dachte sich Jacob Grimm ganz im Geist des 19. Jahrhunderts als in Kisten und Kasten bewahrte gefaltete Leinwand. Heute wissen wir den Wortschatz sicher verwahrt im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, dem monumentalen Werk von 32 schwergewichtigen Bänden in Leder. Obwohl das ehrgeizige Projekt erst im Jahr 1960 fertig wurde, ist der heutige Wortschatz besser in Wörterbüchern wie Duden oder Wahrig abgebildet, weil er dort ständig aktualisiert wird.

Wie muss man sich den eigenen Wortschatz vorstellen? Er ist naturgemäß viel kleiner als der Wortschatz des Deutschen, doch auch er wird ständig aktualisiert. Die Sprachwissenschaft unterscheidet zwischen dem aktiven und passiven Wortschatz. Passiv sind Wörter, die eine/einer versteht, aktiv sind die von ihnen benutzten Wörter. Manchmal werden Wörter aus dem passiven in den aktiven Wortschatz verschoben. Kürzlich lernte ich das Wort „Nachstellschritt.“ Ich kannte es noch nicht, habe es aber unmittelbar verstanden, denn es ist die Weise, wie ich Treppenstufen steige, treppauf mit dem Fuß des gesunden Beines, treppab mit dem Fuß des gebrochenen Beines, den jeweils anderen Fuß nachstellend.

Ein mir komplett neues Wort ist „Triell.“ Gemeint sind die Fernsehduelle der Kanzlerkandidaten dreier Parteien, mit denen das Fernsehen unsere Demokratievorstellungen untergräbt. Triells im Fernsehen begünstigen Parteien, die Kanzlerkandidaten aufgestellt haben, und benachteiligen alle anderen Parteien. Wir wählen nämlich nicht Bundeskanzler, sondern Parteien, die sich wiederum im Nachstellschritt um eine Regierungsbildung bemühen, wozu sie in der Regel Koalitionen mit anderen Parteien eingehen müssen.

    – Nachstellschritt
    – O
    – P
    – Q
    – R
    – S
    – Triell

Ab und zu ist es ganz hilfreich, sich zu vergewissern, wie und von wem der eigene Wortschatz erweitert wird.

Der Wetterexperte rät: In der Mittagshitze keinen schwarzen Wollschal tragen!

Ich gestehe, auch ich habe kürzlich das Wort „Mittagshitze“ benutzt und bin damit auf dem Wissensstand des Frühmittelalters. Das jedenfalls unterstellt der in Ungnade gefallene Wetterexperte Jörg Kachelmann über seinen Twitteraccount den deutschen Medien. Natürlich habe ich den Account von Jörg Kachelmann nicht abonniert. Ich habe meine Twitter-Mitgliedschaft sowieso längst gelöscht. Es gibt aber Leute, die lesen, was Kachelmann via Twitter von sich gibt, beispielsweise der Mediendienst meedia und zitiert Kachelmann: “Deutschland mit dem Wissensstand des Frühmittelalters. Dank Medien auch 2018 im Felde der bildungsfernen Vertrotteltheit und Falschinformation unbesiegt.” Nicht am Mittag sei der Zeitpunkt der größten Hitze, sondern zwischen 17 und 18 Uhr. Es wären darum schon Leute gestorben, twittert Kachelmann. Man denkt an hitzeempfindliche Personen, die mittags brav zu Hause waren und am Nachmittag ganz arglos rausgegangen sind, um einzukaufen. Bautz! Bautz! Bautz! Wieder Opfer der Medien, weil sie ständig von „Mittagshitze“ schwafeln.

Mit Schal in der Mittagshitze – Screenshot via meedia


Mit der Bildmontage eines Kachelmann-Fotos und einem Screenshot der Twitter-Botschaft leistet sich meedia eine subtile Bosheit und zeigt, mit welchen Bandagen gekämpft wird, wobei meedia den Verlust der Glaubwürdigkeit billigend in kauf nimmt. Die absurde Montage entwertet Kachelmanns Aussage. Denn wer ist töricht genug, sich bei 32 Grad einen schwarzen Schal um den Hals zu wickeln? Nur ein Tor. So ein Schal kann gewiss tödlich sein, selbst wenn die sogenannte Mittagshitze zwei bis drei Grad niedriger als die Nachmittagshitze ist. Wer jedoch nachschaut bei Twitter, findet das Foto von Kachelmann mit Schal nicht. Da zeigt er sich im T-Shirt.

Was Kachelmann bekämpft, ist eine sprachliche Floskel, ein Topos. Selbst das Deutsche Wörterbuch, das allgemein zugängliche Sprachlexikon, das am weitesten in die Vergangenheit zurückreicht, verzeichnet ganz arglos sogar die „MITTAGSGLUT“, und unter „MITTAGSHITZE“ finden sich viele literarische Belege, zu Nachmittagshitze aber nicht; nur „NACHMITTÄGIG“ ist verzeichnet, und wer hats verwendet? Wer läuft rum in der schlimmsten Hitze? Goethe: „unsere nachmittägigen spaziergänge.“

Jetzt ist das Deutsche Wörterbuch gewiss nicht frei von Fehlern. Der berüchtigtste: „BLINDSCHLEICHE, eine binde, giftige Schlange.“ Es ist ein viel belachter Fehler der Grimms. Allgemein ist auf unsere Sprache Verlass. Sie enthält die Erfahrungen von Generationen, eingegossen in Wörter oder feste Wortwendungen, so dass ich oft geneigt bin zu denken, die Sprache ist klüger als ihre Benutzer, zumindest klüger als ich, was natürlich nur ein Bild ist, denn Klugheit unterstellt ja Absicht, und absichtsvoll ist Sprache nicht, obwohl ihr oft Lebendigkeit bescheinigt wird.

Wieso kennen wir also die Wörter „Mittagsglut“ und „Mittagshitze?“, aber nicht die korrektere „Nachmittagshitze?“ Kachelmanns informative Seite Kachelmannwetter.com weist heute für Hannover folgenden Temperaturbalken aus:

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Der Morgen startete um sechs Uhr mit 18 Grad. Was der Mensch als Hitze empfindet, beginnt bei 13 Uhr, nämlich 31 Grad, das ist ein Sprung von angenehmen 18 um 13 Grad auf die schon unangenehmen Grade nahe der eigenen Körpertemperatur. Dass sich zwei Stunden später sogar 33 Grad messen lassen werden, nimmt der unter Hitze stöhnende Mensch kaum noch als Unterschied wahr. Der Mensch ist kein Thermometer. Selbst seine eigene Körpertemperatur kennt er nur ungenau, es sei denn, er würde sie messen. Da der Beginn der gefährlich heißen Phase mit dem Sonnenhöchststand zusammenfällt, ist es nicht falsch, die Wörter MITTAGSHITZE und -GLUT zu verwenden. Außerdem hatte ich „in der größten Mittagshitze“ geschrieben, was ja nicht ausschließt, dass es nachmittags noch heißer war.
Puh, [stirnabwisch]! Noch mal Glück gehabt!

Wörter wie gefaltete Leinwand – Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm

Kategorie Medien„Oh! Das haben wir?“, fragte die schöne Bibliothekarin, die neuerdings in der Lexikonabteilung saß, und rollte verzückt die Augen. Ich war froh gewesen, einen Grund zu haben, sie anzusprechen, denn ich hatte sie eine Woche zuvor auf einer Vernissage im Ludwig-Museum gesehen. Sie war mir aufgefallen wegen ihrer raspelkurzen schwarzen Haare und weil sie ganz in Schwarz gekleidet gewesen. Wir hatten ein bisschen geäugelt.
„Ja, es hat drüben im Regal am Fenster gestanden“, sagte ich. Sie befragte ihren Computer und beschied, das Deutsche Wörterbuch stehe jetzt in der Abteilung „Germanistik“ auf der 2. Etage. Ich hatte das monumentale Werk, 32 schwergewichtige Bände in Leder, erst vor kurzem in der Aachener Stadtbibliothek entdeckt und war froh gewesen, dass es zumindest zur Einsicht zugänglich war. Weiterlesen