Zwei Worte für und gegen den Schmerz

„Gute Besserung!“, haben mir liebe Menschen gewünscht, nachdem ich mir eine Rippe gebrochen hatte. „Gute Besserung“ steht auf der Packung Papiertaschentücher, die mir die Apothekerin schenkte. Ärzte wünschen einem nie „gute Besserung!“ Ihr Geschäft ist das Kranksein, nicht die gute Besserung. Auch wenn sie über die professionelle Haltung hinaus ein wenig Anteil nehmen, kommt ihnen „gute Besserung!“ nicht über die Lippen. Dass es Wochen dauert, bis ich beschwerdefrei bin, haben mir alle gesagt. Da sie wissen, dass diese Geschichte ihre Zeit braucht, sparen sie sich die Floskel.

Ich las, als es mir einmal sehr schlecht ging, eine andere Floskel: Meine Schmerzen glichen denen der gebrochenen Rippe. Man glaubt es kaum, aber wann immer derzeit der Schmerz die Schmerzmittel glutheiß überstrahlt, dann denke ich, dass ich solche Schmerzen, diese sengenden Stiche zwischen den Rippen, schon einmal zuvor erlebt habe. Aus Gründen hatte ich mich im Sommer 2005 von Lisette getrennt und all ihre Versuche, mich zurückzugewinnen abgewehrt.

Bei der Bundestagswahl im September war ich Wahlvorstand, musste nach der Stimmauszählung den Koffer mit den Stimmzetteln und Wahlunterlagen ins Verwaltungsgebäude der Stadt Aachen bringen. Danach bummelte ich zum Rathaus. Dort war ich mit meinem jüngsten Sohn verabredet. Wir wollten im Krönungssaal zusammen die Wahlpartie erleben. Er kam nicht. Nachdem ich etwa eine Stunde gewartet hatte, beschloss ich zu gehen, stieg die Treppe hinab, und da kam mir entgegen – Lisette! Wir hatten uns Wochen nicht gesehen und waren elektrisiert. Wie selbstverständlich begleitete ich sie zurück in den Krönungssaal, wo wir einige Stunden verzaubert nebeneinander standen. Auf großen Bildschirmen lief die „Elefantenrunde“ mit den Spitzenkandidaten der Parteien. Gerhard Schröders arroganter Auftritt sollte legendär werden, in dessen Folge Angela Merkel Bundskanzlerin wurde. Ich habe gelegentlich zu den Bildschirmen hochgeschaut, doch nichts, aber auch nichts mitbekommen.
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Das Lied der Steine

Im Nachbarhaus schräg gegenüber haben sie offenbar eine Wand herausgeschlagen. Ich hörte die schweren Hammerschläge und sah junge Leute, auch eine Frau, wie sie Eimer voller Schutt aus dem Haus trugen, um sie auf einen offenen Container zu kippen. Als ich daran vorbei kam, sah ich in all dem Schutt ganze Ziegelsteine. Ich musste an die Leute denken, die die Ziegel einst formten und brannten und an die Arbeiter, die damit die Mauer hochgezogen haben. Und jetzt fliegt das Ergebnis ihrer Arbeitsleistung auf den Schutt. So geht es alleweil. Menschen bauen etwas auf, andere reißen es wieder ein.

Letztens übernachtete ich in Hamburg in einem Viertel, das noch gepflasterte Straßen hat. Straßenpflaster ist Stein um Stein verlegt. Menschen sind im Schweiße ihres Angesichts auf den Knien gerutscht, haben Steine in ein Sandbett gelegt, eingepasst und mit dem Hammer festgeklopft. Ich sehe die krummen Rücken vor mir. Die Leistung der Pflasterer weiß ich durchaus zu würdigen. Trotzdem gehe ich nicht gerne über die hubbeligen Pflastersteine. Ich habe mich schon immer gefragt, wieso sich die Steine im Kopfsteinpflaster nicht irgendwann mal so richtig angleichen. Warum werden sie nicht über die Jahre von hunderttausend Paar Schuhsohlen abgeschliffen, so dass sie eine gleichmäßige Oberfläche bilden? Ich glaube, die Menschen haben zu kleine Füße. Sie rutschen damit immer in die Fugen, und das rundet die Kopfsteine ab, statt sie zu egalisieren. Man müsste also kleinere Steine nehmen, aber das würde der Bauunternehmer sich teuer bezahlen lassen, weil die Pflasterer viel langsamer vorankämen. Die erste Generation der Anwohner müsste Unsummen aufbringen, ohne selbst etwas davon zu haben, weil sich die Steine ja höchsten nach zwei bis drei Generationen erbaulich abgeschliffen haben. Wer wollte für seine Urenkel soviel Geld ausgeben, nur damit deren Füße mal von glatten Steinen geschmeichelt würden? Es weiß doch kaum einer, ob er einmal Urenkel haben wird. Und für fremder Leute Urenkel muss man nun wirklich kein Geld ausgeben. Außerdem könnte passieren, dass die Urenkel dereinst die Pflastersteine ganz schnöde herausreißen und auf den Schutt werfen, genau so wie meine Nachbarn die Mauerziegel.

Lied der Steine – Foto: JvdL


Im Hamburger Rothenbaum-Viertel haben derzeitige Urenkel noch nichts gegen Kopfsteinpflaster. Sie finden im Gegenteil chic, keinen schnöden Straßenbelag aus Asphalt zu haben. Kein proletenhaftes Makadam, du verstehst? Kopfsteinpflaster, verlegt von Männern, die sich krümmen mussten, die schwitzend auf schmerzenden Knien lagen, solcher Straßenbelag passt zur prächtigen alten Bausubstanz der herrschaftlichen Häuser. Das Viertel wirkt nur nicht versnobt, weil es gleichzeitig ans Univiertel grenzt. Dort bereiteten Studierende einen schönen Protestabend gegen das Sterben im Mittelmeer vor, mit Livemusik, Grill- und Getränkeständen. Auch Siebdruck konnte man lernen, versprach ein Schild. Vermutlich konnte man irgendwo in Kreativkellern noch mehr wohlmeinende Transparente malen. Man konnte beim Protest auch einfach vor einem studentischen Café sitzen, fair gehandelten Latte macchiato mit Sojamilch trinken und dem Soundcheck zuhören. Es war hübsch. So macht Protest wirklich Spaß. Die ganze Stimmung dort erinnerte mich an einen Aufenthalt vor Jahren.

Ich bin mit Lisette dort gewesen, und wir übernachteten fünf Tage in der Wohnung eines ihrer Kollegen. Der Mann war im Urlaub. Als wir am Bahnhof Dammtor ankamen, rief Lisette in der Wohnung an, um sicher zu gehen, dass er wirklich schon weg war, wir also die Wohnung für uns hätten. Sie rief an und wurde blass, denn er ging ran. Aber er war trotzdem weg, hatte nur die Rufumleitung zu seinem Urlaubsort auf einer Mittelmeerinsel geschaltet. Die Wohnungsschlüssel hatte er bei einer Nachbarin deponiert. Wir hatten Mühe, die Tür aufzuschließen, der vielen Schlösser wegen, die er an seiner Wohnungstür hatte. Ich erinnere mich noch, dass wir innen schwere Riegel vorfanden. Ob er in seiner Wohnung große Werte beherbergte, ist mir nicht aufgefallen. Aber in seinem Bett hatte er einen überwältigenden Kissenreichtum. Wir haben alle Kissen beiseite geräumt, und ich verbrachte in diesem Bett eine der schönsten Nächte meines Lebens. Nach einem glutheißen Tag war nämlich gegen Morgen ein kühlender Regen niedergegangen, wie es hier geschildert ist.

Auch mein Viertel hat noch viel Kopfsteinpflaster. Die Bevölkerungsstruktur ist ähnlich, doch es gibt nicht soviel altes Geld. Hier hegen viele die Illusion, dass sie mit ihrem linken Humanismus die Welt verbessern können. Wenigstens ein Weniges ihrer Probleme sollte man mildern können. Doch bei unserer Lebenshaltung lösen wir keine Probleme, wir sind Teil des Problems, ob wir wollen oder nicht. Ich glaube, es müsste mal regnen.

Abenteuer mit Josie

Ich kann mich nicht sattsehen an den Grüntönen vor meinen Fenstern. Der Weißdornbusch ist grün geworden, als die Eiche noch schlief. Nach dem Aufwachen trieb sie zuerst orangefarbene Blätter, die erst langsam über Gelb zu Hellgrün übergingen. Noch immer ist ein Anflug von Orange zusehen. Als wären noch herbstliche Säfte im Holz gewesen, die damals die Blätter Rotbraun gefärbt haben. Deutlicher zeigt das der Spitzahorn vor dem östlichen Fenster. Seine Blätter beginnen mit Rotbraun, etwas kräftiger als vor ihrem Abfallen im letzten Herbst. Sie werden erst viel später grün.

Vom frühlingshaften Austreiben ungerührt ist meine Zimmerpalme Josie. Ihr gilt eine andere Zeitrechnung. Aber ihr Anblick ist derzeit wieder spektakulär. Wenn ich morgens das Zimmer betrete, erfreut sie mich mit stattlichen Wedeln, mehr noch mit deren Überscheidungen. Es ergeben sich prächtige grafische Strukturen. Das ist es, weshalb ich Zimmerpalmen so liebe. Aus diesem Grund wurden mir schon einige geschenkt. Eine bekam ich von der Klasse, deren Klassenlehrer ich gewesen war. Ich ließ sie zunächst im Lehrerzimmer, wo eine Kollegin mit grünem Daumen sie in ihre Obhut nahm. Selbst in den Ferien fuhr sie zur Schule, um Blumen und meine Palme zu gießen. Sie gedieh so prächtig, dass ich mich gar nicht mehr als der Eigentümer sah. Ich mochte sie auch nicht von ihrem angestammten Platz entfernen, wo sie sich so offenbar wohl fühlte. Irgendwann vergaß ich, dass es meine Palme war.

Meine derzeitige Zimmerpalme schenkte mir Lisette. Das war noch in Aachen. An meinem Geburtstag schaute ich in ungeduldiger Erwartung aus dem Fenster und sah auf der Straße unten, wie Lisette ihr rotes Auto einparkte. Dann stieg sie aus und holte eine stattliche Palme hervor. Ich sehe noch heute, wie ihr rotblonder Haarschopf im Gleichtakt mit den Palmenwedeln wippte, als sie mit der Palme heraneilte. Ich taufte die Palme Josie und entwickelte eine symbiotische Beziehung zu ihr. Meine besseren Texte sind entstanden, nachdem ich Josie angefasst und mit ihr geredet hatte.

Josie 2011

Aus Gründen musste ich mich von Lisette trennen, obschon es war, als würde ich mir einen Arm absägen. Eines Morgens hatte sich Josie in ihrem Topf ganz zur Seite gelegt. Offenbar hatte auch Lisette die Trennung für sich vollzogen. Tags darauf sah ich sie mit einem neuen Mann. Josie erholte sich nur langsam, nachdem ich sie wieder aufgerichtet hatte. Meinen Umzug nach Hannover verkraftete sie gut und wuchs zunächst prächtig.

Beim Schlaganfall im Jahr 2013 war ich linksseitig betroffen. Auch Josie kümmerte linksseitig. Man sagte mir, ich solle sie drehen, aber das brachte ich nicht übers Herz. Mit meiner Genesung erstarkte auch Josie, wuchs zu rechten Seite derart, dass ein Stamm sich neigte und ihre größten Wedel den Boden berührten.

Vor einer Woche habe ich einen größeren Topf besorgt und zusammen mit meiner Putzhilfe und ihrem Freund, der sie hatte herfahren müssen, weil die Verkehrsbetriebe bestreikt wurden, wir drei haben Josie umgetopft, dabei aufgerichtet und an einen in den Topf gesteckten Schlagzeugstock gebunden. Ich dachte schon, sie hätte die Operation überstanden und wäre dabei, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden. In der Nacht zum Freitag, in der Stunde des Wolfes, also gegen 4 Uhr morgens, hörte ich einen lauten Knall, dass ich dachte, meiner Obernachbarin wäre ein Ziegelstein aus dem Bett gefallen. Aber ich wunderte mich schon, denn die Sitte, im Backofen erhitzte Steine in klamme Betten zu legen, ist ja mit der Zentralheizung längst überflüssig geworden. Als ich am Morgen ins Wohnzimmer kam, war dann auch kein Stein über mir gefallen. Vielmehr lag Josie am Boden, hatte den Topf mit 25 Zentimetern Durchmesser und zehn Litern zusätzlicher Blumenerde umgerissen.

Daher besorgte ich gestern einen 30-Zentimeter-Topf und setzte Josie aufgerichtet hinein. Aber es fehlte Blumenerde. Josie stand unsicher, und eine lange Wurzel lag frei. Bevor ich weitere Blumenerde besorgen konnte, wurde ich von großer Schwäche geplagt und musste mich zuerst ausruhen, dass ich dachte, etwas in mir spiegelt Josies Situation. Inzwischen steht sie – nicht ganz aufrecht, was ich ohne helfende Hand nicht hinbekam, aber einigermaßen fest. Ganz so wie ich.

Unter der Frühlingssonne müde

Auf dem Nachhauseweg nach Mittagessen und Einkauf biege ich ab in den Von-Alten-Garten, wo die Sonnenhungrigen schon auf der Wiese liegen. Ich fahre den kleinen seitlichen Weg hoch auf die lange breite Terrasse, um mich auf eine der Bänke zu setzen. Die plötzliche Wärme erschöpft mich. Ah, – ich bin schon ganz platt. Von zwei Seiten, von den nahen Kindergärten höre ich Kindergeschrei. Es ist zu allen Zeiten an allen Orten gleich, zumindest in unserem Kulturkreis. Egal, welches Paar sich vor Jahren gefunden und ein Kind gezeugt hat, egal wie sie heißen, Christine, Sandra, Tanja, Michael, Stefan, Markus, Thomas, Matthias oder deren Kinder Lisa, Julia, Sarah, Laura, Jennifer, Nadine, Daniel, Christian, Patrick, Tobias, Sebastian oder deren Kinder Sophia, Marie, Mia, Emma, Hannah, Alexander, Paul, Luca, Ben, Louis, Leon – alle schrien oder schreien immer den gleichen Klangteppich. Menschengeräusch.

Als Kind habe ich mich vor Kindergeschrei gefürchtet. Wenn wir im heißen Sommer über die Felder zum Freibad nach Grevenbroich radelten, war alles gut, bis wir in die Nähe des Freibads kamen, über dem schon diese Wolke aus Kindergeschrei hing und mir den Himmel verdüsterte. Mehr noch, es drückte das Herz mir ab und am liebsten wäre ich umgekehrt, zurück zwischen die flimmernden Felder über denen nur die Feldlerche ihr eintöniges Lied sang.

Einmal war ich mit Lisette in Hamburg. Wir bestiegen eine dieser flachen Barkassen für eine Hafenrundfahrt. Anfangs waren wir fast alleine, doch kurz vor dem Ablegen stieg eine Schar lärmender Kinder zu. Lisette sah mein Unbehagen und sagte mitfühlend: „Du Armer!“ Ich erinnere mich noch, weil ich mich über ihre Wahrnehmung wunderte, denn ich hatte kein Wort des Missvergnügens gesagt.

Über den Weg quer zur Terrasse kommt ein Paar. Der fette junge Mann ist bis in die äußersten Festwülste hinein ganz eins mit sich und seiner Leibesfülle, die kaum gebändigt unter einem zu engen T-Shirt schwabbelt. Er lügt ihr vor, dass er die Limonadenflasche mitführen muss, um immer wieder einen Schluck zu nehmen, ganz wie der Zentralverband der Zuckerindustrie empfohlen hat. Das habe ich, scheints, erfunden. In Wahrheit deutet er zu der wirklich umfangreichen Buche hin, einem Naturdenkmal, und erklärt was von dick zu dick.

Links von mir spannt sich von einem Bodenanker aus ein Drahtseil in die Krone der Buche, wo es sich verliert. Das Seil ist übermannshoch rot-weiß ummantelt, damit sich keiner daran versehentlich den Hals abschneidet. Einer meiner Schüler kam eines Tages mit einem roten Striemen quer über den Hals daher. Er war mit dem Moped über die Felder gebraust und hatte einen Draht übersehen, der quer über den Weg gespannt war. Zum Glück war der junge Mann Ringer und rang für den TUS Walheim in der Bundesliga. Seine starken Halsmuskeln hatten seine Enthauptung verhindert.

Geschwächt komme ich zu Hause an und verschlafe den halben Flèche Wallonne, obwohl ich mich darauf gefreut hatte, dieses Radrennen über meine alten Trainingsstrecken zu sehen. Anfangs war die Tonleitung zu den flämischen Kommentatoren gut 15 Minuten unterbrochen. Da war wohl einer gegen ein Kabel gelaufen. Und die Techniker des übertragenden wallonischen RTBF machten gerade Mittagspause. Jedenfalls dachte ich, das zeigt sich wieder der typische wallonische Schlendrian, das würde den Flamen vom VRT nicht passieren.

Die beste Weise, sich zu erden

Nebenan schlief Franzi. Er war aufgestanden, damit sie noch einmal in den Schlaf finden konnte, nachdem sie sich gut zwei Stunden unterhalten hatten. Er hätte ewig so weiterliegen mögen, wie ihre kleine Hand ganz leicht auf seiner Brust ruhte, wobei ihr Mund leise runde Wörter formte, die wie Perlen im nächtlichen Zimmer aufstiegen und sich in der Dunkelheit verloren.
„Das Leben ist kein Schneckenschubsen“, hatte sie gesagt, bevor sie wieder einschlief. In ihrem Wortschatz fanden sich viele Wörter mit Alliterationen oder besser Stabreimen.

Er hatte begonnen, eine Liste aufzustellen, aber auf dem Zettel waren noch mehr Aufzählungspunkte als Beispiele. Auch von Lisettes Idiolekt hatte er damals eine Wortliste angelegt. Kürzlich hatte er sie wiedergefunden.
„Lexikon der idiomatischen Wörter und Wendungen einer ungewöhnlichen Frau“
Doch der Zauber ihres Idiolekts war verschwunden gewesen. „Flottikarotti“, „Schwing die Hufe!“, „Tanke“, „tapern“, „Putz von den Wänden kratzen“, „volle Lotte“ … Aus ihrem Mund hatte das toll geklungen. So losgelöst von ihr, aus der Distanz vieler Jahre, wirkte das nur noch derb auf ihn. Da half auch nicht, dass er die Wörter syntaktisch und semantisch zugeordnet hatte: „töm tö töm tö töm; Interjektionskette, Trochäus; Weiterführung des Unsagbaren, vielsagend.“ Das alles waren nur noch Buchstaben auf Papier und sagte ihm nichts mehr. So wird es auch Franzis Wörtern ergehen, dachte er traurig.

In der Küche kocht er sich einen Kaffee. Wie er die Hände an der heißen Tasse wärmt, sieht er durchs Fenster hinab auf den Gehweg unten. Da liegt eine weiße Plastiktüte, bauscht sich plötzlich auf und wälzt sich um und um, irgendwie träge – wie ein Mensch, der nicht in den Schlaf finden kann. Dann liegt sie still, dann schiebt sie sich an den Zaun, schmiegt sich in die Ecke, als wollte sie Schutz suchen vor dem heftigen Wind, der den Weg entlang pfeift. Der ist durch die Isolierverglasung des Küchenfensters kaum zu hören, und denkt er ihn weg, dann hat die blanke, weiße Plastiktüte tatsächlich ein nächtliches Eigenleben.

Was wissen wir schon von der Welt, denkt er. Überall können wir Eigenleben vermuten, wo uns die Beweggründe verborgen bleiben. Wo wir Aktion vermuten, ist in Wahrheit Reaktion, nicht so einfach zu durchschauen wie bei der Tüte unten. Selbst menschliche Handlungen sind Reaktionen auf neuronale Prozesse im Gehirn. Auch bei diesen unbewussten Prozessen ist der Anlass nicht fassbar. Wie ein nächtlicher Wanderer im Gebirg, der unbedacht einen Stein lostritt. Der trudelt durchs Denken, reißt hie und da etwas mit und bewirkt Ideen, Gefühle und Handlungen, aber bewirkt auch diese rätselhaften Taten ohne erkennbaren Zweck, die an unsere tierische Vergangenheit erinnern, ein plötzliches Fassen an die Nase, das grundlose Schürzen der Lippen, ein unnützer Gang zum Fenster. Das alles sind Reaktionen. So ist also das ganze Weltgeschehen nur Reaktion, und da wundert nicht, dass der Mensch sich einen Erstbeweger ausdenkt, damit er einen Sinn im Chaos der Reaktionsketten findet. Doch wie der Weg das Ziel ist, sind die Reaktionsketten Ursache und Zweck zugleich. Das zu verstehen, brauchen wir keinen kosmischen Anschubser. Die Idee eines verursachenden Gottes ist letztlich nur horror vacui, die Angst der Natur vor dem leeren Raum.

Ich muss mich erden, sonst rutsche ich wieder aus der Welt, dachte er und legte sich zurück ins Bett neben die schlafwarme Frau.

Kopfheizung

Die Druckerei, in der ich den Niedergang meines Handwerks erlebte, war ein Flachbau am oberen Ende der Aachener Pontstraße, offenbar nach dem Krieg in einer Baulücke hochgezogen. Was dem Bau an Höhe und Breite fehlte, machte er in der Länge wett. Zur Straße hin lag der Laden für den Kundenverkehr, dahinter das Büro, dann folgte ein Raum, in dem die große Offsetdruckmaschine stand, dann die Umkleiden und Toiletten, die Buchbinderei, die Druckerei und ganz am Ende lag die Setzerei, abgetrennt durch eine halbhohe Wand und eine große Glasscheibe. Am Ende der Setzerei gab es noch zwei kleinere Räume nebeneinander. In dem einen Gelass saß hinter einer Tür der Maschinensetzer vor einer Linotype-Setzmaschine, und nebenan war die Dunkelkammer für Repro-Arbeiten. Tageslicht kam durch große Oberlichter. Das gesamte Gebäude wurde beheizt durch zwei dicke Rohre an der Wand, durch die im Idealfall warmes Wasser strömte, das von einem schwächlichen Ofen im Keller erhitzt wurde. Im Winter waren die Rohre meistens nur handwarm. In der Setzerei hingen deshalb an der Decke mehrere Heizstrahler. Es heißt zwar:

“Den Kopf halt‘ kühl, die Füße warm, das macht den besten Doktor arm“,

aber da war’s grad umgekehrt, mit dem Effekt, dass zwar ständig mein Kopf erhitzt wurde, sonst aber fror ich, hatte klamme Finger und eiskalte Füße. An der Heidelberger Schnellpresse stand ein junger blonder Drucker namens Jürgen Großer. Seinem Namen alle Ehre machend, war er ein bisschen großspurig, für jeden Unsinn zu haben und mir nicht unsympathisch, obwohl Schriftsetzer sich immer für Edelhandwerker gehalten haben und grundsätzlich auf Drucker hinabsahen. Einmal, als es in der Nacht knackig gefroren hatte und das Druckereigebäude gar nicht aus der Kältestarre kommen wollte, beschlossen wir, dem Ofen im Keller mal ordentlich einzuheizen.

Jürgen Großer und ich stiegen hinab und fanden hinter der gusseisernen Ofenklappe nur ein mickriges Kohlefeuer. Es gab keinen nennenswerten Kohlevorrat mehr. Großer schlug vor, Europaletten zu verheizen. Einige Zeit verbrachten wir damit, Europaletten zu zerschlagen und ins Ofenmaul zu stopfen. Für kurze Zeit loderten die Flammen auf und ließen sogar die Temperaturanzeige der Heizung in den roten Bereich steigen. Irgendwer kam dann herunter und berichtete von einigem Qualm. Ich weiß nicht mehr, wie wir aufs Dach kamen, aber sehe uns noch zur Straße hin auf dem Flachdach stehen und nicht ohne Stolz beobachten, wie aus dem Schornstein mächtige dunkelgraue Rauchschwaden quollen, die sich die Pontstraße hinunterwälzten, um sie völlig einzunebeln.

Dass ich damit der Niedergang meines Handwerks herbeigeführt hätte oder sogar schuld an der Klimaerwärmung bin, bestreite ich aber. Gut 25 Jahre später war im ehemaligen Druckereigebäude eine Discothek. Ich weiß noch, dass ich es ein bisschen befremdlich fand, dass genau dort, wo die Setzerei gewesen war, sich die Tanzfläche befand, was mich aber nicht hinderte, dort in der Silvesternacht mit der Dame meines Herzens zu tanzen. Den heißen Kopf hatte ich allein ihr zu verdanken.

Wo ist Burglind Gorn?

Wo bleibt denn der Sturm, der uns gestern von den Wetterleuten angedroht wurde, fragte ich mich heute Morgen, als ich schon früh mit dem Rad unterwegs war. Als hätte ich ihn herbeigepfiffen, zog er auf, brachte Regen mit und hinderte mich bei der Rückfahrt, meinen bevorzugten Weg, nämlich den Anstieg der Badenstedter Straße hochzufahren. Er blies mir so heftig den Regen ins Gesicht, dass ich kaum noch etwas sehen konnte. Ich ergab mich dann und bog nach rechts in eine Nebenstraße ein, wo ich im Windschatten einer Häuserzeile weiterkam.

Eine Frau Burglind Gorn ist Besitzerin des Sturmtiefs, also sogenannte Wetterpatin. Von Jacob Grimm las ich einmal einen Aufsatz „Über versunkene Vornamen.“ Ich weiß noch, dass ich die Wortliste absuchte nach Namen, die noch nicht so tief versunken sind, dass man sie vielleicht wieder heben könnte, aber wurde enttäuscht. Die Namen, die Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts in alten Urkunden gefunden hatte, klangen allesamt so fremd, als wären sie von der Agentur erfunden, die einst die Karstadt-Gruppe Arcandor genannt hat. „Burglind“ gehört sicher zu den noch nicht versunkenen, aber bereits versinkenden Namen. Burg kommt von althochdeutsch bergan = schützen, lind von linta = Lindenholzschild. Derweil Tagesschau.de unter der Headline „Burglind fegt über Deutschland hinweg“ schon Bilder der Zerstörungen verbreitet, wo Burglind eigentlich ihren schützenden Schild hätte ausbreiten sollen, frage ich mich, wo Frau Burglind Gorn sich wohl derzeit aufhält. Statt ihre Pflicht zu tun, sonnt sie sich vermutlich irgendwo auf der Südhalbkugel und lacht sich ins Fäustchen.

Im März 2008 habe ich mal über Tief Melli geschrieben. Es gehörte einer gewissen Melanie Irsch. Frau Irsch hat sich damals in meinem Teppichhausblog wenigstens entschuldigt:

Hallo, hier spricht Tief Melli.

Ich entschuldige mich hiermit für die nassen und ungemütlichen Tage, die ich euch beschert habe. Jedoch habe ich mich selbst noch nie so über schlechtes Wetter gefreut wie im April. Seien wir mal ehrlich, schlechtes Wetter soll doch nicht automatisch schlechte Laune bedeuten. Es heißt ja schließlich:“auch wenn die Wolken die Sonne verdecken, sie scheint trotzdem.“

Euer Tief Melli.

PS: war ein Geburtstagsgeschenk, und direkt bei der FU Berlin beantragt.

Als ich eben den Kommentar kopierte, wurde ich ganz traurig. Immer diese Flüchtigkeit im Internet. Wie mag es Frau Irsch inzwischen gehen? Na, egal. Ich musste noch mal raus, um etwas einzukaufen und bekam es mit Burglind Gorn zu tun. Zur Sicherheit bin ich zu Fuß gegangen. Einmal bin ich mit dem Alltagsrad im Städtchen Jülich gewesen, um Lisette zu treffen. Auf dem Rückweg auf offener Landstraße holte sie mich mit ihrem Auto ein. Sie wollte ihre Mutter zu deren Freund fahren. Lisette hielt am Randstreifen. Ich stellte mein Rad ab, trat ans Auto, und wir redeten ein paar Worte. Mit einem Mal rief Lisettes Mutter „Huch!“ Eine Windböe hatte mein Rad vom Radweg gut 25 Meter auf den tieferliegenden Acker geweht. Wie die dafür verantwortliche Dame hieß, weiß ich leider nicht.

Guten Abend