„Der Berg ruft“ zur Scillablüte auf dem Lindener Berg

Am Horizont im Blaugrau der Farbluftperspektive die Hügelkette des Deistergebirges. Örtlich begrenzt drei Regenschauern. „Toll, so deutlich zu sehen, wie da der Regen niederfällt“, sagt der Mann. „Wieso nicht umgekehrt?“, würde ich gerne fragen, doch ich traue mich nicht. Vermutlich würde die Familie mich misstrauisch beäugen, und in die unwilligen Mienen hinein müsste ich erklären, dass der Regen ebenso gut aus dem Boden sprühen könnte. Aus dieser Entfernung sieht man nur die Regenschleier, aber kann die Richtung des Regens nicht ausmachen.

Wir stehen auf dem Dach des Wasserspeichers auf dem Lindener Berg. Ich habe versucht, in den Kuppelbau der Sternwarte zu steigen, aber nicht die Geduld zu warten, bis in der drangvollen Enge jemand Platz macht. So schaue ich nur über die Köpfe hinweg zu, wie ein junger Mann das Teleskop einmal durchs Rund schwenkt, wobei er nahebei stehende Leute bittet, den Kopf einzuziehen. „Das Teleskop hat eine deutsche Aufhängung“, erklärt er. Und ich ich sehe ein, dass eine deutsche Aufhängung für die Köpfe/Hälse der Umstehenden per se gefährlich ist.


Die Sternwarte ist am heutigen Sonntag allgemein zugänglich, denn auf dem Lindener Berg findet das Scillablütenfest statt. Der Sibirische Blaustern (Scilla Siberica) wächst in großer Zahl auf dem Lindener Bergfriedhof . Weils heuer nieselte, fotografiere ich nicht und zeige Bilder aus Vorjahren, denn der Sibirische Blaustern blüht vermutlich jedes Jahr gleich, braucht aber ein bisschen Sonnenschein, um sich zu entfalten.

Auch habe ich nur mein Smartphone bei mir und bin irgendwie zu blöd, damit zu fotografieren. Das Gerät macht immer, was es will und ich bin auch hier zu ungeduldig, mich näher damit zu beschäftigen. Vermutlich liegts an der deutschen Aufhängung. „Der Berg ruft“, titelt der Flyer, der zum Tag der offenen Tür auf dem Berg ausgeteilt wird. Weil der Lindener Berg ein sehr kleiner Berg ist, ruft er sehr leise, weshalb den Flyer nur bekommt, wer schon da ist. Aber einige Leutchen sind dem Ruf trotz Regens gefolgt und bereit, an den 13 Stationen, Stempel zu sammeln. Ein komplett gestempelter „Stempelpass“ erlaubt die Teilnahme an einer Preisverlosung. Dazu fehlen mir Hinwendung und Geduld. Außerdem hat es sich wieder zugezogen, und es ist lausig kalt. Aber schön war die Aussicht vom Wasserhochbehälter auf dem Lindener Berg und zu sehen, wie es am Deister in die Wolken regnete.

Abendbummel durch das Reich der Lichter

„Jeder Gang macht schlank!“, sagte meine schlanke Zahnärztin. Während die aparte Frau ihr Handwerkszeug zurechtlegte, während dieser ersten Stufe der Folter, bei der dem Delinquenten die Marterwerkzeuge gezeigt werden, hatte sie berichtet, dass sie am Morgen von Ahlem zu Fuß gekommen sei, weil sie ihr Bike in der Praxis hatte stehen lassen müssen. Ich lobte sie gebührend für diesen langen Fußweg, nicht nur, um sie gnädig zu stimmen, bevor sie sich über meine Zähne hermachte, sondern weils mir ehrliche Achtung abverlangte.

An ihren Spruch muss ich in den letzten Tagen oft denken. Direkt nach dem Rippenbruch habe ich nicht gewagt, Rad zu fahren – aus Sorge, eine plötzlich auftretende brenzlige Verkehrssituation würde eine heftige Bewegung nötig machen. Also bin ich alle nötigen Wege gegangen. Das gelang von Tag zu Tag besser, denn ich war durch die Radfahrerei etwas eingerostet, was das Gehen betrifft. Heute habe ich beschlossen, die Tradition des Abendbummels wieder aufleben zu lassen. Es gab da nämlich noch einen weiteren Aspekt:
In den letzten Tage war ich von einer depressiven Stimmung geplagt gewesen, fand mein Alleinsein grad schrecklich und trug schwer am allgemeinen Weltschmerz. Als ich am späten Nachmittag allzu niedergedrückt war, raffte ich mich auf zu einem Bummel – und muss sagen, meine Stimmung besserte sich.

Wer das Haus verlässt, sehe, dass sich in der Welt etwas selbsttätig bewege, hatte mein Sohn am Fernsprecher gesagt, als er meinen Spaziergang lobte, eine Bemerkung, worüber ich heute Morgen beim Aufstehen nachdachte. Tatsächlich muss der Stubenhocker seine ganze Welt alleine drehen. Sie ist zwar geschrumpft, aber verdichtet und um so schwerer zu bewegen. (Nebenher, ich dachte, das dahinsiechende Wort „Fernsprecher“ könnte ich durch Verwendung einfach mit neuem Leben erfüllen. Aber genau betrachtet, bleibt es im Satz ein sperriger Fremdkörper.)

Ich gehe los in einen unverschämt goldfarbenen Sonnenuntergang. Mein Ziel ist der Lindener Berg, den ich von seiner nördlichen Seite besteigen will. Die Route ist ohne Bergführer zu schaffen, und ich musste auch keine Sherpas anmieten, die mir den Radiergummi hinterher tragen. Das ist kein Problem, denn der kleine Radiergummi ist in den Knopf meines Druckbleistifts integriert und wiegt fast nichts, zumal ich den Bleistift gar nicht bei mir habe, hehe. Also los. Die Autos, die mir aus dem Abendrot entgegen kommen, fahren mit Licht. Ich muss an ein Gemälde des belgischen Surrealisten René Magritte denken, das ich sehr mag: „Das Reich der Lichter.“ Auch da gibt es die Konkurrenz zwischen natürlichem und künstlichem Licht.

Schon quere ich die Fahrstraße, lasse das Reich der Lichter hinter mir und nehme den steilen Weg zur Kuppe des Lindener Bergs. Weil ich noch unterhalb der Baumgrenze bin, steige ich über einen dichten Teppich gefallener Blätter. Es dauert übrigens vier Jahre, bis am Boden liegendes Laub verrottet und in den Kreislauf des Baumes zurückgekehrt ist, falls der Mensch nicht mit lärmenden Laubbläsern anrückt und den Kreislauf stört, die Bäume quasi entkräftet. Links von mir liegt still der Friedhof. Es ruhen dort keine vereisten Leichen sich überschätzt habender Finanzjongleure wie am Himalaya, sondern manierlich gestorbene Leute. Würde ich den Gottesacker schräg durchqueren, wäre der Aufstieg leichter. Aus Bequemlichkeit steige ich fünf Stufen hoch zu einem seitlichen Törchen, rüttle an der Klinke – abgesperrt! Ich wende mich ab, denn ich bin zu jung, um hartnäckig an der Friedhofspforte zu rütteln. Was sollen die Leute denken? Dass ich es nicht erwarten könnte? Rechter Hand in der Wohnwagenkolonie ist man offenbar genervt vom zunehmenden Bergtourismus. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, ein wahres Wort von? Hans-Magnus Enzensberger.

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Eine Frau mit Hund ist über die bequeme westliche Route herangefahren, parkt ihr Auto etwas unterhalb des Gipfels und kommt staunend mit ihrem Hündchen an mir vorbei, derweil ich das Beweisfoto mache, damit böse Zungen nicht anzweifeln können, dass ich im Hochgebirge unterwegs war. Ich halte mich nicht lange am Gipfel auf. Der Abstieg ist mir so leicht wie der Aufstieg. Als ich wieder bewohnte Gefilde erreiche, sehe ich linker Hand gutsituierte Häuser. Im Erker des einen habe ich vor Jahren eine Frau fotografiert, wie sie idyllisch Flöte spielend hinterm Fenster stand. Sie ist nicht da, bastelt wohl gerade nach, was kürzlich im Fernsehen angeregt wurde, dass und wie man eine Orchidee mit Wurzelballen dekorativ ins Fenster hängt. Wenig später sah ich einen erschütternden Bericht über den Jemen, der von der saudischen Luftwaffe in die Steinzeit zurück gebombt wird. Verrohte Gewalt, erbärmliches Sterben, Verhungern der Kleinsten dort und Flöte spielen an Orchideen hier – kein Wunder, dass der Mensch aus geschundenen Regionen die Zustände bei uns paradiesisch findet. Aber er täuscht sich. Die guten Plätze auf diesem Felsen halten wir besetzt. Und für den Unterhalt unseres Paradieses brauchen wir Blut, Tränen und letzte Atemzüge unzähliger Menschen. Was sollen wir machen? Unsere Betriebskosten sind einfach zu hoch.

Andererseits würfe es ein schlechtes Licht auf die menschliche Art, wenn der ganze Erdball unter Gewalt, Leid und Sterben durchs Weltall taumeln würde, ein Planet der Qualen, der die Sterne verdunkelt. Glücklich, wen hinieden ein gnädiges Schicksal ins Reich der Lichter verschlagen hat. Es geht ja auch nicht, ermahne ich mich, einen heiter begonnenen Bummel so qualvoll zu beenden. Schon haben wir die belebte Kreuzung erreicht, an der ich letztens verunglückt bin. Mein Schornsteinfeger wartet auf der anderen Seite auf Grün. Er winkt mir zu und radelt dann verkehrswidrig quer über die Kreuzung, um links in den Park einzubiegen. Wie er vorbei fährt, sagt er: „Ich muss mich hier durchmogeln.“ Natürlich, er darf das schadlos. Er ist der Schornsteinfeger. Bevor er in den sicheren Park einbiegt ruft er noch: „Schönen Feierabend!“ Ich freue mich, obwohl ich konkret nichts zu feiern habe.

Guten Abend

Umwege an Hundstagen

„Schön, dass alle wieder da sind“, sagte Vito Serra, der italienische Wirt des Marktcafés gestern, und ich sagte: „Ja, und mein Leben ist auch wieder in Ordnung.“ Ich hatte mich nämlich zwei Wochen zum Mittagessen anders orientieren müssen, weil der Koch des Marktcafés Urlaub machte. Also löffelte ich gestern wie gewohnt am Lindener Markt meine Suppe. Als ich vom Mittagessen zurück radelte, überkam mich erneut der Drang, einen Umweg nach Hause zu fahren. Hinterm alten Pfarrhaus im Van-Alten-Garten, bog ich ab nach links, querte schräg durch den Park und fuhr weiter den Lindener Berg hinauf. Der kurze Anstieg hat stellenweise gut zehn Prozent, aber man ist oben, bevor man Megszentségteleníthetetlenségeskedéseitekért sagen kann. Das ist ungarisch, das längste Wort dieser exotischen Sprache. Ich habe es ehrlich gesagt noch nie ausgesprochen, kenne auch niemanden, der das kann, aber ich versichere, dass man eher als das über den Lindener Berg gefahren ist. Schon als ich oben auf der Kuppe am Wasserreservoir vorbeirollte und weit und breit keinen Schatten fand, dachte ich, dass es vielleicht nicht die beste Idee war, in der größten Mittagshitze einen langen Umweg über die Lindener Alpen zu fahren. Zum Glück folgte bald die rasende Abfahrt, und der Fahrtwind kühlte.

Als ich noch Radsportler war, bin ich mal mit zwei Kollegen, Heinz und Wolfgang, in großer Hitze von Aachen zur Hinsbecker Schweiz gefahren. Hinsbeck liegt nahe dem niederländischen Venlo und etwa 80 Kilometer nördlich von Aachen. Wir langten völlig ausgelaugt an einem der Hinsbecker Seen an, versuchten im See unsere Füße zu kühlen, der aber in Ufernähe pisswarm war, und streckten im Schatten alle Viere aus. Beim Ufer saß eine hübsche junge Frau mit ihrem Hund. Heinz konnte sie nicht aus den Augen lassen. Mit einem Mal lachte er schadenfroh: „Hehe, der Hund pinkelt gerade auf eure Radschuhe!“ Wir schauten auf, und Wolfgang sagte: „Meine sinds nicht!“ und ich, indem ich beruhigt zurücksank: „Meine auch nicht!“ Gerechterweise gehörten sie Heinz.

Wie kriege ich jetzt den Text rund, bzw. wie kommen wir wieder nach Hause? Ein anderer Heinz, Heinz Strunk, schreibt in der Titanic über den Schweißhund, und ich erinnere mich an einen Witz mit Schweißhund. Vorab: Ein Schweißhund ist ein Jagdhund, der darauf dressiert ist, angeschossenes und blutendes, in der Jägersprache ’schweißendes‘ Wild aufzuspüren. Das schließt natürlich nicht aus, dass unerzogene Schweißhunde auch mal über umherliegenden Radschuhen das Bein heben. Also hier der Witz:

Ein Züchter namens Schindler verkauft einem Jäger für teures Geld einen hochgelobten Schweißhund. Nachdem der Schweißhund bei der Jagd versagt hatte, schrieb der Jäger an den Züchter einen Brief: „Sehr geehrter Herr Schindler!
Das W, das in Ihrem Namen fehlt, hat Ihr Schweißhund zuviel.“

Das war der Witz, und wir sind zu Hause. „Schön, dass alle wieder da sind.“