Romantik und Ernüchterung

Auf einem sonntäglichen Weg zum Briefkasten fand ich zwei ausgesetzte Bücher. Ein Büchlein: „Erzählungen der Romantik.“ Passend dazu lag da ein Band über die Praeraffaeliten, diese späten Romantiker im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts und Vorläufer des Jugendstils. Dann saß ich im Van-Alten-Garten auf der Terrasse des einstigen Schlosses, das im Jahr 1945 zerstört worden war, saß unter einem Strauch mit prachtvollen Kirschblüten und las. Über Ludwig Tiecks Kunstmärchen: „Der blonde Eckbert“ geriet ich in eine wunderliche romantische Stimmung.

Aus einer Mauerpforte zu meiner Rechten traten fünf Personen, drei Frauen, zwei Männer, und die drei Frauen schoben eine vierte Frau im Rollstuhl. Gleich neben der Pforte ist eine Informationstafel aufgestellt. Ein kleiner, stämmiger Mann am Stock, fast so breit wie hoch, las das Schild und rief aus: „Ach, das ist der Van-Alten-Garten, ein Landschaftspark, und schob mit erhobener Stimme nach: „BEDEUTENDER Landschaftspark!“ Das Wort „bedeutend“ schien ihm sehr viel zu bedeuten. Es überstrahlte seinen Blick auf diesen Park, wie mich vielleicht die Kirschblüten überstrahlten. Die anderen hatten von der bedeutenden Erkenntnis des Mannes nichts mitbekommen. Das Bedeutende war ungehört verhallt. Man stand auf der Terrasse, unterhielt sich leis‘ auf Türkisch, und der zweite Mann, groß, schlank und alt, betrachtete den Bildschirm seines Smartphones. Dann setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung. Man schob die im Rollstuhl im Kreis, um wieder durch die Pforte zu verschwinden. Zwei wunderliche Buchseiten später trat durch die Pforte ein junges Paar. Er, ein kräftiger Mann in kurzen Hosen, schob einen Kinderwagen, sie daneben schlank, größer zwar als er, doch enthüllten ihre schwarzen Leggins falsche Proportionen, als hätte man ein Kind langgezogen, um es frühzeitig zur Frau zu machen.

Bald zogen dichtere Wolken auf, und ein kühler Wind strich durch den Park. Im Buch waren die Protagonisten gestorben. Ich schloss es und trat ebenfalls durch die Pforte. Der Teil des Parks jenseits der Mauer ist bei Familien und geselligen Gruppen beliebt. Sie lagern auf der Wiese in großer Zahl und picknicken, obwohl dort der Lärm vom Westschnellweg herüber brandet. Gleich am Weg erhebt sich eine mächtige Buche, ihr glatter strotzender Stamm ist auf drei Metern Höhe mit den Initialen „D + H“ in ein Herz geritzt. „D + H“ Doris und Heinz? Dieter und Helga? Es muss vor langer Zeit geschehen sein, denn die Verwundungen sind bereits verwachsen. Vermutlich ritzt man heute keine Bäume mehr. Vielleicht ist die Achtung vor der Natur doch um weniges gewachsen.

Ich will nach Hause gehen. Am Kindergarten kommen mir zwei Männer mit zusammengeklappten Gartensesseln entgegen. Ein weiterer hievt ein Fass Bier aus dem Kofferraum eines dort geparkten Autos. Wir begegnen uns, und ich muss grinsen. Er grinst zurück. Im Rheinland wären jetzt ein paar launige Worte gefallen. Aber ich habe mich beinah an Hannoveraner Gepflogenheiten angepasst.

Gestern bog ich mit dem Rad in die Minister-Stüve-Straße ein. An deren Anfang war ein Lieferwagen störend geparkt. Ein Passant rief: „So ein Arschloch!“, und ich sagte im Vorbeifahren: „He, nicht so fluchen!“ Da rief er: „Das IST ein Arschloch! Das geht Sie gar nichts an.“ Es war sein höchsteigenes Arschloch. Das durfte ich ihm nicht streitig machen.

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Fünf Minuten Finsternis

Sonntagabend gegen 21 Uhr. Zack! geht überall das Licht aus. Urplötzlich sitze ich im Dunkeln. Im Zimmer ist es wirklich dunkel, weil auch die Straßenlaternen ausgegangen sind. Ich taste mich vor zu meiner Nachtkommode, worauf eine Taschenlampe liegt. Dann gehe ich ins Wohnzimmer, öffne das Fenster und schaue hinaus. Die Straße liegt im Finstern wie offenbar das ganze Viertel. Ich leuchte ein wenig herum. Drei, vier Nachbarn auf der anderen Straßenseite leuchten ebenfalls mit Taschenlampen. Im Rheinland wäre jetzt ein Rufen. Man würde sich einander vergewissern, doch hier bleibt es unheimlich still, bis auf ein böses Husten, von schräg unter mir. Alle anderen ergeben sich schweigend der befremdlichen Situation. Ich ahne, dass die Zivilisation einmal genauso wegfallen wird, ganz plötzlich ohne jede Vorwarnung. Von jetzt auf gleich wird nichts mehr sein wie zuvor.

Als Jugendlicher habe ich eine Weile Katastrophenmeldungen aus der Zeitung ausgeschnitten und in einem Weltuntergangs-Ordner gesammelt. Ich besaß Stiefel mir Fransen an der Schaftöffnung, die ich Katastrophenstiefel getauft hatte. Damit fand ich mich gut vorbereitet. Diese jugendliche Lust am Untergang geistert durch mancherlei Hirne. Katastophenmeldungen zu sammeln war und ist ein gern gewähltes Thema von Langzeitarbeiten im Projekt „Zeitung in der Schule.“ Manche konservieren die Lust am Untergang bis ins Erwachsensein und bereiten sich professionell auf die Apokalypse vor. Mitglieder dieser großen Szene heißen Prepper (von englisch to be prepared, deutsch ‚bereit sein‘). Nicht alle sind harmlose Spinner. Einige gehören der rechten Szene an und schmieden pubertäre Pläne zur Machtergreifung. Mitten im Weltuntergang wollen diese Leute die Macht ergreifen. Ich hoffe sehr, beim Weltuntergang finden die apokalyptischen Reiter Zeit, sie ordentlich abzuwatschen.

Ägyptische Finsternis in Linden-Mitte. Grad ist Zeit, über die Nachbarn nachzudenken. Was sind das für Leute? Ist ihnen zu trauen, wenn die Dunkelheit anhält? Oder brauchen die auch ein paar Watschen? Wenn ich an den Typen aus der Bäckerei denke, sehe ich schwarz. Ich entzünde ein Teelicht, – da plötzlich flammt das Licht wieder auf. Fünf Minuten Stromausfall. Das ging gerade noch gut.

Viereckige Säufersonne

Die kurze Marienwerderstraße verläuft von Nordwest nach Südost und wird, nachdem sie die Davenstedter Straße gekreuzt hat, zur Billungstraße, die wiederum schon zum Lindener Berg ansteigt. Durch diese Blickschneise kann ich, wenn ich mich aus einem Fenster zur Straße lehne, den offenen Südhimmel sehen, und oft zeigt sich just dort der Mond. Gestern Abend hing ich hitzebedingt in den Seilen und hätte die Mondfinsternis, die sich als Blutmond zeigen sollte, beinah vergessen. Doch als ich aus dem Fenster schaute, schimmerte die Blutorange durch zwei Baumkronen.

Da beschloss ich, um den Block zu gehen, um den Blutmond besser sehen zu können. Ein wenig wunderte ich mich über seine Form. Aber von der Straße unten waren noch immer einige Baumkronen im Weg, so dass ich mich tröstete, dass ich dieses Jahrhundertereignis besser würde sehen können, wenn der Mond höher gestiegen wäre. Ich müsste mich nur ein wenig gedulden, was mir leicht fallen sollte, denn wenn ich den Blutmond verpassen sollte, würde ich satte 105 Jahre warten müssen. 105 Jahre bei dieser Hitze!, dachte ich noch, ja, dankeschön! Inzwischen triefte ich nämlich „wie ein Kieslaster“ (Matthias Egersdörfer), denn ich hatte mir dummerweise beim türkischen Lebensmittelhändler ein, zwei Kölsch geholt und mir nach wenigen Schlucken den Schweiß nach draußen getrieben.

Von der Hitze niedergedrückt hob ich den Kopf kaum noch hoch zur Säufersonne und merkte deshalb erst spät, dass ich die ganze Zeit ein orangefarben leuchtendes Firmenschild oben an einem Baukran für den Blutmond gehalten hatte. Was? Bei allem, besonders bei nächtlichen Himmelserscheinungen sehen wir sowieso nur, was wir glauben zu sehen. Am Ende ist da nur eine nachtblaue Decke über uns gespannt, die wir fürs Himmelsgewölbe halten. Mond und Sterne sind nichts als Löcher, durch die eine Glühbirne scheint, die an einem galaktischen Baukran hängt.

Will sagen, ich habe das Jahrhundertereignis zwar gesehen, aber nicht richtig. Das nächste Mal besser, denn soo lange sind 105 Jahre nun auch wieder nicht. Im April 1993 klebte ich mir diese Zeitungswerbung für den Zweitausend-Countdown-Abreißkalender ins Tagebuch und meckerte noch, dass die Kerls mal wieder nicht abwarten können, weils ja gut sieben Jahre hin waren zum Jahrtausendwechsel, und jetzt sind wir bereits 18 Jahre drüber weg; insgesamt sind schon 25 Jahre vergangen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass ich in 105 Jahren noch Lust habe, von der Marienwerderstraße die Billungstraße lang zum Himmel hoch zu sehen, und wenn sie hundertmal einen galaktischen Baukran mit Säufersonne aufstellen.

Aufhellung dunkler Zeiten – Zum wunderbaren Lichtenbergplatz und drüber hinweg

lichtenbergplatzNächtlicher Lichtenbergplatz – Foto: Trithemius

Ich bin anerkannter Kriegsdienstverweigerer, achte Leben, soweit es mich nicht bedroht, und trotzdem habe ich in der Nacht in einem Haus am Lichtenbergplatz einen Tiger erschossen. Wie die Anwohner mir überschwänglich dankten, wurde mir klar, dass es lohnend wäre, über den Lichtenbergplatz zu schreiben. Der Text war so gut wie geplant, einmal rund um den Platz, aber schon beim Aufstehen hatte ich das meiste vergessen. Man möge also die geträumte Tigerleiche aus den Gedanken streichen. Weg damit, und ich fange noch mal von vorn an. „Ach nee, Herr Trittenheim, bitte nicht von vorn, wie lästig, dann habe ich ja den Anfang ganz umsonst gelesen.“ Das lässt sich leider nicht vermeiden. Für alle, die nicht von vorne lesen wollen, hier der Anfang von hinten. Viel Spass:
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