Mit Brett vorm Kopf fällt Einreihen schwer

Wenn Thorheit täte weh, o, welch
erbärmlich schreyn
Würd in der ganzen Welt in allen
Häusern seyn!
(Friedrich von Logau)

Sonntagmorgen 9:45 Uhr in der Bäckerei. An der Theke entlang stehen wartende Kunden bis in den Bereich der Tische hinein. Ich stelle mich trotzdem hinten an, denn es ist Platz genug. Als nächster betritt ein junger Mann den Raum und bleibt seitlich der Tür stehen. Auch als die Schlange weiter vorrückt, schließt er nicht auf, so dass nachfolgende Kunden sich am Eingang knubbeln, eine Frau sogar in der offenen Tür stehen muss. Das müsste er eigentlich merken, denn es zieht kalt herein. Inzwischen bin ich mit der Schlange weiter vorgerückt. Aber er reagiert nicht, steht im Raum und guckt wie ein Depp, wartet offenbar darauf, dass er schnurstracks zur Ladentheke gehen kann. Mich bedient die junge Muslima, da tritt er neben mich vor die zweite Verkäuferin, und der Stau bei der Tür kann sich auflösen. Wie er bestellt, bin ich überrascht, denn er redet nicht so deppert wie er ausgesehen und sich verhalten hat, sondern formuliert mit klarer Stimme wie ein gebildeter Mensch. Er ist also kein Depp, sondern ihm fehlen nur Umsicht und Rücksicht, die wichtigsten Bestandteile der sozialen Kompetenz. Er ist wie viele eigentlich allein auf der Welt, hat nur sich und seine Absichten vor Augen und niemand hat ihm je gesagt, dass das eine Form der Idiotie ist.

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Das Lied der Steine

Im Nachbarhaus schräg gegenüber haben sie offenbar eine Wand herausgeschlagen. Ich hörte die schweren Hammerschläge und sah junge Leute, auch eine Frau, wie sie Eimer voller Schutt aus dem Haus trugen, um sie auf einen offenen Container zu kippen. Als ich daran vorbei kam, sah ich in all dem Schutt ganze Ziegelsteine. Ich musste an die Leute denken, die die Ziegel einst formten und brannten und an die Arbeiter, die damit die Mauer hochgezogen haben. Und jetzt fliegt das Ergebnis ihrer Arbeitsleistung auf den Schutt. So geht es alleweil. Menschen bauen etwas auf, andere reißen es wieder ein.

Letztens übernachtete ich in Hamburg in einem Viertel, das noch gepflasterte Straßen hat. Straßenpflaster ist Stein um Stein verlegt. Menschen sind im Schweiße ihres Angesichts auf den Knien gerutscht, haben Steine in ein Sandbett gelegt, eingepasst und mit dem Hammer festgeklopft. Ich sehe die krummen Rücken vor mir. Die Leistung der Pflasterer weiß ich durchaus zu würdigen. Trotzdem gehe ich nicht gerne über die hubbeligen Pflastersteine. Ich habe mich schon immer gefragt, wieso sich die Steine im Kopfsteinpflaster nicht irgendwann mal so richtig angleichen. Warum werden sie nicht über die Jahre von hunderttausend Paar Schuhsohlen abgeschliffen, so dass sie eine gleichmäßige Oberfläche bilden? Ich glaube, die Menschen haben zu kleine Füße. Sie rutschen damit immer in die Fugen, und das rundet die Kopfsteine ab, statt sie zu egalisieren. Man müsste also kleinere Steine nehmen, aber das würde der Bauunternehmer sich teuer bezahlen lassen, weil die Pflasterer viel langsamer vorankämen. Die erste Generation der Anwohner müsste Unsummen aufbringen, ohne selbst etwas davon zu haben, weil sich die Steine ja höchsten nach zwei bis drei Generationen erbaulich abgeschliffen haben. Wer wollte für seine Urenkel soviel Geld ausgeben, nur damit deren Füße mal von glatten Steinen geschmeichelt würden? Es weiß doch kaum einer, ob er einmal Urenkel haben wird. Und für fremder Leute Urenkel muss man nun wirklich kein Geld ausgeben. Außerdem könnte passieren, dass die Urenkel dereinst die Pflastersteine ganz schnöde herausreißen und auf den Schutt werfen, genau so wie meine Nachbarn die Mauerziegel.

Lied der Steine – Foto: JvdL


Im Hamburger Rothenbaum-Viertel haben derzeitige Urenkel noch nichts gegen Kopfsteinpflaster. Sie finden im Gegenteil chic, keinen schnöden Straßenbelag aus Asphalt zu haben. Kein proletenhaftes Makadam, du verstehst? Kopfsteinpflaster, verlegt von Männern, die sich krümmen mussten, die schwitzend auf schmerzenden Knien lagen, solcher Straßenbelag passt zur prächtigen alten Bausubstanz der herrschaftlichen Häuser. Das Viertel wirkt nur nicht versnobt, weil es gleichzeitig ans Univiertel grenzt. Dort bereiteten Studierende einen schönen Protestabend gegen das Sterben im Mittelmeer vor, mit Livemusik, Grill- und Getränkeständen. Auch Siebdruck konnte man lernen, versprach ein Schild. Vermutlich konnte man irgendwo in Kreativkellern noch mehr wohlmeinende Transparente malen. Man konnte beim Protest auch einfach vor einem studentischen Café sitzen, fair gehandelten Latte macchiato mit Sojamilch trinken und dem Soundcheck zuhören. Es war hübsch. So macht Protest wirklich Spaß. Die ganze Stimmung dort erinnerte mich an einen Aufenthalt vor Jahren.

Ich bin mit Lisette dort gewesen, und wir übernachteten fünf Tage in der Wohnung eines ihrer Kollegen. Der Mann war im Urlaub. Als wir am Bahnhof Dammtor ankamen, rief Lisette in der Wohnung an, um sicher zu gehen, dass er wirklich schon weg war, wir also die Wohnung für uns hätten. Sie rief an und wurde blass, denn er ging ran. Aber er war trotzdem weg, hatte nur die Rufumleitung zu seinem Urlaubsort auf einer Mittelmeerinsel geschaltet. Die Wohnungsschlüssel hatte er bei einer Nachbarin deponiert. Wir hatten Mühe, die Tür aufzuschließen, der vielen Schlösser wegen, die er an seiner Wohnungstür hatte. Ich erinnere mich noch, dass wir innen schwere Riegel vorfanden. Ob er in seiner Wohnung große Werte beherbergte, ist mir nicht aufgefallen. Aber in seinem Bett hatte er einen überwältigenden Kissenreichtum. Wir haben alle Kissen beiseite geräumt, und ich verbrachte in diesem Bett eine der schönsten Nächte meines Lebens. Nach einem glutheißen Tag war nämlich gegen Morgen ein kühlender Regen niedergegangen, wie es hier geschildert ist.

Auch mein Viertel hat noch viel Kopfsteinpflaster. Die Bevölkerungsstruktur ist ähnlich, doch es gibt nicht soviel altes Geld. Hier hegen viele die Illusion, dass sie mit ihrem linken Humanismus die Welt verbessern können. Wenigstens ein Weniges ihrer Probleme sollte man mildern können. Doch bei unserer Lebenshaltung lösen wir keine Probleme, wir sind Teil des Problems, ob wir wollen oder nicht. Ich glaube, es müsste mal regnen.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Weltschmerz


Trithemius
Oweh, Frau Nettesheim, seit Sonntagabend plagt mich der Weltschmerz. Und es wird immer schlimmer.

Frau Nettesheim
Wieso gerade jetzt?

Trithemius
Früher dachte ich, weil ich manchmal besonders dünnhäutig bin. Aber seit gestern denke ich das nicht mehr.

Frau Nettesheim
Und warum dann?

Trithemius
Ich bin nicht dünnhäutiger als sonst. Es rückt nur manchmal alles näher heran. Gestern schaue ich beispielsweise aus dem offenen Fenster. Ganz am Ende der Straße kommen zwei junge Männer heran. Und obwohl sie noch weit weg sind, höre ich genau ihre schlurfenden Schritte. Das dürfte Ihnen als Beispiel reichen.

Frau Nettesheim
Sie meinen, die Welt ist zudringlicher, weil sie gestern zwei Männer heran schlurfen hörten? Wollten die beiden denn zu Ihnen?

Trithemius
Nein, sie gingen unter meinem Fenster vorbei. Verstehen Sie das doch exemplarisch, Frau Nettesheim!

Frau Nettesheim
Möglicherweise lags an der Herbstluft, genauer an der Temperatur. Bei 16 Grad Celsius und hoher Luftfeuchte breitet sich der Schall schlurfender Schritte am besten aus.

Trithemius
Wer sagt das? Das haben Sie sich doch ausgedacht, nur um das Exempel zu entkräften.

Frau Nettesheim
Kommen Sie zum Punkt. Die schlurfenden Männer sind nicht verantwortlich für ihren Weltschmerz. Sie kennen die ja nicht mal.

Trithemius
Falls die beiden die AfD gewählt haben und mitverantwortlich sind für 96 AfD-Abgeordnete im Bundestag …

Frau Nettesheim
Hier in Linden-Mitte hat die AfD nur 3,9 Prozent der Stimmen bekommen. Das beste Ergebnis erzielten die Linke mit 24,2 und die Grünen mit 25,4 Prozent. Das müsste Sie doch freuen, Trithemius. Ihr Stadtteil!

Trithemius
Mir gehört doch hier nichts. Außerdem macht die Welt nicht vor „meinem Stadtteil“ halt. Gestern sah ich einen SPD-Abgeordneten aus Ostfriesland im Fernsehen. Er hatte es nur knapp in den Bundestag geschafft und lamentierte, angesichts ihrer historischen Leistung, was die SPD alles für die Menschen erkämpft habe, müsste sie bei 60 Prozent liegen. Und ich dachte, der Kerl begreift noch immer nicht, dass die SPD unter Schröder mit der Agenda 2010 unsere schöne Republik kaputtgemacht hat. Dass so wenig Einsicht ist in unserer Welt, macht mir Weltschmerz. Und schaut man über den eigenen Horizont hinaus: Weltweit regieren Wahnsinnige und Psychopaten, leiden Menschen unter Krieg, Gewalt, Verfolgung und Hunger, von der Umweltzerstörung gar nicht zu reden. Ich glaube langsam, Frau Nettesheim, die Menschheit hat ein Intelligenzproblem.

Frau Nettesheim
Das beträfe ja auch Sie.

Trithemius
Ja. Seit längeren sage ich mir, das desolate Weltgeschehen ist ein makabrer Witz. Das ist internationale Hochkomik. Aber ich komme einfach nicht hinter den Sinn, noch weniger verstehe ich die Pointe.

Herr Ober! Der Kaffee hat Kork!

Zu Mittag bei Fräulein Schlicht sah ich durchs Fenster auf der anderen Straßenseite einige I-Dötzchen nach Hause hüpfen. Ein etwas größerer Junge ging vorbei, hielt den Kopf gesenkt und drehte seinen Pullover verstörend um seine Hände. Ich fragte mich, wann und warum Kinder aufhören zu hüpfen. Das Wann hat sicherlich etwas mit dem Wachstum zu tun. Erwachsene, wenn sie nicht Sportler oder Tänzer sind, hüpfen nicht mehr, weil sie zu schwer sind. Meine früher woanders aufgestellte Behauptung, mit zunehmendem Alter erhöhe sich die Schwerkraft, verdreht den Sachverhalt. Das Körpergewicht erhöht sich. Ich erinnere mich, wie sich bei einer Trainingsfahrt durch die Ardennen ein Radsportler uns anschloss und von sich sagte, 90 Kilogramm zu wiegen. Wir bewunderten, dass er dieses Gewicht in unserem Tempo den Berg hochwuchten konnte. Heute wiege ich 92 statt damals 72 Kilogramm, also jedes Jahr ein Kilo zugelegt, und käme nicht mal mehr auf die Idee zu hüpfen, weil mich die Erdenschwere gefangen hält.

Metaphorisch betrachtet, ist Erdenschwere die Sorgenlast des Menschen. Wann beginnt die kindliche Sorgenlast? Im April 2008 habe ich Am Hof, einem beliebten Platz der Aachener Altstadt, die hier zu sehenden Zettel vom Kopfsteinpflaster aufgesammelt. Kinder im Vorschulalter orientieren sich beim Zeichnen an der Grundlinie, und das ist der untere Papierrand. Doch da die Sonne so freundlich schien und für den nächsten Tag ein Spaziergang durch den frühlingshaften Wald geplant war, hatte das Kind die vertraute Grundlinie mit einem Bein verlassen und ließ sein Männlein fröhlich tanzen, die zeichnerische Entsprechung zum kindlichen Hüpfen.

Ich saß an diesem Apriltag vor dem Café Mohren und trank einen Milchkaffee. Derweil holten gutsituierte Mütter ihre Kinder vom anliegenden Kindergarten ab und zogen plaudernd an mir vorbei. Da war von Eis die Rede, das man beim Café Mohren zu kaufen gedenke und von derlei harmlosen Sachen.

Zwischendrin gab es auch eine erkennbar sorgenvolle Mutter. Das Kind an ihrer Hand trug einen Schulranzen und war offenbar in der Nachmittagsbetreuung des Kindergartens gewesen. Beide waren ein wenig übergewichtig. Zwischen Mutter und Kind wurde nicht gesprochen, und man zog eilig davon, ohne dem Eisverkauf des Cafés einen Blick zu gönnen. Die beiden sind mir nicht aus dem Kopf gegangen, weil sie in so krassem Gegensatz standen zu den gutgelaunten Müßiggängern an den besonnten Cafétischen und den anderen Mutter-Kind-Paaren.

Damals habe ich darüber nachgedacht, wieso man in Aachens Innenstadt eher selten solche Kontraste sieht. Ähnliches gilt für den gentrifizierten Stadtteil Hannovers, in dem ich jetzt lebe. Unsere Gesellschaft sortiert sich. Wo es schön ist, sind die Plätze gut besetzt von Menschen, denen die Gesellschaft Chancen bietet. Die Armen müssen sich bescheiden, und schon aus Schutz vor dem Gefühl der Erniedrigung bleiben sie meist in ihrem Umfeld. Diese schädliche und schändliche Sortierung unseres Gemeinwesens beginnt für ein Kind bereits vor dem Kindergarten. Arme Kinder lernen bald, dass sie wenig Grund haben, fröhlich zu hüpfen oder die Männlein auf ihrem Papier hüpfen zu lassen.

Derzeit betrifft es im reichen Deutschland 2,5 Millionen Kinder. Diese Zahl stammt aus einer Veröffentlichung des Deutschen Bundestages. Die Verursacher zeigen hier das Ergebnis ihrer neoliberalen Politik. Die verantwortlichen Parteien, CDU/CSU und SPD sollten sich was schämen.