La Disparation und veränderte Melkzeiten

„Bessere Leute haben ja Funkuhren“, sagte Jeremias Coster, der dubiose Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen. „Manchmal bin ich in der Nacht aufgeblieben und habe bei einem Gläschen Rosé gewartet, bis meine Küchenuhr sich wie von Geisterhand von drei Uhr auf zwei Uhr zurückgedreht hat.“

„Sie zählen sich also zu den besseren Leuten, Coster. Es muss wohl ‚besser gestellte Leute‘ heißen. Denn bessere Leute bin ich auch, obwohl ich ganz profan per Hand die Rädchen meiner Uhren vor- oder zurückdrehen muss, wie … wie …“

„ …es einer anonymen Obrigkeit gefällt.“

„’Anonyme Obrigkeit‘, was ist das schon wieder, Coster?“

„Wenn einer verbindlichen Handlungsaufforderung ein Veranlasser fehlt. War nicht vor ein paar Jahren zu lesen, die EU wolle die Zeitumstellung abschaffen? Geschehen ist nichts. Die Zeitumstellung hat sich verselbstständigt, ist kein Menschenwerk mehr, sondern das einer anonymen Obrigkeit. Also können Menschen sie nicht mehr abschaffen und Millionen EU-Bürger müssen jedes halbe Jahr ihr Zeitgefühl misshandeln. Eine böse Sache, denn wenn der Mensch etwas tun muss, dessen Sinn er nicht versteht, dessen Sinn ihm keiner plausibel erklären kann, gerät er in eine paradoxe Situation, aus der er sich nur mit Aggression oder Unterwerfung befreien kann. Wenn er sich die Aggression verbietet, übt er sich ungewollt in Untertanengeist.“

„Da ich keine Funkuhren habe, suche ich nach einem Ausweg, versuche ich mir jedes Mal die alte Zeit noch eine Weile zu erhalten, indem ich mindestens eine Uhr unverstellt lasse. Wenn ich auf ihr die Zeit ablese, rechne ich sie …“

„ … in DM um.“

„Machen Sie sich nur lustig, Coster. Solange ich mich in dieser Zeitdisparation befinde, kann ich keinen klaren Gedanken fassen, weil sie mir allesamt in der verkehrten Reihenfolge in den Kopf kommen. Dann träume ich von der Abwesenheit aller Dinge, um wieder klar denken zu können.“

„Es heißt ja immer, die Zeitumstellung sei ein Problem der Kühe, die sich nur ungern an die veränderten Melkzeiten anpassen. Aber du, Trithemius, bist eindeutig schlimmer dran.“

7 Kommentare zu “La Disparation und veränderte Melkzeiten

  1. Ich habe mehrere Jahre lang meine (ziffernlose) Armbanduhr um 6 Stunden verstellt getragen. Ich hatte mich sehr gut daran gewöhnt und mich immer wieder selbst dabei ertappt, bei einer fremden Wanduhr erstmal zu zögern warum 3 und 9 „falsch“ angeordnet sind.
    Auch die sehr verwirrte Reaktion von Leuten amüsierte mich, die anhand meiner Uhr versuchten die Zeit zu erfahren.
    Dem ortlosen Textdasein gemäß könntest du behaupten dass du auch als Autor der Zeit entrückt bist und gerade eben in UK verweilst.
    Die Idee der Swatch-Weltzeit fasziniert mich weiterhin und würde auch eine Zeitumstellung überflüssig machen: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Swatch-Internetzeit

    Gefällt 1 Person

    • Mit einer eigenen subjektiven Zeiteinstellung entzieht man sich dem Sozialleben, was die “ sehr verwirrte Reaktion von Leuten“ zeigt. Als Autor ist man manchmal tätsächlich der Zeit entrückt, was bei allen Tätigkeiten passieren kann, die einen dem Alltag entheben, also auch beim Tischlern oder Backen. Aber da braucht man wieder Zeitmessung. 😉
      Danke für den Link zur Swatch-Weltzeit. Ich mag sie nicht, glaub ich.

      Gefällt 1 Person

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